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Full text of "Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur"

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TEXTE  UND  ÜNTEKSUCHÜNGEN 

ZUR  GESCHICHTE  DER 

ALTCHRISTLICHEN  LITERATUR 

ARCHIV  FÜR  DIE  VON  DER  KIRCHENVÄTER-COMMISSION 

DER  KQL.  PREDSSISCHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN  UNTERNOMMENE 

AUSGABE  DER  ÄLTEREN  CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

HERAUSGEGEBEN  VON 

ADOLE  VON  HARMCK  und  CAEL  SCHMIDT 

DRITTE  REIHE,  ZEHNTER  BAND 

DER  GANZEN  REIHE  XL.  BAND. 


LEIPZIG 

J.  C.  HINRlCHS'scHE  BUCHHANDLUNG 

1914 


I 

1 


INHALT  DES  10.  BANDES  DER  DRITTEN  REIHE 

(DER  GANZEN  REIHE  XL.  BAND) 

Bretz,  Adolf,   Studien  und  Texte  zu  Asterios   von   Amasea.     IV,     1  „  „.   ^ 

Heft  1 
124  S.     1914.  j 

Heintze,    Werner,    Der    Klemensroman    und    seine    griechisclien     )  „  n,  ^ 
Quellen.     VI,  144  S.     1914.  j 

Walther,  Georg,  Untersuchungen  zur  Gescliiclite  der  griechischen     ) 

;  Heft  3 
Vaterunser-Exegese.    VIU,  123  S.    1914.  J 

Sohrörs,  Heinrich,  Zur   Textgeschichte  und  Erklärung  von  Ter-     \ 
tullians  Apologetikum.     VI,  125  S.     1914.  i 


STUDIEN  UND  TEXTE 


ZU 


ASTEßlOS  VON  ÄMASEA 


VON 


Dk.  ADOLF  BRETZ 


T^sDiV' 


LEIPZIG 

J.  C.  HINRICHS'scHE  BUCHHANDLUNG 
1914 


Texte  und  Untersuchungen  etc.    Herausg.  von  Harnaek  und  Schmidt.    40,1 


Verlag  der  J.  C.  HINRICHS'schen  Buchhandlung  in  Leipzig. 


TEXTE  UND  IINTERSUCHimGEN  ZUR  GESCHICHTE  DER 

ALTCHRISTLICHEN   LITERATUR 

ARCHIV  FÜR  DIE  GRIECHISCHEN  CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

DER  ERSTEN  DREI  JAHRHUNDERTE 

Herausgegeben  von  0.  von  GEBHARDT(t),  A.  Haknack  und  C.  Schmidt. 


Inhalt  der  Dritten  Beihe  =  Bd.  31  u.  ff. 

Barth,  Carola:  Die  Interpretation  des  Neuen 
Testaments  in  der  Valentinianischen  Gnosis. 
IV,  118  S.     1911.     (Bd.  37,  3J  M.  4  — 

Bidez,  Joseph:  La  tradition  manuscrite  de 
Sozomene  et  la  tripartite  de  Thfeodore  le 
Lecteur.    IV,  P6  S.    (Bd.  32, »b)  M,  •!  — 

Bill,  A.:  Zur  Erklärung  und  Textkritik  des 
1.  Buches  Tertullians  ,,Adversns  Marcionem". 
IV,  112  S.     1911.     (Bd.  38,  2)  M.  3.50 

Bonwetsch,  G.  N.:  Die  unter  Hippolyts  Namen 
überlieferte  Schrift  über  den  Glauben.  Kach 
einer  Übersetzung  der  in  einer  Schatberder 
Bandschrift  vorliegenden  georgischen  Ver- 
sion. 3ß  S.  —  Koch,  H.:  Vincenz  von  Lerin 
und  Gennadius.  Ein  Beitrag  zur  Literatur- 
geschichte des  Semipelagianismus.  22  S.  — 
Koch,  H.:  Virgines  Christi.  Die  Gelübde  der 
gottgeweihten  Jungfrauen  in  den  ersten  drei 
Jahrhunderten.  54S.  1907.   (Bd.  31,  2)  M.  3.50 

Dobschütz,E.v.:DasDecretumGela8iannmdelibris 
recipiendis  etnon  recipiendis.  In  kritisch.  Text 
hrsg. u. untersucht.  V1U,362S.  1912.  (Bd.  38,4) 

M.  13.50 

Dombart,  B.:  Zur  Textgeschichte  der  Civitas  Dei 
Aügustins  seit  dem  Entstehen  der  ersten 
Drucke.  IV,  56  S.  IflOS.  (Bd.  32,  2a)    M.  2  — 

ßanschlnietz,  Rchd.:  Hippolytos'  Capitel  gegen 
die  Magier.  Refut.  Haer.  IV,  28-42.  77  S. 
1913.    (Bd.  39,  2)  M.  2.50 

Gebhardt,  0.  v. :  Die  Akten  der  edessenischen 
Bekenner  Gurjas,  Samonas  undAbibos.  Aus 
dem  Nachlaß  von  0.  v.  G.  herausgeg.  von 
Ernst  von  Dobschütz.  LXVIII,  264  S. 
1911.    (Bd.  37,  2)  M.  12  — 

Haase,  Felix:  Zur  bardesanischen  Gnosis.  Lite- 
rarkritische  n.  dogmengeschichtliche  Unter- 
suchungen. III,  98  S.  l'.iio.   (Bd.  34,  4)  M.  3  — 

Harnaclc,  A.:  Das  Leben  Cyprians  von  Pontius. 
Die  erste  christliche  Biographie.  VI,  114  S. 
1913.    (Bd.  39,  3)  M.  4  — 

-  Ist  die  Rede  d.  Paulus  in  Athen  ein  ursprüng- 
licher Bestandteil  der  Apostelgeschichte?  — 
Judentum  und  Judenchristentum  in  Justins 
Dialog  mit  Trypho,  nebst  einer  Collation  der 
Pariser  Handschrift  Nr.  450.  IV,  98  S.  1913. 
(Bd.  39,  1)  M.  3  — 

—  Kritik  des  Neuen  Testaments  von  einem 
griechischen  Philosophen  d.  3.  Jahrhunderts 
[die  im  Apocriticus  des  Macarius  Magnes 
enthaltene  .Streitschrift].  IV,  150  S.  1911. 
(Bd    37,  4)  M.  5  — 

Kautsch,  Ernst:  Die  Evangelienzitate  des  Ori- 
genes.    IV,  169  S.  1909.    (Bd.  34,  2a)    M.  5.50 

Heikel,  I.  A.:  Kritische  Beiträge  zu  den  Con- 
stantin-Schriften  des  Eusebius  (Eusebias 
VPerke  Bd.  1.)  100  S.  1911.  (Bd.  36,  4)    M.  3.50 

Hellmann,  S.:  Pseudo-Cyprianus  de  XII  abusi- 
▼is  saeculi.  IV,  62  S.  — Slckenberger,  J.:  Frag- 
mente derHomilien  desCyrill  von  Alexandrien 
zumLnkasevangelinm.46S.'09.(Bd.34,l)  M.  3.50 


Hippolyts  Schrift  „Über  die  Segnungen  Jakobs" 
von  C.  Diobouniotis  n.  N.  Beis.  —  Hippolyts 
Daniel -Commentar  in  No.  673  der  Hand- 
schriften des  Meteoronklosters  von  C.  Dio- 
bouniotis. Mit  Vorwort  von  G.  X.  Bonwetsch. 
IV,  60  S.  1911.     (Bd.  38,  1)  ..  M.  2.50 

Holl,  K.:  Die  handschriftliche  Überlieferung  des 
Epiphanius  (Ancoratus  u.  Panarion).  IV,  98  S. 
1910.    (Bd.  36,  2)  M.  3  — 

Jordan,  H.:  A.rmeniscbe  Irenaensfragmente.  Mit 
deutscher  Übersetzung  nach  Dr.  W.  Lüdtke. 
Zum  Teil  erstmalig  herausgegeben  und  unter- 
sucht.    IX,  222  S.    1913.    (Bd.  36,  3)     M.  10  — 

Irenaeus'  gegen  die  Häretiker.  "EXfyx''<i  "al  dva- 

ipoTiij   T^;  ifitvöuvv fiov  yrüaiMi,   BuCh  IV  U.  V  in 

armenischer  Version  entdeckt  von  Lic.  Dr. 
Karapet  Ter-Mekerttschian.  Herausgeg.  von 
Lic.  Dr.  ErwandTer-Minaasiantz.  VIII,  264  S. 
1910.    (Bd.  35,2)  M.  10  — 

—  des  hl.,  Schrift  zum  Erweise  der  apostoli- 
schen   Verkündigung.     i'J?    IxlSa^iV    r»v  i.no- 

aroLxov  xr,f'yfiaTo?.  In  armenischer  Version 
entdeckt,  hrsg.  und  ins  Deutsche  übersetzt 
von  Licc.  Dr.  Karapet  Ter-Mekerttschian  und 
Erwand  Ter-Minassiantz.  Mit  einem  Nach- 
wort und  Anmerkungen  von  Ad.  Harnack. 
Vni,  69  u.  68  S.  Iii07.  (Bd.  31,1)  M.  6  — 

Ein  Jüd.-Christl.  Psalmbuch  aus  dem  ersten  Jahrb. 

[The  ödes  of Solomon,  now  flrst  pu- 

blislied  from  the  Syriac  Version  by  J.  Rendel 
Harris,  1909.]  Aus  dem  Syr.  übers,  von  Job. 
Flemming,  bearb.  u.  hrsg.  v.  Adolf  Harnack. 
VII,  134  S.  1910.  (Bd.  35, 4)  M.  4.50 ;  geb.  M.  5.50 

Koch,  Hugo:  Cyprian  und  der  römische  Primat. 
Eine  kirchßn-u.dogmengesehichtliche Studie. 
IV,  174  S.  1910.  (Bd.  35, 1)  M.  5.50 ;  geb.  M.  6.50 

Lietzmann,  Hans:  Das  Leben  des  heiligen  Symeon 
Stylites.  In  Gemeinsch.  mit  den  Mitgliedern  d. 
kirchenhist.  Seminars  d.  üniv.  Jena  bear- 
beitet. Mit  einer  deutschen  Übersetz,  d.  syr. 
Lebensbeschreibung  u.  der  Briefe  v.  Heinrich 
Hilgenfeld.  VIII,  256  S.  1908.  (Bd.  32, 4)    M.  9  — 

Martin,  Jos.:  Studien  und  Beiträge  zur  Erklä- 
rung und  Zeitbestimmung  Commodians.  — 
—  Gressmann,  H.:  Nonnenspiegel  und  Mönchs- 
spiegel des  Evagrios  Pontikos.  Zum  ersten 
Male  in  der  Urschrift  herausgegeben.  VIII, 
165  S.    1913.    (Bd.  39,  4)  M.  5.50 

Reichardt,  Walther:  Die  Briefe  des  Sextus  Julius 
Africanus  an  Aristides  u.  Origenes.  IV,  84  S. 
1909.     (Bd.  34,  3)  M.  3  — 

Schalkhausser,  G.:  Zu  den  Schriften  des  Makarios 
vonMagnesia.  V,218S.  '07.  fBd.31,4)  M.  7  — 

Schermann,  Th.:  Der  litarg.  Papyrus  von  Der- 
Balyzeh.  Eine  Abendmablslitnrgie  des  Oster- 
morgens.    VI,  45  S.  1910.  (Bd.  36,  ib)    M.  1.50 

—  Propheten-undApostellegenden.  NebstJün- 
gorkatalogen  des  Dorothcus  und  verwandter 
Texte.  VII,  368  S.  '07.  (Bd.  31,3)        M.  11.50 

—  Griechische  Zauberpapyri  u.  das  Gemeinde- 
nnd  Dankgebet  im  I.  Klemensbriefe.  VI,  64  S. 
1909.    (Bd.  34,  2b)  M.  2  — 

Schmidt,  C:  Der  erste  Clemensbrief  in  altkopti- 
scher Übersetzung.  Mit  Lichtdruck-Faksimile 
derHandschrift.IV,160S.1908.(Bd.32,l)M.9— 

Fortaetzong  s.  3.  Umsehlagaeite. 


STUDIEN  UND  TEXTE 


ZU 


ASTERIOS  VON  AMASEA 


VON 


Dr.  ADOLF  BRETZ 


'imW' 


LEIPZIG 

J.  C.  HINRICHS'scHE  BÜCHHANDLUNG 
1914 


I 


ocT   n  »9W 


TEXTE  UXD  UNTERSUCHUJn^GEN 

ZUR  GESCHICHTE  DER  ALTCHRISTLICHEN  LITERATUR 

ARCHIV  FÜR  DIE  VON  DER  KIRCHENVÄTER -C0MMI8SI0N 

DER  KGL.  PREUSSISCHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN  UNTERNOMMENE 

AUSGABE  DER  ÄLTEREN  CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

HERAUSGEGEBEN    \'0N 

ADOLF  HARNACK  und  CARL  SCHMIDT 

3.  REIHE  10.  BAND   HEFT  1 
40.  BAND  HEFT  1 


WEIMAR.    —    HOF- BUCHDRUCKEREI. 


A'orwort. 

Die  vorliegenden  Untersuchungen  sind  hervorgegangen  aus 
einer  von  der  philos.  Fakultät  der  Universität  Straßburg  im 
Februar  1910  genehmigten  Dissertation.  ISIachdem  ihre  Druck- 
legung zunächst  durch  Hindernisse  persönlicher  Art  verzögert 
worden  war,  entschloß  ich  mich,  das  Ergebnis  der  deutschen 
Athosexpedition  abzuwarten,  die  ich  gebeten  hatte,  mehrere 
Handschriften  mit  zwei  bisher  unveröffentlichten  Predigten  zu 
photographieren.  Diese  Photographien  gingen  mir  im  Frühjahr 
1912  zu  und  konnten  für  eine  genauere  Charakteristik  der 
asterianischen  Predigt  verwendet  werden.  Inzwischen  waren 
die  Dissertationen  von  Schmid  und  Bauer  über  Asterios  von 
Amasea  erschienen.  Über  ihr  Verhältnis  zu  meinen  Unter- 
suchungen gibt  die  folgende  Einleitung  Aufschluß;  im  übrigen 
konnte  ich  mich  darauf  beschränken,  in  einigen  Anmerkungen 
zu  ihnen  Stellung  zu  nehmen. 

Für  die  liebenswürdige  Unterstützung,  die  meine  Arbeit 
bei  meinen  verehrten  Lehrern  Bruno  Keil  und  Richard 
Reitzenstein  und  nicht  weniger  bei  Herrn  Prof.  D.  von  Dob- 
schütz  jederzeit  fand,  sei  auch  an  dieser  Stelle  verbindlichst 
gedankt. 

Schloß  Dittersbach  bei  Sagan.  im  November  1913. 

Adolf  Bretz. 


IiihaltsYerzeicliiiis. 

Seite 
Einleitung 1 

Erster  Teil:    Die  Überlieferung. 

1.  Kapitel:  Die  Handschriften 5 

■2.  Kapitel:  Die  Zeugnisse 16 

3.  Kapitel:  Das  Enkomion  auf  Basileus  und  andere  offenkundige  Fäl- 
schungen.    Ergebnis  und  Fragestellung 26 

Zweiter  Teil:    Über  die  Echtheit  der  nur  von  Photios 
für  Asterios  bezeugten  Reden. 

1.  Kapitel:  Geschichte  der  Echtheitsfrage.     Methode  der  Kritik     .     .     32 

2.  Kapitel:  Charakteristik  der  asterianischen  Predigt  nach  ihrem  Inhalt. 

I.  Die  allgemeinen  geschichtlichen  Voraussetzungen  ....  33 

II.  Kappadokische  Einflüsse 34 

III.  Der  geringe  dogmatische   Gehalt  und    das   vorheiTSchende 

kultische  Interesse 39 

IV".  Die  Art  der  Exegese 43 

V.  Der  ethische,  speziell  kynische  Grandcharakter      ....  46 
Exkurs   über    die  Predigten   slg   rör  oiy.ovöf^iov   xfjg  abiy.iag 

und  y.aTo.  jiXeovs^iag 55 

3.  Kapitel:  Beweis  der  Echtheit  der  Reden. 

I.  Die  Lobrede  auf  Stephanus '71 

IL  Die  Bußpredigt 75 

III.  Die  Fastenpredigt 80 

4.  Kapitel:   Die    Stellung   des  Asterios    zur   paganen    Rhetorik   und 

einige  charakteristische  Eigentümlichkeiten  seiner  Sprache     .       85 

Dritter  Teil:    Texte. 

I.  'O/MiUa  etg  rovg  ovo  viovg  rovg  aaoä  tm  Aovy.ä 107 

II.  Aöyog  £ig  xb  "Avdoco:TOi  ovo  äriß/joav  slg  ro  ieqov  xov  jrooosv^aadai, 

6  eig  ^aQiaaTog  y.ai  6  sxsgog  xeXmvtjg     .     .     - 116 

Register 122—124 


Einleituno-. 


o* 


In  der  hagiographischen.  religions-  und  kunstgeschichtliclien 
Forschung  der  letzten  Jahrzehnte^  fiel  bisweilen  ein  Streiflicht 
auf  einen  Mann,  dessen  Xame  vorher  nur  in  größeren  kirchen- 
ü-eschichtlichen  Darstellungen  und  Enzyklopädien  kurz  erwähnt  zu 
werden  pflegte:  Asterios,  Bischof  von  Amasea  im  Pontus. 
In  neuester  Zeit  ist  er  nun  Gegenstand  einiger  Dissertationen 
geworden,  die  fast  gleichzeitig  und  unabhängig  voneinander  ent- 
standen sind.  Zuerst  erschien  die  Arbeit  von  M.  Schmid.  Bei- 
träffe  zur  Lebens2:eschichte  des  Asterios  von  Amasea 
und  zur  philologischen  Würdigung  seiner  Schriften, 
Borna-Leipzig  1911.  In  ihrem  ersten  und  letzten  Abschnitt  erweist 
sie  sich  als  ein  Versuch,  das  über  Asterios  bisher  Bekannte  zu  sam- 
meln und  wissenschaftlich  zu  begründen  ^ ;  in  der  Hauptsache  aber 
ist  sie  eine  sprachliche  Untersuchung,  als  deren  Ergebnis  der 
Verfasser  selbst  im  Vorwort  die  Beobachtung  feststellt,  daß  der 
Stil  des  Asterios  ganz  unter  dem  Einfluß  der  sog.  zweiten  So- 
phistik  steht,  und  daß  sich  Asterios  mit  dem  Studium  griechi- 
scher Klassiker  beschäftigte.  Dieses  Urteil  kann  im  einzelnen 
hier  nicht  nachgeprüft  werden;  nur  darauf  sei  hingewiesen,  daß 
es  auf  unsicherer  Grundlage  beruht.  Nicht  nur.  weil  der  Ver- 
fasser darauf  verzichtet,  die  Analyse  der  asterianischen  Sprache 
auf  einer  Darlegung  der  Weltanschauung  und  der  Bildungs- 
prinzipien des  Asterios  zu  basieren,  sondern  vor  allem  wegen 
der  völligen  Unsicherheit  des  Textes  der  Migneschen  Samm- 
lung, der  aus  den  ersten  Ausgaben  nur  abgedruckt  ist  und 
ledio^lich  die  Lesart  einer,  höchstens  zweier  Hdss.  wiedergibt. 


1)  Vgl.  A.  Ehrhard,  Rom.  Quartalscbrift  XI.  S.  74:  H.  Usener.  Relig. 
Unters.  I.  1  (das  Weihnachtsfest)  S.  252f. ;  Lucius- Anrieh.  Die  Anfange 
•des  Heiligeukultes  S.  333  fi'. :  J.  Strzygowski,  Orient  und  Rom  S.  118  f. ;  E.  von 
Dobschütz,  Christusbilder  S.  255  u.  a. 

-)  Der  darüber  hinausgehende  Anspruch  des  Verf.  ist  unbegründet, 
wie  ich  in  der  Besprechung  der  gleich  zu  nennenden  Bauerschen  Disser- 
tation in  der  Berl.  philol.  Wochenschr.  1913  Sp.  900  ff.  erwiesen  zu  haben 
glaube. 

T.  u.  U.  '13  :  Bretz.  1 

ßQ 
.T3 


2  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Der  Blick  auf  die  Überlieferung-  dieser  Reden  zeigt  aber  noch 
einen  anderen  Mangel  der  Dissertation.  Es  werden  ihr  alle  bei 
Migne  Patr.  Gr.  40,  155 — 478  unter  dem  Namen  des  Asterios  ver- 
einigten Predigten  zugrunde  gelegt,  wiewohl  für  einen  großen  Teil 
die  Hdss,  andere  Namen  nennen.  Zu  dieser  Tatsache  hat  der 
Verfasser  nur  bei  zwei  Predigten  Stellung  genommen,  bei  einer 
hat  er  sie  völlig  übersehen,  bei  anderen  sie  ohne  sorgfältige 
Prüfung  beiseite  geschoben^.  Die  Ergebnisse  dieser  Arbeit 
sind  daher  nur  mit  Vorsicht  zu  benutzen^. 

Den  gleichen  Ausgangspunkt  wie  die  Dissertation  von 
Schmid  hat  auch  die  von  M.  Bauer,  Asterios,  Bischof  von 
Amasea.  Sein  Leben  und  seine  Werke,  Würzburg  1911^ 
Doch  wird  hier  die  chronologische  Frage  ungleich  sorgfältiger,  ja 
soweit  es  auf  Grund  der  Schriften  des  Asterios,  den  einzigen  uns 
dafür  zur  Verfügung  stehenden  Quellen,  möglich  ist,  erschöpfend 
behandelt.  Freilich  führen  auch  die  scharfsinnigen  Vermutungen 
von  Bauer  nicht  wesentlich  über  das  hinaus,  was  etwa  seit 
Tillemont  über  die  Lebenszeit  des  Amasener  Bischofs  feststeht. 
Manches  Neue  bringt  dagegen  der  2.  Teil,  der  sich  mit  den 
Schriften  des  Asterios  beschäftigt.  Bauer  gibt  darin  einen 
Überblick  über  das  Fortleben  des  Asterios  bis  auf  die  Zeit  der 
ersten  Ausgaben  und  registriert  dann  seinen  literarischen  Nach- 
laß mit  Berücksichtigung  der  Hdss.,  Ausgaben  und  Übersetzungen. 
Doch  ist  dieses  A^erzeichnis  nur  für  die  ersten  fünf  Reden  voll- 
ständig. Auf  die  Frage  der  abweichenden  Überlieferung  der 
eben  erwähnten  Predigten  wird  auch  hier  nur  kurz  eingegangen ; 
mit  der  üblichen  Berufung  auf  Photios  wird  die  Echtheitsfrage 
für  alle  Reden  bejaht  und  nur  für  die  Psalmenhomilien  einer 
besonderen  Untersuchung  vorbehalten*. 

*)  Als  Grund  für  die  Zuweisung  der  sieben  Psalmenhomilien  erwähnt 
er  nur  die  vom  ersten  Herausgeber  behauptete,  von  anderen  geleugnete 
Stilverwandtschaft;  dann  fährt  er  fort:  „Auch  unsere  nachfolgenden  Unter- 
suchungen führen  zu  dem  Ergebnis,  daß  zwischen  den  allgemein  aner- 
kannten Homilien  des  Asterios  und  denen  über  die  Psalmen  Stilunter- 
schiede bestehen,  aber  diese  sprachlichen  Abweichungen  sind  nicht  so 
schwerwiegend,  daß  sie  die  Echtheit  der  Psalmenhomilien  in  Zweifel 
stellen  könnten." 

2)  Auf  Schmid  stützt  sich  jetzt  0.  Bardenhewer,  Geschichte  der  alt- 
christlichen Literatur  III  (1912),  S.  228—230. 

^)  Beide  sind  angezeigt  von  Weyman  in  der  Byz.  Ztschr.  XX  S.  .569 
u.  XXI  S.  294. 

*)  Von  einer  Rede  (auf  Ps.  4  bei  MPG  55,  539  ff.) ,  die  von  Schmid 
ganz   übersehen  wurde,   kennt  Bauer  den  Text  nicht,  bei  einer  anderen 


Eiuleituug.  3 

Somit  kann  als  gcineinsamor  Grundfehler  beider  Disser- 
tationen bezeichnet  werden,  daß  sie  an  einer  Frage  vorüber- 
ffinsi'en,  die  vor  ieder  anderen  zu  stellen  und  zu  lösen  war. 
Mit  ihr  —  man  kann  sie  die  philologische  Grundfrage  nennen  — 
beschäftigen  sich  die  folgenden  Untersuchungen,  die  bei  dem 
Erscheinen  der  vorgenannten  bereits  abgeschlossen  waren. 

Asterios,  der  Amasener  Bischof,  ist  nicht  der  einzige,  nicht 
einmal  der  bedeutendste  Träger  dieses  Namens.  Aber  von  den 
26  Autoren,  die  Fabricius-Harles,  Biblioth.  Gr.  IX  p.  51 3 ff. 
mit  dem  Namen  Asterios  aufzählt,  hatte  er  allein  das  Glück, 
daß  sein  literarischer  Nachlaß  nicht  ganz  dem  Untergang  ver- 
fiel. Die  Kirche  hat  ihm  den  Schutz  gewährt,  den  sie  den 
Schriften  seines  älteren,  ungleich  bedeutenderen  Zeitgenossen, 
des  Arianers  Asterios  versagte. 

Schon  die  Mitwelt  scheint  von  dem  Leben  und  Wirken  des 
Asterios  von  Amasea  keine  Notiz  genommen  zu  haben.  Was 
darüber  feststeht,  mußte  aus  den  wenigen  Andeutungen  zeit- 
geschichtlicher Ereignisse  erschlossen  werden,  die  sich  in  seinen 
Predigten  finden.  So  wird  einmal  auf  den  Abfall  Julians  (or.  III 
M  40,  208  AB),  ein  anderes  Mal  auf  das  Glück  und  Endo 
mehrerer  hohen  Würdenträger,  besonders  der  Konsuln  Rufinus 
(t  395)  und  Eutropius  (f  399)  angespielt  (or.  IV  M  40,  220  D). 
So  erhalten  wir  das  Jahr  400  als  einziges  festes  Datum  für  das 
Leben  des  Mannes.  Sonst  überliefert  uns  Photios  aus  einer 
verlorenen  Rede  noch  die  Notiz,  daß  Asterios  einen  Skythen 
zum  Lehrer  gehabt  habe  (cod.  271),  und  aus  anderen  uns  un- 
bekannten Predigten  ein  Selbstzeugnis  des  Asterios,  wonach  er 
ein  hohes  Alter  erreicht  habe  (vgl.  Quaest.  Amphil.  312  bei  M  40, 
477  B).  Damit  erschöpft  sich  unsere  Kenntnis  von  dem  Leben 
des  Mannes^. 


(or.  XV)  nur  den  Anfang  ihres  lateinischen  Textes  (S.  72).  Trotzdem  führt  er 
letztere  auf  Grund  des  Zeugnisses  eines  jungen  Athous  (s.  unten  .'S.  27)  unter 
den  zweifellos  echten  Predigten  auf.  —  Von  theologischer  Seite  wird  anderes 
vermißt:  „Auf  den  kulthist.  und  theol.  Inhalt  ist  Verf.  nicht  eingegangen. 
Eine  homiletische  Würdigung  ist  ebenfalls  nicht  versucht.  Gelegentliche 
Werturteile,  die  sich  nach  diesen  Dichtungen  hin  bewegen,  sind  meist 
ohne  besondere  Begründung  niedergeschrieben  und  erwecken  in  ihrer  all- 
gemeinen Fassung  den  Eindruck  des  Willkürlichen."  P.  Joh.  Chrysost. 
Schulte  in  Theolog.  Revue  Nr.  15  (1912),  S.  452. 

^)  Auch  dieses  Wenige  wird  von  neueren  Forschern  manchmal  über- 
sehen.    Radermacher:    „St.  Phokas",    Archiv   f.  Relig.  VII    (1904)    p.  447 


4  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Unsicher  ist  auch  der  Bestand  der  Sammlung  von  Pre- 
digten, die  unter  dem  Namen  des  Asterios  bei  Migne  (a.  a.  O.) 
abgedruckt  sind^.  Diese  Zusammenstellung  steht  nämlich  bei 
einer  ganzen  Reihe  von  Predigten  im  Widerspruch  mit  dem 
Zeugnis  ihrer  Handschriften,  die  sie  unter  Gregor  von  Nyssa, 
Johannes  Chrysostomos  oder  Proklos  überliefern.  Nur  die  Auto- 
rität des  Photios,  der  in  den  Exzerpten  einiger  dieser  Predigten 
Asterios  von  Amasea  als  Verfasser  nennt,  und  ebenso  die  — 
doch  sehr  zweifelhafte  —  Glaubwürdigkeit  der  Katenen,  welche 
Zitate  aus  jenen  Homilien  mit  dem  Lemma  Asterios  enthalten, 
bestimmte  die  Herausgeber,  sie  dem  Amasener  Bischof  zuzu- 
weisen. Ein  vollgültiger  Beweis  für  ihre  Echtheit  ist  aber  bis 
heute  noch  nicht  erbracht. 

Sollen  also  diese  Predigten  als  Quelle  für  die  wissenschaft- 
liche Forschung  unserer  Tage  ihren  vollen  Wert  erhalten,  so 
muß  vor  allem  ihre  Autorschaft  und  die  Zeit  ihrer  Entstehung 
mit  allen  Mitteln  der  Kritik  außer  Zweifel  gestellt  werden  2. 
Eine  darauf  abzielende  Untersuchung  wird  sich  nicht  damit  be- 
gnügen dürfen,  die  Zeugnisse  der  direkten  und  indirekten  Über- 
lieferung nebeneinander  zu  stellen  und  etwa  den  ältesten  den 
Vorzug  zu  geben.  Die  Prüfung  ihrer  Glaubwürdigkeit  wird 
vielmehr  ihre  geringe  Zuverlässigkeit  erweisen  und  eigentlich 
erst  die  Fragestellung  ermöglichen;  die  Entscheidung  aber  wird 
weniger  durch  äußere  als  durch  jene  inneren  Kriterien  ge- 
funden werden  können,  die  aus  einer  gründlichen  Analyse  der 
echten  und  zweifelhaften  asterianischen  Reden  nach  Inhalt  und 
Form  gewonnen  werden.  Durch  diese  Erwägungen  ist  Ziel  und 
Anlage  der  vorliegenden  Arbeit  bestimmt. 

meint,  die  —  zweifellos  echte  —  Rede  des  Asterios  auf  Phokas  gehöre 
dem  6.  Jahrhundert  an;  die  Angabe  übernimmt  unbesehen  0.  Kern:  „Der 
Robbengott  Phokas'',  Archiv  f.  Rel.  X  (1907^  p.  82.  Mit  der  Annahme 
des  5.  Jhrh.  kommt  Jaisle:  „Die  beiden  Dioskuren",  Tüb.  1907,  der  Wahr- 
heit näher. 

1)  Dazu  gehört  die  Psalmenhomilie  t.  55,  p.  539  — 544.  Über  frühere 
Ausgaben  vgl.  Fessler-Jungmann,  Institutiones  patrologiae  I '-,  p.  624. 

-)  Diese  Forderung  erhob  bereits  vor  einer  Reihe  von  Jahren  mein 
verehrter  Lehrer  Prof.  Dr.  Keil  bei  Strzygowski,  Orient  und  Rom  p.  718. 
als  er  bei  Gelegenheit  einer  Übersetzung  und  Erklärung  der  Euphemia- 
rede  auf  mancherlei  Irrtümer  in  der  bisherigen  Interpretation  derselben 
stieß:  ,. Diese  Frage  kann  nur  gelöst  werden,  wenn  überhaupt  einmal  in 
dem  Nachlaß  des  Asterios  das  Echte  und  Unechte  geschieden  ist  und  ein 
wirklich  kritischer  Text  vorhanden  ist.  Der  Schriftsteller  fordert,  aber 
lohnt  auch  philologische  Arbeit." 


Erster  Teil. 

Die  Überlieferung. 

l.  Kapitel:  Die  Handschriften. 

An  Vorarbeiten  für  diese  Untersuchung  ist  so  gut  wie 
nichts  vorhanden.  Nicht  einmal  das  handschriftliche  Material 
war  bisher  soweit  bekannt,  um  für  die  Gestaltung  des  Textes 
der  Homilien  und  für  die  Feststellung  des  Verfassernamens  als 
Unterlage  zu  dienen.  Die  Notizen  über  die  Handschriften  in 
der  ersten  von  Franz  Combefis  veranstalteten  Gesamtausgabe 
des  Asterios,  die  bis  heute  auch  die  einzige  geblieben  ist  — 
denn  der  Mignesche  Text  ist  nur  ein  Neudruck  des  Combefisschen 
— ,  können  auch  mit  den  von  Fabricius-Harles  (Bibl,  Gr.  t.  IX 
p.  513)  gegebenen  Ergänzungen  auf  Vollständigkeit  keinen  An- 
spruch machen.  Darum  mußte  unsere  erste  Aufgabe  eine  mög- 
lichst umfassende  Zusammenstellung  aller  nachweisbaren  Hand- 
schriften und  ihrer  Zeugnisse  sein.  Das  Ergebnis  der  dahin- 
gehenden Bemühungen  lege  ich  in  folgender  Übersicht  vor, 
indem  ich  die  Mignesche  Reihenfolge  der  Reden  beibehalte 
und  —  dem  Charakter  der  Überlieferung  gemäß  —  unter  dem 
Titel  jeder  einzelnen  Rede  die  zugehörigen  Handschriften  an- 
führe^. Nur  die  ersten  fünf  haben  eine  gemeinsame  Über- 
lieferunor: 


1)  Als  Führer  durch  die  gedruckte  Literatur  der  Kataloge  diente  mir 
V.  Gardthausen:  Sammlungen  und  Kataloge  griechischer  Handschriften, 
Byz.  Archiv  III  (190-3).  Zur  genaueren  Orientierung  über  meine  Hilfs- 
mittel kann  ich  hier  kurz  auf  diese  Zusammenstellung  verweisen  und  be- 
schränke mich  im  folgenden  auf  die  Anführung  derjenigen  Kataloge,  die 
neueren  Datums  sind.  Den  Nachweis  einiger  Hdss.  in  Bibliotheken,  die 
noch  keinen  gedruckten  Katalog  haben,  verdanke  ich  persönlichen  Mit- 
teilungen der  Herren  Prof.  von  Dobschütz.  Prof.  Ehrhard  und  Liz.  H.  von 
Soden.  Über  den  Inhalt  der  neugefundenen  Asterioshdss.  in  den  Meteora- 
klöstern,  die  der  Katalog  von  Bees  nach  Dräsekes  Auszug  (N.  Jahrb.  f.  d.  kl. 
Alt.  XXIX,  S.  550  f.)  verzeichnet,  konnte  ich  eine  genauere  Auskunft  noch 
nicht  erhalten. 


6  Bretz,  Studien  und  Teste  zu  Asterios  von  Amasea. 

I,  Tov  SV  äyioig  jiaTQog  ij/ucöv  'Aoregiov  enioxönov  'Ajuaoeiag 
öjiidia  ex  tov  xarä  Aovxäv  Evayy6?Uov  elg  tov  tiIovoiov  y.nl  tov 
Ad'QaQov. 

IL  Tov  avTov  öjiuUa  ex  tov  y.üTa  Aovxav  evayye/uov  sig 
TOV  oixovöjuov  rfjg  ädixiag. 

III.  Tov  nvTov  xoTO.  nleove^iag. 

IV.  Tov  avTov  Xoyog  xaTi]yooiy.6g  Tfjg  eoQTJjg  to)v  KaXavdöiv. 

V.  Tov  avTOv  ofxiUa  ex  tov  xwca  MaTß^aiov  svayyeUov  elg 
TO'  El  e^eoTiv  ärdocoTiq)  oTtolvoai  tijv  yvvalxa  avTOÜ.  Dazu 
die  Hdss.  : 

1.  Berolinensis  Phillip.  21,  chart.  s.  XYI  (Yielleicht  das  Apo- 
graphon  des  Sirmond '^). 

2.  Yaticanus  Gr.  3S8,  olim  Sirletanus  301,  chaut.  s.  XVI 
fol.  109.     Die  Vorlage  beider  ist  wohl 

3.  Laurentianus  plut.  VTI  cod.  1,  membr.  s.  XI  p.  447  bis 
4712. 

VI.  AoTeoiov  enioxonov  'A/uaoeiag  Xoyog  elg  tov  7iooq^i]Ti]v 
Aavii]l  xal  elg  ti]v  Soiodvvav.     Dazu  die  Hdss.: 

1.  Oxoniensis-Baroccianus  192  bombyc.  s.  XIV  fol.  162  bis 
169  (in)3. 

2.  Parisinus  gr.  1199  membr.  s.  XI  fol.  34^— 43^ 

3.  Parisinus  gr.  145S  membr.  s.  XI  fol.  185 ''—192.  Daraus: 


')  Vgl.  M.  40,  197,  Anm.  22. 

-)  Diese  Yeruiutung  bestätigt  jetzt  Bauer  S.  42.  „Die  Vergleichung 
der  Codices  ergab,  daß  Vaticanus  uud  Berolinensis  auf  den  Cod.  Lau- 
rentianus zurückgehen,  beide  unabhängig  voneinander."  Nach  seinen  sorg- 
fältigen Forschungen  wurde  jener  durch  Kardinal  Sirleto,  dieser  auf  Be- 
treiben Jac.  Sirmonds  im  X\'I.  Jahrhundert  aus  dem  Laurentianus  abge- 
schrieben ;  der  zweite  Teil  der  zuletzt  genannten  Abschrift  ging  verloren 
und  wurde  im  XVII.  oder  )CVIII.  Jahrh.  aus  einem  gedruckten  Texte  er- 
gänzt. Die  Provenienz  des  Laurentianus  konnte  Bauer  nicht  sicher  fest- 
stellen. Vermutlich  waren  die  Asteriosreden  in  den  Werken  Gregors  von 
Nyssa  enthalten,  welche  Janos  Laskaris  in  einem  apulischen  Kloster  ge- 
funden und  mit  nach  Florenz  genommen  hat.  Andere  Hdss.  als  die  ge- 
nannten gab  es  nicht;  was  über  solche  gelegentlich  berichtet  wird,  erweist 
sich  als  Irrtum.  —  Aus  einem  gedruckten  Exemplar  stammt  wohl  auch 
der  Text  der  or.  III  im  Hierosolymitanus  bibl.  Patr.  ex  rfjg  Aavga;  tov 
Zäßßa  455,  s.  XVIII,  iol.  2%\  —  iAaOt]naräoiov  'Jcodvrov  tov  iy.  'Paidsazov; 
vgl.  Joh.  Patusae  encyclop.  philol.  vol.  II  p.  307. 

^)  Mit  (m)  sind  diejenigen  hagiographischen  Handschriften  versehen, 
die  sich  als  sog.  I\Iartyrologieu  oder  Menologien  darstellen. 


Die  Überlieferung.  7- 

4.  Vaticaiuis-liivberiims  3(5 1,  fol.  2  ^  und 

5.  A^aticanus-liarberiiius    137,  fol.  105  2. 

VII.  'AoTegiov  eTiioxonov  lAjuaoeiag  eig  zov  tx  y.oi/j'ag  jvrp).6v. 

1.  Parisinus  Coisl.  107,  olim  Seguierianus,  mcmbr.  s.  XT. 
fol.  134^  — 138  ^ 

2.  Ronianus  Angelicanus  125,  olim  Sfortianus  11,  membr. 
s.  XI.     Daraus 

3.  Yatic.-Barb.  361,  fol.  30  und 

4.  Vatic.-Barb.  437,  fol.  110». 

Kr.  2  ist  Vorlage  des  Sirmond,  die  neben  dem  Seguieria- 
nus (Nr.  l)  Combelis  für  seine  Ausgabe  benützte:  vgl.  M.  40, 
S.  24V).  Anm.  37.  Ebenso  stammt  daraus  der  Text  der  Hol- 
steniushandschriften. 

VIII.  ^AoTEQiov  enioxoTTov  'AjLiaoeiag  iyy.cojuiov  eig  Tovg  äyiovg 
y.OQVcfaiovg  äjxooTolovg  TIetoov  xal  IlavXov. 

1.  Atheniensis  bibl.  nat.  263,  membr.,  a.  9V)1. 

2.  Paris.-Coisl.  107,  membr.  s.  XL  fol.  170^— ISO^'.  Vor- 
lage des  Combefis. 

3.  Romanus-Vallicellanus  1 00  (B  34)  s.  XII  ff.,  fol.  Wo^  ex 
rov  äyiov  'Aoregiov  excerpta;  ine.  ov  /.np'  eneiöi]  /Jav=^^l.  40, 
p.  264B. 

IX.  Aoregiov  eTrioxoTiov  Auaoeiag  eig  rör  uyiov  leoojudQxvQa 
0ojxi7r. 

Diese  Rede  ist  in  einer  ungewöhnlich  großen  Zahl  von 
Hdss.  in  jener  verkürzten  Rezension  überliefert,  in  der  sie  Sy- 
meon  Metaphrastes  in  sein  Septembermenolog  aufgenommen 
hat*.  Den  von  ihm  weggelassenen  Eingang  haben  uns  nur 
2  Hdss.  bewahrt: 


^)  Dazu  bemerkt  H.  v.  Sodeu:  ..eine  Hds.  des  Lukas  Holsteuius ,  in 
der  er  Homilien  des  Asterios  im  Originaltext  mit  eiuer  von  ihm  selbst  ge- 
fertigten lat.  Übersetzung  zusammengestellt  hat.  Über  die  Vorlage  zu  seinem 
griechischen  Text  fehlen  Angaben;  doch  vgl.  Cod.  4.37,  der  vielleicht  die 
Ciadde  ist.'"  —  L.  Hülsten,  der  bekannte  Bibliothekar  der  Vatikana,  plante 
eine  große  Ausgabe  der  Kirchenväter.  In  einem  Brief  an  Tengnagel  (ed. 
Boissonade  p.  209)  gibt  er  ein  Verzeichnis  von  80  für  diese  Ausgabe  be- 
stimmten Predigten,  darunter  von  Asterios  eben  die  vier,  die  er  im 
Barb.  437  zusammengestellt  hat  (Nr.  VII.,  X.,  IX.  und  VI.)  Im  Barb.  361 
fügte  er  diesen  noch  die  Euphemiarede  bei  (Xr.  XL). 

-)  Dazu  am  Rande:  Ex  Msto  Regio  CXLIL,  d.  i.  der  jetzige  Paris, 
gr.  1458. 

')  Dazu  am  Rande:  Ex  Msto  R.  P.  Sirmondi. 

*)  Vgl.  A.  Ehrhard,  Festschrift  zum  1000jährigen  Bestehen  des  deut- 
schen Campe  Santo  in  Rom,  S.  49  und  Rom.  Quartalschrift  XI,  S.  74. 


8  Bretz,  Stuclieu  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

1.  Marcianus  360,  membr.  s.  XI  (m);  ine.  y.a/J]  y.al  ov/ii(f€- 
Qovoa. 

2.  Parismu§  gr.  1177,  membr.  s.  XI,  fol.  S6 — 88  (m);  ine. 
y.ali]  y.al  ovju(peoovoa.  Doch  bricht  der  Text  ab  bei  den  Worten 
jLiövov  vfieTg  im  7j]g  Tievr/oäg  TarTi]g  y.ara  .  .  =  M.  40,  p.  308  A. 
Wahrscheinlich  ist  dieser  Codex  die  Vorlage  Combefis'  ^.  In 
allen  übrigen  Hdss.  beginnt  die  Rede  mit  den  Worten  'legög 
jiih  yai  deoTieoiog  =  M.  40,  p.  304  A.  Wir  gruppieren  sie  nach 
der  Fassung  der  Überschriften: 

a)  14.  i.  \A.  Eig  tÖv  uyiov  rov  Xgiozov  jLidQivoa   <PojyMi> 

1.  Ambrosianus  374  membr.  s.  X — XI,   fol.  J30— 134(m). 

2.  Ambrosianus  840  membr.  s.  XIII,   fol.  154^—185^  (m). 

3.  Constantinopolitanus  Maurogord.  bibl.  28,  bombyc.  s.  XII 
bis  XIII,  fol.  1(37\ 

4.  Cod.  bibl.  Thomae  Gale  Britanniens  Xr.  44. 

5.  Hierosolymitanus  bibl.  Patriarchae  11,  membr.  s.  X — XI, 
fol.  142^—160  (m). 

6.  Cod.  bibl.  comitis  de  Leicester  Britann.  91,  chart.  s.  XYI, 
fol.  416-417^  (m). 

7.  Mosquensis  356,  membr.  s.  X,  fol.  12  J — 141   (m). 

8.  Mosquensis  357,  membr.  s.  XI,  fol.  162  (m). 

9.  Mosquensis  360,  membr.  s.  XVI,  fol.  183  (m). 

10.  Oxoniensis -  Barocc.  230,  membr.  s.  XI,  fol.  174''  bis 
180  (m). 

11.  Parisinus  1492,  membr.  s.  XI,  fol.  134^—138  (m). 

12.  Parisinus  1521,  membr.  s.  XII— XIII,  fol.  202—206  (m). 

13.  Parisinus   1558,  chart.  s.  XV,  fol.  123—126^  (m). 

14.  Thessalonicensis  gymnas.  Gr.  28,  membr.  s.XII,Xr.20(m). 

15.  Thessalonicensis  gymnas.  Gr.  36,  membr.  s.  XIV,  fol.  61^. 

16.  Taurinus  86,  s.  XI,  fol.  99^—114. 

17.  Vaticanus  Gr.  794,  s.  XI,  fol.  183^—187^  (m). 

18.  Vaticanus  Gr.  796,  s.  XII,  fol.  224-230^  (m). 

19.  Vaticanus  Gr.  1643,  s.  XII- XIII,  fol.  1 18^- 121^  (m). 

20.  Vaticanus  Gr.  2044,  s.  XI.  fol.  169-173  (m). 

21.  Vaticanus  —  Barb.  361   (Holstenianus\  fol.  125. 

22.  Vaticanus  —  Barb.  437  (Holstenianus),  fol.  129. 

23.  Vaticanus-Palatinus  1, membr. s.X— XI, fol.  175—  179'(m). 


1)  Vgl.  auch  Bauer  S.  63. 


Die  Überliefei-ung.  ^ 

b)  'A.  L  A.  ei^   Tov  nyiov  y.al  evdo^or  /.idorvoa  tov  Xo.    'ßco/iäv. 

24.  Laurentianus  plut.  XI,   cod.  20,   membr.  s.  XI,   p.  143 
bis   147. 

25.  Oxoniensis-Cronnvell.  20,  membr.  s.  XI,  p.  368 — 377  (m). 
2(;.  Parisimis    1515,  membr.  s.  XI,  fol.  126-130  (m). 

27.  Parisinus   1523,  membr.  s.  XL  fol.  156—160^  (m). 

28.'Patmensis  217,  membr.  s.  XII  (m). 

29.  Yaticamis  -  Ottobonianus   219,  chart.   s.  XVII,   fol.  99 
bis  io:{^ 

c)  'A.  i.  'A.  eyy.cüjiuov  elg  tov  äyiov  leQOjudQTvga   ^coxäv. 

30.  Messanensis  25,  membr.  s.  XII,  fol.  140^ — iii""  Avaoiov 
pro  Aoreoiov  (m). 

31.  3Iessanensis  31,  membr.  s.  XII,  fol.  137''' — 140  "^  (m). 

32.  Messanensis  41,  membr.  s.  XII,  fol.  15S'' — 162  (m). 

33.  Messanensis  54,  membr.  s.  XII  — XIII,  fol.  1S3  — 188  (m). 

34.  Yaticamis  gr.  2047,  membr.  s.  XI,  fol.  100^—103  (m). 

35.  Yaticamis  =  Ottobonianus   421,    membr.   s.  XI — XU, 
fol.  191-196  (mj.  • 

d)  A.  i.  A.  iyx.  elg  rbv  äyiov  y.al  evdo^ov  leQojuaQzvQa 
T.  Xo.   <Pcoy.äv. 

36.  Oxoniensis-Laudiauus  70,   membr.  s.  XI,   fol.  94 — 97\ 

37.  Parisinus  1526,  s.  XIY,  fol.  191^—197  (m). 

3S.  Romanus  =  Chisianus  sign.  R — YII— 4S.  membr.  s.  XI^ 
fol.  141. 

39.  Thessalonicensis  gymn.  gr.  26,  membr.  s.  XI,  fol.  137  (m). 

40.  Yindobonensis  bist.  39,  cliart.  fol.  123^—126^  (m). 

e)  Mit  anderen  Titeln,  z.  T.  anonym: 

41.  Constantinopolitanus-Maurogord.  bibl.  143,  chart.  s.  XY, 
fol.  63. 

42.  Cod.  Brit.  bibl.  com.  de  Leicester  89  II,  s.  XII,  fol.  130^ 
bis  134. 

43.  Parisinus   1489,  membr.  s.  XI,  fol.  161—165^  (m). 

44.  Parisinus  1479,  membr.  s.  XI,  fol.  154  (m);  incip.  .  .  . 
?.o^eviag  ixegdave  tov  =  M.  40,  305  A. 

45.  Parisinus  1555,  chart.  s.  XIY,  fol.  102  (m). 

46.  Parisinus  suppl.  240  membr.  s.  XI,  fol.  1 — 3  (m):  ine.  .  . 
yjiia  y.al  negl  rijv. 


10  Bretz.  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

47.  Scorialensis  310  — Y— II— 5,  membr.  s.  XII.  fol.  129 
bis  133  (m). 

48.  Scorialensis  313=:Y-II— S.  membr.  s.  XII.  fol.  113 
bis  117  (m). 

49.  Scorialensis  314  =  Y— II— 9.  membr.  s.  XII,  fol.  133 
bis  137  (m). 

50.  Yaticanus  795,  membr.  s.  XI.  fol.  154"^ — 15S'^  (m). 

X.  ^Aozeglov  ijiioy.ojiov  "AjLiaoeiag  eyndjuiov  £ig  rovg  äyiovg 
juaQTVQag. 

1.  Parisinus  771,  s.  XIY,  fol.  273^-280. 

2.  Yaticanus  -  Ottobonianus  12,  olim  Columnensis,  membr. 
s.  XI,  fol.  88—97.  Yorlage  des  Combefis:  vgl.  M.  40,  313, 
Anm.  49. 

3.  Yindobonensis  bist.  115,  chart.  fol.  172='  — 196^. 

XI.  'A.  i.  'A.  dg  fxaQTvgiov  Trjg  Jtavevcprj^uov  judgTVQog  Evq)!]- 
jbiiag   ey,(pQaoig. 

1.  Atheniensis  bibl.  nat.  352,  chart.  s.  XYI. 

2.  Athous  3586  =  bibl.  iLiov)~]g  Aiovvoiov  cod.  52  membr. 
s.  XIII,  Xr.  8  (m). 

3.  Athous  4548  =  bibl.  jiiovrjg  '[ß/joojv  cod.  428  membr. 
s.  XI,  fol.  70^  (m). 

4.  Berolinensis  277,  membr.  s.  XII,  fol.  41. 

5.  Cod.  Britanniens  bibl.  comit.  de  Leicester  91,  chart. 
s.  XYI,  fol.  413'— 414^  (m). 

6.  Marcianus  360,  membr.  s.  XI  (m). 

7.  Parisinus  950,  chart.  s.  XY,  p.  148  —  152  (§  1  der  Rede 
fehlt). 

8.  Parisinus  1177,  membr.  s.  XI,  fol.  41-42'  (m). 

9.  Parisinus  1528,  membr.  s.  XII,  fol.  86'— 88  (m). 

10.  Scorialensis  262,  chart.  s.  XIII  (Sammlung  rhet.  Meister- 
werke), fol.  200'.  —  Dazu  kommt  die  wertvolle  Xebenüberliefe- 
rung  in  den  Konzilsakten  über  den  Bilderstreit  bei  Mansi  (Concil. 
€oll.  XIII,  p.  16^)  und  im  Parisinus  gr.  1115  s.  XIII,  fol.  264 1. 

XII.  'Eyxcojuio}'  eig  rbv  äyiov  TiQCorojudQTVQa  2xecpavov.  Als 
Autor  wird  in  den  Handschriften  teils  Gregor  von  Xyssa,  teils 
Proklos  von  Konstantinopel,  nie  aber  Asterios  genannt. 

^)  Vgl.  Tb.  Sehermann.  Geschichte  der  Dogmat.  Florilegien,  T.  U. 
Bd  .  28,  1  S.  75;  ferner  Br.  Keil  bei  Strzj-gowski,  Orient  und  Rom.  p.  118ff. 


Die  Überlieferung.  11 

1.  Mcssauensis  5,  membr.  h.  XII,  fol.  149^ — 155^  tov  ayiov 
roijyooiou  ETTioy.öjiov  Nvoi]^;  iyyAO/nov  eig  rov  äyinv  ZxH(iavov 
Tuv  :iQ(OTO/iidQTvQa  (in)   (Anal,  Boll.  XXIII ^. 

2.  Vaticanus-Barberinus  555  =  V  51,  olim  59  (nach  der 
älteren  Numerierung),  membr.  s.  XTII,  fol.  92 — 95  (m).  Titel 
wie  vorher.  Inc.  'üg  legehg  (sie)  äh]d(Ji)g  xal  y.rddbg  (sie)  .  . 
(Anal.  ßoll.  XIX). 

:^.  Vaticanus-Barberinus  497,  s.  XY— XYI,  fol.  205  zov 
auzov  (seil.  IlQoy.Xov  ägyiEnioxönov  KcovoravxivovTioP^ecog)  lynco- 
ßiov  eig  TOV  uyiov  jrgonojiidQTVQa  Zrecpavov.  Inc.  'Qg  legog  äh]- 
•äcog  (Soden). 

4.  Vaticanus-Pianus  21  =  Vat.-Alexandrinus  21 ,  membr. 
s.  X — XI,  fol.  15—20'^  rov  äyiov  [IIqoxIov  äg^ieTi.  Kowor.J  eyy.. 
^Ig  r.  äy.  tiq.  Zt.  Inc.  "üg  iegög  ähjdcog  y.al  yalGig  (sie),  expl. 
£1  bl  TiQÖg  ri]v  (sie)  rov  keyarrog  öuva/Liiv  .  .  .  (BolL).  Dazu 
notiert  der  Herausgeber  des  Katalogs:  Quae  in  lemmate  un- 
culis  inclusimus,  nianus  recentior  exaravit  in  rasura.  Die  ur- 
sprüngliche Lesart  läßt  sich  mit  ziemlicher  Sicherheit  herstellen. 
Wir  haben  offenbar  nur  die  Wahl  zwischen  Asterios  und  Gregor 
von  Nyssa.  An  ersteren  zu  denken  verbietet  das  vor  der  Rasur 
erhaltene  rov  ayiov,  denn  nur  derjenige  Grad  der  Heiligkeit 
kommt  ihm  zu,  der  in  juay.dgiog  ausgedrückt  ist^  Also  folgte 
auf  das  rov  ayiov  ursprünglich  wie  im  Messanensis  5  rQi]yooiov 
sji.  N.  Dann  bleibt  als  einziger  Zeuge  für  Proklos  der  junge 
Barberinus  497  übrig.  Die  anderen  Handschriften,  die  dem 
ersten  Herausgeber  Vincentius  Riccardi  vorlagen  und  ihn  ver- 
anlaßten,  das  Enkomion  trotz  ernster  Bedenken  dem  Proklos 
zuzuweisen,  sind  für  uns  verschollen  2. 

1)  Vgl.  van  Bück,  Act.  Sauet.  Octobr.  XlII,  p.  330.  Neben  rov  ^a- 
y.agiov  findet  sich  aber  auch  die  Formel  zov  iv  äyioig  :jarQÖg  rj^iön'  'A.  in 
der  Überlieferung.  Sie  ist  also  nicht,  wie  Bück  meint,  vom  Herausgeber 
Combefis  erfunden. 

-)  Vgl.  S.  Patris  Prodi  archiepiscopi  Coustaut.  Analecta  a  Yinceutio 
Riccardo  edita,  Komae  1630/e  domo  S.  Andreae  de  Urbe  p.  486ff.  und  den 
Kommentar  p.  496:  Haue  orationem  descripsi  ex  vetustissimo  manuscripto 
Crj'ptaeferrat.  A.  K.  et  contuli  cum  alio  pergameno  vetustissimo  meae 
bibliotheeae  et  est  etiam  in  Scoriaci  bibliotheca,  ut  ex  indiculo  a  vere 
amico  mihi  misso  accepi.  Quam  ut  verum  fatear,  nisi  Codices  essent  plus 
quam  octingenti  annoruui,  vix  Proclo  ascriberem,  cum  nuUa  fere  anti- 
thesis  Proclo  satis  familiaris,  nulla  parouomasia,  non  pressae  sententiae 
nee  sacrae  Scripturae  üosculis  inspersae  in  ea  reperiantur.  Der  zuerst 
genannte  Cryptaeferratensis  A.  K.  ist  (nach  Battifol:  Le  Vaticane  de  Paul  III. 
11  Paul  V.  p.  114)  identisch  mit  dem  Vaticanus  1553;  dieser  aber  enthält 


12  Bretz.  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

XIII.  IJgorge:nriy.ög  Jiegl  jiieTavoiag.  Die  Handschriften 
kennen  nur  Gregor  von  Nyssa  als  Verfasser: 

1.  Anglicanus  294  (vgl.  [Bernard]  Catal.  bibl.  Angliae  etc. 
I,  1697  p.  44)  Greg.  Xyss.  de  poenitentia. 

2.  Leidensis  inter  Codices  inde  ab  anno  1741  comparatos 
Xr.  8,    cod.  XXIII,  Chart,  s.  XYI.    Gr.  Xyss.  tzq.  ti.  per. 

'S.  Marciamis  fiS,  membr.  s.  XII,  Nr.  5.  Greg.  Xyss.  adhor- 
tatio  ad  poenit..  Xr.  6:  Greg.  Xyss.  eadem  quae  supra.  Offen- 
bar Sirmonds  Vorlage  für 

4.  Parisinus  suppl  399,  chart.  s.  XVI,  der  ebenfalls  die 
gleiche  Rede  zweimal  enthiilt,  aber  unter  verschiedenem  Titel: 
fol.  Sl— S7  (Greg.  Xyss.)  adversus  eos  qui  alios  iudicant  et 
conversione  indigent,  fol.  206 — 213  in  mulierem  peccatricem. 

5.  Monacensis  47,  chart.  s.  XYI,  fol.  14S — 155  rov  avrov 
(seil.  ro)]-/.  T.  JV.)  Tioox.  71.  jiiex. 

6.  Yindobonensis  theol.  239  (Nessel)  chart.  antiquus  fol.  118 
bis  129^  eiusdem  (seil.  Greg.  N.)  tiooxo.  n.  juer.  sive  oratio  ad- 
hortatoria  de  poen.    „Ex  hoc  Caesareo  edidit  Gretser"  (Nessel). 

XIY.  Äoyog  elg  rijv  äg'/Jjv  tcov  vyjoreicöy.  Auch  diese  Pre- 
digt bezeugen  die  Handschriften  übereinstimmend  für  Gregor 
von  Nyssa: 

1.  Ambrosianus  66  (A.  173  sup.),  membr.  s.  XI,  fol.  219 — 237. 
Greg.  N.  in  transgressionem  ss.  ieiuniorum. 

2.  Atheniensis  bibl.  nat.  457,  chart.  s.  XYI  rov  iv  äyioig 
jiazQog  tjjLixbv  Pgijy.  jSvog.  eig  tijv  Tiageloßaoiv  ))  cbg  slg  elevoiv 
T(bv  uyiüiv  v7]OTeicoi'. 

3.  Athous  2751  =  Moviig  Ao^eiagiov  11  (Lampros),  chart. 
s.  XY,  Nr.  1 3  Xöyog  äve7iiygaq:og.     Inc.  ^vrdexov  Qcöov. 

4.  Athous  4146  =  bibl.  /<ov?)?  'Ißvjgmv  2G  (Lampros),  membr. 
s.  XI,  Nr.  22  rgrjy.  N.  slg  t.  jiag.  x.  äy.  v. 

5.  Athous  5593  =:  bibl.  fxovfjg  navxe/.s)]jiiovog  87  (Lampros), 
membr.  s.  XI,  fol.  36'*''  rg}]y.  iV.  etg  x.  Tiag.  x.  äy.  v. 

6.  Athous  5708  =  bibl.  juoviig  UavxeXeijjuovog  201  ( Lampros), 
chart.  s.  XIX  (a.  181 1)  Fgi-jy.  N.  eig  x.  Trag.  x.  äy.  v. 


kein  Enkomion  auf  Stephauus,  wie  Franchi  de  Cavallieri  auf  Grund  einer 
genauen  Durchmusterung  an  Ort  und  Stelle  feststellt.  Der  Scoriacus  ist 
oÖenbar  der  Scorialensis  ^ — 111—20  (membr.  s.  IX)  mit  Väterhomilien  auf 
Steph.  von  Job.  Chrysostomos,  Proklos  u.  Gregor  von  Nyssa.  Doch  ist  nach 
den  Angaben  der  Bollandisten  (Anal.  BoU.  XX7I1I,  S.  362  ff.)  keine  mit 
unserer  Rede  identisch. 


Die  Überlieferung.  t3 

7.  Burneianiis-Britannicus  52  (Forshall),  membr.  s.  XIII XIV 
S.  Greg.  N.  Fgi^y.  N.  eig  r.  Tiag.  t.  uy.   v. 

8.  Constantinopolitanus  Maurogord.  bil)l.  S7  (Papadopulos- 
Kerameus,  Parartema  XYI),  chart.  s.  XYI,  fol.  301  roi]y.  N. 
Xöyog  elg  x.  Jiag.  t.  v. 

9.  Laurentiaiuis  plut.  YII,  cod.  20,  membr.  s.  XI,  Nr.  XIY, 
p.  139 — 147  Fo.  eTTioxönov  Nvoo}]g  eig  ri]v  ei'oxaoiv  (sie)  t.  ay.  v. 
Der  Schluß  weicht  von  dem  Mignesehen  Texte  etwas  ab. 

10.  Matritensis  bibl.  palatii  Kegii  4,  s.  XYI,  fol.  318. 

11.  Parisinus  gr.  773,  olim  Med.-Reg.  1S28,  chart.  s.  XY, 
fol.  83 — 91   Greg.  X.  hom.  in  ingressum  ieimi. 

12.  Parisinus  gr.  1199.  membr.  s.  XI,  fol.  162—188.  Ygl. 
oben  YI  2. 

13.  Patmensis  186,  membr.  s.  XI  ex.  Xr.  11. 

14.  Sinaiticus  330.  bombyc.  et  membr.  s.  XIY.  Gr.  Xyss. 
€t?  rr/v  ßdoiv  (sie)  r.  v. 

15.  Taurinensis  71,  bombyc.  s.  XIY,  fol.  310— 312. 

16.  Yaticanus-Alexandrinus  21  ^Planus  21,  membr.  s.  X, 
fol.  134;  vgl.  oben  XIT,  4. 

17.  Yindobonensis  theol.  239  (Xessel),  chart.  antiquus, 
fol.  93^ — 95  eiusdem  (seil.  Greg.  X.)  elg  xi]v  äox^p'  t.  v.  „in 
fine  mutila  aliquot  foliis";  fol.  96  — 107^  „eiusdem  orationis  S. 
Gr.  N.  in  princ.  ieimi.  sive  in  ingressum  ieiun.  quadragesimalis 
exemplar  aliud  integrum  e  duobus  diversis  codicibus.  Ex  hoc 
Caesareo  edidit  Gretser^'  (Xessel) ;  vgl.  oben  XIII,  6. 

XY— XXL  Die  7  bei  Migne  40,  p.  390—477  abgedruckten 
Psalmenhomilien  sind  in  Sammlungen  von  Predigten  des  lo- 
hannes  Chrysostomos  überliefert.  Zuerst  gab  sie  Cotelier^  aus 
einem  cod.  Regius  2402  unter  folgenden  Titeln  heraus: 

a)  eis  Tor  e  xpakf^ibv  löyog  a  .  Tä  S/j/iiaTd  uov  hcbnoag,  Kvoie, 
ovveg  Tjiy?  xgavyfjg  fiov  y.ai  rä  i$i]g.  Inc.  Ol  tö  fiaxdoiov  reXog 
(or.  XY). 

b)  etg  tÖv  avrbv  e  ri'a/.jiidv  ?.6yog  ß'.  Incip.  Ol'/  ovTCog  eojo- 
fpoQog  (or.  XYI). 

c)  etg  zöv  avTOV  e  y>a/.jnöv  älXcog  löyog  y  .  Incip.  "Qotisq  ol 
rcao'   f]fxiv  kajuTigoregoi  (or.  XYII). 

d)  etg  TÖv  avxbv  e  y'a?.^aöv  äXloig  löyog  ö' .  Incip.  Tä  g)]^aaTd 
juov  evcoTioag  Kvoie.    UoTa  .  .  (or.  XYIII). 


^)  Mouumenta  ecclesiae  Graecae.     Paris  16S1. 


14  Bretz,  Studieu  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

e)  eig  ri]v  iQ/.ii]veiav  tov  e  xpaAfxov  löyog  e,  iv  (o  xal  eig  zbv 
'IcoGrj(p.  'E?J'/ßi]  Ti]  jJLeydh]  devrega.  Inc.  Evcpoaiviodoi  xal  vvv 
(or.  XIX). 

f)  eig  TOV  g  y}a/.[xbv  ojm/Ja.  Inc.  2roaTio'jxov  nhififieltjoav- 
Tog  (or.  XX). 

g)  Etg  TOV  C  rpaXjjiov.  Kvgie,  6  deog  fxov,  im  ool  ip.Tiioa,  ooj- 
Gov  JUS.     Inc.  "Qoneo  6  T?)g  .  .  (or.  XXI). 

Die  Vorlage  des  Cotelier  ist  —  wahrscheinlich  infolge  Yer- 
schreibung  der  Nummer  —  nicht  mehr  zu  ermitteln;  denn  der 
frühere  Regius  2402  ist  der  Paris.  915,  für  den  Omonts  Katalog 
nur  „sermones  anonymi  exegetici"  verzeichnet^.  Eine  weitere 
Handschrift  dieser  Ilomilien  weist  Montfaucon  in  der  Vorrede 
zu  seiner  Chrysostomosausgabe  nach  (t.  V,  p.  XVIII):  Reg.  1962 
=  Parisinus  654,  membr.  s.  X.  Zahl  und  Anordnung  der  Pre- 
digten ist  in  dieser  Handschrift  nicht  die  gleiche  wie  in  der 
vorgenannten:  es  fehlen  ganz  or.  XVII  und  XX.  Schließlich 
deutet  Montfaucons  Zusatz:  Paene  eaedem  in  bibl.  Scorialensi 
auf  einen  Kodex  des  Eskurial,  zu  dessen  Identifizierung  die 
Angaben  des  Millerschen  Katalogs  nicht  ausreichen. 

XXn.  'OjuiUa  eig  tov  d'  ipali-iov  oder  eig  tÖ'  'Ev  -d/lxpei 
enlaTwag  juoi.  Inc.  "Doneg  6  tij  Jioixi/Ja  (in  der  Chrystomos- 
Ausgabe  des  Savilius,  t.  VII  p.  431  und  Montfaucons,  t.  V 
p.  546,  abgedruckt  bei  Migne  PG-  55,  p.  539  —  544).  Die 
Predigt  ist  teils  zusammen  mit  den  vorgenannten,  teils  gesondert 
überliefert,  aber  immer  unter  dem  Namen  des  Joh.  Chryso- 
stomos: 

1.  Ambrosianus  41  (A  116  sup.,  olim  I,  246\  membr.  s.  XII 
ex.,  fol.  108  TOV  ai'Tov  (seil.  'loidvvov  Xovo.)  in  eundem  psal- 
mum  (r\^). 

2.  Athous  18  =  bibl.  UgonäTov  18,  membr.  s.  X  (Lampros), 
Nr.  11. 

3.  Oxoniensis  miscell.  51  „complectitur  Codices  22,  quibus- 
opera  continentur  S.  Chrys.  omnia,  exemplaria  seil,  archetypa, 
quae  curante  v.  d.  H.  Savilio  Etonae  vulgata  sunt". 

4.  Parisinus  654  =  Reg.  1962,  membr.  s.  X,  Nr.  4,  von 
Montfaucon  kollationiert;  vgl.  oben  XV — XXI. 

5.  Patmensis  161,  s.  X,  Nr.  3  tov  avTov  (seil. '/co.  X^.)  vno- 
jiivi]fiaTa  eig  Tovg  ym?,juovg  a  ,  b' ,  eig  tov  avTOv  äXloig,  e ,  g,  T  »«cet  ?/. 

1)  Auch  Bauer  vermag  den  Kodex  des  Cotelier  nicht  zu  identifizieren, 
vofl.  seine  Dissertation  S.  77  f. 


Die  Überlieferung.  I5. 

(Die  Randbemerkung  zur  ersten  Honiilie  auf  Psqilni  4,  von  einer 
etwas  jüngeren  Hand:  yvtpiog  ovxog  xov  Xqvoootojuov  beweist, 
daß  schon  friilie  die  Frage  der  Echtheit  der  "2.  Predigt  auf 
diesen  Psalm  erörtert,  bzw.  verneint  wurde.) 

6.  AHndobonensis  theol.  105  (Nessel),  chart.  Nr.  9. 

7.  Angelicanus-Romanus  125,  olim  Sfortianus  11,  membr. 
s.  XI  (Ötudi  ital.  IV,  p.  164  und  YI,  p.  171),  enthält  die  Rede 
unvollständig  und  zwar  von  Anfang  bis  zu  den  Worten  tj)? 
diyMioovv7]g  jliov  (M.  55,  541  C)  und  dann  wieder  von  —  vwv 
ioraoiaCov  (M.  55,  542  A)  bis  zum  Schluß;  vgl.  oben  YII  2. 

Soweit  die  Übersicht  über  die  Überlieferung  der  bisher 
bekannten  asterianischen  oder  mit  Asterios  in  Beziehung  ge- 
brachten Reden.  Die  Durchmusterung  der  Kataloge  der  Athos- 
Klöster  förderte  nun  auch  für  zwei  vermißte,  nur  durch  Exzerpte 
des  Photios  bekannte  Asteriospredigten  Handschriften  zutage, 
nämlich : 

XXIII.  'AoTSQiov  ETiioxoTiov  "Afiaoeiag  sig  x6'  "Av&qcojtoi  ovo 
dveß}]oav  elg  rö  legöv  JiQOOEv^aoßai  (vgl.  Photios  bibl.  p.  500^)  im, 

Athous  4 1 46  =  bibl.  juov)~jg  'Iß/jQcov  26  (Lampros),  membr. 
s.  XI,  Nr.  7;  vgl.  oben  XIY  4. 

XXIY.  'AoT.  ETI.  A/ii.  slg  Tovg  ovo  vlovg  xovg  Ttagä  xco  Aovxä 
(vgl.  Phot.  bibl.  501  b). 

1.  Athous  2751  =  bibl.  fiovijg  Ao^eiagtov  11^  chart.  s.  XY 
(Lampros),  Nr.  2. 

2.  Athous  4146  =  bibl.  jnovijg  ''IßiJQCov  26,  membr.  s.  XI 
(Lampros),  Nr.  9;  vgl.  oben  XIY  4  und  XXIII. 

XXY.  Aus  der  verlorenen  Predigt  des  Asterios  elg  xijv  ai- 
jiioQQoovoav  (vgl.  Phot.  bibl.  p.  505^)  ist  handschriftlich  ein 
Fragment  erhalten  im  Ambrosianus  1041  (H.  257  olim  A.  28), 
membr.  s.  XIII,  fol.  143"^:  (Ast.  Am.)  ex  xov  elg  X7]v  aljuoQovv 
(sie),  ine.  y.axajud^cojiiei'  de  /mitiov  xvjg  la&eioi'jg  yvvaixög,  expl. 
äveVie  xov  yalxovv  ävdgtdvxa.  Außer  Photios  zitiert  die  Stelle 
auch  Nikephoros,  Patriarch  von  Kpel.,  beide  mit  dem  etwas 
abweichenden  Schluß:  äve'dexo  xfjg  7ioXi'/vr]g  xov  laXxöv.  Die 
Yermutung  liegt  nahe,  daß  das  Asteriosfragment  in  der  Hds. 
aus  dieser  Nebenüberlieferung  stammt. 


f6  Bretz.  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 


2.  Kapitel:  Die  Zeugnisse. 

Die  verwirrende  Fülle  der  Hdss.,  die  wir  für  die  einzelnen 
Reden  des  Asterios  zusammenstellten,  vermag  kein  deutliches 
Bild  von  der  Art  und  dem  Charakter  der  Überlieferung  zu 
geben.  Hier  helfen  die  meist  älteren  Zeugnisse  weiter,  in  denen 
zugleich  der  Grad  der  Einwirkung  des  Asterios  auf  die  Nach- 
welt deutlich  wird.  In  chronologischer  Anordnimg  sind  es 
folgende : 

1 .  Zum  ersten  Mal  begegnet  der  Name  des  Asterios  in  den 
Xonzilsakten  über  den  Bilderstreit.  3Ian  kann  sagen:  Die  Be- 
deutung, die  er  in  diesem  Kampfe  der  griechischen  Kirche  um 
ihre  Eigenart  gewann,  ist  es  allein,  die  ihm  und  den  meisten 
seiner  Predigten  ein  Fortleben  bis  auf  unsere  Zeit  sicherten; 
aber  auch  die  Echtheitsfrage  brachte  der  Streit  bereits  in 
Fluß : 

a)  In  der  4.  Sitzung  des  YII.  ökum.  Konzils  zu  Nicäa  im 
Jahre  787  wird  aus  einem  Kodex,  den  ein  Mönch  Thomas  aus 
dem  Kloster  Xip'oldxxog  herbeigebracht  hatte,  vor  den  ver- 
sammelten Tätern  verlesen:  rov  juaxagiov  IAoteqiov  eTiioy.oTiov 
'Ajuaoelag  Ey.(pgaoig  eig  Eu(pi]juiav  ri]v  juaQzvQa  (vgl.  Mansi  Conc. 
Coli.  XIII,  p.  16^  —  17'').  Die  Rede  machte  einen  gewaltigen 
Eindruck  auf  die  Anwesenden  ^. 

b)  Um  den  damit  beabsichtigten  Autoritätsbeweis  für  die 
Zulässigkeit  der  Bilderverehrung  zu  entkräften,  stellen  die  Bilder- 
feinde dieser  ey.cpgaoig  eine  abfällige  Meinung  des  Kirchen- 
vaters über  die  Bilder  entgegen ,  aus  der  Rede  elg  rov  AdCagov 
xal  tÖv  TiXovoiov  das  Verbot:  Mi]  yodfpe  rov  XoiotÖv'  ägyei  y^Q 
avrcp  i)  uia  Ti]g  ivocojuajcüoeojg  TaTieivcooig  (vgl.  Mansi  1.  c.  XIII, 
p.  abö^'ff.,  MPG  40,  168'').  Hierauf  wird  noch  einmal  die  ex- 
(pgaoig  ohne  das  Exordium  verlesen  (vgl.  Mansi  1.  c.  XIII, 
p.  308^—309»'  =  MPG  40,  336=^11-337^1)2.  Einen  kurzge- 
faßten Bericht  über  diese  Verhandlungen  gibt  Papst  Hadrian  I. 

V  Vgl.  das  Urteil  des  Bischofs  Theodor  von  Katana:  '0  fiaxdgio;  y.al 
"dsocpÖQog  diSdaxaXog  'Aoregtog  wg  dazyg  (jasivog  närton'  jjfiiör  rag  y.aobiag 
y.axrjvyaoEv ,  &oxe  ovh  s^oj  rov  ely.ÖTog  i)  y.aüohy.ij  ixx?.i]oia  jiagi/.aßs  rag  ayiag 
xal  oETcräg  slxörag,  d/.V  do^iobioig  xaXg  xo)v  dyiow  naxtQcov  tjuwv  didaoxa/.iaig 
i^axoXovOovaa. 

2)  In  dieser  Gestalt  gelangte  die  Rede  aus  den  Konzilsakten  in  das 
•oben  erwähnte  Florilegium  des  cod.  Parisiuus  gr.  1115.  Die  Notiz  des 
Barouius,  auf  dem  nicänischen  Konzil  sei  auch  die  Rede  des  Asterios  auf 


Die  Überlieferung.  1  7 

in  einem  IJrief  an  Karl  d.  Gr.  (vgl.  Mansi  1.  c.  XIII,  p.  7'.»'.»'* 
MPL  98,  1283). 

2.  Gegen  die  Auffassnng,  als  ob  Asterios  die  Bilder  ver- 
biete, wendet  sich  in  der  folgenden  Generation  mit  kühner 
Polemik  Theodoros  von  Studien  (ad  filium  Naucratem  IIb.  II, 
epist.  XXXYI  bei  Sirmond,  opera  t.  Y,  p.  348  ft'.:  'H  ovv  tov 
'AoTeoiov  im  /J^ecog  Tuöe'  fii]  yodrpe  Xgcardv  etc.)  ^ 

3.  Nikephoros,  der  Patriarch  von  Konstantinopel,  der  als 
Sekretär  des  Kaisers  selbst  den  Verhandlungen  in  Nicäa  bei- 
gewohnt hatte,  bestreitet  in  einem  Bericht  darüber,  daß  Asterios 
die  Bilder  habe  verbieten  wollen:  Aemegoy  jraodyovoiv ''AoTmioy 
Inioy.onov  'A/.iaosiag  eniyocKpojiiEvov  er  tco  7i£7ioi)]fih'Cp  avrqj  elg 
r 6v  Ttkovo lov  y.al   tov  ÄdCagov  Xoyov  qxxoy.ovxa  ovrcog'  Mij 

yQdq)e  tov  Xqiotov  etc OvTog  ö'ouv  "AoTsgiog,  öoov  ix  Tijg 

imyQaq.v'jg  tov  AÖyov  roeiv  iy.didojoiv,  ov  qmlreTai  7iQOi]yovfj,evo)g 
ovde  TOV  Xqiotov  äjisigyojv  eiy.ovi'Qeodai  etc.  (Antirrhet.  II  bei 
Combefis  Auctar.  Nov.  1,  p.  238,  p.  267*=).  Als  Beweis  führt 
er  die  Kede  des  Asterios  auf  das  blutflüssige  AVeib  an,  Avorin 
eine  auf  dieses  AVeib  gedeutete  Statue  in  Jericho  als  Denkmal 
der  Frömmigkeit  dieser  Stadt  gelobt  werde.  Zugleich  lehnt 
er  es  ab,  auf  die  Frage  einzugehen,  ob  der  Verfasser  dieser 
Rede  mit  dem  der  vorgenannten  identisch  sei:  'ErcojtiErMg  de 
zovTOtg  eioi'j/do)  TidAiv  'AoTeoiog,  ei  /t/)  Tiaod  tov  ev  yßQolv  eTeoog, 
f]  ä/j'jdeia  eideu]  dv  /.lov)]'  f]f.ieTg  de  ovder  tovtov  ye  dioiooueda' 
€1  de  6  ai'Tog  ioTiv,  ai'TO&ev  ToTg  oly.eioig  To^evfiaoi  ßalleodoiaav 
etc.  (Comb.  1.  c.  p.  273'^).  Endlich  weist  er  auf  die  Bedeutung 
der  Ekphrasis  auf  Euphemia  für  die  Sache  der  Bilderfreunde 
hin:  Ei  de  Jiov  y.al  tteoI  tcov  ieoäiv  tcöv  äyioyv  fioocpa)[.idT€Ov  äyio- 


Phokas  vorgelesen  worden,  hat  schon  Tillemont  für  irrtümlich  erklärt. 
Trotzdem  lesen  wir  bei  Koch  über  ,,Asterius  von  Amasea'',  Ztschr.  f.  prot. 
Theologie  41  (1871)  1,  p.  83:  .,Öehr  gute  Aufnahme  fand  in  Nicäa  auch 
die  von  Asterius  auf  den  Märtyrer  Phokas  gehaltene  Rede."  Mit  Recht 
warnt  Krüger  vor  den  vagen  Behauptungen  dieses  Aufsatzes  (bei  Hauck. 
R.  E.  f.  pr.  Th.''  unter  „Asterius"). 

^)  Das  genaue  Datum  dieses  Briefes  fehlt  in  der  chronologischen 
Übersicht  der  Vorrede,  die  von  Baronius  stammt:  die  Briefe  des  II.  Buches 
fallen  aber  in  die  Jahre  814  —  25.  —  Eine  Pariser  Hds.  dieses  Buches 
(cod.  Reg.  709)  trägt  die  Randnotiz:  ^lorsov  wg  eoitv 'Aoieoiog  v:i6  zov  ayioi- 
zdrov  ^(oq^ooviov  ev  röig  aviov  ovvodiHoTg  dvaßs/iari^öfievog  fial  vstö  älXov 
natQog  \4.no/.hvooko  xal  Evrvyei  owraTTouevog.  Solche  Verwechslungen  des 
Amasener  Bischofs  mit  dem  berühmteren  Arianer  Asterios  begegnen  immer 
•wieder. 

T.  u.  U.    13:  Bretz.  2 


•jg  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

TioETiwv  f]/nTv  'Aoreoiog  öia/Jyerai,  OTiold  ioztv  amg  eig  Tyv 
TT o ?.v ev (f  1)1^1  ov  judoTVQa  Evq?i]juiav  e^icpQaoev,  v7Teoy.eio&(o 
rä  vvv,  ov  TioXlöj  de  vozegov  ei'y.aioojg  y.al  y.arä  xbv  oiy.eXov  na- 
ga/MjLißaveodo)  totiov  ,  otiÖxe  y.al  xarä  tcTjv  dyicov  ol  tcov  äyicov 
e/dioTOi  ri]v  Tiaooiviav  öiaoy.Evd'Qovoiv  (Comb.  1.  c.  p.  277^). 
Combefis  zitiert  diese  Stellen  des  2.  Antirrhetikus  nach  einem 
Manuskript  des  Allatius,  dessen  Vorlage  unbekannt  ist.  Merk- 
würdigerweise finden  sie  sich  in  dem  uns  überlieferten  Texte 
dieses  Buches  entweder  gar  nicht  oder  in  stark  verkürzter 
Fassung;  es  wird  einmal  das  Zitat  aus  der  Rede  auf  Lazarus 
und  die  Ekphrasis  kurz  erwähnt:  ""O  de  ttuvtcov  avrcov  fidhora 
y.rnaioyvvEL  t)]v  ävoiav,  ov  ovvrjy.av  ol  öeilaioi.  Ilaviayov  ydo 
avToi  ävd  oröjiia  eyovreg  TiooocpeQovoi  röv  öiödoxalov  'Aoregtov 
TXQOOTdnovxa  ri;  ,21)]  ygdcpe  tov  Xqiotov',  ov  /.ujv  ,ju)]  TieoiygacpE' 
öiay.elEvöfxevov  ovro)  ök  y.ad''  yjuäg  'AoiEgiog  iv  tj]  xard 
Tijv  äyiav  /.idgruga  Evcfij^uiav  Excf  gdoEi.  ,Eidor  exeT  yga- 
(pTjv  Tiva  (Antiri'het.  II,  cap.  16  bei  Mai,  Nova  bibl.  patr.  Y, 
p.  69  =  MPG  100,  364c-d)i.  Dann  wird  im  3.  Antirrh.  ein- 
mal die  Homilia  Eig  t))v  aluöggovv  angeführt  —  mit  einer  kurzen 
Hindeutung  auf  die  schwebenden  Zweifel  über  ihren  Verfasser: 
'AoTEgiog  de  —  juvijjurjg  ydg  xal  tovtov  d^iovv  rd  vvv  öixaiov  — 
eIte  ov  avTol  diddoxaXoi  Indyovrai  i]  öoztoovv  Eiegog  —  AoiEgiog 
ovv  djucog  Ev  zw  Eig  zijv  aijuoggovv  iyxwjuio)  etc.  (Antirrh.  III, 
cap.  6  bei  Mai  XBP  V,  p.  78  =  MPG  100,  384  c-d). 

Diese  Berichte  des  kaiserlichen  Sekretärs  in  Nicäa  geben 
einen  genauen  Einblick  in  den  Verlauf  der  Verhandlungen:  Die 
Ikonoklasten  brachten  für  ihre  Sache  das  Argument  aus  der 
Rede  auf  Lazarus  vor  und  bestritten  die  Autorschaft  des  gleichen 
Asterios  für  jene  Reden,  aus  denen  Gegenargumente  geltend 
gemacht  w^urden,  nämlich  für  die  Ekphrasis  und  die  Predigt 
auf  das  blutflüssige  ^Veib;  zu  einer  Entscheidung  scheint  es 
nicht  gekommen  zu  sein,  da  der  Berichterstatter  diese  Frage 
offen   läßt.     Es    fehlte    dazu   offenbar  eine    sichere   Grundlage. 


^)  Combefis  führt  sogar  Varianten  für  den  Text  der  Euphemiarede 
aus  Nikephoros  an;  dazu  bemerkt  Keil  bei  Strzygowski  p.  118:  .,Ich  finde 
weder  im  2.  Antirrhetikus  noch  überhaupt  im  gesamten  Nikephoros  die 
Asteriosrede  ausgeschrieben.  S.  364  c.  M.  wird  kurz  nach  dem  Gedächtnis 
zitiert:  stSov  fy.el  yQacpi]v  riva,  weiter  nichts.  Dieses  Zitat  steht  allerdings 
im  2.  Antirrhetikus.  Entweder  hat  also  C.  eine  völlig  andere  Fassung 
dieser  Schrift  gehabt  oder  er  hat  sich  im  Schriftsteller  überhaupt  geirrt." 
Statt  Combefis  ist  hier  sein  Gewährsmann  Allatius  einzusetzen. 


Die  Cberlielening.  \Q 

Dies  ist  ein  bedeutsames  ZeicluMi  fiii'  (li(;  Unsicherheit  der  Über- 
liet'eiuiig-  jener  Heden.  Das  Bestehen  (jines  «5;eschh)ssenen  Corpus 
von  Asteriospredigtcu  kann  Jedenfalls  schon  für  jene  Zeit  nicht 
angenommen  werden. 

4.  An  der  Lösung  der  Eclitheitsfrage  versuchte  sich  der 
Nachfolger  des  Nikephoros  auf  dem  Patriarchenstuhl,  Photios. 
Mit  klaiHir  kritischer  Methode  argumentiert  er  für  den  Verfasser 
der  Eupheniiarede:  Die  feine  Kunst  der  Beschreibung  des  Bildes 
vom  Martyrium  der  hl.  Euphemia  ist  genau  die  gleiche,  wie  wir 
sie  an  der  detaillierten  Zeichnung  des  Auges  in  der  zweifellos 
echten  Rede  des  Asterios  ^/s  rov  ix  xoi/Jag  xvqplov  bewundern; 
also  rühren  beide  vom  gleichen  Verfasser.  Dies  kann  nur  der 
Bischof  von  Amasea,  nicht  der  Arianer  Asterios  sein;  denn  die 
zweite  Rede  enthält  ein  orthodoxes  Glaubensbekenntnis  (Phot. 
bibl.  cod.  271,  p.  503^  12— 20  B).  Die  Frage  berührt  er  noch 
einmal  in  den  xVmphilochien  (vgl.  MPG  40,  p.  477B),  wo  er 
Asterios,  den  Autor  der  Ekphrasis,  von  den  Trägern  des  gleichen 
Namens  nach  Alter  und  Bekenntnis  unterscheidet. 

Aber  nicht  durch  seine  Kritik,  sondern  durch  seine  Tätig- 
keit als  Exzerptor  hat  Photios  jene  zentrale  Bedeutung  ge- 
wonnen, die  ihm  in  der  Überlieferungsgeschichte  des  Asterios 
zukommt:  ihm  verdanken  wir  in  erster  Linie  die  Kenntnis  dieser 
Überlieferung  nach  Umfang  und  Art.  Unter  den  von  ihm  ex- 
zerpierten Homilien  sind  4,  die  in  vollständiger  Gestalt  bis  heute 
noch  nicht  zum  Vorschein  kamen  (siehe  unten  Nr.  3.  5,  7  u.  1 0), 
und  3  andere,  die  in  der  Hauptüberlieferung  unter  Gregor  von 
Nyssa  oder  Proklos  gehen  (Nr.  1,  2  u.  8);  möglicherweise  kannte 
er  noch  andere,  von  denen  sich  sonst  keine  Spur  mehr  er- 
halten hat;  er  zitiert  nämlich  in  den  Amphilochien  eine  An- 
gabe, die  Asterios  über  sich  selbst  in  einigen  Reden  gemacht 
haben  soll  (vgl.  MPG  40,  p.  477  B  (hg  ev  tloiv  avrov  imv  Xoycov 
öiakafißävei.,  eig  ßa&v  yijoag  rov  ßiov  y.aT}p>T)]GEv)^  ohne  daß  wir 
davon  in  den  uns  ganz  oder  dem  Lihalt  nach  bekannten  Reden 
ein  Wort  entdecken  könnten.  Aber  ganz  abgesehen  von  dem 
inhaltlichen  Werte  dieser  Predigten  fordert  schon  die  bloße 
Tatsache,  daß  Photios  zehn  nacheinander  nennt,  eine  besondere 
Beachtung:  sie  widerspricht  dem  verwirrenden  Bilde,  das  uns 
die  Übersicht  über  die  direkte  Überlieferung  bietet.  In  dieser 
sind  nämlich  die  einzelnen  Reden  in  den  verschiedensten  Hand- 
schriften zerstreut.  Nur  selten  sind  zwei  in  einem  Kodex  ver- 
einigt; eine  Ausnahme  macht  nur  der  Laurentianus  plut.  7  cod.  1 

2* 


20 


Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 


mit  den  offenbar  von  ihm  abhängigen  beiden  jungen  Hdss..  wo 
die  ersten  5  Reden  zusammen  überliefert  sind,  mid  der  Athous 
4146,  der  3  Predigten  des  gleichen  Autors,  allerdings  mit 
anderen  vermischt,  enthält.  Bei  diesem  Zustand  der  IJber- 
lieferung  läßt  sich  die  Existenz  eines  Sammelkodex,  der  den 
ganzen  Nachlaß  des  Asterios  einmal  umfaßt  habe,  kaum  denken. 
Hiergegen  spricht  auch  die  Tatsache,  daß  man  bereits  im  Bilder- 
streit die  Echtheit  einer  Rede  bestreiten  konnte.  Sollte  mm 
dennoch  Photios  in  dem  von  ihm  exzerpierten  Kodex  271  eine 
solche  Sammelhandschrift  vor  sieh  gehabt  haben? 

Über  die  Art  der  Vorlage  des  Photios  wird  sich  nur  dann 
etwas  Sicheres  behaupten  lassen,  wenn  in  der  Reihenfolge,  in 
welcher  die  Asteriosreden  bei  Photios  aufgeführt  werden,  ein 
bestimmter  Plan  entdeckt  werden  kann.  Dies  ist  nun  wirklich 
der  Fall.  Notieren  wir  nämlich  zu  jeder  Predigt  den  ihr  zu- 
grunde gelegten  Text  des  Evangeliums  und  daneben  in  einer 
3.  Spalte  den  Tag  des  Kirchenjahres,  auf  welchen  in  den  alten 
Synaxarien  die  Vorlesung  der  Perikope  angesetzt  ist^,  so  er- 
halten wir  folgendes  Bild: 


I. 

Reihenfolge  der  Redeu  bei  Photios 
cod.  271 

II.  Peri 

kope 

III.  Tag  des 
Kircbeujabres 

1. 

Tov     fiaxagiov     'Aoregiov     £:nr,y.6:iov 

'AfiaoEiag 
EX   TOV    jTQOToemxzixov  sh  rijv  /lerä- 

voiav 

[Luk.  7. 

36— io] 

[z.  ß"  T.  d'  Luc. 
(eßSojudg  21/J 

2. 

rov  avTOv  sig  rov  TtQOizofiäorvQa  ^ts- 

(pavov 

— 

— 

3. 

rov  avzov  elg  x6  ""Aj'ßQWTiog  rtg  xazs- 

xvQiaxi]  1]   Luc. 

ßaivev  djiö  ^Isgovoa?Jjfi  eig  'legi/oj 

Luc.  10, 

25-37 

(Eßho^i.  2b) 

4. 

TOV  avTOv   elg  t6  '"Av{^qu>jioi  ovo  drs- 

xvoiaxij  id'  Luc. 

ßtjoav  elg  zo  Ieqov  :jQ0OEv'^aoßai 

„     18, 

10—14 

(eßdofi.  31  j 

5. 

TOV  avTOv  TOV  Zaxxaiov 

„     19, 

1—10 

xvoiaxf]  te'  Luc. 
^(Eßhoit.  '62) 

6. 

TOV  avzov  Eig  Tovg  dvo  vtovg  zovg  jzaQa. 

xvoiaxij  itf  Luc. 

TCO  Aovy.ä 

.,     15, 

11—32 

'(eßdoit.  34y 

7. 

TOV  avTov  Eig  tov  dovXov  tov  kxazov- 

aaßßäro)  e  Luc. 

TUQyov,  ov  6  KvQiog  i&£Qä:JEvoEV 

^, 

3—10 

(eßdofi.  22y 

8. 

TOV    avTov    sig    tijv    ^zaQEloßaoiv   TÖiv 

vrjOTEiöJr 

— 

— 

9. 

TOV  avzov  eig  rov  ix  xodiag  rv(fl6v 

.lob.  9.  1 

--3? 

xvQiaxij  e'  Job. 

10. 

TOV    avTov   eig    rör  'läeiQov    xal    Ttjv 

aaßßdzo)  ^' 

ai/Lio(3^oovoav. 

Matth.  9 

.  1S-2G 

Matth. 

1)  Vgl.  das  bei  Gregory.  Textkritik  de,s  N.  T..  I  (1900).  S.  343  ff.  ab- 
gedruckte Syuaxar. 


Die  Überlieferung.  21 

Es  7,ei<;-t  sich,  dal.»  die  Gni|»|ii<'run^  der  Asteriosreden  in 
dem  Kodex  des  Photios  keine  willlvüiliche  ist;  sie  schließt  sich 
zwar  nicht  der  Reihenfolge  der  Texte  im  N.  T.,  wohl  aber  der 
chronologischen  Ordnung  an,  in  welcher  vom  Beginn  der  Fasten- 
zeit an  die  Evangelien  (Joh..  Mattli.,  Markus,  Lukas)  und  inner- 
halb derselben  die  einzelnen  Perikopen  gelesen  zu  werden 
pflegten.  Auch  die  Stellung  der  letzten  Lukaspredigt  (Nr.  7) 
stört  diesen  Plan  nicht:  sie  ist  als  die  einzige  Predigt  auf  eine 
Sabbatperikope  des  Lukas  aus  der  Reihe  der  Sonntagsperi- 
kopen  herausgenommen  und  an  den  Schluß  der  Lukaswochen 
gesetzt  worden.  Die  Stelle  der  ersten  Predigt  aber  ist  wohl 
nicht  durch  den  Bibeltext,  von  dem  sie  ausgeht,  sondern,  wie 
der  Titel  zeigt,  durch  ihren  Charakter  als  Büßpredigt  bestimmt; 
als  solche  war  sie  überhaupt  nicht  festgelegt,  konnte  also  inner- 
halb des  Kirchenjahres  mehr  als  einmal  gelesen  werden. 

Haben  wir  nun  in  dieser  Angabe  wirklich  die  Anlage  des 
von  Photios  benützten  Kodex  oder  hat  der  Patriarch  etwa  selbst 
erst  diesen  ihm  durch  den  kirchlichen  Brauch  an  die  Hand 
gegebenen  Plan  in  die  Sammlung  gebracht?  Die  zweite  Alter- 
native wird  widerlegt  durch  die  Beobachtung,  daß  auch  die 
uns  erhaltene  handschriftliche  l'berlieferung  noch  deutliche 
Spuren  der  gleichen  Anordnung  aufweist.  Der  Athous  -4  146 
=  Jviron.  26.  der  schon  darin  eine  Verwandtschaft  mit  dem 
Photioskodex  erkennen  läßt,  daß  er  allein  die  beiden  uns  bis- 
her nur  aus  Photios  bekannten  Homilien  4  und  6  enthält  — 
nur  in  dem  jungen  Athous  2751  =  Dochiar.  77  findet  sich  noch 
Xr.  6  — .  hat  diese  mit  Nr.  S  auch  in  der  gleichen  Reihenfolge 
wie  Photios:  es  folgen  also  im  Athous  4146  aufeinander  Nr.  4, 
Nr.  6  und  Nr.  8.  während  die  Nr.  5  und  Nr.  7  des  Photioskodex 
ausgelassen  sind.  Endlich  gewähren  auch  die  Handschriften 
der  panegyrischen  Reden,  soweit  sie  mehr  als  eine  derselben 
enthalten,  das  durchaus  gleichartige  Bild  einer  ähnlichen,  durch 
den  kirchlichen  Gebrauch  bestimmten  chronologischen  Anord- 
nung: die  Reden  sind  in  der  Reihenfolge  der  Festtage  des 
Kirchenjahrs  aufgeführt,  zu  denen  ihr  Inhalt  in  enger  Beziehung 
steht.     Dies  ergibt  sich  aus  folgender  Tabelle: 


22 


Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Aiuasea. 


I.  Auszug  aus  dem 
Festkalender 


II.  Festpredigten 


III.  Codices 


1.  16.  Sept.  (11.  Juli) 

Euphemia 

2.  22.  Sept.  ^22.  Juli) 

Phokas 

3.  19.  Dez.  Daniel  u. 

Susanne 

4.  26.  Dez.    Stepha- 

nus 

5.  Beginn    der    Fa- 

stenzeit. 

G.  Sonntag  nach 
Pfingsten.  Aller- 
heiligen 

[6a    y.voiay.f]  s    Joh. 
Joh.  9,  1—38 

7.  29.  Juni.  Petrus  u. 
Paulus 


Ey.rpQaaig  elg  ri]r  ayiav  Ev- 

qnjfiiar  Ttjv  fidoivQa 
Eyxojniov   elg   rot'  legoiidg- 

rvga   ^Maär 
Aoyog  eig  zov  :Tooq~i''jTt]r  Aa- 

viij).  y.ai  Swoäi'vm- 
'Eyfcoj/ttov    slg    t6v    ttocoto- 

^täoTvga  2TE(pa%'ov 
Äöyog    eh    rip'    jiaQei'aßaaiv 

'Eyxo)/itov  et?  Tovg  äyiovg 
ftäoTi'Qccg 

Aoyog  eig  xov  ex  y.oi).iag 
zvcplöv] 

'Eyy.difiiov  eig  rovg  äyiovg 
yoovfpaiovg  d::Toar6Xo}v 
IJetoov  y.ai  TTavÄov 


[  l-|-2  Cod.  bibl.  Leicester. 
[91,  Marc.  360,  Paris.  1177 


4+5  Vatic. 
Piau.  21 


3-1-5  Paris. 
1199 


6a+7  Coislin.  Paris.  107. 


Somit  können  wir  sagen :  Sowohl  für  die  Anordnung  der 
panegyrischen  als  auch  für  die  der  exegetischen  Predigten  des 
Asterios  ist  in  den  Handschriften  der  chronologische  Gesichts- 
punkt maßgebend,  selbst  dann,  wenn  einmal  wie  im  Coislin. 
Paris.  1U7  (vgl.  Nr.  C  und  1)  beide  Gattungen  vermischt  vor- 
kommen. Das  Gleiche  ist  der  Fall  bei  Photios.  Seine  Vorlage 
stellt  sich  demnach  wie  viele  unserer  Handschriften  als  ein  Teil 
eines  Homiliariums  dar,  d.  h.  einer  Sammlung  von  Predigten 
auf  die  Sonn-  und  Festtage  des  Kirchenjahrs.  Photios  hatte 
also  keinen  eigentlichen ,  reinen  Sammelkodex  von  Asterios- 
predigten  vor  sich,  vielmehr  eine  Handschrift  oder  einen  Hand- 
schriftenkomplex,  worin,  wie  die  gewtihnliche  Anlage  der  Homi- 
liarien  erkennen  läßt,  mehrere  Grup})en  inhaltlich  gleichartiger 
Reden  von  verschiedenen  Yerfasscrn  zum  Zwecke  der  Vorlesung 
an  den  betreffenden  Sonn-  oder  Festtagen  zAisammengestellt 
waren.  Damit  ist  auch  der  Wert  seines  Zeugnisses  für  die 
Autorschaft  der  von  ihm  exzerpierten  Reden  bestimmt:  es  ist 
der  Art  nach  nicht  höher  einzuschätzen  als  die  Lemmata  unserer 
Handschriften;  denn  auch  für  die  Abschreiber  eines  solchen 
Homiliars  war  die  Gefahr  einer  Verwechslung  der  Autornamen, 
welche  die  Glaubwürdigkeit  unserer  handschriftliehen  Überliefe- 
rung beeinträchtigt,  ebenso  vorhanden.  Wenn  daher  die  Rede 
.auf  Stephanos,    die   Büß-  und    die   Fastenpredigt    bei  Photios 


Die  Überlieferung.  23 

unter  dem  Namen  desAsterios  erscheinen,  während  sie  dielland- 
sohrifton  unter  dem  des  Gregor  von  Nyssa  oder  des  Proklos 
bringen,  so  hat  jenes  Zeugnis  vor  diesem  im  Grunde  nichts  als 
das  höhere  Alter  voraus. 

5.  Xach  einem  ähnlichen  Prinzi))  wie  die  gemischten  Ho- 
miliarien  i?ind  die  sog.  Katenen  angelegt,  nur  daß  hier  mit  dem 
Zitat  der  bloße  Xame  des  Verfassers,  nicht  der  Titel  der  Pre- 
digt, aus  der  es  genommen  ist,  angegeben  wird.  Es  ist  also 
gegenüber  diesen  Angaben  noch  größere  Vorsicht  am  Platze 
als  bei  denjenigen  der  Homiliarien  und  Handschriften.  Diese 
Vorsicht  wurde  nicht  immer  beachtet.  So  fand  z.  ]i.  Cotelier 
in  2  Psalmenkatenen  unter  dem  Lemma  Asterios  Zitate  aus 
Psalmenhomilien,  die  unter  des  Chrysostomos  Werken  hand- 
schriftlich überliefert  sind.  Er  bezog  den  Xanien  ohne  weiteres 
auf  den  Amasener  Bischof  und  wies  ihm  die  Bruchstücke  mit- 
samt den  Homilien  zu  (Cotel.  Monum.  graec.  eccles.  II,  p.  516; 
vgl.  Catena  Corderii  I,  p.  84,  112,  113,  132\  Daraus  sind  sie 
jetzt  bei  Migne  zusammen  mit  den  übrigen  Predigten  des 
Asterius  Amasenus  abgedruckt.  Xun  findet  sich  aber  sonst 
kein  Beleg  dafür,  daß  dieser  auch  Predigten  auf  Psalmen  ver- 
faßt habe.  Dagegen  sind  solche  für  den  berühmteren  Xamens- 
genossen  des  Amaseners,  für  den  Arianer  Asterios  schon  von 
Hieronymus  bezeugt  i.  Ferner  gibt  es  in  sehr  alten  Hand- 
schriften zweier  Psalmenkatenen  Asteriosscholien,  die  mit  dem 
unterscheidenden  Zusatz  'Ageiavög  versehen  sind 2.  Sie  be- 
stätigen die  Vermutung,  daß  Material  aus  jenem  Psalmenkom- 
mentar des  Arianers  Asterios  in  die  Katenen  Aufnahme  fand. 
Wohl  findet  sich  gelegentlich  auch  einmal  zu  'Aoreoiog  der  Zu- 
satz 'Ajiiaoeiag,    aber   nur   in   einer    späten   Hds.   (Hierosolymit. 

1)  Hieron.  de  vir.  ill.  cap.  XCIV,  ed.  Richardson  T.  U.  XIV,  1,  p.  46: 
Asterius  Ariauae  pliilosophus  factionis  scripsit  regnante  Constantino  in 
epistuiam  ad  Romanos  et  in  Evangelia  et  in  Psalmos  eommeutarios  et 
multa  alia,  quae  a  suae  partis  homiuibus  studiosissime  leguntur. 

-)  Vgl.  Vatic.  gr.  1789,  s.  X  f.  4  (zu  Ps.  1,  i)  'JoteoIov  'Aoeiavov.  Inc. 
'A:iö  nanaotaiiov  ijo^aio  r/;c  ri'a/.ucodiag  6  Aaveid.  expl.  ovrcog  y.ai  oi  y.a>cö- 
(f^Qove;  dasßsig  <oi  y.ay.ojg  aeßötieroi.  Corderius  p.  8  hat  hier  einen  etwas 
veränderten,  z.  T.  verderbten  Text.  Vgl.  ferner  Paris.-Coisl.  gr.  10,  s.  X. 
fol.  29^"  'Adgiarov  yarä  avTiOTOocfip'.  Inc.  'Ert'ozs  de  y.ai  8ia  iiayooTEoov  Ttjy 
urTioTOOffijr  (zu  Ps.  20,  13)  und  fol.  189 v  Adgiarov.  Inc.  'Ey.  usrarfooä;  x6 
rovg  naoay.a/.ovuEvovg  (zu  Ps.  73,  ii).  Der  Name  Aöoiavög  findet  sich  nach 
dem  Katenenkatalog  von  Karo  —  Lietzmann  nicht  mehr  in  den  Katenen. 
Er  ist  also  wohl  hier  aus  'JuEiavov  entstellt. 


2-i  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Patriarch,  bibl.  ly.  rr/g  ^irxvgag  tov  Zdßßa  cod.  SOS  a.  1587),  wäh- 
rend eine  andere  etwas  ältere  Hds.  schwankt  (Hieros.  Patriarch. 
TOV  Tijuiov  Zxavoov  cod.  1,  s.  XIV/XV),  Erwägt  man  dazu 
noch,  daß  die  abendländische  Kirche  ein  Interesse  daran  hatte, 
den  Xanien  des  Arianers  zu  unterdrücken,  so  erhalten  die  an- 
geführten Zeugnisse  für  diesen  ihr  volles  Gewicht.  Doch  ist 
damit  die  Frage  nach  dem  A'^erfasser  jener  Psalmenhomilien 
noch  nicht  endgültig  entschieden:  sie  muß  vielmehr  einer  be- 
sonderen Untersuchung  vorbehalten  bleiben,  die  erst  geführt 
werden  kann,  wenn  einmal  das  in  den  Psalmenkatenen  erhaltene 
Asteriosmaterial  publiziert  ist  und  nachgeprüft  werden  kann. 

Yon  den  in  den  Evangelienkatenen  überlieferten  Asterios- 
fragmenten  sind  alle  mit  einer  Ausnahme  sicher  dem  Amasener 
zuzuweisen.  Seiner  Herkunft  nach  zweifelhaft  ist  nur  ein  in 
der  Matthäuskatene  des  Niketas  stehendes  Bruchstück.  Es  ist 
dort  mit  dem  Kommentar  des  Katenenschreibers  verschmolzen, 
konnte  aber  mit  Hilfe  einer  andern  Katene  von  Sickenberger 
(Titus  von  Bostra  T.  U.  XXI.  1  p.  53)  agnosziert  werden.  Es 
steht  zu  Matth.  2,  2  und  lautet:  Tdya  de  xal  xf/g  ävTixeiiuevi]g 
övvdjiieojg  rfj  ejiicfaveia  rov  Kvqiov  ävoneoag  XoiJibv  yevoijLevrjg 
ahßojiisvoi  y.axaoyov jj.EV)]g  xrjg  heoyeiag  avxcoi'  jiieyd?Jiv  xi/v  dv- 
vajiuv  xcp  xeyßEvxi  7ioooefJ.agxvoovv  öid  xovxo  evgovxeg  x6  Tiaidiov 
TiQOoey.vvYjoav  avxcö  ev  öcogoig.  Ob  wir  hier  ein  Zitat  aus  dem 
Evangelienkommentar  des  Arianers  oder  aus  einer  verlorenen 
Predigt  des  Amasener  Bischofs  vor  uns  haben,  läßt  sich  nicht 
entscheiden.  Dagegen  sind  zweifellos  Eigentum  des  letzteren 
die  in  zwei  Lukaskatenen  überlieferten  Asteriosscholien.  Die 
eine  enthält  4  Bruchstücke,  von  denen  aber  nur  eins  bereits 
abgedruckt  ist:  es  steht  zu  Luk.  8,43  und  erweist  sich  als  ein 
verkürztes  Zitat  aus  der  Homilie  eig  xijv  a{u6ggovv  Ai'X)]  de 
ioxlv  fj  ev  Ilaveddi  xcp  Xgioxco  oxi'joaoa  xov  yakxovv  ävögidvxa 
eig  dfxoißijV  xvjg  evegyeoiag^  ov  y.al  im  Ma^tjLiiavov  y.aOaige- 
dfjvai  {(faoi?)  xov  dvooeßovg  ngb  xov  jueyd/.ov  Kcovoxavxivov 
ßaodevovxog  ^.  Die  andere  ist  die  Katene  des  Xiketas  von 
Heraklea.  Sie  enthält  27  Asteriosscholien.  die  in  der  von  Mai 
veranstalteten  Teiledition  gedruckt  sind  ^Script.  Vet.  Nov.  Col- 
lect. IX,  vgl.  die  lateinische  Rezension  dieser  Katene.  die  Lukas- 


1)  Bei  Mai,  Nova  patrum  bibl.  IV,  1,  p.  l'JS;  benützt  und  besprochen 
bei  E.  von  Dobschütz:  Christusbilder  p.  255 '^•.  Vollständiger  kehrt  es  wieder 
in  der  Niketaskatene  zu  Lukas. 


Die  Überlieferung. 


25 


katene  des  Conleriiis,  Antwerpen  H')2Si.  Nach  der  Untersuchung 
Siokenbergors  (Die  Lukaskatene  des  Niketas  von  Ileraklea  T.  U. 
XXII,  4)  benützte  der  Verfasser  dieses  KettiMikoninientars  nicht 
immer  die  Originale,  sondern  vielfach  Mittelquellen.  Dies  trifft 
auch  für  sein  Verhältnis  zu  den  Asterioshomilien  zu.  Von  der  Rede 
etg  Tov  iy.  y.oi'/ua^  TvqAov  sind  große  Al>schnitte  unbenutzt  ge- 
blieben; was  benutzt  ist  wie  MPCt  40,  '252  d— 253  c,  erscheint  in 
stark  verkürzter  und  umstilisierter  Gestalt.  Und  zwar  deckt 
sich  die  Auswahl  der  Stellen  und  die  Art  ihrer  Yeränderung 
fast  ganz  mit  der.  die  man  bei  Photius  beobachtet,  und  ein 
genauer  Vergleich  ergibt,  daß  Xiketas  nicht  aus  dem  Original, 
sondern  eben  aus  Photios  geschöpft  hat.  Die  peinliche  Sorg- 
falt, mit  der  er  sich  an  diesen  anschließt,  zeigt  sich  u.  a.  auch 
darin,  daß  er  zu  der  bei  Luk.  IS,  .c.  ff.  erzählten  Blindenheilung 
das  Photiosexzerpt  aus  der  Rede  elg  röv  ex  xodiag  TV(pl6v, 
der  doch  eine  Perikope  des  Johannesevangeliums  zugrunde  liegt, 
ausschreibt,  nicht  ohne  auf  den  Unterschied  aufmerksam  zu 
machen;  vgl,  p.  703  Mai  "Etego^  ovxog  sotiv  6  TvrfXog  nagä  röv 
tx  yevETijg  ov  7(odrr)]g  /.lejinnjTai.  Mit  solchen  erklärenden  oder 
einführenden  Zusätzen  geht  er  öfters  über  den  Photiostext 
hinaus.  An  einigen  Stellen  liegt  aber  eine  wesentliche  Er- 
weiterung vor;  so  in  den  Scholien  p.  705  M,  p.  690  M,  p.  673  M. 
Also  hat  er  entweder  einen  vollständigeren  Photiostext  gehabt 
als  wir,  oder  er  entnahm  jene  Stellen  dem  Original.  Jene  An- 
nahme könnte  sich  auf  eine  Tatsache  stützen,  auf  die  Br.  Keil 
aufmerksam  macht:  es  gibt  in  Venedig  zwei  Photioshandschriften, 
in  denen  gegenüber  A  Scholien  erweitert  sind.  Aber  die  Be- 
obachtung Sickenbergers,  daß  Xiketas  bei  weitaus  den  meisten 
Scholien  auf  die  Originaltexte  zurückging,  legt  uns  die  andere 
Erkläiung  näher.  Sie  wird  uns  bestätigt  durch  eine  weitere 
Erscheinung:  Xiketas  zitiert  auch  zwei  Stellen  aus  der  Buß- 
predigt, aber  nicht  mit  dem  Xamen  Asterios.  sondern  unter 
dem  des  Gregor  von  Xyssa,  dem  auch  die  Handschriften  diese 
Rede  zuschreiben,  und  zwar  stimmt  der  Text  nach  Sicken- 
bergers Angabe  (p.  75i  mit  dem  Migneschen  überein.  Somit 
ist  Xiketas  der  älteste  Zeuge  für  diese  Zuweisung.  Ferner 
hatte  er  noch  den  vollständigen  Text  der  uns  verlorenen  Reden 
eig  TOV  Zay.yaTov  und  eig  jrjv  atjuaogom'  vor  sich ;  denn  aus  diesen 
stammen  jene  Zitate,  die  Photios  nicht  hat. 

Aus    der    X'iketaskatene    übernahm    wahrscheinlich    durch 
lateinische  Zwischenquellen  Thomas  von  Aquino  eine  Reihe  von 


26  Bretz,  Studien  und  Teste  zu  Asterios  vou  Amasea. 

Asteriosscholien  in  seine  Catena  Aurea,  vielfach  mit  einem 
unbestimmten  „Graecus"  im  Lemma. 

6.  Von  den  panegyrischen  Reden  des  Asterios  fand  in  der 
Zeit  nach  Photios  nur  eine,  das  Enkomion  auf  Phokas,  größere 
Beachtung  und  Verbreitung.  Symeon  Metaphrastes  hat  es  in 
verkürzter  Fassung  in  die  Sammlung  seiner  Heiligenviten  auf- 
genommen nnd  mit  ihm  der  später  vielvariierten  Phokaslegende 
in  ihrer  ältesten  Gestalt  ein  Fortleben  gesicherte 

Die  IJberlieferungsgeschichte  des  Asterios  wäre  unvoll- 
ständig, wenn  nicht  auch  jene  Reden  Erwähnung  fänden,  die 
vereinzelt  in  Hdss.  oder  in  Zeugnissen  unter  seinem  !Namen 
auftauchen,  aber  auf  den  ersten  Blick  sich  als  unecht  verraten. 


3.  Kapitel;  Das  Eukoniioii  auf  den  hl.  Basileus  und  andere 
ottenkundige  Fälschungen. 

1.  In  der  Untersuchung  von  Bauer  S.  72  wird  unter  den 
zweifellos  echten  Asteriosreden  eine  Rede  auf  den  Märtyrer 
Basileus  oder  Basilius  genannt,  die  im  Unterschied  zu  dem  sog. 
Martyrium  des  Johannes  Presbyter  ^  auf  diesen  Heiligen  in  der 
Überlieferung  als  Enkomion  bezeichnet  wird.  Sie  ist  zusammen 
mit  diesem  abgedruckt  in  Acta  SS.  April.  III,  p.  LVI — LX  unter 
dem  Titel:  'Eyy.oji.iiov  elg  tov  äyiov  leooudorvoa  BaoüJa  und 
beginnt  mit  den  Worten:  Ol  t6  imyeiov  y.odjog  hr/ßvieq.  Die 
Überlieferung  ist  meist  anonym: 

1.  cod.  S9I  Britanniens   bibl.  com.    de    Leicester,    membr. 
s.XII,  fol.  192-201^   (Boll.). 

2.  Messanensis  26  membr.  s.  XIII,  Xr.  10  (Boll.),  fol.  160^ 
bis  168  (m). 

3.  Messanensis  27  membr.  s.  XII,  Xr.  16  (Boll.).  fol.  274^ 
bis  280^  (m). 


1)  Über  die  jüngeren  Fassungen  der  Legende,  die  eine  Weiterbildung 
der  asterianischen  darstellen,  vgl.  van  de  Vorst,  Saint  Phocas,  Anal. 
Boll.  XXX,  S.  252ff.   Besprochen  von  Ehrhard.  Byzaut.  Ztschr.  XXI,  S.  309  f. 

*;  Dieser  soll  nach  Ehrhard  bei  Krumbacher,  Byzaut.  Lit.  S.  205  um 
1322  gestorben  sein.  Diese  Angabe  beruht  auf  einem  Versehen.  Ein 
Kodex  des  Martyriums,  der  Mosquensis  380,  ist  auf  das  Jahr  1022,  ein 
anderer,  der  Yaticanus  1660,  sogar  auf  916  datiert. 


Die  Überlieferung.  27 

4.  Monacensis  524  bombyc.  s.  XTV,  fol.  77 — 84  (m). 

5.  Mosquensis  377  niembr.  s.  XI  (Wladimir),  fol.  235  . . .  Bn- 
adeiov  fsic) 

(i.  Parisinus  gr.  1()(I4  mcmbv.  s.  XT,  fol.  1S()_2()4i  (in). 

7.  Romaniis-Angelicanus  40,  olim  Sforzianiis  114,  inembr. 
s!  XII  (St-udi  ital.  4.  p.  14  und  C.  p.  172):  dio  Vorlage 
der  Ausgabe  in  den  A.  SS. 

Dazu  kommen  Handschriften  mit  dem  Namen  des  Asterios 
im  Lemma: 

8.  Athous-Yatopedianus  548,  membr.  a.  1422,  fol.  154  bis 

166^  MnQJVQiov  Tov    äyiov  isQo^udoTVQog  Baoi/Jwg    ovy- 

ygacph'  nagä  'Äoiegioi'    äo/iemoy.ojTov   rrjg  ai'Tj)s  7T6?.eo)i; 

'AnaoFiag  (nach  einer  persönlichen  Mitteilung  von  Prof. 

Ehrhard). 

9.  Athous  2051  bibl.  /wr.  'Eocpiyjuevov  (Lampros)  chart. 
s.  XY  (a.  1417)  AoTeolov  l.  'Ajti.  eyxdjfuov  eig  t.  ay.  legofi. 
BaoiXea  enioxonov  rijs  avrt'jg  jiöXecoc:  Auaoeiag. 

10.  Oxoniensis  -  Clarkianus  44  (Catal.  bibl.  Angl.),  fol.  75 
Asterii  in  Basilium  encomium.  Die  Angabe  des  Alters 
der  Hds.  fehlt. 

Nicht  näher  datierbar  ist  auch  das  einzige  Zeugnis  der 
Nebenüberlieferung,  eine  Stelle  im  Typikon  des  hl.  Sabas,  auf 
die  zuerst  Cotelier,  Eccles.  Graec.  mon.  II,  p.  516  aufmerksam 
machte:  Addo  verba  typici  S.  Sabae  f.  49  ad  Aprilis  XXYI. 
Tov  äyiov  Isgoudorvoog  Baoi?J(og  ln:ioy.6.-Tov  \4./iiaaeiag'  etg  tov 
ög^gov  ävayivcöoy.oaev  t6  tyy.o\uiov  'Aoiegiov  en.  'Au.  Bekannt- 
lich ist  das  Typikon  des  im  Jahre  524  verstorbenen  Sabes  mehr- 
fach überarbeitet;  welcher  Rezension  unsere  Stelle  angehört, 
läßt  sich  nicht  feststellen.  Nur  soviel  läßt  sich  sagen,  daß  sie 
in  dem  leider  nicht  vollständigen  Text  fehlt,  den  Kurz  als  ur- 
sprünglichen Bestandteil  des  Typikons  publiziert  hat  (Byzant. 
Ztschr.  HTl 68 — 170).  Die  Glaubwürdigkeit  dieser  Überliefe- 
rung kann  also  nicht  weiter  erwiesen  werden.  Die  Entscheidung 
über  die  Verfasserschaft  des  Asterios  ist  aber  von  einer  andern 
Seite  aus   leicht.     Sowohl  Inhalt  als  auch  Stil   des  Enkomions 


^)  Es  stand  auch  einmal  im  Paris.  1529  (membr.  s.  XII).  wie  aus  dem 
an  der  Spitze  des  Kodex  stehenden  Verzeichnis  seiner  Viten  hervorgeht; 
vgl.  Ehrhard  Festschrift  p.  70  Anm.  2. 


2S  Bretz.  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

schließen  die  Annahme,  daß  Asterios  sein  Verfasser  sei,  völlig 
aus.  Schon  Tillemont  (hist.  eccles.  X,  p.  414)  hat  dieses  Urteil 
ausgesprochen  auf  Grund  seiner  Beobachtung,  daß  die  Rede 
nicht  in  Amasea  gehalten  ist  und  vom  asterianischen  Stil  stark 
abweichte  Dazu  kommt  ein  anderes  Argument:  Die  in  dem 
Enkomion  niedergelegte  Legende  erzählt,  daß  der  Leichnam 
des  Basileus  in  Sinope  ans  Land  getrieben  wurde  und  dadurch 
dieser  Stadt  eine  besondere  Weihe  gab.  Von  dieser  Bedeu- 
tung Sinopes  weiß  aber  Asterios  in  dem  Enkomion  auf  Phokas, 
wo  er  die  Stadt  als  dessen  Jiatgig  lobt,  nicht  das  geringste;  er 
kennt  dort  nur  pagane  Philosophen  aus  Sinope  und  zwar  denkt  er 
ausschließlich  an  Kyniker  (vgl.  unten  S.  49).  Die  entschuldigenden 
Bemerkungen,  die  er  der  rührenden  Hervorhebung  der  nichtchrist- 
lichen Tugendhelden  beifügt,  hätte  er  nicht  nötig  gehabt,  wenn 
ihm  die  Geschichte  des  Basileus,  der  sogar  sein  Vorgänger  auf 
dem  Bischofsstuhl  von  Amasea  gewesen  sein  soll,  bekannt  ge- 
wesen wäre.  Es  ist  demnach  undenkbar,  daß  der  Amasener 
Bischof  diese  Legende  gestaltet  haben  könne;  die  uns  vor- 
liegende Fassung  ist  vielmehr  geraume  Zeit  nach  dem  Tode 
des  Asterios  entstanden,  wie  aus  einer  Angabe  des  Enkomions 
folgt,  die  sich  als  ein  oraculum  ex  eventu  erweist:  Basileus  hat 
in  der  Xacht  vor  seinem  Tode  eine  Vision  und  hört  dabei  eine 
göttliche  Stimme,  die  ihm  u.  a.  weissagt:  e7zioy.o:rrjg  rov  doovov 
diade/eiai  ö  rov  Kalhoiodrov  EvTV/iog  (Act.  SS.  April.  III, 
p.  LVIII).  Dieser  Eutychios  ist  kein  anderer  als  der  spätere 
Patriarch  von  Konstantinopel  (552 — 56  und  577 — 86),  der  vor- 
her Archimandrit  in  Amasea  war  (vgl.  die  vita  des  Eustratios 
MPG  b6, 1-:  p.  2273ff.  und  Krüger  bei  Hauck  R.  E.  f.  prot.  Th.b\ 
p.  648,  Jülicher  bei  Pauly-Wiss.  R.  E.  XI,  p.  15:^5).  Zu  Leb- 
zeiten dieses  Kirchenfürsten  kann  allerdings  die  Tradition,  daß 
ein  in  der  Licinianischen  Verfolgung  umgekommener  Märtyrer 
sein  unmittelbarer  V^orgänger  in  Amasea  gewesen  sei,  nicht 
entstanden  sein;   sie   ist  frühestens  um  6()()  möo-lich.     Der  ter- 


'  Um  dennoch  das  Zeugnis  des  Typikons,  von  dessen  Überarbei- 
tungen er  ofl'enbar  nichts  weiß,  aufrecht  zu  erlialten,  will  es  Tillemont 
auf  ein  von  dem  vorliegenden  verschiedenes,  verlorenes  Enkomion  des 
Asterios  auf  Basileus  bezogen  wissen.  Dieser  willkürlichen  Annahme,  der 
sich  auch  C'eillier,  Histoire  generale  des  auteurs  sacres  et  ecclesiastiques 
VI,  p.  308  anschließt,  steht  jedoch  die  Überlieferung  in  den  beiden  nicht 
anonymen  Handschriften,    vor   allem  aber  der  im  folgenden  geltend  ge- 


Die  Überlieferung.  29 

minus  ante  quem  aber  ergibt  sich  aus  der  Tatsache,  daß  um 
das  Jahr  UHM)  die  Lobrede  von  Symeou  dem  ^[etaphrasten  in 
die  Sammking  seiner  1  [eiligen viten  für  den  Monat  April  auf- 
genommen wurde. 

2.  Es  bleibt  nun  noch  eine  kuriose  Fälschung  aus  der  späteren 
Humanistenzeit  zu  erwähnen.  Von  dem  ausgezeichneten  Bam- 
berger Gräzisten  Joachim  Camerarius  gibt  es  in  griechischer 
Sprache  ein  Andachtsbuch  mit  Predigten  auf  alle  Festtage  des 
Kirchen  Jahrs:  Homiliae  qui  sunt  sermones  habiti  de  eis,  quae 
in  Chrisrianis  ecclesiis  leguntvu-  congregato  populo  diebus  festis 
excerpta  ex  scripturis  evangelicis  auctore  loachimo  Camerario, 
Lipsiae  1573.  Aus  dieser  Sammlung  tauchen  nun  die  Homilien 
1 — 4  und  6 — S  in  einem  Faszikel  von  Handschriften  des  Hol- 
stenius,  nämlich  im  Barberinus  Gr.  553,  unter  dem  Namen  des 
Asterios  auf.  Am  Rande  ist  jedoch  zu  jeder  Predigt  ihre  Her- 
kunft lateinisch  vermerkt.  Herr  von  Soden,  der  die  Homilien 
dort  entdeckte,  bemerkt  dazu  „die  lateinischen  jSotizen  könnten 
von  Holstenius  sein,  das  Griechische  ist  nicht  von  seiner  Hand'' 
und  gibt  denn  folgende  Beschreibung: 

fol.  95^  rov  ev  äyi'oig  jrarods  yncTjv  äoTegiov  oudia  Tijg  /iivt]- 
iu)]g  äjiooToXov  ävdgea.  juanD^.  d'.  Inc.  'H  rfjg  evayyeXiy.rjg  Ttgay/ua- 
Tsiag.  Dazu  am  Rande:  Joachimi  Camerarii  habetur  impressa 
in  opere  (?)  homiliarum  hinc  falso  et  malitiosius  S.  Asterio  ad- 
se(rt)ione  ab  homine  haeretico,  qui  catholicis  finem  facere 
conatus  est.  Misit  autem  eas  Roma  Elias  Chisi  genus  Augu- 
stanus. 

fol.  97 '^  T.  l.  ä.  7X.  }).  ä.  eig  tIjv  rrocor/yj'  y.vQiayJ]r  r)~jg  y.akov- 
jiiey)]g  Tiaoovoiag.  t-iaxd.  x  .  Inc.  Ol  ey.y.hjoiaoTixol  ovlloyoi.  lo- 
achimi  Camerarii  .  .  .  Asterii,  sub  cuius  nomine  haereticus  finera 
facere  catholicis  conatus  est. 

fol.  99*  xrj  devrega.  rTjg  y.akov^usvijg  Tiaoovoiag.  kovy.ä  y.a . 
Am  Rande:  Joachimi  Camerarii  in  opere  homiliarum  graece  edit. 
Lipsiae  in  quarto.     Inc.  Au]yi]oig  eri. 

fol.  101*  T/7  TOiTj]  fiaxd.  la.  Inc.  MaoxvQiov  ry.y.eixai.  Am 
Rande  wie  vorher. 

fol.  103*  xf]  Tiob  xcor  yeve&'/Icov  yvoiaHij.  hoarr.  a.  Inc.  "Oxl 
juev  Ol  lovd.     Am  Rande  wie  vorher. 

fol.  105*  xoTg  yeved/Joig  xov  yv.  koavv.  ct.  Inc.  "Ev  xovxoig 
ext.     Am  Rande  wie  vorher. 


30  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asteiios  von  Amasea. 

fol.  107^  rf]  t;)s  j^irijU}]^  tov  äyiov  Zxeffdvov.  /-laiß.  xy  .  Inc. 
TCov  TiaibfVTiy.Cov  ngoncov.     Am  Kaiide  wie  vorher. 

3.  Nicht  auf  bewußter  Fälschung  des  Autornamens,  son- 
dern auf  einem  Versehen  der  Handschriften-  oder  Katalog- 
schreiber beruht  die  Zuweisung  anderer  Reden  an  Asterios.  So 
ist  wohl  ein  Irrtum  Montfaucons  zu  erklären :  In  seiner  Biblio- 
theca  bibliothecarum  t.  1,  p.  696^  registriert  er  aus  einem  alten 
Katalog  der  Bibliothek  des  Kardinals  Sforza  (=  cod.  Chisianus 
1555)  den  Inhalt  des  Sfortianus  11  und  notiert  daraus  nach 
der  Rede  des  Asterios  auf  den  Blindgeborenen  (vgl.  oben  YII2): 
eiusdem  homilia  ex  interpretatione  evangelii  secundum  loannem: 
Erat  quidam  qui  infirmabatur  nomine  Lazaro.  Yon  einer  solchen 
Predigt  des  Asterios  findet  sich  sonst  nirgends  eine  Spur.  Die 
Nachprüfung  dieser  Angabe,  die  Herr  von  Soden  in  Rom  vor- 
nahm, ergab  denn  auch,  daß  diese  im  Sfortianus  11,  d.  i.  im 
heutigen  Angelicanus  1 25  fehlt  und  daß  auch  alte  und  zuver- 
lässigere Kataloge  wie  z.  B.  der  Yaticanus  3958  (vgl.  Piccolo- 
mini,  Studi  ital.  4,  p.  13^)  von  ihrem  Vorhandensein  in  der 
alten  Sforziana  nichts  wissen.  Offenbar  hat  man  eine  von  den 
fünf  auf  jenen  Bibeltext  sich  beziehenden  Chrysostomospredigten, 
die  sich  im  Sfortianus  II  zerstreut  finden,  versehentlich  dem 
Asterios  zugezählt.  Nicht  viel  anders  wird  eine  andere  Notiz 
Montfaucons  zu  beurteilen  sein,  die  er  S.  1312'^  aus  dem  Cod. 
Mazarinus  44  gibt:  8.  In  dictum  Evangelii;  „Abeuntes  Phari- 
saei  consilium  etc."  volunt  quidam  Asterii  esse. 

Nach  Ausscheidung  dieser  für  Asterios  nur  ungenügend 
oder  nachweisbar  falsch  bezeugten  Schriften  bleibt  die  Frage 
der  Echtheit  nur  für  jene  Reden  offen,  die  in  den  Exzerpten 
des  Photios  im  Gegensatz  zu  dem  Zeugnisse  der  Handschriften 
und  der  sonstigen  Überlieferung  unter  dem  Namen  des  Asterios 
erscheinen.  Mit  Hilfe  der  äußeren  Kritik  ist  diese  Frage  nicht 
zu  entscheiden.  Ihrer  Art  nach  sind  nämlich  die  beiden  ein- 
ander gegenüberstehenden  Zeugnisse  durchaus  gleichwertig.  So- 
weit sich  die  Textgeschichte  zurückverfolgen  läßt,  fehlt  jedes 
Anzeichen  eines  besonderen  Corpus  von  Asteriosreden,  viel- 
mehr geht  der  größte  Teil  der  Überlieferimg,  wie  die  Anlage 
der  Hdss.  erkennen  läßt,  ebenso  wie  die  Nebenüberlieferung 
bei  Photios  auf  Ilomiliarien  und  ähnliche  Sammlungen  von 
Predigten  der  Väter  zurück.  Demnach  war  die  Gefahr  einer 
Verwechslun":    des    Autornamens    für    die   Abschreiber    außer- 


Die  Überlieferung.  31 

ordentlich  groß.  Wenn  sicli  also  unsere  auf  solcher  Überliefe- 
rung bcruhcnilen  Zeugnisse  in  der  Angabe  des  Ycn-fassers 
widersprechen,  so  kann  keines  unbedingte  Glaubwürdigkeit  be- 
anspruchen. Auch  die  Autorität  des  Photios  entscheidet  nichts. 
Seine  Angaben  haben  vor  denen  der  Hdss.  nur  den  Vorzug  des 
höheren.  Alters.  Die  Echtheitsfrage  der  von  ihm  dem  Asterios 
zugewiesenen  Reden: 

'Eyxd>j.uov  f/'s  Tov  uyiov  ::TO(oto/.idoTvoa  ^je(favov  (S), 
IlooToeTijiy.bi;  Tieoi  ueravoiag  (P), 
ÄdyGg  eig  rijv  Txaoeioßaon'  nhr  v)]oreicov  (J)  ^ 
ist  also  mit  der  Berufung  auf  ihn  nur  umgangen,  nicht  gelöst. 
Die  Entscheidung  ist  hier  nur  durch  innere  Kritik  möglich. 

*)  Es  sei  gestattet,  in  der  folgenden  Untersuchung  die  Reden  durch 
die  in  Klammern  beigefügten  Buchstaben  kurz  zu  bezeichnen. 


Zweiter  Teil. 

Über  die  Echtheit  der  drei  nur  durch  Photios 
für  Asterios  bezeugten  Reden. 

I.Kapitel:  Geschichte  der  Echtheitsfrage. 
Methode  der  Kritik. 

Die  Aufgabe,  das  Zeugnis  des  Photios  über  den  Verfasser 
der  drei  Reden,  die  in  der  handschriftlichen  Überlieferung  unter 
dem  Namen  des  Gregor  von  Xyssa  oder  des  Proklos  von  Kon- 
stantinopel gehen,  nachzuprüfen,  hat  sich  noch  niemand  ernst- 
lich gestellt.  Die  ersten  Herausgeber  hielten  sich  an  das  Zeug- 
nis ihrer  Handschriften.  Demgemäß  erschienen  P  und  J  unter 
Gregor  von  Xyssas  Werken^.  S  in  einer  Ausgabe  der  Werke 
des  Proklos  von  Konstantinopel -.  Erst  Combefis  macht  auf 
die  Photiosexzerpte  mit  ihren  der  handschriftlichen  Überliefe- 
rung widersprechenden  Angaben  aufmerksam,  übernimmt  S  in 
seine  Gesamtausgabe  des  Asterios  und  macht  für  diese  Zu- 
weisun<T  auch  eine  gewisse  Stilverwandtschaft  o-eltend^.  Seitdem 
wurde  die  Frage  nur  kurz  in  kirchengeschichtlichen  Darstellungen 
gestreift,  jedoch  ohne  irgendwie  mit  klaren  Gründen  gefördert 
zu  werden.  Es  erübrigt  sich  deshalb,  hier  auf  diese  Literatur 
genauer  einzugehen'^.     Erwähnt  sei  nur  aus  neuerer  Zeit  Ceil- 

^)  Greg.  Nyss.  opera  ed.  Gretser,  t.  II,  p.  165  und  247,  Paris.  1638; 
vom  gleichen  Herausgeber  auch  schon  früher  ediert  und  zwar  P^  1618, 
Ji  1617,  J-^  1618. 

-)  S.  Patris  Prodi  archiepiscopi  Const.  Analecta  ed.  Vinc.  Riccar- 
dus  1G30. 

»j  Auctarium  jS'ovum  Bibl.  Patr.  t.  I  (1648).  p.  238  ff. 

*)  Vgl.  Du  Pin,  Nouvelles  bibliotheques  des  auteurs  ecciesiastiques 
t.  III,  p.  81  f.  —  Tillemont,  Memoires  pour  servir  ä  Thist.  eccles.  X,  p.  418. 
—  Paniel:  Pragmatische  Geschichte  der  christliclien  Beredsamkeit  I,  1, 
p.  539,  542,  566  f.  (recht  unklar).  —  Ceiilier,  Histoire  generale  des  auteurs 
sacres  VI-,  p.  304f.  —  Vgl.  auch  Usener.  Religionsgesch.  Unters.  I,  S. 244 
Anm.  11. 


über  d.  Echtheit  tl.  drei  nur  d.  Thotios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       33 

liers,  auf  Tillemonr  fußcMidos  Urteil:  Das  Zeugnis  des  Photios 
über  S  bestätigt  sieh  ihm  durch  die  Beobachtung,  daß  darin 
in  gleicher  Weise  wie  in  dem  echten  Enkomion  auf  Petrus  und 
Paulus  betont  wird,  nur  Stephanus.  nicht  Paulus  sei  Christus 
in  ^lenschengestalt  erschienen.  Zuletzt  scheint  die  Frage  über- 
haupt in  Yergessenheit  geraten  zu  sein.  Seitdem  die  3  Pre- 
digten zusammen  mit  dem  übrigen  bis  dahin  bekannten  Xach- 
lalä  des  Asterios  in  der  Migneschen  Patrologie  publiziert  sind, 
gilt  Asterios  schlechthin  als  ihr  Verfasser. 

Hier  hat  also  eine  neue,  mit  allen  Mitteln  der  Kritik  zu 
füiirende  Untersuchung  einzusetzen,  die  an  dem  Bilde  des 
Schriftstellers  die  markanten  Züge  feststellt,  um  so  für  die  Ent- 
scheidung der  Echtheitsfrage  die  sicheren  Kriterien  zu  gewinnen. 
Zwei  Methoden  stehen  dafür  zu  Gebote:  Analyse  und  Yergleieh 
des  Inhalts  und  der  Sprache.  Die  zweite  ist  neben  der  ersten, 
wenn  auch  nur  zur  Kontrolle,  unentbehrlich;  denn  der  Bischof 
der  Provinzialgemeinde  Amasea  ist  wohl  ein  Typus  von  be- 
stimmtem Gepräge,  aber  kein  originaler  Geist,  mehr  ein  Meister 
des  Wortes  als  ein  Schöpfer  und  Prediger  tiefer  Gedanken. 


2.  Kapitel:  Charakteristik  der  asteriaiüschen  Predigt 
nach  ihrem  Inhalt. 

I.    Die   allgemeinen   geschichtlichen   Voraussetzungen. 

Eine  solche  Erscheinung,  die  für  den  Geistesfortschritt  der 
Menschheit  wenig  zu  bedeuten  hat,  kann  nur  auf  dem  Boden 
ihrer  Zeit  und  ihres  Wirkungsortes  verstanden  werden.  Damals, 
am  Ende  des  4.  Jahrhunderts,  war  die  Kirche  in  ein  neues 
Stadium  ihrer  Entwicklung  getreten^:  unter  dem  Schutze  des 
Staates  hatte  die  Ausbildung  ihrer  Lehre  und  die  Organisation 
ihrer  Verwaltung  einen  raschen  Abschluß  gefunden:  sie  bildete 
einen  Staat  im  Staate,  und  ganze  Völker  wanderten  in  ihre 
weiten  Tore  ein.  als  die  Auflösung  des  Reiches  begann.  Bei 
dieser  Art  der  Christianisierung  wurde  mehr  der  j^ame  als  das 
Wesen  geändert,  und  heidnische  Sitten  und  Anschauungen  lebten 
unter  den   christlichen  Formen   kräftig  weiter.     Dem  Bischofs- 

')  Vgl.  Bonwetsch,  Griechisch-orthodoxes  Christentum  uud  Kirche, 
Kultur  der  Gegenwart  I,  IV,  1-  (I909j,  p.  161  ff. 

T.  u.V.    13:  Bretz.  3 


34  Bretz,  Stuclieu  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

und  Priesteramt  erwuchs  daraus  eine  besondere  Bedeutung  für 
die  pädagogische  Leitung  der  schnell  anwachsenden  Gemeinden. 
Aber  für  die  Ausbildung  zu  diesem  Dienst  fehlten  der  Kirche 
eigene  Schulen;  sie  war  dafür  auf  die  alten  Rhetorenschulen 
angewiesen.  Hier  nährte  sich  der  Geist  des  späteren  Klerikers 
von  dem  reichen  Erbe  der  antiken  Kultur,  vor  allem  erwarb 
er  sich  eine  formale  Bildung  und  lernte  die  Kunst,  durch  die 
Gewalt  des  Wortes  auf  die  Massen  zu  wirken.  Darum  über- 
wog in  der  Predigt  jener  Zeit  die  Rhetorik  stark  den  geistigen 
Gehalt.  Dieser  war  um  so  dürftiger,  je  mehr  das  Dogma 
erstarrte  und  je  geringer  das  Bedürfnis  der  Gemeinde  und 
des  Predigers  war,  die  Lehre  verstandesmäßig  zu  erfassen. 
Diese  Entwicklung  barg  manche  Gefahren  in  sich:  die  Kanzel- 
rede büßte  ebenso  die  werbende  Kraft  und  Frische  der  um  die 
Einzelseele  sich  mühenden  Missionspredigt  wie  die  echte,  im 
Kampf  um  die  Weltanschauung  entfachte  Leidenschaft  des 
apologetischen  Traktates  ein ;  der  ganze  Hauch  persönlichen 
Lebens,  der  über  der  Literatur  des  Urchristentums  liegt,  ging 
ihr  verloren;  ja  die  urchristliche  Gedankenwelt  selbst  änderte 
sich,  indem  sich  antikheidnische  Vorstellungen  in  Frömmigkeit 
und  Sittlichkeit  einschlichen. 

Damit  ist  bereits  die  allgemeine  Signatur  der  asterianischen 
Predigt  gegeben;  wir  können  nun  versuchen,  ihre  Stelle  inner- 
halb des  beschriebenen  Rahmens  genauer  zu  bestimmen. 

II.   Kappadokische  Einflüsse. 

Wir  gehen  aus  von  der  durch  einzelne  Äußerungen  des 
Asterios  ^  beglaubigten  Überlieferung,  daß  sein  Bischofssitz  die 
Metropolis  Amasea  in  der  Provinz  Helenopontos  war.  Diese 
Landschaft  war  ehedem  wie  auch  später  wieder  mit  Kappa- 
dokien  verbunden-;  vielleicht  hatte  noch  damals  der  Bischof 
von  Cäsarea  das  Exarchat  über  die  politische  Diözese  Amasea 
inne  ^.  Jedenfalls  bestanden  seit  alters  zwischen  Kappadokien 
und  dem  Pontus  enge  Beziehungen,  die  eine  besondere  Be- 
deutung  erlangen  mußten,   als   durch  die   drei  großen  Kappa- 

')  In  der  Rede  auf  Phokas  (or.  IX)  spricht  er  vom  benachbarten 
Sinope  (o04C)  sowie  von  pontLschen  Skythenvölkern  (313 AB). 

■-)  üsener.  Relig.  Forschungen  I,  S.  250  Aum.  27;  Nilles,  Kalendarium 
Manuale  II,  S.  744. 

^)  Lübeck ,  Eeichseinteilung  und  kirchl.  Hierarchie  des  Orients, 
Kirchl.  Stud.  5,  4,  S.  189  f. 


über  d,  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Pliotios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       35 

dokicr  Basilios,  (n-cgcir  von  Nyssa  und  Gregor  von  Nazianz 
das  Geistosloben  dos  ganzen  Orientes  am  Ende  des  4.  Jahr- 
hundorts nene,  starke  Impulse  erfuhr.  Es  ist  schwer  zu  denJcen, 
daß  sich  der  Bischof  von  Aniasoa  dem  gewaltigen  EinHuß  dieser 
Männer,  die  das  goldene  Zeitalter  der  altchristliclien  Literatur 
begründeten,  hätte  entziehen  können.  Von  persönlichen  Be- 
ziehungen findet  sich  allerdings  nirgends  eine  Spur;  die  lite- 
rarischen sind  dagegen  unverkennbar.  Aus  einer  Predigt  wird 
dies  Verhältnis  besonders  deutlich;  es  ist  das  Enkomion  auf 
Petrus  und  Paulus  (or.  VIII,  M.  40,  264  Äff.).  In  der  Ein- 
leitung spricht  der  Redner  von  der  Bedeutung  der  Heiligenfeste 
und  fährt  dann  fort:  7iavi]yvQEig  doiv,  ev  alg  ol  ngöeögoi  xcov 
exxh^oiöJv,  özav  Jigög  x6  Xeyeiv  äcpixcovtai,  rag  eavicöv  övvd- 
jLisig  ävTsierd^ovreg  reo  fxeye'ßei  rc5v  vjio'&eoecov  Ev^vg 
h'  TiQooiuioig  Ttgög  tj)j'  ovyyvdjjU7]v  xal  n)v  Tzagalri-joiv  xara- 
qoevyovoiv  xcd  cpaoiv  sXarrovv  zijv  rcov  TiQay  i^idrcov  jusya- 
loTiQ eneiav  rfj  xov  Xoyou  /LUXQorijri.  Ei  d^  ixeTvoi  rovg  xad'' 
e'y.aoTOv  rcöy  /naoTuoojv  Eyy.(j)[ud'Qeiv  [^lElkovxEg  äjiayoQEvovoi  nqog 
xov  l'nmvov  y.al  katxnoä  xfj  cpwvfj  xijv  ocpöjv  avxcov  ofxoAo- 
yovoiv  äod'EVEiav,  xig  dv  yEVoijmjv  iyco  oiiueqov  usw. 

Was  Asterios  hier  beschreibt,  ist  nichts  anderes  als  die 
alte  Rhetorenregel,  im  Prömium  der  Lobrede  von  der  Schwierig- 
keit der  Aufgabe  zu  sprechen;  aber  er  verweist  für  diesen 
Brauch  auf  das  Beispiel  der  jiqoeöqoi  xcöv  ExxhioiMv.  Wen  er 
damit  meint,  ist  nicht  zweifelhaft;  für  Gregor  von  Nyssa  und 
Gregor  von  ^N^azianz  ist  diese  Praxis  bereits  im  einzelnen  er- 
wiesen ^  Ein  Vergleich  der  Worte  des  Asterios  mit  den  über- 
lieferten Reden  der  beiden  Gregore  und  des  Basilios  von  Cäsarea 
—  es  kommen  nur  die  eigentlichen  Märtyrerreden  in  Betracht  — 
zeigt,  daß  Asterios  vor  allem  zwei  im  Auge  hat,  die  durch  die 
von  ihm  beschriebene  Technik  geradezu  auffallen,  nämlich  die 
Rede  des  Nysseners  auf  die  40  Märtyrer  (M.  46,  p.  773  If.j  und 
die  des  Basilios  auf  Mamas  (M.  31,  p.  5S9  ff.).  In  jener  legt 
Gregor  zunächst  den  Zweck  des  Festes  dar  und  fährt  dann 
fort:  773  C  'Eaol  ös  Tigoxeixai  di:ilovg  äyan>  y.al  ÖEog,  ,«//  xadv- 
ßgioco  jLüjv  xjjv  vnodEOiv  xfj  äo&evEia  xfjg  i^ijyijoECog'  Eixs 
ydo   EworjOELE   xig  auxov   xov   iv    yßool   TTodyjitaxog   x)]v    [XEyalo- 

')  Vgl.  Meridier,  L'influence  de  la  seconde  sophistique  sur  l'oeuvre 
de  Gregoire  de  Nysse  S.  225  ff.  Hürth ,  De  Gregorii  Naz.  laudationibus 
funebribus,  Üiss.  Philolog.  Argentor.  XII,  1.  Bauer,  Die  Trostredeu  des 
hl.  Gregor  von  Nyssa,  Diss.  Marb.  1892. 

3* 


36  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

TioETteinv  .  .  .  ehe  t6v  ttqo  f/fuov  dia  Ti)s  favroc  oocfiag  ote- 
(parojoavra  Tovg  ayiovg.  Darauf  folgt  ein  hochtönendes  Lob  der 
Kunst  seines  Yorgängers,  nämlich  des  Basilios,  der  vorher  den 
gleichen  Gegenstand  in  einer  Rede  behandelt  hatte  (ävi]Q  ov  rö 
"ßavjua  Tfjg  oiy.ovjuev^jg  xoivov,  Ttaiöeiaz  ri/g  te  ffiloooq:iag  äya?.jua, 
ETTioy.OTcoiv  Tr.TO?  y.al  y.ivdvvog,  diödoy.akog  eoycov  y.al  Xoycov  ov/x- 
(po)vog  usw.);  es  schließt  mit  der  bei  Asterios  ähnlich  lauten- 
den Selbstermunterung:  'E/iol  de  ov  öiä  xovro  oi(jo:^)]teov  usw. 
Noch  deutlicher  ist  die  Bezugnahme  des  Asterios  auf  die  ge- 
nannte Rede  des  vielgefeierten  Meisters  selbst.  In  seinem  En- 
komion  auf  Mamas  findet  nämlich  jenes  Gefühl  der  Unfähigkeit 
wiederholt  den  stärksten  Ausdruck  (5S9  B  Ovx  äyvoco  rö  jue- 
yedog  tö}v  vtio  rrjg  7iav7]yvo£0)g  eyy.wfdov,  aXV  cooTieg  tovxo  em- 
ora/uai,  ovtoj  y.al  rrjg  äodsveiag  rrjg  Ejuavrov  eTxaioddvo- 
fiai  usw.;  597  D  tj)v  ijjuereoav  äoß £7> siav  i^eßidaaro  rö  EVJieißeg 
rijg  vfieregag  äxoijg  usw.);  nur  hier  läßt  sich  der  Redner  dazu 
herab,  förmlich  um  Entschuldigung  zu  bitten  (589  D  {]fW)v  rfj 
dodeveia  ovyyvcorej. 

An  diesen  Mustern  hat  sich  also  Asterios  für  seine  eigene 
Praxis  orientiert.  Die  Art  und  der  Umfang  ihres  Einflusses 
wird  klar,  wenn  wir  die  Berührungen  der  beiden  Predigten  des 
Asterios  und  des  Basilios  weiter  verfolgen.  Im  antiken  En- 
komion  schließt  sich  an  die  Einleitung  die  Behandlung  der 
einzelnen  rojioi  eyy.cojiuaoriy.oi  an,  und  zwar  ist  zunächst  von 
Familie,  Yaterstadt  UTid  Yolk  zu  sprechen.  Doch  ist  die  Er- 
wähnung dieser  äußeren  Yorzüge,  welche  die  Person  selbst 
nicht  betreffen,  nicht  durchaus  verbindlich,  sie  können  unter 
Umständen  ganz  übergangen  werden^.  Die  Christen  erheben 
nun  diese  Möglichkeit  zum  Prinzip,  ohne  sich  freilich  strenge 
daran  zu  halten.  Den  Kampfesruf  gab  Basilios  aus  in  seiner 
berühmten  Programmschrift  ül^er  die  Benützung  der  heidnischen 
Autoren  (c.  3  M.  31,  p.  569  B  y.al  gijrogojv  de  rijj'  ^legl  rö  y^^ev- 
öeoßai  reyvrjv  ov  juifiyoöjueda).  Seine  Forderung  kehrt  in  den 
Enkomien  der  Kappadokier  an  der  Stelle,  wo  jene  rojioi  zu 
behandeln  sind,  in  verschiedener  Fassung  immer  wieder.  In 
der  genannten  Rede  auf  Mamas  erscheint  sie  in  folgender  Ge- 
stalt: 592  A  ov  ydg  eyojuev  avröv  y.ard  röv  vojiiov  röjv  e^oidev 
eyxojjuiojv  djiooejLivvveiV  ovx  eyo/iiev  Aeyeiv  naregag  y.al  jtqo- 
yovovg  negicpaveTg  .  .  .,  eJiel  ö  ye  rijg  aki^deiag  {vö/uog)  Tdia 
iydoiov  dnairel  rd  eyy.dof^ua.    Asterios  variiert  dies  in  folgender 

>)  Vgl.  Walz,  Khet.  gr.  111,  p.  419. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       37 

Weise:  2()5  B  Mtjdei^  ö^.  /.le  ouj&eii/  .  .  .  x<>7<;  vojLioig  axo^^ovßt'joeiv 
rfig  oocfiag  tTjs  l'^coOey.  od  yuo  Ttyrij  ov/xei/LUV)]  y.oXay.eiav  utifo- 
yaQöi.ieda,  ukkä  ifv/öjv  (fiXoOewv  noFxijv  jueru  aXi]  d eiag  vjiiiv 
Tragaoifjoai  ojiovödCouev.  Jio  ouojiijä/joerai  yevog  xai  Jiari- 
(j(ov  negic/  dreia  usw.  Die  Alilelimiiii»"  dieses  unwahren  Lobes 
stützt  sich  auf  die  Tatsache,  daß  sich  die  Tüchtigkeit  nicht  ver- 
erbt. Basilios  belegt  diesen  Satz  mit  Beispielen  aus  der  Tier- 
welt: ol're  ydg  I'tittov  rcr/hv  noiel  fj  zov  jiaiQog  .  .  .  ev/uoiQia 
ovxe  Hvvog  iyy.co/iiiov  ro  by.  ray^vxQxoiv  cfvvat  ...  xi  Jigög  xöv 
TiaTda  y  xov  naxgog  TxeQKfuvELa;  Asterios  führt  den  Gedanken 
etwas  breiter  aus  (205  C  Dj  und  ersetzt  die  nicht  ganz  glücklieh 
gewcählten  Beispiele  des  Basilios  durch  solche  aus  dem  Menschen- 
leben (2G5  D  yiverai  yäo  aocoxog  6  tov  fj  dooorfov  y.ai  cpiXoaocpog 
6  xov  q?ih]ö6vov)^  vor  allem  aber  durch  solche  aus  der  bib- 
lischen Geschichte  und  zwar  nicht  ohne  polemische  Färbung 
des  Tones  (2ö5  D  ovy  eoxiv  ukXoOev  TiolvjiQay f^iovovvxag  juadelv 
dAA'  i^  avxfjg  xfjg  leoäg  f/judöv  rgaffijg).  In  der  Betonung  des 
eigenen  Verdienstes  des  Märtyrers  geht  nun  Basilios  soweit, 
die  herkömmliche  Behandlung  des  ytvog  umzukehren:  592  A. 
Ovxcog  ovx  elaßev  heQW&ev  x6  Tcegicpaveg,  dX/J  avxog  xco  i(pE^)Jg 
ßico  lauTtx rjou  evy.leiag  di>fji/'ei'  usw.  Ahnlich  sagt  Asterios 
mit  Verwendung  des  nämlichen  Bildes:  26S  B  ix  xcTw  jzod^ecov 
xov  viov  oejiivvvoj  xov  yei'V)]odjtievov  xai  xdxoi'&ev  dg^djUEVog  im 
xd  avco  nagan^iTio)  rijv  öo^av  cootieq  et  Ivxvol  oi  vvxxcoo  ex 
xov  EÖdcpovg  rovg  do6q)ovg  (pooxiCovxEg.  Ebenso  wird  dann  bei 
Basilios  wie  bei  Asterios  ein  anderer  Maßstab  für  die  Bewertung 
der  äußeren  Güter  imd  des  E7xixi]dEi\ua  aufgestellt:  Basilios 
fordert  592  C  EvoEßEcag  Eoydx)]g  eoo'  avxij  ydg  xai  Eig  ovgavöv 
OE  dvoioei  und  juij  dnelßyjg  tiXovoiov  dai\udCcov,  dXXd  JZEViav  jlcex' 
EvoeßEiag.  Iloijuiji'  ovöev  jLiEya  ovöe  oocpbv  ejnrijÖEvun.  Ovx  dv 
ögyiodEig  dvxl  övsidovg  EiTiEg  reo  jiaoo^vvavxi  ge'  :;Toijui]v  eI  .  .  , 
593  A  UoijLiijv  xai  nEvyjg,  xavxa  x(o  Kgioxiavco  xd  o£fivoXoy))i.iaxa. 
Asterios  faßt  diese  Ausführungen  zusammen  in  die  Worte: 
265  B  C  Oi'ÖE  djib  xcbv  jiEQiyEiojv  xai  lyxooiucov  rovg  ovQavov 
nolixag  xijm'ioojiiEv ,  dXXd  Tidv  rovvavxiov  TtaxEQoyv  dcpavr]g  ßiog 
xai  riyvai  ßdvavooi  xai  TCEviag  ovofxaQofXEvov  övEidog,  xavxa 
xöig  EJiaivoig  uv}]i.iovEvd})oExaf  do^a  ydg  Xgtoxiarcdv  .  .  .  rariEivö- 
ri]g  Eoxiv.  Es  ist  aber  bezeichnend,  daß  von  keinem  der  beiden 
Redner  das  Lob  in  dieser  Weise  durchgeführt  wird.  Basilios 
kann  allerdings  das  Ansehen  des  Hirtenberufs  seines  Märtyrers 
durch  den  Hinweis  auf  seine  Bedeutung  im  A.  T.  und  in  der 


38  Bretz,  Studien  uud  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

israelitischen  Künigsgeschichte  feiern  (593  ff.j.  Asterios  aber, 
der  auf  das  emT)'jdei\ua  des  Petrus  erst  später  in  einem  Ein- 
wurf zu  sprechen  kommt,  den  er  sich  von  einem  Gegner  machen 
läßt  (276),  will  nicht  zugeben,  daß  Petrus  arm  gewesen  sei, 
bloß  weil  er  ein  Fischer  war,  und  kann  es  nicht  unterlassen, 
den  Reichtum  dieses  Berufes  zu  rühmen  fvgl.  276  C  ZiydTcooav 
roivvv  .  .  Ol  Tlejoco  Tieviav  övetdi^orreg  usw.).  Man  erkennt  dar- 
aus leicht,  daß  dieses  wenig  gelungene,  mit  dem  vorher  auf- 
gestellten Grundsatz  in  offenem  Widerspruch  stehende  Lob 
ebenso  wie  die  Erwähnung  dieses  Grundsatzes  selbst  nur  durch 
das  literarische  Vorbild  veranlaßt  ist. 

jNicht  weniger  klar  liegt  dieses  Abhängigkeitsverhältnis  an. 
einer  anderen  Stelle  zutage.  Basilios  schließt  seinen  Lobpreis 
des  Hirtenberufes  mit  einer  Auslegung  des  Gleichnisses  vom 
guten  Hirten,  die  ihn  auf  die  christologischen  Streitigkeiten 
seiner  Zeit  führt.  In  dem  Selbstbekenntnis  Jesu,  das  in  diesem 
Gleichnis  niedergelegt  ist,  und  das  schon  bei  den  Juden  zu  einem 
Schisma  Anlaß  gab  (596  C  D),  findet  er  die  völlig  ausreichende 
Formel  für  die  Christologie.  und  in  seinem  Wort:  „Meine  Schafe 
hören  meine  Stimme  usw."  sieht  er  den  sichersten  Weg  zur 
Gotteserkenntnis.  Alle  weiteren  Fragen  wie  z.  B.  Tiöoog  Oeög 
y.al  ri  rö  juergov  auzov  y.al  jiorajio^  Jip>  ovoiav;  hält  er  für 
unnötige  nolvTigay j.ioovvi],  ja  für  gefährlich  und  unlösbar 
(597  A).  Daher  seine  Warnung:  Mi)  juoi  jQÖJiovg  yevvijoscog 
jii}]re  avrög  TeyvoXoysi  juvjxe  vjto  ahiav  äväyaye  rd  jui]  aixio- 
loy)]jLiara  .  .  .  "Hy.ovoag  Ylöv,  voijoov  rt]v  ngög  IlaTSQa  öjuoio- 
Tt]Ta  .  .  (597  B).  Diese  ganze  Invektive  gegen  die  häretischen 
Erscheinungen  in  der  Theologie  des  4.  Jahrhunderts  nimmt  nun 
Asterios  ebenfalls  auf;  er  knüpft  sie  an  das  Christusbekenntnis 
des  Petrus  an,  um  dessen  klare  Einfachheit  wirksam  hervor- 
treten zu  lassen:  2SI  AB  ovx  änb  /laxodg  Tivog  iJQ^aro  negi- 
vo'icxg  oi'ös  y.vy./M)'  ov?J,oyiojucbi'  y.al  Tigay/^idrojv  neQißaXlofievog 
UTcey.oivaro  Tioog  tijv  nevoiv ,  coojieo  di]  i'vv  noieiv  sld)ßaoiv  ol 
öeivol  oorpiorai  y.al  reyvokoyoi  ryg  jrtoTECog,  d)JJ  ev  äjzÄ6r)]ri 
y.aoöiag  ovvzojuov  i^sdero  ri]v  äXrj&eiav  ov  röv  dyevvi]rov  öia- 
ozEiÄag  TM  yevvi]TCÖ,  ov  zd  tisqI  6/uoiov  xai  dvojuoiov  Äsiixo- 
Xoyi'joag  i/jLTiXrjxzcog  ovde  zojv  vjieg  ndvza  ovoiöjv  jioXvtiq  ay- 
jiiovijoag  öiacpoQdv  ovde.  zi)v  d/iEZQi]zov  de6z)]za  fXEzoijoag 
oiOdoyiopoTg  oia  öi]  zd  'Aoeiov  naiyvia  y.al  zd  Evvojluov  Tiagey- 
yßiQYjfxaxa.  Daran  schließt  sich  seine  Mahnung:  ZijXcoocoiuev 
zoivvv ,  (0  Xoioziavoi,  cor  Tiiazig,  ov  Txo/.vXoyia  z6  yrcbgiofia,  zöv 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Pliotios  f.  Asterios  bezeujjt.  Reden.       ;}9 

uXitn  .  .  .,  iiF/.FT)'jo(i)tiry  /JyFiv  ai<  fJ  XoinTog  .  .,  th  dy  nkfiorn 
TOi'TO)}'  är/  tti'ni  toTs   Xoyofiuyoic:. 

Asterios  folgt  also  seiner  Yorlag-e  bis  in  die  Einzelheiten 
einer  theologischen  Digression,  doch  nicht  ohne  eine  gewisse 
Selbständigkeit  zu  behaupten.  Seine  Kritik  an  der  gegnerischen 
Theologie  ist  in  ihrem  Tone  merklich  schärfer  als  die  des 
Basilios  und  richtet  sich  mehr  gegen  die  Form  ihrer  dialektischen 
Spitzfindigkeiten  als  gegen  die  Sache  selbst^;  die  Art  wie  ihre 
Schlagwörter  verwendet  werden,  zeigt,  daB  sie  Asterios  nicht 
erst  aus  J^asilios  kennt:  endlich  fügt  er  bestimmte  Xamen,  viel- 
leicht auch  bestimmte  Buchtitel'-^  bei,  wo  Basilios  die  Richtung 
nur  andeutet.  Das  ist  die  bewußte  Manier  des  Schülers,  der 
beweisen  will,  daß  er  den  Meister  verstanden  hat  und  über  die 
Fragen,  um  die  es  sich  handelt,  gut  unterrichtet  ist.  In  Wahr- 
heit verrät  er  aber  durch  diese  deutliche  Tendenz  nur,  daß  er 
dem  Kampfe  um  das  Dogma  nicht  näher  steht,  wie  denn  auch 
die  Schlulhvendung  seiner  Polemik  gegen  die  Theologie  eines 
Areios  und  eines  Eunomios  den  oifenen  Verzicht  enthält,  sich 
mit  ihr  auseinanderzusetzen. 

Im  ganzen  tritt  schon  hier  die  geschichtliche  Bedeutung  des 
Mannes,  wie  wir  sie  oben  kurz  gekennzeichnet  haben  i'S.  33  f.), 
in  die  Erscheinung:  zugleich  fällt  auf  seine  Arbeitsweise  ein 
eigentümliches  Licht.  Das  Schrifttum  der  Kappadokier  ist  für 
ihn  eine  Quelle,  aus  der  er  für  Form  und  Inhalt  seiner  Predigt 
mehr  als  bloLie  Anregungen  schöpft.  Wir  werden  auf  diesen 
ihren  geschichtlichen  Zusammenhang  zu  achten  haben,  wenn 
"wir  nun  versuchen,    ihre  Eigenart  im   einzelnen  zu  bestimmen. 

III.    Der  geringe  dogmatische  Gehalt  und  das  vor- 
herrschende kultische  Interesse. 

Die  für  eine  genaue  Charakteristik  wesentlichen  Gesichts- 
punkte gibt  uns  der  Prediger  selbst  an  die  Hand  durch  folgende 

M  Ähnlich  kritisiert  Gregor  von  Nys.sa  in  seiner  berühmten  Streit- 
schrift gegen  Kunomios  dessen  Sprache  in  immer  neuen  Wendungen  als 
leeren  ^\'ortschwall:  vgl.  Meridier,  L"influence  de  la  seconde  sophistique 
sur  les  Oeuvres  de  Gr.  d.  N.  S.  69  ff. 

-)  Die  wiederholte  Bezeichnung  ov/./.oyiouoi  bestätigt  die  Ansicht 
Diekamps,  daß  eine  Schrift  des  Eunomios  diesen  Titel  getragen  habe; 
vgl.  Bj^zant.  Ztschr.  XVIIi,  S.  6.  Ebenso  weist  der  Ausdruck  Tep-o?.6yot 
wie  auch  das  zsyroloysTv  des  Basilios  auf  ein  Wortspiel  des  Eunomios 
zurück,  der  seine  Theologie  Technologie  nannte;  vgl.  Bardenhewer  a.  a.  0. 
III,  S.  138. 


40  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea, 

Unterscheidung  eines  dreifachen  Zweckes  der  Kanzeh-ede:  194A 
Koirä  rtaidaycoyda  tcov  ü'v/ßn'  ai  Tiaviy/voeig  ovvdyovTai  - — ,  Tva 
ToTg  ovvayouevoig  jiaidevxaig  vTiodevieg  rö  ocg  fxddoßev  n  XQt]- 
OTOv,  ö  jiQo  ßgayjMg  ovx  iyivojoxojuev,  J)  doy/uaTog  docfdleiav  ij 
Avoiv  äjioQov fjLeviig  yQacpfjg  rj  rtva  Xoyov  ri]v  xwv  fi&öjv  eTiavog- 
dovvxa  xardoiaoiv. 

Der  an  erster  Stelle  genannten  Aufgabe,  die  Gemeinde  im 
Glauben  zu  unterweisen  und  zu  befestigen,  genügt  nun  freilich 
die  eigene  Praxis  des  Asterios  sehr  wenig;  sein  dogmatisches 
Interesse  ist  erstaunlich  gering.  Die  großen  theologischen 
Streitigkeiten  des  4.  Jahrhunderts,  die  noch  zu  seiner  Zeit  die 
Geister  in  Spannung  hielten,  berühren  ihn  nur  oberflächlich; 
wie  bereits  S.  3Sf.  gezeigt  wurde,  hält  er  sie  mit  dem  ebenfalls 
mehr  für  die  Praxis  des  Christentums  eintretenden  Basilios  für 
überflüssige  Wortklauberei  und  drängt  auf  die  Rückkehr  zu  der 
einfachen  Bekenntnisformel  der  Apostel.  Seine  Predigt  bleibt 
denn  auch  in  dem  Gedankenkreis  der  Bibel  stehen  und  betont 
daraus  nur  einzelne  Anschauungen,  die  in  der  Lehre  der  Kappa- 
dokier  eine  Rolle  spielen:  so  berührt  er  sich  z.  B.  mit  einer 
besonders  von  dem  Nyssener  vertretenen  Ansicht  in  der  Klage, 
daß  die  Sünde  schuld  sei  an  der  Auflösung  der  ursprünglichen 
Einheit  der  Kultur,  namentlich  an  der  Sprachenverwirrang  ( 1 97  C)  ^. 
Im  übrigen  stellt  er  sich  auf  den  Boden  des  formulierten  Dogmas 
und  fordert  Orthodoxie,  ohne  selbst  ein  inneres  Verhältnis  zur 
Glaubenslehre  der  Kirche  zu  haben. 

Je  weniger  nun  das  Bekenntnis  der  Kirche  im  Mittelpunkt 
der  Predigt  des  Asterios  steht,  desto  stärker  macht  sich  in  ihr 
eine  Art  interkonfessioneller  Religiosität  geltend:  die  Mystik, 
Sie  äußert  sich  in  der  Wertschätzung  persönlicher  und  kultischer 
Frömmigkeit  als  Mittel  der  Gottesgemeinschaft:  ihre  Formen 
beschreibt  der  Mystagoge  bis  ins  einzelne.  So  wird  in  der  neu- 
gefundenen Rede  über  das  Gleichnis  vom  Pharisäer  und  Zöllner 
dem  Gebet  eine  ausführliche  Betrachtung  gewidmet,  die  sich 
deutlich  mit  den  Ausführungen  des  Klemens  von  Alexandrien 
über  das  Gebet  des  Gnostikers  berührt  2.  jS^och  mehr  als  bei 
Klemens  wird  bei  Asterios  die  öuui'a  .-rodg  rör  deöv,  wie  das 
Gebet  seinem  Wesen  nach  bezeichnet  wird,  als  förndiche  Ek- 
stase dargestellt  in  Ausdrücken  und  Bildern,  die  für  derartige 

')  Vg].  Ililt,  Des  heil.  Gregor  von  Nyssa  Lehre  vom  Menschen  S.  25. 

-)  ^tromat.  VII  cap.  VII  und  XII  bei  Stählin  III,  p.  30  tt'.  und  55  ff.; 

vgl.  dazu  E.  von  der  Goltz,  Das  Gebet  in  der  ältesten  Christenheit  S.  261  ff. 


i 


über  d.  Kclitheit  d.  drei  nur  d.  l'hutios  f.  Astoiios  bezeugt.  Reden.       4  [ 

ScIlildtMungcii  in  den  hellenistischen  Mystci'ienroligioncn  typisch 
sind:  -£"«'7//  toivvv  toüy  .  .  .  öini?ua  .~To6g  deov,  öidk^^iq  toD 
/.oyty.ov  Qiöüv  rrooc  tov  a/jjßii'ov  Aoyov,  üvayjöotpi:;  y.al  h'jDyj  xön' 
yijircov  :roay/.idTcor,  dfodos  -toüs  ovoavov ,  y.aid'i  o6vi]oi(;  zöjy 
TxaQÖvjiov,  oixeicoois  «toos  rä  Helkovra  ^.  Der  Beter  wird  in  eine 
andere.  Welt  entrückt:  I'ti  Cöw  t^oixiL.erm'^  roö  ßiov  xal 
jiancov  ov  Tzägeon  xal  iy.öijfieJ  •^  tj/v  yiiv  in  ey.eivYjg  evvfog,  er 
schaut  den  Unsichtbaren  wi(!  in  einem  Si)iegel  (tvoTTioi'Qoiuevog)  *. 
Dabei  entspricht  seine  äußere  Stellung-  ganz  dem  inneren  Er- 
leben ,  ob  er  nun  knieend  betet  ifj  y/Joei  rcöv  yovdjcov 
xal  fj  yv/Ji  ovyy.ajax/JrtTfu)  oder  in  der  Haltung  des  Kopfes, 
der  FüUe  und  der  Hände  das  Bild  des  (lekreuzigten  darstellt 
{tov  oiavQov  To  jiddog  dxgißöjg  i^eixovi'QeC)  zum  sichtbaren  Aus- 
druck seiner  inneren  „Entwerdung'-*  (vgl.  den  Text  S.  llTf.)^. 
Diese  für  die  Ausbildung  des  griechischen  Christentums 
charakteristische  Ästhetik  des  Übersinnlichen  tritt  auch  da  hervor, 
wo  Asterios  die  Einrichtungen  der  Kirche,  die  von  ihm  haupt- 
sächlich als  Kultgemeinschaft  und  als  Erziehungsanstalt  aufgefaßt 
wird,  erklärt  und  symbolisch  deutet.  Wie  das  Grebet  sind  ihm 
die  Sakramente  Mittel  der  Gottesgemeinschaft;  es  bedeutet  den 
Yerlust  großer  Schätze,  otciv  .  . .  6  jiwoT7]g  xal  dinoojT)]^  Ixxhjdfj 
Tcov  tivozixcin'  ä:iolavoecov,  denn  alle  Güter  der  Welt  vermögen 
jene  himmlischen  Gnadengüter  nicht  aufzuwiegen  ('unten  S.  110, 
32ff.).  Die  Wirkung  der  Taufe  beschreibt  er  ebenso  als  Reiniauno- 
von  den  Sünden  wie  als  Wiedergeburt  und  Erleuchtung  (or.  YH, 
257 B,  Phot.  bibl.  p.  502  a  8)  •^.  Die  Bedeutung,  die  er  den  Sakra- 
menten beilegt,    kommt  auch  darin  zum  Ausdruck,  daß  er  sie 

^)  Vgl.  Clem.  AI.  cap.  XII  p.  55  ovzog  ...  ov  yevezai  rwr  h  xöguco 
y.a).<öv,  Tiüvicov  zwv  ivTavßa  xaTaueya/.offOoi'öJv  usw. 

-)  Vgl.  Philo:  Quis  rer.  div.  her.  b'i  ed.  Wendl.  vol.  III,  p.  GO  k'^oiy.i- 
L,Exai  ev  i)/iiTv  6  vor;  usw. 

*)  Vgl. Paulus :  II.  Cor.  5. s ;  dazu  Reitzenstein.  Hellen. Mysterieurel.  S.  193. 

*)  Vgl.  Koch:  Das  mystische  Schauen  beim  hl.  Gregor  von  Nyssa, 
Theolog.Quartalschr.  80  (1898),  S.  397  ff. 

*i  Ähnlich  Clem.  AI.  cap.  VII,  p.  30  Tavt)/  fscil.  rfj  ^v/j])  y-ai  rrooaava- 
TEivouEv  r/jv  ye(fa/.))r  xal  zag  yeToag  sig  ovoavov  al'ooitev  zovg  ze  n^ööag  £,t£- 
ysigoiiEV  .  .  .  i.-zayo/.ovüoi'vzeg  zfj  jtQodviiia  zov  .-irsvaazog  ei;  zip'  rorjzijv  ovoiav 
xal  ovracftazdvEcv  /.öyco  zo  ocöfia  zT/g  yijg  :tEioiöii£vot ,  fiEzäoaiov  :Toit]oäfi£voc 
xrjv  yvyjjv  usw.;  vgl.  ferner  TertuUian  de  orat.  cap.  XIV  bei  Öhler  I 
p.  566:  nos  vero  non  attollimus  tantum.  sed  etiam  expandimus  et  de  do- 
miuica  passione  modulati  et  orantes  confitemur  Christo,  s.  darüber 
auch  E.  von  der  Goltz  a.  a.  0.  S.  271  ff. 

«)  Vgl.  Usener,  Relig.  Unters.  1,  S.  165. 


42  Bretz.  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Aniasea. 

mit  den  Gleichnissen  Jesu  in  Verbindung  bringt:  so  deutet  er 
als  Taufe  und  Abendmahl  den  Yermögensanteil,  den  der  ver- 
lorene Sohn  vom  A'ater  beanspruchen  darf  (unten  S.  109,  2 ff,). 
So  sehr  sich  in  diesen  allegorisierenden  Neigungen  ein  Mangel  an 
Wahrheitssinn  bekundet,  der  Geist,  in  dem  er  sein  Amt  als 
Mystagoge  übt,  zeugt  doch  von  einer  durchaus  gesunden  sitt- 
lichen Persönlichkeit,  die  von  dem  ehrlichen  Bestreben  geleitet 
wird,  der  Form  einen  tieferen  Gehalt  zu  geben,  und  die  mit  allem 
Ernste  auf  eine  Yerinnerlichung  der  Religion  hinarbeitet.  Dieser 
Wille  verrät  sich  z.  B.  in  dem  Eifer,  womit  sich  Asterios  gegen 
die  sonderbare  Sitte  seiner  Zeitgenossen  wendet,  bildliche  Dar- 
stellungen evangelischer  Erzählungen  und  Gestalten  auf  den 
Gewändern  zur  Schau  zu  tragen  (or.  I,  109  A — C). 

Was  er  will,  ist  freilich  nichts  weniger  als  die  Verbreitung 
einer  Bildungsreligion;  erkommtvielmehr  dem  Bedürfnis  der  Masse 
weit  entgegen  und  gibt  ihrem  religiösen  Triebleben  neue  Ts^ah- 
rung  durch  Anpassung  christlicher  Vorstellungen  und  Gebräuche 
an  den  besonders  auf  dem  Lande  tiefgewurzelten  heidnischen 
Volksglauben.  Für  dieses  Eindringen  unterchristlicher  Elemente 
in  das  kirchliche  Leben,  wie  für  die  Entwicklung  des  griechisch- 
orthodoxen Christentums  überhaupt,  wird  er  immer  als  gewich- 
tiger Zeuge  zu  nennen  sein.  Der  Heiligenverehrung  und  dem 
Reliquienkult  redet  er  kräftig  das  Wort.  Jene  verteidigt  er  gegen 
die  rationalistische  Opposition  der  Eunomianer,  die  darin  eine 
Kreaturvergötterung  sahen,  indem  er  Heiligenkult  und  Gottes- 
anbetung ihrem  Werte  nach  streng  unterscheidet  (or.  X,  321  D). 
Die  Gründe  der  Juden  gegen  den  Reliquiendienst  entkräftet  er 
schlagfertig  dadurch,  daß  ei"  aus  ihrer  eigenen  Tradition  seine 
Berechtigung  herleitet  (325  C — 328  C)-.  Neben  der  Verteidigung 
der  bereits  bestehenden  läßt  sich  Asterios  auch  die  Einführung 
und  Verbreitung  neuer  Kulte  angelegen  sein:  für  die  Verehrung 
eines  einheimischen  Märtyrers,  des  Phokas  von  Sinope,  macht 
er  eifrig  Propaganda  (or.  IX)  ^.  Daß  er  auch  bei  der  Feier 
des  Peter- Paulfestes*  vor  einer  neuen  Auf^-abe   steht,   deutet 


1)  Vgl.  Lucius-Anrich,  Die  Anfänge  des  Heiligenkultes  S.  175,  182  ff., 
294  f..  333,  33G. 

'')  Zur  Schilderung  des  segensreichen  Wirkens  der  Heiligen  (321  Cf), 
vgl.  Basil.  in  Mamas  c.  1  M.  31^,  589  C. 

*)  Der  Legende,  die  er  von  ihm  erzählt,  liegt  ein  antikes  Schiffer- 
märcheu  zugrunde.  Vgl.  Radermacher  „St.  Phokas",  Archiv  f.  Rel.-Vv^iss.  VII, 
S.417;  Kern  „Der  Robbengott  Phokas"  ebenda  X,  S.  82. 

*)  Vgl.  Zöckler  bei  Hauck,  R.  E.  f.  pr.  Th.  15,  S.  212  ff. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Kodon.       43 

er  bei  der  Bezuj^nahme  auf  die  Praxis  t^einer  Vorgänger  an 
der  oben  zitierton  Srellc  selber  an  (vgl.  auch  2S1  A  xuv  utjdelg 
ijTaiysTy  ror  äröoa  7iooth]Tni).  An  der  ganzen  Neuordnung  des 
Festkalenders,  die  die  Kirche  damals  vornehmen  mulite,  um 
die  festfrohen  Christengemeinden  von  der  Teilnahme  an  heid- 
nischen Und  jüdisclien  Lustbarkeiten,  ja  sogar  an  ernsten  Feiern 
der  Synagoge  zurückzuhalten,  zeigt  er  sich  stark  interessiert; 
liatte  er  doch  selbst  mit  dem  bezeichneten  Mißstand  zu  kämpfen. 
In  einer  besonderen  Rede  (or.  IV)  wendet  er  sich  gegen  die 
Beteiligung  der  Christen  am  Kaiendenfest.  Die  erste  Bedingung 
für  die  Begehung  eines  Festes,  sagt  er  dort,  ist  die  Erkenntnis 
seines  Zweckes.  Xach  diesem  Grundsatz,  den  er  auch  selbst 
in  der  Einleitung  seiner  Märtyrerreden  zur  Anwendung  zu 
bringen  pflegt,  erweist  sich  ihm  jenes  Volksfest  als  ein  Unsinn 
gegenüber  den  christlichen  Festen,  unter  denen  er  an  erster 
Stelle  Weihnachten  (Tevf.ß/.tov),  dann  das  Epiphanienfest  (^ona) 
und  schließlich  Ostern  (\AväoTaoi^)  nennt  (217  C).  Eine  andere 
Festfolge  deutet  er  in  der  Rede  auf  die  Märtyrer  (or.  X)  an 
durch  die  Namen  XQioxog,  ZTE(pavog,  'Icodvvrjg  6  BaTirioxt]?,  Id- 
y.oißog,  nhgog,  Uavlog,  Ocouag^,  nachdem  er  vorher  die  alt- 
heidnischen Feste,  als  deren  Ersatz  ihm  die  christlichen  gelten, 
die  Feste  der  Demeter  und  der  Köre ,  des  Dionysos,  Herakles 
und  Asklepios  aufgezählt  hat  (324  B).  Es  sind  demnach  von 
allen  kirchlichen  Fragen  hauptsächlich  die  äußeren  des  Kultes 
und  der  Organisation,  die  den  Amasener  Bischof  beschäftigen 
und  eine  Reihe  seiner  Kasualreden  veranlaßt  haben. 

IV.  Die  Art  der  Exegese. 

Eine  andere  Gruppe  von  Reden  zeigt,  inwieweit  er  der 
zweiten  Aufgabe,  die  er  der  Predigt  zuweist,  nämlich  der  homi- 
letischen (Ävoig  yoarfi]g)  gerecht  wird.  Form  und  Art  seiner 
Schrifterklärung  ist  nicht  in  allen  exegetischen  Reden  des  Asterios 
die  gleiche.  Wir  finden  bei  ihm  ebenso  die  analvtische  wie 
die  synthetische  Methode.  Als  reinste  Vertreter  beider  Gat- 
tungen können  die  neuen  Predigten  gelten,  die  von  allen  die 
klarste  Architektonik  aufweisen.  Die  Überlieferung  deutet  den 
Unterschied  ihrer  Form  an,  indem  sie  die  eine  als  köyog,  die 
andere  als  oui'/Ja  bezeichnet.  Im  Mittelpunkt  des  Xöyog  elg  to 
Av&gcoTioi  ovo   äreßt]oav  xxX.  steht    eine  Betrachtung   über  das 

1)  Vgl.  Useuer  a.  a.  0.  S.  250. 


44  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Gebet;  das  zu  behandelnde  Gleichnis  dieiit  nur  als  Yeranschau- 
lichung-  der  Forderung,  daß  man  mit  deinütig-eni  Herzen  beten 
soll.  Dagegen  bildet  den  Hauptteil  der  oialia  eig  robg  ovo 
tnoig  robg  Tiaga  tm  Aovy.ä  eine  fortlaufende  Erklärung  des 
Gleichnisses;  durch  Yoranstellung  der  zu  erklärenden  Stelle 
werden  ihre  Abschnitte  scharf  markiert.  Sonst  sind  beide 
Formen  mehr  oder  weniger  gemischt.  Doch  überwiegt  die 
Neigung  für  eine  systematische  Behandlung  des  Bibeltextes. 
Ihr  zuliebe  wird  zuweilen  ein  im  Text  nicht  eigentlich  gegebenes 
Thema  behandelt,  wie  z.  B.  in  der  Homilie  ek  löv  olxovojnov 
rfjg  ddixiag  (or.  II)  die  These,  daß  der  Mensch  nicht  Eigen- 
tümer, nur  Verwalter  seiner  Güter  sei:  erst  gegen  den  Schluß 
hin  wird  als  Beispiel  für  das  falsche  Verhältnis  des  Menschen 
zu  seinem  Besitz  unter  anderen  auch  der  oixovöjuog  des  Gleich- 
nisses genannt  und  noch  eine  kurze  Auslegung  versucht  (t92Df). 
Den  Übergang  von  der  analytischen  zur  synthetischen  Methode 
lassen  auch  die  nicht  seltene  Vorausangabe  von  Thema  und 
Teilen  (z.  B.  or.  I  elg  tov  tiIovolov  xal  Ad^agov  164  B:  tov  juev 
xrjv  cpiXÖTifiov  äziolavoiv,  xov  de  ri]v  Te&/Ujujuev)]v  i^(jii]v  .  .  y.al  xö 
xekog  äuqoreocov)  und  die  häufigen  zurück-  und  vorausweisenden 
Übergangsformeln  erkennen.  Diese  ganze  auf  eine  klare  Struktur 
der  Rede  angelegte  Technik  erweist  den  Amasener  Bischof 
wieder  als  Schüler  der  Kappadokier.  die  den  loyog  auf  den 
Höhepunkt  der  rhetorischen  Kunst  führten^;  dabei  kommt  ihm 
der  oben  bezeichnete  Mangel  an  theologischem  Interesse  zu 
statten:  seine  Predigt  leidet  weniger  als  die  seiner  Meister  an 
dogmatischen  Abschweifungen,  höchstens  an  solchen  rhetorischer 
Natur. 

Der  Wert  der  Predigt  bestimmt  sicli  aber  mehr  nacli  dem 
Maße,  in  welchem  die  allegorische  oder  die  grammatisch-histo- 
rische Interpretationsmethode  angewendet  wird.  In  dieser  Hinsicht 
zeigt  die  Exegese  des  Asterios  eine  gewisse  Zwiespältigkeit, 
wie  wir  sie  noch  stärker  bei  den  Kappadokiern  beobachten. 
Diese  wandten  sich  wenigstens  in  der  Theorie  von  der  alexan- 
drinischen  Allegorese  ab,  in  der  Praxis  gelang  es  ihnen  nicht, 
sie  ganz  zu  überwinden,  am  wenigens  dem  Nyssener^.  Auch 
Asterios  kennt  ihre  Gefahr,  die   Abirrung  vom  wirklichen  Sinn 

')  Vgl.  Christlieb-Schian  bei  Hauck,  Realenzykl.  f.  pr.  Th.'  1.') 
(1904),  S.  631,  wo  freilich  Asterios  ohne  besondere  Begründung  als  Nach- 
ahmer des  Joh.  Chrysostomos  genannt  wird. 

-)  Vgl.  Meridier  a.  a.  0.  S.  208  ff. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Astorios  bezeugt.  Reden.       4,") 

des  Textes  (lUliB  or  yug  evy.o'/.or  tonr  eig  d/M]yoQiai'  uy.6- 
lov&o%'  jiieTaoxevdoai  ko  yeyQajuuerco),  und  nicht  ohne  Vorsicht, 
erst  nach  einer  iimständliehen  !Motivieran,i?.  j^-ehr  er  einmal  daran, 
den  Ansdruck  ..Abrahams  Schoß-'  als  Bihl  zu  erklären  [ll'Mi}^. 
Dann  aber  gestattet  er  sich  die  Annahme  einer  ziemlich  wilden 
Allegorie:  Um  nachzuweisen,  daB  Abraham  schon  bei  Leb- 
zeiten ein  Knecht  Christi  war.  will  er  unter  den  drei  Männern, 
die  einmal  bei  dem  Patriarchen  Einkehr  hielten  und  von  ihm 
bewirtet  wurden,  die  Personen  der  göttlichen  Trinität  verstanden 
wissen  (173  Bf).  Xoch  mehr  als  in  seiner  alttestamentlichen 
Exegese  macht  sich  diese  allegorisierende  Art  in  der  neutesta- 
mentlichen  l^iljelerkläruns;  des  Asterios  «eltend:  für  seine  Gleich- 
nisauslegung.  die  den  breitesten  Raum  seiner  homiletischen 
Tätigkeit  einnimmt,  hat  er  sie  geradezu  zum  Prinzip  erhoben. 
Hier  entfernt  er  sich  von  der  Ansicht  der  Ka|)padokier,  daß  Jesus 
seine  Gleichnisse  zur  Verdeutlichung,  nicht  zur  Verdunkelung 
seiner  Lehre  gegeben  habe;  er  nennt  sie  vielmehr  noch  ganz  im 
Sinne  der  apostolischen  Väter  -  aivr/para  (1  SO  A.  in  fil.  prod.  unten 
S.  113.  ■2()i  oder  irrsoxiaouh-ovg  /.oyovg  (ISl  A^  und  leitet  daraus 
die  Notwendigkeit  der  allegorischen  Ausdeutung  des  Einzelwortes 
ab  (vgl.  in  fil.  prod.  S.  I  1  3.  21  ff.  racja  de  rrdvTa  ovy  cbg  dn)yi}na  ei' 
T(o  y.oiV(p  äreyodq')],  d//'  k'y.aoTog  /.oyog  yeuei  avGT)'jgia  yey.gvuKertjg 
d/./.)]yoQiag'  Tragaßo/.ij  ydg  eoTiv,  cbg  Tote'  .t«^  de  :zagaßo/.iy.dg 
Äoyog  i^  aÄÄcov  tcöv  cpaivoi^iEvcov  ngbg  hega  uvmaycoyei  jd  vooY'- 
jiieva  und  vorher  S.  lOS,  18  ff.:  ägioxov  Tigäyua  y.al  tm  Xoyiy.co 
ngenov  C(6cp  xb  y.ey.gvf.iiuievi'jv  doacpeia  yvcbpi]^'  STiiue'/Mg  dviyvevEiv 
y.al  :rgodyeiv  eh  q^cög,  ferner  173B  u.a.).  Demgemäß  sucht  er 
bei  der  Erklärunsr  des  Gleichnisses  vom  verlorenen  Sohn  auch 


')  Er  versucht  zunächst,  den  Literalsinn  des  Wortes  yö/^-ro;  als  un- 
haltbar zu  erweisen;  wenn  er  dann  aber  zur  Verdeutlichung  seiner  über- 
tragenen Bedeutung  das  Bild  vom  windstillen  Hafen  verwendet,  so  nimmt 
er  damit  offenbar  die  Erklärung  eines  der  tiefgründigen  Schriftforscher, 
von  denen  er  vorher  sprach  (173  B  o  xal  dta-ioo/joso};  oKfoguijv  ziaqi/si  roT; 
tjöeto;  To.  ßdd»]  tcov  Fgag-öjv  ßaoavi^ovoi) ,  nämlich  des  Nysseners  auf.  Vgl. 
Greg.  Nyss.  de  anima  et  ressur.  M.  46  p.  84  c  öjo.-teo  oi-r  ri;r  .Tomr  tov  :ie- 
/.dyovg  :j£Oiyoa(f>jr  sy.  y.aTayoi']afoig  rifo;  dvoi.iaZousv  y.6).7tor,  ovrco  doxsT  dus- 
TQi'jTCOv  ixsivcov  dvadcov  ztjv  h'Sfi^iv  6  /.öyo;  tw  tov  y.6}.-iov  öiaaTjuaivEiv  ovo- 
fiait,  CO  rrdvTeg  oi  di'  dgerfig  t6%-  naoörra  öian/.EOvxEg  ßiov  ,orar  ivzsv&ei'  d.-Taioojoii\ 
warreo  ir  äx aTax/.vozo)  "/.iiiiri  riö  dra§co  xö/^jico  rag  tfvyäg  irogui^otTat 
und  Ast.  173  D  TÖr  ;<C)/..Tor  avTov  oiov  Fvdiör  rtra  /.iiiira  y.al  ay.'/.voTOv 
dva^c  ai'T /jQior  eivai  röjv  dty.alcoy  qijoi. 

2)  Vgl.  Jülicher,  Die  Gleichnisreden  Jesu  I  (1899).  S.  -205  u.  S.  227 ff. 


46  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

in  so  nebensäcliliclien  Zügen  wie  in  der  Beschenkung  des  Heim- 
gekehrten mit  oToh],  day.TvXiog  und  vjioöiiuara  einen  mystischen 
Sinn.  Vor  allem  kommt  es  ihm  darauf  an,  in  den  Gleichnissen 
Andeutungen  kirelilicher  Institutionen  aufzuzeigen.  Das  ijii- 
ßdlkov  jiugog,  auf  das  der  verlorene  Sohn  Anspruch  macht,  be- 
deutet, wie  wir  früher  (S.  42)  sahen,  nichts  anderes  als  Taufe 
und  Abendmahl.  Das  Pferd,  auf  dem  der  barmherzige  Samariter 
den  verunglückten  Wanderer  in  eine  Herberge  führt,  ist  das 
göttliche  Wort,  das  den  Sünder  zur  Kirche  leitet  CPliot.  bibl. 
p.  500  b  f.).  Das  blutflüssige  Weib,  das  von  Jesus  geheilt  wurde, 
ist  das  Bild  der  Heidenkirche  (Mai,  NBP  p.  673).  So  trübt 
eine  stellenweise  recht  willkürliche  Allegorese  die  Klarheit  des 
den  biblischen  Beispielerzählungen  zugrunde  liegenden  Ge- 
dankens. 


Y.  Der  ethische,  speziell  kynische  Grundcharakter. 

Glücklicher  als  in  der  Aufspürung  des  mystischen  Sinnes 
ist  Asterios  in  der  Hervorhebung  des  moralischen  Sinnes;  sie 
verbindet  sich  bei  ihm  sofort  mit  der  Feststellung  des  Literal- 
sinnes;  so  findet  er  in  dem  nxcoyöq,  womit  Lazarus  im  Gleichnis 
bezeichnet  wird,  ähnlich  wde  Gregor  von  Nyssa  in  der  I .  Selig- 
preisung (M.  44,  p.  1205  D)  neben  der  wörtlichen  Bedeutung  den 
Begriff  der  Demut  (176A  Aurlfj  zig  eoTiv  f]  ttsqI  top  jitco/öv 
orjjuaoia'  fj  jnh'  drjXovoa  tcov  ävayxaicov  ttjv  svdeiav,  f]  de  xrjv  jue- 
roio(pQOovv)jv  y.al  tov  fjdovg  tijv  Ta^ieivotijTa).  Vielfach  kennt 
er  überhaupt  keine  andere  als  die  moralische  Ausdeutung  einer 
Schriftstelle;  ja  er  trägt  in  seiner  Vorliebe  für  solche  Exegese 
moralische  Züge  in  ein  Gleichnis  ein,  die  ihm  nach  dem  bibli- 
schen Wortlaut  vollständig  fehlen.  So  wird  z,  B.  der  Vater  des 
verlorenen  Sohnes,  der  diesem  ohne  Zögern  das  Erbteil  heraus- 
gibt, gerühmt  als  ov  [.uy.ooloyog  ovök  (feido)/Mg  i)  ßgaöug  elg  ti]v 
xdqiv  xrX.  (u.  S.  109,  6 ff.).  Schon  daraus  geht  hervor,  daß  Asterios 
seine  Hauptaufgabe  auf  jenem  dritten  Gebiet  sieht,  das  er  der 
Predigt  zuweist,  in  der  ^Nroralisierung  der  Lebensführung. 

In  dieser  Tendenz  vereinigt  sich  seine  homiletische  mit 
seiner  panegyrischen  Beredsamkeit.  Er  stellt  in  den  Mittelpunkt 
seiner  Betrachtung  entweder  die  fingierten  Personen  der  Gleich- 
nisse oder  die  Gestalten  der  heiligen  Geschichte  und  Legende, 
um  aus  ihrem  Verhalten  die  Grundsätze  seiner  Nieral  abzuleiten 
und  sie  dann  auf  das  Leben  seiner  Zuhörer  anzuwenden.    Hier 


I 


über  (I.  Kchthoit  tl.  drei  nur  d.  Pliotios  f.  Asterios  bezeugt,  b'edon.       .]  ~ 

fand  >^(Miic  dem  spekulativen  Denken  abgeneigte  und  nur  aut's 
Praktische  gerichtete  Natur  den  günstigsten  Boden  zur  p]ntfal- 
tung^  Auf  ihm  erwuehs  dem  Amasener  Biseliof,  dem  jeder 
Einfluß  auf  die  Entwiekhing  der  Jjehre  selbst  versagt  blieb, 
eine  Bedeutung  nicht  bloß  für  die  Greschichte  der  christlichen 
Predigt-,  sondern  auch,  was  erst  in  unscrn  Tagen  richtig  ein- 
geschätzt Avird,  für  die  allgemeine  Kulturgeschichte. 

Xatürlich  ist  es  kein  geschlossenes  System  in  durchsichtiger 
Begründung,  das  dieser  Predigt  zugrunde  liegt.  Sie  zweckt  ja 
nicht  eigentlicli  auf  maximenhaftes  Wollen,  anf  Persönlichkeits- 
bildung ab,  sondern  will  auf  die  breiten  Massen  wirken  und 
ihr  Triebleben  regulieren.  Darum  erscheinen  ihre  Forderungen 
vor  allem  als  Gebote  Gottes,  die  in  Lehre  und  Musterbild  ob- 
jektiv gegeben  sind,  als  Yorschriften  der  geoffenbarten  Religion, 
die  eine  unbestrittene  Gültigkeit  haben,  und  der  Apparat  des 
Glaubens,  besonders  die  Vorstellung  von  der  Vergeltung  im 
Jenseits,  wird  in  den  Dienst  dieser  Propaganda  gestellt.  Ein 
lehrreiches  Beispiel  dafür  bietet  die  Einleitung  der  an  der  Spitze 
der  Migneschen  Sammlung  stellenden  Homilie  anf  Lazarus.  Als 
Quellen  der  cliristlichen  Ethik  werden  hier  einerseits  die  djio- 
q^auxu  xal  öoyiinTty.d  &E07iiojiiaTa  und  die  7iQ0(pt]Tiy.d  y.al  Evay- 
yeXixd  orouaia,  andererseits  die  TToaxny.d  vjTodeiyuaza  erwähnt, 
unter  denen  das  von  Lazarus  mit  dem  Ausblick  auf  das  Los 
des  Armen  und  des  Reichen  nach  dem  Tode  als  besonders 
wirkungsvoll  hervorgehoben  wird  (164  AB). 

Gleichwohl  ist  das  ethische  Denken  des  Asterios  im  letzten 
Grunde  nicht  spezifisch  religiös-christlich.  Wie  er  die  öegtioti' 
y.ol  vofiot  ohne  weiteres  mit  den  äQsrrjg  JiaQayyek^uara  gleich- 
setzt (or.  II,  1S5A),  so  faßt  er  das  Christentum  überhaupt  in 
erster  Linie  als  Ethik,  nicht  als  Religion  anf.  Kaum  begegnen 
wir  einmal  dem  im  Mittelpunkt  des  christlichen  Glaubens  stehen- 
den Erlösungsgedanken.  Seine  Predigt  läuft  immer  auf  die 
Forderung  hinaus,  die  Seele  von  der  Einwirkung  der  W^elt  rein 
zu  erhalten  und  sie   aus  der  Macht  der  Sinnlichkeit  zu  lösen. 


^)  Vgl.  or.  IX,  p.  321  A  'H  yäo  /.oyixij  :jai8£V0ig  r»)?  :ioay.zixi}g  ivsgyscag 
ijzTcov  xal  do&eyeoTEQa  dibäanalog,  eine  unendlich  oft  wiederholte  heidnische 
Sentenz. 

-)  Neben  der  glücklichen  Teilung  des  Textes  (s.  oben  S.  44)  ist  es 
besonders  die  fruchtbare  Behandlung  des  Themas,  was  man  an  der  aste- 
rianischen  Predigt  lobt;  vgl.  Schian-Krüger  bei  Hauck,  Realenzykl.  f.  pr. 
Tli.  15,  S.  134. 


4S  Bretz.  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Damit  steht  er  aber  noch  ganz  auf  dem  Boden  der  antiken 
Ethik,  oder  genauer:  er  steht  an  dem  Punkte,  wo  beide  Welten, 
die  antik  -  heidnische  und  die  christliche,  ineinander  fließen. 
Man  kann  sagen:  Asterios  interpretiert  das  Christentum  im  Sinne 
der  Moralphilosophie.  Aus  ihrem  Inventar  stammt  das  Bild 
des  Bettlerphilosophen,  das  er  in  dem  armen  Lazarus  zeichnet. 
Das  Gleichnis  selbst  erscheint  ihm  nicht  anders  als  wie  eine 
Satire,  in  der  sich  Jesus  über  das  Gebaren  der  Reichen  in 
knappen  beißenden  Worten  lustig  macht  (164B  Jid  ovo  ovv- 
röjiiojv  dvojiidroji'  6  löyog  oxcomei  xal  y.oj /ncoSeT  rijv  7ilad(baav 
y.al  apsTQov  tcTjv  y.axcog  TrlovTOvvrmv  öidyvoiv.  Ahnlich  heißt 
es  in  der  Auslegung  des  Gleichnisses  vom  verlorenen  Sohn  vom 
älteren  Bruder  y.cojiKpdeT  tov  ädalcpov  tov  ß'iov  .  .  .  'deaigiCcov  rd 
egya).  Die  erste  Seligpreisung  May.dgioi  ol  Jixcayol  x(b  tivev- 
juart  deutet  er  auf  diejenigen,  die  wie  Lazarus  die  Loslösung 
von  der  Welt  und  ihren  Gütern  innerlich  vollzogen  haben 
(176  B  —  D).  Seine  Auffassung  vom  Wesen  des  Christentums 
tritt  besonders  auch  in  der  Art  hervor,  wie  er  die  Tugenden 
des  Märtyrers  aufzählt  und  als  die  von  seinen  Zuhörern  uner- 
reichten Ideale  hinstellt  (or.  X,  313C  Et  exsTvog  evUi]oe  <pXöya 
TivQog  rfi  xaQTeoiq,  oh  ncbq  TioQveiav  ov  öajud^eig  rfj  ocog^QOovvr]  ; 
El  6  jLiaQTvg  ovH  e?Ji]oe  tiXovtov  ov  ■t](piei,  xal  '/Qijfiaxa,  did  ri 
ov  ÖAiyov  ov  xaxaipQoveig  dgyvQtov  v:TkQ  dtxatoovinjg ;  Ei  6  jiido- 
Tt'g  yevog  -deov  ov  7iooerii.u]oer,  d)JJ  djreCev'/d)]  yvvaixog,  jiaidoiv, 
q)iXTdxo)v,  Ticög  ov  ov  xokdi^eig  x)]v  TiQoojtdd^eiav,  did  de  TtQoooiTia 
Tvyov  o'/eoiv  Tiodg  oe  olxeioxvixog  e'yorxa  v7TeQ:i:t]däg  xö  dixaiov 
xal  xov  deov  xov  q}6ßov  jTaQaloy'iQ}] ;  El  6  fidoxvg  xb  ocouu  dtd 
'deov  e^edvoaxo,  n&g  avxog  evög  ov  xaxacpqoveig  yixwvioxov  eig 
oxenip'  yvjiivov;).  Die  hier  erhobenen  Forderungen  der  äoxj]oig, 
des  xaoTeQeTv  und  der  dnddeia  sind  bekanntlich  keineswegs 
genuin  christlich;  vielmehr  setzen  sich  in  ihnen  Grundanschau- 
nngen  der  heidnischen  Moralphilosophie  —  hier  haben  wir  den 
reinen  Kynismus  —  auf  dem  durch  seine  dualistische  Welt- 
auffassung dafür  vorbereiteten  Boden  des  Christentums  durch. 
Der  Verlauf  dieser  Entwicklung  ist  im  einzelnen  noch  nicht 
genügend  aufgehellt;  im  allgemeinen  ist  erklär^:  es  zeigt  sich, 
da(;i  gerade  in  der  Zeit  des  Asterios  die  Berührung  zwischen 
Christentum    und   Kvnismus    selir   ena;  war.      Wäre    doch    der 


')   Vgl.   die   Übersicht  bei  Weudland,   Hellen.-röm.  Kultur,   Kap.  V 
und  IX. 


ibor  d.  Kchthoit  d.  drei  mir  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Kedeii.       4f) 

Kynikcr  Muxiiuus  durch  A'crniittelung  des  Gregor  von  Xaziaiiz 
beinahe  Bischof  von  Konstantiuopel  geworden  ^  Gegner  der 
Kirche  wie  Julian  benützren  die  Tatsache  dieser  A'erwandt- 
sciiat't  als  WatVe  zur  Bekämpfung  des  Christentums,  und  seine 
Verteidiger  wie  Joh.  Chrysostomos  hatten  Mühe,  einen  Unter- 
schied aufrecht  zu  erhalten  und  die  heidnische  Konkurrenz  aus 
<3em  Felde  zu  schlagen'-.  Asterios  steht  ihr  durchaus  freund- 
lich gegenüber.  In  dem  großen  Kampfe,  in  dem  sich  damals 
das  Christentum  mit  der  alten  "SVelt  auseinandersetzte,  treffen 
wir  ihn  wieder  in  der  Gefolgschaft  der  Kappadokier,  die  von 
dem  reichen  Erbe  der  antiken  Kultur  besonders  ihre  ethischen 
"Werte  für  das  Christentum  sicher  stellten-*.  Wie  Basilios  dem 
Meister  der  kynischen  Sekte  Diogenes  wiederholt  offene  Be- 
wunderung zollt  ^,  so  gedenkt  auch  Asterios  des  bekannten. 
Sinopeers  in  einer  unzweideutigen  Anspielung  beim  Lobe  der 
TiaiQig  des  Pliokas,  der  ebenfalls  aus  Sinope  stammt,  mit  warmen 
Worten;  es  klingt  wie  eine  Verurteilung  der  kleinlichen  Eifer- 
süchteleien im  christlichen  Lager,  wenn  er  dabei  zu  verstehen 
gibt,  daß  ihm  Sittlichkeit  über  Religion  gehe:  'M)A  C  I)  "Hreyy.s 
roivvv  Tor  uyiov  äröoa  xovrov ,  rö  jLieya  Xgioiiavdn'  öq^eko.;  fj 
yehojy  2^ivc6mj ,  Tto/jg  ägyata  y.al  yvcoQifiog ,  Evnooog  xagiegcöv 
y.ai  cpiloGocfcov  ävögiov.  MI/  yag  uoi  ng  loyi^eo&co  vvv  x6  xfjg 
'dg)]0y.£iag  didq:ogor,  d/J.'  £i  oTiovöakor  ö/xog  dydgcdr  xgocpog  y.al 
jiii'jxijg  edeiyOt)  ^.  Nach  diesem  Zeugnis  kann  kein  Zweifel  mehr 
darüber  sein,  daß  der  kynische  Einschlag,  den  die  asterianische 
Predigt  zeigt,  auf  bewußtem  Anschluß  des  christlichen  Bischofs 
an  die  heidnischen  Moralisten  beruht. 

Bevor  wir  nun  versuchen,  Art  und  L'mfang  dieser  Beein- 
flussung genauer  festzustellen,  muß  ein  kurzes  Wort  über  die 
Abwandelung  gesagt  werden,  die  der  Kynismus  in  seinen  Aus- 
drucksformen bis  auf  die  Zeit  des  Asterios  erfahren  hat.     Das 


')  E.  ScliM-artz.  Charakterköpfe  11,  S.  2. 

=)  E.  Norden,  Fleckeisens  Jhrb.  Suppl.  19,  S.  400  flf. 

3)  Vgl.  dazu  jetzt  J.  GeHcken,  Antike  Kulturkämpfe,  Jhrb.  f.  d.  kl.  Alter- 
tum XXIX  (1912),  S.  608  ff. 

*)  Vgl.  Büttner,  Basileios  d.  Gr.  Mahnworte  an  die  Jugend  S.  45. 

5)  Über  das  Gegeubild  dazu  bei  TertuUian,  der  adversus  Marciouem  I. 
p.  290f.  die  Häresie  des  Sinopeers  Marcion  mit  dem  paradoxen  Gebahren 
seines  Landsmannes  Diogenes  in  Parallele  setzt,  vgl.  Dr.  A.  Bill,  Zur  Er- 
klärung und  Textkritik  des  1.  Buches  Tertullians  „Adversus  Marcionem", 
T.  U.  XXXVIII,  2,  S.  9  f. 

T.  n.  U.  '13:  Bretz.  * 


50  Bietz,  Studien  und  Texte  zu  Asterics  von  Amasea. 

altkynische  Ideal  hatte  seine  scharfe  Ausprägung  in  der  Diatribe 
oder  auch  in  der  pointierten  Anekdote,  der  yoEia  erhalten. 
Beide  Formen  fanden  schon  früh  auch  bei  den  Stoikern  Ein- 
gang; Diogenes  Laertios  verzeichnet  öimoißai  für  Kleanthes, 
Persaios  und  Sphairos,  für  die  beiden  ersteren  auch  yoelai; 
ähnlicher  Art  waren  die  ofioimamn  des  Ariston  von  Chios.  Als 
dann  in  der  Folgezeit  mit  der  fortschreitenden  Popularisierung 
der  Philosophie  sich  die  Gegensätze  zwischen  den  verschiedenen 
Schulen  mehr  und  mehr  ausglichen,  wurden  mit  dem  Inhalt  der 
nivellierten  Moral  auch  die  Ausdrucksmittel  und  Formen  für 
ihre  Verbreitung  Gemeingut  aller  Richtungen.  Allerdings  büßte 
dabei  die  kynische  Diatribe  viele  wirkungsvolle  Reize  ein.  Das 
allgemeine  Charakteristikum  der  ethischen  Massenpropaganda 
.  war  nun  die  no/.vjioayjiioavv)],  das  aliena  negotia  curare,  wie  es 
Plutarch  in  einer  eigenen  Schrift  schildert  und  Iloraz  Sat.  II.  3 
in  der  Person  des  Damasipp  karikiert.  Diese  Moralisten  sahen 
ihre  Aufgabe  darin ,  das  Leben  ihrer  Mitmenschen  zu  über- 
wachen —  daher  heißen  sie  sich  auch  y.ardoy.oTioi  — ,  und 
ihre  Fehler  aufzudecken:  indem  sie  diese  heilen,  werden  sie  zu 
e^ioy.on:oi ;  ihre  Tätigkeit  ist  ein  beständiges  e?Jy/£tv,  vov^ereiv, 
largeveiv,  ihr  Ziel  in  jedem  Falle  ein  oxfEÄelv.  Diesem  Zwecke 
dient  auch  die  Unterhaltungsliteratur,  die  Philosophenaretalogie, 
die  sich  an  Gestalten  wie  Apollonios  von  Tyana  oder  Euphrates 
anschließt.  Die  Träger  dieser  Bewegung  mögen  sich  vielfach 
von  Art  und  Sinn  des  alten  Kynismus  weit  entfernt  haben, 
dennoch  faßten  sie  sich  am  liebsten  mit  dem  Xamen  Kyniker 
zusammen;  die  Möglichkeit  eines  äußeren  Anschlusses  an  diese 
Richtung  war  eben  von  vornherein  dadurch  gegeben,  daß  der 
Kynismus  nicht  durch  feste  Dogmen  wie  die  anderen  Schulen 
abgegrenzt  war  ^ 

An  Tendenzen,  Formen  und  Motive  dieser  heidnischen 
Prediger  knüpft  nun  die  Kanzelrede  des  christlichen  emaxoTro^ 
unverkennbar  an.  Aus  ihrem  Programm  nimmt  er  die  Schlag- 
wörter auf,  um  die  für  ihn  selbst  vorbildliche  Art  des  Auf- 
tretens der  Apostel  zu  schildern:  vgl.  272  D  (Petri  Verhalten 
gegen  Ananias  und  Sapphira)  ovh  (hjLtug  wr  y.al  cpoviy.ög  rijv 
yvcojurjv,    ä?^Xa.  y.axa    oxotiuv    ihcyeleiag,    ovrcog   laToevoag    rjyv 


1)  Vgl.  dazu  Norden,  Fleck.  Jhrb.  Suppl.  19,  S.  377,  381  *,  392; 
Ueitzenstein,  Hellenist.  Wundererzählungen  S.  45  und  sonst;  Wendland, 
Helleu.-röm.  Kultur  S.  39ff.;  E.  Schwartz,  Charakterköpfe  II,  S.  26. 


über  d.  Kclitht'it  d.  drei  nur  d.  l'hotios  f.  Asterios  bezeugt.  Heden.       ')! 

ajnaorlay  .  .  .  Fiy.oToc:  h'öiuoFV  or  tT/^  tx  köycov  rov  i}eniai;  u6- 
voy  yo/jC^tv  rovg  fiaOtjTÜg,  (Vi.hi  xal  fpoßov  Jivog  EV7XQ<ly.rov  .  .  .  xal 
diu  xovTO  eXey^ag  xi]v  ujuagziav  ev&vg  'ädvaxov  ttjv  rifXKOQiav  etitj- 
yayev^.  In  den  Stoffen  der  Märtyrerrode,  die  einen  Ilauptteil  der 
Beredsamkeit  des  Asterios  ansmacht,  setzt  sich  die  hellenistische 
Wnndererzählung  auf  christlichem  Boden  fort 2;  wahrscheinlich 
hat  er  auch  seine  Vorliebe  für  Gleichnisreden  von  seinen  heid- 
nischen Yorg-äng-ern  ererbt.  Sicher  läßt  sich  dies  von  der  Auf- 
fassung-behaupten,  die  er  an  die  biblischen  Gleichnisse  heranbringt; 
erfindet  in  ihnen,  wie  bereits  S.  -48  angedeutet  wurde,  einen  skur- 
rilen Zug  und  betont  dieses  Merkmal  öfter.  Ja,  es  ist  die  Theorie 
der  reizvollen  Diatribe  eines  Bion,  die  er  mit  ihrer  genauen 
psychologischen  P»egründung  und  in  ihrer  rein  kynischen  Formu- 
lierung unverändert  auf  die  Gleichnisse  Jesu  überträgt;  so 
erklärt  er  in  der  Auslegung  des  Gleichnisses  vom  verlorenen 
Sohn:  'Ejreiö))  de  rijv  ex  rov  Ttgocpavovg  TtaQQYjoinv  ovx  erpe- 
Qov  cooTieQ  näikoi  Tiveg  äyQioi  yeiQog  e7iaq^)]v,  roig  nagaßolixoTg 
Tci)v  köycov  xarajui^ag  avrfj  cöoneg  nvl  /.leXiri  jtixqov  xal 
äi]deg  cpag /jiaxov ,  ovrcog  avzwv  evjmjxdvcog  e^iurai  t))v  vö- 
oov^.  Inwieweit  dieses  Prinzip  die  Form  seiner  eigenen  Pre- 
digt bestimmt,  wird  später  genauer  zu  zeigen  sein.  Aber  auch 
ihr  Inhalt  verrät  immer  wieder  den  kynischen  Standpunkt  des 
Verfassers.  jSTatürlich  begegnen  fast  ausnahmslos  die  sog.  ky- 
nischen Torro«,  in  denen  sich  die  Moral  der  Popularphilosophie 
konsolidiert  hatte.  Für  sich  allein  mögen  sie  nicht  mehr  als 
die  kynische  „Allerweltsdiatribe"  beweisen;  in  dem  Zusammen- 
hang, in  welchem  sie  bei  Asterios  erscheinen,  scheinen  sie  mehr 
zu  bedeuten.  Sie  seien  daher  zur  Charakterisierung  der  aste- 
rianischen  Moralpredigt  hier  genannt,  zumal  diese  in  der  über- 


')  Mau  vergleiche  damit  die  Schilderung  der  Wirksamkeit  des  Eu- 
phrates  bei  Plinius  ep.  I,  10.  —  Als  rov&sota  wird  die  Ansprache  an  die 
Gemeinde  bereits  in  dem  bekannten  Zeugnis  des  Justin  Apol.  I,  c.  67  be- 
zeichnet, und  die  älteste  christliche  Predigt,  der  2.  Klemensbrief,  kann 
als  solche  gelten.  Mit  der  kynischen  Voikspredigt  vergleicht  auch  Ori- 
genes  die  christliche  Missionsverkündigung. 

^)  Reitzenstein,  Hellenist.  Wundererz.  S.  37. 

^)  Ein  Spruch  des  Diogenes  —  freilich  von  zweifelhafter  Echtheit  — 
lautet :  Ol  nkv  laTOol  rag  tojv  ExXeiy.roJv  (pagj^iäxcov  ^tixQiag  /.lihri,  ol  ök  oorpol 
T(i^  Tcöv  Svay.oXtozEocov  äv&go}:Tcov  ofiiUag  ÜMQÖrtjxc  y}.vy.aivovoiv  zitiert  bei 
Gerhard,  Phoinix  von  Kolophon  S.  41,  wo  u.  a.  auch  Themistios  als  Zeuge 
für  dieses  kynische  Prinzip  genannt  wird.  Eine  andere  Gnome  des  Dio- 
genes ist:   7'ö  alrjOig  :ity.o6v  iari  y.al  chjSeg  roTg  dvoijToig  bei  Gerh.  S.  34. 

4* 


52  Bretz.  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

reichen  Literatur  der  letzten  Jahre  über  die  Diatribe  unberück- 
sichtigt bUeb  ^. 

Der  Maßstab  für  die  kynische  Wertung  des  Lebens  ist  das 
dvaytcäiov  xal  Ivoneleg.  Wie  Basilios^  legt  ihn  auch  Asterios 
seinem  moralischen  Räsonnement  zugrunde  und  regelt  nach 
dieser  i^orm  die  ganze  Lebensführung:  was  darüber  hinaus- 
geht, ist  xQvfpvj,  xevoÖo^ia  oder  jileove^ia  <  164  C  f..  204  D). 
Erstere  wird  in  allen  ihren  Erscheinungen  leidenschaftlich  be- 
kämpft: in  Kleidung  (164  C  —  16SCj^,  in  Wohnung  und  Ilaus- 
einrichtung  (I69A — B),  in  Xahrung  1 169  C;  und  in  der  L^nter- 
haltung  (1&8D  —  189A)*.  Andererseits  wird  die  Einfachheit 
(evreXeia)  an  Phokas  (304  D)  wie  an  Paulus  (296  A)  rühmend 
hervorgehoben.  Letzterer  wird  in  seinem  Bemühen,  durch  seiner 
Hände  Arbeit  sein  Brot  selbst  zu  verdienen,  als  Vorbild  auch 
für  die  Priester  hingestellt  und  damit  dem  durch  die  Kyniker 
zu  Ehren  gebrachten  Tiövog  da«  Wort  geredet^.  Sinnlichen 
Lüsten    gegenüber    erscheint    die    Keuschheit    der   Susanna    in 


')  Ähnlich  zeigt  Wendland  den  Kynismus  bei  Philon :  Beiträge  zur 
Geschichte  der  griecb.  Philos.  u.  Rel.  S.  7  if. 

2)  no6g  veovg  c.  8  M.  31,  585  A,  jiQog  ji?.ovt.  c.  2  M.  31,  284  u.  a.  Ygl. 
Büttner  a.  a.  0.  S.  44  ^  dazu  jetzt  Dirking,  S.  Basilii  Magni  de  divitiis  et 
jjaupertate  sententiae  S.  18. 

^)  Er  berührt  sich  dabei  besonders  auffällig  mit  Basilios  .-toö,  tzIovx. 
M.  31,  289,  wie  folgende  Gegenüberstellung  zeigt: 

Ast.  165  B    '^Av    bk    y.axahu:iävoii'    rö  B?iS.2Sd  A  avfdyovGi  rovg  dr- 

TTQÖßarov  xal  x6  egiov  .  .  raig  fiaraiaig  doßacfEig ...  ovdelg  s§aQxeT  7i).ov- 
ETTiroiaig  xal  i/iJih'jHioig  sjTißi\iiiatg  ixöiai-  zog  zatg  yvraiy.Eiatg  i.Ti&i'fti- 
rdfisrog  xal  :7tQ6g  xöv  dvdößacpov  sayo-  aig  Vjn]oexovuEvog  .  ,  .  oxav 
fiEvog  .  .  ,  Iva  xov  xöykov  kx  ■daP.daaijg  ojtovSdC^jxai  .. .  xd  ix  ßa}.door}g 
■drjQEVoag  — ,  6  roiovxog  fiaoxlCexai  cog  ß).d^  ar&i],  i)  xöyXog,  i)  :ji'vra  vjiko 
xal  d"t]}.vdQ  lag  xöa/uoig  dd/.kov  xooaol-  x6  ex  xtor  ^rooßdxcor  EQtor. 
(ov  xalXoiJiiCöiiEvog . 

*)  Die  Aufzählung  der  olxiai  für  Sommer  und  Winter,  der  iodfjXEg 
nolvxEAEXg  für  die  ßdßga,  x/.hai,  oxißdÖEg ,  ßvoai,  der  oxev)}  in  Gold  und 
Silber,  der  oQvidfg,  ugcöfiaxa  und  des  öogvqooixdr  xf/g  xgaTTE^tjg,  der  xqojxe- 
CoMoioi,  oiroxöoi,  xafAiEiai,  /lovoixoi,  fiovoixal  ooytjoxoidEg,  avhjxai,  yE?.a)XOJtoioi, 
xö).ax£g  .-xagdaixot  169  A — C  ist  in  der  Diatribe  stereotyp;  vgl.  Gerhard  a. 
a.  0.  S.  115  ff.,  S.  134  ff. ;  ergänzt  wird  sie  durch  die  Beschreibung  des  reichen 
und  des  armen  Hauses  in  einer  Schilderung  der  sozialen  Unterschiede  auf 
Erden  (209  B^D  öoo(foi,  lovxod,  oixoi  cxoixü.oi,  axoai,  xoTyoi,  xQan^E^at,  l'.yjrot, 
Xvyviai,  aq^aioai,  dlvoEig)  und  durch  die  Darstellung  menschlicher  xEvoöo^la 
(188  D  xö'/.axEg  äocoxoi,  xaxodai'/ioreg  naadoiToi,  ßtjotofidyoi,  t.T.-roxgoqHai,  &av- 
(^(exojioioi,  fiTfioi).  Über  ähnliche  Tiraden  bei  Philon  s.Wendland.  Heitr.  S.  24ff., 
48  f.,  bei  Basilios,  bes.  jiqö;  -ilovx.  c.  2  und  4,  s.  Dirking S.  34  ff.  und  Büttner S.  44 ff'. 

°)  Vgl.  R.  Helm,  Lucian  und  Menipp  S.  330. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       53 

glänzendem  Lichte  (24^Aft'.j;  die  ooxpooavv)]  wird  für  alle 
Sinne  und  Organe  des  menschlichen  Körpers  7-um  obersten 
Gesetz  gemacht  (185ff.)^  Die  Ausartungen  des  rf(/,i'jSor()^  und 
des  q^dödo^og"^  bei  einem  sonderbaren  Volksfest  werden  in  dem 
bereits  S.  43  angeführten  Xoyog  xanjyooixög  rcov  KnXavdcov  ge- 
straft, während  ein  anderer  von  den  Kynikern  scharf  gerügter  Fest- 
brauch, der  hoog  yä/tog^,  nur  gelegentlich  gestreift  wird  i'324  B). 
Eine  eigene  Rede  (or.  V)  behandelt  das  Verhältnis  zwischen 
Mann  und  AVeib,  eine  andere,  die  nur  im  Exzerpt  des  Photios 
(bibl.  502  b  20 — 503  a  10)  vorliegt,  das  zwischen  Herr  und  Sklave; 
diese  sozialen  Fragen  waren  immer  Thesen  der  heidnischen 
MoralplTilosophie*.  Den  breitesten  Raum  in  der  Predigt  des 
Asterios  nehmen  aber  wie  in  der  Diatribe  die  Betrachtungen 
über  den  irdischen  Besitz  ein.  In  ihnen  tritt  die  Abhängigkeit 
des  Asterios  von  jener  besonders  deutlich  in  die  Erscheinung, 
wie  ein  Vergleich  im  einzelnen  zeigen  wird. 

Um  dafür  eine  sichere  Grundlage  zu  gewinnen,  müssen 
wir  uns  die  zeitgeschichtlichen  Voraussetzungen  dieses  Teiles 
der  asterianischen  Predigt  klar  machen.  Darüber  orientieren 
ims  die  Bestrebungen  der  anderen  Kirchenväter  jener  Zeit. 
Auch  im  Mittelpunkt  ihrer  Predigt  stand  neben  dem  Kampf 
um  das  Dogma  jene  eigentliche  soziale  Frage  ^.  Der  Gegen- 
satz von  arm  und  reich  hatte  damals  durch  Mißwachs  und  Teue- 
rung, aber  auch  infolge  gewissenloser  Ausbeutung  der  wirt- 
schaftlich Schwachen  durch  die  Reichen  besonders  krasse  Formen 
angenommen.  Hier  griffen  die  Vertreter  der  Kirche  mit  Wort 
und  Tat  ein.  Wenn  sie  auch  nicht  wie  Basilios  ihr  eigenes 
Vermögen  hingaben,  so  versuchten  sie  doch  alle,  in  scharfen 
Strafpredigten  gegen  die  Habsucht  der  Besitzenden  und  in  ein- 


1)  Ähnlich  bekämpft  Basib'os  die  >)dori'i  der  Sinne  (z.  ß.  .-rgos  viovg 
c.  8),  vgl.  Büttner  S.  46  ff.,  auch  Wendland,  Beiträge  S.  36, 

*)  Der  To'.To,  aegl  evysvelag   fand  bereits  oben  S.  36  f.  Erwähnung. 

^)  Wendland,  Beiträge  .S.  44. 

*)  Vgl.  Seneca,  epist.  94:  Recepit  eam  partem  philosophiae,  quae 
dat  propria  cuique  personae  praecepta  nee  in  Universum  componit  ho- 
miuem ,  sed  niarito  suadet,  quomodo  se  gerat  adversus  uxorem  .  .  .  .•do- 
mino  quomodo  servos  regat;  zitiert  bei  Wendland,  Beitr.  S.  6  ^  —  In  der 
Hochschätzung  des  Weibes  und  der  Familie  läßt  freilich  der  Christ  die 
altkynische  Moral  weit  hinter  sich. 

^)  Darüber  liegt  jetzt  eine  eingehende  Untersuchung  vor  von  0.  Schil- 
ling, Reichtum  und  Eigentum  in  der  altkirchlicheu  Literatur  (1908).  Auf 
sie  hauptsächlich  stützen  sich  die  folgenden  Ausführungen. 


54  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

dringlichen  Mahnreden  zur  Mildherzigkeit  der  l^ot  zu  steuern. 
Sie  berufen  sich  dabei  natürlich  in  erster  Linie  auf  das  Haupt- 
gebot  der  christlichen  Ethik,  die  Forderung  der  Xächstenliebe, 
aber  mit  den  biblischen  verbinden  sie  die  Argumente  der  helle- 
nischen Sozialphilosophie,  namentlich  die  zur  Begründung  des 
Humanitätsgedankens  besonders  in  der  Stoa  gepredigten  Anschau- 
ungen, daß  die  Menschen  Brüder  eines  Stammes  (öfiöcfvAoi,  ovyye- 
vecgj  und  daher  für  einander  verpflichtet  seiend  ferner  die  weit- 
verbreiteten Yorstellungen  von  der  sozialen  Gleichheit  auf  Erden 
am  Anfang  wie  am  Ende  der  Zeiten  und  die  vom  Kynismus 
in  die  Popularphilosophie  übernommene  Ansicht,  daß  der 
Mensch  alle  äußeren  Güter  und  das  Leben  selbst  von  der  IS^atur 
oder  von  Gott  erhalten  hat,  also  nicht  Eigentümer,  sondern  nur 
Verwalter  dieses  Besitzes  ist  und  als  solcher  den  Geboten  des 
wirklichen  Herrn  untersteht-;  diese  sind  für  das  Erwerbsleben 
die  gleichen  wie  für  das  Genußleben:  die  formen  des  dvayy.aiov 
und  des  ovjuqpegov:  was  nicht  unter  diese  fällt,  ist  unerlaubte 
jihove^ia.  Für  den  Christen  kommt  neben  dem  genannten  christ- 
lichen Hauptgebot  als  besonders  wirksames  Motiv  der  Ausblick 
auf  die  Vergeltung  beim  jüngsten  Gericht  hinzu.  So  steigern 
sich  bei  einzelnen  Kirchenvätern  wie  z.  B.  Basilios  und  Johannes 
Chrysostomos  diese  Ideen  zum  ausgeprägten  Pauperismus  und 
Kommunismus,  der  bei  ersterem  in  der  Organisation  des  köno- 
bitischen  Mönchtums  seinen  großartigsten  Ausdruck  findet^. 

In  dieser  Richtung  bewegen  sich  auch  die  Gedanken  des 
Asterios  über  den  Besitz.  Auch  für  ihn  ist  der  Besitzlose  der 
eigentliche  Philosoph*  und  der  vollkommene  Christ.  So  hat 
nach  seiner  Auslegung  Jesus  das  christliche  Lebensideal  in 
seinen  Worten  an  den  reichen  Jüngling  beschrieben  (212  0  tov 
teXelov  exm'ov  elvai  öiödoncov ,  og  m>  ttüvtcov  wv  eyei,  roTg  deo- 
jiih'oig  jxaoaycoQrjoag  Tigog  t)]i>  dxr/juora  rpiXooocpiav  avTOfio/^i'joi], 
rijv  juijrega  tj}s   äQeT)~]g  xai  öfiöoxsvov).     Die  aus  dem  Kynismus 

')  Frachter,  Hierokles  S.  62.  Arnim,  Fr.  St.  III,  340  f..  Schilling  S.  98 
und  105. 

-)  Guggenheim,  N.  Jhrb.  f.  kl.  Altert.  9  S.  52  ff.,  Dirking  S.  194  f.,  40f. 
•  3)  Schilling  S.  96  und  118  ff. 

*)  Beide  Begriffe  werden  fast  synonym  nebeneinander  für  die  Apostel 
gebraucht:  176  D  xoT?  i'rdfy.a  :jsvt^oi  y.al  cpdooöcpoig.  Zur  Erklärung  ihrer 
Verwandtschaft  vgl.  Teles  4,  1  H.  o  6k  jiivijg  ovx  i/wr  xi  :jiQäTTi] ,  :iQ6g 
x6  (pi).ooo(peTv  yivExai.  So  nennt  sich  auch  Dion  von  Prusa  bald  Bettler^ 
bald  Philosoph;  vgl.  E.Weber,  De  Dione  Chrysostomo  Cynicorum  secta- 
lore,  Leipz.  Studien  X,  S.  219. 


Ülier  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Astcrios  bezeugt.  Reden.       55 

übernoninieneii  Begriffe  dy.Ti'jfWjy,  äoiy.o^,  aveonog,  mit  denen 
jiucli  Basilios  das  Avmuts-  und  das  Mönchsideal  bezeichnet^, 
sind  Ehrentitel  für  Elisa  i;2l;>Bl,  Petrus  (276.^)  u.a. 

Aber  er  will  nicht  Armut  um  jeden  Preis  und  in  jeder 
Form:  nur  die  anf  freiwilligem  Verzicht  beruhende  und  mit 
Geduld  ertragene  Armut  ist  sittlich  Avcrtvoll,  wie  andererseits 
nicht  der  Reichtum  an  sich,  sondern  nur  als  Anlaß  zur  Sünde 
und  wegen  der  Gefahren  des  Erwerbs  verwerflich  ist.  Die 
Auslegung  des  Gleichnisses  von  Lazarus  und  dem  Reichen  dient 
ihm  dazu,  diese  Gedanken  zu  entwickeln  und  namentlich  auch 
den  Gegensatz  von  arm  und  reich  in  grellen  Farben  zu  schildern 
^I09C— 173  A,  205B— I),  209  B)2;  dabei  macht  sich  mehr  die 
kommunistische  als  die  pauperistische  Tendenz  geltend:  der 
herrschende  Zustand  der  sozialen  Ungleichheit  auf  Erden  {ävi- 
ooT)]^,  äro)ua/ua  209  B)  stellt  für  ihn  das  Ergebnis  einer  all- 
mählichen Entartung  der  Menscheit  dar,  die  durch  die  Sünde, 
vor  allem  durch  die  Pleonexie  eingetreten  sei  (212  A — C);  des- 
halb drängt  er  auf  einen  Ausgleich  der  sozialen  Unterschiede 
durch  Ausrottung  dieses  Grundübels  (212  C). 

üies  sind  die  Grundanschauungen  über  den  Besitz,  die 
Asterios  mit  den  großen  Kanzelrednern  seiner  Zeit  teilt.  In 
ihrer  Darstellung  macht  sich  aber  der  Einfluß  der  Diatribe.  der 
auch  bei  jenen  nicht  fehlt,  bei  Asterios  in  so  starkem  Maße 
geltend,  daß  dadurch  der  christliche  Charakter  der  Predigt  viel- 
fach verwischt  wird.  Namentlich  sind  es  zwei  Reden,  die  wegen 
ihres  kynischen  Grundcharakters  hier  eine  besondere  Beachtung 
verdienen. 

Exkurs  über  die  Reden 
Eh'  TOP  oticopöuop   Tyjg  (cdiyJag  und  Kcctcc  n/.iovi'^iccg. 

In  der  Predigt  über  das  Gleichnis  vom  ungerechten  Haus- 
halter  (or.  II)  geht  der  Redner  nicht  von  dem  zugrunde  ge- 
legten Schrifttext  aus,  sondern  stellt  ganz  in  kynischer  Manier  ^ 

')  Dirking  S.  36  f. 

-)  Wie  iu  der  Schilderung  des  Luxus  (s.  S.  52  f.).  so  berührt  er  sich 
auch  bei  diesem  verwandten  Thema  mit  den  Ausführungen  des  Basilios 
in  der  Rede  ngog  nlovz.;  vgl.  z.B.  Bas.  c.  4,  M.  31,  p.  288  C  Ti  a.:xoy.Qi- 
T^tjot]  TCO  xQizfj ;  ö  Tovg  xoiyovg  dfiq^isvvvg  ardgco^rov  ovy.  irSvsig'  6  rovg 
i.T:;iovg  y.oo/iicöv  tov  äöe?.(f'öv  aoyi]  fiovovvza  .Tfotoo«?  und  Ast.  209  C  o  /nkv 
yv/iivoTg  aaytjuovei  ^leleoi  y.ai  6  ä'/./.og  .  .  rovg  roiyovg  irdvsi, 

»)  Weber  a.  a.  0.  S.  91,  S.  214. 


56  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

die  naive  landläufige  Meinung  voran,  daß  der  Mensch  Herr  und 
Eigentümer  seiner  Güter  sei,  um  sie  dann  als  irrig  zu  erweisen. 
Die  Beziehung  ^auf  das  Gleichnis  tritt  dabei  ganz  zurück; 
eisrentlich  wird  daraus  zunächst  nichts  weiter  als  der  Begriff 
des  olxovöuog  genommen,  der  für  den  oder  die  Grundgedanken 
des  Gleichnisses  nebensächlich  ist.  Dieses  alte  Bild  für  die 
Stellung  des  Menschen  zum  Besitz  wird  nun  durch  andere  er- 
läutert, die  ebenfalls  aus  der  griechischen  Moralphilosophie 
stammen.  Besonders  dient  der  bekannte  bionische  Vergleich 
des  Leibes  mit  einem  Hause,  in  dem  die  Seele  in  Miete  wohnt 
(bei  Teles  p.  15,  11  H.  xa&djieQ  xal  i^  olxiag,  (pi]oiv  6  Biojv, 
t^oiy.iL.6ßeda,  oxav  rö  evoiyuov  6  /.iiodcooag  ov  y.OLu^ojLievog  ri]v 
dvoav  äcpeh]  .  .  .,  ovrco,  (pi]oi,  y.al  ix  rov  oojjiiariov  i^oiy.i^o/nai, 
öiav  fj  /uioßwoaoa  cpvoig  rovg  ocf&aXfiovg  äfpaigfjrai)  ^,  dem  christ- 
lichen Prediger  dazu,  jenen  weitverbreiteten  Wahn  richtig  zu 
stellen:  ISO  C  ovTe  jlitjv  f/jueig  cbg  avüh'iai  xal  y.vgioi  reo  ßi<p 
rovTcp  (hg  ■^jUETeoa  otxia  iv(py.io&}]juev,  dXX'  (bg  jidgoixot  xal 
emfjXvdeg  xal  jLiETavdorai  äyöjue^a,  ojiov  ov  -deXojuev  xal  fjvixa  ov 
jiQoodoxcojuev  äcfaioov j^ieda  de  rcov  övrcov,  oxav  dö^r]  xä> 
XV Q ICO  xrjg  xT)'jOEO)g.  Mit  den  ^Yorten  jiaQOixoi  xal  enrjlvöeg 
xal  juexavdoTai  deutet  er  ein  zweites  Gleichnis  an,  das  man 
ebenfalls  auf  Bion  zurückführt;  es  ist  ausgeführt  bei  Cic.  Cato 
maior  c.  23:  Ex  vita  discedo  tamquam  ex  hospitio,  non  tam- 
quam  e  domo;  commorandi  enim  natura  devorsorium  nobis, 
non  habitandi  dedit  und  bei  Seneca  ep.  120,  14  nee  domum 
esse  hoc  corpus,  sedhospitium  etquidem  bre  ve  hospitium,  quod 
relinquendum  est.  ubi  te  gravem  esse  hospiti  videas. 
Asterios  läßt  diesen  Yergleich  in  breiterer  Ausmalung  und  in  dop- 
pelter Fassung  folgen:  ISI  C  MäXlov  de  eitisq  äxQißcog  ßovlei 
xaxiöeTv,  xivi  jiaQOjuoiog  6  ßl.og  fjfxcbv,  iuvi]ju6v€voov,  el'  noxe  ojqo. 
'deoovg  oÖoijioqojv  e&edoco  devdoov  äiLKfidaXkg  im  noXv  xov  jiXd- 
rovg  xal  rov  jiujxovg  dtfjxov,  ixavöv  rfj  oxiä  olxiag  JiXy^gcooai  ygeiav. 
Tovro)  reQcpdelg  vnfiX^eg  xal  tcp"  ooov  e^rjv ,  exeioe  xarijueiveg. 
'EjieI  ök  eöei  ndhv  änäoai  xal  oov  ßovXevo/uevov  [ßovXojiievov  M.J 
ri]v  äg?i^ir,  exegog  ödoiJiöoog  e:n£oxi]  .  .  .  xal  xö  eV  devdoov  enl 
fxiäg  ^juegag  eyevexo  xdya  dexa  ^evoiv  dXiyoygöviov  xaraydj- 
yiov    xal   rö    ndvxcov   yevofievov   evog    i)v,   xov  övxcog  xvQiov  — 


*)  jS'ach  anderer  Richtung  ist  das  Bild  bei  Theophrast  ausgemalt; 
vgl.  Plut.  Mor.  VII,  p.  3  Bern.  OeoqpgaaTog  .  ,  .  k'q^t]  tw  oMuan  :io/./.ov  ttjv 
yjvx^jv  ivoixeiv  öUyov  xQÖvov  ßageig  /^iiodovg  v:toiE}.ovoav  etc. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       57 

und  184A  ^Edeäoo)  y.al  -raräo'/Hor,  t(p'  ov  nävrcoQ  oöfvon'  xarä- 
Äroas'  k'?.nliec:  dt--  fxf7»7f»'  rro/.Äu  lidOTdCov  lOjöh',  xAirip',  70u.7it'C.av, 
txTKÖnarn,  niraxd,  (illa  oxevi]  navioöaTxu.  OvdeJioj  de  tiov  Jigög 
nvTnoy.tiav  yQijoajtierov  i)xev  äXlos  nrevoTiMv,  y.exoviajxevog, 
y.aTeTxelyior  oe  y.al  t^eioyon'  [P^eigcov  M.J  tov  ndvöoytloi^  y.al 
^i]rtOi'  rd  tiaioera. 

Hier  hat  der  christliche  Moralist  das  Eigentum  und  den 
Stil  des  „geistreichen  Feuilletonisten"  Bion  reiner  bewahrt  als 
seine  heidnischen  A'orgängcr^  Zugleich  zeigt  sich  hier  eine 
bemerkenswerte  Abweichung  von  IJasilios.  Dieser  kommt  in 
der  dem  Asterios  vielleicht  nicht  unbekannten^  Auslegung  des 
Gleichnisses  vom  törichten  Reichen  ebenfalls  auf  das  Verhältnis 
des  Menschen  zu  seinem  Besitz  zu  sprechen  und  beschreibt  es 
in  folgendem  Bilde:  c.  7  M.  31  p.  276  B  cooTieg  av  el' ng  ev  ded- 
Tocp  dmv  xaraXaßiov  e'na  l^eigyoi  Tovg  Ijieioiövxag  l'diov  eavxov 
xQi'rcov  tÖ  xotvwg  Jidoi  xaxd  rtp'  XQyjGiv  jrgoxei/nevov  toiovtoi 
£101  xal  Ol  TiAovotoi.  Die  Yorstellungen  sind  so  verwandt,  daß 
wir  kein  Bedenken  tragen,  statt  des  schwer  verständlichen  t^ei- 
Qcov  des  Migneschen  Asteriostextes  auf  Grund  der  Basiliosstelle 
i^eioyan'  zu  lesen ;  der  Unterschied  ist  nur,  daß  der  dem  Bilde 
zugrunde  liegende  Gegensatz  bei  Asterios  mit  den  Begriffen 
i'diog—dVMTQiog,  bei  dem  Begründer  des  könobitischen  Mönch- 
tums  durch  löiog — xoirög  ausgedrückt  wird.  Die  letztere  Auf- 
fassung trifft  auch  allein  den  genauen  Sinn  der  Gleich- 
niserzählungen bei  Asterios ;  wenn  er  trotzdem  den  Schatten 
des  Baumes  und  das  Tiavdoyeiov  mit  seiner  Einrichtung  als 
dXlÖTQia,  nicht  als  xoivd  bezeichnet,  so  gibt  er  damit  das  ältere 
kynische  Urteil  über  den  Wert  der  Güter  wieder.  —  Das  Bild 
vom  Theater  stammt  aus  der  Stoa  und  war  schon  von  Rie- 
mens von  Alexandrien  übernommen  worden^.    Als  eio:entlicher 


')  Hense,  prolegg.  ad  Tel.  p.  CXIV  tt'.  behauptet,  Cicero  habe  a.  a.  0. 
den  Gedanken  seiner  Vorlage  etwas  erweitert;  die  Asteriosstelle  spricht 
aber  dafür,  daß  er  ihn  verkürzt  hat.  —  Das  zweite  Bild  verwendet  auch 
Epiktet  in  seinen  von  Bions  Sprache  beeinflußten  Dissertationen,  um  daran 
den  Wert  der  rhetorischen  Bildung  als  eines  Durchgangsstadiums  zur 
Tugend  zu  veranschaulichen:  diss.  III,  23,  36 ff. 

-)  Noch  ehe  er  auf  das  Gleichnis  vom  ungerechten  Haushalter  ein- 
geht, hebt  er  an  jenem  Reichen  des  andern  Gleichnisses  wie  Basilios  seine 
Eigenschaft  als  y.axog  oiy.orö/tto;  und  seine  falschen  ßov/.evftara  hervor;  auch 
das  Bild  von  xo'/.jtoi  rTjg  .-ihove^iag  gebraucht  er  dabei;  vgl.  M.  31  p.  276  C 
und  40  p.  192  B. 

3)  Dirkina  S.  G6. 


58  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Schöpfer  der  Bühncnvergleiche  gilt  aber  Bion.  der  ßeaxQixog; 
durch  ihn  wurde  der  mimus  vitae  in  der  Diatribe  fast  eine 
sprichwörtliche  Redensart.  Asterios  verwendet  ihn  in  folgender 
Fassung:  184B  'Qg  yäg  ra  tojv  §avfiaro7ioi(bv  Jiooocojieia  e'xfi 
jukv  ovdelg  xar  e^aigerov,  jidrzeg  de  emzißevzai  ol  röjv  öoajudTCOv 
VTioxouai,  ovTO)  T}]v  yi]v  xal  rag  an  exsivijg  vXag  äXkoi  i^  ä'/Mov 
ojg  uKjLTia  jiieTevdvovTai^.  Mit  dem  Bild  von  der  Maske  ver- 
bindet sich  hier  wie  auch  öfters  in  derbionischen  Diatribe^  sofort 
ein  verwandtes,  das  weiter  unten  ausführlicher  wiederholt  wird : 
1 93  A  "ExaoTog  yäo  r)]v  Idiav  jzo/jTeiav  cbg  ijudrioi'  7iegißeß/.i]Ta( 
ehe  AafiTTQor  xal  xiuiov  eire  qavkov  xal  Trjg  jiTCO/txijg  e(fsoToiöog 
ofxoiov  Exövoaodai  de  avrö  ovx  eonv  ovxe  änaXld^ai  xal  öia/isi- 
^'ao§ai  Txoog  ejeoov  ovts  xxL  So  drängt  sich  in  dieser  Predigt 
eine  Reihe  wirkungsvoller  Vergleiche  zusammen,  die  alle  den 
gleichen  Gedanken  veranschaulichen:  auch  seine  ethische  Kon- 
sequenz wird  schließlich  in  eine  Form  gekleidet,  die  ihren  kyni- 
schen  Ursprung  ebenfalls  deutlich  verrät:  154  D  öxi  Tigoofjxev  cbg 
€(pr]juegovg  fjpäg  öia'Q}]v  dvajuevovxag  x)~]g  e^oöov  xö  ovrdijua  ^. 

In  der  zweiten  Rede,  der  Sjui/Ja  xaxä  TTÄeore^iag  treten  zu 
diesen  Erscheinungen  andere,  die  den  kynischen  Einschlag  in 
der  Predigt  des  Asterios  noch  klarer  erkennen  lassen.  Hier  ist 
die  enge  Beziehung  auf  die  heilige  Schrift,  worin  man  das 
einzige  äußere  Merkmal  sieht,  das  die  christliche  Kanzelrede 
im  Gegensatz  zur  Diatribe  immer  bewahrt  habe*,  aufgegeben. 
Der  Prediger  erinnert  nur  kurz  in  einem  aus  dem  Zusammen- 
hang der  vorher  und  nachher  entwickelten  Gedanken  heraus- 
tretenden Teile  an  die  vorausgegangenen  Lektionen,  die  mit 
dem  Thema  in  keiner  Verbindung  stehen,  um  dann  zu  diesem 
selbst  überzugehen.  Seiner  Predigt  gibt  er  die  Form  einer 
Anklagerede  gegen  die  personifizierte  Ilkeove'^ia ;  voraus  geht 
die  Aufforderung:  196  A  'Ajiooxgdqpijxe  avxtjv  cog  äxoofxov  exai- 
giöa  jigooye/.öjoav  xcö  7i?j]-&ei  xnlg  äXloxgiaig  vXaig  xaXXco7iil^oixevt]v 
y.al  xoTg   ävdeoi  xov   (pagfiaxoTTcoX.ov.     Ist  jene   Kunst   der  Per- 


^)  Vgl.  Seneca  epist.  120,  22:  uiutamus  subinde  personam  et  contrariam 
ei  sumimus,  quam  exuimus;  dieses  und  andere  Beispiele  bei  Büttner  S.  55.  — 
Asterios  gebraucht  es  noch  einmal,  um  die  Unbeständigkeit  des  :iaoaßä- 
TTjg  Julian  zu  beschreiben:  208  A. 

-)  Vgl.  darüber  0.  Hense,  Teletis  reliquiae'  p.  XLVI,  CVII,  CXIII. 

^)  Vgl.  Diog.  L.  VI  2.  38  äjtoXig,  äoixog,  ^targlöog  ioiegri/^ievo;,  nxoiyßg, 
jt?-art]Tijg  ßiov  f/ojv  xovq?^  rjiiSQav. 

*)  Norden,  Die  antike  Kunstprosa  II,  S.  514. 


i'ber  d.  P^ehtheit  d.  drei  luu-  d.  Thotios  f.  Arteriös  bezeugt.  Kedt-ii.       59 

sonifikation  des  Lastors  kynische  Techtiik,  so  erinnert  dieser 
A'ergleicli  wiederum  an  die  schriftstellerische  Eigenart  des 
Borystheniten,  von  dem  Eratosthenes  sagt:  ngcörog  tijv  qilooo- 
qi'ar  (h'ßtvd  treövosv  (bei  Diog.  L.  lY,  52;.  Eine  weitere  Eigen- 
tümlichkeit der  Rede  ist  die  bei  Asterios  sonst  nicht  gewöhn- 
liche Verwendung  einer  paganen  Fabel,  die  als  solche  ausdrücklich 
gekennzeichnet  wird  (11)7  C  toT-  nao'  "EÄhjoi  /u'dovi.  Inhaltlich 
berührt  sie  sich  vielfach  mit  jenen  Predigten  des  Basilios,  die 
von  der  Diatribe  stark  beeinflußt  sind,  namentlich  mit  der  llo- 
milie  .toöc  .-j/.ovTovrTng  (Mol,  ]i.  277  fl\),  die  Asterios  wahr- 
scheinlich kannte  (vgl.  oben  S.  52  ^,  55  ^j.  Doch  weisen  andere 
Bestandteile  der  Schrift  auf  eine  unmittelbare  Abhängigkeit  von 
dem  kynisch- stoischen  Schrifttum,  insbesondere  ist  eine  enge 
Beziehung  zAir  ersten  Satire  des  Horaz  nicht  zu  verkennen. 
Alle  diese  Besonderheiten  der  Rede  erfordern  eine  genauere 
Analyse  ihres  Inhalts. 

Wir  beobachten  eine  fortlaufende  Berührung  mit  der  Dia- 
tribe, die  bald  nach  der  langen  Einleitung  beginnt.  Der  Redner 
geht  von  der  Aufzählung  biblischer  Beispiele  des  Geizes  über 
zu  einer  Betrachtung  des  täglichen  Lebens.  Diesem  Teil  schickt 
er  die  in  der  Moralpredigt  gern  verwendete  ovyy.oioig  der  Laster 
voraus,  um  die  nlEove^ia  als  das  schlimmste  zu  erweisen:  dem 
(fi).oyo)']ij,aTOQ  stellt  er  die  schon  erwähnten  Typen  des  qih)- 
doros  und  des  (pdödo^og  gegenüber,  wobei  er  die  Genußsucht 
in  die  Untugenden  des  (j~(}.oo(öuarog  und  des  yaoroi\iiaoyos  scheidet 
(200  C).  Seiner  Einteilung  liegt  somit  das  vielbenutzte  Schema 
des  stoischen  Lasterkatalogs  zugrunde  mit  den  Kategorien  rr/fo- 
re^ia,  (fi/.oöoiia,  (fih]d'ovia  ^.  Dann  setzt  der  •/aoay.T)]giou6^  des  rcleo- 
rey.Ti]g  ein:  201  A  To7g  oiy.doii  6  TiAeovexri]?  iouv  ä}]di)g,  oixhaig 
ßagvg,  cpiXoig  ä/grjoiog,  ^eroig  dvoevievy.xog ,  yeiiooiv  6'/h]g6g,  yv- 
vaiy.l  uo'/dijgog  ovvoixog,  naidcov  (peiöcolog  y.al  uiy.golöyog  rgoqpevg. 
Das  Verhältnis  des  Geizhalses  zu  seiner  Umgebung  ist  ein  der 
Diatribe  sehr  geläufiges  Motiv,  das  z.  B.  auch  wieder  Phoinix 
von  Kolophon  beweist  iv.  35  f.:  vgl.  Gerhard  S.  14 — IS):  auch 
Basilios  beschreibt  es  öfters,  z.  T.  mit  Verwendung  der  gleichen 
Ausdrücke  (z.  B.  M  31.  p.  293  B—C.  p.  276)2.  Aber  in  dieser 
Vollständigkeit  werden  die  Beziehungen  des  :T).eov.  selten  auf- 


*)  Vgl.  Norden.  Fleck.  Jbrb.  Suppl.  18.  8.358:  dazu  Lietziuanu  zu 
Eöm.  1,  3i,  Hdb.  d.  X.  T.  III,  1.  S.  11. 

-)  Auch  das  seltene  dvoevTsvy.TOi  begegnet  bei  ihm  (^I  31,  p.  276).  wo- 
für Plutarch  .t.  fft/.o.-r/.ovT.  526  c  drsvTevxTo;  hat:  vgl.  Dirking  S.  65. 


ßO  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

gezählt;  so  bei  Hör.  Sat.  T,  1.  Doch  formt  der  Dichter  die 
vielen  Einzelbilder,  die  sich  bei  Asterios  drängen.  7,11  einer  ein- 
heitliehen Anschauung,  indem  er  den  Geizhals  in  einer  be- 
stimmten Situation  vorführt:  er  läßt  ihn  krank  sein  und  zeigt 
uns  nur  den  Reflex  seines  mürrischen  Wesens  in  der  Stimmung 
der  familia,  die  um  ihn  ist:  v.  S4  f.  non  uxor  salvum  te  volt, 
non  filius:  omnes  vicini  oderunt,  noti,  pueri  atque  puellae^. 

In  der  weiteren  Schilderung  bei  Asterios  wird  nun  die  Ge- 
stalt des  jiXeov.  von  seiner  Umgebung  isoliert:  iavrov  y.axog 
imoTdzt]^,  vvxrcoQ  (pgovTiCcov,  jue^'  fjfieQav  Jiejivxvcojuevog,  öiaXe- 
yojuevog  eavTcp  xaxa  rovq  e^eoTi]xÖTag  »)  Tiagacpegovrag.  Auch 
diese  Züge  sind  alle  bekannt:  der  avarus,  der  seine  eigene 
Person  vernachlässigt,  wird  uns  gleich  noch  einmal  bei  Asterios 
und  Hör.  begegnen^;  seine  Sorge  um  sein  Geld,  die  ihm  Tag- 
und  Nacht  keine  Ruhe  läßt^  —  er  heißt  deshalb  nachher  (204  B) 
fji.ddvi]rog  —  kennen  wir  wieder  aus  Hör.  Sat.  I,  1,  76:  an  vigi- 
lare  metu  exanimem  noctesque  diesque.  IS^eu  mutet  uns  nur  das 
Selbstgespräch  des  Geizhalses  als  Symptom  seiner  Verrücktheit 
an.  Abgesehen  von  Basilios,  der  es  an  dem  Yerhalten  des- 
törichten Reichen  im  Gleichnis  wiederholt  hervorhebt  (c.  2,  M31, 
p.  265  B  rfi  y'v/jj  dieXJyero,  c.  6,  p.  276  C  h'  XQvnro)  Xaleig  oeavrcp) 
können  wir  es  nur  bei  Bion  belegen,  wenn  anders  Henses  Ver- 
mutung richtig  ist.  daß  auf  diesen  folgende  Philodemstelle  zurück- 
geht: col.  XA^,  16  ff.  fpoiviy.a  yovv  TO(X>xri]v ,  og  eva  yaXxovv 
UTioßaXcov  avTOv  Jivelyet ,  ,,ydoxojv  ßaöi'Qeig,  ov  Ttoooeyeig  oavjM 
Ae/cü)'"*.  Der  Yers  deutet  darauf  hin,  daß  diese  äußerst  wir- 
kungsvolle Figur  aus  der  Komödie  stammt,  aus  der  Bions  Dia- 
tribe  für  die  Charakteristik  schöpfte.  —  Es  werden  weitere 
Anzeichen  der  jiiavia  an  dem  widerspruchsvollem  Gebahren  des 
jiXeov.  nachgewiesen:  jidvicov  evßi]voi'juevog  xal  oievcov  cbg  h- 
öefjg ,  xmv  naoövxcov  ovx  äjioXavwv  xal  rd  djiövra  i^t]iwv ,  xolg 
iöioig  ov  xexQrjjLievog,  l7io(pdaXfjLiü)v  de  rdig  äXdoTQioig.    Auch  der 


')  Das  Gegenbild  dazu  zeichnet  er  iu  der  Person  des  verrückten  Ar- 
givers  epist.  II,  2,  131  f. 

bonus  sane  vicinus,  amabilis  hospes 
comis  in  uxoreni,  posset  qui  ignoscere  servis. 
«)  Vgl.  Dirking  S.  52. 

*)  Den  dafür  beliebten  Terminus  dyQVTtvsT  hat  schon  Aristipp  bei 
Plut.  :rcegi  (pdonL  c.3;  ferner  öfter  Basilios  (z.B.  ^J.;51,  p.  265A),  vgl. 
Dirking  8.  57. 

*)  Vgl.  Hense,  Teles-,  prol.  S.  LXXI '. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       (>  l 

To.TOs  von  der  Bedürftigkeit  des  knauserigen  Reichen  ist  in  der 
Dintribe  stehend;  am  passendsten  vergleicht  sich  wieder  eine 
Stelle  bei  Teles  mit  bionischem  Gedankengut:  3b,  3  ff.  OTiavi- 
Covoi  y.al  £}'  irdeia  eloiv ,  tjndvfiovrre';  fth'  tto/Mov,   yQiiodaL  de 

ov  övrdjuet'oi ßicooij  dgxovjuevog  toT-;  Tiagovoi,  tmv  änovrcov 

ovx  L-Ti'ßi'jinor.  Bei  Asterios  kommt  aber  mit  den  Worten  inorp- 
'&akuKov  etc.  ein  neues  ^fotiv  hinzu:  der  Xeid  wird  zu  den 
Äußerungen  der  nXeove^ia  gerechnet,  eine  Verbindung,  die  sich 
ebenso  aus  Teles,  Plutarch  und  Horaz.  und  noch  häufiger  bei 
Späteren  belegen  läßt^.  Die  Übereinstimmung  mit  Horaz  fällt 
besonders  auf,  wenn  wir  weiter  bei  Asterios  folgendes  Beispiel 
für  den  Xeid  des  TiXeov.  lesen:  Ilokvaovov  toc  roiocxov  rö 
Troi/Lwiov.  oievovv  lovg  o)]}covg,  eq^cbv  y.axay.AeieTai,  y.akvjixov  jrt- 
diddag,  er  a/V  rhierai.  Käv  evoaoy.or  ocf  Ofj  tov  rrooooiy.ov  ttoo- 
ßaiov ,  äqelg  tIjv  löiav  äyehp' ,  reo  evl  y.al  d/./.oTgko  xfj  enidv/nia 
7ioooy.ddt]xaf  xb  avxo  im  xcöv  ßocöv  öj^ioicog  eni  x(bv  'i'titiojv  ovx 
ä/Mog  im  Tj)s  yfjg-  Sofort  erinnert  man  sich  der  Horazverse  am 
Schluß  der  I.Satire:  110  f.  quodque  aliena  capella  gerat  di- 
stentius  über,  tabescat.  Hier  ist  einmal  die  gemeinsame  Quelle 
greifbar:  sie  bestätigt  auch  Plutarchs  bereits  genannter  Traktat 
.-7£Of  (pdoTxXovxiag ,  dessen  Verwandtschaft  mit  der  horazischen 
Satire  festgestellt  ist-,  mit  dem  Passus  c.  3:  xov  TxAeko  xcov  ly.a- 
vcor  eyovxa  y.al  TtXeiorcov  ogeyoueyor  ov  yovoiov  ioxh'  ovo'  dg- 
yvgiov  xb  "degamvov  ovo'  Tirrnoi  y.al  ngößaxa  y.al  ßoeg.  Horaz 
weicht  nur  darin  von  der  griechischen  Vorlage  ab.  daß  er  sich 
in  dem  Schlullresume  seiner  Satire  mit  einem  Beispiel  begDÜgt; 
wenn  er  statt  des  Schafes  die  Ziege  nennt,  so  überträgt  er  als 
ein  Meister  der  ji(iu)]oig  das  Griechische  auf  italische  A'erhält- 
nisse  und  in  die  lateinische  Ausdrucksweise  ^.  —  In  den  sich 
anschließenden  diatribenartigen  Betrachtungen  löst  ein  mehr 
oder  weniger  scharfes  Bild  des  nkeov.  das  andere  ab;  aber 
keines  ist  original.  Der  Kranke,  der  lieber  sein  Leben  hergibt 
als  ein   paar  Groschen   für  eine   rettende  Arznei,   ist  aus  Hör. 


*)  Vgl.  R.  Heinze .  De  Horatio  Bionis  iniitatore  S.  21  und  Dirking 
S.  47 ,  der  zu  Basil.  .toö,  .t/.oit.  c.  5  ...  obvvön-zai  Sri  sv6;  ^ov  P)  dsi'Tsoov 
Tcör  v:jeoa}.ovTOvvzcov  a.::io).iu:iävovTai.  "Oiav  tovtov  t6%'  n).ovoior  xaTa/.äßcooiv , 
svdvg  TM  nXovoicojEooi  :Taoioa>dijvai  qüorsinovoi  die  Horazverse  anführt: 
Sat.  1, 1,  111  ff.  (avarus)  neque  se  maiori  pauperiorum 

turbae  comparet.  hunc  atque  hunc  superare  laboret, 
Sic  festiuanti  semper  locupletior  obst.it. 
*)  R.  Heinze  a.  a.  0.  S.  18  f.         »)  Vgl.  Porphyrius  S.  2oO  Holder. 


62  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Sat.  II,  3  bekannt.  Die  folgenden  Typen  geben  eine  gute  Illu- 
stration zu  jener  Pleonexie,  die  in  der  Abliandlung  des  Phitarch 
c.  6  mit  den  Worten  naoaloyil^ofiev)]  xal  :noÄvn:oayiiorovaa  cha- 
rakterisiert wird.  Da  ist  zunächst  die  Gestalt  des  Wucheres, 
der  aus  der  jS^ot  des  Nebenmenschen  seinen  Vorteil  zieht,  in 
jener  Zeit  eine  Tageserscheinung,  deren  gewinnsüchtige  Speku- 
lationen von  allen  Kanzelrednern  scharf  aufs  Korn  genommen 
wurden';  dann  der  reiche  Kornbauer,  der  alles  doppelt  und 
dreifach  verschließt,  eine  Figur,  die  ebenso  bei  Plutarch  a.  a.  0. 
p.  525  A  und  im  Anschluß  daran  bei  Basilios  in  der  Auslegung 
des  Gleichnisses  vom  törichten  Reichen  (c.  2,  M  31,  p.  265  A) 
gezeichnet  ist 2.  Asterios  vereinigt  mit  den  genannten  noch 
andere  traditionelle  Züge  des  nXeov.  in  diesem  Bilde;  er  zeigt, 
wie  ihn  die  Sorge  um  das  Geld  noch  in  Traumphantasien  be- 
schäftigt (201  D),  wie  die  geringste  Gefahr,  die  seinen  Getreide- 
feldern droht,  ein  Wölkchen  am  Himmel,  oder  ein  leichter 
Regen  ihn  ängstigt,  wie  ein  Platzregen  ihn  ganz  aus  der  Fas- 
sung bringt  (201  D  f.),  wie  er  sich  keinen  Rat  weiß  und  nichts 
unversucht  läßt,  um  das  Getreide  vor  Fäulnis  oder  vor  der 
schädlichen  Einwirkung  der  Sonnenhitze  zu  schützen  (204  A). 
Es  ist  genau  jene  Pleonexie,  als  deren  Begleiterscheinungen 
Basilios  in  der  genannten  Rede  oievay^uovg,  (pQovriöag  y.al  IvTtag 
xai  djLUjxaviav  denn)}'  anführt,  ohne  sie  im  einzelnen  und  mit 
so  lebendiger  Anschaulichkeit  wie  Asterios  zu  beschreiben.  Man 
darf  wohl  in  diesem  Verhältnis  einen  Fingerzeig  dafür  erblicken, 
daß  Asterios  hier  den  gleichen  populär-philosophischen  Traktat 
benützte  wie  Basilios^,  sich  aber  an  seine  Quelle  enger  anschloß 
als  jener.  Er  hat  auch  ihre  Anlage  übernommen,  wie  der  nun 
beginnende  Abschnitt  deutlich  erkennen  läßt. 

Asterios  geht  nämlich  dazu  über,  der  xiTjoig  die  XQrjOig 
gegenüberzustellen.  Das  ist  eine  beliebte  Einteilung,  die  durch 
die  Unterbegriffe  jener  beiden  Termini  noch  weiter  gegliedert 
wird;  sie  sind  in  folgender  Definition  des  Aristoteles  gegeben: 
etil,  p.  1120  a  S  XQyjOig  <5'  elvai  öoy.fl  yorj/ndTO)}'  öuTimn]  y.al  öooig, 
fj  de  Xfjyjig  xal  1)  (pvluK)]  xrfjoig  jiiu?dov  *.  Unter  dem  Gesichts- 
punkt der  hjipig  und  der  cpvlaxy)  hat  Asterios  in  dem  voran- 
gehenden Teil  die  Pleonexie  geschildert,  die  folgende  Darstellung 

>)  Dirkiug  S.  61  f.  -)  Dirking  S.  57  f. 

^)  Dirking  S.  68. 

■*)  Eine  ähnliche  Unterscheidung  macht  der  Verfasser  der  vom  Ky- 
insmus  beeinflußten  Demonicea  [Isoer.  IJ  §  27 — 28. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  l'hotios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       (jl} 

handelt  von  der  Verwendung  des  Besitzes  für  andere  und  für 
die  eigene  Person,  also  von  der  döoi^  und  der  ö<i7Täv}j.  Es 
liegt  demnach  der  Predigt  ein  traditionelles  Schema  zugrunde, 
das  zweifellos  der  A'orlage  angehört. 

Aber  Asterios  hat  —  dies  ergibt  eine  aufmerksame  15e- 
traohtulig  des  mit  den  Worten:  Tarra  ahü)  TaÄfuncDoovi'ii  o 
rrei'ijg  TxeoiloTarm  204  \\  beginnenden  neuen  Abschnittes  —  den 
Gedanken  seiner  Quelle  nicht  unverändert  gelassen,  sondern  ihn 
der  damals  in  der  Kirche  herrschenden  sozialen  Lebensauffas- 
sung angepaßt,  die  ihren  bestimmtesten  Ausdruck  in  dem  Grund- 
satz des  Basilios  erhalten  hat:  Ja.-ravijTixöv  tt^ovtov  fj  ßega^ieta 
Tcö)'  deojnh'oii'  {ngog  ttIovx.  c.  1 ,  M  31,  p.  2Sl  B).  Demgemäß 
wird  hier  fast  ausschließlich  das  Almosengeben  gefordert  und 
hauptsächlich  das  Knickertum,  das  dem  Armen  die  Gabe  ver- 
sagt, recht  als  solches  gekennzeichnet  (ov  didcooi,  (peidcoXwg 
yaQi'Qejai  y.al  fj/itdv)]Tog).  "Der  Gedanke  der  dandvi]  im  gewöhn- 
lichen Sinn  wird  nicht  ganz  übergangen,  aber  er  wird  nur  an- 
gedeutet in  der  Aufforderung:  Ml]  jolvvv  äTieoavia  i^ioyßei  y.al 
yaXeTid,  6  roiovTog,  Tiagay.a/xT),  um  gleich  darauf  in  der  Kritik 
des  rgvqxot'  Ttleov.  zurückgenommen  zu  werden:  ^EXeov  jtiev  ydo 
ä^iog  y.al  6  Tovq)cbv  nleovey.D^g  6  ifj  yaorol  y.al  raig  aXXaig  fj- 
öovaTg  Treoiooi^cov  rbv  ßiov ,  tovto  Tf/oc  vouiCcov  rTjg  ävdgcoTio- 
T)jTog.  Zur  Herstellung  eines  logischen  Zusammenhangs  zwischen 
beiden  Sätzen  ist  er  aber  durchaus  erforderlich.  Fraglich  ist 
nur  die  Form,  in  der  wir  ihn  ergänzen.  Sie  gibt  ims  ein  Ver- 
gleich mit  Iloraz  in  die  Hand.  Auch  in  der  l.  Satire  wird  das 
frui  paratis  nicht  so  laut  gepriesen  wie  sonst,  aber  es  ist  doch 
bestimmt  enthalten  in  der  Mahnung  v.  92  denique  sit  linis  quae- 
rendi  usw.  und  in  dem  sich  anschließenden  Beispiel  des  Um- 
midius.  Der  avarus  versteht  dies  auch  sofort,  aber  er  deutet 
es  als  eine  Aufforderung  zur  Schlemmerei:  v.  101  ff.  Quid  mi 
igitur  suades?  ut  vivam  Xaevius  aut  sie  ut  Jfomentanus?,  eine 
Auslegung,  gegen  die  sich  der  Dichter  sofort  verwahrt.  Dieser 
Einwand  des  Interlokutors  und  seine  Widerlegung  durch  den 
Kyniker  ist  nun  gerade  das,  was  in  die  bei  Asterios  beobachtete 
Lücke  vortrefflich  paßt.  An  den  Gedanken,  daß  nicht  das 
andere  Extrem  empfohlen  werden  solle,  schließt  sich  der  Satz: 
'EXeov  jLtev  ydg  usw.  als,  Begründung  gut  an. 

Der  eigentliche  Gegner  des  Predigers  ist  aber  der  Knauser, 
der  weder  sich  noch  andern  etwas  gönnt.  An  ihm  hatte  schon 
Bion   gerne   seinen   Witz   ireübt.      Die   Bezeichnung   luy.ooXoyog 


64  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea- 

(201  A-,  204  Bj  ist  bionischen  Ursprungs  ^  Sein  glänzendes  Elend 
wird  in  folgenden  Worten  gemalt:  'O  de  juiy.goTiQejiijg  y.ai  ojiu- 
xooXöyog  ovde  juergoi'  eyei  Ti]g  dS/j6n]Tog ,  /..a^ußdrojv  tu  t(ov 
TioXXön'  y.ui  iavTco  jui]  didovg,  £ig  ovdev  de  xma^jp/cov  zfjg  onov- 
öijg  djtoze?ieojLia.  Tig  ydg  ovx  oldev  cog  ovdev  to)v  yivojuevoji' 
7iXi]v  T(bv  doer&v  avzö  Öl  eavrb  yiverai,  dAA'  ereQOv  ii  Tiodirofiev, 
l'v'  äXXo  xaroQ^diocoj-iev ;  OvÖeig  nXecov  öl  amö  rö  :i:leh'  dakaxrevei 
ovöe  yeojoyoiv  öl  amb  x6  yecoQyelv  zoig  Tiovoig  ov^i] ,  dX'/Ä  ttoo- 
ör\lov  (hg  roig  kvnt^QÖig  eyxaQxeQovoiv  dju^öregoi,  6  juev  iva  tj)j' 
ejiiy.aoTiiav  Trjg  yfjg^  6  öe  Tra  rov  Jikovxov  xijg  vavxixtjg  e/ujxooiag 
Hojuioijxai.  Tn  Frage  steht  hier  das  xeXog  der  Mühen  des  Er- 
werbs :  die  y.xvjoig  soll  in  der  rechten  XQijoig  ihren  Zweck  und 
—  das  ist  die  zweite  Bedeutung  des  griechischen  xelog"^  —  ihr 
Ende  finden.  Allerdings  wird  dieses  Schlußurteil  nicht  so  klar 
ausgesprochen ;  die  Argumentation  bleibt  stehen  bei  dem  Satze, 
daß  Plage  nirgends  Selbstzweck  sei.  Sie  schließt  sich  an 
eine  vielbenützte  Platostelle  an  (Gorg.  p.  467D  ovxovv  y.ai  oi 
jiXtovxeg  xe  y.ai  rov  äl'/.ov  yoi]jnaxiojuöv  yQ}]/iaxiCöjLiei'oi  ov  xovxo 
eoxiv ,  o  ßovXovxai,  b  ttoiovoiv  ey.doxoxe'  xig  ydo  ßovlexai  nleiv 
xe  y.ai  yivövveveiv  y.ai  Tiody/nax'  eyeiv  d/A'  exelvo  oIjLiai,  ov  evexa 
nkeovoiv,  7T?.ovxeTr),  nennt  aber  neben  dem  Seefahrer  noch  den 
Landmann;  es  sind  die  aus  Iloraz  bekannten  typischen  Ver- 
treter eines  mühevollen  Lebensberufes.  In  der  horazischen  Satire 
kommt  auch  der  Zweck  ihrer  Plage,  die  Absicht  auf  die  öajrdin], 
klarer  zum  Ausdruck  in  den  Worten:  v.  31  senes  ut  in  otia 
tuta  recedant.  Der  Dichter  läßt  dies  allerdings  nur  als  Yor- 
wand  gelten  und  erweist  als  die  eigentliche  Triebfeder  ihres 
ruhelosen  Erwerbens  den  Neid,  der  sich  bei  dem  Blick  auf  den 
besser  situierten  Nebenmenschen  immer  wieder  entzündet  (v.  40 
nil  obstet  tibi,  dum  ne  sit  ditior  alter).  —  „^Yas  hat  man  nun 
aber  vom  Sammeln,  wenn  man  das  Gesammelte  nicht  genießt?^' 
ist  die  weitere  Frage,  die  bei  Horaz  und  Asterios  erörtert  wird. 

ij  Gerhard:  a.  a.  0.  S.  60^ 

-)  über  die  Verwendung  und  Bedeutung  dieses  Begrifles  und  der 
damit  verwandten  oy.ojrög,  jzfQag,  ooog  in  der  Popularphilosophie  und  bei 
Basilios  vgl.  Büttner  S.  39.  Auch  ßasilios  niahnt  von  dem  anigavta  fio/- 
deXv  ab  (M  31,  p.  296  A)  und  nennt  diese  vielgeplagten  Reichen  mit  den 
herkömmlichen  Bezeichnungen  udhoi  und  eleetroi  (M31,  p.  384  C).  Mit 
der  Asteriosstelle  berührt  sich  besonders  M  31,  p.  452  A  eleeivol  rij?  rgv- 
rpfjg,  IXeeivözEQOi  xwv  er  Ji£?.dyei  /siftaCofievcov  und  380  B  et"  aoi  JtgosßaXe  Jiö- 
vovg  yscogytxovg  y  roi'g  i^  e/njrooiag  xivörvovg  ij  ooa  ä}J.a  rotg  /ot],aari^ofievoig 
nQÖoEOTir  ijrijTora,  edst  oe  P.i'jrtjdyrai.     Vgl.  Dirking  S.  33  und  S.  57'. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.      65 

Der  Dichter  berührt  sie  mit  den  Worten:  Quid  iuvat  —  da 
tritt  ihm  einen  Augenblick  das  l>ild  des  Geizhalses  dazwischen, 
der  seine  Schätze  vergräbt:  aber  gleich  nimmt  er  die  Frage  wieder 
in  bestimmterer  Form  auf:  Quid  habet  pulchri  constructus  acer- 
vus?  Es  handelt  sich  also  nm  den  Sinn  eines  rein  ästhetischen 
Genusses.  Genau  dieses  Thema  wird  bei  Asterios  ausgeführt 
und  zwar  in  einem  interessanten  Wechsel  von  Frage  und  Ant- 
wort, in  dem  sich  der  Diatribenstil  ungetrübt  erhalten  hat.  Der 
Prediger  fragt:  Zb  de  t/  to  oov  Tiegag,  ei:ne,  i'va  ovvayuy)]^,  xal 
Tioiov  rovTO  TO  jf/.oq  ro  äyQ)}OTOv  vh]v  ocogevoarra  ßUTxeiv;  Dar- 
auf der  ungenannte,  durch  ein  bloßes  qi^oi  eingeführte  Partner: 
Teqttsi  jue,  q:i]oi,  y.ai  fj  dea.  K^un  wieder  der  Prediger:  Ovhovv 
äXXoK  TO  oavTov  voatjjLia  /.lETslde  usw.  Er  führt  den  Gegner  ab 
mit  dem  Hinweis,  dali  er  seine  Schaulust  ebenso  gut  an  fremden 
Schätzen  befriedigen  könne,  so  beim  Silberschmied,  auf  dem 
Markte  und  an  den  Tischen  der  AYechsler.  Horaz  gibt  die 
Antwort  in  anderer  Weise:  er  malt  diesen  Typus  in  verschie- 
denen Gestalten,  die  ihn  lächerlich  machen.  Einmal  ist  es  einer, 
der  am  liebsten  aus  dem  vollen  schöpft  und  so  in  steter  Gefahr 
ist,  vom  Flusse  mit  fortgerissen  zu  werden  (v.  51  ff.):  dann  ist 
es  der  filzige  Athener,  der  sich  zum  Tröste  für  erlittene  Schmäh- 
ungen am  Anblick  seines  Geldes  weidet  ( v.  65  f.  i :  schließlich 
ist  es  jeder,  der  mit  seinem  Gelde  nichts  anzufangen  weiß  als 
es  anzuschauen  wie  gemalte  Leinwand  (\.  72). 

Im  folgenden  hören  die  stärkeren  Berührungen  der  Predigt 
mit  der  Satire  auf:  dagegen  läßt  sich  eine  Übereinstimmung 
mit  Gedanken  der  Abhandlung  des  Plutarch  und  der  daraus 
schöpfenden  Homilie  des  Basilios  :iob<;  TikonovvTaq  auch  weiter- 
hin erkennen.  Asterios  lenkt  den  Blick  des  :ikeov.  auf  die 
Zeit  nach  seinem  Tode  und  erinnert  an  das  Wenige,  was  er  dann 
braucht,  an  das  kleine  Stück  Erde  und  die  ein  paar  Spannen 
breite  Bretter :  204  D  "YTregxvyov  tm  /.oyio/iicp  elg  t6v  i^iig 
XqÖvov ,  öre  ovy.  eot],  öte  juiy.gd  yT/  y.ade^ei  oov  do]JT/.ojiuerov  z6 
ocoua  ävaiod)]TOV ,  .T/ä|  öh  ö/Jyojv  07iidaf.udv  y.aXvii'Ei  ib  ?,Eiy'a- 
vov.  Uov  TOTE  6  TT/MVTog  yMi  TU  ovvayß^EVJa  XEiju/jkiia  ;  Es  folgt 
mm  ganz  passend,  aber  unvermittelt  der  Hinweis  auf  die  Erben, 
der  auch  in  der  Rede  des  Basilios  wiederkehrt:  hier  ist  einmal 
wieder  die  Quelle  sichtbar;  sie  bezeugt  Plutarch  rr.  (piXonk.  c.  7. 
Auch  dort  motiviert  der  Geizhals  seine  Sammelwut  mit  der 
Sorge  für  den  Erben.  Dieser  Grund  wird  mit  dem  Hinweis 
entkräftet,   daß  die  Testamentsbestimmungen  vielfach  mit  List 

T.  u.  U.    13:  Bretz.  5 


66  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

oder  Gewalt,  durch  einen  ovy.oq^dm]g  oder  einen  zvgavvog  um- 
gestoßen werden,  oder  falls  das  Vermögen  in  der  Familie  ver- 
bleibt, ein  schurkenhaftes  Glied  alles  an  sich  reißt  und  durch- 
bringt. Beide  Fälle,  nur  in  umgekehrter  Abfolge,  beschreibt 
auch  Asterios:  204  D  Tig  6  töjv  y.ara'/.eiq^devxojv  6  y.XtjQovojuog ; 
ov  yoLQ  ndvTcog  ixeivog  soxai  Öiddoyog,  ov  ov  jioooöoxäg.  "Av 
rraTdag  y.araleiTtijg,  rvybv  yoydv/uod)]oovrai  oi^iorooTJog  oov 
7iAE0viy.Tt]g  ßg}]vovvTag  aviovg  t>}s  olxiag  rr/g  Tiaxoiy.iig  aTiekdoei.. 
Kdv  äjiaig  em  riva  töjv  (fi/xov  TTagajiejuif'fjg  rbv  y.lrioov ,  jui) 
:xo6oEyE  oov  rf]  diaihjy.r/  cbg  ay.ivrjrco  vöum,  d)g  7iQdyi.iaxi  av- 
avxtoo/jxq)  y.al  lo/vgco.  'ÖÄiyt]  o:zoi'd))  ay.voov  Tioieiv  xijv  ygacpijv. 
"H  ovy  ögäg  xovg  ovvexcög  ev  xoig  dty.aoxi]Qioig  xaxd  xcöv  Öia'&r]- 
xcov  äywviCojiievovg ,  öjxojg  avxdg  Tiöiy.iXoLg  iyyeiorjjULaoi  naoa- 
xoovovxai  xovg  xcov  vojumv  xeyvixag  jTooioxdjueroi  ovvr/yogovg,  xovg 
ösivovg  gi'jxogag  eTiayouevoi  ßoijdovg,  ii'evdoudgxvgag  xgecpovxeg, 
diy.aox})gia  öcacf&eigovxeg ;  Auch  Basilios  unterscheidet  den  Vor- 
wand did  xovg  jiaiöag  und  den  der  äxexvoi  (c  S  eTgt]xai  jigög 
xovg  Tiaxegag,  d  e]'gi]xm'  oi  äxey.voi,  xiva  fjfnv  evngoownov  alxiav 
xfjg  (fetdo)/uag  :xgoßd/üovxai ;),  aber  er  macht  dagegen  zunächst 
nur  religiöse  Gründe  geltend,  indem  er  die  Pflicht,  für  das  Heil 
der  Seele  zu  sorgen,  und  das  Gebot  des  Almosengebens  über 
alle  anderen  Sorgen  stellt;  nur  am  Schluß  erinnert  auch  er  an 
die  Unsicherheit  der  Testamentsbestimmungen  (M31.  p.  301  B 
Kaixoi  ei  y.al  Tcdvra  cfavegcög  eyeyganxo  etc.).  Bei  Asterios  hat 
sich  demnach  die  Quelle  reiner  erhalten. 

Die  bei  Asterios  folgende  Ausmalung  der  Intriguen  bei 
Erbschaftsprozessen  bildet  einen  passenden  Übergang  zu  dem 
Abschnitt  über  die  Laster,  welche  die  Pleonexie  im  Gefolge 
hat.  Diese  Schilderung  schließt  sich  aber  nicht  unmittelbar  an, 
sondern  es  schiebt  sich  eine  kurze  Beti-achtung  des  vorher  ver- 
lesenen Gleichnisses  vom  reichen  Mann  und  armen  Lazarus 
dazwischen,  die  an  dem  Schicksal  des  Reichen  im  Jenseits 
gerade  seine  Sünde  als  die  Macht  erweisen  will,  die  den  Menschen 
von  Gott  trennt:  der  Satz  wird  dann  weiter  durch  Beispiele 
aus  der  Kirchengeschichte  beleuchtet,  indem  die  Pleonexie  auch 
als  Triebfeder  für  den  Abfall  der  Christen  in  den  Verfolgungen 
hingestellt  wird  (20öB-20SC).  Damit  gewinnt  der  Prediger 
zugleich  die  Möglichkeit,  die  Idololatrie  als  die  ärgste  Sünde 
an  die  Spitze  jener  Laster  zu  stellen,  die  in  der  heidnischen 
Moralpredigt  als  Erscheinungsweisen  der  Habsucht  aufgezählt 
werden ;   zu  diesen  herkömmlichen  Darstellungen  kehrt  er  mit 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.      fj" 

der  Erwälimmg  des  Vatermörders  und  der  Beschreibung  seines 
unnatürlichen  Treibens  zAirück  {2*\H  C). 

Wieder  schimmert  in  dieser  Anordnung  die  feste  Disposition 
der  YorUige  des  Asterios  durch ;  zugleich  wiederholt  sich  hier  die 
früher  'S.  63)  beobachtete  Erscheinung,  daß  Asterios  beim  Über- 
gang zu'einem  neuen  Haui»tteil.  eigene  Anschauungen  zur  Geltung 
bringt,  ohne  seine  Gedanken  mit  den  übernommenen  zu  völliger 
Einheit  zu  verbinden.  So  vergißt  er,  in  einem  zusammenfassen- 
den Urteil  über  die  Pleonexie  auf  das  in  jenem  christlichen 
Bestandteil  der  Predigt  gegen  sie  Vorgebrachte  Bezug  zu 
nehmen,  während  er  die  vorher  und  nachher  bezeichneten,  aus 
dem  Grundübel  hervorgegangenen  Schlechtigkeiten  kurz  regi- 
striert, zugleich  ein  Beweis  dafür,  daß  dieses  Urteil  unverändert 
aus  der  Quelle  übernommen  ist:  209  B  Zog  ovxog,  co  aiaoi] 
nXeove^ia,  y.aoTiog'  naoä  oov  xä  y.evToa  /.außdvojv  6  naTg  tioM- 
fiiog  yiverai  xov  ysvvtjoavxog'  ov  :jh]ooTg  xrjv  yi]v  hjoxwv  xal 
(fovevxcov ,  xaxan:orx(ox(7)y  Ök  dd'/.aooar ,  xäg  rco/.eig  doovßov,  xä 
öixaoxi']gia  i^'evöojuagxvocov,  ovy.ocfavxcov ,  noodoxcov ,  ovvrjyögcov, 
diy.aoxcov  ixet  oeTiövxcov,  ötcov  d'äv  ov  xad^ekxvoijg.  UXeove^ia, 
u)']X)]g  xTjg  äyio6x)]xog,  a.v}]le)']g,  uwüvdgcoTiog,  (huoxdxt].  Derartige 
Häufungen  von  Vorwürfen  gegen  ein  Laster  sind  in  der  antiken 
Popularphilosophie  nicht  selten;  sie  sind  auch  schon  in  der  christ- 
lichen Vulgärpoesie  nachgewiesen  worden^.  Doch  bietet  für  Form 
und  Inhalt  der  leidenschaftlichen  Invektive  bei  Asterios  nur  Seneca 
die  genaue  Parallele,  allerdings  an  zwei  verschiedenen  Stellen: 
de  benef.  A"II.  10  läßt  er  den  Kyniker  Demetrius  die  personi- 
fizierte avaritia  anfahren:  Quid  agis,  Avaritia?  Quot  rerum 
caritate  aurum  tuum  victum  est  etc.;  und  de  ira  III.  33  beschreibt 
er  die  verderbliche  Macht  des  Geldes  folgendermaßen:  Fora 
defatigat.  tribunalia  magistratuum  premit  turba;  patres  liberos- 
que  committit  .  .  ..  gladios  tam  percussoribus  quam  legionibus 
committit.  reges  saeviunt  rapiuntque  et  civitates  longo  saecu- 
lorum  labore  constructas  evertunt. 

Eine  weitere  Zusammenstellung  von  Reminiszensen  aus  der 
Diatribe  könnte  das  bisher  Gesagte  nur  bestätigen;  wir  brechen 
deshalb  hier  die  Untersuchung  ab  und  fassen  ihr  Ergebnis  kurz 
zusammen:    Asterios   hat   in    der   Predigt   xaxd    nÄeove^tag    auf 


')  Z.  B.  Orac.  Sibyll.  Vif.  24 ff.,  vgl.  Geffcken,  Cynica  und  Verwandtes 
S.  41:  Gerhard  a.  a.  0.  S.  16-,  17  ^  16  ^ 


6S  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

weite  Strecken  das  Gredankenmaterial  der  heidnischen  Mora- 
listen benützt;  ihre  Anschauungen.  Grundsätze.  Gemeinplätze, 
Beispiele  und  Bilder  finden  sich  in  ihr  nicht  wie  in  vielen 
andern  christlichen  Predigten  aus  jener  Zeit  vereinzelt  wieder, 
sondern  in  systematischer  Anordnung,  der  ein  traditionelles  Schema 
zugrunde  liegt.  Asterios  schöpft  also  aus  einer  festen  literarischen 
Quelle.  Am  nächsten  berührt  sich  ihr  Inhalt  mit  der  ersten 
Satire  des  Horaz  und  einem  damit  verwandten  Traktate  des 
Plutarch,  ferner  mit  zwei  Predigten  des  Basilios,  die  ihrerseits 
diesem  Traktate  nahestehen.  Auch  für  die  Ausprägung  und 
die  Verbindung  der  Gedanken  in  der  Vorlage  des  Asterios 
können  diese  Schriften  als  Zeugen  genannt  werden,  wenn  sie 
manchmal  auch  nur  andeuten,  was  bei  Asterios  ausgeführt  wird. 
So  wird  in  der  horazischen  Satire  ebenso  wie  in  unserer  Pre- 
digt der  Neid  in  der  Gestalt  des  auf  die  Herde  des  Xachbarn 
lauernden  Geizhalses  gezeichnet  und  in  seiner  Person  dieses 
Motiv  mit  dem  des  Geizes  verknüpft;  nach  einer  nicht  bestimmt 
ausgesprochenen  Mahnung  zum  Genuß  des  Erworbenen  wird  der 
rein  ästhetische  Genuß  eines  großen  Yermögens  erörtert,  die 
Form  hierfür  ist  ein  Zwiegespräch  mit  einem  fingierten  Gegner; 
schließlich  steht  im  Hintergrunde  des  ganzen  moralischen  Rä- 
sonnements  bei  Asterios  wie  bei  Horaz  die  Frage  nach  dem 
Glück  des  jiIeovext}]^  ,  die  an  jeder  seiner  Lebensäußerungen 
geprüft  und  jedesmal  verneint  wird.  Für  diese  Art  der  Über- 
einstimmung reicht  die  durch  vorsichtige  Erwägung  zunächst 
gebotene  Erklärung  nicht  aus.  daß  in  moralischen  Betrachtungen 
über  so  alltägliche  Themata  die  gleichen  Gedankenreihen  sich 
aus  dem  gleichen  Gegenstand  unabhängig  voneinander  ergeben; 
sie  erklärt  sich  vielmehr  nur  durch  die  Anuahme,  daß  die  A'^or- 
lage  des  Asterios,  eine  in  ihrer  Anlage  noch  gut  erkennbare 
Diatribe.  auch  von  Horaz.  Plutarch  und  Basilios  direkt  oder 
durch  Zwischenquellen  benützt  ist.  Genauer  läßt  sich  der  Grad 
dieser  literarischen  Verwandtschaft  nicht  mehr  bestimmen,  eben- 
sowenig der  Verfasser  der  kynischen  Grundschrift.  Es  liegt 
nahe,  sie  mit  Bion  in  Verbindung  zu  bringen,  der  als  das  Vor- 
bild des  Horaz  gilt;  wir  konnten  auch  in  der  asterianischen  Pre- 
digt einen  stärkeren  Einschlag  der  bionischen  Diatribe  beob- 
achten und  zwar,  was  gewiß  nicht  zufällig  ist,  immer  bei  dem 
gleichen  Thema  über  die  Stellung  des  Menschen  zum  irdischen 
Besitz.  Aber  gerade  jene  Züge,  welche  die  Predigt  mit  der 
Satire  gemeinsam  hat,  lassen  sich  für  Bion  nicht  belegen;  über- 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Astenos  bezeugt.  Reden,       (j9 

dies  ist  seine  Benützung-  durch  Tloraz  durcliaus  niclit  so  sicher 
wie  sie  behauptet  wird  ^ 

Für  die  horazisclie  Satire  liat  aber  die  beobaclitete  Ver- 
wandtschaft mit  der  Predigt  des  Asterios  eine  weitere  Be- 
deutung: wir  gewinnen  aus  ihr  ein  neues  Kriterium  für  die 
noch  immer  umstrittene  Frage  der  Komposition  dieser  Satire; 
sie  kann  durch  R.  Heinzes  Urteil,  das  er  zuerst  in  seiner  Disser- 
tation, dann  wiederholt  in  Kießlings  Kommentar  ausgesprochen 
hat.  nicht  als  gelöst  betrachtet  werden.  Seine  Annahme,  daß 
Horaz  in  der  ersten  Satire  zwei  griechische  Diatriben  ganz  ver- 
schiedenen Inhalts,  eine  negl  ^ueuyiaoigiag  und  eine  ^egi  rpiXo- 
Tikoviiag,  in  unglücklicher  Weise  kontaminiert  habe,  stützt  sich 
hauptsächlich  auf  den  Unterschied  dieser  Begriffe,  die  nach 
seiner  Ansicht  nichts  miteinander  gemein  haben ■'^.  Diese  Vor- 
aussetzung erweist  sich  jedoch  als  irrig,  sobald  man  für  das 
lateinische  avaritia.  das  nach  des  Dichters  Intention  unverkenn- 
bar das  Thema  der  ganzen  Satire  bildet,  den  entsprechenden 
griechischen  Terminus  einsetzt.  Dieser  ist,  wie  schon  Reitzen- 
stein  gesehen  hat^,  nicht  (pdoTikoviia,  sondern  der  viel  weitere 
Begriff  Ti'Aeove^ia.  Seinen  Umfang  beschreibt  uns  Asterios  in 
einer  genauen  Definition:  197B  Illeove^ia  toIvvv  ionv  ov  juovov 
Tfö  ägyvgicp  ovr  roTg  ä/./.oig  xx/juaotr  eTtiuaiveoßai  y.al  ßovkeo^ai 
ToTg  rragovoi  rd  lü]  Tigooovxa  ovvdTixeiv,  u/.Äd  —  yevixojxegov  el- 
neTr  —  xo  erri  Tiavxbg  Tigdyjiiaxog  nliov  eyeiv  ßovkeo'&ai  xov 
6(1  eikoaerov  y.al  e.-xtßd/.Äovxog^.  Eben  diese  allgemeinere 
Bedeutung  des  Wortes  .-rÄeoveiia  hat  der  Dichter  im  Auge,  wenn 
er  im  Eingang  der  Satire  als  ihr  Thema  angibt:  qui  fit,  ut 
nemo  quam  sibi  sortem  seu  ratio  dederit  seu  fors  obie- 
cerit,  illa  contentus  vivat;  er  übersetzt  damit  nur  das  7i?Jov 
eyjiv    ßovkeo&ai    xov    öq:eUojuevov    y.al    tTiißdkdovxog^.      Es    hat 


^)  Vgl.  Reitzenstein.  Hellenist.  Wundererz.  S.  22^ 

^)  De  Horatio  Bionis  imitatore  diss.  p.  15,  p.  20  fF. 

^)  Hellenist.  Wundererz.  S.  25  Anru.  2.  „Von  einer  solchen  (Aretalogie) 
nimmt  das  erste  Gedicht  seinen  Lauf;  sie  bildet  nicht  einen  eigenen  Teil, 
sondern  gibt  mit  ihrem  Schlußton  (o  urßoco.Toc  ovSh  tcöv  iavTov  da:zä^ETai, 
dAA'  del  :tXeov  e/Etv  ßi/.ei,  was  mit  avarus  allerdings  ungeschickt  übersetzt 
ist)  nur  den  allbekannten  Haui^tsatz.  an  den  sich  das  Einzelbeispiel  in  der 
Ausführung  auschliefät." 

*)  Über  andere  Definitionen  bei  Basilios  vgl.  Dirking  S.  67  f. 

^)  Dabei  scheint  er  zu  übersehen,  daß  der  juristische  Terminus  rö 
ETTtßd/J.ov  gleichbedeutend  mit  rö  öcpEÜ.ousvov  ist;  vgl.  Ebeling,  Grieeh.- 
deutsches  Wörterbuch  z.  X.  T.  S.  16:3. 


70  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

demnach  die  im  ersten  Teil  der  Satire  dargestellte  juejui^'ijuoigia, 
die  Unzufriedenheit  der  Menschen  mit  ihrer  Lebenslage,  durch- 
aus eine  Stelle  im  Rahmen  eines  Sermons  über  die  Tileove^ia, 
ohne  im  geringsten  dessen  Einheit  zu  stören.  Tatsächlich  fehlt 
es  nicht  an  Anzeichen,  daß  diese  Verbindung,  die  sich  in  der 
lateinischen  Bearbeitung  infolge  der  unzulänglichen  Terminologie 
der  lateinischen  Sprache  als  ungeschickte  Kontamination  darstellen 
mag,  in  der  griechischen  Torlage  des  Horaz  bereits  vorgenommen 
worden  war.  Maximus  von  Tyrus.  der  diese  Vorlage  bezeugt,  leitet 
nämlich  die  aus  der  Satire  bekannte  burleske  Szene,  in  der  die 
fxejuynuoigia  geschildert  wird,  mit  den  bisher  kaum  beachteten 
Worten  ein:  diss.  XXI.  l  y.al  jT/.eorexxei  eregog  eregov,  otöj  äv 
iXdrro)  tol  ölovxa  f].  Die  gleiche  Auffassung  deutet  Horaz  in  der 
Zusammenfassung  am  Schluß  seiner  Satire  an.  wo  er  die  Frage 
nach  der  Ursache  der  allgemeinen  Unzufriedenheit  auf  Erden, 
von  der  die  Satire  ihren  Ausgang  nimmt,  wiederholt:  v.  lOSsqq. 
qui  nemo  se  probet  .  .  .  potius  landet  .  .  neque  se  comparet, 
....  superare  laboret.  Mit  diesen  Verben  registriert  er  noch 
einmal  kurz  die  beschriebenen  Erscheinungen  der  jueiiytuotgia. 
Die  Antwort  gibt  er  mit  dem  begründenden  Zusatz :  ut  avarus. 
Die  Tileove'^ia  ist  also  das  Grundübel,  an  der  die  Menschheit 
krankt;  sie  erscheint  bald  in  dieser,  bald  in  jener  Form:  alle 
Unzufriedenheit,  aller  Neid,  alle  Habsucht,  das  ganze  Unglück 
auf  Erden  hat  in  ihr  seine  Quelle.  Mit  diesem  Gedanken  ge- 
winnt die  Satire  von  selbst  ihre  künstlerische  Einheit,  ohne  jene 
Kunstgriffe,  die  man  dem  Dichter  insinuiert  hat:  er  hat  keine 
Lücke  zu  verdecken.  Allerdings  führt  er  sein  Thema  nicht 
gleichmäßig  durch  die  ganze  Satire  durch :  auf  eine  Abweichung 
weist  er  selbst  deutlich  hin  mit  den  Worten:  v.  108  illuc  unde 
abii,  redeo.  Die  Digression  beginnt  aber  nicht  schon  v.  22,  wo 
Heinze  den  großen  Bruch  in  der  Komposition  ansetzt.  Mit  der 
dort  gezeichneten  amyooyJoÖF.ia  wird  nur  ein  weiteres  Symptom 
des  gleichen  Fehlers,  der  bisher  beschrieben  wurde,  behandelt. 
Dieses  Gedankenverhältnis  deutet  die  Verwendung  von  praeterea 
an;  mit  dieser  Konjunktion  führt  Lucrez.  aus  dessen  Schreib- 
weise sie  stammt,  neue  Argumente  für  das  gleiche  Thema  ein^. 
Noch  klarer  weisen  die  Worte,  mit  denen  der  Abschnitt  schließt, 
darauf  hin,  daß  der  Dichter  immer  noch  das  gleiche  Motiv  wie 

')  Z.  B.  de  rerum  nat.  1,  503—511  principio  quoniam  —  praeterea  quo- 
niam  etc.;  ähnlich  11,342.  367  und  sonst.;  v?!.  R.  Heinzes  Kommentar  zum 
HI.  Buch  S.  98. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       ~  \ 

vorher,  nämlich  das  Thema  der  fieui^'iuoiota  behamielt:  v.  41  nil 
obstet  tibi,  dum  ne  sit  te  ditior  alter,  ein  Gedanke,  der  in  dem 
zurückblickenden  Schlußteil  der  Satire  wiederkehrt  in  der  Wen- 
dung: V.  113  sie  festinanti  semper  Incupletior  obstat.  Nach  des 
Dichters  eigenen  Andeutungen  liegt  also  der  Übergang  zu  einem 
andern  Teil  bei  v.  42.  wo  er  die  am  Anfang  aufgeworfene 
Frage  nach  der  Ursache  der  Unzufriedenheit  der  Menschen 
zurücktreten  läßt,  um  einige  Typen  der  avaritia  im  engeren 
Sinne  zu  schildern. 

Doch  kehren  wir  zu  Asterios  zurück;  der  Exkurs,  den  wir 
hier  machten,  möge  um  der  Rechtfertigung  willen,  die  Horazens 
künstlerisches  Schaffen  dadurch  erfahren  haben  dürfte,  er- 
laubt sein. 


3.  Kapitel:  Beweis  der  Echtheit  der  Reden. 

In  der  Abhängigkeit  der  asterianischen  Predigt  von  dem 
moralphilosophischen  Schrifttum  der  Griechen,  die  sich,  wie  zu- 
letzt der  Begriff  der  n/.eore^ia  zeigte,  sogar  auf  die  Übernahme 
einer  festgeprägten  Terminologie  erstreckt,  und  in  ihrem  früher 
(S.  34ff.j  beleuchteten  Yerhältnis  zu  den  Reden  der  Kappadokier 
sind  die  beiden  Wurzeln  bloßgelegt,  aus  der  sie  fast  ebenso  reich- 
lich wie  aus  ihrer  Hauptwurzel,  der  Bibel  und  der  kirchlichen 
Tradition,  ihre  IS'ahrung  zog.  In  der  Art.  wie  Asterios  diese 
Quellen  benützt,  dann  in  seiner  selbständigen  Haltung  gegen- 
über den  Fragen  des  innerkirchlichen  Lebens,  in  seiner  starren, 
für  theologische  Kontroversen  unzugänglichen  Orthodoxie,  in 
seinem  lebendigen  Interesse  an  der  Gestaltung  des  kirchlichen 
Kultes,  in  seiner  ästhetisierenden  Mystik  und  seiner  allegori- 
sierenden  Exegese  prägt  sich  die  besondere  Eigenart  des  Ama- 
sener  Bischofs  in  deutlich  umrissener  Gestalt  aus.  Halten  wir 
nun  das  Bild  daneben,  das  wir  aus  den  drei  nur  von  Photios 
für  Asterios  bezeugten  Reden  von  ihrem  Yerfasser  gewinnen, 
so  werden  wir  leicht  die  Übereinstimmung  in  den  wesentlichen 
Zügen  erkennen. 

I.    Die  Lobrede   auf  Stephanus. 

Die  handschriftliche  Überlieferung,  welche  das  Enkomion 
auf  Stephanus  unter  dem  Namen  des  Patriarchen  Proklos  bringt. 


72  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

ist.  wie  früher  (S.  10  f./  gezeigt  wurde,  spärlich  und  unsicher; 
zu  den  sprachlichen  Bedenken,  welche  gegen  diese  Zuweisung 
schon  der  erste  Herausgeber  geltend  machte,  kommt  die  Be- 
obachtung Useners.  daß  das  Wort  ßecxfdvia,  welches  im  kappa- 
dokischen  Kreis  zur  Bezeichnung  des  Weihnachtsfestes  in  Um- 
lauf gesetzt  wurde  und  in  dieser  Bedeutung  auch  in  unserer 
Rede  gebraucht  wird  (349  Di.  bei  Proklos  wie  bei  Chrysosto- 
mos  in  ausgesprochenem  Gegensatz  dazu  steht  (M  65.  757  C)  ^ 
Mit  mehr  Recht  wird  die  Rede  in  andern  Hdss.  Gregor  von 
Nyssa  zugeschrieben.  Sie  zeigt  in  der  Tat  eine  auffallende 
Verwandtschaft  mit  dem  l.  Enkomion  Gregors  auf  den  gleichen 
Märtyrer.  Sie  setzt  dieses  voraus,  erhebt  aber  auch  einmal 
gegen  eine  dort  vorgebrachte  Erklärung  offenen  Widerspruch, 
der  deutlich  erkennen  läßt,  daß  sie  einen  andern  Verfasser  hat. 
An  vier  Stellen  treten  diese  Beziehungen  besonders  klar  hervor: 
in  der  Einleitung,  in  der  Verwendung  des  Bildes  vom  Ago- 
nisten.  in  der  Erklärung  der  Fürbitte  des  Stephanus  und  in  der 
Polemik  gegen  die  Pneumatomachen. 

1 .  Das  Exordium  ist  nach  Inhalt  und  Form  dem  der  Rede 
Gregors  nachgebildet,  wie  aus  folgender  Gegenüberstellung  er- 
sichtlich ist: 

Greg.  Nyss.  M  46  p.  701  E  TJg  M  40  p.  337  D-340  B  'Qg 

xaki]    Tchv    äya^öjv    t]    äy.o/.ovdia.  leoog  ähjßcTjg  y.ai  xakög  xcbv 

'Qg  yXvxeia  T>)g  ev(fQOovv)]g  t)  öia-  evcpQaivövrojv  fji.iäg  :;toayfxd- 

doxi],    'Idov  ydo  iooxijV  i^  ioQTfjg  ]  zcov   6   y.vxXog.     'Eoox)]    ydg 

y.ai  xägir  drTUaußdvouer  ydonog.  diaöeyeiai     xi]v    ioox)]r    xai 

X^eg   ijjudg   6   xov   :xavr6g  Aeond-  Tzaryjyvoig  yaia/Mjußdvei  Jia- 

xt]g  eioxiaoev,    or/ueoov    6   iu(jia]Ti]g  ,  vrjyvoiv  .  .  .      Xd^eg   jxev   ovv 

Tov  Aeotzotov.     Ilöjg  ovxog  ]]  :nö)g  ijuddouei'  oxt  .  .  .   o  UGaoHog 

ixsivog ;  iy.eJvog  xor  ärdgojjTor  i'jTeo  xljv  i)uf/idoaro   odoy.a   y.ai  6 

rilxCiv  kvbvodixEvog ,   ovxog  xov  äv-  doojjuaTog  ivedvoazo  ocojua  . . , 

^ocoTiov    i'jieg    iy.eivov     äjTodvod-  orif.ieoov  Öe  ß/J^couev  xov  yev- 

juevog.  valov  dyon'ioxijv  vjieo  iy.eivov 

y.axa/d&oviievov  etc. 

Die  Art,  wie  der  fein  pointierte  Gedanke,  womit  der  Nys- 
sener  einen   inneren  Zusammenhansr   zwischen    den  beiden  auf- 


^)  Usener,  Das  Weibnachtsfest  S.  244;  daneben  verwendet  Asterios 
auch  die  genauere  Bezeichnung  r«  ev  oagy.i  i)eo(fdria  or.  IV  p.  217  C,  so  auch 
in  der  Fastenpredigt  or.  XIV  p.  389  A.  Außerdem  steht  das  Wort  im  allge- 
meinen Sinn  =::  Vision  in  unserer  Rede  p.  349  C. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  l'hotios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       73 

einanderfolgcnden  Festen  lierstellt.  in  der  candern  liede  abge- 
stumpft wird,  verrät  den  Nachahmer.  Doch  genügte  offenbar 
den  Abschreibern  diese  Übereinstimmung  der  Proöniien,  um 
die  zweite  Rede  unter  den  Namen  des  gleiclien  Autors  zu  setzen 
wie  die  erste. 

2.  Ein  ähuHches  Verliältnis  zwischen  deu  beiden  Reden  läßt 
das  nun  folgende  Bild  vom  Agonisten  erkennen.  Bei  Gregor  ist  es 
zweifellos  original:  er  spinnt  es  aus  der  Bedeutung  des  Namens 
^TfV/  nvog  heraus  (704  A  ^Lzeq  avog  nocoxoi;  ibv  oxe(favov  T)jg  ö/uo- 
Äoyiag  aradijod/.iei'og^  und  führt  es  durch  die  ganze  Rede  durch. 
In  unserm  Enkomion  dagegen  ist  es  schon  verblaßt.  Ausdrücke 
wie  ädh]r)]g  sind  fast  gleichbedeutend  mit  judoTvg.  Anderer- 
seits wird  es  um  einige  Züge  bereichert,  wenn  von  den  Tiooad- 
kijoavTeg  (341  C)  oder  von  einem  äyo)vodeTi]q  (==  Gott  344  D) 
gesprochen  w"ird:  auch  gibt  das  devreoeveiv  Gregors  f705  C) 
zu  einer  ausführlichen  ovyy.oioig  in  unserer  Rede  Veranlassung 
(340  C — 341  C).  Doch  ist  das  Bild  gerade  da  aufgegeben,  wo 
es  bei  Gregor  am  wirkungsvollsten  erscheint,  in  der  Darstellung 
des  Kampfes  des  Stephanus  mit  dem  Teufel,  der  in  den  Liber- 
tinern,  Alexandrinern  usw.  ihm  entgegentrat  (344  A). 

3.  Mit  besonderer  Liebe  malt  Gregor  jene  Szene  aus,  wo 
der  Märtyrer  für  seine  Verfolger  betet  (709  D).  Er  wird  nicht 
müde,  ihn  als  ein  erhabenes  Vorbild  für  die  Feindesliebe  zu 
rühmen;  vgl.  bes.  716  A  Jio  y.al  ev/.oyia  rovg  jtaaKfovovg  duv- 
veTUi  ovy.  ä^iwv  rrgog  mg  ivavTiag  ixßdoeig  r)]v  sti'  avTco  ngä^iv 
y.aTaLieoi'Qeadai ,  cog  iy.eivcp  juev  xijv  ^0)rjv ,  roig  de  ävrty.eijuevoig 
r/eostv  Tov  ÖAedoov,  d/Ä"  cbv  avjog  f]^Uoro,  y.al  rovg  noÄeatovg 
cbg  äyadwv  ai'xcb  ovvaixiovg  /.it]  ey.neoeTv  etc.  Gegen  diese  Auf- 
fassung wendet  sich  nun  der  Verfasser  der  andern  Lobrede  in 
energischer  Polemik:  34S  C  D  ov  ydg  cbg  oi'orxai  xireg  y.ay.wg 
/.oyi'CouEvoi  dxti.iojo)jXOi'  y.al  dvevdvvov  evyexai  yeveoßai  xow  iy- 
ßocov  xb  djiidgT)]ita.  Diese  Deutung  widerspricht  nach  seiner 
Meinung  der  Gerechtigkeit  Gottes,  wie  sie  in  seiner  Gesetz- 
gebung zum  Ausdruck  kommt.  Die  Fürbitte  des  Märtyrers 
enthalte  nichts  weiter  als  den  ^Vunsch.  Gott  möge  die  Verfolger 
zur  Buße  leiten;  erst  wenn  sie  durch  diese  besser  geworden 
seien,  trete  die  göttliche  Gnade  in  ihr  Recht.  Man  sieht,  welche 
Schwierigkeiten  dem  Verfasser  die  Vorstellung  eines  gnädigen 
Gottes  macht;  sein  Moralismus  verschließt  ihm  das  Verständnis  für 
den  religiösen  Grundcharakter  des  Christenturas  und  veranlaßt  ihn 
zu  einer  völligen  Verkehrung   des   an    sich  klaren  Sinnes  einer 


74  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Bibelstelle.  Und  doch  ist  diese  Haltung  ehrlicher  und  auch 
für  den  Frommen  leichter  zu  ertragen  als  das  Pathos  des  recht- 
gläubigen Nysseners,  der  auf  den  schwärmerischen  Lobpreis 
der  Feindesliebe  des  Stephanus  eine  scharfe  Invektive  gegen 
die  Häretiker  folgen  läßt,  die  ausklingt  in  ein  Gebet  um  den 
heiligen  Geist  „zur  Ausrottung  der  Widersacher"  (sig  y.aüaige- 
oiv  roiv  ävridiy.on'). 

4.  Am  Schluß  kommen  beide  Enkomien  auf  die  Erzähluns: 
von  der  Vision  des  Märtyrers  zurück,  um  daraus  genommene 
theologische  Argumente  zu  entkräften.  Die  Pneumatomachen 
berufen  sich  nämlich  darauf,  daß  Stephanus  in  seiner  Ekstase 
nur  den  Yater  und  den  Sohn,  nicht  aber  den  hl.  Geist  sieht, 
ohne  zu  beachten,  daß  dessen  BeteiHgung  schon  vorher  be- 
schrieben ist  in  den  Worten:  Zreqavog  de  Tih'joijg  cor  Urev/ua- 
Tog  ayi'ov.  Der  Nachahmer  schließt  sich  diesem  Exkurs  nach 
Inhalt  und  Sprache  an  (Vgl.  bes.  Greg.  716  C  und  [Ast.]  349Df.): 
ja  er  steigert  den  stark  persönlichen  Ton,  durch  welchen  Gregor 
die  Schwäche  seiner  Beweisführung  zu  verdecken  sich  bemüht, 
ins  Ironische,  indem  er  über  das  kurze  Gedächtnis  der  Gegner 
spottet  (^352  A).  Schließlich  macht  er  gegen  ihren  Einwand 
eigene  Beobachtungen  über  den  Sprachgebrauch  der  biblischen 
Schriftsteller  geltend. 

Gregor  läßt  dieser  Polemik  eine  zweite  gegen  die  Xotoro- 
jiidyoi  folgen,  die  ebenfalls  auf  Grund  der  Stephanusvision  die 
Inferiorität^  des  Sohnes  gegenüber  dem  Vater  behaupten,  da 
der  Märtyrer  diesen  sitzen,  jenen  stehen  sah  (717  C).  Er 
nimmt  damit  die  alte  monarchianische  Kontroverse  auf,  die  zu 
seiner  Zeit  kaum  mehr  als  geschichtliches  Interesse  hatte  ^  um 
sie  mit  dürren  Spekulationen  aufzulösen.  Der  Verfasser  unseres 
Enkomions  folgt  ihm  darin  nicht:  offenbar  war  er  mit  dieser 
Frage  zu  wenig  vertraut  und  ihre  Behandlung  bei  Gregor  für 
ihn  zu  subtil:  er  bringt  dafür  —  und  zwar  vor  der  pneumato- 
logischen  —  eine  andere  christologische  Frage,  den  der  kirch- 
lichen Hypostasenlehre  widersprechenden  Hauptsatz  des  moda- 
listischen  Monarchianismus  von  der  AVesenseinheit  von  Vater, 
Sohn  und  Geist.  Diese  vielerörterte  Grundfrage  des  Sabellia- 
nismus,  der  noch  zur  Zeit  des  Basilios  in  Xeocäsarea,  also  in 
der  Nähe  von  Amasea,  eine  Gemeinde  hatte  -,  wird  in  unserer 


>)  Vgl.  Harnack  bei  Hauck  RE.  13,  S.  303  ff. 
^)  Vgl.  Harnack  a.  a.  0. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Keden.       75 

Rede  in  ihrer  ointaclisten  Form  erwähnt  und  mit  dem  kurzen 
Hinweis  (hirauf,  daß  der  Märtyrer  die  Personen  des  Yaters  und 
des  Sohnes  deutlich  unterscheide.  abo;etan.  Der  Verfasser  ist 
theologisch  nicht  gebildet  genug,  um  die  bekämpfte  Anschau- 
ung genau  darzustellen,  er  bezeichnet  sie  lieber  kurz  durch 
einen  Namen  —  Sabellios  aus  Libyen^  — ,  ganz  so  wie  es 
Asterios  im  Unterschied  zu  Basilios  in  seiner  Polemik  gegen 
Areios  und  Eunomios  tut  (vgl.  oben  S.  38  f.). 

Zu  diesen  Abweichungen,  die  kleine,  aber  unbedingt  echte 
Züge  der  asterianischen  Predigt  in  dem  Enkomion  auf  Stephanos 
hervortreten  lassen,  kommen  andere,  in  denen  sich  der  ky- 
nische  Standpunkt  des  Verfassers  geltend  macht.  Ähnlich  wie 
Petrus,  dessen  Bild  bei  Asterios  uns  an  Gestalten  wie  Euphrates 
erinnerte  i  vs:!.  S.  50  f.).  oder  wie  Jesus  in  der  asterianischen  Auf- 


o 


fassung  der  Gleichnisse  (vgl.  S.  4S,  S.  51)  erscheint  Stephanus 
geradezu  als  Typus  des  kynischen  Wanderpredigers,  der  zuerst 
mit  sanften  Tönen  die  Hörer  zu  gewinnen  versucht,  wie  er  aber 
auf  Widerstand  stößt,  die  volle  naog)]oia  des  Kynikers  ent- 
faltet: 344  A  Teyvr]v  svoer  evjii)]xavov^  koyov  i/u/ueh']  xal  noäov. 
Ovdkr  ydo  (pdguay.ov  toiovtov  elg  d^eoajieiav  ■&vjnov  xal  xivrjoecog 
olov  jiagaireaig  7roooi]v)]g  xal  evdgfioorog  etc.  Es  duldet  dem- 
nach keinen  Zweifel,  daß  uns  in  diesem  Enkomion  eine  echte 
Rede  des  Asterios  erhalten  ist. 

n.   Die  Bußpredigt. 

Durch  den  Titel  Tigojgenxixog,  den  die  Rede  :x£gl  i^uiavoiag 
in  den  meisten  Hdss.  führt,  wird  sie  zu  einer  Literaturgattung 
gerechnet,  die  bereits  in  der  alten  Sophistik  ausgebildet,  dann 
besonders  in  der  Moralphilosophie  gepflegt  und  bereits  durch 
Klemens  von  Alexandrien  in  die  christliche  Literatur  eingeführt 
wurde.  Es  waren  nicht  Einzelthemata,  für  die  sie  zur  An- 
wendung kam,  sondern  meist  allgemeine  Bildungs-  und  Lebens- 
fragen, welche  die  prinzipielle  Stellung  zur  Rhetorik,  Philosophie 
oder  Moral  betrafen  2.  Die  Absicht  des  Redners  ist  dann  immer, 
den  Willen  des  Hörers  zu  bestimmen  (neideiv).  Die  Form  da- 
für  ist   im  einzelnen    nicht    einheitlich   festgelegt.      Die   antike 


1)  Die  Nachricht  von  seiner  Herkunft  taucht  erst  bei  Basilios  auf; 
vgl.  Harnack  a.  a.  0.  S.  333. 

•-)  Vgl.  darüber  P.  Hartlich.  De  exhortationum  a  Graecis  Romanisque 
scriptarum  historia  et  indole,  Leipz.  Stud.  f.  kl.  Phil.  XI,  2,  S.  209  flf..  S.  802. 


76  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Theorie^,  mit  der  die  Praxis  am  meisten  übereinstimmt,  ist 
gewonnen  durch  einen  A'ergleich  mit  der  Tätigkeit  des  Arztes, 
der  dem  Patienten  erst  seinen  Zustand  klar  machen  muß,  um 
ihn  zur  Annahme  der  Heilmittel  zu  bewegen.  Demnach  zer- 
fällt der  Protreptikos  in  zwei  Haupteile :  der  eine  beschäftigt 
sich  mit  den  Vertretern  der  zu  bekämpfenden  Lebensrichtung 
und  soll  die  Verkehrtheit  ihres  Denkens  und  Handelns  erweisen 
(änoToeTniy.öq,  ä:je/.£yy.Tiy.6c,  auch  Txadokoyiy.o^  /.oyo^):  der  andere 
soll  sie  für  das  bessere  Prinzip  erwärmen  und  gewinnen  (der 
eigentliche  T[oojOE:niy.6^,  auch  naody./.)]otgr,  wird  dieses  dann 
auf  besondere  Fälle  oder  verschiedene  Lebenslagen  angewendet, 
so  folgt  noch  eine  Aufzählung  von  Einzelvorschriften  fvnoßeri- 
xög  Äöyog,  auch  Tiaoayye'/.ixara)  ~. 

Auch  die  Anlage  unserer  Bußpredigt  ist  deutlich  durch 
diese  Gesichtspunkte  bestimmt.  Als  rrgoToey.Tiy.og  erweist  sie 
sich  schon  durch  die  in  der  Einleitung  ausgesprochene  Absicht 
auf  das  Treideiv  (353  A  v/^iäg  :TQoofJHov  neideoÜai).  Ihr  Thema 
ist  die  ueravoia  im  weitesten  Sinne,  nicht  sowohl  als  Bußübung 
als  vielmehr  in  der  Bedeutung:  bußfertige,  demütige  Gesinnimg. 
Ihr  steht  gegenüber  der  ivffog,  die  hochmütige  Selbstüberhebung, 
die  sich  namentlich  in  unbarmherzigem  Eichten  und  Verurteilen 
des  Xebenmenschen  geltend  macht.  Mit  der  Beschreibung  und 
der  Bekämpfung  dieses  Fehlers  befaßt  sich  der  erste  Hauptteil  des 
Protreptikos  i352  C  — 365  A  ;  nach  ihm  führt  die  ganze  Predigt  in 
der  Überlieferung  gelegentlich  den  Titel:  adversus  eos.  qui  alios 
iudicant  et  conversione  indigent  (im  Paris,  gr.  suppl.  399  fol.  Sl). 
Auf  diesen  negativen  folgt  der  positive  Teil,  in  welchem  die 
Formen  der  uerävoia  beschrieben  werden  (365  B — 369  C).  Beide 
Teile  münden  in  eine  Art  Kasuistik  aus:  im  ersten  wird  eine 
niedere  und  eine  höhere  Sittlichkeit  unterschieden  (353  A,  356  A) 
und  demgemäß  ein  besonderer  Appell  an  die  Durchschnitts- 
und an  die  Idealmenschen  gerichtet  *353  C,  356  A;,  die  dann 
wieder    als   Laien    und   Priester    erscheinen    (361  A — C).     Die 


^)  Bei  Philo  von  Larissa,  Eudoros  u.a.;  vgl.  Hartlich  S.  300  ff. 

-)  Damit  berührt  sich  sichtlich  die  Anweisung,  die  in  unserer  Pre- 
digt mit  Verwendung  des  Bildes  vom  Baumgärtuer  irfVToy.öjnogJ  dem  Priester 
für  die  Methode  seiner  ethischen  Propaganda  gegeben  wird:  364  A  ^y.äsire 
roTg  i/.ey/_oig,  dä/.cie  wg  Hocigoi  zaig  naQax  Xi'ioeo  iv ,  .Toruf  xfi  e:tioooia 
rwv  _ua{fi]fiäT(üv,  :tEQi(foaooe  zoTg  :joo(fvÄa>izixoTg  tc5»'  :Taoay'y ekudKov  (hg 
Xaoay.oji.iaTi.  —  Den  Vergleich  mit  dem  cy.ä:nstv  hat  auch  Bion  bei  Plut. 
de  adul.  et  am.  16  p.  59,  vgl.  Gerh.  S.  43. 


über  d.  Echtheit  cl.  drei  nur  d.  l'liotios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       77 

eigentliclie  liußpredigt  aber  stellt  ein  ganzes  Sündenregister  mit 
der  Angabe  der  entsprechenden  Sühneleistungen  auf  ('."{OS  C-  D). 

Diese  Teclinik  der  Rede  zeigt  ihren  Verfasser  als  einen 
rhetorisch  geschulten  Moralisten.  Mit  Gregor  von  Nyssa  konnte 
sie  sehr  wohl  in  Verbindung  gebracht  werden;  hat  sich  doch 
gerade  er  wie  sein  Bruder  Basilios  eingehend  mit  der  Rege- 
lung der  kirchlichen  Bußordnung  beschäftigt^.  Aber  mit  dieser 
Buhidisziplin  hat  unsere  Predigt  nichts  zu  tun.  Jene  erstreckt 
sich  nur  auf  Kapitalsünden,  während  hier  nur  von  solchen  Sün- 
den die  Rede  ist,  für  w^elche  die  gewöhnlichen  Sühnemittel  wie 
Beten,  Fasten.  Almosengeben  ausreichten. 

Die  zeitgeschichtliche  Bedeutung  unserer  Predigt  liegt  viel- 
mehr in  ihrer  antinovatianischen  Tendenz,  die  namentlich  im 
ersten  Teil  unverhüllt  hervortritt.  Die  Gesamtkirche  lehnte 
bekanntlich  die  rigorose  Bußmoral  der  Novatianer.  die  um  jene 
Zeit  in  Konstantinopel  wieder  einen  starken  Einfluß  gewannen  2, 
für  die  Allgemeinheit  ab:  doch  war  bereits  im  Mönchtum  ein 
neuer  Träger  des  urchristlichen  Lebensideals,  dessen  Ver- 
wirklichung sie  forderten,  erstanden.  Auch  die  Entwicklung 
dieser  doppelten  Moral  setzt  unsere  Predigt  voraus^. 

Ich  hebe  nun  die  besonderen  Berührungen  der  Rede  mit 
der  asterianischen  Predigt  hervor: 

1.  Der  Prediger  geht  von  der  verlesenen  Perikope  über 
die  große  Sünderin  aus.  Ohne  sich  auf  eine  eigentliche  Er- 
klärung einzulassen,  erinnert  er  nur  kurz  an  ihren  Eingang,  wo 


\)  Siehe  darüber  jetzt  E.  Schwartz,  Bußstufen  und  Katechumenats- 
klassen.  Schriften  der  tVissensch.  Gesellsch.  iu  Straßburg  Nr.  7.  Die  Buß- 
kanones  des  Basilios  stimmen  teilweise  mit  denen  der  2.  ökumenischen 
Sj'node  von  Konstantinopel  (381)  überein.  ¥Ane  Sammlung  dieser  Kanones 
veranstaltete  Palladios,  der  Nachfolger  des  Asterios.  Von  diesem  y.arony.ov 
liegt  in  einem  Patmensis  eine  Teilrezension  vor,  die  mit  einem  Verzeichnis 
der  Teiluebmer  an  jener  Synode  schließt.  An  erster  Stelle  i.«t  dort,  wie 
Schwartz  (S.  31  f.)  erkannt  hat.  der  Bischof  von  Amasea  genannt.  Dies 
kann  schon  deshalb  nicht  Palladios  sein,  weil  er  um  381  noch  nicht  Bischof 
von  Amasea  war;  al.so  ist  damit  wahrscheinlich  sein  Vorgänger  Asterios 
bezeichnet  Wenn  nun  Schwartz  meint,  von  ihm  habe  Palladios  sein 
Interesse  für  die  Bußdisziplin  überkommen  (S.  33),  so  darf  er  sich  wohl 
dafür  nicht  auf  unsere  Bußpredigt  berufen,  die  sich  doch  mit  den  Fragen, 
um  die  es  sich  in  den  Kanones  handelt,  eigentlich  nicht  beschäftigt. 

-)  Vgl.  Harnack  bei  Hauck  R.  E.  ^4  S.  242.  Der  bedeutend.ste  Vor- 
kämpfer des  Novatianismus  war  damals  der  Bischof  Sisinnius  (395 — 407), 
der  sogar  die  Bußlehre  des  Chrysostomos  angriü". 

')  Vgl.  Schwartz.  a.  a.  0.  S.  52. 


78  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

das  Yerhalten  Jesu  zu  dem  Pharisäer,  der  ihn  eingeladen  hatte, 
beschrieben  wird,  um  sofort  als  ihren  einzigen  Sinn  ihren  mo- 
ralischen Grundgedanken  hervorzuheben:  sie  richtet  sich  gegen 
die  selbstgerechten  und  eingebildeten  Toren  (353  A  cpikatnoL 
y.al  avrdgeoxoi,  iv  v7iokrjy)ei  dia  y.evov  (f govY] juarog  (hy- 
xcojiievoi  vgl.  356  C  cbg  ejue  Tio'/JAxig  vtto  xov  rvcpov  xai  trjg 
äXa^oveiag  äjiOTTi'iyojLm'or  ein:eh')  als  ein  cfdguayov  zcov  vooovv- 
xwv  Tip  avddöeiar  (353  B).  Damit  hat  der  Kyniker  —  als 
solchen  kennzeichnet  ihn  die  Benennung  des  Fehlers,  gegen  den 
er  sich  richtet  —  sein  Thema  und  seinen  oppositionellen  Stand- 
punkt gewonnen  und  laut  nun  nach  einem  flüchtigen  Hinweis 
auf  das  Yorbild  Jesu  die  Beziehung  zu  der  biblischen  Geschichte 
fallen,  wie  wir  es  wiederholt  bei  Asterios  beobachteten  (S.  55  f., 
S.  5S).  Die  Beweismittel,  die  zur  Anwendung  kommen,  sind  zu- 
nächst die  der  heidnischen  Moralpredigt,  mit  denen  auch  Asterios 
gerne  operiert:  Beispiele  aus  der  Natur  (353  B  C),  der  Grund- 
satz der  antiken  Humanität  von  der  natürlichen  Verwandtschaft 
der  Menschen  (^353  C  roig  rrjg  imäg  xal  Tyjg  avxiig  y.oivcovovoi  (pv- 
oecog)  und  andere  in  der  Diatribe  vielgebrauchte  Schlagwörter 
wie  des  ocorfgoinjooy ,  yvcödt  oavrov  (368  C),  endlich  die  be- 
liebten Vergleiche  des  widerspruchsvollen  Gebahrens  bei  Krank- 
heiten des  Leibes  und  solchen  der  Seele  (353  D,  360  D,  368  A 
bis  B,  369B-C\ 

2.  Dazu  kommen  für  den  christlichen  Prediger  die  bib- 
lischen Beispiele.  Es  sind  die  gleichen,  die  auch  in  andern 
Bußpredigten  aus  jener  Zeit,  besonders  in  der  Homilienreihe 
des  Chrysostomos  (M  49,  p.  271  ff.)  begegnen:  Hiob,  Petrus, 
Judas,  Paulus,  die  Gleichnisse  vom  Zöllner,  vom  verlorenen 
Sohn,  vom  verlorenen  Schaf  und  verlorenen  Groschen.  In  ihrer 
Ausführung  im  Protreptikos  macht  sich  eine  eigentümliche  Werk- 
und  Kultgerechtigkeit  des  Verfassers  geltend.  Während  z.  B. 
Chrysostomos  De  poen.  I,  M  46,  282  von  den  Juden,  die  Jesus 
kreuzigten,  in  evangelischer  Schlichtheit  sagt:  „Jesus  hat  ihnen 
vergeben",  lesen  wir  hier  „sie  wurden  durch  die  Taufe  rein" 
(357  B).  Dort  heißt  es  von  Paulus  „er  bereute  und  wurde  ein 
Apostel" ;  hier  wird  die  sühnende  Kraft  seiner  Leiden  gerühmt  ^ 
(357  C  ex  xfjg  xavxoTiarJEiag  elvoe  xd  Eyy.h)f.iaxa  —  ?ußao&Eig 
e^rjleixpe  xd  nXi]  1^1.1  eh] j^ia.)      Auch    die    Teilnahme    an    den  My- 


^)   Vgl.  dazu  Hellmanns.  Wertschätzung  des  Martyriums   als  eines 
Rechtfertigungsmittels  in  der  altchristlicheu  Kirche  S.  82,  S.  114. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Keden.       7*J 

storien  wird  als  Büß-  und  Sühnemittel  betont  (365D  .  Zweifellos 
redet  hier  der  nämliche  Mann,  der  im  Enkomion  auf  Stephanus 
die  Forderung  erhebt  ygii  rij  TarTeurraßeia  Avods  rrjs;  uunoTÜi:: 
t6  l'yy./jjiia  i  :i49  B)  und  die  antinomistisehe  Auslegung  der  Für- 
bitte des  Märtyrers  schroff  zurückweist  (8.  73). 

In'  diesem  Christen  lebt  noch  ungebrochen  und  durcli  den 
Mysteriengedanken  nur  scheinbar  getrübt  der  Glaube  an  die 
Kraft  der  Persönlichkeit  zur  Selbsterlösung,  wie  er  in  dem 
antiken  Moralismus  lebendig  ist.  Er  tritt  vor  allem  auch  in 
der  kasuistischen  Bußmoral  hervor,  worin  er  den  Sündern  An- 
weisungen gibt,  wie  jeder  seine  besondere  Sünde,  sei  es  Tovfp), 
uxo/Mola,  n/.eove^ia  oder  schließlich  sogar  Häresie,  durch  Übung 
der  entgegengesetzten  Tugend  wieder  gut  machen  kann  f^368CD). 
Neben  diesen  Sühneleistungen ^  ist  ihm  die  äußere  Haltung 
des  Pönitenten  durchaus  nicht  gleichgültig.  Als  Vorbild  dafür 
stellt  er  die  große  Sünderin  hin  und  beschreibt  mit  der  gleichen 
Kunst,  mit  der  Asterios  die  Gebetsstellung  des  Pharisäers  und 
des  Zöllners  oder  die  ocorfooovri]  der  Sinne  malt  (vgl.  oben 
S.  4 1  und  S.  53).  ihr  ganzes  Benehmen  als  Ausdruck  ihrer  reu- 
mütigen Gesinnung. 

3.  Die  asterianische  Herkunft  des  Protreptikos  wird  be- 
sonders klar  in  der  Anführung  des  Gleichnisses  vom  verlorenen 
Sohn  (364  C— 365  A),  das  von  Asterios  in  einer  eigenen  Homilie 
behandelt  ist.  Auf  Grund  der  dort  ausgesprochenen  Theorie 
der  Gleichnisse  als  atviyjiiara,  die  auch  hier  angedeutet  wird 
(361  B  er  TcaQußo/Mls  y-<ii  ToTg  eneoy.iaouh'Oi^  JÖiv  /.oycov,  rb  roh 
airiy/iaoiv  eyyov^TTO/iievov),  kam  dort  die  Allegorese  stark  zur 
Anwendung.  Ihre  Ergebnisse  werden  hier  kurz  aufgenommen, 
ohne  weiter  begründet  zu  werden:  364  D  löyog  sgt'i  Tiaoaßo/uy.og 
vnavoiycov  (hg  rrarory.ijr  emiav  tijv  'Eyybjolav  y.al  öeyojLievog  cfdo- 
(poövcog,  \'va  /ni]  cboi  ö/uodlanoi  To7g  yoigoig,  roig  daiuooir  etc. 
So  redet  einer  nur,  wenn  er  sich  selbst  zitiert.  Es  bleibt  also 
nur  die  Annahme  der  Echtheit  des  Protreptikos  übrig. 

')  Dazu  kommt  als  weitere  freiwillige  Leistung  die  persönlic4]e  Beichte 
vor  Gesinnungsgenossen  {6^i6ii<vyot  ofiH  A)  und  vor  dem  Priester,  die  mit  der- 
jenigen, die  Basilios  von  den  Mönchen  fordert,  große  Ähnlichkeit  hat: 
vgl.  HoU,  Enthusiasmus  und  Bufsgewalt  im  griech.  Mönchtum,   S.  2631f. 


§0  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 


III.    Die  Fastenpredigt. 

Die  Rede  zum  Eintritt  in  die  Fastenzeit  —  /.6yog  eig  Hjv 
jrageloßaoiv  tcov  vrjorewyv  ist  ihr  Titel  in  den  meisten  und  besten 
Hdss.  —  ist  durch  alle  handschriftlichen  Zeugnisse  ebenfalls  für 
Gregor  von  Xyssa  beansprucht.  Ihr  im  Unterschied  zu  den 
meisten  Asteriosreden  stark  hervortretender  kontemplativer 
Charakter  und  einzelne  der  in  ihr  vertretenen  Anschauungen 
wie  die  von  der  äjioy.axdoraoig  :ia.vToyv  (373  C;  scheinen  die 
Glaubwürdigkeit  dieser  Überlieferung  zu  stützen.  Eine  Ent- 
scheidung ist  aber  auch  hier  nur  durch  eine  Einzelinterpretation 
möglich. 

1.  Das  Thema  der  Predigt,  die  Forderung  der  iyy.Qareia, 
ist  ein  in  der  Moralphilosophie  unendlich  oft  behandelter  TÖJiog. 
In  seiner  Ausführung  fällt  nur  auf,  daß  das  Fastengebot  auf 
einer  ungewöhnlich  breiten  physiologischen  und  psychologischen 
Erörterung  basiert  ist,  die  deutlich  den  EinfluhJ  der  zeitgenössi- 
schen Theologie  zeigt.  Die  Frage  nach  der  Natur  des  Menschen, 
von  der  die  Rede  ihren  Ausgang  nimmt,  hatte  ApoUinaris  von 
Laodicea  aufgeworfen,  um  von  ihr  aus  in  der  endlosen  Dis- 
kussion über  die  zwei  Personen  in  Christo  eine  Entscheidung 
zu  finden^.  Die  Auffassung,  die  in  unserer  Predigt  wiederholt 
zum  Ausdruck  kommt,  ist  im  Grunde  der  Dualismus,  wie  ihn 
Gregor  von  Nyssa  in  jenem  Kampfe  geltend  machte:  der  Mensch 
besteht  aus  einem  sichtbaren,  irdischen  Leib  und  einer  unsicht- 
baren und  unvergänglichen  Seele,  der  die  Führerschaft  zu- 
kommt f369D,  380  A'-.  Mit  dieser  Anschauung  vermischen 
sich  aber  Züge  aus  dem  platonischen  AVeltbild:  als  ein  weiteres 
Organ  wird  der  vovg  genannt,  von  dem  die  y^vyj]  die  Fähigkeit 
zu  intuitiver  Erfassung  des  Göttlichen  erhält  (372  A).  Doch 
wird  das  Verhältnis  zwischen  beiden  nicht  klarer  daro^eleort. 
Der  Verfasser  tritt  also  hier  dem  Standpunkt  des  Gregor  von 
Nazianz  und  ApoUinaris  nahe,  die  eine  trichotomische  Gliede- 
rung der  menschlichen  Xatur  behaupten^.  Ein  solches  Schwan- 
ken zwischen  zwei  o-egeneinander  stehenden  Theorien  über  ein 


^)  Vgl.  Pohlenz,  Vom  Zorne  Gottes  S.  63fF. ;  Loofs,  Leitfaden  der 
Dogmeugeschichte  *  S.  257. 

^)  Vgl.  Hilt,  Des  heil.  Gregor  von  Nyssa  Lehre  vom  Menschen  S.  36 ff., 
S.  64  f. 

^)  Vgl.  Gottwald,  De  Gregorio  Naz.  Platouico,  diss.  Vratisl.  (1906),  S.31. 


über  (.1.  Echtheit  d.  drei  mir  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       81 

wichtiges  theologisches  Pioblcni  wird  man  einem  mitten  in 
diesem  Streite  stehenden  Kirchenvater  von  phitonisciier  Geistes- 
tiet'e  nicht  zutrauen  dürfen,  auch  wenn  er  selbst  gelegentlich 
den  Unterschied  zwischen  seiner  nnd  der  gegnerischen  Ansicht 
nicht  stark  findet  ^  Wohl  aber  ist  diese  Unsicherheit  mit  der 
Haltung'  des  an  der  Dogmabildung  unbeteiligten  Amasener 
Bischofs  vereinbar,  wie  wir  sie  gerade  in  seinen  psychologischen 
Betrachtungen  beobachten.  Im  allgemeinen  teilt  er  die  dua- 
listische Auffassung  vom  Menschen  mit  dem  Nyssener  (169  C, 
3t)0  D).  AVo  er  aber  die  Affekte  als  Teile  der  yv/j)  betrachtet, 
trennt  er  von  dieser  den  vov^  ab  (so  332  C  mit  Verwendung 
des  berühmten  Bildes  aus  Piatons  Phaidros.  ähnlich  313  D;. 
Demnach  können  jene  Übereinstimmungen  mit  Gregor  nur  als 
Entlehnungen  eines  unselbständigen  Denkers  beurteilt  werden; 
als  solchen  haben  wir  aber  Asterios  gerade  in  seinem  Verhältnis 
zu  den  Kappadokiern  mehrfach  kennen  gelernt  (vgl.  S.  34  ff.). 
2.  Dagegen  gehören  die  sich  anschließenden  Ausführungen 
über  den  Nutzen  des  Fastens  für  die  Gesundheit  von  Leib  und 
Seele  dem  besonderen  Interessensgebiet  des  Asterios  an.  der 
z.  B.  in  der  Physiologie  der  Sinnesorgane  vortreffliche  Kennt- 
nisse besitzt,  wie  u.  a.  die  scharfe  Detailbeschreibung  des  Auges 
(2r)3  D  i.)  beweist.  Yieles  muß  freilich  zu  dem  Erbe  aus  der 
antiken  Moralphilosophie  gerechnet  werden,  das  ja  die  asteria- 
nische  Predigt  in  reichem  Maße  in  sich  aufgenommen  hat.  Es 
ist  interessant  zu  sehen,  wie  z.  B.  in  der  Begründung  der  kirch- 
lichen Fastenjiflicht.  die  der  Prediger  hier  versucht,  die  Ge- 
danken der  ältesten  Predigt,  die  wir  aus  der  griechischen 
Literatur  kennen,  wiederkehren:  in  einer  so  engen  Terknüpfung 
der  ethischen  mit  der  physiologischen  Auffassung  hat  schon 
Demokrit  die  eyy.oäxeia,  das  altgriechische  Gesetz  des  Maßes, 
für  den  Lebensgenuß  gepredigt;  auch  er  sah  das  Ziel  des  sitt- 
lichen Strebens  in  jener  vollkommenen  Ruhe,  in  welcher  der 
Körper  ungehindert  seine  Funktionen  verrichten  kann  und  der 
Geist  „dem  Unvergänglichen  geöffnet  ist  und  die  Dinge  sub 
specie  aeterni  betrachtend,  selber  des  Ewigen  teilhaftig  wird" -. 
Auch  der  in  unserer  Predigt  verwendete  Tergleich  dieses  Zu- 
standes  mit  der  Meeresstille  (yah'jvi],  evoiäßeia  372  BDj  und 
der  Affekte  mit  den  Stürmen  (372  B)  geht  ebenso  wie  eine  später 
zu    besprechende   Erscheinung    der    allegorischen   Synkrisis    in 

1)  Adv.  Apollin.  cap.  8.  M  45,  1140  AB. 

-)  P.  Natorp.  Die  Ethika  des  Demokrit  S.  109  f. 

T.  u.U.  '13:  Brotz.  6 


82  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

letzter  Linie  auf  Demokrit  zurück;  den  Weg,  auf  dem  dieses 
Gedankengut  aus  seinen  Ethika  über  die  spätere  Moralpredigt 
in  die  christliche  Literatur  gelangte,  können  wir  freilich  nicht 
mehr  so  genau  verfolgen,  wie  es  uns  bei  jenem  stark  poetischen 
Kunstmittel  der  Synkrisis  noch  möghch  ist  (vgl.  unten  S.  95ff.). 
3.  Die  Möglichkeit,  die  Fastenpredigt  in  jene  literarischen 
Beziehungen  einzustellen,  die  sich  uns  in  der  Predigt  des  Asterios 
als  wirksam  erwiesen,  bietet  eine  wertvolle  Stütze  für  die  An- 
nahme des  gleichen  Ursprungs.  Neben  dem  Einfluß  der  antiken 
Moralpredigt  macht  sich  in  der  Tat  auch  derjenige  des  Schrifttums 
der  Kappadokier  in  unserer  Rede,  namentlich  in  ihren  christ- 
lichen Bestandteilen,  geltend.  So  läßt  sich  die  Art,  wie  im 
folgenden  das  Fastengebot  mit  biblischen  Argumenten  gestützt 
wird,  nur  unter  der  Voraussetzung  daß  dem  Verfasser  die  be- 
rühmte erste  Predigt  des  Basilios  über  das  Fasten  vorlag,  völlig 
verstehen.  Zum  Beweis,  daß  das  Genußleben  das  größte  Hin- 
dernis für  sittliches  Wachstum  und  für  die  Erlangung  der  himm- 
lischen Seligkeit  sei,  erinnert  unser  Redner  an  das  Beispiel  der 
ersten  Menschen;  er  führt  es  mit  den  Worten  ein:  ovx  av  yäo 
fjfXiv  hedrj  vöjuog  vi]OTEiag,  el  ^m)  Tiaoeßddi]  Trjg  Jiocort]?  eyy.ga- 
TEiag  o  voixog  (373  C);  dann  erst  folgt  die  erwartete  Erklärung, 
daß  sie  durch  ihre  Genußsucht  das  Paradies  verloren.  Jener  Satz 
vom  La'sprung  des  Fastengebots  paßt  nicht  recht  in  diesen  Zusam- 
menhang und  ist  schwerlich  dem  Hörer  ohne  weitere  Erläuterung 
verständlich.  Wie  kommt  er  hierher?  In  der  Rede  des  Basilios 
stellt  er  das  Ergebnis  einer  Betrachtung  über  das  Alter  des  Fastens 
dar :  diese  Einrichtung  geht  zurück  auf  das  göttliche  Verbot  an  die 
ersten  Menschen  (M  31  p.  16&B  tö  öh  ,ov  (pdyeo&e  . . .'  vrjozeiag 
ion  y.al  eyxgareiag  voaoßeoia);  seine  Übertretung  machte  aber 
ein  neuesFastengebot  nötig  (ei  h')'/oTEvoev  utiö  tov  ^v'/.ov  ff'Eva,ovy. 
UV  Tumiig  vvv  eÖeöfxeda  Ti]g  vrjoreiagj.  Denn  das  Glück  des  Para- 
dieseszustandes  besteht  in  der  Bedürfnislosigkeit;  den  ersten  Men- 
schen war  das  Trinken  und  andere  Genüsse  mit  schädlichen  Wir- 
kungen völlig  unbekannt;  ihr  Leben  war  ein  Abbild  des  Fastens 
(rnjoxeiag  eixcov).  Daraus  ergibt  sich  von  selbst  die  Forderung: 
vrjOTSVocofiev  toivvv,  Iva  jigög  avröv  ejiaveX'&ojfj.ev.  Von  diesem 
letzteren  Gedanken  geht  der  Verfasser  unserer  Rede  aus;  er 
beo;ründet  ihn  mit  dem  Hinweis  auf  den  Sündenfall,  wobei  er 
die  Auffassung  des  Basilios,  daß  damit  das  erste  Fastengebot 
übertreten  worden  sei,  mehr  voraussetzt  als  erklärt.  Er  lehnt 
sich   dann  noch    weiter  an  Basilios  an  in  der  Schilderung  des 


I 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       §3 

zukünftiii^cn  Lehens  (bes.  in  dem  Yorgleich  A'//arf/«  t>)c  fif/J.ot'- 
o}]s  CfoTjg  eiy.iov  mit  dem  abgebrochenen  Schluß  exeX  ovx  eiai 
TioToi  ovde  djioXai>oetg  373  D)  und  endlich  in  der  folgenden  Auf- 
zäiilung  biblischer  Beispiele  für  den  Nutzen  des  Fastens,  indem 
er  fast  die  gleichen  Xamen  von  Noah  bis  Jesus  nennt,  die  bei 
Basilios  begegnen.  Der  Anschluß  ist  sogar  in  den  Übergangs- 
formeln, die  er  wählt,  zu  bemerken:  wenn  z.  B.  Basilios  sich  von 
den  ersten  ^[enschen  zu  den  späteren  Generationen  wendet  mit 
der  Einladung  an  den  Hörer  xaTußa  6öö)  ßaörc,(ov  tTii  xa  y.('na) 
(172A),  heißt  es  hier  im  gleichen  Bilde  taoor  tov  Tigänov  uvOgconov 
6d(b  (373D);  vgl.  auch  die  Wendungen  Basil.  165C  eäv  juingoy  äva- 
ueivTjg,  evo/jofig  .  .  und  [Ast.]  380  A  ardo/ov  dt'  luy.oov  y.ai  .  .  . 
An  andern  Stellen  bietet  die  Basiliosrede  unserm  Prediger 
in  nur  flüchtig  berührten  Gedanken  Anregungen  zu  selbstän- 
diger  Betrachtung;  auch  diese  Art,  seine  Vorlage  zu  benützen, 
fanden  wir  für  die  Arbeitsweise  des  Asterios  bezeichnend  (S.  39, 
S.  63,  S.  67).  Ein  Beispiel  macht  dies  Verhältnis  deutlich. 
Basilios  beginnt  seine  Rede  mit  dem  Festgruß  des  Psalmisten 
zum  Neumondtage  (ZaXjiioaje  iv  vEoui]via  od?,siiyyi)  und  fährt 
dann  fort:  „Uns  aber  künden  lauter  als  jene  Posaunen  die  ver- 
lesenen Schriftworte  die  Feier  an,  welche  jenen  Tagen  voraus- 
geht; haben  wir  doch  die  Gnade  der  Fasten  aus  dem  Jesaias 
kennen  gelernt,  der  die  jüdische  Art  zu  fasten  verworfen  und 
uns  das  wahre  Fasten  gezeigt  hat.''  Es  folgt  eine  Auslegung 
des  bekannten  Prophetenwortes  Jes.  58,4,  an  die  sich  der 
Hauptteil  der  Rede  anschließt  mit  dem  Nachweis,  daß  das 
Fasten  keine  mosaische  Einrichtung  sei,  daß  es  älter  sei  als 
das  Gesetz,  älter  auch  als  das  jüdische  Versöhnuugsfest  am 
10.  Tag  des  7.  Monats.  Diese  Reminiszensen  aus  der  Basilios- 
rede nimmt  nun  der  Verfasser  unserer  Predigt  mit  ihrer  leicht- 
verhüllten antijüdischen  Tendenz  auf,  um  sie  zu  einer  lauten 
und  scharfen  Invektive  nicht  bloß  gegen  das  Fasten,  sondern 
gegen  den  ganzen  Festkult  der  Juden  zu  erweitern  1 385  C  f.). 
Er  bestreitet  ihnen  das  Recht  zur  Feier  ihrer  Feste,  da  diesen 
erst  der  Glaube  an  Christus  ihren  wahren  Sinn  gebe.  Dies 
versucht  er  mit  starker  Verwendung  der  allegorisierenden  Me- 
thode, wie  sie  Asterios  beliebt,  im  einzelnen  nachzuweisen  für 
das  Versöhnungs-,  das  Laubhütten-  und  das  Posaunenfest. 
Ersteres  soll  nach  seiner  wunderlichen  Konstruktion  auf  die 
Todesstimde  Jesu  vorausweisen:  der  7.  Monat  bedeute  den  7.  Tag, 
der    10.  Tag   die    10.  Stunde,   in   der  Jesus   verschied.     In   der 


§4  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asteiios  von  Amasea. 

Errichtung  der  Laubhütten  sei  der  Bau  der  Kirche  vorgebildet. 
Unter  den  2!ä?i7Tiyyeg  müßten  die  Posaunen  des  jüngsten  Ge- 
richtes verstanden  werden  (388  B — C).  Mit  derartigen  Um- 
deutungen  spielen  gelegentlich  auch  die  Kappadokier  (vgl.  Greg. 
Nyss.  bei  M46  p.  1128B,  p.  1129B\  Damit  verglichen  erscheint 
aber  die  Manier  unseres  Predigers  als  recht  plump  und  schüler- 
haft; er  und  seine  Gemeinde  stehen  auf  einem  tieferen  geistigen 
Niveau.  Und  vor  allem  unterscheidet  er  sich  von  jenen  durch 
die  klare  Absicht,  den  jüdischen  Festkult  auf  jede  Weise  ver- 
ächtlich zu  machen.  Dieses  Motiv  bietet  einen  weiteren  An- 
haltspunkt für  die  Person  des  A^erfassers.  Seine  Ausführungen 
werden  uns  erst  bei  einem  Blick  auf  ihren  zeitgeschichtlichen 
Hintergrund  verständlich,  wie  ihn  uns  Chrysostomos  in  seinen 
Judenpredigten  aufrollt  (M  48  p.  843  ff.).  Die  Feste  der  starken 
jüdischen  Gemeinde  in  Antiochia  übten  eine  große  Anziehungs- 
kraft auf  die  Christen;  nicht  bloß  solche,  die  mit  Lustbarkeiten 
verbunden  waren  und  der  Schaulust  der  Menge  Nahrung  boten 
wie  das  Posaunenfest  des  jüdischen  Neujahrs,  sondern  auch 
solche,  die,  wie  das  Versöhnungsfest,  zu  strengem  Fasten  riefen, 
hatten  zahlreiche  Teilnehmer  aus  der  Christengemeinde  ^.  Ähn- 
liche Yerirrungen  konnten  auch  in  der  Gemeinde  des  Asterios 
vorkommen,  die  auch  pagane  Feste  gerne  mitfeierte,  wie  die 
Rede  gegen  das  Kaiendenfest  beweist  (vgl.  oben  S.  43).  Da- 
von ist  aber  in  unserer  Predigt  nichts  gesagt:  auch  fehlt  die 
eindringliche  Abmahnung,  die  jene  Rede  beherrscht.  Dem- 
nach scheint  es,  als  ob  der  Prediger  Vorgänge  im  Auge  habe, 
die  er  aus  anderen  Orten  kennt.  Nun  sind  uns  direkte  Be- 
ziehungen des  Asterios  zu  Antiochia  bezeugt:  er  selbst  berichtet 
in  einer  verlorenen,  von  Photios  ausgezogenen  Predigt,  daß  er 
von  dem  Sklaven  eines  antiochenischen  Bürgers,  also  doch  wohl 
in  Antiochia  selbst,  unterrichtet  worden  sei  fPhot.  bibl.  cod.  27 1 , 
vgl.  oben  S.  3).  Kombinieren  wir  dies  Zeugnis  mit  unserer  Beob- 
achtung über  Lihalt  und  Ton  des  bezeichneten  Predigtabschnittes, 
so  ist  die  Annahme  nicht  abzuweisen,  daß  es  Asterios  ist,  der 
hier  redet,  bestimmt  durch  Erinnerungen  an  Selbsterlebtes,  die 
durch  die  Eingangsworte  der  Fastenpredigt  des  Basilios  in  ihm 
geweckt  wurden. 

4.  Im  Zusammenhang  mit  diesen  Beweisen  für  die  Echtheit 
unserer  Rede  gewinnt  eine  Stelle   die  Bedeutung  eines  Selbst- 


1)  üseuer,  Kelig.  Unters.  I,  S.  227  ff. 


über  cl.  Echtheit  d.  chei  nur  d.  Pliotios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       85 

zitatos.  In  der  bereits  erwähnten  Synkrisis  orgreift  der  Pre- 
diger für  die  Psyche  wie  für  ein  mißhandeltes  Weib  Partei 
(HbO  A  'Eyco  röv  vjieg  tfjg  Wv/ijg  Xoyov  noiY\ooi-iai  (bg  yvvaixl 
jnmev(ido)j  oi'i'tjyooi'ay,  iq^'  o7g  a(iiy.eTaOai  /Jyei  xal  xad v ßoiCeadai  \ . 
Seine  Worte  khngen  wie  eine  Anspielung  auf  die  Rede  über 
die  Ehescheidung  <  or.  Y),  wo  das  Weib  gegen  die  unberechtigten 
Anschuldigungen  des  Mannes  in  Schutz  genommen  und  die  treue 
Geduld  einer  schlechtbeliandelten  Gattin  in  ein  helles  Licht 
gesetzt  wird  (bes.  229  D  und  233  A). 

Nach  dem  Ergebnis  der  inneren  Kritik  ist  somit  für  alle 
drei  Reden,  die  Photios  im  Gegensatz  zu  der  sonstigen  Über- 
lieferung dem  Asterios  zuweist,  die  Frage  der  Echtheit  durch- 
aus zu  bejahen.  Das  Urteil  bestätigt  sich  durch  die  P»eobach- 
tung,  daß  die  beiden  durch  die  Überlieferung  unterschiedenen 
Predigtgruppen  auch  in  formaler  Hinsicht  eine  Reihe  charak- 
teristischer Eigentümliclikeiten  gemeinsam  haben.  Indem  wir 
diese  im  folgenden  zusammenstellen,  hoffen  wir  zugleich  damit 
das  Bild  der  asterianischen  Beredsamkeit  nach  dieser  Seite  hin 
abzurunden:  auf  eine  vollständige  Analyse  der  Sprache  und  des 
Stils  müssen  wir  jedoch  verzichten;  eine  solche  könnte  nur  auf 
Grund  genauer  Kejmtnis  der  Überlieferung  vorgenommen  werden 
und  müßte,  da  die  Form  der  Predigt  durch  ihren  Inhalt  und 
ihren  Anlaß  bestimmt  ist,  sorgfältig  zwischen  den  epideiktischen, 
exegetischen  und  paränetischen  Teilen  der  Predigt  des  Asterios 
unterscheiden,  was  im  Rahmen  dieser  Untersuchung  nicht  mög- 
lich ist. 

Die  sprachlichen  Grundsätze  des  Asterios,  von  denen  eine 
Beschreibung  seiner  Praxis  als  Kanzelredner  ausgehen  muß, 
ergeben  sich  teils  aus  seinem  Verhältnis  zur  Rhetorik,  teils  aus 
seiner  Abhängigkeit  von  seinen  heidnischen  Vorgängern,  die  die 
Formen  der  popularphilosophischen  Propaganda  ausgebildet 
haben. 


4.  Kapitel:  Die  Stellung  des  Asterios  zur  paganen  Rhetorik 

und  der  in  Sprache  und  Stil  erkennbare  Diatribencharakter 

seiner  Predigt. 

Wie  die  zeitgenössischen  Kanzelredner  legt  der  Amasener 
Bischof  auf  rednerische  Fertigkeit  o-roßen  Wert.  Dies  beweist 
der  Eifer,  mit  dem  er  sie  an  den  von  ihm  gefeierten  Aposteln 


86  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

und  Märtyrern  hervorhebt:  Petrus  übertraf  in  der  Überredungs- 
kunst sogar  einen  Demosthenes  (269  CD);  Paulus,  ^vie\vohl  ein 
ldidni]g  Ttjg  e^w&er  oocfiag,  beleidigte  nicht  im  geringsten  den  ver- 
wöhnten Geschmack  seiner  Zuhörer  in  Athen  (291^  B  C)^;  ebenso 
machte  Stephanus  auch  als  äieyrog  xai  avToo/JÖtog  g/jxcoo  durch 
sein  Redegeschick  auf  die  Menge  einen  tiefen  Eindruck  (S  344  B  C). 
Aber  indem  der  Prediger  wie  schon  Origines^  diese  Kunst  nicht 
als  Ergebnis  einer  gründlichen  rhetorischen  Schulung,  sondern 
ausdrücklich  im  Gegensatz  dazu  als  Wirkung  des  Geistes  hin- 
stellt, deutet  er  an,  daß  er  von  der  herrschenden  Moderhetorik 
nicht  viel  wissen  will.  In  offener  Invektivc  lehnt  er  denn  auch 
in  seiner  Lobrede  auf  Petrus  und  Paulus  die  Usancen  der  welt- 
lichen Redner  als  Mittel  einer  unwahren  Kunst  ab  (265  B,  vgl. 
dazu  S  344  C).  Daß  er  in  dieser  Stellungnahme  von  den  Kappa- 
dokiern  abhängig  ist,  wm'de  oben  (S.  36  ff.j  dargelegt;  dabei 
ergab  sich  bereits,  daß  er  in  noch  höherem  Maße  als  Basilios, 
dessen  Rede  auf  Mamas  er  benützt,  die  Praxis,  die  er  ver- 
wirft, selbst  befolgt.  Sein  Gerede  dient  also  nur  dazu,  seinen 
Anschluß  an  die  pagane  Redekunst  zu  verdecken;  er  verwendet 
das  alte  artificium,  die  ars  zu  bekämpfen,  um  sich  ihr  zu  er- 
geben. Die  stark  rhetorische  Haltung,  die  gerade  die  erwähnte 
Predigt  in  der  Gestaltung  ihrer  Einleitung  und  in  ihrem  Auf- 
bau zeigt,  ist  ein  lehrreiches  Beispiel  für  diese  Zwiespältigkeit. 
Der  Redner  beginnt  damit,  die  Schwierigkeit  seiner  Auf- 
gabe hervorzuheben;  dies  entspricht  der  Forderung  der  av^i]otg, 
wofür  die  antike  Technik  mehrere  Mittel  angibt.  Das  nächst- 
liegende ist  die  Erhabenheit  des  Gegenstandes  im  Verhältnis 
zur  unzulänglichen  eigenen  Kraft  zu  betonen  (Meuander  jiegl 
ImdeixT.  III.  bei  Spengel  rhet.  gr.  III.  p.  368  h'm^j  rä  jiqooi- 
juia  .  .  .  djio  rijs  av^)]oecog  jiieyedog  Ttegnißelg  jf]  vTio&soei,  öu 
dvo€(piy.Tog  6  Xöyog  nal  y.aß'fjjnäg  ov  gadiov  etc.).  Verdeutlicht 
kann  dies  werden  durch  Beis])iele  mit  dem  Merkmal  der  Un- 
begrenztheit  öjojzeg  jrehlyovg  äriEioov  zoTg  oqßakuoig  jueroor  ovx 
k'on  kaßeiv.  Man  kann  aber  auch  auf  die  Vorgänger  Bezug 
nehmen,    die    trotz  ihrer   unerreichbaren  Kunst  ihrer  Aufgabe 


')  Auch  er  stellt  Paulus  und  Plato  eiuander  gegenüber  und  hebt  die 
bessere  Bildung  des  Aj^ostels  hervor,  ähnlich  wie  es  in  dem  Disput  zwischen 
einem  Heiden  und  Christen  geschieht,  von  dem  Cbrysostonios  berichtet 
(zu  I.  Cor.  ;3,  4,  M.  Gl,  p. '2Tj;  vgl.  Norden,  Die  antike  Kunstprosa  II, 
S.  521  f. 

2)  Contra  Cels.  1,  62;  vgl.  Norden  a.  a.  0  S.  521. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       87 

nicht  vollkoinnuMi  gerecht  wurden.  Von  allen  diesen  Mitteln 
macht  Aöteriüs  gleichzeitig  ausgiebigen  Gebrauch:  er  erinnert 
an  die  Praxis  der  TiQOEdooi  tojv  exxhioiön',  die  sich  ihrer  Auf- 
gabe nicht  gewachsen  fühlten,  wiewohl  sie  es  leichter  hatten 
als  er:  er  zeij^t  dann  die  besonderen  Schwierijjkeiten  seines 
Themas;  trotzdem  will  er  den  Versuch  wagen,  da  mit  Schweigen 
nichts  ausgerichtet  ist;  hier  übernimmt  er  auch  mit  einer  kleinen 
Umbiegung  jenen  Vergleich  vom  Meere  aus  der  rhetorischen 
Technik  (264  B  Ov  juijv  i7TEid)j  liav  vynjP^og  6  }.öyog  xal  övoe- 
q  ly.Toq  ij  tyy/lo)]otg,  rijv  aoyip'  y.al  ä:iQay.Tov  owjTiijv  äyaji)'ioa>f.tev 
ojOTieo  Ol  öeilo\  y.al  äTjeioo&dkarroi  oi  ngög  ju6vi]v  rrjv  öxpiv  rfjg 
üah'iTTtjg  ä.yayoosi'ovTfg  etc.):  schließlich  benützt  er  noch  ein- 
mal die  bereits  verwendete  Form  der  av^)]oig,  indem  er  an  der 
lledekraft  der  Apostelfürsten,  die  er  feiern  will,  die  geringe 
eigene  Begabung  mißt. 

Nach  dieser  Einleitung  reiht  Asterios  das  ganze  Lob  des 
Petrus  an  dem  Faden  der  überlieferten  tö:toi  lyy.coaiaoriyoi  auf: 
er  behandelt  —  zunächst  noch  im  Anschluß  an  seine  Vorlage  — 
das  ysvog,  freilich  in  der  paradoxen  kynischen  Manier,  die 
niedrige  Abkunft  und  die  Armut  zur  Ehre  anzurechnen  (265  B 
bis  26S  B)  — ,  daß  er  damit  nur  der  Forderung  Menanders  jue- 
doöoi  Tivi  y.Qvii'a(  to  äöo^ov  (p.  1^70)  entsprechen  will,  zeigt  am 
deutlichsten  der  Widerspruch,  in  den  er  hinterher  mit  sich 
selbst  gerät  (vgl.  oben  S.  34)  — ,  dann  verbreitet  er  sich  über 
das  övo/iia  (26S  C — 269  A),  hierauf  bespricht  er  ausführlich  die 
.Tod|f/?  und  zwar  unterscheidet  er  mit  deutlicher  Bezeichnung 
der  Übergänge,  die  Menander  ebenfalls  fordert  (p.  372  dei  Tinooi- 
jiitdCeodai  .-reol  ov  jiie/J.eig  ey/eiosTr  etc.)  die  öiöaoy.a/.ia  f 269  A 
bis  269  D)  und  die  Txoay.Tiyj]  dvva/ug  (272A— 273D).  hierauf 
läßt  er  mit  einem  Seitenblick  auf  das  emT)'jdevjua  (276  B—D) 
die  ovyy.gioig  des  Petrus  mit  Gestalten  der  heiligen  Geschichte 
folgen  (277  A  —  C).  dann  führt  er  die  uoerai  auf  (277  D — 2S1  C), 
schildert  den  ddvarog  (28lC  — 2S4D)  und  berührt  kurz  die 
Tiixai  (284  B);  den  Schluß  bildet  die  :zgoo(po)vi]oig  (284  B~i. 

In  dieser  Anlage  des  Enkomions  weicht  Asterios  von  der 
Praxis  der  Kappadokier.  von  der  er  ausgeht,  nicht  unwesentlich 
ab.  Diese  beschränken  sich  in  ihren  Enkomien  meist  auf  ein- 
zelne der  genannten  to.to«,  teils  weil  ihnen  der  Stoff  für  die 
andern  fehlt,  teils  um  zu  theologischen  Fragen  übergehen  zu 
können;  so  verliert  sich  Basilios  in  der  Rede,  die  Asterios  als 
Vorlage  diente,  bei  der  Besprechung  des  eTiiDjdevua  des  Mamas 


88  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

in  eine  christologische  Diskussion.  AVo  sie  aber  eine  strengere 
Technik  befolgen,  halten  sie  sich  gewöhnlich  an  das  etwas  ver- 
änderte Schema  des  y.adaoöv  tyy.coniov  oder  des  köyog  naoa- 
uvd}]Tix6^^.  Asterios  dagegen  schließt,  wie  die  Behandlung 
der  zuletzt  erwähnten  ronoi  des  ßuraiog  und  der  tiqooci  o)v)]oig, 
aber  auch  die  Bezugnalime  auf  die  Praxis,  die  er  ablehnt, 
nämlich  auf  die  Gewohnheit  der  paganen  Redner,  an  den  Gräbern 
zu  sprechen  (265  C  jliutijv  Tolg  TÜcfoig  jigoorfevyovoi  etc.),  be- 
weist, die  Märtyrerrede  an  das  Muster  des  köyog  ijicrdfpiog  an, 
eine  Gattung,  die  auch  als  solche  ebenso  wie  die  der  Trost- 
rede in  der  christlichen  Beredsamkeit  bereits  Eingang  und 
Pflege  gefunden  hatte  2. 

Asterios  kennt  also  das  rhetorische  Schema  genau;  allein 
er  hat  sich  nicht  bloß  in  der  Theorie,  sondern  auch  in  der 
Praxis  davon  freizumachen  versucht.  Schon  im  2.  Teil  der  ge- 
nannten Rede,  der  sich  mit  dem  Lobpreis  des  Paulus  befaßt, 
kehren  von  den  im  1.  Teil  behandelten  Gemeinplätzen  nur  3 
wieder:  die  ovyxoioig  f 269  B — 297  C).  der  ßdvaxog  (297  C  bis 
300  A;  und  die  Tiooocpdwijoig  (300  Bi.  In  den  Enkomien  auf 
die  eigentlichen  Märtyrer  nimmt  dann  naturgemäß  der  ^dvarog 
den  breitesten  Raum  ein.  So  in  der  laudatio  des  Phokas,  wo 
er  den  größeren  ersten  Teil  bildet;  voraus  geht  eine  kurze 
ovyy.oioig  und  das  Lob  der  Tiaroig  und  des  i:TtT}]dei\ua  ^304  CD), 
nachher  werden  ausführlicher  die  evsQyeotm  (308  C  D)  und  die 
Ti^uai  des  Märtyrers  (309  A — 313  C)  behandelt.  In  der  Lobrede 
auf  Stephanus  endlich  hat  neben  dem  ßärazog  nur  noch  die 
ovyxQioig  eine  Stelle  (340B  — 34lC).  Es  kennzeichnet  das  aus- 
gezeichnete Gefühl  des  Asterios  für  die  Kunstform,  wenn  er  im 
Gegensatz  zu  seiner  Vorlage  auf  diesen  roTJog  für  das  Enkomion 
nicht  verzichten  zu  können  glaubt:  Gregor  von  Nyssa  läßt  näm- 
lich in  seiner  Lobrede  auf  Stephanos,  die  Asterios  benützte 
(s.  oben  S.  72 ff.),  das  rhetorische  Schema  völlig  beiseite^.  Doch 
zeigt  auch  bei  Asterios  die  Entwicklung  der  Märtyrerrede  eine 


1)  Meridier  a.  a.  0.  S.  226. 

-)  Vgl.  Bauer,  Die  Trostreden  des  Gregor  von  Xyssa;  Hürth,  De  Gre- 
gorii  Naz.  laudationibus  funebribus;  Meridier  a.  a.  0.  S.  225  ff. 

')  Vgl.  Meridier  a.  a.  0.  S.  228  f.  Ein  Ansatz  zur  avyxgtoig  kann  in 
dem  Vergleich  des  Stephanstages  mit  dem  Geburtsfest  Christi  erblickt 
werden,  der  die  von  Asterios  nachgeahmte  Einleitung  bildet;  Meridier 
sieht  jedoch  darin  eine  av^tjoig. 


über  cl.  Echtheit  tl.  drei  nur  d.  Photios  f.  A&terios  bezeugt.  Reden.       h9 

deutliche  Atniähernng  an  den  /.oyo.;  nryygarfiy.6^,  in  ^Yolchom 
die  zuletzt  genaiuiten  to.toi  längst  heimisch  waren  ^ 

Asterios  hat  aber  noch  andere  Formen  für  die  ^lärtyrcr- 
rede  gefunden,  in  denen  sich  seine  rhetorische  Schulung  eben- 
falls deutlich  abspiegelt.  Sein  iyy.co/nior  f.lg  rovg  uyiov^  <""?" 
Ti'^as  (or.  X^i  gehört  nicht  eigentlich  zur  epideiktischen  Gattung; 
es  ist  vielmehr  eine  Verteidigungsrede,  die  teils  die  y.Ff/ d/.aia 
jeXixd  der  beratenden  Rede  verwendet  —  so  den  Gesichtspunkt 
des  öixniov  (316  C— 317  B),  des  ovuf,eoov  |317C— 320  Ai  und 
des  k'röo^ov  (320B-321  A)  — ,  teils  die  Technik  der  Gerichts- 
rede benützt  —  so  die  Methode  der  doppelten  Widerlegung 
des  Gegners,  indem  man  zuerst  seine  Behauptung  in  Abrede 
stellt  {/.voig  xaz"  ävaxoo7ir]v:  321  D  — 324  A)  und  dann  sein 
Ilauptargument  gegen  ihn  selbst  kehrt  ('/.voig  y.mä  zieovcooTiriv: 
324B-D)2. 

Ein  rhetorisches  Meisterstück  anderer  Art  ist  endlich  seine 
e'y.cfonotg  eh  juagrvotov  t/}^  navevcf/juov  //dorroos  Ev(fi]üiav. 
Diese  vielbewunderte  Beschreibung  verrät  am  stärksten  den 
Einfluß  der  jüngeren  Sophistik,  zu  deren  beliebtesten  Schul- 
theniata  solche  malende  Schilderungen  gehören^.  Asterios  flicht 
sie  sonst  gerne  in  seine  Predigten  ein*,  wie  es  auch  die  Kappa- 
dokier  mit  Vorliebe  tun;  hier  aber  pflegt  er  diese  Kunst  in 
einer  eigenen  Rede.  Wie  er  dabei  beständig  die  bildende 
Kunst  mit  der  redenden  vergleicht  und  die  Wirkungen  von 
\Vort  und  Bild  gegeneinander  abwägt  (346A  — C)\  wie  er  das 
Gemälde  den  besten  Kunstwerken  des  Altertums,  den  Bildern 
eines  Euphranor  und  anderer,  die  die  Kunst  auf  die  Höhe 
führten,  indem  sie  nahezu  belebte  Werke  schufen  >euif>i"/ovg 
ioyaodueroi  ^rt'vay.ag  336  X>.  an  die  Seite  stellt,  wie  er  nament- 
lich den  gewaltigen  Eindruck  zu  schildern  weiß,  den  er  von 
dem  Bild  empfing  —  sein  Anblick  rührte  ihn  zu  Tränen  (337B)'', 

*)  Vgl.  Leo,  Die  grieeh.-röm.  Biographie  S.  149  ff. 

=*)  Vgl.  Volkmanu,  Die  Rhetorik  der  Griechen  und  Römer  S.  242  f. 

')  Über  die  Bedeutung  der  sophistischen  iy.q:oäaei;  von  Schrecknissen 
und  Foltern  für  die  christlichen  Martyrien  vgl.  Norden,  Kunstprosa  II, 
S.  408  f.,  S.  651. 

*)  Die  ey.ffoaoi;  des  Auges  (253  D)  wird  in  der  Stilkritik  des  Photios 
geradezu  zum  Kennzeichen  asteriauischer  Kunst  gemacht;  vgl.  oben  S.  19. 

'")  Derartige  Betrachtungen  sind  auih  in  der  Predigt  der  Kappa- 
dokier  nicht  selten;  vgl.  darüber  K.  Weiß,  Die  Erziehungslehre  der  Kappa- 
dokier,  Strafäb.  theol.  Stud.  V.  3  und  4,  S.  191  ff. 

*)  Das   gleiche  Motiv    begegnet   bei   Gregor   von   Xvssa   in  der  Be- 


<)()  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

—  das  alles  erweist  ihn  als  Meister  in  der  sophistischen  Klein- 
kunst. 

Die  tiefe  Wirkung,  die  das  Gemälde  auf  den  Beschauer 
übt.  beruht  nach  der  Auffassung  des  Asterios  in  erster  Linie 
auf  der  Anschaulichkeit,  mit  welcher  der  Künstler  nicht  bloß 
den  Schmerz  (ib  nd&og)^  sondern  auch  den  Charakter  (tö  rjd-og) 
der  Heldin  in  ihrer  Haltung  zum  Ausdruck  gebracht  hat  (337  AB). 
Damit  nennt  er  ein  Kunstprinzip,  das  seinen  eigenen  Stil  und 
zwar  nicht  bloß  in  der  Charakterschilderung  in  hohem  Maße 
beherrscht.  Dem  Geschmack  der  jüngeren  Sophistik  entsprechend, 
zeigen  auch  die  Kappadokier  das  Bestreben,  den  Grundsatz  der 
iväoyeia  von  der  bildenden  auf  die  redende  Kunst  mehr  und 
mehr  zu  übertragen^.  Bei  Asterios  erklärt  sich  aber  die  starke 
Schätzung  der  Anschauung  mehr  aus  dem  Wesen  und  der  Ab- 
sicht der  Sittenpredigt,  als  die  sich  seine  Beredsamkeit  in  der 
Hauptsache  darstellt,  und  weist  so  auf  einen  andern  geschicht- 
lichen Zusammenhang  hin,  auf  die  Verwandtschaft  dieser  Pre- 
digt mit  dem  popularphilosophischen  Schrifttum  des  Altertums. 

Der  Erfolg  der  Predigt,  die  auf  die  Massen  wirken  will, 
in  der  Absicht,  ihren  Willen  zu  bewegen,  beruht  zum  kleinsten 
Teil  auf  ihrem  Inhalt;  die  gewinnende,  aufrührende  und  packende 
Kraft  geht  vielmehr  von  ihrer  Form  aus.  Mit  genauer  Berech- 
nung ihrer  psychologischen  Wirkung  stellte  man  daher  die 
Kunstmittel  der  epideiktischen  Beredsamkeit  und  das  deklama- 
torische Element  der  Rhetorenschule  in  den  Dienst  der  raoral- 
philosophischen  Propaganda.  So  wurde  besonders  die  evdo- 
yeia,  die  seit  dem  4.  Jahrhundert  zu  den  äoejal  /J^ecog  gehört, 
ein  Hauptgesetz  für  die  Sprache  der  Sittenpredigt;  sowohl 
dem  Auge  als  auch  dem  Ohr  soll  die  Lehre  sinnfällig 
gemacht  werden.  Damit  verbindet  sich  die  Kunst,  den  mora- 
lischen Gedanken  erst  von  dem  Hörer  erraten  oder  erarbeiten 
zu  lassen,  statt  ihn  geklärt  und  fertig  darzubieten.  Der  Sitten- 
prediger fühlt  sich  also  in  stetigem  Gedankenaustausch  mit  dem 
Publikum,  bald  mit  einzelnen,  bald  mit  der  Gesamtheit  der  Zu- 
hörer.   Bisweilen  geht  er  von  dem  Standpunkt  aus,  den  er  bei 


Schreibung  eines  Bildes  von  Isaaks  Opferung:  De  Deitate  Filii  et  S.  Spir. 
M  46  p.  572  C.  Die  Ähnlichkeit  fiel  schon  den  Vätern  des  2.  Nicänums  auf, 
vor  denen  beide  e^tq^gdastg  verlesen  wurden;  Basilios  von  Ancyra  erklärte: 
o  drayvMoßEig  jiazijg  rä  aviä  h'jia^s  rcb  öoiwrärro  rotjyoou;)'  ufiqörsQOi  im 
zaT;  elxöoi  (iaxovwdsig  iysrorzo.  Mansi  Conc.  Coli.  XllI,  S.  9. 
>)  Meridier  a.  a.  0.  S.  277  ff.;  K.  Weiß  a.  a.  0.  S.  191  ff. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Redt-n.       «)1 

ihnen  vormntet  —  insofern  sieh  dieser  in  ihrer  Lcbensfiihiiinji^ 
offenbart,  bihlet  auch  diese  häutig  einen  Ausgangspunkt  — .  um 
sie  langsam  imd  sicher  auf  seine  Meinung  überzuführen.  Öfters 
aber  sucht  er  diese  Beziehung  zu  den  Hörern  dadurch  iierzu- 
stellen,  daß  er  sich  mit  selbstgemachten  Einwäiulen  und  Fragen 
unterbricht  oder  einen  Tnterlokutor  sich  gegenüberstellt  ^ 

Diese  ganze  Technik  der  Heelenleitung  übernahm  mit  den 
Aufgaben  der  antiken  Moralpredigt  die  christliche  Kanzelrede. 
Asterios  verleugnet  allerdings  diesen  Zusammenhang,  indem  er 
öfters  die  einzigartige  Darstellungsweise  der  Bibel  nachdrücklich 
hervorhebt  und  als  vorbildlich  rühmt.  Aber  selbst  in  diesen 
stilkritischen  Bemerkungen,  die  er  bisweilen  einflielien  lälit, 
verrät  er.  was  auch  ein  flüchtiger  Überblick  über  die  Formen 
luid  die  Sprache  seiner  Sittenpredigt  lehrt,  daß  er  weniger  bei 
den  Evangelisten  als  bei  den  heidnischen  Moralisten  in  die 
Schule  gegangen  ist. 

Zumeist  sind  es  die  biblischen  Gleichnisse,  deren  schrift- 
stellerische Form  ihn  nicht  weniger  als  ihr  Inhalt  beschäftigt. 
Seinem  Urteil  über  ihre  Bedeutung  als  Büttel  zur  Gewinnung  der 
anfangs  widerstrebenden  Zuhörer  liegt  der  Maßstab  des  a:iovdn(o- 
ye/.oiov  und  die  Theorie  der  Diatribe  mit  der  genauen  psycholo- 
gischen Bewertung  ihres  epideiktischen  Charakters  zugrunde  (vgl. 
oben  S.  51  u.  S.  75j.  Die  ivdoyeta,  das  stilistische  Hauptgesetz  der 
Diatribe,  sieht  er  in  den  Gleichnissen  am  stärksten  ausgeprägt; 
ihre  anschauliche  Kraft  beruht  hauptsächlich  auf  der  Verwen- 
dung des  Beispiels,  die  in  der  göttlichen  Pädagogik  neben  die 
theoretische  Belehrung  tritt:  1Ü4A  Ov  to2?  äjio(pany.oig  xai 
doyfianxoJg  t^iorov  ßeomojnaoiv  6  Oeog  fjfwn'  xal  2!cot)]o  nai- 
öevH  Tovg  ärßoo'jrcovg,  cöore  juioeTr  y.ay.lav  xal  äyanuv  a.oeTi)v, 
olIao.  xal  ToTg  evagyeot  tcüv  vrcodeiy i^idrojv  oaq^ij  jiaoabiötooi 
rd  T>]s  äyadi]g  Tiohzeiag  jiia&tjjuaxa  etc.  und  177C  AoajuattxMg 
ydo  fjixiv  6  Xoyog  rijv  vovßeoiav  etzI  jiQoocbnoyv  (bgtojuevojv 
i^edsTo,  i'ra  iayi'yoig  xal  d et xtix co g  rraidevüevTeg  etc.  Kommt 
nun  dieser  Wert  schon  dem  fingierten  Beispiel  der  Gleichnis- 
rede zu.  die  hier  als  eine  Art  Prosopopoiie  aufgefaßt  wird  2, 
so  ist  er  erst  recht  anzuerkennen  für  das  wirkliche  Beispiel  der 

1)  Das  hat  G.  Misch,  Die  Geschichte  der  Autobiographie  I  (lf'Ü7), 
S.  220  und  238  schön  ausgeführt. 

-)  Vgl.  Theon  progymu.  e.  10  bei  Walz  ,  Rbet.  gr.  I ,  p.  230  IIoooco- 
STonoiia  EOTi  :rooaojrroi'  rrao£ioayo}y!j  öiaiidEftsvov  AÖyov  oixeiovg  eavTO)  .  .  . 
Kai  i.-zi  ojoiau svior  dk  rzooao'jnoiv  oiov  ziva;  är  sl'rtoi  /.öyov;  Kroog  etc. 


92  Bretz,  Studien  uud  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Geschichte  oder  vielmehr  —  was  für  den  christlichen  Bischof 
damit  gleichbedeutend  ist  —  der  Legende  ^ ;  dieses  hat  sogar 
nach  seiner  Ansicht  den  unbedingten  Vorrang  vor  der  Unter- 
weisung wie  das  Auge  vor  dem  Ohr,  und  die  pädagogische 
Bedeutung  des  guten  Beispiels  ist  einer  der  wirksamsten  Gründe, 
womit  er  ähnlich  wie  Basilios^  die  Verehrung  der  Märtyrer 
stützt:  800  C  Ov  yäo  köyco  rratdevei  uovov  .  .,  äXla  xal  rag 
jrgd^eig  rcov  ßeßiwy.orojv  dodÖK  haoyeig  öiöaGy.ulovg  7iooTuh]oiv  .  . 
'H  yoLQ  koyiy.i]  naidevoig  rT/g  TToay.xiy.fjg  evegyecag  fjjTCOv  y.al  äodev- 
Eoxioa  diddoy.alog'  y.al  öoco  T;)g  äy.ofjg  tj)v  öiptv  äy.oißeoTEoav  eJvai 
cpafxev ,  TOGOvTCp  duofiok6y}]Tai  rov  köyov  tvjv  Tcoä^tr  y.oaiEiv. 
Dieses  Werturteil  über  die  Gleichnis-  und  die  Märtyrerrede  hat 
dann  auch  für  die  Praxis  des  Asterios  programmatische  Be- 
deutung: es  bestimmt  stark  die  Wahl  des  Gegenstandes  seiner 
Predigt;  weitaus  die  meisten  Asteriosreden,  die  wir  kennen, 
sind  entweder  Lobreden  auf  Märtyrer  oder  Auslegungen  von 
Gleichnissen  des  Lukas,   des  „Malers"  unter  den  Evangelisten. 

Auch  innerhalb  der  einzelnen  Predigten  nimmt  die  Ver- 
wendung des  Beispiels  einen  breiten  Raum  ein;  oft  drängt  eins 
das  andere.  Es  erhält  aber  erst  dann  seinen  vollen  Wert,  wenn 
es  sich  als  leuchtendes  Bild  von  einem  dunkeln  Hintergrunde 
abhebt.  Diesen  gewinnt  die  Sittenpredigt,  die  ihrem  Wesen 
nach  Opposition  gegen  die  herrschende  Kultur  ist,  aus  der  Be- 
trachtung des  Lebens.  Auch  Asterios  knüpft  an  die  viel- 
gestaltigen und  wechselnden  Erscheinungen  der  ihn  umgebenden 
Welt  an,  um  daran  sein  Räsonnement  zu  üben.  Deshalb  ist 
seine  Predigt  eigentlich  nur  auf  dem  Boden  seiner  Zeit  ver- 
ständlich und  lebensfähig.  Aber  die  realistische  Ausmalung  der 
Umwelt  sichert  ihr  doch  für  die  Kulturgeschichte  eine  bleibende 
Bedeutung. 

Hier  interessiert  uns  nur  die  Form  seiner  Sittenschilderung. 
In  ihr  zeigt  sich  wieder  seine  vielbewunderte  Kunst  der  l'y.- 
cpQttoig.  Um  den  raffinierten  Luxus  zu  zeichnen,  den  der  Reiche 
in  Kleidung  und  Wohnung,  bei  Tisch  und  im  Spiel  entfaltet, 
reiht  der  Prediger  ein  effektvolles  Bild  an  das  andere  (or.  1). 
In  lebhaften  Szenen  beschreibt  er  das  tolle  Treiben  an  einem 
Neujahrsfest  ''or.  IV;.    Selbst  wo  er  traditionelle  Typen  schildert, 

*)  Gegenüber  den  paganen  M3'then  beobachtet  er  die  von  Basilios 
(M  31,  p.  953  C)  und  Gregor  von  Nyssa  (M  46,  p.  896  C  D)  empfohlene  Vor- 
sicht; vgl.  oben  8.  59  und  Weiß  a.  a.  0.  S.  63  ff. 

2)  Jn  Gordium  M  31,  p.  492  A;  vgl.  Weiß  S.  63. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  l'hotios  f.  Asterios  bezeugt.  Reilon.       <j;{ 

wio  die  Figur  des  Geizhalses  (or.  III)  oder  die  des  trunkenen 
Ehemannes  und  sein  Gegenbild,  das  geduldige,  treue  AV(mI) 
(or.  Vi.  liefert  ihm  das  lieben  und  die  eigene  Erfahrung  die 
Farben  (201  li  olöa  dt  Tiokkor^  tyo).  .  .  .  '232  A  lyror  iyco  yi'- 
vaixa  ,  .  .).  Die  eigentliche  Zeitgeschichte  wird  jedoch  kaum 
berücksichtigt;  auf  die  wenigen  Ereignisse,  die  daraus  erwähnt 
werden,  ist  oben  (S.  3)  hingewiesen  worden. 

Wir  kommen  damit  zu  der  eigentlichen  Beispielbehandlung 
in  der  asterianischen  Predigt.  Wir  rechnen  zu  diesem  beson- 
deren Gebiete  der  irdgyeia  auch  die  zahlreichen  A'orgleiche, 
womit  Asterios  seine  Rede  zu  erläutern,  oft  auch  nur  aus- 
zuschmücken pflegt^-  In  ihrer  Auswahl  verrät  sich  einerseits 
wieder  eine  scharfe  Beobachtung  des  Lebens,  der  Menschen-, 
Tier-  und  Pflanzenwelt-,  andererseits  aber  auch  ein  deut- 
licher EinHuU  des  Schrifttums  der  lieidnischen  Popularphilo- 
sophie.  Für  eine  Reihe  von  Vergleichen  wurde  diese  Her- 
kunft schon  oben  bestimmt  ('S.  56  ff.).  Hier  sei  nur  kurz 
erinnert  an  einige  bei  den  heidnischen  und  den  christlichen 
Moralisten  gleich  beliebte  Gebiete^,  aus  denen  auch  Asterios 
gerne  seine  Bilder  und  Beispiele  nimmt.  Er  nennt  häufig 
die  sog.  rtyvai  ßuvavooi,  den  Beruf  des  yEcogyo^  (293  A, 
P  364  A),  des  dijofvnj?  (228  C.  245  A.  249  C,  305  C),  des  vav- 
jiy.og  (264  B),  auch  den  des  rixrün>  (J395Bj,  des  yscüjueToi]:; 
und  doTQovojiuxog  (301  B);  meist  bewegt  er  sich  aber  auf  dem 
Gebiet  der  Heilkunde  (besonders  in  der  Bezeichnung  der  Laster 
als  voooi  200  CD,  J376D:  der  Seelsorger  als  iütooi  213  B, 
252  C,  P  365  C,  P  35^  AD),  des  Bühnenwesens  (vgl.  S.  5S) 
und  der  Agonistik  {äyojyiori'ig  304  B.  320  D,  P  333  D,  J  377  C: 
Mh]T))g  300  B,  304  B;  ägioTevg  289  C,  304  B;  vixiiT))g  P336A, 
OTeqarhijs  P  336  A:  vgl.  ferner  244  D.  277  C,  321  A;  nach  dem 
Vorgang  des  Nysseners  beschreibt  er  insbesondere  das  Leben 
und  Sterben  des  Stephanus  ganz  im  Bilde  des  oTe(paviT)]g  or.  XH). 
Endlich  fehlen  auch  nicht  die  kynischen  Hinweise  auf  die  Ein- 
fachheit der  Naturvölker,  auf  die  vo/lu aa  ßagßnoiy.d  (wiederholt 
wird  die  Sinnesart  und  die  Lebensweise  der  Skythen  gerühmt: 
313  AB,  J  381  C),  und  auf  das  Vorbild  der  Co^a  uAoya  ^72  A, 
233  D,  236  AD,  J373B).     Dagegen   ist  die  eigenthche  Fabel 

^)  Auf  die  passende  Anwendung  eines  Vergleiches  tut  er  sich  bis- 
weilen nicht  wenig  zu  gute:  vgl.  208  C.  245  A. 

•-)  Vgl.  dazu  jetzt  M.  Schmid  a.  a.  0.  S.  24  ff. 
»)  Vgl.  Meridier  a.  a.  0.  S.  117  ff. 


94  Bretz,  Studien  uucl  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

nur  mit  wenigen  Beispielen  vertreten  (I97C,  J3S8A);  offenbar 
empfindet  sie  der  Redner  als  rein  paganes  und  unwahres  Ele- 
ment und  vermeidet  sie  deshalb,  wiewohl  sie  zu  seiner  Art, 
lebendig  und  anschaulich  zu  reden,  gut  passen  würde. 

Unter  den  sonstigen  Mitteln  der  Diatribe,  die  Asterios  an- 
wendet, um  seine  Hörer  zu  packen  und  mit  fortzureißen,  fallen 
einige  Formen  der  Prosopopoiie  auf^  Er  redet  nicht  nur  sehr 
oft  die  anwesenden,  sondern  häufig  auch  abwesende,  der  Ver- 
gangenheit angehörende  Personen  an,  auf  die  seine  Rede  ihn 
führt,  indem  er  meist  plötzlich,  bisweilen  auch  mit  einem  über- 
leitenden Zusatz,  die  3.  Person  mit  der  2.  vertauscht  und  aus 
der  Erzählung  in  unmittelbare  Paränese  oder  Polemik,  in  direkte 
Anklage  oder  Frage  übergeht.  So  wendet  er  sich  gegen  die 
lüsternen  Alten  in  der  Daniel  und  Susanna-Geschichte  (244  AB), 
gegen  die  Feinde  Jesu  (252  A  Jio  y.al  y.exgu^ojum  jtooi;  rovg 
'Eßgaiovg  cog  Jiagovrag  o/]juf.qov  „ßdllere,  jniagoi,  Ußoig  rov  ev- 
egyhi^v",  ebenso  257  C,  26U  C,  324  D),  gegen  ihre  Nachkommen 
(J  385  D),  an  den  Evangelisten  (173  C  Eijre  roivvv,  w  ßeojieoie 
Aovxä  —  (bg  Tiagövza  yäg  oe  xal  ögojjuevov  öiaXe^ojiiai  —  did  zi . . . 
äjiey.h'jgcooag ;  \AXXä  oov  rd/a  ovvi}]jiii),  an  die  Heiligen,  beson- 
ders in  der  ovyxgioig  des  Enkomions  (245  D  ''Ävdori]di  ^uoi  Xoitiov, 
d)  juaxdgie  Aavu]l .  .  .,  eItie  . . .  dvdXvoov  . .  öog,  oxfjaov  .  . .,  S  340  C 
xai  jLioi  jui]  äyavaxT)]0}]g,  Ilhgs-  lu)  dyßeo&fjg,  'Idxcoße-  /<>/  dvoye- 
gdv>]g,  'lojdi'vij  .  .,  ferner  S  340  D,  S341  A).  Manchmal  fordert 
er  auch  zur  Entgegnung  oder  zur  Verteidigung  auf  (271  C  £<- 
Tiare  .  .  dors  Xoyov  cbg  i]/i(e7g  229  C  ti  XJ^eig,  eine)  und  läßt  sich 
von  einem  Interlokutor  Einwände  machen,  um  sie  zu  wider- 
legen (204  C  ^i'  de  Ti  To  oov  negag,  eme,  Iva  ovvaydy)]g  — 
„Tegjiei  jue,  (pijoi,  xal  f]  dea"  —  Ovxovv  ixerehJe  etc.,  vgl.  oben 
S.  65;  ferner  232  C  Ti  d'av  el'jioc  Jigog  ravra  6  xrjg  xaxiiyogiag 
vTxevdvvog ;  —  „<l>avXov,  (fr]oi,  xal  jLUOovg  u^iov  rö  f]&og  rrjg 
yvvaixdg  .".  —  "'Eoxoj,  öedöo^o)'^  .  .  ov  de  eine  .  .,  325  C'AXX'  öxav 
TOVTO  äxovoijg,  olda  d  cpgovelg  xal  keyeig'  „Aexxixbg  xäyd)  xa)v 
o/tioicov  .  .".  —  Md/itoxa  juev  ovv  .  .  .  ov  'deXeig,  eine  juot,  aiöe- 
oßf]vai  .  .,  S  349  D  Kai  xvybv  igei  xig'  xd  fiev  .  .  ooi  nerpdooo- 
(prjxai  —  eineiv  xoivvv  dvayxalov  ngog  xbv  xavx^jv  i']inv  dvßvno- 
cpegovxa  xtjv   öidvoiav  oxr  c5  oocpcbxaxe  .  .).    Solche  Partieen,    m 


')  Vgl.  Volkmann  a.  a.  0.  S.  280,  312,  491  iF. 

-)  Bei  Migne  Sidöo&oj;  die  Formel  earo),  dsSöaOo)  bezeugt  aber  Gregor 
von  Nyssa,  de  j)aui).  am.  M  46,  p.  460  B. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Arteriös  bezeugt.  Reden.       9,"» 

(Ionen  die  Predigt  in  den  reinen  Diuluf;-  übergelit,  erwecken  den 
Eindruck  eines  aktuell  verlaufenden  Denkprozosses  und  veran- 
lassen den  Hörer,  daran  teilzunehmen. 

Noch  wirkungsvoller  ist  jene  Form  der  Piosoj)oiie,  in 
welcher  leblose  Dinge  als  Personen  gedacht  und  dargestellt 
werden.  Auch  dieses  Kunstniittel,  das  sich  in  der  kynischen 
Schriftstellerei  großer  Beliebtiieit  erfreute,  verwendet  Astcrios 
mit  sicherem  Gefühl  für  seine  anschauliche  Kraft.  So  personi- 
fiziert er  die  Sinne  des  Menschen  (185  A  f.)  und  absti'akte  Be- 
griffe wie  Xoyog  (169  D,  257  D),  TieToa  (181  B),  loyio^iö^  (200  D), 
fj^sga  (220  D),  '/q6vo^  (224  A).  fivi'jio]  (301  A)  u.  a.,  mit  Vor- 
liebe aber  Tugenden  und  Laster  (P  368  C— D).  Als  stilistisches 
Vorbild  nennt  freilich  der  Christ  nicht  die  heidnische  Moral- 
predigt, sondern  wieder  die  l)iblischen  Schriften:  die  Kunst 
Salomons  will  er  nachahmen  (261  B  "Er  y.aioco  d'uv  rov  Zoko- 
fuovxa  I^r)kd)oaiiJ.i  rfjg  rov  loyov  jU£TaysiQi]oeojg '  y.al  yäg  exelvog 
oi\ußov?<.eva)v  To7g  veoig  äoq'alc~)g  envzovg  djid  twv  Tiaytdon'  Tfjg 
nxokaoiag  xi^gdv,  iva  ÖQaorijOiov  y.al  h'eoyT]  iavrov  vordeolav 
eQydoijtai ,  ti  Qoooinonoiel  Ti]v  uyolaoiav  eig  yvvaly.a  y.areyvo)- 
o/.ievt]V  jiäoav  de  ti]v  xay.iav  avrrjg  oT}]hrev(jL)v,  ovrcog  jidoovg  d^iav 
uTiocpaivEi  xoig  deXeaCo/nevoig).  Merkwürdigerweise  macht  er  aber 
in  eben  der  Rede,  wo  er  dieses  Kunstmittel  lobt,  davon  keinen 
Gebrauch.  Dagegen  haben  wir  ein  genaues  Beispiel  für  diese 
Technik  in  dem  Traktat  xaTo.  zrleove^iag  bereits  kennen  gelernt, 
wo  die  personifizierte  Uhov^^ia  als  verführerische  haioig  ge- 
schildert, vor  einem  bestellten  Richterkollegium  angeklagt  und 
verurteilt  wird  (197  A.  209  B,  212BC;  vgl.  oben  S.  58,  S.  67ff.). 

Käme  in  diesem  Prozeli  das  angeklagte  Laster  selbst  zum 
Wort,  so  hätten  wir  eine  Form  jener  Personifikationsart,  die 
man  als  ovyy.oioig  bezeichnet.  Auch  diese  ist  bei  Asterios  ver- 
treten und  fordert  als  ein  seltenes  Beispiel  dieser  Art  in  der 
christlichen  Literatur  des  ausgehenden  Altertums  eine  besondere 
Beachtung.  Man  hat  nämlich  wohl  die  wichtigsten  Erscheinungs- 
formen der  Synkrisis  in  der  antik-heidnischen  Literatur  fest- 
gestellt^ und  dann  wieder  ihre  Entwicklung  im  Mittelalter  ver- 
folgt, wo  sie  in  den  bekannten  certamina  und  Streitgedichten 


')  0.  Hense,  Die  Synkrisis  in  der  antiken  Literatur.  Freiburg  i.  B. 
1893.  Dazu  liefert  jetzt  einige  Ergänzungen  M.  C.  Waites,  Some  Feature.< 
of  the  Allegorical  Debate  in  Greek  Literatur,  Harvard  Studies  XXII I 
(1912). 


96  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

lateinisch  und  deutsch  mit  großem  Eifer  kultiviert  erscheint i, 
aber  für  den  Übergang  zum  Mittelalter,  den  man  sich  durch 
die  altchristliche  Literatur  vermittelt  denken  mnß.  fehlen  noch 
vielfach  die  Belege. 

Das  Christentum  bemächtigte  sich  früh  dieser  Darstellungs- 
form. Die  prodikeische  Fabel  mit  ihrer  ovyxoioig  zwischen 
"Aoer/]  vmd  Kaxia  ist  schon  bei  Klemens  von  Alexandrien  (Pae- 
dagog.  II,  §  110,  p.  236  P)  benützt-.  Als  später  die  Frage  nach 
den  beiden  Personen  in  Christo  und  im  Zusammenhang  damit 
diejenige  nach  der  Natur  des  Menschen  die  führenden  Geister 
beschäftigte,  bot  sich  in  der  Synkrisis  die  geeignetste  Form 
zum  plastischen  Ausdruck  der  dualistischen  Anthropologie  dar. 
So  begegnet  sie  uns  bei  Asterios  in  der  Fastenpredigt:  als 
Streitgespräch  zwischen  Leib  und  Seele.  Doch  hat  nicht  etwa 
der  christliche  Bischof  zuerst  diese  Ausdrucksform  für  ein  Pro- 
blem der  zeitgenössischen  Theologie  gefunden;  sie  ist  vielmehr 
so  alt  wie  dieses  selbst.  Schon  Demokrit  hat  außer  einem 
Rechtstreit  zwischen  Sinnen  vmd  Verstand  einen  förmlichen  Pro- 
zeß zwischen  Leib  und  Seele  mit  Andeutung  der  Rolle  des 
SiyMOTi'jg,  die  er  selbst  übernimmt^,  dargestellt.  Zweifellos  ist 
dies  Streitgespräch,  das  an  Alter  dem  prodikeischen  gleich- 
kommt, das  Prototyp  für  die  asterianische  Synkrisis,  wie  ja  die 
Fastenpredigt,  in  der  es  enthalten  ist,  auch  eine  Reihe  treffender 
Bilder  demokritischer  Herkunft  aufweist  (vgl.  oben  S.  84).  Das 
Motiv  ist  freilich  etwas  verändert.  Bei  Demokrit  geht  nämlich  die 
Anklage  vom  Leibe  aus  und  führt  zu  einer  Yerurteilung  der  Seele 
wegen  Yernachlässio-ung  des  Leibes.  Die  umcrekehrte  Behand- 
lung  des  Falles  bei  Asterios  hat  aber  auch  schon  in  der  antiken 


*)  H.  .Tantzen,  Geschichte  des  deutschen  Streitgedichtes  im  Mittel- 
alter, Üeiman.  Abhandl.  XIII  (1896). 

-)  Vgl.  auch  Basil.  de  legend,  libr.  gent.  c.  4,  M  31,  p.  572  A. 

^)  Fr.  22  bei  Plut.  Auimiue  an  corporis  aftect.  sint  peiores  c.  2  (Moral. 
VII,  p.  3  Bern. )"Eo IX s  nalaid  rig  avz?}  tw  oiöf^aTi  diadixaoia  :rcg6g  Ttjv  yv/ip' 
jT£gt  zcöv  :iaßü>v  slrai.  Kai  Aij/nöngnog  fiev  im  rijv  yv/i/v  ävaqsgojv  rijr 
icaHoÖaif(oviav  y/iöjv,  (pi]oiv ,  ei  xov  ocofiaiog  avif]  öiy.rjr  /.a/^övrog ,  cor  craga 
nävza  zov  ßiov  codvrrjzai  xal  xaxiög  ::tE:rcovd e%' ,  avzog  ysroizo  xov  iyx/.i'jfiazog 
dixaozyg ,  ydscog  äv  xataxj'rjcpLoao&ai  zrjg  yv^ijs  Iqj^olg  ra  /hev  d:zoj?.EOE  zov 
ocöfiazog  xaig  dfiE^Eiaig  xal  e^e/.voe  xalg  fiidaig,  xd  dk  xaxiq^&Eigs  xal  diEOjraoE 
xdig  q)i}.rjboviaig  üotieq  ogyarov  xirog  y  oxEvovg  xaxcög  E^ovrog  tov  y^Qci)f.ievcyv 
u(pEi8ojg  alztaGÜfiEvog.  Vgl.  Natorp  a.  a.  0  S.  8  und  S.  96  Anm.  Als  og- 
yarov und  oxFvog  wird  auch  bei  Asterios  der  Leib  bezeichnet  (380  A). 


über  d.  Echtheit  d.  drei  mir  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       97 

liitoratur  ein  Vorbild.  Plutaroli,  der  uns  die  diMnidcritisclic 
Synkrisis  überliefert,  weist  dabei  auf  die  Umbildung  hin,  die 
Theoplirast  daran  vornahm,  indem  er  der  Seele  das  größere 
Recht  zuspricht,  sich  über  den  Leib  zu  beklagen^.  Damit 
ändert  sich  auch  die  Stellung,  die  der  Darsteller  selbst  zu  den 
(iesprächspartnern  des  Prozesses  einnimmt:  aus  einem  Richter 
wird  er  zu  einem  Verteidiger  der  Seele,  eine  Entwicklung,  die 
bereits  bei  Theophrast  angedeutet  ist  und  von  Plutarch  selbst 
in  seiner  Abhandlung  über  die  Affekte,  welcher  er  die  Bezeich- 
nung uyiöv  gibt,  vollzogen  wurde"-. 

Daß  auch  die  gewöhnliche  Form,  die  der  ewige  "Wider- 
streit zwischen  den  in  der  menschlichen  Xatur  vereinigten  Gegen- 
sätzen in  seiner  literarischen  Gestaltung  annimmt,  nämlich  die 
Vorstellung  eines  wirklichen  Kampfes  die  eigentliche  Synkrisis 
gelegentlich  beeinflußt,  ist  leicht  verständlich.  Mit  der  asteria- 
nischen  Darstellung  zeigt  namentlich  das  berühmte  autobiogra- 
])hische  Gedicht,  in  welchem  Gregor  von  Xazianz  der  starken 
Spannung  seines  Seelenlebens,  dem  Kampfe  zwischen  Leib  und 
Geist,  w^e  ihn  Paulus  Rom  7, 23  beschreibt,  einen  geradezu 
ergreifenden  Ausdruck  gegeben  hat,  eine  große  Äimlichkeit 
(MPG  37.  p.  I353fl').  Dieser  doi]vog,  dem  zur  vollen  Form  der 
Synkrisis  nur  fehlt,  daß  beide  Parteien  in  einem  Wechsel- 
gespräcli  einander  gegenübertreten,  hat  folgenden  Aufbau:  Als 
Ursache  des  Streites  wird  zunächst  die  Tatsache  beklagt,  daß 
der  Mensch  aus  zwei  einander  widerstrebenden  Elementen  zu- 
sammengesetzt ist  (^v.  62  -TWs  d'i/.acfoco  :Trei\iiaTi  ochiia  iiiyi]; 
I  ovd'  ö?.og  eiul  röog,  y.adao)]  (pvoig,  ovre  yeoeion'  yovg  ö/.og,  in 
d'  af.icfOiv  a'/./o  ti  xäuqöreoov.  j  rovvey.a  y.al  rco/Jaoio  q:eo(0  yJ.6- 
vov  aiEv  ürravoTOv  /  oaoy.dg  y.al  y.'vyjjg  ävriy.ade^ouevcov.  Dann 
folgt  die  in  der  Synkrisis  stehende  Abschilderung  der  Gegner 
in  genauer  Gegenüberstellung  der  einzelnen  Züge  (j.  71  ö'.).  Im 
Verlauf  des  Kampfes  tritt  eine  neue  Person  hinzu,  die  den 
Streit  überwacht   und   dem   besseren   Element    hilft    (v.  S9  ff.). 

^)  Plut,  a.  a.  0  C.  2  Osöq  oaoTo;  dk  Toivavxior  eq  >]  riö  ocoiiaTi  .to/./.oü 
Ttjv  yvyijv  eroixeTv  ö/.iyov  yoörov  ßaoei;  /<töi?oiv  v:TOTe'/.ovoar,  lä;  /.i'.Ta^  roiv 
(fößovg  rd,  i.Tidvfita;  la;  Cfi^-OTV.iiag,  ai;  ovuq-eooust-tj  nsoi  rö  ocötia  d'iy.atö- 
Teoor  äv  avTio  öty.d-^oizo  .Tt)0(ooecov  cb%'  i.-ri/.dhjOTat ,  xal  ßtaicov  iy'  ot; 
y.azs/STai,  xai  vßoecov  wv  ddo^sT  y.al  /.oibooslrai ,  riöv  ty.et'rov  avabeyoiiir}} 
tÜ;    ahiag   ov  :TOOorjy.6x'royg. 

-)  Plut.  a  a.  0,  c.  3  'Aytoviaxiov  ovv  v.-ikg  Ttj;  d/.rj&Eiag'  y.a'/.o;  yäo  6 
dyu>v  y.al  rij  y^'v/Jj  ^Üvtcd;  yot'iotfxog,  ei  fih'  oi'x  alTt};  rä  .^d^^/  (faiverai, 
siQo;  d:io/.oy i'ar ,  sl  <5'  avrfig,  .Tgöj  d7ta/.?.ay>]v. 

T.  u.  U.  '13:  Bretz.  7 


98  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Auiasea. 

Aber  der  Kampf  wogt  weiter  hin  und  her,  bis  vom  Dichter 
der  Herr  als  Schiedsrichter  angerufen  wird  (v.  113  Aiooofx  vTieg 
y<v'/}~]g  xai  ocöfiaTog  d/ufporegoioiv  f  ei\aev(bg  diy.doai  xal  Jio/.ejuoi' 
oxeddoai). 

Auch  bei  Asterios  ist  der  Streit  vorbereitet  durch  die  vor- 
ausgehenden ethisch  -  physiologischen  Betrachtungen  über  die 
Doppelnatur  des  Menschen,  mit  denen  die  Predigt  beginnt 
(369  D  ff.  ^Jvv&ETOv  CöJov  6  uvßQwnog  ajib  odotxarog  (paivo^evov 
xal  Ti]g  Äoyixfjg  xal  uomi^iÜtov  yvyfjg  etc.).  Sie  münden  aus  in  die 
Forderung,  die  Quadragesimalfasten  uneingeschränkt  zu  halten, 
worauf  das  bessere  Ich  im  Menschen  vollen  Anspruch  habe.  Um 
dies  den  Zuhörern  noch  einmal  in  plastischer  Klarheit  vor  Augen 
zu  führen,  greift  der  Prediger  zu  dem  Mittel  der  Synkrisis.  Es  ist 
noch  deutlich  zu  erkennen,  wie  er  dazu  durch  seine  Vorlage,  die 
erste  Fastenpredigt  des  Basilios  (vgl.  oben  S.  82 ff.),  angeregt 
wurde.  Dort  gebietet  der  Prediger  dem  gewöhnlichen  Treiben 
der  Menschen,  die  in  der  Sorge  für  den  Leib  ganz  aufgehen 
und  mit  Braten  und  Backen  nicht  mehr  fertig  werden,  Einhalt 
für  die  Fastenzeit;  diese  stellt  er  dann  mit  Verwendung  der 
bekannten  Fabel  des  Menenius  Agrippa  vom  Streit  des  Magens 
mit  den  Gliedern  als  Waffenstillstand  zwischen  dem  Ziöfxa  und 
der  raoTTiQ  dar,  die  sonst  als  unerbittliche  Herrin  das  ganze 
Haus  in  geräuschvoller  Unruhe  hält  (M  31,  p.  176  A  "Hov^drco 
710TE  6  olxog  äjio  Tcov  fxvQtcov  doQvßüiv  xal  rov  xanvov  xal  zfjg 
xrioorjg  xal  rcöv  ävo)  xal  xdro)  öiaxQe/övTMV  xal  olovel  dnagai- 
Ti'jTCp  deojioivi]  T}~j  raotgl  leirovoyovvraiv  .  .  .  Aozco  xivd  exeyeL- 
Qiav  xal  ■))  raorijo  tm  ^^TOjuart ,  oneiodo^oi  i]juTv  Jiev&ijjueQovg 
öjiovdäg  ))  del  dnanovoa  etc.)  Genau  im  gleichen  Zusammen- 
hang erscheint  bei  Asterios  der  Agon  zwischen  Leib  und  Seele: 
377  C  M'i]  Ivjiov ,  oxL  oov  äno  nQwxrjg  djgag  f]  olxla  ov  xanvi- 
Cezai  ovÖE  6  judyeigog  eoxrjxe  Tigog  xö  tcvq.  Xdgioai  xi  xal  yv/Jh 
jui]  jidvxa  x(7)  oco/uaxi  etc.  Im  Verlauf  des  Streitgesprächs  wird 
dann  die  Seele  im  deutlichen  Gegensatz  zu  der  Faoxijo  des 
Basilios  als  ev7ieidi)g  xov  öeojioxov  öovh]  gezeichnet,  die  nicht 
einmal  das  für  sich  fordert,  was  ihr  ihrem  höheren  Werte  ge- 
mäß zukommt. 

Die  Synkrisis  setzt  aber  nicht  sofort  ein,  sondern  wird  lang- 
sam aus  dem  ihr  zugrunde  liegenden  Problem  entwickelt.  Um  die 
im  Menschen  vereinigten  Gegensätze  zu  versöhnen,  soll  versucht 
werden,  die  Ansprüche  des  Leibes  und  der  Seele  so  gegeneinander 
abzugrenzen,    daß   keine   Partei   zu    kurz    kommt  (377  D  'AXX*^ 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.       *)\) 

i:7eid)j  tu.  ovo  äkXi'iXoig  ovvEl^Evy.zai  y.ni  xd  nolh  y.f/iooioiuva 
y.QTO.  T)jv  (fvoiv  T/y  Tot'  .Jijfiiorgyov  ovvedeü)]  Jigovotq  xal  Tfp'fj, 
ßovXevocojiied^a ,  Öjt(o<;  äv  djiKpÖTega  öiayevoiro  xö)v  xaTakXr}Xo)v 
Pxaoxov  yoeion'  fuj  oreQovfihcov).  Es  soll  dabei  nicht  einmal 
der  Vorrang  der  Seele  in  Betracht  gezogen  werden  CEx  rwy 
ovo  ovveoTijxag ,  uy&gtojie,  xal  oicotiöj  recog,  6n  nokh  tiqotijuo- 
regov  ?/  i/'vxV  ^'^*  jigoot~jxei'  ixeivt]  vsjueiv  rrjg  evvoiag  ro  nleov). 
Der  Hörer  möge  selbst  entscheiden  (Aixaoov  de  äficpoxegoig  (hg 
/.oyixdg  xal  ei'yvv)jii(or).  Erst  mit  dieser  an  die  zuletzt  zitierte 
Gregorstelle  anklingenden  Einladung  nimmt  die  Predigt  die 
eigentliche  Form  des  Synkrisis  an;  im  Augenblick  ist  vor  dem 
Forum  der  Zuhörer  der  Prozeß  inszeniert,  der  Prediger  über- 
nimmt selbst  die  Rolle  des  Verteidigers  der  personifizierten,  als 
mißhandeltes  Weib  erscheinenden  Wv/y  (3S0  D  'Avdoyov  dk 
fuxQov,  xal  ei  ßovhj&fjg,  iyd)  xbv  vTxeg  xijg  Wv^ys  Xoyov  jiou)oo- 
iiai  (hg  yvvaixl  Tnoxevodoi]  ovv)]yogiav,  iq?'  oig  ädixelodai  Myei 
xal  xadvßgiCeodai).  Als  ovv))yogog  beginnt  er  nun  das  Wesen 
und  die  Vorzüge  der  Klientin  ins  rechte  Licht  zu  setzen  (Avxi] 
xoivvv  eoxlv  legd  xal  docojiiarog,  dßdvaxog  xal  dvcoXe&gog,  ov  ngog 
yfjv  xal  xd  rfjde,  d?dd  -toos  ??6ov  e/ovoa  xyv  ovyyeveiav.  Ka&agd 
de  oi'oa  x'^'-Q^'-  ^o7g  xadagoTg  xal  uvXov  e/ovoa  xyv  yeveoiv  cpev- 
yei  rdg  vX.ag.  IJXJjv  emiöi]  ngooexdyd)]  xd  tx  yijg  /.logq^co&ev 
Gxevog  olxovojueiv  cbg  ev7TStß^i]g  xov  Aeonoxov  öovXy  xco  jii]X.cp 
TigooEÖgevei  xal  xfjg  (pvXaxrjg  Eyerai  xal  xrjg  sn  avxco  jxgovoiag, 
aeygig  dv  eXMjj  jzgooxayjiia  xov  ywgio^uör  ETingenov).  Hierauf 
hebt  er  noch  einmal  den  eigentlichen  Konflikt  hervor  (Tavxyv 
[MV  ovv  xrjv  rö  ocöjua  Coojioiovoav  dvivi]OLv  i)  dnoyj]  tojv  ßgco- 
judxcov,  xco  yrjiVM  xs  ögydvro  fj  xow  oixicov  djToXavoig).  Auch  den 
Verzicht  der  Seele  auf  die  ihrem  Wesen  nach  ihr  zukommen- 
den Vorrechte  erwähnt  er  (ovdhv  C'^xeT  txXeov  cbg  xgEixxcov)  und 
deutet  damit  auf  das  in  der  Synkrisis  beliebte  Gesetz  der  Stei- 
gerung hin,  nach  welchem  die  nun  beginnende  Rede  der  Seele 
angelegt  ist:  sie  will  zunächst  nur  den  gleichen  Anteil  an  der 
Herrschaft  über  den  Menschen  wie  der  Leib  und  fordert  daher 
die  eine  Hälfte  des  Jahres  für  sich  (MegiGÖv  jlioi,  (prjoi,  xov 
Eviavxov  xbv  ygovov,  öog  xovg  e^  jurjvag  xco  xvßEgvcouEvco  xal 
xovg  X.EiTiojLih'ovg  xco  xvߣgv)']x)]).  In  diesem  billigen  Verlangen 
ist  sie  der  Zustimmung  eines  jeden  unparteiischen  dixaox)']g  ge- 
wiß (Jixata  fj  ai'xtjoig  xal  ovÖElg  ovxco  ffiXoocduaxog  EXEgoggEnyg 
()txaox)'jg,  cbg  jiu)  xoTg  XEyoaevoig  E7zni'7jq?ioai).  Sie  macht  aber 
noch  weitere  Zugeständnisse:  nicht  ganz  zwei  Monate,  nur  die 

7* 


]  00  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

Fastenzeit  beansprucht  sie  für  sich  CEyd)  6e  y.al  v7ieoßo)J]v  tioi- 
Yjoo/uai,  ovy.  avxkyoiiai  tj)?  looiioiqiaq.  2^vyyMTaßalvoj  rfj  äode- 
veia  Tov  2!c6^arog.  ^A(pu]jui  rovg  dexa  jnfjvag  tm  2!djixazi  y.al 
juixQOv  Tl.  UgooyaQiododoj  TeoGaQay.ooTr]v  ävvßgiOTOV,  Iva  juixqov 
djta/dayä)  tov  ßogßögov  tov  j11]?>.ov  t?)  eyy.oaTeia  yjvyivTog).  Mit 
einer  Wendung  zu  den  Anwesenden  beruft  sie  sich  für  die 
Billigkeit  ihres  Anspruches  auf  das  Urteil  von  Gott  und  Menschen 
(Tama,  o)  Xgionavoi,  diy.aid  re  y.al  ävavTtOQi^Ta,  xäv  'dsog  di- 
y.d^f]  xäv  ävdooiTtog).  Dann  bittet  sie  den  Schiedsrichter  um 
seinen  Rechtsspruch  (xa\  oh  de  juoi,  6  diy.aoTijg,  ln:iyn'j(ftoov  — 
iv  xaiocö  ya.Q  Jiaoeyavov  —  df.irf(oßi]TOvo'j]  Tfj  ^Pv/f]  Trqög  t6 
Zcbfxa)  ^  doch  kommt  dieser  nicht  zu  Wort,  sondern  die  Seele 
folgert  selbst  das  Urteil  aus  dem  Gesagten  und  spricht  es  in 
Form  einer  Ermahnung  aus  ("Ävele  toivvv  aoi,  6  Xoionavog,  Trjv 
yöv^dßsiav  cbg  jLisigaxtojö]]).  So  geht  ihre  Rede  plötzlich  in 
eine  Paränese  über,  die  man  sich  anfänglich  sehr  wohl  noch 
von  ihr  gesprochen  denken  kann  —  die  Wendung  iovdgiöj  ngog 
Tijv  xaTi'j(peiav  ist  wenigstens  im  Munde  der  Seele,  die  als  miß- 
achtete Frau  redet,  ungleich  wirkungsvoller  als  in  dem  des 
Predigers  — ;  aber  bald  biegt  sie  unvermerkt  in  dessen  Rede 
zurück. 

Daß  die  hier  vorliegende  Form  der  Synkrisis  stark  ver- 
kürzt ist,  ist  auf  den  ersten  Blick  klar:  es  fehlen  ganze  Teile 
wie  die  Abschilderung  des  Leibes,  die  höchstens  in  der  Art 
wie  die  Seele  negativ  charakterisiert  wird,  angedeutet  ist,  ferner 
die  Gegenrede  des  Angeklagten  und  schließlich  der  Urteils- 
spruch des  Schiedsrichters.  Andererseits  ist  das  Sprecherpersonal 
durch  Einführung  des  avv}]yooog  gegenüber  den  sonst  bekannten 
Erscheinungen  der  Synkrisis'^  erweitert,  eine  Xeuerung,  die  bei 


')  Hier  schließt  sich  die  Form  der  Synkrisis  an  die  Technik  des 
Carmen  amoebaeum  an,  von  dem  sie  manche  Beeinflussung  erfahren  haben 
mag  und  sogar  einmal  den  Namen  [Td/toißeTa  für  die  Synkrisis  des  Kle- 
anthes  bei  Galen  de  plac.  Hippocr.  et  Plat.  476)  übernimmt;  vgl.  den 
Eingang  der  Svyy.giaig  Bio»'  des  Gregor  von  Nazianz  bei  MPG  37,  p.  649 
Kgiraig  av  rffäv ,  c5  ^eve  etc.  mit  Theoer.  V  61  fi. :  xig  äfi/iiE,  zis  hoiveT ; 
.  .  lio  ^EVE,  i-iixxov  axovoov  rfjb'  Evdo'ir  oder  mit  Vergil  eclog.  III,  50  audiat 
haec  tantum  .  .  vel  qui  venit  ecce  Palaemon. 

^)  Ein  Ansatz  zu  dieser  Entwicklung  ist  bei  Plutarch  und  iu  dem 
■&Qt]vog  des  Gregor  von  Nazianz,  noch  deutlicher  in  dem  ausgebildeten 
Streitgespräch  zwischen  Lorbeer-  und  Ölbaum  zu  erkennen,  das  uns  vor 
kurzem  in  den  neugefundenen  , .Jamben"  des  Kallimachos  geschenkt  wurde 
(Oxyrrh.  Pap.  part  YII,  pjii-.iiit— t^jlDiels,  lutöi-nat.  Wocheuschr.  1910 


//fiC  ARV 


über  cl.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Photios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.      \  ()  | 

Asterios  gut  motiviert  ist:  der  Grundzug  im  Wesen  der  Seele 
ist  Bescheidenheit,  ooicfooovvr].  Damit  wäre  es  unvereinbar, 
wenn  sie  nach  überliefertem  Muster  ihre  Vorzüge  selbst  rühmen 
würde.  Für  diese  Aufgabe  mußte  eine  neue  Person  geschaffen 
werden.  Doch  hat  die  Synkrisis  durch  diese  äußere  Bereiche- 
rung zweifellos  an  Tjebenskraft  und  innerer  Dramatik  einge- 
büßt: bedeutet  schon  die  Einführung  des  Schiedsrichters  eine 
Abschwächung  ihres  Grundelementes,  des  Agon,  so  gilt  dies 
erst  recht  für  die  Rolle  des  Verteidigers,  der  dem  angegriffenen 
Teil  die  Aufgabe,  sich  zu  verteidigen  und  seine  Überlegenheit 
geltend  zu  machen,  abnimmt^. 

Eine  so  stark  poetische  Darstellungsweise  wie  die  Syn- 
krisis tritt  in  der  Sittenpredigt  in  der  Regel  nur  da  auf,  wo 
die  Herbheit  ihrer  Forderungen  sie  dazu  zwingt,  ihnen  ein  ge- 
fälliges Gewand  zu  geben;  in  dieser  anziehenden  Form  läßt 
sich  jeder  auch  das  strengste  Fastengebot  vorhalten.  Daneben 
verzichtet  aber  Asterios  durchaus  nicht  auf  die  einfachen  Mittel 
der  rhetorischen  Technik,  um  seiner  Rede  anschauliche  Leben- 
digkeit und  eindringliche  Kraft  zu  geben  ^.  Unter  den  Figuren, 
die  diesem  Zwecke  dienen,  ist  vor  allem  die  Anapher  zu  nennen, 
die  Asterios  oft  bis  zum  Überdruß  verwendet;  sie  kommt  nicht 
bloß  zweifach  (240  A  uxovoov,  S  341  B  lißoi?)^  dreifach  (313  0 

Nr.  32).  Dort  überläßt  der  Ölbaum  in  vornehmer  Bescheidenheit  die  An- 
preisung seiner  Vorzüge  den  Vögeln,  so  jedoch,  daß  er  selbst  ihr  Lied 
zitiert. 

^)  Auf  diesem  Wege  ist  denn  auch  die  Entwicklung  der  Synkrisis 
nicht  weiter  gegangen;  dies  läßt  sich  gerade  au  dem  von  Asterios  be- 
handelten Gegenstand  verfolgen.  Am  Ausgang  des  Mittelalters  hat  den 
Streit  zwischen  Leib  und  Seele  der  PJrzbischof  Giegorios  Palamas  in  einer 
vollständigen  Synkrisis  dargestellt,  deren  Anlage  aus  der  Überschrift  klar 
ersichtlich  ist:  Prosopopoeia  animae  accusantis  corxjus  et  corporis  se  de- 
fendentis  cum  iudicio  (ed.  A.  Jahn  1884).  Es  ist  ein  förmlicher  Prozeß, 
in  welchem  beide  Parteien  vor  einem  Richterkollegium  ihre  Sache  selbst 
Tertreten;  er  endigt,  wie  bei  Demokrit,  mit  der  Abweisung  der  Klage  der 
Psyche.  In  der  Übersicht  über  seine  Vorgänger,  die  dem  eigentlichen 
Agon  vorangeht,  bemerkt  Gregor  übereinstimmend  mit  unserer  Beobach- 
tung über  ihre  Technik:  p.  2  Tioü.ayov  ydiy.fjg  ßecooia;  y.al  cpvoto/.oyiPiij; 
äjixerai.  Im  Gegensatz  dazu  hält  sich  seine  Prosopopoiie  ganz  in  der 
Sphäre  der  Gerichtsrede  (reyrixaTg  aedööoi;  tj]  zcor  diy.c.rty.cöv  y.öycov  iöea  i(f7jo- 
fiooä/ii8v). 

-)  Vgl.  zum  folgenden  jetzt  die  Beispielsammluug  in  der  Dissertation 
von  Mas  Schniid  S. '22  tf.  Uns  kommt  es  hier  nur  darauf  an,  einige  Be- 
sonderheiten des  asteriauischen  Stils  in  den  verschiedenen  Predigtgruppen 
aufzuzeigen. 


102  Bretz.  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

ei  6  juaQTvg  .  .  .,  ncög)  und  vierfach  (221  A  ovTOjg),  sondern  auch 
fünffach  (252  A  ßd/dere)  und  sechsfach  (324  B  ov,  J  377  C  ju/]), 
ja  sogar  achtfach  vor  (168  B  juY],  J  377  B  v}]oreia  —  njoTsvojv). 
Geradezu  manieriert  ist  weiterhin  sein  Streben  nach  Wechsel 
im  Ausdruck;  so  variiert  er  nominale  Begriffe  (273  D  Tigog  roTg 
alyiakoTq  —  neQL  rag  yiövag,  S  34S  D  xajavv^scog  —  f.iexaf.ieAeiav 
—  jusTavoiag,  P  356  D  jusTavoiag  y./jovya  —  juercxjiieÄeiag  £io)]yi]- 
zTjv  —  £7iLOTQoq)rjg  didaoy.dAovg)^  ebenso  pronominale  (P  36S  A 
aXXii  yaQ  diaiza  xov  äggcooiov  y.al  l:TEQog  ßtog  rov  vyiaivovxog), 
verbale  (309  B  dianXeovreg  —  re/womg  —  vjtsocpeoojuevoi  — 
Tileovot  —  hdalaTTEvovoi)  und  präpositionale  Begriffe  (241  A 
y.addjisQ  ey.eivoig  —  aJoTzeg  avzol  —  xarä  xovTovg).  Sogar  in 
der  Syntax  der  Modi  scheint  sich  diese  Tendenz  geltend  zu 
machen  (280  A  ävriy.et  —  Jisgigge)],  305  C  sJev  —  xaxsÄaßov), 
doch  ist  darüber  nur  auf  Grund  genauer  Kenntnis  der  Über- 
lieferung zu  urteilen.  Dieser  Redeweise,  die  wir  auch  für  heid- 
nische Wanderprediger  wie  z.  B.  Euphrates  bezeugt  finden  ^, 
entspricht  die  Häufigkeit  der  Verbindung  synonymer  Ausdrücke 
wie  z.  B.  285  C  vo/nevg  y.al  7ioifu)v,  288  C  doyi^aüoia  y.al  y.oioei, 
328  C  'iXecov  xal  Evjuevfj,  J  380  D  £vi]i&eg  y.al  ävdrjrov,  avie^ovoiov 
y.al  elevdeQOv,  325  D  tov  ovyyevij  yovv  y.al  Tip>  6^uö(pv?.ov  y.öviv, 
249  C  =  J  385  B  dy.i)  xal  fxdxtp).  —  Das  Streben  nach  Deut- 
lichkeit, das  sich  in  dieser  Wortfülle  bekundet,  tritt  weniger 
im  Satzbau  hervor:  eine  starke  Periodisierung  der  Rede  wird 
vermieden,  doch  findet  man  mitunter  auch  recht  bandwm-m- 
artige  Satzgebilde  (z.B.  164A— B,  165B).  Einige  Male  trifft 
man  dagegen  auf  die  in  der  Diatribe  häufige  Erscheinung  ^  der 
parataktischen  Satzverbindung  an  Stelle  der  gewöhnlichen  hypo- 
taktischen (181  B  Kexxyoai  ;fC'JO('oj' .  .  .,  dvaköyioai  ovv,  1  84  B 
C'>]xi]GOv  yj.ajuvdag  ßaodixdg ,  Evg/joeig  de  .  .,  233  C  'E::ieyevexo 
(pXvxxaiva  xf]  yßiQi,  tTiijuelcbg  avxip'  degaTiEvocoixev'  (pX.eyjiiövi]  xov 
7i6da  öiEvoyhioEV,  (pagjudxq)  rijv  i^oidijoiv  xaxaoxEiXayjuEv ,  245  A 
TiaQExdlEoav,  ovx  fjxovo§i]oav  fjneilrjoav ,  ov  xax£7iX7]^av,  P  361  A 
'JEQEvg  xig  Eoxlv  .  .  ov/Luraßcöv  Sgdxoj;  B  ä/.Xog  toxlv  ovy  lEQEvg  . . 
(poßEioßoj,  P  368  C  'ÄTxb  xQvcpfjg  Exaxo'jdiig ,  vi]oxEia  ^EQdjiEvoov 
xijv  dnoXavoiv.  'AxoXaoia  xi]v  yjvyj]v  eßXaxpEV ,  oaxpQoovvi]  ye- 
vEodo)  xfjg  aQQOJoxiag  (pdgjiiaxov  etc.).  —  Die  raffinierten  Fein- 
heiten der  rhetorischen  Kunst  verschmäht  er.    Zwar  vermeidet 


^)  Sermo  est  copiosus  et  varius  Plin.  ep.  I.  10;  vgl.  auch  Dirking  S.20  ®. 
2)  Müller,  De  Teletis  elocutione  S.  69  f. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  mir  d.  l'hotios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.      1 03 

er  meist  den  Tliat,  z.  B.  durch  Einschiebung  einer  bedeutungs- 
losen Partikel  (217  A  ejretdi'jjreQ  ejiavayyjg ,  316  D  ytig  cog, 
32S  A  :ruoov  rivog  ä^iag)  oder  des  Artikels  (333  C  mxooTg  ßnllei 
ToTg  h'dv/u'jfiaot)  oder  durch  Umstellung  der  Worte  (2bS  D  ?Myog 
(Ol'  «et),  docli  ist  er  darin  von  der  konsequenten  Strenge  eines 
Gregor  von  Nazianz  oder  Synesios  weit  entfernt,  wie  folgende 
unentschuldbare  Hiate  beweisen:  208 D  öixalov  eoTi'jxafiev,  S  344 D 
rojnodeiov  evqn'ibg,  288  A  ßlajirofievco  ix,  S  344  B  ikatco  u:iaho, 
J  373  A  vrjoTevTov  oixiag  u.  a.  —  Das  hauptsächlichste  Mittel,  wo- 
durch er  seine  Predigt  über  die  gewöhnliche  Rede  zu  erheben 
und  ihr  den  Cliarakter  der  Kunstprosa  zu  geben  sucht,  ist  ein- 
facher: er  ändert  die  natürliche  Wortstellung.  Oft  tremit  er 
das  Substantiv  durch  das  Yerbum  vom  zugehörigen  Adjektiv 
(224  C  jiäoa  yv  fj  idiqa,  337  A  xovg  aXXovg  imjvovv  I^coyQacpovg, 
S  344  A  T€'/v)]y  evQEv  äui/yarov,  P  353  B  TTJg  dvrgcodov  skayor 
"d^oecog,  J  381  B  to  aviSjuaroi'  e:Ti07TcdvTai  xal  ayeojQyijTov  Tiojua.) 
oder  Pronomen  (221  A  Tiagd  javryg  dxpsXovvTag  rrjg  eoQxrjg, 
S  352  A  Tidvjcov  ojnov  Tregiögaooeodai  tcov  ysyQajLijuevon')  oder 
attributiven  Genetiv  (224  B  oocx  nev)]ro)v  X'^Q'd]  ödxgva,  S  341  C 
rijv  Tov  TiQwxeiov  deyezai  xpvjqov ,  P  353  D  cfilav&QConlag  dvai- 
QEiv  T})v  eXnida).  Ein  ganz  ungewöhnliches  Hyperbaton  ^  ist  die 
Trennung  des  Artikels  von  seinem  Substantiv  durch  ein  Verb 
(S337D  T}p>  öiads/sTai  eogr/jv,  S340A  .  .  t//>'  i'/jucfidaaTo  odgxa).  — 
Yielfach  dient  aber  diese  Abweichung  von  der  natürlichen  Wort- 
stellung am  Satzende  unverkennbar  dem  Zwecke  der  Rhytmi- 
sierung  der  Rede:  es  wird  dadurch  nicht  nur  der  Zusammenstoß 
zweier  den  Akzent  tragenden  Silben  verminden  (217  D  ■dogvßov 
yefxovxa  xal  xagayjjg,  S  345  C  dediag  yevcovxai  juiju7]xai),  sondern 
auch  ein  bestimmter  Tonfall  erzielt  (217  D  xyv  Jigög  x6  xgelx- 
xov  6}]XoT  iiexay.öo^ufjoiv,  249  A  xovg  xoiovxovg  jiUf.u]oaxe  yigorxag). 
Das  heißt  aber  nichts  anderes,  als  daß  auf  die  asterianische 
Predigt  das  von  Wilhelm  Meyer  entdeckte  und  nach  ihm  be- 
nannte Gesetz  vom  akzentuierten  Satzschluß  einwirkt 2. 

Ist  dieses  Gesetz  mit  einiger  Konsequenz  beobachtet,  so 
kann  es  ein  entscheidendes  Kriterium  für  unsere  Echtheitsfrage 
werden.  Ich  habe  daher  die  ersten  100  Klauseln  der  drei  hier 
in  Betracht  kommenden  Reden  (S,  P,  J)  und  ebenso  der  sicher 

')  Nicht  erwähnt  bei  Luise  Lindhamer,  Die  Wortstellung  im  Grie- 
chischen (1908). 

^)  Der  akzentuierte  Satzschluß  in  der  griechischen  Prosa  vom  IV. 
bis  XVI.  Jahrhundert,  nachgewiesen  von  "Wilhelm  Meyer  aus  Speier  (^1891). 


104  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

echten   Rede  auf  Petrus  und   Paulus  (P-P)   geprüft   und   ver- 
glichen.   Es  ergab  sich  folgendes:  Unter   100  Cadenzen  sind 
chorjambisch  (~^'^~)  in  P-P  25,       inS  15,       inP  16.      inJl6 
adonisch  (-----)         „     „     20,        „  „39,        „   „21,       „„30 
didaktylisch  (-^^-^  „      „     44.        „   „  27.        ,,   ,,  34.        „  „  32 

also  regelmäßig         in  P-P  b9  '^/o,  in  8  & l  «/o,  in  P  7 1%.  in  J  TS  ^/o 

Der  hohe  und  annähernd  gleiche  Prozentsatz  in  den  End- 
summen zeigt,  daß  das  Meyersche  Gesetz  in  der  Tat  berück- 
sichtio-t  ist  und  zwar  in  den  zweifelhaften  Predigten  in  ziemlich 
gleicher  Stärke  wie  in  der  echten.  Die  größte  Abweichung 
zeigt  P:  dies  erklärt  sich  aus  dem  Umstand,  daß  diese  Rede 
gerade  im  Eingang  sich  als  Exegese  eines  Schrifttextes  dar- 
stellt und  als  solche  am  wenigsten  epideiktischen  Charakter 
hat.  Eine  gewisse  Gleichartigkeit  zeigt  sich  auch  in  der  Art 
der  Satzschlüsse:  in  allen  Reden  mit  Ausnahme  von  S  herrscht 
der  Didaktylus  vor,  der  bekanntlich  bei  späteren  Schriftstellern 
wie  z.  B.  Sophronios  und  Johannes  Eleemon  ausschließlich  zur 
Herrschaft  gelangte.  Eine  so  straffe  Handhabung  dieser  rhyth- 
mischen Regeln,  wie  wir  sie  dort  finden,  läßt  sich  bei  Asterios 
nicht  erkennen.  Dieser  freie  Gebrauch  entspricht  ganz  der  öfters 
beobachteten  Haltung  des  Predigers  gegenüber  der  herrschen- 
den Rhetorik:  er  kennt  auch  ihre  raffiniertere  Technik,  —  so 
hält  er  auch  auf  eine  gute  Komposition  der  Rede,  um  sie  auch 
dem  Ohr  sinnfällig  zu  machen^  — ,  aber  er  bindet  sich  in  der 
Praxis  nicht  sklavisch  an  die  Gesetze  dieser  Kunst,  sondern 
wendet  sie  mit  ziemlicher  Freiheit,  um  nicht  zu  sagen  Unregel- 
mäßigkeit an.  Wir  können  daher  darauf  verzichten,  die  oben 
unter  den  regelmäßigen  Satzschlüssen  nicht  mitgezählten  Ca- 
denzen genauer  zu  untersuchen;  es  ließen  sich  noch  manche 
rechtfertigen,  wenn  wir  sie  statt  mit  dem  Auge  nach  Useners 
Yorgang  mit  dem  Ohr  prüften-.  Hier  genügt  es  uns,  die  freiere 
Form  des  Meyerschen  Gesetzes  bei  Asterios  in  der  echten  und 
ebenso  in  den  zweifelhaften  Reden  festgestellt  zu  haben. 

Die  zuletzt  über  die  Sprache  und  den  Stil  gemachten  Be- 
obachtungen ermöglichen  uns  nun  in  Verbindung  mit  den  früheren 
ein  abschließendes  Urteil  in  der  Echtheitsfrage,  von  der  unsere 


M  Vgl.  sein  Urteil  über  den  ersten  Teil  der  Predigt  des  Stepbanus: 
jiaoaiveoi;  jiQoa7]vrjg  xal  sväg/noarog  (S  344  A). 
*)  Usener,  Der  heilige  Tychon  S.  65  f. 


über  d.  Echtheit  d.  drei  nur  d.  Pliotios  f.  Asterios  bezeugt.  Reden.      |  05 

TJntcrsuehung-  ausging.  Jene  drei  Predigten,  die  wir  nur  bei 
Pliotios  für  Asterios  bezeugt  fanden,  Aveiseu  nach  Inhalt  und 
Form  die  gleiche  Struktur  auf  wie  die  echten  Asteriosreden;  auf- 
fallende Abweichungen  ließen  sich  immer  befriedigend  erklären. 
Ihre  Echtheit  ist  damit  in  jeder  Hinsicht  erwiesen.  Für  den 
Protreptikos  erfuhr  dies  Ergebnis  nachträglich  eine  überraschende 
Bestätigung  durch  eine  Entdeckung  des  Herrn  Prof.  A.  Ehrhard; 
er  fand  nämlich  die  Rede  in  einem  alten  Ilomiliar  eines  Klosters 
in  Saloniki  unter  dem  Xamen  des  Asterios.  Seine  Xotiz  lautet: 
Thessalonicensis  bibl.  juovijg  rcov  W.araiMv  cod.  7,  membr.  saec. 
IX — X,  fol.  93^ — 103^'  y.voiay.fj  y'  rcoi'  v)]oxeicdr.  tov  uay.aoiov 
'Aoregiov  ?Myog  7iQorQSTiriy.bg  elg  /.lerdvoiav.  Incip.  'Av)]q  0aQioalog. 
Somit  gibt  auch  das  älteste  Zeugnis  der  direkten  Überlieferung, 
das  in  dieser  Handschrift  vorliegt,  dem  Photios  Recht;  zugleich 
erweist  die  Anlage  der  Handschrift  unsere  These,  daß  es  kein 
geschlossenes  Korpus  von  Asteriosreden  gab  und  die  älteste 
uns  erkennbare  Form  der  Überlieferung  die  des  Homiliars  ist, 
als  richti"-. 


Dritter  Teil. 

Texte. 

Lampros'  neuer  Katalog  der  griechischen  Handschriften  der 
Athosklöster  weist  zwei  der  bisher  nur  durch  die  Auszüge  des 
Photios  bekannten  Asteriosreden,  nämlich  die  Auslegung  des 
Gleichnisses  vom  verlorenen  Sohn  und  die  Predigt  über  das 
Gleichnis  vom  Pharisäer  und  Zöllner  in  einer  Jvironhandschrift, 
erstere  auch  noch  in  einer  Dochiariuhandsehrift  nach  (.vgl.  oben 
S.  15).  Der  unter  Leitung  von  H.  Jantsch  im  Jahre  1911  unter- 
nommenen Athosexpedition  gelang  es,  uns  die  Photographien 
dieser  Hdss.  zu  verschaffen;  soweit  sie  unleserlich  waren,  wurden 
sie  im  darauffolgenden  Jahre  wiederholt  und  konnten  dann  als 
Unterlage  für  die  Feststellung  des  Textes  der  beiden  Reden  dienen. 

Der  Athous  4146  =  cod.  Jviron.  26  (=  J)  ist  ein  in  Doppel- 
kolumnen geschriebener  Pergamentkodex  aus  dem  11.  Jahr- 
hundert. Er  enthält  die  beiden  Reden  nahezu  vollständig;  von 
der  ersten  fehlt  infolge  Ausfalls  eines  Blattes  ein  kleiner  Teil, 
in  der  zweiten  ist  die  Schrift  an  den  Ecken  der  äußeren  Ko- 
lumnen teilweise  völlig  verblaßt,  an  einigen  Stellen  ist  sie  von 
jüngerer  Hand  wieder  hergestellt  worden. 

Der  Athous  2751  =  cod.  Dochiar.  77  (=  D)  ist  eine  junge 
Papierhandschrift  von  der  gleichen  Gestalt  wie  die  vorgenannte, 
nach  Lampros  noch  dem  15.  Jahrhundert  angehörend.  Sie  bietet 
nur  die  erste  Rede,  diese  aber  vollständig;  etwa  in  ihrer  Mitte 
findet  sich  als  große  Einlage  ein  Teil  der  Tarasiosvita  des 
Ignatios  Diakonos  (cap.  13 — 33,  ediert  von  J.  A.  Heikel  in  Acta 
Soc.  Scient.  Fennicae  17,  lateinisch  bei  MPGr  98,  p.  13S6ff. ;  vgl. 
Ehrhard  bei  Krumbacher  Byz.  Lit.  S.  73). 

Aus  der  Nebenüberlieferung  kommt  für  beide  Reden  der 
Text  des  Photios  hinzu,  mit  dessen  Kodex  unsere  Hdss.  in- 
sofern eine  gewisse  Yerwandtschaft  zeigen,  als  sie  an  der  gleichen 
Stelle  wie  dieser,  nämlich  nach  den  genannten  Asteriosreden, 
auch  die  Fastenpredigt  enthalten,  und  zwar  steht  diese  in  J  unter 


Texte.  107 

dem  Namen  des  Gregor  von  Nyssa,  in  D  anonym;  sie  scheinen 
demnach  ebenfalls  Teile  eines  sog.  Homiliars  zu  sein. 

Die  Textvergleichung  erweist  aber  den  selbständigen  Wert 
eines  jeden  der  3  bzw.  2  Textzeugen.  Doch  verdienen  die 
Lesarten  der  älteren  Hds.  J  in  den  weitaus  meisten  Fällen 
den  Vorzug,  so  daß  sie  die  eigentliche  Grundlage  für  die  Text- 
gestalt bildet. 

Die  Predigt  über  das  Gleichnis  vom  Pharisäer  und  Zöllner 
ist  von  Prof.  Ehrhard  auch  in  der  ältesten  Asterioshandschrift, 
die  wir  bis  jetzt  kennen,  in  dem  bereits  für  die  Bul.ipredigt 
zitierten  Kodex  des  Klosters  xcöv  ükaxaiöjv  in  Saloniki  entdeckt 
worden:  sie  steht  dort  fol.  109^ — 114''  unter  dem  Titel 'E'reoo? 
koyog  "ÄOTegiov  etxiohojiov  \4.juaoeiag  elg  tö  "AvdQOjnoi  ovo  dve- 
ßi]oav  und  beginnt  mit  einer  echt  asterianischen  Betrachtung: 
Aöyog  evag/Liöviog  y.al  y.aiu  tg^iv  ji]v  ägianp'  ovyxEi/xEvog  eoixs 
owjuan  np  y.aiä  löv  vouov  rrjg  (pvoeojg  ägiora  neTckaouevco.  In 
einer  offenbar  stark  verkürzten  Gestalt  findet  sie  sich  noch  ein- 
mal in  einem  etwas  jüngeren  Kodex  der  gleichen  Bibliothek: 
Thessal.  44,  membr.,  saec.  XI,  fol.  ISS*^ — 190'*'  Aoreoiov  etiioxo- 
Tiov  'Auaosiag  sig  rö  "AvdoojJioi  ovo  dreß)]oav.  Incip.  ^loyog 
lyaojiioviog  xal  xaid  rijv  rd^iv  t)]v  dgiOTijv  ovyxeijLievog  eoixe  oojjuari' 
(bg  ydg  ixei  rd^ig  iou  y.al  dy.oXovdia'  rd  [xev  x&v  fxe.Xcbv  im  rö  vipog 
Tideloa.  Leider  ist  uns  diese  Überlieferung  unzugänglich  geblieben. 


I. 

^Aoxeoiov    eTtioxoTiov  Ajiiaoeiag    öjui/ua    elg    xovg    ovo    vlobg   xovg 
Tzagd  xcp  Aovxa. 

'Avaio^7]xov  ö^Lioü  xal  7[ov)]QÖy  xö)v  ^agioaiojv  x6  ovrxayua 
xal  7idoi]g  dgexrjg  dnaidevxov ,  (hg  avxi]  dieley/ei  xow  Tioayt-idxoyv 
rj  TZEioa'  7iov)]Qol  juev  ydo  f]oav,  öxi  xov  deov  xal  oü)xfjoog  fj^ucov 
e.v/xevöjg  tioooiejlievov  Tidvxag  xovg  TiQooxQEy^ovxag  äf.iaoxa)Xovg  fj/^- 
■dovxö  XE  [ovxot  Ol  <PaoioaTot]  xal  öiEyoyyvCov  xfj  dyadfj  avxov 
/iiaxQoßvjLtia  y.al  äxga  yo)]ox6x)]xi  ßaovvofiEvoi,  draio&)]xoi  dk   öxi 

1  öfiüua  om  J  —  1-2  Dochiar :  tj)  y.vQiay.i]  rov  äocorov.  zov  ftay.aoiov 
AoTSoiov  i.-iioy.6n:ov  'Afiaotag  öfiüia  slg  rovg  8vo  viovg  xovg  .lagä  reo  Aovya, 
ijyovv  eig  tov  äocoTor.  ev}.6)'y]oov ,  Tiärso  —  7  ovxoi  ol  ^agiaaioi  add  J  — 
7 — 8  r/7  om  D,  aviov  om  D,  äxga  om  D. 


108  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

nX^ov  Tf»)»'  aüxov  ardocoTrayv  jag  y.'i'/ag  vooovvreg  6i  an'  Tovg 
ä/j.ovg  y.caiy.oivov  xal  auroTg  rijv  ovyyvcojuyi'  njxeyJ.eiov. 

Käy.elvoi  jiiev  omcog.  6  de  ye  jiaGrjg  ayaß6ri]Tog  i:iey.eiva  y.al 
Tioklifv  eyoyv  y.al  dy.evonor  tov  rc7)v  oly.rioiuov  d)]oavgöv  ovde 
TOVTOvg  äßeoajievTOvg  y.axeAmev  ijreid)]  de  Tyjv  ex  roc  Jigocpavoüg  ^ 
jiago7]Oiav  ovx  erpegov  öjöTreo  ttwIoi  riveg  äygioi  yeioog  sjiacprjv, 
xdig  Tzagaßo/jy-olg  röjv  löycov  yarajui^ag  avrijv  cooTzeo  nvl  fxelni 
Tiiy.oov  y.ai  äijdeg  cfdg/uaxor,  ovzcog  avrcTjv  ev[xiy/uvoig  e^iäzai  zijv 
vöoov  yöv  TTQäyjiia  y.al  (fiXov  elvai  {hco  öiduoy.cov  tov  ät.iaoTCoXov 
r)]v   ueTuvoiav.  lo 

.15.1—10  Elnchv   yovv    tov  ngoßdrov  tov  dnoXoyXöxog  t]]v  evgeoiv   y.al 

TOV  JToiuevog  ti]v  erc  exeivco  yaguv,  öidd^ag  de  y.al  T/)g  yvvaiy.bg 
Ttjv  ev(fgoorv)]v  fjTig  Ttjv  Ögayuijv  evgev  eyy.ey.gvjiijiiev>]v  zfj  yfj, 
xal  önoig  ovvey.dlei  Tag  ex  yenovojv  yvvaixag  eig  jLiexovoiav  xfjg 
yagäg  i]v  eydg)],  eig  ivagyeoxegov  xal  TgavÖTegov  exßaivei  Xoyov^    is^ 

15, 11-32 Ti)v  7iagaßoX.)]v  tcöv  ovo  vkov  i]v  dgTtwg  ijXovoaTe.  eyei  de  ovTCog' 

''AvßgcoTiog  Tig  Ecyev  dvo  viovg.  xal  eItiev  6  vecoxegog' 

JidTeg,    dog   juoi   zo   enißdXXov  juegog   xfjg  ovoiag.'    ägiozov 

jzgäyjua  xal  zcö  Xoyixcp  ngenov  t,c6co  zb  xexgvfXfxevY\v  doacpeia  yvoi- 

ai]v    eniuelöig    dviyveveiv   xal   Trgodyetv  eig  (pcog.    xal    zovxo   dia-   so- 

Prov.  1, 2  cpegövxcog  eTraivel  6  oocpög  2o/Mt.i(ov  TTgooijuiov  xfjg  Tiagoiaiaxfjg 
ßißXiOv  xavxi]v  zi]v  evvoiav  7iou]odpevog  ,yvo}vai  oocp'iav  xal 
Tzaideiav  xal  vofjoai  Xöyovg  (pgovijoeog  de^ao&ai  ze 
ozgocfdg  Xoycov'.  l'doi/xev  de  xal  yue7g  deoTiozixfjg  7iagaßoXS]g 
oxojTOv  XvoavTeg  did    tcöv   jioixü^cog  eguiyvevövTcov  ttjv  judyi]v   cbg   25 

z,  IG  sqq.  y.al  ZoX.ofxojv  T(bv  yvvaixcbv  t>)v  djLicfioß)'jT)]oiv  tcöv  jueTajioiov- 
jiievcov  TOV  ßgecpovg. 

UaTega  zoivvv  Trgoofpxe  voelv  zdv  ßeov,  zovg  dvo  vlovg  zov 
TiOTgög,  TOV  ngeoßvTegov  xal  xöv  vecoxegov,  exXai-ißdveiv  eig  dv- 
'&go')7iovg  d-vo'  xdv  /.lev  jzagapieivavTa  tv/  doßelot]  ydgvzi  xal  zfj  zq. 
jzgdg  debv  ayd^i)]  y.al  ovdajiwv  zfjg  exxXi]oiag  dcfip'idoavTa  ovde 
exTTeoovTa  Tijg  i.ieTa}J]xpe(X)g  twv  fxvoTyjgkov  cbg  TzaTgixfjg  Tga7ieCt]g' 
Tbv  de  yvojfif]  xovcpi]  xal  evoaXiemco  ycogio&evTa  tov  dXi]§ivov 
TiaToog  —  xoivbg  ydg  jxdvTCOv  yovevg  6  ßeog  — ,  oJiad}]oavTa  de  xal 
dia(pi)eigavxa  xdg  nag'  avTOV  do&eioag  dojgeug,  coo:jeg  ol  äocoToi  35 
dajiaväv  eicbßaoi  to  tcov  Jicnegcov  dgyvgiov. 

1  Ji/.eov  J,  fxä/./.ov  D  —  3  xa-y.elvi]  D  —  5  y.azEh:iEV  J,  zovzovg  atpijxEV 
ad'.  L)  —  7  uvzrj  J,  rö  evjiaootjaiaazov  xaza/ni^ag  öjo.isg  D  —  26  xal  om  D  — 
29-80  avOQÖjjTovg  dvo  J  Phot.,  dvo  dv&oojjiovg  D  —  33  daa/.evzM  D  —  dhj- 
■divov  J  Phot.,  udaväzov  xal  äP.tjdivov  D,  —  34  a:Ta&t'ioavza  D  Phot.,  oTtaza- 
).r]oavTa  J  —  35  züg  :iag'  avzov  doüei'aag  dwgsug  D  Phot.,  zeig  zov  :iazodg  8co- 
gedg  J  —  üojieq  J,  (hg  D  Phot.  —  3(5  z6  om  D. 


Texte.  109 

'O  f.uv  ovr  ysfiy.ioTeoo;:  T)~jg  dX?.)]yoQiag  rovg  ojde  ßgayel  ?.6yo) 
Treoilaßcov  JCt)r  y.mä  fitoog  eio}]/iih'0))'  t6  7T?SjO()g.  oxoTUji^oy  dt: 
koiTTor ,  ri  ion  x6  a7TaiT)]i)rjrai  xov  Tiaräja  T}~]g  ovniag  to  fiegog. 
xal  Tuya  roiovro  jvyyävef  ol  rto/dol  tmv  ärdQihjicov  xijv  xov 
*  ßaTiTiöuaiog  jueiovoinv  xal  rijv  xibv  fivoTi)Qlo)v  dnökavoiv  tog  ejti- 
ßdlkovoav  yJjjoorofu'ar  Tiaou  rov  deov  aTrairovoiv.  6  de  ovx  äva- 
ßdkXerai  tijv  dooir,  d?Mt.  xal  /nd/.a  7ioodvf.iayg  Trageyei  to  ahijua. 
ygi]  de  rov  /MjußdyorTa  uij  onovöaTov  eJvai  jieol  f.i6v)]v  tijv  xrrjoiy 
rijg    xh]Qovojuiag    ixeivijg,    dhycogov    de   Tiegl  t)]v   cpvXaxijv,    dll' 

to  vjiodeyeodai  fih'  ydecog,  T)joelv  de  dygvTircog'  xal  ydg  eyei  ntxoor 
/jjorijv  xal  e.iißov/.or  uvQioig  e:n:iii]devovTa  rooTioig  t))v  xXoTiriv 
ovy  Iva  LxpeXojLievog  avTog  xT)'jO)jTai,  d'üC  Iva  Tihn^xag  xal  dd/uovg 
d7iodei^]1  xovg  yvjurcodei'xag.  6  de  7iaxi]o  ov  jmxgo/.oyog  eoxlv 
ovde  q^eidco/.og  ij  ßgadvg  eig  xijv  ydgir,  d)JA  dtdcooi  xal  xovxo  ov 

15  TCO  juh'  nXeov ,  toj  de  I'/mttov,  d?JA  xö  ejiißdklov ,  ojieg  eoxl  xTjg 
ioöxijxog'  xdv  ydg  dexa  jiivgiddag  ld7]g  xaxd  xijv  avx)]v  cogav 
i^iovoag  xov  ßanxiGxi^giov,  Tidvxeg  xi]v  l'o)]v  xal  t/)j'  avrijv  eyovoi 
dojgedv,  uq^eoiv  djiiagxicöv,  viodeoiag  d^uoiia,  jniav  xijr  eTiavßovoav 
xov  Tivevjnaxog  eregyetar.    x6    de   ei'xevOey   ol  fiev  jxagauerovoi  xij 

20  e2evßegiq  xal  xfj  naxgixfj  evyeveia  v6i.ioig  xal  '&eo/uoTg  ^(Tjvxeg  iv 
olg  eyevvi]d)]oar ,  xal  x)jgovoiv  änxcoxov  xijr  evdaiuoviav  evqgai- 
vovreg  xov  yevvijxoga  xal  avxol  xaig  exeivov  evroiaig  ejiaya/J.ojLiei'oi, 
Ol  de  veoixegoTToiol  xijv  yvojjLUji'  xal  xaivox6/.ioi  xov  ßiov ,  olog  f/v 
xö   TiaXaidv  6  'AßeooaXoj/.i ,    ovx   etdoxeg  tiXovxov   ddgoov   Tigooyi- 

25  vojuevov  xvßegvijoai  xaXihg  ovde  olxiav  ?M^ujxgdv  xal  veovgyor 
oixorojiif]oai  oojqpgovcog  xf/g  fiev  xijr  evuogcfiav  aioyvvovoi,  xov 
de  xijv  dvvaüiv  diacpiJeigovoir ,  eavxwv  h-joxai,  xijg  idiag  evTcga- 
yiag  enißovloi  xal  xijg  xov  yevovg  dgiag  diafpßogeig,  olog  di]  xal 
oi'xog  6  xfjg  7tagaßo?S]g  veavioxog  f]i.äv  vnodedeixrai,  bg  ,djxed)'j- 

30  fDjoev  eig  ycogav  /.laxgdv  xal  exel  dieoxooTiioe  xi]v  ovoiar 
eavrov  i^cbv  doojxojg'.  noiav  yöigav ;  ti]v  ^evi]v  tcov  xov  deov 
EvxoX(bv,  T?)v  eg)]jLioi'  xäiv  xaX&v,  xljv  ovdev  dya&ov  ßXaoxdvovoav, 
ev  de  yeojgyioi'  cfiXoTiovoig  excfegovoav,  xijv  poydijgdv  xal  TioXvd- 
xavdov    daagxiav    ev   fj    7i')]yri    Coifjs    ovx    eori    ovde    nagddeioog 

35   yagleig  xal  evda/Jjg  evcpgaivoiv  xi]v  öy^nr,  d/J.d  ndoa  xecfgo'jdi^g  [y 


7  /iid/.a  J,  /ndhaia  D  —  8  >ixi}aiy  J,  y.iioir  D  —  11  s.-riTtjdevoyta  J,  eni- 
ßov/.Evovra  D  —  14  o^  fierä  TiQooy.Uoeo)^  add  D  —  15  orrfo  fort  t//»  loört]- 
Toc  J,  ojTfß  laov  iaziv  D,  l'oov  [.isv  ovr  iaziv  Phot.  —  19  ireoyetar  J.  eveo- 
ysoiav  D  —  TO  öe  evrevdev  J,  tö  6'e  exsWev  D  —  23  y.al  om  D  —  28  y.al 
xi]g:  y.al  oru  D  —  29  vnodeiy.vvTai  D  —  31  t)]v  ^erijr  tö))'  tov  deov  ivTO/.öJr 
oni  D. 


110  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

roiavTi]  yoioa  iorlj  xal  ai&a?Md)]g  xai  ol'av  rt]v  icov  ^odouixcov 
juezä  T}]v  Tov  jivQog  ejußolijv  yeveoßai  äy.ovojiiev  y.al  ydg  exein]v 
oi'x  V  (pvoig  Toiavz)]7'  eyivvijoev  —  ovdh  ydo  äxQi]ozov  i]  qjavkov 
6  d)]jiuovgyög  xareoxevaoEv  — ,  äVC  i)  rcor  y.axoixovvTWv  dixagria 
£ig  äyoi]OTiav  ij^ueitpev.  5 

'Anrildev  ovv  dg  ievi]v  ycogai'  6  äocorog  y.al  Tiaigaloiag  ov 

's-  73,28^aaj?oj)'   ixeivo   ?JyeiV    ,ejuol    de   ro    TiQooxolXäo^ai   reo    &eM 
äya§6v    ioxiv.'   y.al   jui]    ßavfidoijg    el   d?M]yoQiy.cog    röv    äjuag- 
TCüXbv   TiaToaloiav   iy.dhoa'    /udhora   ydg    ä^iog   ravirj    rtj    y.ar^]- 
yoQia  jiiaoTi^eodai  6  rov   y.oivov    äjidvrcov  ddeicbv  Tiareoa.    y.al  ei   \o 
ßovXei,  uy.ovoov  tov  deov  ev  'Hoaia  y.axd  xcov  äyvcujuövMv  'loga)]- 

Jes.i,2XiTcöv  oyex/jdCovxog'  ,uyovE,  ovgave,   y.al  ivcoxiCov ,   y  i] ,  oxi 
y.vgiog   eldli^oev    vlovg    eyevvrjoa    xal   vipojoa,    avxol    de 

Mai.i,6/^<£  y]d'exr]oav.'    xal  dXXayov'  ,el  naxiqg  eljtii  eyco,  Jiov  eoxiv 

fj  öo^a   jiiov;   y.al  ei  xvgiog   ei/ui  eyd),    Jiov   eoxiv  6  cpoßog   15 
jiiov';   yaXenbv   de  vicp  veco   yugioßfjvai   naxgog'    /ueygi  fxev  ydg 
ovveoxi  xcp  yeyevvijxöxi  eixe  av&aigexwg  ehe  <p6ßcp  xal  aiödi,  xöo- 
juiog  eoxi,  xexayjuevog ,    ocoq?gon>,   naidaycoybv  eycov  dycogioxov  ex 
xrjg  q)voeojg,   ovöevl   xcov  dxoXdaxojv  öudcov  ovde  (fgaxgiaig  vecov 
dowxcov   eyxvXivdovjLievog   ovde    xov    dajiaväo&ai   xaxcog    e^ovoiav   20 
eyoiv  dxcoXvxov '    vXjj  ydg  dy.o?Moiag  xcp  veco  fj  rrjg  eimogiag  da- 
y^iXeia '  ndvxa  ydg  xavxa  dveigyei  xal  eXavvei  juaxgd  6  xov  naxgog 
öcpdnX^itog.    {oxav)   de  ecp'  eavxov  yevijxat  {veoxt-jg)  xal  /.irjxe  cpoßog 
jLiijxe  alddjg  Jiagwoi,  dvo  cpvXaxeg  ioyvgol  xagaxxojuevrjg  v€6{xi]xog), 
xoxe  dl),   {xoxe  oXyexai  ndvxa  xal  dvaxexganxai).    ovdelg  Ixavbg  im-   25 
oyeTv  rb  xaxbv  cooneg  xivd  nvgxaidv  av^)]^e7oav  i]dt-]  xcü  noXddg 
yeXgag  xcöv  oßevvvvxcov  vixcboav. 

'Aned^jurj  oev  eig  ycbgav  /iiaxgdv  xal  exel  dieoxög- 
ncoe  x}]v  ovoiav  avxov  ^ojv  doojxojg.'  ovy  6  yifivbg  nXovxog 
juovov  diaoxogniCexai  xal  onaßäxai  xaxolg  oixovojiioig  negineocov,  30 
dXXid  y.al  6  docbjuaxog  xal  jueycug,  6  cpoixcov  ngbg  t]juäg  ovgavö'&ev 
däxxov  diaXiVExai,  oxav  nioxevdfj  cpiXoodgxoig  ipvyaig.  i]  ydg  ov 
doxeJ  XM  vovv  eyovxi  fxeydXcov  ^ijoavgojv  dnoßoXrj,  oxav  ydgtg 
än6)j]xai  xal  xoivwvia  diacpdagfj  xfjg  juvaxiy.rjg  xganeC)]g  y.al  Xijuög 
Tiva  xaxaXdßi]  xov  ocbjiiaxog   xcü  xov   ai'/iaxog   xov  Xgioxov,    6  de   35 

1  ^  roiavrr]  xwga  eoxl  add  J  —  xal  ol'av  t>jv  J,  ol'ar  D  —  1-2  ^oSo/iit- 
TÖJv  yevBoßai  rpaoiv  /uezä  D  —  3  01»  (pvatg  D  —  9  ey.ä/.saa  J,  eLiov  D  —  20  inde 
ab  Sajiaväoüai  usque  ad  eh  eavTov  de  eXüwv  (p.  111,  35)  in  cod.  J  lacuua  ex- 
stat  folio  decerpto;  expletur  ex  cod.  D  —  23-'25  apographum  phototypicum 
laesum  est;  quae  unci.s  iiiclusimus,  restituimus  ex  Photio.  —  24  Ttaqwoi  D, 
jiÜQsoTi  Phot. 


Texte.  1 1 1 

fivoTijg  y.fd  OiaoiÖTtj::  ty.xhjOfi  tojv  avmiy.wv  djio'/jivouov ,  orar 
äno  ocoqpgord)}'  GvvaQid^i.Li]i^rj  loTg  nogvoig  xal  äno  xfjg  oe/Liv6rt]Tog 
eig  uHni)aooim>  ty.Tteoi] ;  rovxo  ovx  eoTiv  uvaXayoni  ri/v  ovolav; 
ovoiar  Ttjv  nvkov,  tijv  v:z£(2x6ofuoi',  rrjv  eJiovQaviov  fj  xard  oi'y- 
s  HQiaiv  ovöe  ndvzeg  ol  rov  xoojuov  diqoavQol  :naQauexQ)]§fivat  dv- 
ravrai;  -ov  /.lev  yaQ  ovv  yh'oir'  äv  Tavirfg  oixrgoreoa  Jievla  ovöe 
yv/La'ozrjg  f^inXXov  doyi]fUov.  fOTid&\)oe  y.ai  6  Möd/t  t»)v  ovoiav 
yaxcog  xai  Tidoifg  7iaTOix)~jg  ovoi'ag  E^en:eo£  xal  vneocoolüf})]  xou 
r[ayxd?i.ov    ycoQiov    ojzeg   6   d'cög    iysojgyrjoe  xal   rfj    oixeia   ooqMfx. 

10  (pvTEVoag  Jiavroicov  ßXaort]/udTCOv  dneöei^ev  Evq)ogov.  yviivoidEig 
de  jido)]g  TiegißoXSjg  tTj  oixrgä  oxem]  tmv  rpiOdcov  fjayvvETo  nXeov 
T)jg  yvi.iv6T}]Tog  igv&guov  tco  oxETrdoiKtxi.  xoiovroi  xal  JidvxEg 
dfiagxcoXol  dno  viöjv  jiuo&ioi,  djib  evyEvwv  ädo^oi,  djio  iXsv^EgMv 
öovX^oi,    djid  TiXovoioiv   nevi^xEg,    ovxexi    övvdjuEvot   XJyEiv  xd   xfjg 

15    ovvi'i&ovg  7iagg}]oiag'  ,7idxEg  i]jinov  6  iv  xoTg  ovgavoig.'  .Matth.  e, & 

,Kal  ^logEvdEig  ixoXX/j&t]  evI  xöjv  jioXixcöv  xrjg  ycogag 

EXEivi]g,  xal  ETiEjui^'EV  ainöv  sig  xovg  dygov g  avxov  ßöaxEiv 

yoigovg.'    dsivög  ovxog  6  noX'ixr^g  ndvxag  xovg  docoxovg  ovvdycov 

xal  TTgooiejiiEvog  xovg   dTToxugvxxovg   xal    xovg   7iaxga/,oiag   eXxoiv 

-0   Tigog   iavxov   xal   ttejuttwv   erg  dxtuovg    jxgd^eig.    ijTio)]uaii'£xai    de 
öxi  yoigoiv   eoxIv  6  dyE?Mgy}]g,    ov   Ttgoßdxoiv  7ioifX))v'    Txgoßdxoiv 
hev    ydg   xcTyv    ?.oyixcov    rcoijuijv   6   Xgioxög    XJycov    ,Ey  di    ei  tu    ojoh.  10.12 
rroijtiiji'  6  xaXog.'    ovßo')xi]g  dt  ö  ötdßoXog,  6  cfü^og  xcöv  yoigojv.  )) 
ov  jiiejnv7]oai  6  dxgoaxi'jg,  6x1  fjvixa  xbv  daifwviöjvxa  E&egdTiEvoev  },iaxc.  h  isqq. 

25  (5  Xgioxög,  xbv  (foßegbv  exEh'ov  xal  avyiiuhdy^  xbv  djib  xcöv  fxvi]jU£- 
ia>v  ixjxooEvojLiEvov  7ragExdX.ovv  01  aTie/ModevxEg  daijiioveg  —  r]v  ydg 
q?gaxgia  TTvevfidxon'  —  dTreXdelv  Eig  x))v  dyeX^ijv  xcov  yoigojv  cbg  Txdv- 
TCOs  q'^iXwg  syovxeg  Tigbg  xavxa  xd  (^coa'  xal  ydg  errgeTiE  xovg  dxa- 
d^dgxovg  xoig  öjaoiotg  Errarajiaveoß^ai.    djiEoxeXXev  ovv   xbv  ä&Xiov 

30  veavioxov  ßooxEiv  yoigovg.  cpev  tj)<?  ovi^ixpogäg,  cpEv  xTjg  dd^Xioxrjxog. 
juexd  x)ji'  Evöatpoviav  ixEivrjv  ovßcbxi^g  öjiiodiaixog  xcoy  yoigojv, 
Eo&kov  XEgdxia,  i^wygbv  xal  äxgoq)ov  ai'ÖEOjua.  xoiavxr]  ydg  xal  y 
xrjg  duagxiag  dm'>?.avoig,  fjöeJa  jxgbg  öXiyov  xal  ovdev  xb  ygijoijiiov 
eyovoa. 

35  ,Eig  eavxbr  öe  eXOcöv.'    xaX^g  xb  ,Eig  iavxbv  iX&cov'' 

(hg  ydg  01  daijiiovcdvxEg  £^a>  xcöv  cpgEvööv  Eioiv,  ovxo)  xal  ol  xoTg 
Tid&Eoi  xcov  afxagxicöv  xaxE^öjUEVoi.  £ixa  xfj  /xexavoiq  :^gbg  diog- 
-dcooiv   EJiixXtvavxEg    oiov   ex   ^uaviag   xivbg  xal  nagacpogäg  dvav/j- 


20  Tieiczcov  D,  .-Taoa.-T£aj[coy  Phot.    —    35  a  voce  ^a?.io;  rursus  incipit; 
cod.  J  —  y.alwg  ro  ,etc  lavxov  i/.dcov'  cm  D  —  37  r/]  om  D  —  zijv  StoQd".  D. 


112  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

(fovoiv.  duijitovä}'  yuo  äh]döjs  ov  rovro  fiovov  eotI  ro  y.aiaTiijxieiv 
y.al  vXaxreii'  xal  a.q)QOi  Tieoiooeloßai,  äXXä  rb  ivegyeiodai  oXcog 
jiaoä  Tov  7Tovi]Qov.  daiiioycörra  y.a/.co  rbv  yevoT)]}'  y.al  ß/MO(f)]f^iov 
y.al  Tileov  tovtojv  tov  ttoovov  y.al  tov  /nor/or,  rbv  vjioy.Qixr]v,  xbv 
7iXeovey.Ti]v  y.al  Tidvia  aTr/.ojg  rbv  iy  tcov  yeioovcov  yvojQiCoßevov  * 
äv&QWTiov.  ovTO)  TOI  y.al  6  Ilergog  Tidvra  äk/.oxQia  tov  ßov/jjifarog 
TOV  ßsov  eidojg  elvai  tu   tov  oaravä  :TQbg  tov  leooovkov  'Avuriav 

Act  5,  3, 9  oi'TCü?  (pi]oiv'  ^Avavia ,  Ti  oTL  eJieiQao e  oe  6  oaraväg  yjev- 
oaodai  oe  Tb  Tivev aa  to  äyiov;'  xal  6  y.vQiog  eig  rb  nvQ 
:iiatth. 25,  41  ^Tfc'^Tro))'  Tovg  uiiaQTOiXovg  äyyeXovg  avrovg  tov  diaßölov  y.aX.ei'  lo 
oy.evi]  ydg  eioi  Tijg  iy.eivov  ßovh']oeoig.  y.al  6  'lovSäg  ov  tzooteoov 
h/EVETO  7iQod6Ti]g  TTolv  TO)'  oaTaväv  Eig  avTbv  eIoeWeIv.  xal  6 
'Adäju  ovy.  E7iEdviJii]OE  tov  ^vlov,  ,U£XQ^^  ^^'  ^  bcpig  Jigbg  Triv"Evav 
cbfii?j]oe,  y.al  Tiäoa  y.axiag  äcpooai]  än^  iy.Eivov  e'/ei  rijv  giCav. 

Ka/.cog  ovv  eJjie  jteqI  tov  juETavoovvrog '  ,Eig  iavrbv  Öe  i-' 
Eid  cor''  juovov  ydg  ävEvyt^e.  ß?JjiE  olovg  Jigbg  iavrbv  diE^EQ'/erai 
Xöyovg  7zdoi]g  yEi^iovrag  oo)q?goovvi]g  xal  ovvEOECog'  ,716001  f.ti- 
oßioi  rov  TiarQog  juov  TiEQirrevovrai  ägrojv'  Eyo)  Öe  Xijuoj 
äjiollv uai'  dvaordg  jTOOEVGo/nai  Tigbg  rbv  narEQa  juov 
xal  EQÖJ  avrcp'  ndrEQ,  ij/xagrov  sig  rbv  ovQavbv  xal  evch-  20 
ni6v  oov.'  EvyE  rrjg  juEraf-iEXEiag,  Evys  rön>  oojcpgovojv  Xoyio/uwv 
,u(pEg  rbv  Tiolmp'  rbv  ^Evoig  eyovra  Ttgbg  oe  xal  ävdlvoov  jigbg 
rbv  TiarEga,   xardhue   rovg  yoigovg  xal  eXOe  7ig.bg  rbv  rcöv  Tigo- 

^loh.  10,12 ßdrojv  ÖEOTionjv  rbv  XJyovra'  ,£yd)  eijlii  6  7ioif.ii]v  6  xaXög',  xbv 

dEvra  r)]v  if'vyjjv  avrov  V7i£g  rcöv  Tigoßdrwv,  rbv  XJyovra  7Tgbg  Ilergov   25 

Joh..  21,  ib  Eiijue/.cög  rgiTov  ,ß6oxE  rd  dgvia  pov.'  ETiaivov  öe  d^ia  y.al  i) 
ty.£T)]gia'  ovxExi  ydg  iavrbv  vibv  xaX.ET,  d?J.d  yi\uvoT  rov  d^ioj/iiarog 
ixojv  öid  ra7iEiv6Ti]Ta'  juiodojrbv  öi  övojudCsi  yMl  Tidvrard  rrjg  drijuiag 
övö/Liara,  iva  fjjuiv  v7ioygd(pii  6  /.6yog,  OTicog  Tigoorjxe  xarajimrEiv  xal 
raTiEivovodai  rbv  äftagriag  d/.oqvgo/iEvov  tto/./.oI  ydg  rcöv  ri/g  iiEra-  30 
voiag  ygij'Covrcov  oyjj/ian  uev  6i.io/.oyovoi  rijv  ETTiorgoqt'iv^  rolg  Öe  i'g- 
yoig  rd  rcöv  dxarayvcboTcov  igydCovrai  öjuoicog  ll,ci)vr£g  roig  rbv  ßiov 
xadagbv  e'yovot  xal  ndvr)]  cxvETii/jjTTToig ,  yaigovrEg,  yavgicövxEg, 
rjdvTTadovvTEg,  ovöe^uuJ.  dyj})]d6vi  xaraöixd^ovTEg  iavrovg,  dX.Xd  rcb 
bvc'j^iarL  jiiovcü  rov  fXEravoovvrog  dgxovfiEvot.  1)  di  TiagaßoXJj  avri]  as 
xavovi^Ei  rbv  ßiov  yjiicöv  ÖEixvvoa  cbg  ov  ÖeT  rbv  i^UEOvjiiEvov 
ovÖe  UTEvig  ßXyETTEiv  Eig  ovgavovg,    d).Xd  rcb   Egv&gicövn  ßXEjujuari 

3  post  daifioröJt'Ta  interi)onitur  in  cod.  D  vitae  Tarasii  cap.  13 — 33  — 
G  TOI  cm  D  —  SSiä  xl  K.-i'/.t'jOcooev  6  oaraväg  lyv  naQÖiav  oov  cod.  D 
scrijjtuiani  sacram  niagis  seiutu.s  —  15  ovv  om  D  —  16  y.al  ßXe:ie  D  — 
33  :T(xrT>j  ure:nh'ir[TOii;  J,  ursaü.>}:iT0v  D  —  35  fiövfo  J,  ftöror  D  —  avn]  om  D. 


Texte.  115 

TO  T>}s  V'^X'7^  jioji'veiv  a.:Taoo)]oiamov  y.al  xbv  xeXwvrjv  txeXvov 
Ci]XoL'v  tÖ)'  cijiia  rä)  fPuQioaio)  y.aTaXaßovra  rov  xotiov  xfjq  tiqoo- 
ev/fjg,  TiQog  yfjv  de  OQÖyvxa  y.al  hl  /lovfo  xeygij/ierov  hr/o)'  ,n 
äeog,  lXa.Gdrjxii.ioi  x(p  ä fiagxoXoj.'  I,c.i8,i3 

5  J/fTct  de  xovxo  bga  Jicog  ev  xqj  tiqoocjjico  xov  jiaxQog  xov  i}eov 

ötayQikpei  xijv  uyad6xi]xa'  ov  yag  jLievei  ßaov/iDjvig  ^,-naxoerporxog  av- 
xov  xov  Tiaiöog  ovöe  u7Tooxoe(pei  elg  xd  öjzigoco  xijv  yE(fal}]v  [6  Traxi/Q] 
Tj  äjioy.Xivei  xi]v  ovvxvxiav  —  xoi'xo  di]  xö  xöjv  ÖQyiCojuevcov  e^aiQexov, 
—  äXlii  ßettod/iievog  eoyofievor  jrooovjtavxä  ov  TiQUCog  ßaöiQcov  ovöe 

10  oyo/MioxEgov ,  (tkXd  xolyojv  t'ra  ßäxxov  nTioXdß)]  xbv  7iXav>idivxa. 
y.al  ovjLißaX.ihv  ov  gadi\uü)g  dojidCexai,  äXXu  x(p  avyjvi  xb  7io6- 
oüiJiov  ijiidelg  y.al  öXcog  öXco  TieQiyv&elg  dax^iXeg  Liiggel  xb  ödxQvov, 
(ög  Tiov  7ie7ioi7]Hev  ev  Alyvnxo)  xal  'I(oor](p  xbv  Bevia/nlv  d^eaod- 
jiievog'  didcooc  de  xal  (piXi]jua,  xfjg  xaxaXXayrjg  xb  ov/ußoXov.    eX>.e- 

15  eivd  de  xov  Jiaidbg  exi  q^'deyyoj.ievov  xal  TioXXfjg  drioXoyiag  yefxovxa, 
ejiixöipag  avxov  x)]p  ixeoiav  tyxeXevexai  xoTg  olxexaig  [6  naxrjQ] 
oxoXijv  x}]v  TiQo'ixijv  xof.iiaai  xal  öaxxvXiov  xal  v7todii)fjiaxa,  ästo- 
öovvat  de  avxco  xi]g  ngoxegag  xijn)~ig  xi]v  d^iav  xal  xaxaxooiirjoai, 
cbg   eixbg ,   xbv  gvncövxa   xal  xaxijjiteXijjuevov.    /uexd    xavxa   xeXevei 

20  xal  ovjiiTTOOiov  evxgejiioOrjvat  xal  xgdjieCav,  Iva  Jioixüaj  OegaTieia 
y.al  de^icboei  Xvoi]  xov  7i?Mvi]devxog  xi]v  ovjucpogdv.  xavxa  de  ndvxa 
ovy  (bg  da]y)]jna  ev  xw  xoivoj  äveygdqi],  «/A'  exaaxog  Xöyog  yejitei 
ßivoxi'igia  y.exgv/.ijnev)]g  dXXr]yogiag'  .-xagaßo/Jj  ydg  eoxiv,  cbg  Yoxe' 
jiäg  de  nagaßoXuxbg  Xoyog  e^  äXXcov  xcbv   (paivojuevayv  Jigbg  exega 

25  fivoxaycoyel  xd  vooviieva.  ,e^eveyxavxeg  x))v  oxoX}]v  xr]v  7igd>- 
x)jv'  XI  ßovXexai  xovxl  xb  al'viyjiia;  i'o/uev  oxi  Jtäg  6  xov  Xovxgov 
xvyydvoiv  xfjg  JiaXiyyeveoiag  evdvexai  ydgiv  dvcodev  xal  dnoaxiXßei 
xcp  xaiviojuöj  xal  TxegißdXXexai  rb  xfjg  äqßagoiag  ijudxiov.  xovxov 
de  ovxcog  eyovxog  eTieiddv  eig  xbv  ßogßogov  xaxa:Teoi]  xfjg   äjuag- 

30  xiag,  ygTi%ei  ndXiv  xov  xbv  7it]Xbv  exxa&aigovxog'  eneidi]  de  Xovxgbv 
devxegov  dt'  vöaxog  ovx  k'oxiv,  loodvvajiiovoav  exeivcp  ßoi'i&eiav 
6  debg  x)]v  /.lexdvoiav  edojg/jaaxo  fjxig  xd  jLioXvojuaxa  f]jiiojv  xco 
daxgvcp  ixjiXvvovoa  ndXiv  xa&agovg  dnocpaivei.  ■t]Xde  xoivvv  6 
d/Liagxoübg  xal  ngooejieoe  xal  xfjg  xijiuag  oxoXfjg  anoXaaßdvei  xbv 


1  fir}vveiv  x6  rijg  ifi'X'ti?  o.Ji.  D  —  B  oQÖJvra  D,  oqüv  J  —  fiörco  J,  ftö- 
rov  D  —  5  rov  jiazQog  Sga  jicög  rov  ^eov  D  —  6  —  7  tov  nai86?  nQooäyovxog  D  — 
7  elg  zä  oniaaoi  om  D  —  o  :iax}]Q  add  J  —  9  nQOOvziavxri  J  Phot.,  v^tavzä  D  — 
HOL  nwg;  add  D  —  12  ömpiksg  om  D  —  13  y.ai  om  ü  —  14  rö  (pü.tjfia  D  — 
15  Ti)g  ujio/.oyiag  D  —  19  ä:^7]fiE}.7]usvov  D  —  22  ysf-iei  om  D  —  26  ri  ßov- 
/.Ezai  rovzl  z6  atriyfia  om  D  —  29  y.azeaeoe  D  —  30  y.aüai'oovrog  D  —  31  ()i 
vdarog  om  D. 

T  .u.  U.  '13  :  Bretz.  8 


114  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

xoojuov.   ejieid}]  de  ir  rf]  ydgni  rjjg  vlodeofag  ico  nvEVfimi  ocpgayi- 
Co/us-da,  idödi]  xal  6  daxrvhog  xcb  veavioxcp,  ovjußolov  rfjg  vo}]Tfjg 
dcoQsäg    elg   i)v   anoy.adioraxai'    xb   yäg   Tivevjua   xö   äyiov   ä(pii]oi 
xbv  ev   xaxf]  Co:>fi  ävaoxQexpojuevov    Sajieg   xig    negioxegä    nvqyov 
eg9]ß(jo&evxa    xal   ov   jiqoxsqov  vjiooxgecpei ,   ttoIv  äv   cpiloxah^dEig   5 
ävaxojuiodfj ,    äocpaXio&elg  juev  xäg   aioß/josig   cbg   ßvQidag    di'    (bv 
axcoXvxcog   tiqoxeqov   eloeQQvrj  i)  ä/iiaQxia,  XajujxQvvß^elg  de  xfj  eni- 
oxQocpf]  cbg  6  dlxog  xj]  Xevxij  xovia.    ngoocpegexai  de  avxM  xal  xa 
vjiod/jjnaxa'  diä  xi;    Taxe    yäg    v/xelg,    olöa  oacpÖK)   oxineg  eXeyd)] 
xcp  öcpei  xrjv  nxegvav  xov  äv&gcojiov  xi]geTv  xal  xm  dv&gd)7iqj  xi]v   lo 
exeivov   xecpakrjv,  xa^cog  ev  JTeveoei   q^rjol'  ,ov    xt]gi)oeig   avxov 
xe(paXijv  xdxeTvog  xi]gyoei  oov  nxegvav'. 
Gen.  3, 15  Tovxov  de  ovxwg  eyovxog  eX§cov  6  ädeXq?ög  avxov  xal  xavxa 

löojv    eßdox7]vev.     xovxo    de    x)~jg    oxaiäg    xal    äxiaidevxov    yvcbiLii]g 
eXeyyov  eyei.  xalxoi  et  xal  jLuxgbv  avxog  xi  nageßXänxexo  juegog,  e'dei   15 
juij  dvoyegaiveLV,  äXXd  cpegeiv  yevvaiojg  xal  xTjg  6Xuyi]g  ll,t]^dag  xov 
ädeX(p6v  jigoxijLiäv.    vvvl  de  xfj    äXXoxgiq    (piXoxijuia  ßagvvexai,  eq?' 
oig   avxog    ovdev   ^yj /jLiovxai ,    xal   diaggiqyvvxai,    e<p'  olg  6  yvjuvög 
Evedv-df]  xal  6  Xijucbxxojv   Exgdcpi]    xal  6  äoixog   Evgev  eoxiav.    xal 
xavxa    6    ddeXcpog'    f\    ydg    7igoo&i)x}]    xov    yevovg    diJiXaoidCet   xö   20 
eyxX)]jLia.    xoiovxovg  eyoj   xaxev6)]oa   xal   xovg   egydxag  xov   äf.i7iE- 
tth.  20, isqq.  ^cöj'og  Tiagd  Maxdaiq^'  xäxel  ydg  ijiEidfj  oi  xi)g  evdexdxt]g  egydxai 
i'oayg  exi/urj^rjoav  xfj  xov  olxodeonoxov  (piXoxijiäa  xoTg  dnb  x'^g  xgixi]g 
öjgag    äfi7ieXoi>gyovaiv,    01   jiikv   dyavaxxovvxeg    diaggijyvvvxai    xal 
jLivgia  oiexXid^ovoiv ,    6  de  xvgiog   xov   dixjieXön'og  ngavxtjxi  ojliov   25 
xal  dixaioxdxji  avxiXoyia  xcov  ßaoxdvcov  xa&dnxexai  Xsywv  ,exaige, 
ei  juev  iXaxxcb  oov  xbv  ovfKpojvri&evxa  jiuo&ov,   jueju(pov   xal  äya- 
vdxxei'    et  de  xal  6  obg  novog   ovx   äxagnog,    xi  XvJii]    et   ij?Ji]oa 
xbv  ßgadvvavxa;    ijubg  6   nXovxog,   /uij    ydg  oi]    f]  dajidvt] ;    xaxo- 
xgoTtov    xaxi]yög)]iua    xb   Xvnelodai   im   xoTg    dya&öig   xov    nÜMg.'   so 
xai  juoi  doxei  eixoxwg  xig  xal  jrgbg  xbv  ddeXipbv  xovxov  xoTg  6/uoioig 
yg)]oao&ai  Xoyoig  oxi'  ,&  ßeXxiare,  ovdev  y  oi]  iX.axxovxai  x)j]go- 
vojuia  oi'de  y  xtjiii]  ovde  fj  dö^a  did  x)]v  xov  exjreoovxog  ocoxygiav' 

1  rfj  om  D  —  !3  anoxadloxarai  D,  a^toxadioraTO  J  —  6  m'ay.Ofiioßf]  D, 
>:axaxoaixf]^i]  J  —  9  oidare  ort  rtö  öqyei  s^J^ß^r]  D  —  10  reo  drdQcoJio)  D,  o  äv- 
■Oocojiog  J  —  13-14  fjxsv  i§  dygov  6  jigeoßvvsQog  viog  xal  ü)g  ijyytoe  rfj  otxia, 
i'jy.ovoe  ovf.iq)Oiviag  xal  yoQÖJv  ä  xal  dxrjxoMg  xai  idcov  ißdaxtjvsv ,  £9?'  oig 
edsi  ixüDmv  avyyaiQsiv  xal  ri]V  enl  zu  ddsX(fco  ov/LiTtadij  yrcofitjv  rov  naxQog 
UTiodexsodai  D  —  14  Tr}?  oxaiäg  xal  djTaidsvrov  yvoj/Lii]g  xul  (j^ßoregäg  D,  ZTJg 
oxaiäg  yva)/.it]g  J  —  16  yervaicog  J,  i'jdicog  D  —  19  xal  o  Xi^KÖrrcov  ergärpt) 
om  D  —  23  T»]?  om  D  —  29-30  >)  xaxoTQo.-rov  D  —  31  n?  D,  rivä  J  — 
38  ix  rov  TiEoövrog  D, 


Texte.     .  115 

jui]  joivvv  h'JTElioj  ae  i)  tov  jraTQoi:  Hyafl6r)]g,  €i  Tieody/rni  rnv 
övoTTQayipavTog'  6  yuQ  eAemv  oi<  dixdCfi  uftu  äy.oißelnq,  nkkä 
(fiXavdQO)jTO)g  '/^aQÜ^eiai.''  xal  ravia ,  orav  i'rruoyjj  rraTy/o  (ooTTfo 
Ttri  ßia  jTQog  ibv  oIxtov  i2.x6ji(€rog. 

b  'iJgyio&i]    de   xal    ovy.   ijßeÄev   eioeXlHlv    o    dl    TiarljQ 

ii:el{}(OV  TiagexuÄei  avTov.'  (o  naToog  ayaßoTijg  Jigög  ovo 
Tidßt]  Th'xv(ov  juegiCo/iev)]'  rov  jukv  ydg  öe^iovrai,  h>a  Jiavoi]  rcöv 
uoyßiov  rbv  de  naQaxaXel,  Tra  Tiavot]  nov  (ji%v(i)V  xal  yaQ 
df/  6o)jToc  f]  oQyij  (paiveiai  rov  drÖQog,  cbg  eon  xariöeTv  ex  tcop  ?i.eyo- 

10  aevMV  ,öt£  de  6  vl6g  oov  ovrog  6  xaraq)aydiv  oov  rov  ßiov 
iierd  7TOQVC0V  fjXd^EV,  ed^voag  avTM,  ff)]oi,  rov  jLidn/ov  rov 
r,  ire  vrör.'  dxoißcög  rd  g/jfiara  ravra  t)jv  T)~jg  ywyjjg  deixvvoiv  dya- 
ydxTtjoiv  xal  vjt'  öyiv  äyei  rov  dv/ibv  ocfoaddQovia  xal  xvxo'jjiievov, 
(hdt'vorTa  de  exgay}]vai  xard  rd  ßiaia  rwv  Tirev/iidTOJV  d  xard  riva  rojiov 

15    dnoxleiodevra  dOgoop  fierd  TioXXfjg  ßiag  exdidorai.    öga  ydg  önag 

xfOf.icpde7  rov  ddeX(poii  rov  ßiov  rcöv  jioqvcöv  xal  rfjg  dooniag  jiiEjuvi]- 

uerog  xal  deargiCon'  rd  egya  rTjg  alayvvt]g,  eq)'  oig  eyQijV  eyxaXvTxreo- 

liaf  rd  ydg  rchv  oixeicov  ujuagr/jfiara  egvdgiäv  jroiel  rovg  jrgbg  yevovg. 

Ti  ovv  Ttaidevei  rijv  exx?a]oiav  rdde  XEyojiieva;  fujdejiore  övEi- 

20  dtCeii'  T(p  ddelq'cp  to>  ejiiorgecf  orrt  djrd  ßiov  qavXoregov  jUf]dE 
ETii^aivEiv  rd  rgavjtiara  avrov  raig  Aoidoglaig  jutjde  xaraioyvveiv 
im  q)ik(ov  rd  nagEXdovra  ixdüjyovjLievov,  dXXd  oi'jLijrdoyeiv  im 
roTg  jrageXd-ovoi  xal  yaigeiv  im  roig  nagovoiv,  öri  xaraXimov  rijv 
dvo/dav  ^7]XoT  dixaioovv)]v  xal  emyvovg  rd  jiX^jfmeXij/ua  imorgErpei 

25  Tigdg  dger/]v.  ravnjg  rrjg  yagdg  xal  ayyeXoi  pereyovoi  xal  fjdor- 
rai  roig  fieraßa?cXojuet'Oig  irgög  rd  ojrovdaTa,  cog  oacpdig  Tiagd  rrjg 
iieydXi]g  qcoviig  xal  dq'evdovg  jLie/naß/jxajiiEV.  eorco  roivvv  vjluov 
jiii]delg  vecoregog  rö  (pg6v}]f,ia,  jiDjdelg  rov  ßiov  äoonog  lojde  (pev- 
ycov   rov   Jiarega    fjjucöv    xal    ßedv    jrgog   öv    ediddyßijjiiev  Xeyeiv ' 

30   yTidreg    fj/xwv    6    iv    roig    ovgavoig.'    ei    de   rig    dcpgoovv]]   >;at -^latth.  6, 9 
(fiXi]dovia  xal  roig  ojuoioig  iveyerai,  VTroorgeipdrco  äjid  rrjg  igi]jnov, 
eXdero)  Txgog   rov  rfjg  ^coiig  ägrov  diiocpvycov  rd  xegdria,    dnoXa- 
ßerco  rd  TcaXaibv  d^uo^ua,  yeveo&o)  eXevdegog  xal  luog  dvrl  /.iiod^O)- 
rov'   eroijuog   ydg  6  nari]g   eig  qr'UavßgojTiiav  xal  dnavrä  reo  jlie- 

35  ravoovvTi  xal  TiEguirvooEjai,  öri  (piXojiaig  iorl  xal  dyaßog.  xal  avrco 
TTgEJiEL  Trgooxvrijoig  vvv  xal  eig  rovg   akorag  rcoi'  auovwv.    dii))v. 

5  djQyiadij  öt:  y.ai  ovy.  l'j\)eXfv  oni  D  —  8  tov  (pdövov  D  —  iioi'  /Liö-^§oir,  rov  Öi 
::iaQaxalsX  Iva  ::Tai'o>]  om  D  —  11  9:7/0«'  om  Ü  —  12yQ<xrf£i  zijv  tj)^  if'vyj)g  dy.  D  — 
18  -Toö?  ysvog  D  —  22  ä/./M  y.aialeyPAV  i.-il  roTg .-raos^.Oocotr  o'tc  D —  27  dcötädyfis&a  D 
—  viiöbr  om  D  —  28  i'/fiöJv  xui  Oeov  om  D  —  30  y.ul  om  J  —  31  sqq.  ei  ive/öufro;, 
v.-TÖoTQSipov  —  e/.dk  —  duö/.ußs  —  ysrov  D   —   32  tTj;  Ccofjg  om  D  —  qvyo'jy  D. 


1 1  ß  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 


II. 

'Aozegiov    ethoxÖtiov  'AjLiaoeiag   Äoyog   eig  t6  "AvdgcoTioi    ovo   äve- 
ß)]ora'  eig  rb  legöv  rov  Tigooev^ao^m,  6  elg  ^agioaTog  y.al  6  hegog 

Te/.cov)]g. 

0e/J]oag    Txaidevoai    rovg    oixeiovg    f^ia&i]xäg    6   XQioxög    y.al 
dl  ixeivojv  yjLiäg   zöv  jieqi   rfjg  Jigooevyjjg   öidd^ai   Xöyov   er   övol    5 
TxagaßoXalg    tov    oy.onov    xov   07iovda'Co(.ievov   xazey.keioe'    rö   /.ih> 

Luc.  18, 1—8  yag   evrovcog   Jigooev/Eo&ai   xal   xagzegeiv  did  tov  ygixou  y.al  xrjg 
yJigag    diöd^ag    fjjLiäg,    rö    de     juer'    evXaßovg   xPjg   yvü)jia]g   xovxo 

Lnc.  IS, 9- 14  Tioielv    did   xcov  ovo  ävdgö)v   xcöv    eig    x6    legör    äveld^ovxojv ,    xov 

^agioaiov    xal    xov    reXmvov    (ptj/ui,    cor   i)    öoy.ijuaola    jigöxeixai,    lo 
ETiEiöi]  xal  x6  avdyvcoojua  vvv  ijiavoaxo  xd  xax'  exsivovg  dxgißöjg 
i^)]yov/.i£vov.    El  Öe  ÖoxeT,  Tigb  röyv  ä/Mov  ixeiro  diE/Mo)i.iEv,  Ö7io)g 
ägioxov   /gfjjLia   xal   xdkhoxor  y  evx^I  ^uvxayöd-ev    fjjuTv    xov   ßior 
xaxEvoöovv  xal  T)ji'  ooixygiav  äoq^aXiCojuEvov. 

"'Ägioxov  Toivvv  övxojg  xal  ngcöxov  ngbg  EvXdßEiav  yvco/uyg  is 
xal  (poßov  Oeov  xb  xavxyv  ovvE/cög  ävaxivETv  nag'  iauzoig  rip' 
Evvoiav,  öxi  Txoüj/uaxa  juev  yjuEig  xal  ^coa  imxijga,  ■&£bg  ök  xijg 
yjuexEgag  Cft>?y?  di]fA.iovgybg  ägioxog  xal  oixovojuog  ioxiv.  xovxo 
ouv  Tigb  ndvxüiv  xaxogdoT  fj  EvyJ],  öxi  ngbg  x)]v  k'vvoiav  yjuäg  rfjg 
äXtidEiag  yEigayojyei'  ovx  av  yag  xig  Ev^aixo  ovÖe  ovgavödEv  ai-  20 
xrjOEie  xä  ovjLKfsgovxa  jU)]  xavxijv  ngöxEgov  inl  xijg  öiavoiag  nXygo- 
cpogiav  Xaßdiv,  öri  eotiv  d^ebg  6  xrjg  ixExrjgiag  inijxoog  xal  dvvaxbg 
nagaoysh'  ä  aixEixai,  xal  xvgiog  xöiv  xad'  i)ji(dg  ändvxwv  xvßegvcor 
XE  d«  xal  {di)oixcüv  xal  ngbg  EVxX)j{giav)  äyojx'  xbv  ßiov  i]f,wjr' 
t  noXXdxig  ff  dnogga&vjuovvxEg  xal  dgaovvojuevoi  xal  ngbg  xb  25 
av^aöeg  xal  dÖEonoxov  f/jucov  xrjv  yvcojurjv  dndyovxeg  xal  dno- 
voiag  nXi]govju£voi  xijv  ipvyj)v,  inEiödv  xbv  vabv  xov  ß^eov  dEaoo')- 
l^iE&a  xal  did  xyg  dmg  Exeivi]g  r)~jg  Evyijg  vJiojH)'t]o&cöfiEv,  xfj  xXioEi 
xcov  yovdrojv  xal  fj  yjvyi]  ovyxaxaxXivExai  ngbg  evXdßeiav  xal  1) 
xEOjg  TM  avxE^ovoio}  '&gaovvojU£V)]  xal  ExßdXXovoa  t»)s  /nvt'jtojg  so 
xbv  xvgiov  äjiia  xco  äg^aodai  xrjg  Evyrjg  iniyiVMOXEi  xljv  eavxfjg 
öovXEiav  xal  ojonEg  degdnaivd  xig  EvxEX/jg,  ovxo)g  vnoninxEi  xco 
iavxijg  öeonoxjj.  xal  nXygco&EiGa  '&g)]vojv  xal  dövgjucöv  ei  fikv 
ovvEiööxi  nXi]jii,UEX)]itdxcov  jUEjuoXvxai,  aixEl  ndvrcog  xbv  IXaojubv 
xal  xi]v  dqpEoiv  rwr  ÖEOjucov   ei  Öe  xaOagEviEi  xcbv)  xoiovxcov  iy-   30 

25  sq.  djioQQu{^vfiovv-  /  -ovröfisj'oi  j  -dadeg  /  Tijr  yvco-  /  ö-to-  restit.  man. 
recent. 


Texte.  117 

y.h]fidr(oy  j  iiorov  yjn  :TQooy.vre7  jf  yov  imeo  JioXiTeiug  dxivdr- 
rov  xal  evmnßovs,  rmg  evtirpiag  jö)v  ävayxakov  tmv  öoa  ifj 
ir&dSf  diayo))'}]  yoQrjyn  ti]v  nvaxdoiv ,  xal  xarä  (pvoir  ovoa  y 
yvyij  öoi'h]  tote  TtooOeoei  rfi  xard   yyo)fiij}'   rrooc  to   TTOFnov  xai 

5  rnTieiroy  ug/iioC^Tai  oyijjiia,  örar  dia  t>]s  ^vy/jq  ovyxazax/jßHna 
T(p  owfiaTi  xbv  eavivjg  xvqiov  exkinagfi  ru  TTOoo'jxovrd. 

EvyJi  zoi'rvr  eonr  ärnyxala  t>)c  'C.(t)rjg  fjucor  ßoi'jdtia,  ö.-rlor 
xard  Tor  öiaßoAov,  ouüua  noog  deor,  did/i.e^ig  tov  loyixov  Cqwv 
TTOOs  TOV  nh]^iv6v  AÖyov,  dvaytoQYjoig  xal  Xi'j&i]  tcov  yifivoiv  TiQay- 

10  /Ltdrcor ,  ävodog  TTobg  ovoarov,  xaTa(f?QÖvr]oig  tojv  Ttagövrov, 
oixeuooig  TTOog  rd  i^ieXkovTa'  oiov  ydo  xal  to  oyfjjua  tov  evyof.ie- 
vov  xaTaro/joojiiev'  el  /.ih'  öo&iog  ei')]  6  IxeTeikov,  oXatg  favror 
diaxeivei  ngög  tov  deov,  ß?Jjiei  rrgög  ovQavbv  dreveg  ixeT&ev  cöoTieo 
did    xaTOJiTQOv    Tivog    rTjg    voijTijg    (pavTaoiag    evoJiTQiCojuevog    tov 

15  dogoTOV  x'/Jvag  de  Tioog  tov  avyjva  t)]v  xeqalrjv,  ey.xoejLOjg  xal 
jiiSTeojgog  oJov  dtd  T(rog  dlvoeoog  tov  vii'ovg  d:^)]QT)~iadai  öoxeT' 
avvsQeioag  de  xovg  Jiödag  xal  ovyxolX)']oag  xal  Tag  yeXgag  exoTe- 
Qco^ev  JiETaoag  eig  tov  deoa,  tov  oxavgov  to  Jidd^og  dxotßcog 
e^eixoviCei   tco    oyjj/iiaTi    dy.iv)]xog   juevayv    xal    Jiejrrjycog    xal    oiov 

20  j]?Mig  Ttol  TCO  (foßco  TOV  deov  Jiooojiejzeoortjjiievog  to  ocoita '  xar' 
exeivip'  ydg  Ti]v  cogav  fjge/iei  tcov  :nad(bv  >)  ^f'vyj]  xal  'davj.iaoT}) 
Tig  avT{]v  yah]V7]  tj/s  dxaga^iag  xaTeyei  oiov  ev  dxXvoxco  tivI  xa- 
'&cogiiiOjuer)]  huevi'  tote  ydg  xal  oagxog  eTiißvidai  oyoXd^ovoi 
xal  TiXeove^lag  egediojj.bg  ijgeueT  xal  ßvfiov  xiv/juaTU  xeyaXivcoTai 

25  y,al  Tidoa  gvnagia  Tikrj/u/iieXijjuaTog  äjioxXvo&eloa  Tijg  yvyijg  oiov 
ix  XovToov  Tivog  xadagbv  Tbv  ävdgwnov  aTioöeixvvoi. 

Kai  Tdya  xaXcog  ei'gijTat  Tb  tco  eoTavgcouerco  Tiagofiotov  eivai 
Tbv  evyöjiievov  xal  xoTd  Tb  oyt~/tia  tov  ooj/naTog  xal  xaTU  T)jr 
dtddeoiv   xTjg   yvyjig'    cbg   ydg  6  tcö    oxavgcb  Jigoo)]Xcü&elg   el  xal 

30  ogodga  Talg  tov  ßiov  qrgovxioi  ngÖTegov  jigoodedejuevog  i]v,  öjLtog 
Tfj  TOV  Tid&ovg  drdyxi]  Tiäoav  uv))j.a]v  tcov  TigayadTcov  tcov  äl/.oiv 
Tfjg  yvyfjg  exßakcov  Tfj  dXy)]d6vt  öeöovXcoTcti  Talg  oÖvvaig  xevxov- 
jiterog.  xal  oi'deig  jiih'  avTco  TOTe  (füauTog  ovyyev/jg'  ovdev  de 
Tigäyjna  ovTCog  e.-ndvjLi)]Tbv  xal  enegaoTov  {cbg  evgioxeir  xaigbv  vj 

35  oyoX)]v  ef^iTieoelv  tiJ  yvo\u)]).  dXXci  Tigbg  bvo  ovvTexaTai  oxorcovg' 
k'va  /.lev,  el'  Tig  noßev  e:iixovgi]{oig  /)  e)Xsv&ega}otg  {Tijg  xoXdoe)oig' 

24  xaixalh'corai  J  —  34  cü,  ergioxeiv  xaigov  >;  oyo/.rjv  siiTieoeTv  xfj  yvcöf-Cj] 
ex  Phot.  —  35  sqq.  ovvrsray.Tai  Tiä?  6  oy.o:^hg  avrcp  (pvysTv  ztjv  y.6}.aoiv  y.di 
däxTOv  ojisldeTv  tov  ßiov.  yal  ovSh'  e'rsoov  :iaoa  xavza  i.-tl  r;)^  dtavoia;  svoio- 
y.eiai  ?/  draaToitpsrai  tov  ioravocofth-ov  r/]  :Tooosv/fj  Phot.,  i.Ttyovoij.  .  .  })/.ev- 
digoiot;  .  .  «m;  stsq.  .  .  ßeh'  J. 


1  ]  8  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Aniasea. 

tTEQ{ov  öe  äne/^delv  ovvTo^iicog  rov  ßi'ov ,  d  t6  jtoöreoov  d/utj/a- 
vov.  y.al  ovdev  sregov  ^ragd  ravia  em  rrj^  öiarolag  rov  eoiavoco- 
juEvov  evQioxETai.  ovrcog  xal  6  yvi]oio}g  evyßfievog  ero  l^cbv  e^oiy.il^eTai 
rov  ßiov  y.al  naQOiv  ov  Trägeori  xal  SHÖrj/uei  rrjv  yfjv  In  eyeivijg 
el'vcog,  justoixiCei  de  iavrov  noog  rd  pe/J.ovra  rrj  diadfoei  rf^g  yvojiujg.     5 

£"1';^»)  To  rcöv  uyuov  ötiXov ,  ev'/J]  ^o  Tiävrcov  rcov  naregcji' 
i]ju(bv  öxvQOJjiia,  TO  TsT/og  tmv  jtiotcov  rd  äy.ardkvrov.    aihi]  robg 

Dan. -i  veavioxovg    exeivovg   rohg    rosig  rov   jiajucfdyov    jTvgog    vjte^ijyaye 
ore  cog  evaeßsig  xal  Eixoreg  vTiagy^ovreg  rov  deov  rijv  ärijuov  ely.ova 
rov  doyvQiov  ov  7igoasy.vv7]oav   ovök  rov  d^ebv  dcpevreg  xokh]raig   10 
oavioi  eldrQEvoav.    ravrt]  ijLKpQa^djiiEvog  {y.al)  6  Jigocp/jrrjg  rd  rojy 

Dan.  6  d{dajiidoTO)v)    &)]QiU)v   öiEcpvyE  orö{juara.     ev/Jj)  y.al   rov  'E^Exiav 

n.  Reg.  20  i}c   rcov    Tivkön'   rov   davdrov   JiQog   rov    ßiov   VTCEoroEipE.    y.al  noo 

)s.  10, 12 sqq.  70t'  ^ EQEyJov  rov  rjhov  —  /hixqÖv  ydg  ev  TiaoEoyq)   Jigog  ixEivovg 

ögärai  —  {eÖei^ev),  ort  dovkog  ion  xal  öovXog  ygEiaig  öjuodovkmv   i* 
vjii]0Er(bv   roTE  jUEV    ydg    Iva  'h]oovg   6   rov   MojvoEOjg   didöoyog 
ETiE^EAdi]  Eig  rslog  rij  rov  jioXifiov  EV}]jUEg(a  xal  r)jv  vixi]v  rEAEio- 
rsgav  igydotjrai,  eorrj  6  ijhog,  Iva  /.uj  övvf]  rayjwg,  d?i.kd  rf]  ordosi 
/uaxgvvi]  rov  ygovov.    Im  de  rov  'E^exiov  ävalverai  xal  Txavrayov 
cog  Ixhrjg  jigog  i]v  äv  xkrji^fj,  fiE-dagjaöCErai  ygEiav.    ei  avrE^ovoiög   20 
Eori,  (fi]oiv,  6  )j?uog,  jui]  M/xii^i]'  ei  iksvOEgog  deoTTorEiag  vndgyEi, 
ori'jTCO,    elys  övvarai,   rrjg   rErayjLiEvr]g  xiv)']OE(og'    ei  xvgiog  iavrov 
vndgyEi,  vvv  7TOü]odrco  ysi/ucJüva  T]  ev  yEijiiojvi  ÖEi^drco  -dsgog.    dkk' 
ovx    eariv,    ovx   Eoxiv    dvdyxaig   ydg    d?u'roig    dsÖErai   6   cpcüotijg' 
vojucp  dovXEVEi  rov  xrioavrog'  UTiagaßarog  avrco  rhaxrai  gvß^uög   25 
rcöv  xivrjOEcoV  xal  cooTieg  o  uvdgconog  rsrayfiEvco  vöjuco  yevvärai 
xal    cpdeigErai    xal    stoEgyErai    Eig   rov   ßiov    xal   jidXiv   dvaycogEi, 
ovrcü    öi]    xdxEivog    dvioyei   xal    övExai,    Xd/AJisi    cpaidgcbg   xal   rij 
ßa&Eicx  vECpEli]  xalvTcrerai  xal  roTg  Cfodioig  lyygovii^Ei  ygorov  cbgio- 
juevov  xal  jigodEojiuav  dnagdßarov    ravra   ydg  v/iöjv  rcbv  'Ekh]-   so 
vo)v   äxovoi   XEyövrcav ,    ort   röoag   i)/iiEgag   öidyEi  ev  reo  xgicp  xal 
rooag  ev  reo  xagxivco.  ei  ovv  ÜEog  Eoriv,  Ivoclrco  iavrov  rfjg  dvdyxrjg 
EXEivijg'  El  de  rovro  jui]  öinn^rai^  7ig6dr]Xov  cog  l'yei  xvgiov  rov  rfjg 
y,ivi]oecüg   avrcJj   xal   rrjg  ngod-EO/uiag   EJii&Evra   ri]v   nagaqyvXaxijv. 
^AkX'    EJil    rö   jigoxEiuEvov   dva/ivoojfiev   xal    f]jUETg    cog   xal   6   35 
1  Sam.  1  fjXuog    did    rov  'E^Exiav    ev^cxuevov.     £vyj]   xal    rov    ^ajuovi]X    i^ 

2-3  ovdev  j  ijil  /  -rov  exaravit  mau.  rec.  —  11  TavTij  i,u(/  g.  sciipsi, 
ramtjv  (pQ.  cod.  J  —  12  dda/ndaicov  scripsi  collato  Basil.  de  ieiun.  I  =  M  31, 
p.  173B;  cf.  etiam  Greg.  Nj'ss.  de  erat.  Domin.  I  =  M  44,  p.  1124C  — 
12-16  £1';^»/  xal  rov  ^EQsxiav  rcöv  :Tvkcör  rov  adov  uvsonaoe  xal  rov  ij?.iov  Jtgü- 
rsQov  (Iva  rä  ä?J.a  aviijs  egya  iäaco)  k'dei^ev  6n  Phot.,  fdei^sv  om  J. 


Texte.  119 

aToxov  yaoTQog  eig  rbv  ßiov  eio/jyayev    aihi]  xal  tov  äXXov  jiqo-. \on. 
q^)]T)]y  ix   davanjffOQOv  yaoTQog  rijg  tov  y.}'jTOv<;  eig  yfjv  xal  xovg 
C(~)VTag   ärßocoTTorg    i^/jyaye'    xal    el'  rig   tcTjv    Exdvi]g   ■dat^udrojv 
i}f/.ijOEie    öie^(h'ai  r/yr  öi'va/iti}',   7T?Sjßog  jtih'  'ioTOoi(~n<  nvaQi]TijOEi^ 
5   jiii'Qiag    de   Tiagaß/joeTat    /.laQTvoiag  tcov  öi'  airnp'  evöoxij.a]x6TOiv 

ävÖQMV. 

"Aqiotov  öf-  xal  Xiav  eTKnqekeg  ro  /ueid  rajieivov  tov  r/Qov/j- 
jitaxog  TavTi]v  äaxeTv  eoTi  ydg  ti  jigdTTeiv  xal  julj  jiotovvTa  xaXöjg 
dq^avi^eiv  xov  tiovov  ,    cbg  ex  xi~)v  ngoxeijuevcoi'  71qoocoko)v  Qadiov 

10  eoTi  ovviöeXv '  t/)  arnfj  ydg  on^ovöfj  '/oi]odjiievoi  6  0agioaiog  xal 
6  TeXonn]g  eig  t6  legöv  JiageyevovTo ,  fieTa  Tijg  öjLioiag  de  (otiov- 
drjg)  ev$djue{voi  eig)  äXlo  Ti'jg  exßdoeog  dqpixovro  TeXog.  6  fxev 
ydg  eoTi]  yavgicov  cbg  öovXog  avdddi]g  ovx  exXiTiagöxv  tov  öe- 
OTxoTtjv  ovöe  eTzixXivcov   r/y   TajieivoTrjTi   rfjg   yvcojurjg  xijv  tov  deov 

15  egovoiav,  ov  ^i^tmv  d  in)  er/er,  dXX'  d7iagi&iuovf.ievog  d  xarojg- 
düioev  ov  TcagaxaXMv  Iva  eXeiißf],  dXXid  Tio^iijrevojv  i'ra  inaiveßfj' 
,ev xagioTCÖ  ooi,  6  d'eog,  oti  ovx  eljxi  cooneg  oi  Xotnol 
xcöv  dvßgwTiMv,  ägnayeg ,  aöixoi,  juai/^ol  i]  xal  cog  oinog 
6   TeXü)vi]g.    nolov    öyxov    dXai^oveiag   ovy^    vjiegßaivei    TaTna    rct 

20  g/jfiaxa;  Tiva  de  /.ieyaX.oq?goovrrjg  v7iegßoX)]v  6  ^agioalog  dffTyxe; 
/.toyov  ydg  eavTov  ndvTCOv  vjiegfjgev  dvßgcojicov  tü)v  ooovg  eiy^ev 
ex  Jiegd{T)ü)v  6  xöojuog,  xal  ovoTyoag  {eav)röv,  (bg  evöjuiCev,  im 
{Ttjg)  xogvqfjg  tcov  xaTogßcojndTMv  {ii'ey)ei  Tovg  äXXovg  ff  xal  Tfj 
xoiXddi  TOV  xXavßacovog  ivegjiovTag'  iji^iaxdgiCe  de  eavzov  cbg  deov 

25  TiagaoTdxriv  xal  cpßdoavTa  ngog  tö  vipog  t6  roTg  äXXoig  dvecpixTOV 
el  ydg  ijiiOTriaag  t)}v  didvoiav  xaTcx/iiddijg  ti  ioTi  t6  ,c6o7ieg  ol 
Xoinol  TCOV  dvß gcüTicov',  evgi'joeig  cbg  ovdeva  ö/liotijiiov  eavTco 
xaTeXine.  ndvTag  de  xAtco  xaTaXuncov  dveßi]  t7]v  xogvcpt^v  cbg  6 
Mcovofjg,  oTe  tov  Xadv  oTijoag  TTegl  TOvg  jcgojiodag  juovog  im  xrjv 

30  dxgav  dvedgajLie  tov  2!ivä  dovyxgiTov  Xaßojv  Ti]v  ngög  -ßeöv  Jiag- 
g)]oiav.  jueTgicoTegog  d'  dv  ))v  xal  (pogi]T6g ,  et'ye  tov  äßXiov  Te- 
Xcbvi]v  dcpyxe  z/]g  Tiagoiviag  eXevdegov  vvvl  de  evl  X^öyco  xal  tojv 
dndvTCOv  xaTe^avioTotai  xal  tov  JiageoTCÖTog  im^aivei  tu  Tgav- 
jiiaTa,    öveidi^cov   avTco   Tag   äjuagTiag  xal   ijiejLißaivcov    ßgijvovvTi, 

35  TzaTCOv  TOV  xeiLievov  xal  emciXeycov  tov  xexaviievov  xal  imocpiyycov 
TOV  dedejiievov.  tov  de  fpagioaiov  /.ieya?MV)rovjnevov  Jigög  tov  ßedv 
ovTog  TO  OTrjßog  exojiTe  tTj  yij  Jigooegeioag  tov  öcpßaXuöv  xal  ovde 
Tigög  TOV  ovgavbv  dvaßXJjieiv  ToXfxcbv,  to  ovvdovXov  Tioiijjua'  cpvot- 

8-9  EOTI  xal  .-TQiJTTEn'  TI  rij  (pvoei  y.a'/.ov  xal  tu)  Troiovria  xa?M;  d(pa- 
vi^eiv  roi'g  :i6vovg  Phot.  —  12-14  litteras  ä?J.o  Tt];  -to  ts/.o;  -oimv  cbg  '  oi'x 
ix  I  ov8s  l  vÖTt]  restit.  man.  rec. 


1 20  Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 

/iwg  yuQ  Ticog  oi  tco  Öfotiotj]  TiQooy.oovoavTeg  y.al  rovg  ojxoöovkovg 
aioyvvovxai.  äXXa  rt  ro  ntgag;  6  xaneivög  vxffoydi]  y.al  6  vipr]X6g 
yMir/vs/rß}]'  6  jLisyaXav'/ov/uevog  ejieoe  xai  6  jakavit^ojv  iavxöv 
eöiyMifüßi]'    ,y.VQiog   yäg  vjiegrjipdvoig  dvrixdooeTai,    xanei- 

lPetr.5,5  vot?    ^£    ÖlÖWOL    /aQlV.'  ^ 

'E^  i\HC~n'  de,  döeXcfoi,  ei'xig  ovrexog  äHooaxi'/g,  ei'xig  xcöv  Tiaga- 
ßoXwv  T)jv  o}]/uaoiav  eiola/jLßdvoiv  (pgovijuojg,  lu)  xco  0aQioaia> 
y.al  xoj  xeXo'jvi]  Tiegiogiot]  xbv  ßiov,  elxvoag  de  ai'rov  em  x6  y.oivöv 
TOJV  dvßgioTTCoi'  cbg  xov  y.ad'  fjiiäg  ßiov  Tiaiöevriy.ov  xf]  ovfx/bie- 
xgia  y.egaodxo)  xbv  Xoyiojuov  jm'jxe  ocpoöga  xaxaTimxcov  ev  xalg  lo 
jih]/ijUEXeiaig  jUijxe  ndhv  vJiegcpgovcov  ev  xdig  xaxogßcojnaoii' '  dno- 
yvwoig  juev  ydg  xal  dnelTiiofxog  ovx  eyeigei  xov  nejixojy.öxa  ,  dA/' 
evaq:ü]Oi  xco  jztjkcp,  y.axa(pg6v7]otg  de  y.al  avdddeia  y.axacpegei  xbv 
eoxona.  dib  y.al  6  §eo7ieoiog  Ilavlog  qptjol  Tigbg  xavxi]v  dva<pegojv 
iCor.  10,12  iavxbv  xi]v  didvoiav  ,6  öoxöjv  eoxdvai,  ßlenexo)  jui]  Jieorj.'  ib 
1  Cot. 9, '^7 y.al  dXXayov'  ,cpoßovf.iai  fiy:niog  äXXoig  y.t]gv^ag  avxbg  dö6- 
y.ijuog  yevojjLiai.'  f]  ydg  evy.o/ua  xfjg  7igoaigeoea>g  fj^iwv  xal  y 
xay^eXa  jigbg  xd  evavxia  xgojitj  ovxe  xi]v  dgexijv  djixmxov  öeixv{voiv 
ov)xe  xYjv  äjuagxiav  f.  xal  xovxo  dei  ff  djiooxöXojv  IJavXog  /nev 
dnb  TioXXr\g  eyßgag  xal  dvojuereiag  eig  xip'  ovvt^yogiav  xov  evay-  20 
yeXiov  jLiexaredeig ,  lovöag  de  ex  xov  of^ioipvyov  /uaß7]xov  xi]v 
evavxiav  eXöfievog.  6  Xjjoxrjg  ex  xijg  xijiiajgiag  eig  xbv  Jiagd- 
deioov  xal  'Avaviag  ex  xov  yogov  xdw  juad}]x(bv  eig  xb  xi]g  isgo- 
ovXiag  y.axajieodiv  ßdga&gov  avxbg  oi'xog  6  ^agioaiog  ovv  xcö 
xeXdivi]  6  fjiev  ex  xfjg  d^iag  eig  xrjv  dxijuiav,  6  de  dnb  xfjg  eno-  25 
veidioxov  Qwfjg  eig  xijv  juaxagiav  xaxdoxaoiv. 

Ugooijxec  toivvv  xoxe  udXioxa  fjjiiäg  elvai  negideeig  xal  xfj 
eavxöjv  Co)fj  negixge/bieiv ,  öxav  dya&cTjy  egyojv  TToXuxeiav  eavxoig 
ovyyivcboxoj/iiev ,  xal  xoxe  jud/.ioxa  xtjgeTv  xbv  X]]ox))v,  öxav  tcXmv- 
xcoiiiev  xaZg  dgexaig'  {7ioX)Xdy.ig  ydg  xb  cpvXA^ai  xd  {dya)&d  xov  3» 
y.xTjoaoßai  dv{oyegeoxegov) '  xal  Jievyg  juev  xig  a>v  ovx  ijießovXev^], 
nX.ouxfjoag  de  xal  cfdoviißelg  ecvkij-ß)]  xal  gqßvjiujoag  6  dvvaxbg 
fjxxrjdi'j  xal  novijoac  7ie(pgovxiojLievojg  6  dodevi]g  evdoxcjutjoe.  Jigbg 
de  xovxoig  ejuol  ovvexbg  doxel  xal  ägioxog  exelvog  dvijg  6  juij 
juaxagiCojv  iavxov,  ecp'  olg  ov  dgä  xd  yaXeinaxaxa  xal  Jiäoi  xaxrj-  35 
yogov jueva,  dXX'  6  xovg  dgioxovg  xal  xeXeiovg  ßiovg  oxojibv  Jioiov- 
juevog  xfjg  Idiag  t,oifjg  xal  dicny.ojv  del  xb  /.lelCov  ex  xoü  eXdxxovog 
oJOTieg  ol  did  x(bv  dvaßaßjucöv  jrgbg  xovg  vipi]?i.ovg  eneiyöfXEVoi  x6- 
Tiovg'  ov  ydg  ioxi  xeXeiog  6  xfjg  juoiyeiag  xi]v  aioyvvrjv  (pvydöv,  aXX^  ö 

40 
19-20  änoorölwv  /  (uto  :jo/J.-  j  -oftEv-  '  -av  exaravit  mau.  rec. 


Texte.  121 

Tiüdcp  Ti]g  o(0(pQoovv)jg  Tiagäeviav  dox/joag'  ov  /.ojv  ovo'  IxeTrog 
Tijg  äy.QoxdTi]g  rijufjs  ä$iog  6  Tijg  aQjiayrjg  tc5v  dXXoTQicov  (peiod- 
jiui'og,  dkkd  ßavjuaorög  y.al  de(o  q^iXog  6  rd  eiaigern  roig  deojue- 
voig   jiieQioag'  ov    ydg   h'  dTxoyf]   rojv   y.axcov   rö   reXeiov ,    dXX    iv 

5  rjj  xaroQ^dioei  x(bv  nXtovEHxmidjon'  oodrai,  xal  rd  (peioaa&ac 
djicaQTijjuaTog  ov  7te7iXt]QC0fieyn]  öiy.aioovr)],  dkk'  dg/J]  xal  Jigöi^eoig 
dya&rjg  TioXireiag.  xavza  de  jui]  vo/joag  6  TgioddXiog  <PagioaXog 
ovx  di'Ts^i'jTaoe  tov  iavrov  ßiov  xöig  fieydXoig  y.al  leXeioig  dv- 
ögdoiv,    (va    rcaidsvdrj    ovyxgloei ,    öoco    xoj    jLihgco    XeiTiexai    xcov 

10  y.aXcöv  dXX  dvxiox/joag  eavxöv  xib  xeXcovi]  y.al  rrgög  ßiov  uejiio- 
Xvonevor  y.al  gvncovxa  xtjv  äjiu?J,av  evox}]oduevog  xfj  Tiagadeoei 
xiöv  xay.cbv  iarxoi'  ixa/MoTTil^ev ^  coojxeg  xig  y.oXoiog  dexog  elvac 
vojuiCcov,  oxav  7x/.)]oiov  xrjg  vvxxegidog  dq)ixi]xai,  Tj  Xecov  i]  d/M^ii]^ 
elvai  (pavxaCojuevi] ,    dioxi   jueiCojv   xvyydvei   xöjv  dgovgaiwv  juvojv. 

15  ocbcpgovog  de  yv  xal  ög^w  xgixygicp  xeygi]juevov  x)]g  yvojjLi)]g  juvrj- 
fiovevoai  xov'Aßgadjit,  xov  'laxcoß,  xov  'lo'jß,  tov  Mcovoeojg,  tov  ^a- 
f.iov/]X,  tov  'HXiov,  tov  'EXiooaiov,  TidvTOJv  xcöv  s^Tjg  7igocpi]T(bv  wv  6 
ßiog  i]xgißa>juevog  xal  vq)rjX6v  t6  TtoXijevfia,  xal  jigög  t)]v  exeivcov 
dö^av  Ttjv  iavTOv  gv&uioai  ^on'jV  ei  ydg  oihcog  eTxoitjoev,  xaTijX^ev 

20  äv  ix  xov  iegov  oxevoyv  xal  Ttorvwjjuevog,  ecp'  oig  xfjg  Tigog  deov 
eyyvTi]Tog  ttoXXcö  tw  jLieoq)  xe/cogioTo.  fj/neig  de,  dyanrjxoi,  rov 
jiiev  xrjv  dXa^oveiav  jLUo/joayjuev,  xov  de  x)]v  xaTxeivcooiv  jxodijocoftev 
xi]v  (piX^iv  Xgiaxoj,  o)  fj   dö^a  eig  xovg  aiwvag.    djui'jv. 


T.  u.U.  ^13:  Bretz 


Register. 


6.).a'Qovsia  78,  119,  121 
allegorisieiende  Methode  42,  44 — 46, 

83  f.,  108  f.,  113 
Almosengebeu  54,  63,  77,  121 
Amasea,    Bischofssitz    des    Asterios 

34 f.,  des  Basileus  27 f.,  des  Euty- 

chios  28 
aTiäßsia  48 

Apokatastasis  80,  82f. 
Apollonios  von  Tyana  50 
Areios  38  f. 

Armutsideal  37  f.,  48,  54 f. 
Askese  48,  81,  121 
Asterios  der  Arianer  3,  17,  19,  23 f. 
Ästhetik  des  Übersinnlichen  41, 116  f. 
avaritia  69 — 71 
avhjoig  im  Enkomion  86  f. 

Basileus,  der  Märtyrer  26—29 
Basileios  von  Cäsarea  35 — 39,  49,  52, 

54f ,  59-68,  82—84,  8G,  98 
Beispiel  47,  91—93,  120  f. 
Bettlerphilosoph  48,  54 
Bild  und  Wort  89f. 
Bilderstreit  10,  16—18 
Bion  vou  Borysthenes  51,  56  fl'. 
Bußpredigt  des  Asterios  12,  25,  32, 

75-79.'  101  ff.,  105 
Bußmoral  und  Bußniittel  77  t'.,    113 

Camerarius'  griech.  Predigten  unter 
dem  Namen  des  Asterios  29—30 

Charakterschilderung  59 ft'.,  92 f. 

Chrysostomoshandschriften  mit  aste- 
rian.  Psalmeuhomilien  13 — 15;  des 
Joh.  Chrys.  Bußhomilien  78,  Juden- 
predigten 84 


Combefis'   Asteriosausgabe  5,    7,  8, 
10,  32 


Demokrits    Ethika    81  f.,    Synkrisis 

96f.,  1011 
Digressionen  in  der  Predigt  38  f.,  44, 

73—75,    83 f.;    Digression   in    der 

1.  Satire  des  Horaz  70  f. 
Diatribe  50  ff.,  78,  81;  Diatribenstil 

56,  75,  91,  94f.,  102,  114f. 
Diogenes  von  Sinope  28,  49 
döoig-dajiüvt]  63  f. 
dualistische  Anthropologie  48,  80 f., 

96  ff. 


Ehe  53 

exqpgdoeig  bei  Asterios  41,  53,  79,  81, 
89 f.,  92  f. 

eXEyysiv  50  f.,   76 

hägysM  90  ff.,  108,   115 

Enkomion:  Eiuleitung  35 f.,  72,  86 f.; 
xöjioi  syxojfiiaoTtHOi  '66{.,  87 f.  En- 
komien  des  Asterios  22,  86 — 89; 
E.  auf  die  hl.  Märtyrer  10,  48,  89; 
auf  Petrus  und  Paulus  7,  35—39, 
42 f.,  86—88,  104;  auf  Phokas  7 
bis  10,  26,  28,  88;  auf  Stephanus 
10—11,  20,  32 f.,  71—75,  79,  86, 
88,  94,  101  ff.,  104 

Eunomios  38 f.;  Eunomianer  42 

Euphemia,  Ekphrasis  des  Martyri- 
ums d.  hl.  Euph.  10,  16  ff.,  32,  89  f. 

Euphrates  50  f.,  75,  102 

Eutychios  28 

Cfoa  (iXoya  93 


Register. 


123 


{^eoqpdria  72 

Fabel  59,  9of.,  121 

Fastenpredigt  12—13,  22,  32,  80—85, 

96ff.,  104 
Festkalender  der  Kirche  22,  42  f. 
Festkult  der  Juden  83  F. 
Fragmente  zu  Asterios  15,  24  f. 

Gebet  40  f.,  117  ff. 

Oleiclinisse  in  der  Diatribe  50,  93; 
bei  Bion  56ö'. ;  die  Gleichnisse 
Jesu  im  Urteil  des  Ast.  48,  51,  91; 
allegor.  Ausdeutung  45,  79,  108, 
113.  Das  Gleichnis  vom  unge- 
rechten Haushalter  6,  44,  55  —  58; 
von  Lazarus  und  dem  Reichen  6, 
16—18,  44,  47  f.,  55,  66;  vom  ver- 
lorenen Sohn  15,  22,  44,  48,  107 
bis  115;  vom  Pharisäer  und  Zöllner 
15,  22,  43,  116-121 

Gregor  von  Nazianz35,80f.,  100  S  103 

Gregor  von  Nyssa  10—18.  23,  25, 
32f..  35 f.,  44ff.,  72—74,  77,  80 f. 

Heiligenkult  35,  42 f. 

R.  Heinze  über  die  Komposition  der 

1.  horazischen  Satire  69—71 
Hiat  103 
Holsten  L.,   Sammler  von  Asterios- 

hdss.  7,  29 
Homiliarieu  20—23 
Horaz  Sat.  I,  1,  59 — 71 

iazQsvsn'  50  f. 
Interlokutor  63,  65,  91,  94 

Kasualreden  42 f. 

Katenen  23—26 

Klauseln  bei  Asterios  103 f. 

Kommunismus      und     Pauperismus 

54f.,  57 
y.Tfiaig-yQijoig  62S.;  y.rfjotg-fpv/.afi)']  62, 

109,  120 


Kunstbetrachtnngen  89  f. 

Kynismus  und  seine  Ausdrucksformen 
49f. ;  Berührungen  m.  d.  Christen- 
tum 48f. ;  kynischer  Einschlag  in 
der  asterian.  Predigt  47  ff.,  75,  78, 
87,  91,  93 ff".,  101  f. 

Leben  des  Asterios  3,  19,  35,  11  \  84 
?Myoc:  und  oftü.la  43  f. 

Martyrologien  und  Menologien  6  ff., 

22,  26,  29 
Märtyrerrede  und  Wundererzählung 

51 ;  Zweck  der  M.  35,  40, 42  f.,  48, 92 ; 

Formen  der  M.  86—89 
/iisfiyH/noiQia  69 — 71 
/LisTÜvoia  76,  112  f. 
IA.i>iQol6yog  63 ff.,   109 
Mönchsideal  54  f. 
moralisierende   Schrifterklärung  40, 

46  f.,  78,  108 
Moralismus  des  Asterios  47,  73,  78 f. 
Mystik  40-42 

Nikephoros,  Patriarch  von  Kpel.  15, 

17f. 
Niketas  von  Heraklea  24—26 
v6f.iii.ia  ßaoßaoiy.ä  93 
vöoog    und    fiarta    zur    Bezeichnung 

eines  Lasters  51,  60,  93,  108,  Ulf. 
vov&soia  50 f.,  91,  9o 

Orthodoxie  des  Asterios  38—40,   49 

Parataxe  statt  Hypotaxe  103 
jiaQQijata  51,  75,  108,  111,  119 
Personifikation  der  Laster  67,  95f. 
Phokaslegende  3\  26,  42 
Photios"  Stilkritik  19,  Bedeutung  für 

die   Textgeschichte    der  asterian. 

Reden  19-23,  30 f.,  10a  f.,  benutzt 

von  Niketas  25 
Pleonexie  55,  58—71 


124 


Bretz,  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von  Amasea. 


Tilsovs^ia  und  avaritia  69 f. 

Plutarch  59,  61  f.,  65  f.,  68,  96  f. 

Pneumatomachen  74 

Polemik  des  Asterios  gegen  Häre- 
tiker 38  f.,  74  f.,  gegen  die  Juden 
83 f.,  94,  gegen  Gregor  von  Nyssa 
u.  a.  78,  gegen  Laster  67,  95 

:jo/.v:jQayfioovvT]  in  der  dogmat.  Pre- 
digt 38,  in  der  Moralpredigt  50 

popularphilosophische  Propaganda 
50,  54,  90f.;  pop.  Schrifttum  59, 
67,  75f.,  78,  81,  90ff.,  95f. 

Proklos  von  Kpel.  10  f.,  32,  71  f. 

Prosopopoiie  91,  94  ff.,  101 

Protreptikos  75 f. 

Psalmenhomilien  unter  dem  Namen 
des  Asterios  2,  13-15,  23f. 

Rhetorik  in  der  christlichen  Predigt 

34,  85  ff. 
Rhjthmisierung  der  Rede  103  f. 

Sabas'  Typikon  27 

Sabellianer  74  f. 

Sakramente  41  f.,  109,  111,  113 

Satzschlüsse  bei  Asterios  108  f. 

Seelenfrieden  beim   Beten  41,    117, 

beim  Fasten  81 
Selbstgespräch  60 
Sirmond  J.,  Sammler  von  Asterios- 

hdss.  6,  7,  12 
Sittenschilderung  92  f. 
Sittlichkeit  und  Religion  47,  49 
Soziale  Fragen  in  der  Moralpredigt 

53—55 
oTiovöuioyü.oiov  48.  91 


stilkritische  Bemerkungen  des  Aste- 
rios 48,  74,  91.  93,  95,  107 

Streitgespräch  zwischen  Leib  und 
Seele  96-101 

Symeon  Metaphrastes  7,  26,  29 

ovyy.oiai?  der  Laster  59,  im  Enko- 
mion  73,  87 f.,  94.  vgl.  auch  120 f.; 
allegorische  Synkrisis  95 — 101 

a<ü(pQoavvf]  53,  78,  80  f.,  101,  112 

Technik  des  Enkomions  35ff.,  86—88, 

der  Sittenpredigt  91  f.,  101 
reyvai  ßävavaoi  93 
re^volöyoi  r^?  jiiarscog  38  f. 
Theodor  von  Studion  17 
Thomas  von  Aquino  25f. 
rv(pos  76,  78 

Übergangsformeln  bei  Asterios  44,  87 

Vergleiche  56  ff.,  87,  93 

Wechsel  im  Ausdruck  102 
Wortfülle  102 
Wortstellung  103 

(paQi.iaxov   zur  Bezeichnung  für  die 
Sittenpredigt  51, 75,  78, 93, 102, 108 
<fü6oo(fog  48,  54 


XQsia 


50 


^f'vyr/  und  i-ovg  80  f. 

li^v/jj  und  o(Jü/iia  SO  f.,  96  ff. 

locpEÄsTv  50. 


Berichtigung. 


S.  2  Z.  12  muß  es  heißen  „Amaseia"   statt 
Z.  1  und  sonst  „Basileios"  statt  .Basilios". 


-Amasea":  ebenso  S.  35 


Vorlag  der  J.  C.  HINRlCHS'achen  Buchhandlung  in  Leipzig. 


Fortsetzang  von  der  2.  ümschlagseite. 

Sohmidtke,  A. :  Neue  Fragmente  nnd  Onter- 
suchnngeii  zu  den  judencliriatliohen  Evan- 
gelien. Ein  Beitrag  zur  Literatur  und  Ge- 
schichte der  Judenchristen.  VIII,  302  S.  19U. 
(Bd.  37.  1)  M.  10 — 

Der  Schollen-Kommentar  des  Origenes  zur  Apo- 
kalypse Johannis.  Nebst  einem  stück  aus 
Irenäus,  Lib.  V,  graece.  Entdeckt  uud  hrsg. 
von  C.  Diobounioti8  u.  A.  Harnack.  IV,  88  S. 
1911.     (Bd.  38,  3)  M.  3  — 

Soden,  H.  von:  Das  lateinische  Nene  Testament 
in  Afrika  zur  2eit  Cyprians.  Nach  Ribel- 
handschriften  u.  Väterzeugnissen.  Mit  Unter- 
stützung d.  Kgl.  Preuss.  Histor.  Instituts  her- 
ausgeeeben.  X,6G3S.  ino9.  (Bd. 33)     M.  21  — 

Vogels,  H.  J.:  Harmonistik  im  Evangelientext 
des  Codex  Cantabrigiensis.  Ein  Beitrag  zur 
nentestamentl.  Textkritik.  IV,  119  S.  1910. 
(Bd.  3G,  la)  M.  4  — 

Weiss,  B.:  Der  Hebräerbrief  in  zeitgeseliichtl. 
Belenohtg.  II.  110  S.  1910.  (Bd..  35,  3)  M.  3.50 

—  Die  Quellen  der  synoptischen  Überlieferung. 
IV,  256  .S.    (Bd.  32,  3)  M.  8.50 


Inhalt  der  Zweiten  Reihe  =  Bd.  16—30. 

Achells,  H.:  Hippolytstudien.  VIII,  233  S.  1897. 
(Bd.   16,  4)    M.  7.50 

Augar,  F.:  Die  Frauen  imröm.  Christenprocess. 
Ein  Beitr.  z.  Verfolgungsgesch.  der  christl. 
Kirche  im  röm.  Staat.  82  S.  (Mit  Harnack 
und  Schultze  Bd.  28,  4)  M.  4.50 

Bauer,  Ad.:  Die  Chronik  des  Hippolytos  im 
Macriteusis  graecus  121.  Nebst  einer  Abhand- 
lung über  den  Stadiasmns  Maris  Magni  von 
Otto  Cuntz.  Mit  eiuer  Abbildung  im  Text  und 
5  Tafeln.  VI,  288  S.  1905.   (Bd.  29,  1)    M.  8.50 

Berendts,  A.:  Die  Zeugnisse  vom  Christentum 
im  s) avischen  de  hello  Judaico  des  Josephus. 

III,  79  S.     1906.     (Bd.  29,  4)  M.  2.50 

—  Die  handschriftl.  Überlief,  der  Zaeharias-  n. 
Johannes-Apokryphen.  —  Über  die  Biblio- 
theken d.  Meteorischen  u.Ossa-Olymp. Klöster. 

IV,  84  S.     1904.     (Bd.  26,  3)  M.  2.70 
Bonwetsch,    G.   N.:    Drei    georgisch    erhaltene 

Schriften  v.  Hippolytus.  XVI,  98  S.  1904. 
(Bd.  26,  la)  M.  3.50 

—  Hippolyts  Kommentar  z.  Hohenlied  auf  Grund 

V,  X.  Marr's  Ausg.  d.  grusin.  Textes  heransg. 
108  S.  1902.  (Mit  Harnack  und  Klostermann, 
Bd.  23,  2)  M.  5.50 

—  Studien  z.  d.  Komm.  Hippolyts  zum  Buche 
Daniel  n.  Hohenliede.  IV,  86  S.  '97.  (Bd.  16,  2) 

M.  3  — 

Bratke,  E.:  Das  sogenannte  Religionsgespräch 
am  Hof  der  Sasaniden.  IV,  305  S.  1899.  (Mit 
Harnack,  CiTirian.  Schriften  Bd.  19,3)    M.  10.50 

Die  syrische  Didaskalia  übs.  u.erkl.v.H.ACHELis  u. 
J.  FLEMMIKG.  VIII,  388  S.  1904.  (Bd.  25,2)  M.12.50 

Dobschütz,  E.  von:  Christusbilder.  Untersuchun- 
gen zur  christlichen  Legende.  XII,  294,  336 
und  3.57  .S.    1899.     (Bd.  18)  M.  32  — 

Erbes,  C:  Die  Todestage  der  Apostel  Paulus 
und  Petrus  und  ihre  römischen  Denkmäler. 
IV,  138  S,  1899.  (Mit  Harnack,  Ketzerkatalog 
und  Qoetz,  Cyprian  Bd.  19,  i)  M.  5.50 

Flemming,  J.:  Das  Buch  Henoch.Äthiop.  Text,  EinL 
Komm.  XVI,  172  S.   1902.  (Bd.  22,  1)    M.  11  — 

Gebhardt,  0.  v.:  Passio  S.  Theclae  virginis.  Die 
latein.  Ubersetzgn.  der  Acta  Pauli  et  Theclae 
nebst  Fragm.,  Auszügen  u.  Beilagen  herausg. 
CXVIII,  188  S.     1902.     (Bd.  22,  2)  M.  9.50 

Geffcken,  J.:  Komposition  u.  Entstehungszeit  d. 
Orac.  Sibyll.  IV,  78  S.  1902.  (Bd.  23,  1)  M.  2.50 


Goltz,  Ed.  V.  d.:  Tischgebete  u.  Abendmahlsgebete 
in  d.  altchristlichen  u.  in  der  griechischen 
Kirche.    67  S.     1903.    (Bd.  29,  2b)         M.  2  — 

—  Jvyo^   auzriftai    npö?    xrv    nuc9ivov  (de  Virgini- 

tate).     Eine   echte   Schrift   des  Athanasius. 
IV,  144  S.     1905.     (Bd.  20,  2a)  M.  5  — 

—  Eine  textkrit.  Arbeit  d.  10.  bez.  6.  Jh.,  hrsg. 
n.  e.  Codex  d.  Athoskl.  Lawra.  Mit  1  Tafel. 
VI,  116  8.  1899.     (Bd.  17,  4)  M.  4.50 

Goetz,  K.  G.:  D.  alte  Anfang  u.  d.  ursprüngl.  Form 

v.Cypr.Schrift  ad  Donatom.  16  S.  I899.(s.  Erbes) 
Gressmann,  H.:  Studien  zu  Euseb's  Theophanie. 

XI,  154  u.  69  S.  1903.  (Bd.  23,  3)  M.  8  — 
Haller,  W.:  Jovianus,  die  Fragm.  s.  Schriften  etc. 

VIII,  159  S.     1897.    (Bd.  17,  2)  M.  5.50 

Harnack,  A.:   D.  psendocypr.  Trakt,  de  singa- 

laritate  cleric,   e.  Werk  d.  donatist.  Bisch. 

Macrobius  in  Rom.  (72  S.)  —  D.  Hvpotvposen 

d.  Theognost.  (20  S.)  —  D.  gefälschte  Brief  d. 

Bisch. Theonas  an  d.OberkammerherrnLucian. 

(25  S.)     117..S.     1903.     (Bd.  24.  3)  M.  3.50 

Harnack,  A. :  Über  verlorene  Briefe  und  Acten- 

stücke,  die  sich  aus  d.  Cyprian.  Briefsammlg. 

ermitteln  lassen.  45  S.  1902.  (Mit  Klostermann 

u.  Bonwetsch.  Bd.  23,  2)  M.  5.50 

—  Der  Ketzer-Katalog  des  Bischofs  Jlaruta 
von  Maipherkat.    17  S.    1899.    (s.  Erbes) 

—  Die  PfafTschen  Irenäus-Fragraente  als  Fäl- 
schungen Pfaffs  nachgewiesen.  —  Patrist. 
Miscellen.  III,  148  S.  1900.  (Bd.  20,  3)    M.  5  — 

—  Diodor v.Tarsus.  I V,25lS.  'Ol.  (Bd  21,4)  M.  8  — 

—  Analecta  zur  ältesten  Gesch.  d.  Christen- 
tums in  Rom.  10  S.  (Mit  Koetschau  und 
Klostermann.    Bd.  28,  2) 

—  Drei  wenig  beachtete  Cyprianische  Schriften 
und  die  .Acta  Pauli".  34  S.  1899.  (s.  Bratke) 

—  Der  Vorwurf  des  Atheismus  in  den  drei 
ersten  Jahrhunderten.  16S.  1905.  (Mit  Schultze 
und  Augar.    Bd.  2S,  4)  M.  4.50 

Hell,  K.:  Fragmente  vornicän.  Kirchenväter 
aus  d.  Sacra  parallela.  XXXIX,  241  S.  1899. 
(Bd.  20,2)  M.  9  — 

—  Die  Sacra  parallela  des  Johannes  Damas- 
cenus.  XVI,  392  S.  1897.  (Bd.  16,  1)    .M.  12  — 

Janssen,R.:D.Johannes-Ev.n.d.Paraph.d.Xonnus 
Panopolit.  IV.  80  S.  1903.  (Bd.  23,  4)  M.  2.50 

Jeep,  L.:  Zur  Überlieferung  des  Philostorgios. 
33  S.    1899.    fs..Wobbermin) 

Klostermann,  E. :  D.  Überlief,  d.  Jeremia-Homilien 
d.  Origenes.  VI,  116  8.  1897.  (Bd.  16,3)  M.  3.50 

—  Eusebius'  Schrift  Jifpi  tSv  xontxSv  Svau^xwv 
Twv  iv  zrj  i?f/a  j-paqpj.  28  S.  1902.  (Mit  Hamaok 
U;. Bonwetsch  Bd.  23,  2) 

—  Über  d.  Didymus  v.  Alexandrien  in  epistolas 
canonicas  enarratio.  8  S.  (Mit  Koetschau 
und  Harnack.    (Bd.  28,  2) 

Knopf,  R.:  Der  erste  Clemensbrief.  Untersucht 
u.  herausg.  IV,  194  S.  1899.  (Bd.  20,  1)  M.  6  — 

Koch,  H.:  s.  Bonwetsch  (31,  2). 

Koetschau,  P.:  Zur  Textkritik  von  Origenes' 
Johannescommentar.  76  S.  1905.  (Mit  Har- 
nack und  Klostermann.    (Bd.  28,  2)         M.  3  — 

Kraatz,  W.:  Koptische  Akten  zum  ephesinischen 
Konzil  (431).  Übersetzung  u.  Untersuchungen. 
VIII,  220  S.     1904.     (Bd.  26,  2)  M.  7  — 

Leipoldt,  J.:  Didvmus  der  Blinde  von  Alexandria. 
III,  14S  S.     1905.    (Bd.  29,  3)  M.  5  — 

—  Schennte  von  Atripe  und  die  Entstehung 
d.  national-ägypt.  Christentums.  X,  214  S. 
1903.     (Bd.  25,  1)  M.  7  — 

Leipoldt,  J.:  Said,  Auszüge  a.  d  8.  Buche  d.  apost. 

Konstitnt.  II,  62  S.  1904  (Bd.  26,  Ib)  M.  2  — 
Nestle,  E.:  Kirchengeschichte  d.  Eusebius  a.  d. 

Syrischen.  X,  296  S.  1901.   (Bd.  21,2)  M.  9.50 

Fortsetzung  s.  4.  Ümschlagseite. 


Verlag  der  J.  C.  HINRICHS'schen  Buchhandlung  in  Leipzig. 


Fortsetzung  von  der  3.  Umschlagseite. 

Preuschen,  E. :  Ensebius'  Kirchengeschichte 
Buch  YI  u.  VII  ans  d.  Armenischen  übersetzt. 
XXII,  lOJ  S.    1902.  (Bd.  22,  3)    M.  4  — 

Rasch,  A. :  Agrapha,  anssercan. Schriftfragmente. 
Gesammelt  u.  unters,  und  in  zweiter,  völlig 
neu  bearb.,  durch  alttest.  Agrapha  vermelirter 
Aufl.  herausg.  Mit  5  Registern.  XVI,  24S  S. 
1906.    (Bd.  30,  3/4)  51.  10  — 

—  Der  Panlinismns  und  dieLogia  Jesu  in  ihrem 
gegenseit.  Verhältnis  unters.  VIII,  656  S. 
1904.    (Bd.  27)  M.  20  — 

Resch,  G.:  Das  Aposteldeeret  nach  seiner  ausser- 
kanonischen  Textgestalt  untersucht.  V,  179  S. 
19(15.    (Bd.  28,  3)  M.  5.50 

Schermann,  Th.:  Die  Geschichte  der  dogma- 
tischen Florilegien  vom  V.— VIII.  Jahrhun- 
dert.   VI,  104  S.     1904.    (Bd.  28,  l)    M.  3.50 

Schmidt,  C. :  Die  alten  Petrusakten  i.  Zasammenh. 
d.  apokr.  Apostellit.  untersucht.  Nebst  e.  neu- 
entdeck.Fragm.VIII,176S.i903.(Bd.24,l)M.6.-* 

—  Plotin's  Stellung  z.  Gnosticismus  und 
kirchl.  Christentum.  X,  90S.  — Fragm.  einer 
Schrift  d.  Märt. -Bisch.  Petrus  v.  Alexandrien. 
50  S.     1900.    (Mit  Stählin  Bd.  20,  4)     M.  5  — 

Schubert,  H.  V. :  D.  sog.  Praedestinatus.  Beitrag  z. 
Gesch.  d.  Pelagianismus.  IV,  147  S.  19u3. 
(Bd.  24,  4)  M.  4.80 

Schultze,  K.:  Das  Martyrium  des  heiligen  Abo 
von  Tiflis.  41  S.  —  (Mit  Harnacl(  und  Augar, 
Bd.  2S,  4)  M.  4.50 

Seeck,  0.:  Die  Briefe  des  Libanius.  Zeitlich  ge- 
ordnet. VI,  496  S.   1906.  (Bd.  30,  1/2)  M.  15  — 


Siclienberger,  J.:  D.  Lukaskatene  d.  Niketas  v. 
Herakleia  unters.    1902.    (Bd.  22,  4)    M.  4  — 

—  Titus  von  Bostra.  Studien  zu  dessen  Lukas- 
homilien.  VIII,  268  S.  1901.  (Bd.  21, 1)    M.  8.50 

Soden,  H.  von:  Die  Cjiirianische Briefsammlung. 

Gesch.  ihrer   Entstehung   u.  Überlieferung. 

VIII,  268  S.  u.  2  Tab.  1904.  (Rd.  25,  3)  M.  10.50 
Stähiin,  0.:  Zur  handschriftl.  Überlief,  d.  Clem. 

Alexaiidrinas.    8  S.     1900.    (s.  Schmidt) 
Steindorff,  G.:  Die  Apokalypse  d.  Elias,  e.  unbek. 

Apok.  u.  Bruchst.  d.  Sophonias-Apok.X,  190S. 

MitlLiehtdr.-Taf.  1S99.  (Bd.  17,  3a)    M.  6.50 
Stülclcen,  A. :  Athanasiana.  Litterar-  n.  dogmen- 

gesch.  Unters. VIII,  1508.18^!). (Bd. 19,4)M.5  — 
Ter-Minassiantz,  Erw.:  Die  armen.  Kirche  in  ihren 

Beziehungen  z.  d.  syr.  Kirchen  bis  z.  Ende 

des  13.  Jahrb.  Nach  den  armen,  u.  syr.  Quellen 

bearb.  XII,  212  S.  1904.    (Bd.  26,  4)    M.  7.50 
Urbain,  A.:  Ein  Martyrologium  d.  christl.  Ge- 
meinde zu  Rom   am  Anfang   d.   V.    Jahrh. 

Quellenstudien  z.  Gesch.  d.  röm.  Märtyrer. 

VI,  266  S.    1901.    (Bd.  21,  3)  M.  8.50 

Waitz,  H. :  D.  Psendoklementinen,  Homilien  u.  Re- 

kognitlonen.  1904.  VIII,  396 S.  (Bd.25,4)  M.  13  — 
Weiss,  B. :  D.  Codex  D.i.  d.  Apostelgesch.  Textkrit. 

Unters.  IV,  112  S.   1897.   (Bd.  17,  1)     M.  3.50 

—  Textkritik  der  vier  Evangelien.  IV,  249  S. 
1899.     (Bd.  19,  2)  M.  8  — 

Wobbermin,  G.:  Altchristi,  liturg.  Stücke  aus  der 
Kirche  Aegyiitens  nebst  einem  dogmat.  Brief 
d.  Bischofs  Serapion  v.  Thmuis.  36  S.  1899. 
(Mit  Jeep  Bd.  17.  3b  M.  2  — )    einzeln  M.  i.öO 

Wrede,W.:  Die  Echtheitdes2.Thess. -Briefs  unter- 
sucht. VIII,  116  S.   1903.  (Bd.  24,  2)  M.  4  — 


Die  Erste   Reihe  =  Band  1 — 15  der  Texte  und  Untersuchungen  etc.  M.  500  — 

Die  Zweite  Reihe  =    „    16—30   „        „        ,.  „  „  M.  384  — 

Die  Dritte  Reihe,  (bis jetzt)  Bd.  1—9  =  Bd.  31—39  „  „  M.  212.50 

In  guten  Halbfranz-Bibliotheksbdn.  (I.  Reihe  17  Bde.,  II.  Reihe  IG  Bde.)  Einbd.  je  M.  3  —  vorrätig. 
Ausführliches  Inhaltsverzeichnis  steht  zu  Diensten. 


Druck  von  August  Pries  in  Leipzig. 


DER  CLEMENSEOM 


UND 


SEINE  GKIECHI80HEN  QUELLEN 


VON 


WERNER  HEINTZE 


LEIPZIG 

J.  C.  HINRICHS'scHE  BUCHHANDLUNG 
1914 


Texte  u.  Untersuchungen  etc.  Hrsg.  v.  Adolf  von  Harnaek  u.  Carl  Schmidt.  40,2 


Verlag  der  J.  C.  BINEICHS'scheD  Buchhandlung  in  Leipzig. 


TEXTE  UND  UNTERSUCHUNGEN  ZUR  GESCHICHTE  DER 

ALTCHRISTLICHEN   LITERATUE 

ARCHIV  FÜR  DIE  GRIECHISCHEN  CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

DER  ERSTEN  DREI  JÄHRHUNDERTE 

Herausgegeben  von  0.  von  Gerhardt  (f),  A.  von  Harnack  und  C.  Schmidt. 


Inhalt  der  Dritten  Reihe  =  Bd.  31  u.  ff. 

Barth,  Carola:  Die  Interpretation  des  Neuen 
Testaments  in  der  Valentinianischen  Gnosis. 
IV,  118  8.    1911.     (Bd.  37,  3)  M.  4  — 

Bidez,  Joseph:  La  tradition  manuscrite  de 
Sozomene  et  la  tripartite  de  Thfeodore  le 
Lecteur.    IV,  96  S.    (Bd.  32,2  b)  M.  4 — 

Bill,  A. :  Zur  Erklärung  nnd  Textkritik  des 
1.  Buches  Tertullians  ,,Adversus  Marcionem". 
IV,  112  S.    1911.    (Bd.  38,  2)  M.  3.50 

Bonwetsch,  G.  N.:  Die  unter  Hippolyts  Namen 
überlieferte  Schrift  über  den  Glauben.  Nach 
einer  Übersetzung  der  in  einer  Schatberder 
Handschrift  vorliegenden  georgischen  Ver- 
sion. 36  S.  —  Koch,  H.:  Vineenz  von  Lerin 
und  Gennadius.  Ein  Beitrag  zur  Literatur- 
geschichte des  Semipelagianismus.  22  S.  — 
Koch,  H.:  Virgines  Christi.  Die  Gelübde  der 
gottgeweihten  Jungfrauen  in  den  ersten  drei 
Jahrhunderten.  54S.  1907.  (Bd.  31,  2)  M.  3.50 

Bretz,  A.:  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von 
Amasea.    IV,  124  S.    1914.    (Bd.  40, 1)    M.  4  — 

Dobschütz,  E.V.:  Das  Decretum  Gelasianum  de libris 
recipiendis  etnonrecipiendis.  In  kritisch.  Text 
hrsg. u. untersucht.  Vin,362S.  1912.  (Bd.  38,4) 

M.  18.50 

Dombart,  B.:  Zur  Textgeschichte  der  Civitas  Dei 
Augustins  seit  dem  Entstehen  der  ersten 
Drucke.  IV.  56  S.  IStO«.   (Bd.  32.  2a)    M.  2 — 

Ganschlnletz,  Rchd.:  Hippolytos'  Capitel  gegen 
die  Magier.  Refat.  Haer.  IV,  28—42.  77  S. 
1913.    (Bd.  39,  2)  M.  2.50 

Gebhardt,  0.  v. :  Die  Akten  der  edessenischen 
Bekenner  Gurjas,  Samonas  und  Abibos.  Aus 
dem  Nachlaß  von  0.  v.  G.  heransgeg.  von 
Ernst  von  Dobschütz.  LXVIII,  264  S. 
1911.    (Bd.  37,  2)  M.  12  — 

Haase,  Felix:  Zur  bardesaniecben  Gnosis.  Lite- 
rarkritische  u.  dogmen  geschichtliche  Unter- 
suchungen. III,  98 S.  1910.   (Bd.  34,4)  M.  3  — 

Harnack,  A.  v. :  Das  Leben  Cyprians  von  Pontius. 
Die  erste  christliche  Biographie.  VI,  114  S. 
1913.    (Bd.  39,  3)  M.  4  — 

—  Ist  die  Rede  d.  Paulus  in  Athen  ein  ursprüng- 
licher Bestandteil  der  Apostelgeschichte?  — 
Judentum  und  Judenchristentnm  in  Justins 
Dialog  mit  Trypho,  nebst  einer  CoUation  der 
Pariser  Haudschrift  Nr.  450.  IV,  98  S.  1913. 
(Bd.  39,  1)  M.  3  - 

—  Kritik  des  Neuen  Testaments  von  einem 
griechischen  Philosophen  d.  3.  Jahrhunderts 
[die  im  Apocriticus  des  Macarius  Magnes 
enthaltene  Streitschrift].  IV,  150  S.  1911. 
(Bd    37,  4)  M.  5  — 

Kautsch,  Ernst:  Die  Evangelienzitate  des  Ori- 
genes.    IV,  169  S.  1909.    (Bd.  34,  2a)    M.  5.50 

Heikel,  1.  A.:  Kritische  Beiträge  zu  den  Con- 
Btantin-Schriften  des  Eiisebius  (Eusebius 
Werke  Bd.  1.)  100  S.  1911.  (Bd.  36,  4)    M.  3.50 

Hellmann,  S.:  Pseudo-Gyprianus  de  XII  abasi- 
vis  saeculi.  IV,  62  S.  —  Slokenberger,  J.:  Frag- 
mente derHomilien  desCyrillvonAlexandrien 
zumLukasevangeIinm.46S.'09.(Bd.3l,l)  M.  3.50 


Heintze,  Der  Clemensroman  nnd  seine  griechischen 
Quellen.    VJ,  144  S,  1914.      (Bd.  40,2)  M.  5 — 

Hippolyts  tichrift  „Über  die  .Segnungen  Jakobs" 
von  C.  Diobouniotis  u.  N.  Beis.  —  Hippolyts 
Daniel -Commentar  in  No.  573  der  Hand- 
schriften des  Meteoronklosters  von  C.  Dio- 
bouniotis. Mit  Vorwort  von  G.  N.  Bonwetsch. 
IV,  60  S.  1911.    (Bd.  38,  1)  M.  2.50 

Holl,  K.;  Die  handschriftliche  Üherlieferung  des 
Epiphanius  (Ancoratus  u.  Panarion).  IV,  98  S. 
1910.    (Bd.  36,  2)  M.  3  — 

Jordan,  H.:  Armenische  Irenaeusfragmente.  Mit 
deutscher  Übersetzung  nach  Dr.  W.  Lüdtke. 
Zum  Teil  erstmalig  herausgegeben  nnd  unter- 
sucht.   IX,  222  S.    1913.    (Bd.  36,  3)    M.  10  — 

Irenaeus'  gegen  die  Häretiker.  "EXiyx"'^  tal  Jva- 

T(on!]   rij!  liievöuvi fiov  yvüaej,^.   Buch  IV  U.  V  in 

armenischer  Version  entdeckt  von  Lic.  Dr. 
Karapet  Ter-Mekeittschian.  Heransgeg.  von 
Lic.  Dr.  Erwand  Ter-Minassiantz.  VIII,  264  S. 
1910.    (Bd.  35,2)  M.  10  — 

—  des  hl.,  Schrift  zum  Erweise  der  apostoli- 
schen Verkündigung.  EU  InlSultv  x»v  äa^o- 
azoXixov  xri^iy/xazoi.  In  armenischer  Version 
entdeckt,  hrsg.  und  ins  Deutsche  übersetzt 
von  Licc.  Dr.  Karapet  Ter-Mekerttschian  und 
Erwand  Ter-Minassiantz.  Mit  einem  Nach- 
wort und  Anmerkungen  von  Ad.  Harnack. 
VIII,  69  u.  68  S.  1907.  (Bd.  31,1)  M.  6  — 

Ein  Jüd.-Christl.  Psalmbuch  aus  dem  ersten  Jahrb. 

[The  ödes  of Solomon,  now  first  pu- 

blished  from  the  Syriac  Version  by  J.  Rendel 
Harris,  1909.]  Aus  dem  Syr.  übers,  von  Job. 
Flemming,  bearb.  u.  hrsg.  v.  Adolf  Harnack. 
VII,  134  S.  1910.  (Bd.  35, 4)  M.  4.50 ;  geb.  M.  5.50 

Koch,  Hugo:  Cyprian  und  der  römische  Primat. 
Eine  kirchen-  u.  dogmengeschichtliche  Studie. 
IV,  174  S.  1910.  (Bd.  35, 1)  M.  5.50 ;  geb.  M.  6.50 

Lietzmann,  Hans:  Das  Leben  des  heiligen  Symeon 
Stylites.  In  Gemeinsch.  mit  den  Mitgliedernd, 
kirchenhist.  Seminars  d.  D.niv.  Jena  bear- 
beitet. Mit  einer  deutschen  Übersetz,  d.  syr. 
Lebensbeschreibung  u.  der  Briefe  v.  Heinrich 
Hilgenfeld.  VIII,  256  S.  1908.  (Bd.  32, 4)    M.  9  — 

Martin,  Jos.:  Studien  und  Beiträge  zur  Erklä- 
rung und  Zeitbestimmung  Commodians.  — 
—  Gressmann,  H.:  Nonnenspiegel  und  Mönchs- 
spiegel  des  Evagrios  Pontikos.  Zum  ersten 
Male  in  der  Urschrift  herausgegeben.  VIII, 
165  S.    1913.    (Bd.  39,  4)  M.  5.50 

Reichardt,  Walther:  Die  Briefe  des  Sextus  Julius 
Africanus  an  Aristides  u.  Origenes.  IV,  84  S. 
1909.    (Bd.  34,  3)  M.  3  — 

Schalkhausser,  G.:  Zu  den  Schriften  des  Makarios 
von  Magnesia.  V,218S.  '07.  (Bd.  31, 4)  M.  7 — 

Schermann,  Th.:  Der  liturg.  Papyrus  von  DSr- 
Baly/eli.  Eine  Abendmahlsliturgie  des  Oster- 
morgens.    VI,  45  S.  1910.  (Bd.  36,  Ib)    M.  1.50 

—  Propheten- und  Apostellegenden.  Nebst  Jun- 
gerkatalogen des  Dorotheus  und  verwandter 
Texte.  VII,  368  S.  '07.  (Bd.  31,3)        M.  11.50 

—  Griechische  Zauberpapyri  n.  das  Gemeinde- 
und  Dankgebet  im  I.  Klemensbriefe.  VI,  64  S. 
1909.    (Bd.  34,  2b)  M.  2  — 

Fortsetzung  s.  3.  Umschlagseite. 


DER  KLEMENSROMAN 


UND 


SEINE  GRIECHISCHEN  QUELLEN 


VON 


Dr.  WERNER  HEINTZE 


LEIPZIG 

J.  C.  HINRICHS'scHE  BUCHHANDLUNG 
1914 


TEXTE  UND  UNTERSUCHUNGEN 

ZUR  GESCHICHTE  DER  ALTCHRISTLICHEN  LITERATUR 

ARGHIV  FÜR  DIE  VON  DER  KIRCHENVÄTER -GOMMISSION 

DER  KGL.  PREUSSISGHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN  UNTERNOMMENE 

AUSGABE  DER  ÄLTEREN  CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

HERAUSGEGEBEN    VON 

ADOLF  VON  HARNACK  und  CARL  SCHMIDT 

3.  REIHE  10.  BAND   HEFT  2 
40.  BAND  HEFT  2 


HOF-  BÜCHDF.UCKKREI. 


Vorwort. 

Das  vorliegende  Buch  wurde  im  Mai  1912  bei  der  Göttinger 
Philoso]»hischen  Fakultät  in  Form  einer  lateinisch  geschriebenen 
Dissertation  eingereicht.  Die  Arbeit  blieb  so  wie  sie  war  drei- 
viertel Jahr  liegen.  Da  es  wünschenswert  schien,  sie  deutscli 
zu  veröffentlichen,  wurde  nur  ein  lateinischer  Teildruck  veran- 
staltet, der  Abschnitt  II  §  9,  1  (Cicero  und  die  Rekognitionen) 
und  Abschnitt  III  (den  Erzählungsstoff)  enthält  und  den  Titel 
trägt  ,,De  historiae  Clementis  Komani  auctoribus  quaestiones 
selectae'"'.    Göttingen  1913. 

Der  deutschen  Umarbeitung  habe  ich  verhältnismäßig  kurze 
Zeit  gewidmet;  nur  der  erste  und  zweite  Abschnitt  erfuhren 
Erweiterungen. 

Für  den  philosophischen  Teil  wie  für  die  ganze  Anlage  der 
Arbeit  bin  ich  Herrn  Professor  D.Dr.  Wendland  zu  lebhaftem 
Dank  verpflichtet,  ebenso  für  das  Romantechnische  Herrn  Pro- 
fessor Dr.  Po h lenz.  Ich  wiederhole  dies  gern  auch  an  dieser 
Stelle. 

Osnabrück,    Oktober  1913. 

Werner  Heintze 


Inhaltsverzeichnis. 

Seite 
Vorwort III 

Einleitung 1—5 

Prinzipielles  —  Klementinenforschuug  —  Texte  und  Lite- 
ratur. 

Erster   Abschnitt. 

Inhalt  und  Umfang  der  Grundschrift  .    .    ,      6— f)l 

§  1.    Vergleichnng  beider  Rezensionen 6 — 14 

(1)  Barnabas  S,  6  —  (2)  Die  zweite  Anagnorisis  8.  7  — 
(3)  Die  Anagnorisis  des  Faustus  S.  8  —  (4)  Die  Genesis- 
disputationen S.  12. 

§2.    Die  Apiondisputationen 14 — 23 

(1)  Da.s  Eusebiuszitat  S.  15  —  (2)  Stellung  der  Apiondisputa- 
tionen in  Homilien  und  Rekognitionen  8.  18  —  (3)  Ver- 
hältnis zur  Grundschrift  S.  20. 

§3.    Der  Schluß  des  Romans 23—36 

(1)  Abhängigkeit  der  Hekognitionen  von  den  Homilien  S.  23 
—  (2)  Unechtheit  des  Homilienschlusses  S.  25  —  (3)  Die 
Partien  zwischen  der  letzten  Anagnorisis  und  dem  Schluß 
S.  29  —  (4)  Schluß  der  Rekognitionen  und  Epitome  S.  33  — 
(5)  Entstehungsgeschichte  der  Grundschrift  und  der  Rezen- 
sionen S.  35. 

§4.    Der  Klemensbrief.    Rufin.    Das  Zitat  der  Philokalia    36 — 42 
(1)   Der  Klemensbrief  S.  36    —   (2)  Rufin  S.  40   —   (3)  Die 
Philokalia  S.  41. 

§5.    Die  Quelle  der  mythologischen  Disputationen     .     .     42  —  51 
(1)   Fremdartiger   Charakter    und   Disposition   der   Debatte 
S.  43  —  (2)  Eine  jüdische  Bekehrungsgeschichte  S.  45. 

Zweiter   Abschnitt. 

Die  philosophischen  Disputationen  (VIII  l— IX  32)    51—114 

§  6.    Analyse  der  ersten  Disputation 52 — 62 

(1)  Das  Simplex  und  compositum  S.  52  —  (2)  Über  die  Welt- 
entstehung S.  53  —  (3)  Die  Vorsehung  S.  57  —  (4)  Ver- 
hältnis der  beiden  Abschnitte  über  die  ,  Welten tstehung" 
und  die  „Vorsehung"  S.  60  —  (5)  Ein  pythagoreischer  Ab- 
schnitt S.  61. 


VI  Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

§  7.    Analyse  der  zweiten  Disputation 62 — 70 

(1)  „ Wohlgeformte "  aber  nicht  vernunftgemäße  Dinge  S.  63 
—  (2)  Zusammenhang  der  ersten  und  zweiten  Disputation 
S.  63  —  (3)  „Ungeordnete"  Dinge  und  „Ungerechtigkeiten" 
S.  65  —  (4)  Der  Schluß  der  Disputation  S.  69. 

§8.    Analyse  der  dritten  Disputation 70 — 76 

(1)  Willensfreiheit  und  Kampf  ums  Dasein  S.  70  —  (2)  Die 
Gesetze  der  Länder  S.  71  —  (3)  Das  29,  Kapitel  S.  73. 
§9.    Eine  gemeinsame   Quelle    der  Rekognitioneu   und 

Ciceros 76—89 

(1)  Vergleichung  Ciceros  und  der  Rekognitionen  S.  76  — 

(2)  Das  Lob  der  Vorsehung  in  den  Homilien  S.  86. 

§  10.    Die  Zwischenquelle  zwischen  Posidonius  und  der 

Grundschrift 90—110 

(1;  Das  doxographische  Kapitel  VIll  15  S.90  —  (2)  Quellen 
des  Abschnitts  „vom  Weltall"  S.  92  —  (3)  Quellenver- 
hältnis der  Abschnitte  vom  „Weltall"  und  über  die  „Vor- 
sehung" S.  95  —  (4)  Verhältnis  der  zweiten  Disputation 
S.  99  —  (5)  Die  vöfiifta  ßagßaQiy.d  S.  100  —  (6)  Das  Barde- 
sanesproblem  S.  101  —  (7)  Verhältnis  der  dritten  Disputa- 
tion S.  106  —  (8)  Apion  und  der  Peplos  des  [Aristoteles] 
S.  107  —  (9)  Annubion  und  Athenodor  S.  109. 

§  11.    Datierung  der  Klementinen 110—114 

Dritter  Abschnitt. 

Der  Erzählungsstoff 114—1:^ 

§12.    Rekonstruktion  der  älteren  Fabel 114—122 

§  13.    Klemens.     Niketes   und  Aquila.     Die  Anagnorisis 

des  Faustus 122—129 

(1)  Klemens  S.  122    —    (2)  Niketes  und   Aquila  S.  123  — 

(3)  Die  Anagnoi-isis  des  Faustus  S.  128. 

§  14.    Die  Beziehungen  /u  den  griechischen  Romanen    .  130 — 138 

Schluß 138—139 

Autoren-  und  Sachverzeichnis 140—144 


Einleitung. 

Die  neuere  Klementiiienforschung  richtet  ihre  Aufmerk- 
samkeit darauf,  den  Quellen  des  Klemensromanes  nachzugehen, 
zumal  seine  eigentümlich  mosaikartige  Zusammensetzung  aus 
dogmatischen,  romanhaften  und  philosophisch -mythologischen 
Elementen  hierzu  förmlich  auffordert.  Für  das  Theologische 
ist  diese  Arbeit  geleistet,  wenn  sie  auch  vielfach  ^Yiderspruch 
erfahren  hat.  Dagegen  harren  die  engeren  Beziehungen  unseres 
Romans  zur  griechischen  Philosophie  und  Mythologie,  die  man 
längst  geahnt,  noch  immer  der  wissenschaftlichen  Begrikidung. 
Auch  die  vorliegende  Arbeit  schafft  hier  nur  Stückwerk,  da  die 
mythologischen  Zusammenhänge  über  ihren  Rahmen  hinaus- 
gehen. Statt  dessen  wird  sich  an  die  philosophische  Quellen- 
untersuchung eine  solche  über  die  gleichfalls  antiken  Elemente 
des  Romans  anschließen,  der  nun  in  einem  andern  Licht  er- 
scheint als  bisher. 

Aber  auch  damit  ist  die  Aufgabe  noch  nicht  erschöpft. 
Eine  reine  Quellenuntersuchung  ist  unmöglich,  wenn  man  nicht 
klare  Stellung  genommen  hat  gegenüber  dem  bekannten  lite- 
rarischen Problem,  das  der  Klemensroman  stellt. 

Nach  einer  langen  Periode  mehr  oder  weniger  glücklicher 
Versuche  hat  zuerst  Waitz  eine  Formel  aufgestellt,  die,  wenn 
sie  richtig  ist,  das  Problem  als  solches  ein  für  allemal  aus  der 
Welt  schafft.  Homilien  und  Rekognitionen  sollen  beide  aus 
einer  gemeinsamen  Grundschrift  geflossen  sein',  und  zwar  — 
was  das  wichtigste  ist  —  beide  voneinander  unabhängig. 
Kann  man  diesen  letzten  Punkt  beweisen,  so  muß  sich  die 
Grundschrift  mit  absoluter  Sicherheit  rekonstruieren  lassen  nach 
dem  Satze:  überall  wo  zwei  gegenseitig  unabhängige  Schriften 
gemeinsame  Züge  tragen,  postulieren  sie  eine  Grundschrift,  in 
der  sich  jene  gemeinsamen  Züge  zu  einem  einheitlichen  Bilde 
ergänzen.  Bringen  die  Homilien  einen  Gedanken  in  ausführ- 
licher Form,   die   Rekognitionen  in   gedrängter  Kürze,    so  hat 

T.  XX.  U.  '14:  Heintze.  1 


2  Heintze,  Klemensroman. 

man  nur  H  und  R  zu  addieren,  um  den  Gedanken  der  Grund- 
schrift zu  erhalten. 

Auf  diesem  Wege  ist  es  Waitz  gelungen,  der  bisher  noch 
ziemlich  schattenhaften  Idee  einer  Grundschrift  Gestalt  und 
Körper  zu  geben.  N"ur  eins  vermißt  man,  den  Nachweis,  daß 
zwischen  Homilien  und  Rekognitionen  abgesehen  von  der  ge- 
meinsamen Quelle  kein  Yerhältnis  besteht.  Das  ist  aber  Vor- 
aussetzung für  die  absolute  Wahrheit  der  rekonstruierten 
Grundschrift.  Weder  an  der  Existenz  der  Grundsclirift  noch 
an  der  relativen  Wahrheit  des  von  Waitz  entworfenen  Bildes 
darf  man  heute  noch  zweifeln.  Falls  aber  jene  angedeutete 
Voraussetzung  irrig  ist,  wird  man  an  der  Waitzschen  Rekon- 
struktion noch  gewisse  Abschreibungen  vornehmen  müssen,  näm- 
lich überall  wo  ein  direkter  Einfluß  der  Homilien  auf  die  Re- 
kognitionen erkennbar  ist.  Mit  dieser  Frage  soll  sich  die  folgende 
Untersuchung  —  übrigens  nur  an  wenigen  Punkten  —  beschäf- 
tigen. Was  die  Methode  betrifft,  so  kann  hier  nur  das  Prinzip 
der  gemeinsamen  Korruptel  gelten.  Wenn  die  Homilien  nach- 
weislich die  Grundschrift  verändert  haben  und  sich  dieselbe 
Änderung  in  den  Rekognitionen  findet,  so  sind  letztere  von  den 
Homilien  abhängig.  Erst  so  gewinnen  wir  für  unsern  eigent- 
lichen Zweck  einer  Analyse  der  philosophischen  und  roman- 
haften Quellen  die  sichere  Grundlage. 

Vorher  nur  noch  ein  paar  kurze  Bemerkungen  über  die 
Richtung,  welche  die  Klementinenforschung  vor  und  nach  Waitz 
genommen  hat.  Die  älteren  Arbeiten  von  Hilgenfeld  und  Uhl- 
horn  waren  Experimente,  bei  denen  es  ohne  Gewaltsamkeiten 
nicht  abging.  Praktisch  zog  bereits  Lipsius  in  der  Prot.  Kirchen- 
zeitung 1869,  47 7  ff  die  nötige  Folgerung  und  forderte  einen 
umfassenden  Klemensroman  als  gemeinsame  Quelle.  Aber  die 
Hypothesen  seiner  beiden  Vorgänger  wurden  damit  nur  zum 
Teil  beseitigt.  Denn  auch  sie  kannten  bereits  umfangreiche 
Grundschriften  und  trafen  dabei  trotz  aller  Verschiedenheiten 
in  der  Ansicht  zusammen,  daß  unseren  Rekognitionen  außer  der 
Grundschrift  die  Homilien,  bzw.  deren  mythologische  Quelle 
(^Hilg.  224)  vorgelegen  hätten.  Diesen  letzten  Punkt  hatte 
Lipsius'  Hypothese  nicht  erledigt.  Das  beweisen  die  Arbeiten 
von  Langen  und  Bigg.  IS^ach  Bigg,  der  sich  hauptsächlich  an 
Uhlhorn  anschließt,  setzen  Homilien  und  Rekognitionen  eine 
Grundschrift  voraus,  die  als  orthodoxer  Klemensroman  aufzu- 
fassen ist.     Sie   wurde   zuerst  von   dem  Homilisten   bearbeitet, 


Einleitung.  3 

daiui  vom  Verfasser  der  Rekognitionen,  der  aber  außerdem  hier 
und  da  die  Homilien  zu  Rate  zog  (S.  185i).  Gegenüber  dieser 
immerhin  komplizierten  Theorie  nahm  die  Ansicht  von  Waitz 
gerade  durch  die  verhältnismäßig  einfache  Lösung  des  Problems 
für  sich  ein.  Ihr  schlössen  sich  Harnack  und  Bousset  an.  Sie 
ist  in  Deutschland  wohl  fast  allgemein  akzeptiert,  abgesehen 
von  den  Anhängern  Hilgenfelds,  der  fast  60  Jahre  nach  seiner 
Erstlingsschrift  im  wesentlichen  festhielt  an  der  eigentümlichen 
Hypothese  einer  genetischen  Entwicklung  von  dem  „Predigt- 
buch Petri"  zu  den  „Reisen"  und  endlich  den  „Wiedererken- 
nungen", jener  „älteren  Substanz",  die  er  in  den  Rekognitionen 
in  ursprünglicherer  Form  als  in  den  Homilien  wiederfindet. 

Etwas  anders  steht  es  im  Ausland.  Obwohl  das  Werk 
von  Waitz  überall  anerkannt  wird,  haben  einzelne  Gelehrte  eine 
modifizierte  Anschauung  vertreten,  allerdings  ohne  sie  im  ein- 
zelnen so  genau  zu  fundieren,  wie  es  Waitz  getan  hat.  In 
seinen  Notes  sur  les  Clementines  (S.  33)  denkt  sich  der  fran- 
zösische Gelehrte  F.  Nau  das  Verhältnis  folgendermaßen.  Das 
„Predigtbuch  Petri"  wurde  in  den  drei  ersten  Büchern  der 
Rekognitionen  unter  dem  Titel  „Klemens"  verarbeitet.  Diese 
drei  Bücher  sind  benutzt  und  ergänzt  von  dem  Homilisten, 
später  auch  von  dem  Verfasser  der  Rekognitionen,  der  sich  in 
Buch  I— in  die  Grundschrift  „Klemens",  in  IV— X  die  Homilien 
als  Vorlage  wählte.  Eine  gewisse  Stütze  findet  diese  Anschau- 
ung, die  in  ihrem  Kern  auf  Lehmann  zurückgeht,  in  dem  er- 
haltenen syrischen  Text. 

Wir  erkennen  deutlich  die  vorwaitzische  Tendenz  wieder, 
die  Rekognitionen  in  gleicher  Weise  von  einer  (freilich  arg  zu- 
sammengeschmolzenen) Grundschrift  und  den  Homilien  abhängen 
zu  lassen.  Dagegen  läßt  Dom  Chapman  Homilien  und  Re- 
kognitionen wieder  gesondert  aus  der  Grundschrift,  eventuell 
durch  Zwischenstufen,  hervorgehen  (S.  32  i),  leugnet  aber,  nach 
gewissen  Andeutungen  zu  schließen,  keineswegs  die  Möglichkeit 
einer  Beeinflussung  der  Rekognitionen  durch  die  Homilien. 
Diese  Möglichkeit  muß  aber  ernstlich  in  Betracht  gezogen 
werden  für  den  Fall,  daß  die  umstürzenden  Aufstellungen  des- 
selben Gelehrten  zutreifend  sind,  nach  denen  Grundschrift,  Ho- 
milien und  Rekognitionen  seit  330  im  Laufe  von  nur  40  Jahren 
in  Syrien  entstanden  sind.  Bei  dieser  zeitlichen  und  räumlichen 
Beschränkung  verdient  allerdings  die  oben  erwähnte  „Voraus- 
setzung",  die  Waitz  machte,    eine  Nachprüfung.     Dies  um   so 

1* 


4  Heintze,  Klemensroman. 

mehr,  als  sich  wahrscheinlich  herausstellen  wird,  daß  unsere 
Versionen  nicht  nur  ihren  theologischen  Überzeugungen  Raum 
geben,  sondern  auch  den  Erzählungsstoff  selbständig  verändert 
und  fortgebildet  haben. 

Anmerkung.  Texte.  Maßgebende  Ausgabe  der  Homilien  von 
P.  de  Lagarde,  Clementina,  Leipzig  1865.  Die  beiden  einzigen  Hand- 
schriften sind  cod.  Ottobon.  443, 14.  Jh.  und  der  unvollständige  cod.  graec. 
Paris.  930,  12.  Jh.,  letzterer  von  Lagarde  verglichen.  ÜbiT  ihn  vgl.  auch 
Nau,  Notes  etc.  S.  25  ff'.  Über  die  vermeintliche  Turrianushandschr.  vgl. 
denselben  S.  25  •.'.  Im  übrigen  Lagardes  Vorrede  und  Mej'boom  S.  1  ff". 
Erste  Ausgabe  der  Homilien  von  Cotelier  P.  A.  Paris  1672.  —  Ich  zitiere 
die  Bücher  a,  ß,  y  mit  Lagardes  Verszählung. 

Die  Rekognitionen  hrsg.  von  Gersdorf,  Leipzig  1838.  Ein  fehler- 
reicher Abdruck  findet  sich  P.  Gr.  (Migne)  vol.  1,  der  nur  durch  die  Noten 
Coteliers  einigen  Wert  erhält.  Die  zahlreichen  HSS  (mehr  als  70)  werden 
nach  Richardson  aufgezählt  vou  Preuschen  in  seiner  Besprechung  der  Kle- 
mentiuen,  in  Harnacks  Gesch.  d.  altchristl.  Lit.,  1893,  1  S.  229  f.  Die  von 
Gersdorf  stark  bevorzugten  Leipziger  HSS  190,  11.  Jh.  in  Pegau,  und  191, 
i.  J.  1218  auf  dem  Petersberge,  führt  Lagarde  S.  23 ff.  auf  5  Münchener 
HSS  zurück.  Jm  übrigen  vgl.  Meyboom  S.  .öfF,  40ff'.  Editio  princeps  der 
Rekognitionen  von  Jacobus  Faber  Stapulensis,  Paris  1504.  —  Ich  zitiere 
die  Bücher  nach  Gersdorf  I,  II.  IIL 

Die  beiden  Epitomen  sind  herausgegeben  von  Dressel,  Leii3zig  1859. 
Über  die  HSS  vgl.  Nau,  Notes  etc.  S.  33  f.  Lagarde  S.  6,  Anm.  2.  E'^  ist 
ein  Exzerpt  aus  den  Homilien,  E^  aus  E^,  vgl.  Meyboom  S.  33,  Waitz 
S.  7ff.  Nau,  Dict.  S.  205  vergleicht  E^  c.  139  mit  Rec  X  66,  E'  c.  96ff 
mit  einem  Zitat  des  Paulus  Monachus. 

Die  syrische  Version,  erhalten  in  einer  Londoner  Hds.  12150,  i.  .1. 
412.  Sie  enthält  Rec  I— IV  +  Hom.  t— tyS  24 -f  Hom.  <;.— «6.  Nau,  Dict. 
S.  205f,  führt   sie  auf  einen  den  Rekogn.  verwandten  Text  zurück. 

Zwei  arabische  Auszüge  hrsg.  von  M.  Dunlop  Gibson,  Studia 
Sinaitica,  London  1896.  Eine  Hds.  vom  Sinai  enthält  Rec  I— III  und  sehr 
kurz  die  „Wiedererkenuungen".  Quelle  ist  ein  den  Rekogn.  nahestehender 
Text  (vgl.  IX  38).  Eine  zweite  Londoner  HS,  in  Sinope  1652  geschrieben, 
fußt  auf  E  -.     Nau,  Dict.  S.  20G. 

Literatur.  Für  die  ältere  Zeit  geben  Uhlhorn  und  Lehmann  eine 
Geschichte  der  gelehrten  Beschäftigung  mit  den  Klementinen.  Eine  neue 
Epoche  wird  eingeleitet  durch  A.  Hilgenfekl,  Die  klement.  Rekogn.  und 
Homilien,  Jena  1848.  Es  folgen  G.  Uhlhorn,  Die  Homilien  und  Rekogn., 
Göttingeu  1854  (S.  351  ff").  Gegen  ihn  wendet  sich  Hilgent'eld,  Theol.  Jahr- 
bücher XIII  (1854)  483 ff".  J.  Lehmann,  Die  klementin.  Schriften,  Gotha 
1869  (S.  21).  Dazu  die  wichtige  Besprechung  von  R.  A.  Lipsius  in  Prot. 
Kirchenzeitung  XIX  (1869)  477 tf;  Derselbe,  Die  Quellen  der  röm.  Petrus- 
sage, Kiel  1872.  Vorübergehend  trat  die  Epitome  in  den  Vordergrund 
durch  J.  Langen,  Die  Klemensromane,  Gotha  1890  (S.  131  ff").  C.  Bigg, 
The  Clementine  Homilies  in  Studia  bibl.  et  eccl.  II,  Oxford  1890,  S.  157 
bis  193.  Das  Werk  von  J.  F.  A.  Hort,  Notes  introductory  to  the  studie  of 
the  Clementine  Recognitions,    London  1901   (aus  Cambridger  Vorlesungen 


Einleitung.  5 

vom  Jahre  1884  von  Murraj  veröffentlicht),  war  mir  leider  nicht  zugänglich. 
.\.  C.  Headlam,  The  Clementine  Literatiire,  Journal  of  the  Theological 
Studies  III  (1903)  41  ff.  Nach  ihm  enthielt  die  (Jrundschrift  die  Krzählung 
von  Klemen.s  und  seiner  Familie,  Petri  Heisen.  die  Simon-  und  vielleicht 
die  Apiondebatten.  Interessant,  daß  schon  Headlam  den  Schluß  des  Romans, 
die  Verwandlung  des  Faustus,  für  unecht  hält.  Gegenüber  allen  „ver- 
wegenen Hj'pothesen*  geht  äußerst  behutsam  vor  H.  U.  Meyboom,  De 
Clemens-Roman,  I  und  II,  Groningen  1902.  1904.  Verdienstlich  ist  der 
1.  Teil,  wo  eine  synopti.sche  Vergleichung  der  verschiedenen  Fassungen 
gegeben  wird.  M.s  Resultat  ist ,  daß  die  nach  bestimmten  Quellen  frei 
komponierten  Homilien  in  einer  einigermaßen  von  der  unsrigen  abweichen- 
den Form  die  Hauptquelle  der  Rekognitiouen  gewesen  sind  (^S.  69).  —  Der 
Beginn  der  dritten  Epoche  ist  markiert  durch  das  wichtigste  Werk  der 
ganzen  Klemeutiuenliteratur:  H.  Waitz,  Die  Pseudoklementinen.  Leipzig 
1904.  Texte  und  Untersuchungen  z.  Gesch.  d.  altchristl.  Lit.,  hrsg.  von 
V.  Gebhardt  und  Harnack.  N.  F.  X  4.  Dazu  die  Besprechung  von  W.  Bousset, 
Götting.  gel.  .Anz.  1905.  425 ff,  auf  die  wir  wegen  ihrer  Bedeutung  häufiger 
zurückkommen  werden;  vgl.  v.  Dobschütz  in  Theol.  Lit.-Zeit.  XXll  (1904) 
583 ff.  Die  Aufsätze  von  A.  Hilgenfeld,  Zeitschr.  f.  wisseuschaftl.  Theologie 
47  a904)  545 ff,  48  (1905)  21  ff,  besonders  49  (1906)  66ff  liefern  manchmal 
gute  Beobachtungen,  kämpfen  aber  —  namentlich  in  der  Datierung  — 
für  eine  verlorene  Sache.  A.  Harnack,  Die  Chronologie  der  altcliristlichen 
Literatur,  1904,  S.  .'^IS ff' hat  Waitz'  Rekonstruktion  der  Grundschrift  und 
seine  Auffassung  des  Petrus-  und  Klemensbriefes  akzeptiert,  dagegen 
Quellen  und  Grundschrift  erheblich  später  als  Waitz  angesetzt.  In  Holland 
gibt  ein  im  allgemeinen  zustimmendes  Referat  über  das  Werk  von  Waitz 
Meyboom,  Theol.  Tijdschrift.  Leiden  1904;  nur  zuletzt  verrät  sich  eine 
verhalteue  Skepsis.  Auf  die  Notes  sur  les  Clementines  von  F.  Nau,  Actes 
du  XlVe  Congres  International  Des  Orientalistes  1905  VI  240',  Paris  1906, 
wurde  schon  hingewiesen.  Von  demselben  Gelehrten  findet  sich  ein  gut 
orientierender  Artikel  im  Dictionnaire  de  theologie  catholique  lll  (1908) 
20]  ff.  Im  selben  Jahr  erschien  der  erwähnte  Aufsatz  von  Dom  Chapman, 
On  the  date  of  the  Clementines.  Zeitschr.  f.  d.  neutestamentl.  Wissenschaft 
IX  (1908)  21-34.  147—159  (S.  32  i).  Endlich  noch  in  The  Encyclopaedia 
Britannica  VI  (1910)  490ff  eine  Zusammenfassung  von  J.  V.  Bartiet,  der  — 
im  Gegensatz  zu  Waitz  und  Harnack  —  die  Grundschrift,  d.  i.  die  , Reisen 
des  Petrus",  mit  den  Wiedererkennungen  schließen  läßt  (vgl.  Headlam). 
Nähere  Literatur  an  den  einschlägigen  Stellen  bei  Waitz  S.  376ff;  Harnack, 
Chronologie  S.  518f;  Bardenhewer,  Patrologie.  3.  Aufl.,  Freiburg  1910. 
Die  neueste  Zusammenfassung  der  Literatur,  die  sich  an  den  Klemens- 
roman  knüpft,  stammt  aus  der  berufeneu  Feder  von  Waitz,  Realenzykl.  f. 
prot,  Theol.  u.  Kirche,  Leipzig  ]91o,  XXIII  S.  312—316,  der  seine  Ergeb- 
nisse in  vollem  Umfange  aufrecht  erhält.  Über  das  Werk  von  F.  Haase 
s.  unten  §  10,  6. 


Heintze,  Klemensroman. 


Erster  Abschnitt. 
Inhalt  und   Umfanii-  der  Grundschrift. 


'Ö 


Das  Thema  7.11  diesem  Abschnitt  ist  oben  gestellt.  Es 
handelt  sich  darum,  nähere  Feststellungen  über  die  Grundschrift 
zu  machen  unter  besonderer  Berücksichtigung  eines  etwaigen 
direkten  Abhängigkeitsverhältnisses  zwischen  Homilien  und  Re- 
kognitionen.  Dabei  ist  es  das  natürliche,  als  Ausgangspunkt  die 
von  Waitz  und  Harnack  gegebene  Rekonstruktion  zu  wählen^. 

§  J.   Vergleichung  beider  Rezensionen. 

1.  Barnabas.  Im  Anfang  erzählt  Klemens,  wie  er  in 
Rom  von  zwiespältigen  Gedanken  über  die  Unsterblichkeit  hin 
und  her  geworfen  wurde,  als  plötzlich  auf  dem  Markt  ein  un- 
bekannter Mann  erschien,  welcher  schrie  und  sprach,  in  Judäa 
sei  der  „wahre  Prophet"  erschienen  (a  7  10-21  =  17  e-is).  Den 
ideal  gesinnten  Jüngling  treiben  Wissensdurst  und  Begeisterung, 
die  Fahrt  nach  Judäa  anzutreten.  Ein  Seesturm  verschlägt  ihn 
nach  Alexandria,  wo  er  Barnabas  kennen  lernt;  von  dort  fährt 
er  nach  Cäsarea.  So  in  den  Homilien  a  8 — 15.  —  In  den  Re- 
kognitionen  treffen  wir  Barnabas  schon  in  Rom,  er  ist  jener 
Unbekannte  (I  7  1..).  Von  Alexandria  dagegen  keine  Spur.  Die 
Vermutung  drängt  sich  auf,  daß  in  den  Rekognitionen  der  kunst- 
volle Aufbau  der  Homilien  zusammengedrängt  wurde.  Das 
lehrt  auch  folgender  Yergleich  der  Predigt  des  Unbekannten 
bzw.  Barnabas. 

«  7  16  u/.A   luv  /ueTaßdk)]o^£  11  u  „si  convertimini  et 

y.al    xarä    Ti]v    avrov     ßovh-joiv      secundum     voluntatem      eins 
ßiu)0}]XE,    eig    exsQov    akova    eve-      agitis,    ad   futurum  saeculum 


1)  Waitz  S.  16tf.  37ff;  Harnack,  Chiouol.  S.  523ff. 


§  1.    Vergleichunj;  beider  Rezensionen.  7 

;^??f'>'Tfs  y-<ii  ä(d(oi  yivöfievoi  to)v  venientes  et  aeterni  effecti  in- 

änoQQ/jzor   avxov   äya'dwr  äjio-  off;il)ilibus  eius  bonis  ac  prae- 

Xavom'  EOLV  de  än£i&i)oere,  ai  miis  pcrfruomini." 

ipvxal  v/iiov sig  rov  xojior  [fehlt.] 

TOV    TTVQ'oC    ßh]f)t]OOVT(U. 

Der  Autor  der  Rekognitionen   überspringt  die  notwendige 

Antithese  (iav  dt  äneidijosje )  und  versichert  sofort,  jener 

Unbekannte  sei  Barnabas  („Erat  autem  vir  iste Barnabas"). 

Er  hat  hier  also  seine  Vorlage  verkürzt,  und  wenn  wir  die 
Oründe  hinzunehmen,  die  schon  Uhlhorn  S.  310 f  geltend  ge- 
macht hat,  können  wir  mit  Waitz  die  weit  wirkungsvollere  Er- 
zählung des  Homilisten  der  Grundschrift  zuweisen.  Allerdings 
hat  Harnack  S.  523  trotzdem  ein  Wirken  des  Barnabas  in  Rom 
angenommen,  das  von  den  Homilien  aus  Gründen  der  Tradition 
getilgt  sei.  Unsere  literarhistorischen  Prinzipien  führen  unbe- 
dingt auf  eine  Vorlage  der  Rekognitionen,  die  den  Homilien  ganz 
nahe  stand.  Aber  freilich  befriedigt  die  Lösung  nicht  ganz. 
Klemens  führt  nämlich  in  Alexandria  Barnabas  „in  sein  Haus'' 
(a  13  9),  reist  aber  nicht  sofort  mit  ihm  nach  Judäa,  da  er  noch 
einige  Geschäfte  abzuwickeln  hat  (a  14  24,  15  28).  Das  letzte 
Motiv  stammt  aus  seinem  Aufenthalt  in  Rom  (a  8  :!2)  und  ist 
dort  bedeutend  passender  als  in  dem  wildfremden  Alexandria. 
Meyboom  S.  48  sieht  vielleicht  mit  Recht  eine  bloße  „Unbe- 
holfenheit" darin.  Aber  schon  hier  taucht  die  leise  Möglichkeit 
auf.  daß  die  Rekognitionen  die  Fassung  der  Grundschrift  und 
des  Homilisten  vermengt  haben. 

2.  Die  zweite  Anagnorisis.  VII  26.27.  o^  «;/ 2  — 3  ss. 
In  Laodicea  erzählt  Petrus  Niketes  und  Aquila  die  Schicksale 
der  Klemensfamilie,  und  zwar  in  den  Rekognitionen  in  einer 
zwei  Kapitel  langen  direkten  Rede,  in  den  Homilien  ganz  kurz 
und  indirekt.  Wahrscheinlich  hat  hier  wieder  der  Homilist  ge- 
kürzt. Man  lese:  ndvia  avroig  enl  xecpaXa'iwv  e^e&eio  (224) 
und  —  —  TovTcor  ovv  xecpalaicoöcbg  grj'&ei'Tcov  (3  34).  Natürlich 
hat  er  dabei  ein  bezeichnendes  Kunstmittel  verdorben.  In  den 
Rekognitionen  erzählt  Petrus,  Mattidia  habe  nach  dem  nächt- 
lichen Schiffbruch  immer  gerufen  „Ich  Unglückliche,  wo  sind 
meine  Söhne  Faustus  und  Faustinus".  Kaum  hören  das  Niketes 
und  Aquila,  als  sie  ausrufen  „Wir  sind  ja  Faustinus  und  Faustus" 
(VII  27.  28).  Der  eilfertige  Homilist  berichtet  nur  von  dem 
freudigen  Ausruf  der  Söhne  und  verpaßt  die  Pointe. 


8  Heintze,  Klemensroman. 

3.  Die  Anagnorisis  des  Faustus.  Die  Anagnorisis  de» 
Faustus  erzählen  beide  Rezensionen  verschieden.  Waitz  S.  36 
findet  die  Rekognitionen,  Meyboom  S.  52  und  ebenso,  nach 
einer  Andeutung  zu  schließen.  Bousset^  die  Homilien  origi- 
neller. Wir  brauchen  hier  für  unsere  Ansicht  eine  genauere 
Begründung. 

Mattidia  hat  in  Laodicea  ihre  drei  Söhne  wiedererkannt 
und  wird  am  folgenden  Tage  getauft,  aber  in  den  Rekognitionen 
geschieht  dann  nichts  mehr.  Erst  am  nächsten  Morgen  gehen 
Petrus  und  die  Brüder  an  den  Strand,  um  zu  beten,  und  be- 
gegnen dort  zum  ersten  Male  Faustus.  In  den  Homilien  da- 
gegen werden  diese  beiden  Tage  zu  einem  verschmolzen.  Nach- 
dem Mattidia  im  Meere  getauft  ist,  gehen  alle  nach  Haus;  nur 
Petrus  bleibt  am  Strande  und  findet  Faustus.  Wir  beginnen 
mit  den  Homilien^. 

aj  Petrus  sagt:  Wir  wollen  zum  Meer  gehen  öjiog  ev  oxe- 
jiivcö  rrjg   '&akdoorjg   tojim   eldövreg   ev   äxaxaoxojiq)   ßanrioai 

amijv  dvvr]ßojjuev  (id  1  se).    K^ach  der  Taufe:  f]jueTg ol  dde/L- 

q)Oi,  Töjv  yvraixcbv  yuQiv  äfxa  [äÖeXq^cb]  {avzcb)  (sc.  Uetoo))  ^  xal 
aXXoig  xiolv  ujio/ojQijoavzeg  xal  Xovodjuevoi,  ekdovreg  eneua  zag 
yvvaixag  jiagsÄußojiiev  (l  3).  Während  des  Bades  sind  also  die 
Frauen  allein  geblieben,  xal  ovrojg  ev  xgvq^aio)  rönco  nooev- 
^evxeg  evyojueßa.  Dieser  verborgene  Platz  ist  ein  anderer  als 
der,  wo  Mattidia  getauft  ist  (vgl.  1  ac).  Petrus  schickt  nun  die 
Mutter  und  alle  übrigen  nach  Haus,  bleibt  aber  selbst  allein 
am  Strande.  Endlich  nach  geraumer  Zeit  kehrt  er  ebenfalls 
zurück,  nimmt  mit  der  ganzen  Familie  das  Abendmahl*  und 
erzählt  dann:  Gleich  nachdem  ihr  von  dem  Platz,  wo  wir  beteten, 
heimgegangen  wäret,  erschien  ein  Greis  in  Arbeiterkleidung^ 
blickte  neugierig  umher  und  sagte:  ^Ex  tioXXov  001  äxoXovdxJjv 
xal  ovvTV'/ßlv    deloiv  i]dovjia]v  ju)'j7iojg  cbg  neQieoyo)  juoi  yaXenai- 

v'>]g daldooij    vjuäg   lelovjievovg   elg  xov   dnoxQvcfov  x6:r(ov 

vjioyojQ7]oavxag  löojv,    TiQooeXdcov  kddoa   xaxeoxönovv xal 

ejieiöi]  evyofiEvovg  eldov,   vjieyiOQTjoa'  ekerjoag  de  v/uäg  dvejueiva. 


*)  W.  Bousset,  Die  Wiedererkennungsfabeln  in  den  pseudoklementin. 
Schriften,  den  Menaechmeu  des  Plautus  und  Shakespeares  „Komödie  der 
Irrungen\     Zeitschr.  f.  d.  neutest.  Wiss.  1904  8.  18flF. 

2)  18  Iff. 

*)  »;/<£??  Ol  d8eXq?oi  äfia  d8e?.(p^  (so!)  ist  korrupt.  Gemeint  ist  Petrus, 
vgl.  3  26  da'/.äaoi]  vfiüg  (Petrus  und  die  übrigen)  leXovfiivovg  idcov . 

*)  Vgl.  hierzu  Chapman  S.  155. 


§  1.   Vergleichuiig  beider  Rezensionen.  ^ 

öjicog  i^ioi'otv  rrooooiii/.i'joag  txeioco  juij  djiciTäo&at  {2  21.  3  l'«). 
Der  Greis  hat  also  Petrus  luicl  die  drei  Brüder  im  Meere  baden 
und  dann  an  jenem  verborgenen  Platz  beten  sehen,  aber  merk- 
würdigerweise weiß  er  von  Mattidias  Taufe  nichts.  Er  muft 
aber  nach  seiner  Behauptung:  ävtfieivn  öjicoq  i^tovoiv  jiQoaojiu- 
/j'joag  jTtiaoi  /at)  (h-raTdo&ai  dann  wenigstens  Mattidia  erblickt 
haben,  falls  er  sie  nicht  vorher  beim  Beten  gesehen  hatte.  Nun 
lese  man  die  Anagnorisis:  Petrus  hat  der  Mattidia  und  ihren 
Söhnen  eben  erzählt,  der  Vater  sei  schon  längst  tot  —  daa 
hatte  Faustus  im  Gespräch  mit  Petrus  fingiert  — ,  und  alle 
brechen  in  Tränen  aus:  idol'  y.ai  6  yegcoi'  eiofjei  (in  das  Gemach, 
wo  jene  sitzen)  x(d  eig  rijv  yvvaXxa  eußXeipag  e(pr]  Ol'juoi,  ri 
ße/.ei.  Tocxo  elrai;  riva  ogd);  TroooeAdojv  dh  xai  äy.QißioreQOv  hndcov 
xai  oQa&eig  .-TSQiejT/Jy.ero  {'d  22].  Man  begreift  nicht,  warum  diese 
„Anagnorisis  auf  den  ersten  Blick"  nicht  schon  am  Strande 
stattfand,  wo  Faustus  Mattidia  doch  offenbar  gesehen  hat.  Aber 
die  Diskrepanz  läßt  sich  leicht  erklären.  In  der  Vorlage  ist 
eben,  wie  in  den  Rekognitionen,  Mattidia  schon  am  vorher- 
gehenden Tage  getauft,  Petrus  und  die  drei  Brüder  waren 
überhaupt  allein  am  Strande  und  begegneten  dort  dem  Alten, 
Der  Homilist  hat  hier  wieder  einmal  geändert. 

b)  In  den  Homilien  hatte  der  Greis  in  Arbeiterkleidung  zu 
dem  allein  zurückgebliebenen  Petrus  gesagt:  ovte  yäq  &eög  eonv 
oihe  jiQovoia,  ä?i/.a.  yeveoei  tu  Tidvxa  vjioxeixai,  wg   sym   icp'  oig 

7iE7iov§a  7ienh]oo(p6Q)]f.iai ev  noXXf]  ßiov  noxe  &v  tieqiov- 

oiq  jioXld  y.ai  deolg  k'&vor  y.ai  öeoiiievoig  Txaoelxov,  xal  ojLicog  — 
—  x))v  Jte7iQ(jL)fxhn)v  eyqvyeiv  ovx  t'jövvij&i'jv  (3  30).  Jetzt  sagt  er 
plötzlich,  er  sei  durch  das  Verhängnis  seines  Freundes,  also 
offenbar  nicht  durch  sein  eigenes,  zum  Glauben  an  ein  blindes 
Schicksal  (genesis)  getrieben.  Überhaupt  sei  er  ein  Astrologe 
und  habe  in  Rom  einen  sehr  vornehmen  Freund  gehabt :  avxov 
xe  xal  xijg  oi\ußiov  x))v  yeveoiv  äxgißcog  ii7iioxuf.i}]v  xal  loxogrjoa 
dxoXovdcog  xfj  ysvsoei  avxcov  xäg  ngd^eig  uTioxekea&eioag  egyco  (6  g)^ 
Also  schon  vor  der  Auswanderung  der  Mattidia,  die  natürlich 
gemeint  ist,  kennt  dieser  Astrologe  und  Freund  des  Gatten  das 
astrologische  Schema  der  beiden.  Kann  er  dann,  als  Mattidia 
wirklich  ausgewandert  ist,  mit  ihrem  Gatten  aller  Herren  Länder 
durchwandern  und  dieselbe  Mattidia  suchen,  deren  Schema  ihm, 
dem  Berufsastrologen,  sagt,  daß  sie  schon  längst  „auf  hoher 
See  umgekommen  sei"?  {id  6  i»  =  IX  32  n). 

Diese    ungeschickte    Zumutung   findet    sich    allein    in    den 


IQ  Heintze,  Kleuiensroman. 

Homilien.  Zwar  „fingiert"  Faustus  die  Geschichte  nur,  aber 
die  Fiktion  ist  dämm  ebenso  schlecht  wie  die  ganze  Kompo- 
sition dieses  Abschnittes.  Wir  sollen  nämhch  denken,  daß 
Petrus  aus  Schmerz  über  den  (fingierten)  Tod  des  Faustus  vom 
Strand  nach  Haus  ging,  um  der  Familie  die  Trauerbotschaft  zu 
übermitteln.  Dabei  bringt  er  es  fertig,  erst  zu  Abend  zu  speisen, 
dann  volle  sechs  Kapitel  von  seiner  Begegnung  mit  dem  grau- 
köpfigen Arbeiter  und  ihrer  flachen  Unterhaltung  über  den 
Schicksalsglauben  zu  berichten  und  zu  allerletzt  die  Eröffnung 
7,u.  machen,  Faustus  sei  leider  schon  seit  vielen  Jahren  tot. 

Alle  fangen  an  zu  weinen.  Am  meisten  lamentiert  Mat- 
tidia  und  spricht  wie  die  griechischen  Romanhelden  einen  Mono- 
log^.    ovjTO)  de  jrjg  juiäg  TavT)]g  dXoXxiyrjg  Jiavoauevijg^    idov  xal 

<5  yeqoiv  slojjet (id  9  21).    Dann  folgt  die  Wiedererkennung 

auf  den  ersten  Blick.  Die  ganze  Anagnorisis  wird  mit  über- 
raschender Geschwindigkeit  in  elf  Zeilen  erledigt.  Faustus  er- 
fährt nichts  von  den  Erlebnissen  der  Mattidia,  ihrer  Wieder- 
erkennung des  Klemens  und  seiner  beiden  Brüder  Niketes  und 
Aquila,  erfährt  nicht  einmal,  wie  schmählich  ihn  jener  Bruder 
in  Rom  belogen  hat,  wie  seine  Gattin  der  bösen  Konstellation 
hat  entgehen  können,  nach  der  sie  mit  einem  Sklaven  auf  und 
davongehen  und  auf  hoher  See  umkommen  mußte. 

Überall  finden  wir  die  Spuren  einer  höchst  nachlässigen 
Komposition,  bei  der  Taufe  wie  bei  jener  „Fiktion"  des  Faustus 
und  der  notwendig  mit  ihr  verbundenen  Anagnorisis,  die  alles 
Vorhergehende  völlig  ignoriert.  Der  Homilist  hat  diese  ganze 
Partie  nach  seinem  Geschmack  umgemodelt  und  ist  sich  kaum 
seiner  Flüchtigkeiten  bewußt  geworden.  Für  die  Rekonstruktion 
der  Grundschrift  sind  die  Homilien  nur  insofern  ergiebig,  als 
•dort  etwas  anderes  gestanden  haben  muß.  Hier  können  uns 
nur  noch   die  Rekognitionen  Aufschluß  geben  (VHI  1,  IX  32f). 

Als  Mattidia  getauft  ist,  gehen  Petrus  und  die  drei  Brüder 
am  nächsten  Morgen  an  den  Strand,  beten  dort  an  einem  ver- 
l)orgenen  Platz  und  begegnen  schließlich  dem  Greis  in  Arbeiter- 
kleidung, mit  dem  sie  eine  längere,  drei  Tage  währende  Dis- 
putation über  den  Schicksalsglauben  beginnen.  Aber  Faustus 
läßt  sich  noch  immer  nicht  überzeugen,  bekennt  vielmehr:  a  pro- 

*)  Ot'^ioi,  avsQ,  Tj/näg  äyajrojv  "^hqIoei*  avrog  fikv'ireXsvTijaag,  Tjfistg  dk  ^djvzeg 
<pcög  oQcjjiFv  xal  TQoqoijg  /leza/.afißdroiier  {id  9  1h).  M.  Pohlenx  koujiziert 
yf^äg  uya^TOJv  xeToai  fier  aviög  [iJrF^.Fi'D'joag.  Übrigens  ist  xoIöei  in  beiden 
Epitomen  überliefert,  aber  jedenfalls  korrupt. 


jj  1.   Vergleichung  beider  Rezensionen.  H 

pria  conscientia  prohibeor  accommodare  consensum  (IX  32  4). 
Zum  Beweis  erzählt  er,  das  Horoskop  habe  seiner  Frau  be- 
stimmt, mit  einem  Sklaven  zu  fliehen  und  auf  hoher  See  um- 
zukommen. Petrus  hat  schon  längst  seine  Ahnungen  und  sagt: 
Si  tibi  hodie  coniugem  tuam  castissimam  consignavero  cum  tribus 

üliis  tuis,  credis quod  omnia  quae  a  nobis  dicta  sunt  vera 

sint  et  genesis  nihil  sit?  Der  Alte  erwidert,  das  sei  ganz  un- 
möglich. Darauf  Petrus:  Testes  habere  volo  omnes  qui  prae- 
sentes  sunt  ^ .  me  tibi  hodie  coniugem  tuam  cum  tribus  vestris 
liberis  traditurum;  —  —  cunctaque  tibi  per  ordinem  quae 
gesta  sunt  enarrabo,  ut  et  tu  cognoscas  et  qui  praesentes  sunt 
•discant  (IX  34). 

Höchst  kunstvoll  und  behutsam  wird  diese  Anagnorisis  vor- 
bereitet, da  jetzt  durch  ein  unerhörtes  Ereignis  die  ganze  Lebens- 
philosophie des  verstockten  Graukopfes  Schiffbruch  erleiden  soll. 
Petrus  W' endet  sich  alsbald  zum  Volke  und  sagt,  dieser  Alte 
sei  Faustus,  ein  vornehmer  römischer  Edelmann,  und  dies  seien 
«eine  drei  Söhne.  Dann  erzählt  der  Apostel  seinem  Versprechen 
gemäß  —  ganz  wie  oben  bei  der  Anagnorisis  des  Mketes  und 
Aquila  —  in  ausführlicher  Rede  alle  Schicksale  der  Familie, 
und  das  im  Theater  versammelte  Volk  hört  nicht  minder  auf- 
merksam zu  als  der  alte  Faustus  selbst.  Inzwischen  scheint 
auch  jemand  die  Mutter  gerufen  zu  haben,  die  vom  Vater  mit 
Rührung  wiedererkannt  wird  (IX  36 f). 

Diese  einfache  Erzählung,  die  aber  doch  von  einem  ge- 
wissen Kunstverstand  zeugt,  bietet  nicht  den  geringsten  Anstoß. 
Sie  ist  in  einem  Guß  konzipiert  und  hingeschrieben  und  kann 
aus  dem  ganzen  Zusammenhange  des  Klemensromanes  nicht 
herausgerissen  werden.  Wir  können  sie  daher  ohne  weiteres 
der  Grundschrift  zuweisen,  zumal  ja  doch  darin  eine  Wieder- 
erkennung des  Faustus  erzählt  war.  Das  wird  noch  später  bei 
der  Analyse  des  Romans  von  Wichtigkeit  sein^. 

Aber  warum  hat  der  Homilist  den  Klemensroman  so  mut- 

^)  Die  Sache  spielt  jetzt  im  „Theater"  VIII  .38  u.  Darüber  unten 
in  §  14. 

^)  Man  findet  —  besonders  bei  Meyboom  —  häufig  die  Bemerkung, 
daß  auch  bei  der  Grundschrift,  in  seinem  Falle  die  Homilien,  mit  gewissen 
„Unbeholfen heiten"  gerechnet  werden  müsse.  Aber  bei  dem  vorliegenden 
literarischen  Verhältnis  unserer  Rezensionen  ist  es  das  gegebene,  innerlich 
straff  zusammenhängende  Partien  der  Grundschrift  zuzuweisen,  dagegen 
allzu  auffallende  Widersprüche  durch  die  Tätigkeit  zweier  Individuen, 
des  Originalschriftstellers  und  des  Bearbeiters,  zu  erklären. 


12  Heintze,  Klemensromau. 

willig  geändert?  AVeil  er  die  Petrus-Simondisputationen,  welche 
bei  ihm  der  Wiedererkennung  des  Faustus  folgen,  von  Cäsarea 
nach  Laodicea  versetzte.  Es  ist  ja  längst  bewiesen,  daß  der 
Inhalt  der  Bücher  ig — iß  zum  Buche  y  gehört,  wo  jetzt  nur 
eine  Disputation  des  Petrus  und  Simon  steht.  In  den  Reko- 
gnitionen  stehen  alle  drei  Disputationen  an  richtiger  Stelle  (II  20 
bis  III  48);  in  Laodicea  dagegen  disputieren  nicht  Simon  und 
Petrus,  sondern  richtig  Faustus  mit  seinen  drei  Söhnen,  und 
zwar  nicht  über  die  christliche  Lehre,  sondern  über  die  Philo- 
sophie der  Griechen  (Till  1— IX  d2)K 

4.  Die  Genesisdisputationen.  Die  Genesisdisputartonen 
sind  leider  nur  in  den  Rekognitionen  erhalten,  aber  zahlreiche 
Anspielungen  in  den  Homilien  deuten  darauf  hin,  daß  sie  in 
der  Grundschrift  gestanden  haben^.  Wer  sich  die  Waitzische 
Formel  der  ausschließlich  gemeinsamen  Quelle  unserer  beiden 
Rezensionen  zu  eigen  gemacht  hat,  kann  konsequenterweise 
nicht  daran  zweifeln.^  Aber  auch  wer  nicht  ohne  weiteres  die 
obige  „Voraussetzung"  teilt,  kann  sich  folgenden  Erwägungen 
nicht  verschließen.    Die  treffliche  Anaarnorisis  des  Faustus  wird 


^)  Abgesehen  von  den  älteren  Gelehrten  s.  Waitz  S.  26  ff. 

'-)  Waitz  S.  35f;  Meyboom  S.  64f.  68.  Die  Ansicht  von  Harnack,. 
Chronol.  S.  526  i  („Den  Abschnitt  IX  19ff  über  die  verschiedenen  Gesetze 
der  Länder  der  Grundschrift  zuzuweisen,  ist  man  nicht  veranlaßt")  muß 
zurückgewiesen  werden.  <«9  19  33  in  Laodicea  spricht  Simon  von  der  Re- 
lativität der  sittlichen  Begriffe  und  erinnert  dabei  an  die  Sitten  der  Perser, 
die  ihre  Mütter,  Schwestern  und  Töchter  heiraten;  ebenso  weist  Petrus 
selbst  auf  die  Weibergemeinschaft  der  Britannier  und  den  Kannibalismus 
vieler  Völker  hin  {t&  19  4).  Das  sind  aber  gerade  die  Schulbeispiele  des  Kar- 
neades,  die  an  der  Rekognitiouenstelle  in  langer  Reihe  vorgeführt  werdenr 
1X20x4  (Perser),  24 1  (Britanner),  25  16  (Kannibalismus  der  Bragmanen). 
Sogar  eine  Verwechslung  ist  dem  Homilisten  untergelaufen.  Er  sagt,  viele 
Menschen  äßen  Hundefleisch  (tö  19  6\  während  —  wie  der  Zusammenhang- 
und  die  Rekognitionen  lehren  —  in  der  Grundschrift  davon  die  Rede  war, 
daß  umgekehrt  manche  Völker  ihren  Hunden  Menschen  vorwerfen  (1X252)^ 
Durch  diese  Beispiele  ist  der  Passus  IX  19 ff  für  die  Grundschrift  gerettet^ 
da  der  Homilist  unmöglich  von  den  Rekognitionen  abhängig  sein  kann. 
Über  Naus  (Uue  biograi^hie  inedite  de  Bardesane  l'astrologue,  Paris  1897, 
S.  4f.  Derselbe,  Dict.  S.  214;  und  Harnacks  (Chronol.  8.  535)  Ansicht,  der 
Passus  sei  von  den  Rekognitionen  aus  Eusebius  entnommen,  s.  unten 
§10,6,  Chapman  S.  30  1  weist  Rec  IX  19— 29  der  Grundschrift  zu,  läßt 
den  Abschnitt  aber  von  P>usebius  abhängen.  Waitz  S.  257  nimmt  dagegen 
eine  gemeinsame  Quelle  an. 

■'*)  Von  den  älteren  Gelehrten  hielten  Hilgenfeld  und  Bigg  (S.  183 2) 
die  Bücher  VIII  und  IX  für  Zutaten  der  Rekognitionen. 


§  1.   Ver<Tleichung  beider  Rezensionen.  13 

erst  verständlich,  wcmiu  ihr  wie  in  den  Rekognitionen  die  tief- 
gründigen Dispntrttionen  über  den  Fatalismus  vorausgingen. 
Ferner  losen  wir  in  der  lateinischen  Rezension,  dal!  Faustus  an 
drei  Tagen  mit  Xiketes^  und  Aquila^  und  endlich  Klemens^, 
an  den  beiden  ersten  Tagen  über  die  Vorsehung,  am  letzten 
Tage  über  den  Glauben  an  Astrologie  disputierte.  Nun  ist  es 
gewiß  kein  Zufall,  daß  in  beiden  Rezensionen,  Rekognitionen 
und  Homilien.  vorsichert  wird,  Niketos  und  Aquila  liätten  früher 
fleißig  Epikur  und  Pyrrho  studiert*.  Was  ist  da  natürlicher,  als 
daß  sie  über  die  von  Epikur  geleugnete  Vorsehung  und  den 
von  Pyrrho  oder  besser  Karneades  bekämpften  Fatalismus  dis- 
putieren. Auch  von  Klemens'  philosophischen  Studien  hören 
wir  im  Anfang.  Allerdings  wird  man  annehmen  müssen,  daß 
in  den  Rekognitionen  hie  und  da  einiges  geändert  und  zurecht- 
gestutzt ist.  So  gibt  Faustus  zu  Beginn  des  zweiten  Disputations- 
tages eine  draxecfadaiooig  der  gestrigen  Debatte,  erwähnt  dabei 
aber  einiges,  was  sich  in  den  Rekognitionen  nicht  mehr  findete  — 
Ähnlich  versichert  Aquila,  der  Redner  des  zweiten  Tages,  sein 
Bruder  Niketes  habe  gestern  bereits  die  Art  und  Ursache  der 
Entstehung  jenes  unnützen  Getiers  wie  der  Flöhe,  Mäuse  und 
Eidechsen  genügend  beleuchtet  (VIII  43^).  Auch  hiervon  findet 
sich  in  der  ersten  Disputation  keine  Spur.  Aber  bekanntlich 
war  es  eine  der  vornehmsten  Pflichten  gewisser  Stoiker,  auch 
diese  Kinder  der  Schöpfung  zu  verteidigen;  man  kann  daher 
annehmen,  daß  sich  ein  solcher  Abschnitt  in  der  auf  stoische 
Argumente  aufgebauten  Grundschrift  fand.  —  Endlich  noch  eine 
dritte  Stelle.  Im  17.  Kapitel  des  IX.  Buches  werden  nur  5  Stel- 
lungen des  Horoskops  aufgezählt,  während  es  sich  in  den  folgen- 
den Kapiteln,  die  der  "Widerlegung  jener  Schemata  dienen,  um 
eine  weit  größere  Anzahl  handelt^.  Aber  es  ist  auch  möglich, 
daß  schon  der  Verfasser  des  Klemensromans  aus  Langerweile 
einige  Schemata  ausließ. 

Unmittelbare  Anstöße  bieten  die  Rekognitionen  in  dieser 
Partie   nur  sehr   wenig.      Wir   werden   später   sehen,   daß   ihr 

1)  VIII  9—34.     ■')  VIII  39—57  (6-2).     ^)  IX  3-32.     ')  VIII  7  le  os  ly  7  i. 

s)  VIII  89  15  über  den  guten  und  gerechten  Gott  als  Richter.  Vgl. 
<f  1.  2;  Waitz  S.  36.  Freilich  haben  gerade  solche  Betrachtungen  in  der 
philosophischen  ersten  Disputation  keinen  geeigneten  Platz.  Überhaupt 
klingt  diese  ganze  ..Zusammenfassung"  etwas  wunderlich.  Man  lernt 
höchstens  daraus,  daß  der  Verfasser  nach  einer  Vorlage  arbeitet. 

«)  IX  23  9,  23  16,  24  10,  24  12,  25  3,  25  7. 


■J4  Heintze,  Klemensroman. 

Yerfasser  keineswegs  zu  den  erlesenen  Greistern  gehört,  und  es- 
könnte  sich  höchstens  darum  handeln,  daß  er  seine  Grundschrift 
aus  einer  andern  Vorlage  mit  dieser  ganzen  Disputationsmasse 
bereichert  hätte.  Dann  würde  man  aber  zum  mindesten  einige 
erkennbare  Fugen  erwarten,  wie  wir  dies  in  einem  ähnlichen. 
Fall  sogar  bei  dem  weit  genialeren  Homilisten  sehen  werden. 
Wir  können  daher  umgekehrt  sagen,  weil  wir  so  wenig  Anstöße 
bemerken,  wird  der  Autor  der  Rekognitionen  die  Bücher  VIII 
und  IX  im  wesentlichen  nach  der  Grundschrift  treu  wieder- 
gegeben haben.  — 

Zieht  man  die  ganzen  bisherigen  Erörterungen  in  Betracht, 
so  erffibt  sich,  daß  —  für  unsere  Zwecke  —  die  Grundschrift 
im  wesentlichen  den  StoJEf  der  ersten  IX  Rekognitionenbücher 
umfaßte.  Klemens  reist  von  Rom  nach  Cäsarea  und  wird  dort 
von  Petrus  unterrichtet;  es  folgen  die  Simondisputationen ^  drei 
Bücher  Predigtreisen  des  Petrus 2,  die  Wiedererkennung  der 
Mattidia,  später  der  Brüder  in  Laodicea^,  drei  Disputationen 
des  Faustus  mit  seinen  Söhnen  über  den  Fatalismus*,  endlich 
die  Wiedererkennung  des  Faustus.^  Am  Schluß  des  Klemens- 
romans  scheint  noch  eine  kurze  Unterhaltung  über  die  Schick- 
sale der  Familie  gestanden  zu  haben  (unten  §  3,  3). 

§  2.   Die  Apioiidisputationen. 

Wir  wenden  uns  zu  der  wichtigen  Frage,  ob  die  bekannten 
Disputationen  des  Klemens  und  Apion  zur  Grundschrift  gehören. 
Im  X.  Buche  der  Rekognitionen  finden  sich  einige  Gespräche  der 
drei  Brüder  —  Petrus  als  ziemlich  stumme  Person  — ,  in  denen 
dasselbe  Thema,  die  griechischen  Göttermythen,  behandelt  wird. 
Aber  von  Apion  fehlt  hier  die  geringste  Spur.  Immerhin  wird 
man  kaum  zweifeln  dürfen,  daß  die  Bücher  deg  und  die  Kapitel  15 
bis  51  im  X.  Buch  auf  eine  gemeinsame  Quelle  zurückgehen.'' 

Also  scheint  Waitz  Recht  zu  haben  mit  seiner  Ansicht,  daß 
man  auch  in  der  Grundschrift  über  die  Göttermythen  disputiert 
habe.     Nur  fragt  sich,  wer  disputierte. 

>)  I— III  =  a-y,  15-id.         -)  IV— VI  =  C-ia.         ')  VII  ==  iß-iy. 

*)  VIII  1-IX  32. 

")  IX  32—37.  Über  das  einzelne  vgl.  die  Inhaltsübersicht  bei  Waitz 
S.  37  ff;  Harnack,  Chronol.  S.  523  ff. 

«)  Hierzu  vgl.  Waitz  S.  31  f.  Übrigens  hat  sich  schon  Hilgenfeld  (1848^ 
S.  224f)  zur  Annahme  einer  gemeinsamen  Quelle  verstanden. 


§  2.   Die  Apiondisputationen.  lj> 

Leider  hat  Waitz  sich  hier  dunkel  ausgedrückt.  S.  255^ 
nimmt  er  für  die  Orundschrift,  „wie  oben  S.  30 f  gezeigt  ist", 
„Dialoge  nicht  des  Klemens,  sondern  des  Petrus  und  dea 
Apion  fbzw.  des  Simon  und  seines  Schülers  Apion)"  an.  Den 
Beweis  ist  er  aber  an  der  betreffenden  Stelle  schuldig  geblieben. 
Er  glaubt  zwar  nachweisen  zu  können,  daß  in  Tyrus  nicht  Rie- 
mens dem  Apion,  sondern  Petrus  dem  Simon  und  seinen  dreißig 
Gefiihrten  begegnet  sei  \  aber  im  übrigen  versetzt  er  selbst  diese 
ganzen  mythologischen  Disputationen  nach  Laodicea,  wo  sie 
(vfie  in  Rec  X")  nach  der  Anagnorisis  des  Faustus  gehalten  seien» 
Wenn  Waitz  gleichwohl  Dialoge  des  Petrus  und  Apion  an- 
zunehmen scheint,  so  stützt  er  sich  dabei  auf  ein  gänzlich  nebel- 
haftes Zitat  des  Eusebius. 

1.  Das  Eusebiuszitat.  h.  e.  III  38,5:  Ijdtj  de  xai  exega 
noXvenfj  xai  /uaxgd  ovyyQd/njuaxa  ibg  tov  avxoü  ('sc.  KX)]juevxog) 
i/j&kg  xal  7TQc6t]v  xtveg  Trooijyayov,  IJexQov  dt)  xai  'A:;iicovog  din- 
Äoyovg  TTeQieyovxa'  cor  ovo  olcog  ari'jia]  xig  nagä  xoTg  Tiakaioig 
qeosxai. 

Waitz  interpretiert  hier  willkürlich  die  ovyyod^ujuaza  als- 
„eine  pseudoklementinische  Schrift,  welche  auch  'd.  h.  unter 
anderem)  die  Dialoge  des  Petrus  und  Apion  umfaßte"  (S.  2Ö4). 

In  jedem  Falle  bezeichnen  natürlich  die  ^roÄverrT]  xal  itaxga 
ovyygdjujuaxa  nur  eine  Schrift  —  der  Plural  darf  nicht  irre 
machen  — ,  und  diese  Schrift,  die  den  Namen  des  Klemens  trug, 
hatte  zum  Inhalt  die  Dialoge  des  Petrus  und  Apion.  Nichts 
anderes  bedeutet  negiex^iv.  Oder  wie  will  man  den  deutschen 
Satz  „ein  wortreiches  und  weitschweifiges  Machwerk,  dessen 
Inhalt  die  Dialoge  des  Petrus  und  Apion  bilden"  anders  über- 
setzen? Wie  Eusebius  vorher  vom  Hebräerbrief,  dem  Korinther- 
brief  des  Klemens,  die  er  auch  als  ovyygduiiaxa  bezeichnet,^ 
gesprochen  hat,  so  spricht  er  jetzt  von  dem  falschen  Klemens- 
brief  und  den  gefälschten  „Dialogen  des  Petrus  und  Apion". 
So  haben  es  schon  Hieronymus  und  Photius  gefaßt,  so  auch 
noch  kürzlich  Chapman. 

Aber  nehmen  wir  einmal  an,  Eusebius  hätte  den  betreffen- 
den Abschnitt  der  Grrundschrift  als  die  von  „Klemens  beschrie- 
benen Dialoge  des  Petrus  und  Apion"  bezeichnen  können.  Fast 
alle  Gelehrten  finden,  daß  die  Disputationen  in  den  Homilien 
„in   wesentlich    primärer   Gestalt"  erhalten    seien.     Sogar   den 


')  Es  handelt  sich  um  (5  2 -7  o^  IV  Iff.     S.  unten  §  2,  3. 


16  Heintze,  Klemensroman. 

Brief,  den  Apion  in  Rom  für  den  ,, liebeskranken"  Klemens 
geschrieben  hat  und  den  Klemens  mit  einem  geharnischten 
Oegenbrief  beantwortet,  hält  man  für  echt.  Nach  ihnen  ist 
doch  aber  Klemens,  nicht  Petrus  der  Angreifer,  und  Apion. 
nicht  etwa  der  Samariter  Simon  Verteidiger  der  allegorischen 
Mythendeutung.  Dies  trifft  sogar  für  den  historischen  Apion 
zu,  ist  also  entschieden  ein  echter  Zug  (s.  unten  §  1 0,  8).  Wie 
will  man  solche  intime  Beziehungen  ohne  weiteres  auf  Simon 
und  Petrus  übertragen,  ohne  die  ganzen  „Dialoge"  ihres  Lebens- 
saftes zu  berauben?  W"as  dabei  herauskommt,  kann  man  etwa 
an  der  Stümperei  der  Rekognitionen  ermessen,  w^o  die  Briefe 
und  alles  Aktuelle  getilgt  ist.  So  lese  man  die  ganzen  Bücher 
deg  vom  Anfang  bis  zum  Ende  durch,  um  zu  sehen,  daß  gleich  mit 
der  Begrüßung  des  Klemens  durch  Apion  alles  aktuell  und  ohne 
die  geringste  Fuge  ist,  die  auf  eine  Überarbeitung  deuten  könnte. 
Ferner  wäre  es  eine  wenig  geschmackvolle  Idee .  ausge- 
rechnet auf  Petrus  diese  Flut  von  mythologischen  Kenntnissen 
zu  übertragen.  Im  Gregenteil  sind  Homilien  und  Rekognitionen 
in  diesem  Punkt  äußerst  zurückhaltend.  Lag  etwa  für  den  Homi- 
listen,  wenn  er  Petrus  während  der  Apiondisputationen  noch 
eine  Weile  in  Cäsarea  ließ,  ein  anderer  Grund  vor  als  ein  ge- 
sunder Takt?  Sogar  der  Verfasser  der  Rekognitionen  wagt  es 
nicht,  den  Apostel  zu  einem  Studenten  der  Philosophie  und 
Mythologie  zu  machen.  Man  höre,  was  Niketes  zu  Beginn  der 
ersten  philosophischen  Disputation  von  Petrus  sagt:  ,,Er  ist 
nämlich  ein  Mann  Gottes,  der  alles  Wissen  beherrscht,  dem 
nicht  einmal  griechische  Bildung  fehlt,  weil  er  mit  dem  Geist 
Gottes  erfüllt  ist,  dem  nichts  verborgen  bleibt.  Aber  weil  ihm 
selbst  über  die  himmlischen  Dinge  zu  reden  ziemt, 
werde  ich  über  alles  sprechen,  was  zu  der  griechischen  Ge- 
schwätzigkeit gehört.  Später  aber,  wenn  wir  nach  griechischer 
Sitte  [Petrus  als  Schiedsrichter]  disputiert  haben  und  wir  auf 
dem  Punkt  sind,  wo  es  keinen  Ausweg  mehr  gibt,  dann  soll 
er,  gleichsam  vom  Geist  Gottes  erfüllt,  uns  klar  und  deutlich 
die  Wahrheit  aller  Dinge  enthüllen"  (VIII  5  12).  Und  was  das 
wichtigste  ist,  —  so  wird  es  auch  wirklich  ausgeführt.  Petrus 
übernimmt  das  ehrenvolle  Amt  des  schweigenden  Schiedsrichters. 
Am  Schluß  der  zweiten  Disputation  ^  hält  er  einen  fünf  Kapitel 


*)  An  die  dritte  Disputation  mußte  sich  unmittelbar  die  Anagnorisis 
anschließen. 


8  2.    Dio  Apiondisputationen.  17 

langen  Epilog,  in  dem  ev  die  griechische  Philosophie  ignoriert 
und  sich  mit  dem  Satze  begnügt,  durch  ihre  künstliche  und 
schwierige  Terminologie,  die  kein  Mensch  verstehen  könnte, 
hätten  sich  die  Philosophen  selbst  den  Weg  zur  Erkenntnis 
verbaut;'  ihn  könne  nur  der  wahre  Prophet  zeigen,  nnr  seine 
Lehre  sei  schlicht,   einfach  und  leicht  verständlich  (YIII  61  2). 

So  hat  sich  offenbar  auch  der  Verfasser  der  Grundschrift 
die  philosophischen  Disputationen  gedacht  ('oben  S.  13). 

Sogar  im  X.  Buch,  dessen  Zusammenhang  mit  der  Grund- 
schrift noch  nicht  erwiesen  ist,  finden  wir  dieselbe  Technik, 
vgl.  besonders  X  3 «,  62,  14  u,  IG,  40  6.  Petrus  wird  mit  den- 
selben Argumenten  die  bewußte  Rolle  des  Schiedsrichters  über- 
tragen. C.  7—12  unterhält  sich  Klemens  mit  Faustus  über  die 
Astrologie,  dann  bringen  Petrus  und  Klemens  mit  einer  unge- 
schickten Wendung  (13  7,  15?,  172)  das  Gespräch  auf  die  grie- 
chische Mythologie.  C.  17  —  26  redet  Klemens,  29  —  34  Niketes, 
35 — 38  Aquila,  41  wieder  Xiketes.  Die  ganze  Tätigkeit  des 
Petrus  besteht  darin,  daß  er  27  1-7  einen  bekannten  Einwurf 
gegen  die  Katasterismen  macht,  c.  39  über  die  göttliche  Vor- 
sehung redet  und  c.  42 — 51  einen  Epilog  über  die  christliche 
Lehre   hält,  der  natürlich  dem  obigen  nachgebildet  ist. 

Woher,  fragen  wir,  plötzlich  diese  Delikatesse  und  das 
Zartgefühl,  dem  Petrus  nur  ja  keine  unwürdigen  Aufgaben  zu- 
zuschieben ?  Sollen  Homilien  und  Rekognitionen,  die  man  unab- 
hängig voneinander  glaubt,  gleichzeitig  auf  den  Gedanken 
gekommen  sein,  Petrus  entweder  überhaupt  von  diesen  Dispu- 
tationen fernzuhalten  oder  ihn  gänzlich  in  den  Hintergrund  zu 
schieben? 

Wir  haben  die  Unmöglichkeit  dieser  Vorstellung  deswegen 
so  weit  verfolgt,  weil  neuerdings  Chapman  eine  ganze  Ent- 
stehungstheorie auf  das  Zitat  des  Eusebius  aufgebaut  hat.  Etwa 
im  Jahre  325  habe  Eusebius  sich  in  seiner  Kirchengeschichte 
über  die  eben  veröffentlichten  „Dialoge  des  Petrus  und  Apion, 
von  Klemens  selbst  erzählt"  sehr  abschätzig  geäußert,  in  dem 
Sinne,  daß  man  es  hier  lediglich  mit  TioXveTi})  y.a\  jLiay.gä  ovy- 
yQdjitjiiara  zu  tun  habe.  Ihr  Verfasser  hatte  nach  Chapman 
schon  längere  Zeit  an  seinem  Klemensroraane  gearbeitet  und 
dem  Publikum  durch  die  Veröffentlichung  dieses  Teiles  —  etwa 
im  Jahre  320  —  einen  Vorschraack  geben  wollen.  Bei  der 
Herausgabe  des  ganzen  Werks,  das  „ohne  Zweifel"  die  Dialoge 
des  Petrus  und  Apion  in  sich  schloß,  suchte  er,  eingeschüchtert 

T.  u.  U.  '14:  Heintze.  2 


18  Heintze,  Klemeusroman. 

durch  den  Scharfblick  des  Eusebius,  seine  Fälschung  dadurch 
authentisch  zu  machen,  daß  er  an  die  Spitze  seines  Roman» 
den  Brief  des  Petrus  an  Jakobus  setzte.  Die  bekannte  „Be- 
schwörung" des  Petrus,  das  Werk  niemandem  zu  verraten,  diente 
zur  Erklärung,  daß  es  fast  300  Jahre  verborgen  geblieben  war 
(S.  31  f  und   i47f). 

Selbstverständlich  darf  man  eine  bloße  „Fiktion"  des  Petrus- 
briefes nicht  ohne  weiteres  für  unmöglich  halten.  So  etwas 
machten  die  damaligen  Romanschreiber  ebenso  gut  wie  die 
englischen.^  Aber  eine  Unmöglichkeit  ist  es,  aus  dem  Petrus- 
brief nur  im  entferntesten  die  komplizierten  Beziehungen  heraus- 
zulesen, die  Chapman  in  ihm  findet.  Schon  dies  sollte  genügen^ 
daß  nach  dem  Brief  Petrus,  nach  dem  Roman  Klemens  von  den 
Predigten  (und  Reisen)  erzählt. 

"Was  ist  das  Resultat  dieser  langen  Erörterungen?  Daß 
wir  mit  dem  Zitat  des  Eusebius  garnichts  anfangen  können, 
auch  nicht  wenn  Chapman  mit  seiner  späten  Datierung  und  der 
Lokalisierung  in  Syrien  im  Rechte  ist.  Ähnlich  hat  sich  Har- 
nack,  Chronol.  S.  520  -2  geäußert  und  Preuschen  hat  a.  O.  S.  221 
darauf  hingewiesen,  daß  erst  ein  Glossator  des  cod.  Yenet.  338 
das  Eusebiuszitat  auf  die  „Klementien"  [ich  denke  die  Homilien] 
bezogen  hat. 

2.  Stellung  der  Apiondisputationen  in  Homilien 
und  Reko  o^nitionen.  Es  bleibt  nur  übrio-,  auf  induktivem 
Wege  durch  Interpretation  unserer  Rezensionen  die  Frage  zu 
erledigen,  wer  in  der  angenommenen  gemeinsamen  Quelle  dis- 
putierte und  ob  wir  diese  Quelle  in  der  Grundschrift  wieder- 
finden. 

Daß  Apion  in  den  Disputationen  eine  hervurragende  Rolle 
spielte,  wird  abgesehen  von  den  S.  16  angeführten  Gründen 
durch  den  Schluß  unserer  Rezensionen  erwiesen,  wo  er  bereits 
als  bekannt  gilt.  Mit  seiner  Person  ist,  wie  wir  eben  bei  Ge- 
legenheit der  Briefe  sahen,  die  Person  des  Klemens  viel  zu 
eng  verknüpft,  als  daß  Petrus  noch  eine  führende  Rolle  hätte 
beanspruchen  können.  Kein  Zweifel,  in  der  gemeinsamen  Quelle 
kann  nur  Klemens  oder  ein  Jüngling,  ähnlich  veranlagt  wie  er 
und  ein  ähnlicher  Apostat,  mit  dem  erbitterten  Judengegner 
Apion  über  die  Religion  der  Väter  disputiert  liaben.  War  diese 
gemeinsame  Quelle  die  Grundschrift? 


')  Vgl.  die  vou  Meybootn  S.  Hlff"  angeführten  Parallelen. 


§2.   Die  Apiondisputationen.  19 

Zugestandenermaßen  stehen  die  Bücher  deg  an  falscher 
Stelle.^  Das  wichtigste  Argument  ist  bei  Bigg  in  einer  An- 
merkimg versteckt  (S.  1S3  2).  In  der  Frühe  eines  Morgens  findet 
Petrus  in  Tripolis  seine  Schüler  wachend.  Es  sind  außer  Kle- 
mens,  Niketes  und  Aquila  zwölf.  N^un  hatte  Petrus  von  Cäsarea 
zur  Verfolgung  des  Simon  Schüler  vorausgeschickt.  In  den  Re- 
kognitionen  waren  es  zwölf 2.  in  den  Homilien  dagegen  nur 
Klemens,  Xiketes  und  Aquila '^  Gleichwohl  findet  Petrus  in 
Tripolis  nicht  nur  in  den  Rekognitionen,  sondern  auch  in  den 
Homilien  ,jene  zwölf"*.  Es  ist  klar,  in  der  Grundschrift  hat 
Petrus  nicht  Klemens  und  seine  Brüder,  sondern  jene  zwölf 
ausgesandt.  Der  Ilomilist  änderte  dies,  um  Raum  für  eine 
Disputation  des  Apion  und  Klemens  zu  gewinnen.  Später  in 
Tripolis  wird,  wie  gewöhnlich,  der  Betrug  offenbar  ^. 

Wer  sich  mit  Waitz  zu  der  Formel  der  ausschließlich  ge- 
meinsamen Quelle  bekennt,  wird  nun  die  Disputation  des  Kle- 
mens und  Apion  an  die  Stelle  setzen,  wo  der  Parallelabschnitt 
der  Rekognitionen  steht,  im  X.  Buch  nach  der  Wiedererkennung 
des  Faustus.  Wir  machen  dabei  die  Voraussetzung,  daß  der 
Verfasser  in  diesem  Punkte  nichts  geändert  hat.  Aber  denken 
wu'  einmal  diesen  Gedanken  konsequent  zu  Ende.  Unmittelbar 
nach  jener  Disputation,  die  wir  an  dieser  Stelle  annehmen, 
lesen  wir  in  beiden  Rezensionen,  wie  ein  Bote  kommt  und 
meldet,  daß  Apion  eben  gerade  von  Antiochia  nach  Laodicea 
gekommen  ist  und  Faustus  sich  sofort  beeilt,  den  alten  Freund 
in  seinem  Logis  aufzusuchen  (x  11  26  =:  X  52  7).  Kann  nun  der- 
selbe Apion  in  Laodicea  mit  Klemens  disputieren  und  wenig 
später  (am  selben  Abend!)  unvermutet  von  Antiochia  nach  La- 
odicea kommen?  Wer  mit  Waitz  Rekognitionen  und  Homilien 
unabhängig  voneinander  eine  gemeinsame  Quelle  bearbeiten 
läßt,  kann  unmöglich  hier  am  Schluß,  wo  beide  Rezensionen 
fast  Wort  für  Wort  übereinstimmen  und  sich  gerade  aus  der 
plötzlichen  Ankunft  des  Apion  die  abschließende  Tragikomödie 
entwickelt,  eine  Disputation  über  den  Götterglauben  vorher- 
gehen lassen,  in  der  Apions  Rolle  condicio  sine  qua  non  ist 
(vgl.  hierzu  unten  S.  29  Anm.  Ij. 


1)  Abgesehen  von  anderen  vgl.  Waitz  S.  29  ff.       -)  III  692.       »)  y  73i:5. 
*)  „illi  qui  praecesseraut  duodecim"  1V37 :  01  aQoobsvoavxeq  dcodey.a  tj  3  16. 
'")  Für  die  Rekonstruktion  der  Apiondisputationen  kommen  die  Bücher 
6e?  und  X  17  — 41  in  Betracht. 

2* 


20  Heintze,  Klemensroman. 

Also  weder  in  den  Homilien  noch  den  Rekognitionen  finden 
wir  die  Stelle,  wo  wir  die  Apiondisputationen  passend  einreihen 
können.  An  welcher  Stelle  der  Grundschrift  haben  sie  dann 
gestanden,  und  weshalb  haben  beide  Rezensionen  so  auffallend 
geändert? 

3.  Yerhältnis  zur  Grundschrift.  Von  dem  Schluß 
unserer  Rezensionen  wollen  wir  vorläufig  absehen  und  einmal 
fragen,  ob  denn  die  Apiondisputationen  überhaupt  und  als  solche 
geeignet  sind,  in  der  Grundschrift  einen  Platz  zu  beanspruchen. 
Das  muß  geleugnet  werden,  vorausgesetzt,  daß  man  beide, 
Grundschrift  und  Apiondisputationen,  wirklich  nur  aus  unseren 
Rezensionen  als  den  unmittelbaren  Zeugen  rekonstruieren  will. 

Wir  hörten  schon,  dati  in  der  Grundschrift  der  Alte  am 
Strande  Petrus  und  den  drei  Brüdern  die  Torheit  des  Betens 
vorhält.  Er  tut  es  mit  diesen  Worten:  Ovre  ydg  '&e6g  eoriv 
ovre  TTOovoia,  älXä  yeveoei  rd  Tidvxa  vnöy.eixm,  ojg  lyo)  ecp'  olg  tie- 
novda  7ie7ih]Qocp6orjixai  Ud  3  30  ^  YIII  2  r,).  Also  im  Klemens- 
roman bekannte  sich  dieser  fremde  Greis  bei  der  ersten  Be- 
gegnung mit  Petrus  und  den  Brüdern  als  Atheist.  ^  Man  braucht 
sich  nun  nicht  zu  wundern,  w^enn  in  den  drei  philosophischen 
Disputationen  der  Grundschrift  (YIII  1 — 1X32)  mit  keinem 
W^orte  gegen  die  griechische  Götterwelt  zu  Felde  gezogen  wird. 
Faustus  hat  sich  innerlich  ja  längst  von  ihr  losgesagt.  Eine 
solche  Disputation  wäre  also  ganz  zwecklos. 

Wie  stellt  sich  aber  auf  der  anderen  Seite  in  den  Apion- 
disputationen (öeg)  das  Bild  des  Faustus  dar?  Die  ganze  Dis- 
putation der  Homilien  wurzelt  in  dem  Gedanken,  daß  Klemens 
den  „Glauben  der  Yäter''  preisgegeben  hat.  Ovrög  ionv  Kh'jju)]g, . 
sagt  Apion  zu  seinen  Begleitern,  als  er  ihn  nacli  langen  Jahren 
plötzlich  in  Tyrus   auf  der  Stratie  spazieren  gehen  sieht  ^,  tisqI 


1)  Vgl.  lö  3  1 :  £v  jioXhJ  ßiov  jiozk  an'  Jisgiovoia  7io).)m  y.al  ■&soTg  e&vov 
—    —     xal    o/iicog    Evyßi^ievög    ze   xal    svaeßöji'    rijv    ae:^o(auh-rjr    ix(pvyeTv   ovx 

')  Diese  dramatisch  sich  zuspitzende  Begegnung  hängt  natürlich  so 
eng  wie  möglich  mit  der  folgenden  Schilderung  der  drei  Disputationstage 
zusammen.  Waitz  S.  29 ff  hat  in  ihr  mit  Unrecht  die  Überarbeitung  einer 
Begegnung  des  Petrus  und  Simon  sehen  wollen.  Eine  solche  „Begegnung" 
läßt  sich  schwer  vereinigen  mit  dem  Schlußeffekt  der  ."Simondisputationen. 
(Die  Szene  in  Berj^tos  wird  nur  C6ff  überliefert,  und  es  ist  sehr  zweifel- 
haft, ob  sie  zur  Grundschrift  gehörte.  Sie  trägt  den  Stich  ins  Burleske, 
den  der  Homilist  liebt.  Übrigens  ist  auch  dort  keine  Rede  von  einer 
„Begegnung"  des  Tetrus  und  Simon,  in  dem  Sinne,  daß  sie  sich   gegen- 


§  2.   Die  Apiondisputationen.  21 

ov  i'/iuv  —  —  rroXvr  e7iocovjui]v  /.oyov^  öri  äyijQ  —  —  7T/w7]g 
§Xh]vixfjc;  Tiaidsiag  i^rjoxijjuevog  vno  ßagßdgov  rivog  ('sc.  Uetqov) 
rd  'lovdakov  noieiv  xal  Xeyeiv  fjTzaTijTai  {ö  7  is'i,  und  or  fragt  ihn: 
Tdv  oov  rrareoa  k'q'^jg  xaxov  ßiov  ycyovh'ai ;  darauf  Klemens 
Kaxor  jLii-y  ovx  yv  ßiov,  xaxrjg  r^/-  vjTolr]ipe<X)g  —  —  ön  roig  töjv 
"EXX/p'cov  xpevdeoi  xaxolg  imoreve  juvßoig  (8  29).  Tm  Augenblick 
entwickelt  sich  eine  heftige  Debatte,  Klemens  der  Apostat 
kämpft  gegen  die  griechischen  Göttermythen,  Apion  verteidigt 
die  Religion  der  Väter  —  für  den  Vater;  denn  Faustus  kann 
natürlich  nicht  in  Tyrus  sein. 

Jeder  muß  denken,  daß  der  (abwesende  oder  bereits 
gestorbene)  Faustus  zu  der  Zeit,  wo  Klemens  und  Apion 
disputieren,  als  eifriger  Anhänger  des  griechischen  Polytheis- 
mus gilt. 

Kann  nun  eine  solche  Disputation  stattfinden  drei  Tage, 
nachdem  Faustus  mit  ausdrücklichen  Worten  bekannt  hat:  Ovre 
ydo  deog  ioitv'f'  Ein  verzweifelter  Ausweg  wäre  es,  für  die 
Grundschrift  einen  andern  Ausgangspunkt  dieser  sich  ganz  natür- 
lich entwickelnden  Disputation  anzunehmen.  Das  hieße  etwas 
Abgeblaßtes  für  ursprünglicher  erklären  als  das  Natürliche. 

Dazu  kommt  noch  etwas  höchst  Bezeichnendes.  Sogar  im 
X.  Buch  der  Rekognitionen  —  nach  dem  atheistischen  Glaubens- 
bekenntnis —  scheint  Faustus  plötzlich  ein  Anhänger  des 
griechischen  Götterglaubens  zu  sein.  Petrus  schlägt  näm- 
lich den  drei  Brüdern  für  die  Bekehrung  des  Vaters  Faustus 
folgenden  Weg  vor:  „cum  evigilaverit  et  sederimus,  vos  quasi 
aliquid  diseere  volentes  proponite  ex  his  dmitaxat,  quae  illi 
expedit  diseere"  (X  2  21).  Darauf  entwickelt  sich  das  Gespräch 
über  die  griechischen  Mythen,  seinem  Zweck  nach  an  dieser 
Stelle  völlig  sinnlos  und  verfehlt.  Nach  dem  von  Waitz  formu- 
lierten Abhängigkeitsverhältnis  mülite  man  also  unbedingt  an- 
nehmen, daß  in  der  Grundschrift  Faustus  als  Polytheist  gilt. 
Daraus  ergibt  sich  eine  äußerst  prekäre  Situation,  denn  gerade 
in  der  Grundschrift  hat  Faustus  gleich  bei  seinem  ersten  Auf- 
treten diesen  Polytheismus  längst  über  Bord  geworfen,  und  der 


seitig  angeredet  hätten).  Die  von  Waitz  angenouiinenea  und  nur  in  H 
überlieferten  30  Begleiter  des  Simon  stehen  im  Widerspruch  zu  III  49  1, 
63  ■?<>  t>]  23  10,  id  25  2.  Die  Figur  der  Bereuike  ist  erst  aus  /S  20  s  ent- 
wickelt {y  73,  8  1.  6).  Ihr  „armer  Mann"  (/?  20  9)  ist  in  dem  ganzen  Ab- 
schnitt de?  vergessen.  Demnach  ist  es  sehr  fraglich,  ob  die  Grundschrift 
auf  die  Station  Tyrus  näher  eingegangen  ist  als  die  Eekognitionen. 


22  Heintze,  Klemensroman. 

Versuch  der  Homilien,  die  Disputationen  vorher  einzuschmuggehi, 
ist  gescheitert. 

Man  mul;!  den  Mut  haben  zu  bekennen,  daß  die  Apion- 
disputationen  in  der  Grundschrift  höchst  unpassend  gewesen 
sein  würden.  Die  Annahme,  daß  sie  wirklich  dort  gestanden 
haben,  ist  aus  inneren  und  äußeren  Gfründen  zu  verwerfen.  Ab- 
gesehen von  der  gemeinsamen  Quelle,  wie  sie  Waitz  formuliert, 
liegt  gar  kein  Grund  vor.  dem  rekonstruierten  Klemensroman. 
der  bis  zur  Wiedererkennung  des  Faustus  in  der  Komposition 
keine  Anstöße  bietet,  solche  schweren  Diskrepanzen  aufzuok- 
troyieren. Es  ist  gewiß  kein  Zufall,  daß  der  Homilist,  der 
klügste  von  allen  dreien,  diese  gefährlichen  Disputationen  an 
die  Stelle  setzte,  wo  weder  Klemens  noch  Apion  noch  der  Leser 
ahnen  kann,  daß  Faustus  dem  Polytheismus  längst  Yalet  gesagt 
hat.  Wir  haben  gesehen,  wie  geschickt  er  sein  hübsches  Inter- 
mezzo einfädelt  (S.  19).  Ohne  Zweifel  stammt  die  ganze  Idee, 
mit  dem  Klemensroman  die  Apiondisputationen  zu  verbinden, 
von  ihm.  Bei  dem  Homilisten  erleben  wir  es  nämlich,  daß 
Faustus  —  höchst  widerspruchsvoll  —  sich  wirklich  zum  Poly- 
theismus bekennt:  &£ovg  de  TtolXovg  elvai  Hayoo  Xeyco  (ig4zö). 
So  liest  man  es  bezeichnenderweise  in  den  Simondisputationen 
zu  Laodicea,  die  er  selbst  hinzugetan  hat  (oben  S.  12).  Solche 
Diskrepanzen  sind  undenkbar  bei  einem  Originalschriftsteller, 
der  immerhin  seine  Erzählung  in  Gedanken  konzipiert,  dagegen 
wohl  begreiflich  bei  Bearbeitern,  die  den  Stoff  nie  in  dem 
Maße  innerlich  verarbeiten^. 

Wenn  trotz  alledem  an  einer  gemeinsamen  Quelle  der 
Homilien  (deg)  und  Rekognitionen  (X  15 — 51)  festzuhalten  ist, 
so  war  dies  nicht  die  Grundschrift,  sondern  eine  andere. 

Nun  hat  Bousset  in  seiner  Rezension  S.  480  folgende  Ver- 
mutung geäußert:  ,,Im  letzten  Abschnitt  von  G  standen  ursprüng- 
lich drei  Disputationen  über  die  Providenz.  die  Genesislehre 
und  die  Götterlehre  zwischen  Petrus  und  seinen  Schülern  Kle- 
mens, Niketes,  Aquila  einerseits,  den  heidnischen  Philosophen 
Athenodorus,  Annubion,  Appion  andrerseits.  Der  Vater  Faustus 
wird  dabei  die  Rolle  des  Unparteiischen  (!i  gespielt  haben." 
Die  Schwierigkeit  scheint  uns  durch  diese  Ansicht  nicht  gehoben, 
denn  die  Disputation  wurzelt  in  dem  Gedanken,   daß  Klemens 


*)  Andere  nicht  minder  schwere  Anstöße,  die  in  der  Person  des  Kle- 
mens liegen,  werden  uns  begegnen  §  5,  2. 


§  3.  Der  Schiuli  des  Romans.  23 

den  ,, Glauben  der  Väter''  verlassen  hat.  Ferner:  wie  kann 
Faustus  vor  der  Anagnorisis  den  Redekänipfen  des  Annubion 
und  Apion  als  Schiedsrichter  beiwohnen,  ohne  von  seinen  besten 
Freunden  wiedererkannt  zu  werden  {x  11  2'.>)?  Denn  daß  die 
Anagnol'isis  zeitlich  nach  den  Disputationen,  und  zwar  nach  der 
Oenesisdisputation  fällt,  haben  wir  gesehen. 

Wir  müssen  darauf  verzichten,  den  Apiondisputationen  einen 
Platz  in  der  Grundschrift  anzuweisen.  Wie  soll  man  sich  aber 
dann  erklären,  dall  in  beiden  Rezensionen  am  Schluß  Apion, 
Annubion  und  Athenodor  als  bekannt  vorausgesetzt  werden? 
Es  bleibt  noch  zu  untersuchen,  ob  der  Schluß  des  Romans 
zur  Grundschrift  gehört  oder  diese  vielmehr  mit  der  Wieder- 
erkennung des  Faustus  ihre  Rolle  als  gemeinsame  Quelle  aus- 
gespielt hat. 

^  3.   Der  Schluß  des  Roniaiis. 

1.  Abhängigkeit  der  Rekognitionen  von  den  Ho- 
milien.  In  den  Rekognitionen  wird  erzählt,  nach  jenen  my- 
thologischen Gesprächen  habe  jemand  gemeldet  ..Apionem  Pli- 
stonicensem  cum  Annubione  nuper  (ägTicog)  venisse  ab  Antiochia 
et  hospitari  cum  Simone"  (X  52  t).  Ebenso  lesen  wir  in  den 
Homilien  y.  1\  -.'i;  ^ 

Also  schon  vor  Apions  und  Annubions  Ankunft  hat  sich 
Simon  in  Laodicea  aufgehalten.  Hiervon  hören  wir  in  den 
Rekognitionen  nichts,  und  ebenso  läßt  sich  in  der  Grundschrift 
die  Anwesenheit  Simons  nicht  einmal  wahrscheinlich  machen. 
Ganz  anders  dagegen  die  Homilien.  Dort  weilt  Simon  bereits 
den  fünften  Tag  in  Laodicea,  da  er  bis  gestern  vier  Tage  lang 
mit  Petrus  disputiert  hat  (ig—i'&).  Wir  wissen  aber,  daß  jene 
Simondisputationen  Eigentum  des  Homilisten  sind  (S.  12),  und 
jetzt  endlich  wird  es  klar,  warum  Apion  und  Annubion  „bei 
Simon  logieren"  können.    Das  ist  eine  Erfindung  der  Homilien, 


^)  VjiscasÖQafis  (!)  r/,  /Jycov  \^n-tcov  6  n'/.eiazovly.)];  orr  'Arvovßüori  fjy.er 
aQTicog  d.TO  'Afno/eiag  y.al  isri^srai  .Tapä  Siiicovi,  Es  gehört  mit  zu  den 
peiulichsten  Interpretationskunststücken  der  Klementinenforschung,  wenn 
Hilgenfeld,  Theo).  Jahrbücher  XIII  ^1854)  52(3  ff,  dem  Lipsuis..  Prot.  Kircheu- 
zeit.  1869,  477 ff  sekundiert,  den  lateinischen  Satz  in  den  Rekognitionen 
folgendermaßen  übersetzt:  ,,die  Nachricht,  daß  Apion  mit  Annubion  kürz- 
lich (!)  von  Antiochien  gekommen  sei  und  sich  mit  Simon  (weil  er  mit 
den  Genannten  angekommen  ist)  in  der  Stadt  aufhalte  (hospitari  cum 
Simone)''.    Dies  bedarf  keiner  Widerlegung;  vgl.  übrigens  X  52  7  os  55  20. 


24  Heintze,  Klemensroman. 

die  der  Yerfasser  der  Rekognitionen  am  Schluß  des 
Romans  als  Vorlage  benutzt.  Beide  Rezensionen  kranken 
an  derselben  Korruptel.  Der  Homilist  läßt  —  im  Gfegensatz 
zur  Grnndschrift  —  Simon  in  Laodioea  disputieren  und  baut 
auf  seine  Anwesenheit  den  von  ihm  selbst  angehängten  SchluE 
auf.  Die  Rekognitionen  benutzen  den  Schluß  des  Homilisten^ 
aber  ein  Stück  der  Yerkettung,  in  der  dieser  Schluß  stand,  ist 
beim  Herausreißen  hängen  geblieben. 

Um  die  gemeinsame  Quelle  ist  es  hier  geschehen.  Denn 
Bousset  ^  tut  Rufin  doch  wohl  zu  viel  Ehre  an.  Nach  seiner  An- 
sicht müßte  Rufin  nicht  nur  X52—  64  aus  den  Homilien  i^y.  11 — 23), 
sondern  sogar  die  Kapitel  65 — 72  aus  eigener  Erfindung  hinzuge- 
fügt haben.  Darüber  hätte  die  Yorrede  schwerlich  geschwiegen. 
Im  übrigen  begnügen  wir  uns  vorläufig  mit  der  Feststellung, 
daß  es  hier  am  Schluß  mit  der  gemeinsamen  Quelle  vorbei  ist  2. 


1)  Gott.  gel.  Anz.  S.  432:  „Das  Stück  R  X  52ff  hat  ursprünglich  der 
Redaktion  von  R  garnicht  augehört,  es  ist  von  Rufinus,  der  ein  Exemplar 
ohne  Abschluß  hatte,  aus  H  oder  eiuer  H  ähnlichen  Rezension  entlehnt" 
(vgl.  Rufins  Vorrede  au  Gaudentius  S.  2;  hierüber  s.  unten  S.  40).  Da& 
also  der  fc>chluß  der  Rekognitionen  den  Homilien  entstammt,  hat  bereits 
Bousset  —  noch  früher  Uhlhorn  —  entdeckt. 

-)  X  63  3  beschließen  Klemens  und  Annubion  in  Autiochia  über  die 
Genesis  zu  disputieren,  was  uach  den  eben  vorausgegangenen  tiefgründigen 
Disputationen  der  Grundschrift  aus  den  Homilien  y.  21  2'i,  wo  es  passend 
war,  sinnlos  abgeschrieben  ist.  Bigg  S.  183  2  dreht  die  Sache  um.  — 
X  53  14  wird  plötzlich,  wie  ?<  12  8.  die  Mutter  als  anwesend  vorausgesetzt. 
X49  kommt  aber  offenbar  nur  der  Vater  aus  dem  Schlafgemach,  vgl. 
X  1  2.  —  ;<  15  24  =  X  58  3:  Petrus  hat  Faustus  verboten,  mit  Simon  zu  reden. 
In  H  ist  dies  begreiflich.  Die  beiden  hatten  sich  wahrend  der  4  Dispu- 
tationstage gut  kennen  gelernt.  Aber  in  dem  Epilog  hatte  der  Unparteiische 
Faustus  dem  Simon  böse  Wahrheiten  gesagt  und  ihm  die  Freundschaft 
gekündigt.  Wutschnaubend  verläßt  Simon  das  Lokal  (<j9  24  27 — 25  3).  Von 
hier  aus  fällt  auf  die  böswillige  Verwandlung  neues  Licht.  Simon  be- 
gründet sie  {y.  17  39  =  X  59  2):  erstens  werde  er  selbst  der  Verfolgung  ent- 
gehen ,  zweitens  würde  statt  seiner  Faustus  getötet  werden  und  die  ab- 
trünnigen Söhne  um  den  Vater  trauern.  So  ausgebildet  ist  bei  Simon  der 
Familienhaß.  Alles  dies  ist  in  H  verständlich,  dagegen  in  R  (und  G)  hat 
Simon  niemals  den  Faustus  kennen  gelernt,  kann  nicht  einmal  wissen, 
daß  er  der  Vater  des  Niketes  und  Aquila  ist,  —  und  trotzdem  dieselbe 
Begründung!  —  Von  der  Ankunft  des  Atheuodor  erfährt  man  in  R  erst 
X  55  -i^  (vgl.  52  7  und  <?  1  27).  Die  Abhängigkeit  der  Rekognitionen  von  den 
Homilien  bestätigt  unsere  obige  (S.  21)  Beobachtung,  daß  sogar  die  Re- 
kognitionen im  X.  Buch  Faustus  zu  einem  Polytheisten  machen. 

I^ach  dem  Vorgang  von  Hilgenfeld,    Theol.  Jahrbücher  XllI  (1854)  526ff 
sieht  Lipsius,    Prot.  Kirchenzeit.  1869,  479  in  dem  y.ai  bi]  fiiUovotv  i^fiTv 


§  3.   Der  Schlau  des  Romans.  2& 

2.  Uncclitheit  dos  llomilionsclilusses.  Nun  ist  der 
Fall  denkbar,  dal.)  der  Schlul.l  trotzdem  zur  Grundschrift  gehört 
und  der  Verfasser  der  Rekognitionen  für  ihn  aus  mechanischen 
Gründen  auf  die  Homilien  angewiesen  war.  Wir  haben  wieder 
zu  frag-en,  ob  der  Schluß  als  solcher  geeignet  ist,  für  die  Grund- 
schrift in  Anspruch  geiu)mmen  zu  werden. 

Es  bedarf  nun  kaum  eines  Hinweises,  daß  der  Horailien- 
schluß  ein  gänzlich  anderes  Gepräge  trägt  als  die  rekonstruierte 
Grundschrifr.  Bis  zur  Wiedererkennung  des  Faustus  schreitet 
die  Erzählung  mit  gemessenen  Schritten  und  einer  fast  feier- 
lichen Würde  fort.  Als  Kontrastfigur  dient  Simon,  der  aber 
ganz  ernsthaft  aufzufassen  ist. 

Wie  anders  sieht  dagegen  der  Schluß  des  Homilisten  aus! 
Hier  ist  nichts  ernsthaft,  sondern  alles  ins  Possenhafte,  Burleske 
übertragen  und  die  vorher  so  würdevolle  Erzählung  macht  die 
tollsten  Sprünge. 

Im  Koman  lernen  wir  Faustus  als  einen  grauköpfigen 
Arbeiter  kennen .  der  aber  nicht  nur  Petrus  und  den  drei 
Brüdern,  sondern  auch  dem  Leser  imponieren  soll.  Mit  stolzer 
Geste  weist  der  Proletarier  die  Gunst  der  Menge  von  sich 
I  Ylll  3^).  In  dem  schmutzigen  Arbeiterrock  steckt  ein  Mann, 
dem  jeder  auf  den  ersten  Blick  die  Geistesbildung  anmerken 
muß  {')  6\  und  bald  entwickelt  er  gar  eine  dialektische  Gewandt- 
heit, die  seine  Umgebung  in  Staunen  setzt.  „Wir  bewunderten 
alle'',  bekennt  Klemens,  ,,an  diesem  Manne  die  glänzende  Rede- 
gabe, die  würdevolle  Haltung  und  den  ruhigen  Fluß  des  Ge- 
sprächs" ^.    Dieser  Eindruck  kann  nicht  besser  gesteigert  werden 

ioitüadai  [y.  11  jf)  =  ,,cumque  —  —  praeparaiemus  ad  edendum"  X  52  s) 
einen  Beweis,  daß  die  Homilien  entschieden  sekundär  seien,  y.  1 — 10  gehe 
ein  Nachtgespräch  voraus  {y.X-M)  und  dann  sei  es  unsinnig,  ;<  11  25  von 
einer  „Abendmahlzeit'"  zu  sprechen.  In  den  Rekognitionen  dagegen  sei 
diese  Mahlzeit  am  Platze.  Aber  es  handelt  sich  garnicht  um  ein  bloßea 
,. Nachtgespräch'",  sondern  seit  dem  frühen  Morgen  unterhält  sich  Petrus 
mit  seinen  Jüngern.  Die  10  Kapitel  genügten,  um  einen  Tag  auszufüllen. 
Die  Mahlzeit  wäre  dann  in  gewohnter  Weise  am  Spätnachmittag  ein- 
genommen. Ebenso  wird  in  den  Homilien  stillschweigend  vorausgesetzt^ 
daß  zwischen  ;<  11—2127  und  'Jl  27tf  ein  Tag  verflossen  i,st,  vgl.  2134 
=  X  63  12.  —  Eine  genaue  Yergleichung  von  y.  11 — 23  mit  X  5"2 — 65  stellt 
unserer  Annahme  einer  Abhängigkeit  der  Rekognitionen  von  den  Homilien 
nichts  in  den  Weg.  Unbedeutende  Auslassungen  kommen  in  beiden 
Testen  vor,  doch  ist  zu  berücksichtigen,  daß  gerade  im  letzten  Buch  der 
Ottobonianus  äußerst  lückenhaft  ist  (vgl.  die  Ausgabe  von  Lagarde). 
1)  VIII  2  21.     Eine  ähnliche  Erzählung  VIII  38b. 


26  Heintze,  Klenieusromaii. 

als  durch  die  Enthüllung,  daß  der  Bettler  aus  fürstlichem  Ge- 
schlecht stammt  und  sich  in  ihm  mit  dem  Geistesadel  der  Adel 
<ies  Geblüts  gepaart  hat. 

Was  macht  nun  der  Homilist  aus  diesem  Faustus  (x  llff)? 
Apion  und  Annubion  sind  eben  von  Antiochia  nach  Laodicea 
gekommen;  Faustus  beeilt  sich,  seine  Jugendfreunde  zu  begrüßen. 
In  tiefer  Nacht  kehrt  der  alte  Herr  zurück,  der  vorher  jedem 
Respekt  eingeflößt  hat.  Aber  welcher  Umschwung!  Er  hat 
nicht  mehr  sein  eigenes  Gesicht,  sondern  das  des  Simon.  Nur 
Petrus  erkennt  in  der  heillosen  Verwirrung  mit  gewohntem 
Scharfblick  den  wahren  Sachverhalt,  den  Annubion  bestätigt. 
Vom  Unglück  überwältigt  spricht  Faustus  einen  pathetisch- 
tragischen  Monolog.  Die  Mutter  rauft  sich  die  Haare,  die  Söhne 
stoßen  Seufzer  aus,  sogar  Annubion  zerdrückt  eine  Träne ^. 
Natürlich  hat  Petrus  in  keinem  Augenblick  die  Fassung  ver- 
loren, und  so  redet  er  jetzt  den  Faustus  an:  er  habe  ihm  nur 
erlaubt,  Apion  und  Annubion,  nicht  etwa  Simon  zu  begrüßen. 
Kai  ö  Tiazijo  "HjnaoTov ,  ecpt],  öfioloyöj.'^  Wie  ein  Schulmeister 
kanzelt  Petrus  den  kaiserlichen  Prinzen  ab. 

Trägt  der  Meister,  der  diesen  Schluß  erfand,  die  Farben 
auch  dick  auf,  so  stimmen  doch  die  Töne  zusammen.  Ein 
Bote  meldet  nämlich  aus  der  Weltstadt  Antiochia,  daß  die  Be- 
wohner, von  Simon  aufgereizt,  Gelüste  tragen,  Petri  Fleisch  zu 
essen.  ^  Jetzt  macht  der  Autor  sein  Meisterstück.  Der  Schul- 
meister Petrus  sagt  Faustus  eine  Predigt  vor,  die  er  auswendig 
lernen  und  auf  dem  Marktplatz  der  gottlosen  Stadt  halten  soll: 
er  „Simon"  sei  ein  verbrecherischer  Magier  und  habe  sich 
niederträchtig  gegen  Petrus  benommen;  nun  habe  er  aber  in 
der  letzten  Nacht  von  einem  Engel  Gottes  Prügel  bezogen  und 
sei  bereit,  Buße  zu  tun. 

Man  muß  den  ganzen  Abschnitt  selbst  lesen,  um  zu  sehen, 
daß  diese  Skizze  keine  Karrikatur  ist.  Völlig  burlesk  ist 
der    entrüstete    Monolog ,     den    die     ruhige    Mattidia    hinaus- 


^)  Es  ist  kein  Zufall,  daß  diese  Szene  der  falschen  Anagnorisis  des 
Homilisfen  in  Kolorit  und  Technik  ganz  ähnlich  ist.     S.  oben  S.  10. 

-)  Ein  solches  „Verbot"  kann  man  aus  >;  11  ai  =  X  52  i:t  nicht  heraus- 
lesen. Es  ist  auch  sinnlos,  da  Petrus  ja  selbst  weiß,  daß  die  Ankömm- 
linge ,,bei  Simon  logieren".  Die  „Schuldfrage"  ist  also  für  Faustus  zu 
verneinen,  vielmehr  ist  das  Ganze  possenhaft. 

^)  Das  Motiv  ist  aus  den  GenesisdisiDutationen  der  Grundschrift  ent- 
lehnt; vgl.  IX  25  n;:  ,,Bragmanos  carnibus  vesci". 


S  3.    Der  Schluü  des  Roman?.  27 

schmettert,    als   sie   mit  Faustus- Simon  nach  Antiochia  gehen 

soll:  Moi'/dg  ydg  eivai  doxco  rij  2!i/uo)vog  ovvovoa   jiiOQcpfj 

dÖvvaTOi'  im  rrjg  acrfjg  yMvrjg  ovyxaxaxXidtpeodai  {x  20  n). 
Meisterhaft  verstehen  diese  Menschen  zu  lügen,  die  Petrus- 
schüler' in  Antiochia,  der  Hauptmann  und  kaiserliche  Bevoll- 
mächtigte Cornelius  mit  seinem  Anhang,  Faustus  auf  dem 
Marktplatz,  Petrus  selbst  belügt  den  Apion.  Apion  den  Petrus 
und  Klemens  den  Apion. 

Können  diese  Possen  von  dem  Verfasser  des  „Klemens" 
stammen?  Würden  sie  ihm  überhaupt  sympathisch  gewesen 
sein,  ihm,  der  sicher  stolz  genug  auf  seinen,  heidnischen  Vor- 
bildern nachgebildeten  Roman  war?  Dabei  liegt  ihm  das  Ko- 
mische nur  sehr  wenig,  seine  Witze,  die  man  sich  mühsam  zu- 
sammensuchen muß  (II  [37'^].  40%  ;  16f,  iß  M,  VIII  S)  sind 
ziemlich  salzlos  und  kurzatmig.  Hierin  ist  ihm  der  Homilist  weit 
überlegen. 

Dazu  kommen  noch  andere  Beweise  für  die  Unechtheit 
des  Homilienschlusses.  Zu  Beginn  des  Romans  {ß  37  22,  ;'  2  -.'s) 
hat  Petrus  erzählt,  einige  seiner  Jünger  befänden  sich  heimlich 
unter  der  Gefolgschaft  Simons,  damit  dieser  um  so  leichter 
überführt  werden  könne.  Das  war  vor  den  Disputationen  in 
Cäsarea.  Nach  der  dritten  Disputation  hat  nun  Simon  ohne 
alle  Begleitung  zu  Schiff  die  Flucht  ergreifen  müssen.  Bald 
läßt  ihn  die  Grundschrift  ganz  in  der  Versenkung  verschwinden'-. 


')  Vgl.  oben  S.  20  Anm.  2.  In  der  Grundschrift  war  erzählt  (II  8  3.  11 1. 
11  14  c^ /5  23  9.  24  2:1.  24  3:1),  daß  der  Täufer  Johannes  eine  Schar  von 
30  Jüngern,  unter  ihnen  Helena,  um  sich  versammelte.  Seinen  Nachfolger 
Dositheus  stürzte  Simon  durch  staunenerregende  Taten  und  wurde  Ober- 
haupt dieser  30  Jünger.  In  der  Grundschrift  scheinen  sie  keine  Rolle 
mehr  gespielt  zu  haben.  Während  der  Disputationen  hat  Simon  eine  weit 
größere  Gefolgschaft,  die  sich  aber  ständig  verringert.  Am  Schluß  der 
1.  Disputation  sind  es  noch  tausend,  ein  Drittel  der  Gesamtzahl  (1170$), 
nach  der  2.  Disputation  folgen  ihm  nur  noch  ,,sehr  wenige"  (III30ir), 
endlich  nach  der  letzten  Disputation  begleitet  ihn  ein  einziger,  der  ihn 
aber  zuletzt  ebenfalls  verläßt  (III  49  2.  63);  vgl.  ;' 58  10;  <?21i9;  <^' 1  i 
(„mit  etwa  dreißig"),  i'C.  20  13,  u]  23  10  (keiner  folgt),  id  25  3  (,.er  entfernte 
sich  schweigend").  Die  Absicht  der  Grundschrift,  Simon  durch  die  Dispu- 
tationen ein  völliges  Fiasko  erleiden  zu  lassen,  ist  klar.  Allein  und  ohne 
Begleiter  entflieht  er.  Auf  dieser  Flucht  finden  wir  ihn  in  den  Homilien, 
wo  sie  mit  den  Rekognitiouen  übereinstimmen,  stets  ohne  Begleitung 
(y  58  10  cx;  III  do  32,  1]  on  —  IY3  13  von  Tripolis  nach  „Syrien").  Außerdem 
flieht  er  allein  von  Byblos  nach  Tripolis  (J:  12  26,  vgl.  y  58  13,  8  4  19).  Das 
stimmt   also   zu  III  63,    dem  Schluß   der  Disputationen.     An   den  übrigen 


28  Heintze,  Kleuiensroman. 

Trotzdem  werden  am  Schluß  der  Homilien  plötzlich  wiederum 
einige  Petrusschüler  erwähnt,  die  sich  heimlich  in  der  Gefolg- 
schaft des  Simon  befinden  [}{  \3  l^o)  ^ 

Das  steht  in  offensichtlichem  Widerspruch  zur  Anlage  der 
Grundschrift.  — 

Außerdem  wiederholt  der  Homilist  Motive,  die  er  in  seiner 
Yorlage  gefunden  hatte'''.  Selbst  die  öffentliche  Buße  Simons 
wird  in  der  Grundschrift  von  Simon  selbst,  in  den  Homilien 
von  Faustus  geschauspielert  (III  45f.  y.  19)^.  Endlich  kann  man 
daran  erinnern,  daß  Simon  ig  1  scheinbar  ohne  Ursache  plötz- 
lich aus  Antiochia  nach  Laodicea  kommt;  später  aber  im  Schluß 
der  Homilien  wird  ein  sehr  guter  Grund  seines  Kommens  an- 
geführt (y.  13  =  X  55).  Wenn  aber  jene  Simondisputationen  {i^ 
bis  iß)  sicher  vom  Homilisten  hinzugetan   sind,   wird   es  wahr- 


Steilen  gibt  ihm  der  Homilist  im  Widerspruch  hierzu  eine  Begleitung, 
die  aber  stets  mit  Apion,  Annubion  und  Athenodor  auftaucht:  d  6  2  (Flucht 
nach  Sidon),  ^  5  is  (nach  Berytos),  ^  9  23,  vgl.  C  10  3.=.,  10  2  (Berytos).  Diese 
Verbindung  der  (widerspruchsvollen)  Begleitung  Simons  mit  Apion,  .'\n- 
nubion,  Athenodor  ist  um  so  auffallender,  als  letztere  an  dieser  Stelle  ja- 
zweifellos  vom  Homilisten  hinzugefügt  sind.  Sie  ist  insofern  begreiflich,, 
als  der  Homilist  für  die  Bücher  8e;  ein  größeres  Auditorium  brauchte; 
darum  gab  er  S  1  ii  dem  Apion  ..etwa"  30  Begleiter,  [die  hier  nicht  Simons 
Begleiter  sein  können,  da  diese  scheinbar  mit  ihm  nach  Sidon  geflohen 
sind,  d  6  2].  Die  Zahl  ist  (trotz  «C  1  i  ,,etwa'"  dreißig)  ganz  belanglos,  vgl. 
^10  7,  11  15,  25  17,  f  1 -.'3,  1,27,  2  30.  30  24,  c  1  .^4 ;  außerdem  fliehen  ?■  26  19- 
nur  Apion,  Annubion  und  Athenodor,  —  ohne  Begleitung.  Man  sieht,  in 
der  Grundschrift  (wie  in  R)  flieht  Simon  ohne  irgendwelche  Beglei- 
tung, erst  der  Homilist  dichtet  ihm  hie  und  da  eine  Gefolgschaft  an, 
ohne  sie  konsequent  durchzuführen.  Die  Rolle  Simons  nach  Cäsarea  war 
in  der  Grundschrift  also  völlig  schattenhaft.  Petrus  schickt  von  Tripolis 
nach  Antiochia  .Tod.To//-TOf  {la  36  i4  =  VI  15  s),  ohne  ihnen  wie  früher  irgend- 
welche Aufträge  über  Simon  mitzugeben.  In  Orthosia,  Avadus,  Balania, 
Paltos,  Gabala,  Laodicea  fehlt  die  leiseste  Spur  von  Simon.  Wie  ein 
Lockvogel  ist  er  nur  noch  vor  Petrus  hergeflogen ;  kaum  daß  man  etwas 
von  ihm  gehört,  ist  er  auch  schon  wieder  verschwunden.  Seit  der  Flucht 
aus  Tripolis  taucht  er  völlig  in  „Syrien"  unter. 

^)  Sie  werden  an  dieser  Stelle  ausdrücklich  von  den  .-loö.-ro/j.-iot  unter- 
schieden. 

^)  111  63  26  oi:  ;<  17  6.  Beide  Male  handelt  es  sich  um  Simons  Flucht, 
und  beide  Begleiter  schützen  Unpäßlichkeit  vor.  Den  einen  schmerzt  sein 
Fuß,  den  andern  der  Magen.  Jn  beiden  Fällen  tritt  Simon  allein  die 
Flucht  an. 

')  Dies  Beispiel  zeigt  gut,  wie  der  Homilist  alles,  was  in  der  Grund- 
schrift hochernst  gemeint  ist,  ins  Bizarr-Komisclie  verzerrt;  vgl.  übrigens 
zu  dieser  Stelle  die  Vermutungren  von  Waitz  S.  184  ff. 


§3.   Der  Schluß  des  Romans,  29 

scheinlich,  (kß  auch  ihre  Begründung,  unser  Homilienschluß, 
Zutat  ist. 

Hat  also  nach  allem  Vorangegangenen  dieser  üiuch  in  den 
Rekognirionen  enthaltene)  Schlull  garnicht  zur  Grundschrift  ge- 
hört, dann  brauchen  auch  die  Apiondisputationen  nicht  vorher- 
gegangen zu  sein,  die  sich,  wie  wir  sahen,  nur  gewaltsam  in 
ihren  Zusammenhang  pressen  lassen^. 

Das  Resultat  unserer  Untersuchung  ist  kurz  also  dies:  der 
Ilomilist  hat  die  Apiondisputationen  (öeg)  und  den  burlesken 
Schluß  [y.  11  —  23)  zur  Grundschrift  hinzugefügt. 

3.  Die  Partien  zwischen  der  letzten  Anagnorisis 
und  dem  Schluß.  Wir  fragen  zunächst,  was  in  den  Homilien 
noch  übrig  bleibt.  Zwischen  jener  falschen  Anagnorisis  des 
Faustus  (oben  S.  8 ff)  und  dem  unechten  Schluß  finden  sich 
nur  die  zugestandenermaßen  vom  Homilisten  hinzugefügten  Dis- 
putationen ig— id.  Mit  ihnen  hängt  eng  zusammen  das  Gespräch 
,,vom  Übel",  das  Petrus  mit  seinen  Schülern  hält.  —  übrigens 
derselbe  Stoff,  den  er  schon  in  der  letzten  (vierten)  Disputation 
behandelt  hat.  Auch  hier  bemerkt  man  eine  genaue  Analogie 
zwischen  der  Technik  des  Homilisten  und  derjenigen,  die  w^ir 
in  den  Cäsareischen  Disputationen  der  Grundschrift  finden.  Bei 
beiden  Autoren  fordert  Petrus  nach  Abgang  des  Simon  seine 
Schüler  auf,  an  ihn  beliebige  Fragen  zu  richten  (y.  1  21  os  UI  51 3). 
Dasselbe  Thema  ,.vom  Übel"  ist  früher  bereits  in  Cäsarea  von 
Simon  und  Petrus  verhandelt.  Die  Homilien  bringen  also  wenig 
Neues  und  —  was  sie  betrifft  —  steht  der  Annahme,  dali  die 
Grundschrift  mit  der  Wiedererkennung  des  Faustus  abschloß, 
nichts  im  Wege. 

Es  bleibt  nur  übrig,  die  Rekognitionen  einzusehen.  Dort 
geht  dem  unechten  Schluß  das  bekannte  Gespräch  über  die 
Mythologie  (X  15  —  51)  voraus,  und  wir  wissen  bereits,  daß  es 
in  keiner  Beziehung  zur  Grundschrift  steht.    Yorher  finden  wir 


M  Bousset  S.  431  bat  vermutet,  daß  nicht  Apion  und  Annubion  (die 
in  Laodicea  disputiert  hätten,  oben  S.  22',  sondern  Simon  aus  Antiochia 
gekommen  sei.  Aber  in  Boussets  Falle  wird  ein  triftiger  Grund  vermißt, 
■weswegen  Faustus  plötzlich  zu  Apion  und  Annubion  geht.  In  den  Ho- 
milien dagegen  (wie  in  den  Rekognitionen)  geht  Faustus,  um  seine  eben 
angekommenen  Jugendfreunde  zu  begrüßen.  Das  ist  doch  das  natürliche 
und  sieht  nicht  nach  Umarbeitung  aus.  —  Durch  die  gleich  zu  beweisende 
Unechtheit  des  ganzen  X.  Buches  der  Rekognitionen  wird  natürlich  vollends 
der  Grund  hinfällig,  die  Apiondisputationen  an  der  Rekognitionenstelle 
anzunehmen  (oben  S.  19). 


30  Heintze.  Klemensrouian. 

drei  Kapitel  (X  10 — 13  2),  wo  sehr  auffallend  zum  zweiten  Mal 
über  die  Astrologie  verhandelt  wird.  Oben  haben  wir  die  gut 
komponierte  Wiedererkennung  des  Faustus  genauer  kennen 
gelernt,  durch  die  der  Alte  für  alle  Zeit  von  seiner  düstern 
Lebensphilosophie  und  dem  Glauben  an  Astrologie  bekehrt  wird. 
Petrus  hat  ihn  gefragt  (IX  34  .;):  Si  tibi  hodie  coniugem  con- 
signavero  cum  tribus  filiis,  credis  quod  omnia  quae  a  nobis  dicta 
sunt  (d.  h.  gegen  die  Astrologiei  vera  sint  et  genesis  nihil  sit? 
Faustus  antwortet:  Sicut  impossibile  est  te  exhibere  quod  pro- 
misisti,  ita  impossibile  est  extra  genesin  fieri  aliquid.  Es  folgt 
die  Anagnorisis. 

Jeder  muß  glauben,  daß  Faustus  notwendig,  man  möchte 
sagen  logischerweise,  seinen  Schicksalsglauben  preisgegeben  hat» 
Trotzdem  bekennt  er  sich  in  unsern  Kapiteln  rX  10 — 13)  zu 
demselben  Glauben  wie  vorher,  als  ob  nichts  geschehen 
wäre^.  Damit  beweist  der  Verfasser  der  Rekognitionen  nur,  daß 
er  seine  Yorlage,  den  Roman,  garnicht  in  seinem  innersten 
Wesen  verstanden  hat,  und  er  bringt  es  fertig  so  zu  tun,  als 
ob  Faustus  erst  durch  die  kurzatmige  Argumentation  unserer 
zwei  Kapitel  zur  wahren  Erkenntnis  gedrungen  sei  (vgl.  XI 0  26 
oi  13.')- 

Aber  sehen  wir  uns  diese  Argumentation  näher  an.  Wer 
den  „Klemens"'  bis  zur  Wiedererkennung  des  Faustus  liest,  hat 
die  Überzeugung,  daß  sein  Verfasser  den  astrologischen  Glauben 
ad  absurdum  führen  will.  „Credis  quia  genesis  nihil  sit"  fragt 
Petrus  den  Faustus  unmittelbar  vor  der  Anagnorisis  (IX  34  10). 
Ganz  anders  denkt  der  Verfasser  der  Rekognitionen,  und  viel 
Mühe  hat  er  sich  gegeben,  diese  Diskrepanz  zu  verschleiern. 
Faustus  sagt  zu  Klemens  (X  10  19):  ,,hesterno  die  de  naturalibus 
disputans  causis  ostendisti  quia  virtus  quaedam  maligna  trans- 
formans  se  in  ordinem  stellariim  humanas  concupiscentias 
exagitat,  diversis  modis  provocans  ad  peccatum.  non  tamen 
cogens    aut   efficiens    peccatum".      Klemens    antwortet:    „Bene 


')  X  10  26  sagt  Faustus  zu  Klemens:  , Deine  gestrigen  Gespräche 
haben  mich  durch  ihre  Wahrheit  in  die  Enge  gebracht,  so  daß  ich  dir 
zustimmte ;  trotzdem  fühle  ich  in  meinem  Bewußtsein  gewisse  Bedenken, 
die  mich  wie  Fieberschauer  noch  ein  wenig  vom  gesunden  Glauben  zu- 
lückhalten".  Die  Anagnorisis,  die  Krönung  des  Ganzen,  ist  hier  in  einer 
wahrhaft  kindlichen  Weise  vernachlässigt.  Vgl.  X  10  29  (nach  der  Ana- 
gnorisis!): Discrucior  enim,  quia  scio  multa  mihi,  paene  omnia  accidisse 
secundum  genesin. 


§3.  Der  Schluß  des  Romans.  31 

qiiia  et  ineministi  et  cum  memineris  errasti".  In  Wirklichkeit 
steht  davon,  daß  die  Dämonen  '^sie  stellen  die  virtus  maligna 
dar)  sich  in  Sterne  verwandeln,  keine  Silbe  in  den  astrologischen 
Disputationen  der  Grundschrift,  noch  kann  man  dort  auf  etwas 
derartiges  raten.  Auch  die  Ausflucht,  derartiges  könnte  trotz- 
dem in  der  (verlorenen)  Grundschrift  gestanden  haben,  ist 
Selbsttäuschung,  denn  ihr  Verfasser,  dem  Karneades  seine  aus- 
gezeichneten Argumente  geliehen  hat,  kämpft  gegen  den  Sternen- 
glauben schlechtweg  (IXn'ff')^.  Dem  Rekognitionenautor  wird 
auch  etwas  schwül  dabei,  denn  Faustus  hat  sich  ja  „geirrt", 
wie  Klemens  sagt.  Aber  man  lese,  wie  Klemens  oder  vielmehr 
der  Autor  in  Wirklichkeit  denkt:  ,,!Xam  concupiscentiam 
quidem,  quam  operatur  maligna  virtus  (sc.  st e Ilarum),  potest 
indicare  mathematicus;  sed  si  concupiscentiae  huius  actus  vel 
exitus  impleri  possit  neene,  quia  in  arbitrii  libertate  est,  sciri 
ante  effectum  rei  a  nullo  potest"  (X  12  17). 

Das  ist  eine  völlig  neue  Doktrin,  die  dem  Sternenglauben 
trotz  der  künstlichen  Manipulationen  sein  volles  Recht  läßt. 
Selbstverständlich  steht  dies  in  unlösbarem  Widerspruch  zu  der 
Lehre  der  Grundsclirift,  die  der  Verfasser  der  Rekognitionen 
hier  nach  seinem  Geschmack  ummodelt.  In  Wirklichkeit  stimmt 
Faustus  in  seiner  obigen  Aussage  also  völlig  mit  Klemens  bzw. 
dem  Rekognitionenautor  überein,  und  der  Gegensatz  zur  Grund- 
schrift ist  nur  schlecht  verhüllt  2. 

So  bleiben  nur  noch  die  Kapitel  5  —  9,  die  „vom  tlbeP' 
handeln.  Auch  sie  lassen  keinen  Zweifel  über  ihren  Ursprung, 
denn  die  Existenz  des  Übels  wird  bewiesen  —  aus  der  Astro- 
logie. Klemens.  bzw.  der  Rekognitionenautor  lehrt:  „Ergo 
nialum  est  adulterium.  quandoquidem  ex  malarum  stellarura 
admixtione    (sc.  Yeneris    et  Martis)    committitur;   —  —  istae 


^)  Er  sagt  es  selbst  ganz  deutlich,  wie  er  über  Astrologen  denkt 
(IX  12  10):  ,sie  wissen  nicht,  daß  nicht  der  Sternenlauf,  sondern  die 
Tätigkeit  der  Dämonen  [die  sich  nach  einer  andern  Stelle  in  die 
Glieder  des  Menschen  einschleichen]  Gefahren  biingt,  diese  Astrologen, 
die,  um  den  Irrtum  ihrer  Wissenschaft  zu  bekräftigen,  die  Menschen  mit 
ihren  Rechenkünsten  zur  Sünde  verführen,  so  daß,  wenn  jene  mit  Gottes 
Erlaubnis  oder  nach  dem  Gesetz  Strafe  erlitten  haben,  der  Sternenkundige 
scheinbar  wahr  gesprochen  hat".  Deutlicher  können  Dämonen  und  Sterne 
nicht  kontrastiert  werden. 

')  "Vgl.  zu  unserm  Passus  §  4,  3.  Die  Philokalia  zitiert  bekanntlich 
gerade  unser  Kapitel  und  hat  konsequenterweise  diesen  höchst  anstößigen 
Satz  ausgelassen. 


32  Heintze,  Klemensroman. 

•ergo  stellae  quavum  admixtione  diximus  febres,  incendia  et 
-cetera  bis  similia  effici  mala,  ipsae  secundum  vos  etiam  homi- 
cidia  adulteria  furta  operantur,  protervos  etiara  et  stolidos  ipsae 
■efficiunt"  (c  9  ^^).  Das  „secundum  vos"  darf  nicht  irre  machen, 
denn  der  ganzen  Argumentation  dieses  Abschnittes  dient  die 
Astrologie  als  Wissenschaft  zur  Grundlage.  Gerade  dies  Moment 
«teilt  die  Verbindung  der  Kapitel  5 — 7  („vom  Übel")  mit  dem 
folgenden  Abschnitt  (10 — 13)  her,  der  der  Astrologie  in  einem, 
wie  wir  sahen,  unverkennbar  bejahenden  Sinne  gewidmet  ist 
und   seine   Herkunft    vom  Rekognitionenautor  nicht  verleugnet. 

Nach  alter  Weise  werden  auch  hier  Motive  aus  der  Grund- 
Schrift  entlehnt^;  dort  wurde  zu  Beginn  der  dritten  Disputation 
(des  Faustus  und  Klemens)  die  „Ungleichheit  der  Menschen" 
verhandelt  (1X5 — 7);  dasselbe  Thema  kehrt  X  5  u  wieder. 
Im  7.  Kapitel  des  X.  Buches  wird  die  Notwendigkeit  der  Un- 
gleichheit bewiesen,  obwohl  dies  schon  längst  1X5—7  geschehen 
ist 2.  Dazu  kommt,  daß  sich  eine  Debatte  mit  Faustus  „über 
das  Übel"  schon  in  der  Grundschrift  nachweisen  läßt:  am  Schluß 
der  zweiten  Disputation  (des  Faustus  und  Aquila,  VIII  55.  56) 
und  zu  Beginn  der  dritten  Disputation  (des  Faustus  und  Klemens, 
IX  4  ff).  Die  Analogie  zwischen  der  Technik  des  Verfassers 
der  Grundschrift  und  des  Rekognitionenautors  geht  so  weit, 
daß  beide  nach  dem  Gespräch  „vom  Übel"  übergehen  zu  der 
Astrologie. 

Solche  auffallenden  Wiederholungen  sind  für  die  in  unserm 
Sinne  gefaßte  Grundschrift  nicht  nachweisbar,  sondern  —  ab- 
gesehen vom  Homilienschluß  —  lediglich  im  X.  Buch  der 
Rekognitionen,  das  vor  allem  aus  inneren  Gründen  der  Grund- 
schrift aberkannt  werden  muß.  Speziell  die  hier  vertretene 
völlig  veränderte  Anschauung  über  die  Astrologie  würde  in 
einem  ähnlichen  Falle  mindestens  zur  Annahme  einer  Inter- 
polation führen. 


^)  Vgl.  X  6  5  OS  VIII  5  21  über  die  Geschäftsordnung  der  Debatte,  wo 
«ogar  fast  wörtliche  Übereinstimmung  herrscht. 

2)  Vgl.  hierzu  iß  23  und  Ö  20.  21.  Alle  diese  Stellen  (<5  20.  21;  t^  23; 
IX  5 — 7;  X  5)  haben  offenbar  einmal  in  demselben  Zusammenhang  ge- 
standen. Die  Bücher  öeg  haben,  wie  bereits  angedeutet,  eine  besondere 
Herkunft.  Demnach  hätten  aus  jener  Quelle  die  Grundschrift  (IX  5—7), 
der  Homilist  (<i?  23;  ^20.21)  und  die  Rekognitionen  (X  5)  geschöpft.  Das 
soll  unten  §  5,  2  näher  begründet  werden. 


§  3.   Der  Schluß  des  Romans.  33 

Alle  »iic  erörterten  Gründe  zwingen  zu  der  Annahme,  daß 
die  ganzen  Kapitel  5  —  64  des  X.  Buches  mit  der  Grundschrift 
nichts  zu  tun  haben. 

Über  die  Ka|)itel  X  1 — 4  braucht  man  niclit  zu  streiten. 
Sie  entsprechen  dem  Buch  ts  der  Homilien,  denn  in  beiden 
Rezensionen  handelt  es  sich  darum,  den  wiedererkannten  Faustus 
zum  Christentum  zu  bekehren.  Möglicherweise  stand  etwas 
Ähnliches  in  der  Grundschrift  (^^  IX  37).  Es  wäre  nur  natür- 
lich, wenn  auch  Faustus  von  seinen  Erlebnissen  nach  der  Ab- 
reise von  Rom  erzählt  hätte.  Fragmente  scheinen  sich  in  jener 
falschen  „Fiktion"'  des  Faustus  erhalten  zu  haben,  wo  er  von 
seinem  Aufenthalt  in  Seleucia  spricht  und  vorgibt,  ein  Astrolog 
hätte  ihn  begleitet  (id  7).  Später  erzählt  er  der  Wahrheit 
gemäß,  daß  er  wirklich  in  fremden,  ferngelegenen  Landen  einen 
Astrologen  kennen  gelernt  habe  (id  11  lo),  der  ihm  das  Schema 
seiner  Gattin  enthüllte.  Hierauf  werden  wir  später  zurück- 
kommen. Vielleicht  steckt  auch  in  le  4  etwas  Echtes,  wo  Petrus 
die  Vorsehung  preist,  die  so  offensichtlich  in  den  merkwürdigen 
Geschicken  der  Familie  gewaltet  habe  ^. 

Im  übrigen  läßt  sich  vorläufig  über  den  mutmaßlichen 
Schluß  des  „Klemens"  keine  Aussage  machen.  Alles,  was  auf 
die  Anagnorisis  des  Faustus  folgt,  ist  lediglich  Zutat  der  Homi- 
lien und  Rekognitionen^. 

4.  Schluß  der  Rekognitionen  und  Epitome.  Dem 
Exzerpt  aus  den  Homilien  hängen  die  Rekognitionen  noch  einen 
besonderen  Schluß  an  (X  65 — 72).  Es  ist  eine  Probe  aufs 
Exempel,  daß  man  hier  unmöglich  die  alte  Grundschrift  als 
Vorlage  annehmen  kann.  Vielmehr  komponiert  der  Autor  jetzt 
frei,  wie  man  an  der  sehr  groben  Technik  sieht.  Er  korrigiert 
sogar  nach  eigenen  Intentionen  die  Vorlage  des  letzten  Ab- 
schnitts, die  Homilien.  So  legt  er  Wert  darauf,  daß  Faustus 
nicht  unselbständig  die  Predigt  des  Petrus  wiederholt,  sondern 
{nskch  Analogie  früherer  Stelleu)  seine  Simon -Wunder  aufzählt. 
Die  Tendenz  ist  klar,  wie  das  Beispiel  der  Epitome  lehrt,  wo 
Faustus  nicht  einmal  auf  Petri  Befehl,  sondern  aus  innerlichem 
Drang  jene  bewegliche  Predigt  hält,  die  seine  Rückverwandlung 
zur    Folge    hat^.      Die   Verfasser    der  Rekognitionen   und    der 

^)  Vgl.  E.  Rhode,  Dei-  griechische  Roman-,  Leipzig  1900,  S.  507  i. 
2)  tg-y.  11,  y.  11-23  o£  X5-64. 

')  Vgl.  c.  188 f.  Mit  Betonung  versichert  der  Epitomator:  o:vg  wr 
■£ig  tö  voijoai   ^avoToc  (c.  139  Ti! 

T.  u.U.  '14:  Heintze.  3 


34  Heintze,  Klemensroman. 

Epitome  genieren  sich,  den  tollen  Sprüngen  des  Homilisten  zu 
folgen,  die  nur  herzlich  schlecht  in  den  braven  Klemensroman 
hineinpaßten.  Ein  untrüglicher  Beweis,  daß  der  Rekognitionen- 
autor  jetzt  auf  eigene  Faust  schreibt,  ist  darin  zu  sehen,  daß 
er  Kap.  67  (vermutlich  schon  (35  66)  die  Form  der  „Icherzählung" 
vergessen  hat  ^. 

Um  die  dürftige  Handlung  zu  beleben,  holt  er  plötzlich 
wieder  den  Simon  heran,  obwohl  er  eben  noch  versichert  hat. 
daß  er  „nach  Judäa  geflohen  ist"   (X  59  lo  =  x  \1 5). 

Der  Stil  ist  ])ueril,  so  wenn  er  c.  67  i,  69  i,  70  1  die  Phrase 
bringt  „Haec  et  his  similia".  —  Ferner  ist  der  Verfasser  sehr 
wundersüchtig.  Nach  Petrus'  Ankunft  in  Antiochia  „subito  immen- 
sum  lumen  —  —  in  medio  plebis  apparuit  et  coeperunt  para- 
lytici  currere  ad  pedes  Petri  sani,  caeci  recuperato  visu  clamare 
"  [weitere  Wunder].  Solche  überschwängliche  Schilde- 
rungen lassen  sich  für  die  weit  nüchternere  Grundschrift  nicht 
nachweisen  ^. 

Unter  einem  ähnlichen  Gesichtswinkel  muß  man  die  Ge- 
schichte von  der  Rückverw^andlung  des  Faustus  betrachten. 
In  den  Homilien  (und  Rekognitionen;  verspricht  Petrus,  den 
Faustus  persönlich  in  Antiochia  von  seiner  Verzauberung  zu 
befreien  {y.  20  12  =  X  62  7).  Später  erzählen  die  nunmehr  frei 
komponierenden  Rekognitionen:  am  selben  Tage,  wo  die  Boten 
dem  Petrus  nach  Laodicea  über  die  Predigt  des  Faustus  be- 
richtet hatten,  „wurde  ihm  sein  Gesicht  wiedergegeben"  (resti- 
tuta  est  in  Faustiniano  facies  propria  c.  67  4).  Der  Verfasser  denkt 
sich  die  Sache  scheinbar  so,  daß  Petrus,  der  in  Laodicea  weilt, 
durch  eine  Art  magischer  Fernwirkung  den  Faustus  geheilt  hat. 
Eine  ähnliche  abenteuerliche  Geschichte  wird  unmittelbar  nach 
der  Wiedererkennung  des  Faustus,  gleichfalls  nur  in  den  Reko- 


1)  X  65  11  („aiebat")  os  x  23  20.  Hier  gerade  gehen  beide  Rezensionen 
auseinander.  Es  ist  der  erste  (mißlungene)  Versuch  des  Verfassers  der 
Rekognitionen,  auf  eigenen  Füßen  zu  stehen.  Der  ganze  Schluß  von  Kap.  65, 
tj6,  67  1-3  ist   eine  Dublette    zu  65  4ff  os  ;<  23  isff. 

-)  Vgl,  IV  7,  V  36.  —  16  14  handelt  es  sich  nicht  um  Wunder  des 
Petrus.  Waitz  S.  190  zeigt,  daß  das  Motiv  des  „wunderbaren  Lichts"  in 
den  apokryphen  Apostelakten  geläufig  ist.  Speziell  am  Schluß  des  Rouiaus 
ist  übrigens  sein  Beweis  für  die  angenommene  Quellenschrift  Uodisig 
TJfTgov  nicht  befriedigend.  Jedenfalls  steht  die  Geschichte  von  der  Ver- 
wandlung des  Faustus  der  Volkssage  vom  Zauberer  Simon  viel  näher 
als  jener  stilisierten  Quellenschrift,  in  der  Simon  im  wesentlichen  nur  als 
Debatter  erscheint. 


§  3.    Der  Schluß  des  Romans.  35 

gnitionen,  erzählt  (IX  38).  Demnach  hätten  die  Rekognitionen 
ihren  angehängten  Schluß  durch  zwei  Wundererzählungen  ein- 
gerahmt, um  ungeachtet  der  Widersprüche  ihren  Trieb  zum 
liegendarischon  zu  befriedigend 

5.' Enstehungsgeschichte  der  Grundschrift  und  der 
Rezensionen.  Unsere  Betrachtung  hat  dazu  geführt,  den 
Schluß  der  Homilien  und  Rekognitionen,  kurz  alles  was  auf 
die  Wiedererkennung  des  Fanstus  folgt,  für  unecht  zu  erklären, 
genau  so  wie  die  meisten  Gelehrten  den  Schluß  der  Epitome 
verwerfen.  Die  Epitome  hat  ja  überhaupt  nur  so  weit  Wert, 
als  wir  erfahren,  daß  das  23.  Kapitel  des  Buches  y.  den  Schluß 
der  Homilien  bildete.  Freilich  bricht  die  Erzählung  dort  ganz 
unvermittelt  ab,  da  Petrus  nicht  einmal  mehr  nach  Antiochia 
kommt. 

Die  Homilien  sind  also  unvollendet-.  Wahrscheinlich  gilt 
das  auch  von  der  Grundschrift.  Jedenfalls  hat  ihr  Verfasser 
die  Absicht  gehabt,  den  Faden  der  Erzählung  bis  Antiochia  zu 
führen.  In  Tripolis  werden  von  Petrus  jiQÖnofxnoi  nach  An- 
tiochia vorausgeschickt -^  Ebenso  fordert  er  in  Aradus  nach 
Mattidias  Wiedererkennung  die  Zuschauer  auf,  nach  Antiochia 
zu  gehen,  wo  er  predigen  würde  (</5  24  :iü  =  YII  24  4).  Xicht 
besser  hätte  die  ,,volkstümliciie"  Predigt  des  Petrus  mit  den 
., philosophischen^'  Disputationen  in  Laodicea  kontrastiert  werden 
können,  die  für  den  Verfasser  doch  nur  ein  notwendiges  Übel 
sind.  Aber  alles  spricht  gegen  die  Annahme,  daß  Petrus  im 
,.Klemensroman"  wirklich  bis  Antiochia  gekommen  ist.  Nament- 
lich die  Anhänger  der  ausschließlich  gemeinsamen  Quelle  ge- 
raten in  Schwierigkeiten,  wenn  sie  erklären  sollen,  warum  Ho- 
milien und  Rekognitionen  bis  zur  Wiedererkennung  des  Faustus 
eine  gemeinsame  Vorlage  benutzen,  aber  am  Schluß  frei  kom- 
ponieren und  schließlich  fast  am  selben  Punkt  abbrechen. 
Nehmen  wir  dagegen  an.  daß  der  ,,Kleniensroman''  unvollendet 

^)  Ein  eben>o  bezeichnender  Unterschied  besteht  zwischen  den  Ver- 
fassern der  Homilien  und  der  Rekognitionen  in  der  Anschauuni?  vom  Zorn 
Gottes.  Der  weit  begabtere  Homilist  wird  von  schweren  Zweifeln  gequält, 
während  in  den  Rekognitionen  die  heikle  Frage  nur  kurz  und  vorsichtig 
berührt  wird.     M.  Pohlenz,  Vom  Zorne  Gottes,  Göttingen  1909,  S.  24 f. 

-)  Vgl.  die  Subskription  des  cod.  Ottobonianus  —  nur  in  ihm  ist  der 
Schluß  überliefert  — :  aiiriv  mit  dem  Zeichen  des  aiavqog  ßofj&Ei.  Das 
Buch  ist  zu  Ende. 

*)  la  36  14  =  VI  15  y,  vgl.  la  36  22:  toig  iv  Tqiihö/^si  rfjg  ^oivixrjg  ouio- 
Ta^äiievog  xip'  s:;ti  I4r-Ti6/Eiav   ri]?  2!vQiag   etiooeveto   68öv.     Vgl.  VII  2  14,  3  6. 

3* 


36  Heiutze,  Kleiuensroman. 

war,  so  verstehen  wir  auch,  warum  diese  beiden  Rezensionen 
entstanden.    Beide  Autoren  wollen  den  Roman  zu  Ende  führen. 

Der  Homilist  fügt  nach  seiner  phantasievollen  Art  den 
Dialog  des  Klemens  und  Apion  (be^)  hinzu,  mit  dem  der  wunder- 
liche Schluß  des  Romans  aufs  engste  zusammenhängt.  Ungestüm 
und  pietätlos  trägt  er  kecke  Farben  in  das  leidenschaftslose 
Gemälde  seiner  Vorlage,  macht  aber  wenigstens  das  stecken- 
gebliebene Schiff  wieder  flott.  Er  stellt  sogar  für  den  Fortlauf 
der  Erzählung  noch  lockende  Aussichten,   denn  Faustus- Simon 

verläßt  Laodicea   mit    den   prunkenden  Worten:  "Eyojuev 

jued'  f]fxc~n>  'AvvovßiO)}'{a  rov  äorQoX)6yov.  ovrog  ydg  y/uiv  eiti- 
drjjiujoaoi  rf]  ^Avtio^da  negl  yeveoewg  —  —  ÖialEydrjOETai  (;<  21  25). 
"Wir  sollen  also  glauben,  daß  es  in  Antiochia  mit  dem  Astro- 
logen noch  eine  tiefgründige  Disputation  über  die  Genesis  geben 
wird  {lö  12).  Mag  nun  der  Verfasser  gestorben  sein  oder  die 
Lust  verloren  haben  ^,  —  jedenfalls  blieben  die  Homilien  un- 
vollendet. 

Als  dritter  griff  der  Rekognitionenautor  das  schwierige 
Werk  an  und  fügte  nach  Faustus'  Wiedererkennung  das  X.  Buch 
aus  den  Homilien  und  deren  Quelle  (<x,  deg)  hinzu.  Auch  über 
den  Wert  der  Astrologie  gibt  er  sein  Urteil  ab,  zumal  er  hierin 
im  Gegensatz  zur  Grundschrift  steht.  Immerhin  gab  er  dem 
Roman  einen  leidlichen  Schluß. 

Übrigens  sollte  möglicherweise  die  Grundschrift  über  An- 
tiochia hinausführen  und  erzählen,  wie  Klemens  mit  Petrus 
nach  Rom  kam,  um  dort  zum  Bischof  geweiht  zu  werden  2. 
Auf  diese  Andeutungen  hat  die  auf  den  Homilien  fußende  Epi- 
tome  ihre  weitere  frei  erfundene  Erzählung  aufgebaut. 

§  4.  Der  Klemensbrief.    Rufin.    Das  Zitat  der  Fhilokalia. 

1.  Der  Klemensbrief.  In  den  beiden  Homilienhand- 
schriften  findet  sich  am  Kopf  des  Romans  ein  Brief  des  Kle- 
mens an  Jakobus  folgenden  Inhalts.  Klemens  wird  von  Petrus 
zum  Bischof  geweiht  und  erhält  von  ihm  den  Auftrag,  nach 
seinem  Tode  die  Reisen,  die  er  mit  ihm  gemacht,  aufzuzeiclinen 
und  an  Jakobus  zu  schicken  (e.  lOis).  Es  ist  längst  bekannt, 
daß   dieser  Brief  einem   Passus  der  Grundschrift   nachgebildet 

')  Der  burleske  Schluß  hat  schon  etwas  Gekünsteltes. 
^)  a  I621  =  11317;  1  74l'0  (fehlt  in  H);  vgl.  111  G3>>. 


I 


t?  4.    1.  Der  Kleuiensbrief.  37 

ist,  wo  Potrus  mit  einer  ganz  ähnlichen  Ansprache  den  Zac- 
chaeus  als  Bischof  von  Cäsarea  einsetzt.  Klemens,  ebenso  wie 
Zacchaens  (;'G3  2<;j,  weigert  sich  anfangs,  das  verantwortungs- 
volle Amt  zu  übernehmen  (c.  :i  i).  Wichtiger  sind  folgende 
Stellen,  in  denen  seihst  der  gleiche  Wortlaut  wiederkehrt: 
;'  (35  i:i-i5  oi  c.  3  4-9;  ;'  67  2»;  <>i  c.  7  u:  ;'  67  27  os  c.  1 2  :',4:  ;'  07  iio-sl' 
o2  c.  10  14-1«;  y  68  32-34  os  c.  7  14-17;  y  69  g-8  ^>s  c.  9  s-n ;  y  ~\  -is-ito 
o2  c.  5  37-6  5  ^. 

Petrus'  Rede  umfaßt  im  Klemensbrief  17,  in  den  Homilien 
13  Kapitel  (c.  2 — 18  os  y  60 — 72).  Nun  gehört  aber  die  Rede 
in  Cäsarea  i'Hom.)  fraglos  zur  Grundschrift-.  Will  man  also 
den  Klemensbrief  ebenfalls  —  wie  Waitz  —  zur  Grundschrift 
ziehen,  so  folgt  daraus,  daß  ihr  Verfasser  sich  selbst  geplündert 
hat.  Im  übrigen  gesteht  Waitz,  daß  der  Brief  nach  Form  und 
Inhalt  am  besten  zu  den  Homilien  passen  würde,  wenn  nicht 
die  Homilien  unvollendet  wären;  im  Brief  erhält  Klemens 
nämlich  ausdrücklich  den  Auftrag,  ^-^y^Qi  tov  vvv ,  d.  h.  bis  zu 
der  Ordination  in  Rom  die  Taten  des  Petrus  aufzuzeichnen. 
Waitz'  Argumentation  läuft  darauf  hinaus,  daß  der  Brief  aus 
diesem  Grmide  weder  zu  den  Homilien  noch  zu  den  Rekognitionen 
gehören  könne,  vielmehr  werde  ein  Roman  postuliert,  in  dem 
Petrus'  Taten  mit  Einschluß  der  römischen  Ereignisse  enthalten 
waren.     Das  könne  nur  die  Grundschrift  gewesen  sein. 

Aber  das  Postulat  geht  von  der  falschen  Voraussetzung 
aus,  daß  ein  antiker  Geschieh ts-  oder  Romanschreiber  seine 
A'orreden  wie  ein  moderner  Gelehrter  stets  nach  Abschluß  des 
ganzen  Werks  geschrieben  und  niemals  unerfüllte  Versprechungen 
gemacht  habe^.  Die  Logik  des  Beweisverfahrens  ist  also  eine 
scheinbare,  und  wir  brauchen  an  unseren  früheren  Ergebnissen 
nicht  irre  zu  werden*.  Die  Grundschrift  hat  nicht  viel  weiter 
als  bis  zur  Wiedererkennung  des  Faustus  erzählt;  was  Homilien 
und  Rekognitionen  außerdem  bieten,  ist  Zusatz. 

Übrigens  haben  wir  oben  eine  Hauptschwierigkeit  beseitigt. 
An  folgenden  Stellen  redet  nämlich  Klemens  den  Jakobus  im 
Roman  selber  an: 


^)  Vgl.  Uhlhoru  S.  85 ff,  wo  mehrere  Stellen  ausgeschrieben  sind; 
Waitz  S.  6.  2)  Waitz  S.  28. 

')  Auch  Nau,  Notes  S.  25 ff  richtet  sich  gegen  Waitz'  Folgerungen. 

*)  Waitz  macht  die  Voraussetzung,  daß  der  iDOstulierte  „römische" 
Roman  wirklich  die  Grundschrift  ist.  Es  könnte  natürlich  auch  eine 
weitergeführte  Redaktion  der  Homilien  sein. 


38  Heintze,  Klemensroman. 

Hom,  Rek. 

a     (3  :;o  —    [css  I  (>  i] 

a  17 -'4  I  14:; 

a  20  30  I  1 7  8 

ß     \x  —   \c^n  \  i] 

—  Y36  2oi. 

Es  ist  klar,  bei  der  Annahme,  daß  Homilien  und  Reko- 
gnitioiien  unabhängig  voneinander  eine  gemeinsame  Quelle  be- 
nutzen, ergibt  sich  die  Nötigung,  den  Klemensbrief  der  Grund- 
schrift zuzuweisen.  Aber  der  Rekognitionenautor  kennt  nicht 
nur  die  Homilien,  sondern  benutzt  sie  auch.  Man  kann  also 
bei  ihm  sehr  wohl  mit  Interpolationen  rechnen,  die  er  vornahm, 
um  nicht  nur  den  Homilienschluß,  sondern  auch  den  Klemens- 
brief in  seiner  Rezension  heimisch  zu  machen. 

In  dieser  Beziehung  ist  folgende  Stelle  interessant  (III  74  la): 
Simul  et  imperat  mihi  (sc.  Petrus  Clemeuti),  quia  intellexit  me 
studiosius  quae  audirem  memoria  commendare,  libris  singula 
quaeque  quae  memoratu  digna  videbantur  comprehendere  et 
mittere  ad  te,  mi  domine  lacobe,  sicut  et  feci  parens  eins  prae- 
ceptis"-.  So  befahl  es  Petrus  in  Cäsarea.  Im  Klemensbrief 
dagegen  befiehlt  Petrus  dem  Klemens  in  feierlichen  Ausdrücken, 
erst  nach  seinem  Tode  ein  Buch  zu  schreiben  twv  ex  naidcov 
aov  Xoyiojucov  y.al  cbg  dji'  ägyrjg  ,u£XQi  tov  vvv  ovvcodevodg  juoi  — 
—  (c.  19  2i)  und  es  an  Jakobus  zu  schicken.  Beide  Aufträge 
lassen  sich  nicht  vereinigen,  so  daß  hier  die  Möglichkeit  einer 
Interpolation  sehr  nahe  liegt  ^.  Aber  auch  wenn  wir  annehmen, 
daß  Petrus,  nicht  Klemens  jene  Bücher  an  Jakobus  geschickt 
habe^,  so  empfindet  man  es  doch  als  lästig,  daß  ein  Buch  mit 
dem  Inhalt  der  drei  ersten  Rekognitionenbücher  sowie  regel- 
mäßige Jahresberichte  von  Petrus^,  außerdem  aber  der  ganze 

')  In  den  Homilien  wird  Jakobus,  wie  es  nach  dem  vorausgegangenen 
Brief  im  I.  Buch  natürlich  ist,  durch  die  bloße  2.  Person  angeredet,  in 
den  Rekognitionen  dagegen  in  aufdringlicher  Weise  unter  voller  Namens- 
nennung. 

'^)  Dasselbe  wird  mit  ausdrücklichen  Worten  III  75  i  und  75  26  gesagt. 

')  Waitz  S.  85f  scheint  anzunehmen,  daß  alle  drei  Stellen  —  merk- 
würdigerweise führt  er  nur  III  75  i  an  —  von  Rufin  oder  einem  Abschreiber 
verändert  seien.     Solch  ein  zweckloses  Tun  sieht  Rufin  garnicht  ähnlich. 

*)  Man  kann  das  allenfalls  aus  der  wahrscheinlich  korrupten  Stelle 
der  Homilien  (a20so)  herauslesen. 

*)  So  hat  es  Jakobus  dem  Petrus  befohlen  n  20  3i  (=  I  17  9),  I  72  17 
fvgl.  la  35 :-,). 


S  4.    1 .  Der  Klemensbrief.  39 

Roman  von  Klemeiis  an  Jakobus  geschickt  wird,  lliei'  liegt 
offenbar  eine  Dublette  vor.  da  Jakobus  die  Berichte  von  den 
Reisen  des  Petrus  (und  KkMiiens)  in  dop])elter  Gestalt  zugehen. 
Kininit  man  die  versclnviiidend  wenigen  Stellen,  an  denen  der 
Roman  auf  den  angeblichen  Adressaten  Bezug  nimmt  —  im 
ganzen  fünfmal  —  hinzu,  so  liegt  ja  nach  unseren  obigen  Resul- 
taten nicht  einmal  ein  Zwang  vor,  der  Grundschrift  diese  Diskre- 
panzen aufzunötigen  (vgl.  S.  38  Änm.  1)^. 

Hierzu  kommt  die  Beobachtung  von  Waitz,  daß  an  der 
Parallelstelle  der  Homilien  (y  (iOff)  ältere  Anschauungen  über 
den  Episkopat  zugrunde  liegen  als  im  Klemensbrief.  Dieser 
kann  nämlich  erst  nach  dem  Edikt  des  Kailist,  nach  dem  Jahre 
220  geschrieben  sein'^  Für  die  Zeit  der  Grundschrift  l)raueht 
hieraus  nichts  zu  folgen^.  Ihr  Verfasser  fand  es  vielleicht  stil- 
reiner, den  Zacchaeus  noch  nach  der  alten  Kirchenordnung 
ordiniert  werden  zu  lassen*,  und  es  ist  unbegreiflich,  weshalb 
er  der  wenig  späteren  Ordination  des  Klemens  plötzlich  die 
moderne  Ordnung  zugrunde  gelegt  haben  sollte. 

Es  wird  daher  immer  noch  das  beste  sein,  den  Klemens- 
brief mit  den  Homilien  zu  verbinden  •\  Jedenfalls  ist  die  seit 
Hilgenfeld  immer  wieder  auftauchende  Ansicht,  daß  der  Klemens- 
roman  als  solcher,  d.  h.  als  „Ichroman",  einen  Adressaten  vor- 
aussetze, durchaus  irrig.  Diese  Literaturform  ist  dem  Altertum 
genau  so  geläufig  wie  der  Neuzeit  ('vgl.  Apuleius),  und  speziell 
der  Anfang   des  Romans   „^Eyco  Kh)f.ii]g  —  — "    sieht  ganz   so 


'J  An  folgenden  Stellen  erwähnt  Klemens  den  Jakobus:  I  44  3,  57  7, 13, 
59  9  (^lacobus  Alphaei",  als  ob  er  ganz  unbekannt  wäre),  66  i.  5. 16,  69  i. 
70  7,  71  6,  72  :'.  12,  78  f..  9.  Zwar  ist  diese  Partie  nach  Boussefc  S.  426  f  erst 
von  den  Rekognitionen  hinzugetau,  während  sie  nach  Waitz  in  der  Gruud- 
schrift  stand.  Auch  lu  35  5  oi  I  72''  wird  Jakobus  erwähnt.  Aber  an  keiner 
einzigen  Stelle  erinnert  der  Autor  daran,  daß  dieser  Jakobus  derselbe  ist 
wie  der  vermeintliche  Adressat  des  Romans.  (Diese  Anmerkung  machte 
schon  Hilgenfeld.  Zeitschr.  f.  wiss.  Theol.  48  [1905]  25  i). 

2)  Waitz  S.  66  ff. 

^)  Anders  Bousset  S.  433 f,  der  annimmt,  daß  der  a.  220—230  verfaßte 
Brief  erst  später  zur  Grundschrift  hinzugefügt  sei,  und  in  ihm  einen  ter- 
minus  ad  quem  sieht.  Dann  müßten  damals  schon  jene  Interpolationen 
stattgefunden  haben.  Aber  der  „gemeinsamen  Quelle"  zuliebe  ist,  wie 
wir  sahen,  diese  Annahme  nicht  nötig. 

*)  Daß  der  Passus  unbedingt  zu  den  77.  77.  gehören  muß,  hat  Waitz 
nicht  bewiesen.     Vgl.  Bousset  S.  483. 

*)  In  unseru  HSS  sind  der  Brief  und  die  1.  Homilie  überhaupt  als 
Einheit  gefaßt.     Nau,  Notes  S.  25 ff. 


40  Heintze,  Klemensroman. 

aus,  als  ob  sich  der  Erzähler  dem  Leser  zum  erstenmal  vor- 
stellt ^  Stellt  man  sich  außerdem  vor,  daß  der  Klemensroman 
unvollendet  blieb,  so  ist  es  begreiflich,  wenn  sich  der  erste 
Bearbeiter,  der  Homilist,  bemüht,  für  die  Person  des  Klemens 
und  die  Anlage  des  Romans  dem  Leser  einige  Winke  zu  geben 2. 
2.  Ruf  in.  Rufin  sagt  in  der  Vorrede  an  Gaudentius,  daß 
er  den  Klemensbrief  absichtlich  fortgelassen  habe  „quia  et 
tempore  posterior  est  et  olim  a  me  interpretata  et  edita"'  (S.  2 
Grersd.).  Daß  der  Brief  ,, jünger"  ist,  ist  richtig.  Nur  fragt 
sich,  wie  Rufin  zu  dieser  Ansicht  kam.  Vielleicht  so,  daß  er 
außer  den  „Rekognitionen"  (die  er  übersetzt)  eine,  wie  ihm 
schien,  ältere  Rezension  kannte,  in  der  sich  der  Brief  oder 
Spuren  des  Briefes  nicht  fanden.  Das  können  nicht  die  Homi- 
lien,  sondern  nur  die  CTruiidschrift  gewesen  sein.  Rufin  selbst 
sagt,  er  kenne  zwei  corpora  von  Büchern,  die  jene  ävayvojoioeig 
enthielten,  „in  aliquantis  quidem  diversa,  in  multis  tamen  eius- 
dem  narrationis.  Denique  pars  ultima  huius  operis,  in  qua  de 
transformatione  Simonis  refertur,  in  uno  corpore  habetur, 
in  alio  penitus  non  habetur''.  Daß  Rufin  die  Homilien  meint, 
ist  völlig  ausgeschlossen,  weil  dort  x  11  —  23  von  der  transfor- 
matio  Simonis  die  Rede  ist^.  Wenn  man  keine  anderen  Rezen- 
sionen annimmt,  so  bleibt  nur  die  Grundschrift  übrig,  wo  wirk- 
lich, wie  wir  sahen,  nichts  von  der  transformatio  Simonis  stand, 
die  in  den  Rekognitionen  erst  aus  den  Homilien  übernommen 
ist.  Das  paßt  auch  deswegen  nicht  übel,  weil  die  Grundschrift 
(os  I  —  IX)  sich  im  ErzählungsstoflF  hauptsächlich  durch  den 
fehlenden  Schluß  (X  52 ff)  von  den  Rekognitionen  unterscheidet*. 

^)  Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  wirkt  der  Brief  geradezu  als  Dublette. 

2)  Vgl.  S.  38  Anm.  1.  —  Nach  dem  Bericht  des  Photius  cod.  112,  113  gab 
es  zu  seiner  Zeit  noch  Exemplare  (der  Rekognitionen),  die  den  Brief  nicht 
kannten.  —  Für  die  Unechtheit  des  Kleniensbrietes  tritt  entschieden  ein 
Bousset  a.  a.  0. 

')  Die  Annahme  (Waitz  S.  48i).  daß  Rufiu  von  den  Homilien  ein 
Exemplar  kannte,  das  wie  der  Pariser  codex  im  Buche  lO  (c.  14  22)  ab- 
brach, ist  verfehlt,  da  in  jenem  codex  durch  reinen  Zufall  nach  p.  283  B 
einige  Blätter  ausgefallen  sind  (S.  183,  22  der  Ausgabe  von  Lagarde).  Dar- 
auf weist  auch  hin  Nau,  Notes  S.  30. 

*)  Auch  nach  Chapman  meint  Rufin  die  (inzwischen  von  einem  Eu- 
nomianer  interpolierte)  Grundschrift,  da  der  Passus  III  2- 11  in  beiden 
Rufinischen  Rezensionen  stand,  die  Homilien  also  nicht  gemeint  sein 
können  (S.  24.  28).  Ebenso  hält  Bousset  S.  432  f  Rufins  zweite  Version  für 
die  Grundschrift.  —  Nau  a.  a.  0.  unterscheidet  bei  Rufin  zu  scharf  zwischen 
den  duo  corpora  und  den  duae  editiones.    Unter  den  ersteren  versteht  er 


i?  4.   2.  HuHn.  —  3.  Das  Zitiit  der  Philokalia.  4  |: 

3.  Die  Philokalia.  Mir  uiisoror  Auffassung  der  Grund- 
schrift scheint  im  Widcrs|)ruch  zu  stehen  das  vielbesprocheno 
Zitat  der  Philokalia.  Ein  Teil  des  X.  Buches  der  Rekognitionen 
(c.  10 -.'4  —  13l'  über  die  Astrologie)  erscheint  nämlich  in  der 
Philokalia^:  in  einem  Buch  mit  dem  Titel  Ih^ioöoi  habe  Kle- 
meus  in  Laodicea  mit  seinem  Yater  über  die  Genesis  disputiert 
loycp  lö'.  Waitz  S.  40  bezieht  das  Zitat  auf  die  Grundschrift^ 
Nveil  die  Paiallelstelle  der  Rekognitionen  im  X.,  nicht  im 
XIY.  Buch  stehe.  Aber  der  Beweis,  daß  die  Stelle  in  der 
Grundschrift  wirklich  „im  14.  Buch"  gestanden  hätte,  ist  miß- 
lungen 2.  Übrigens  scheinen  nach  der  Beobachtung  von  Preu- 
schen  auch  die  Rekognitionen  eine  andere  Einteilung  gekannt 
zu  haben  ^.  Demnach  ist  die  Philokalia  durchaus  ungeeignet^ 
unsere  begründeten  Zweifel  an  der  Echtheit  des  X.  Buches  zu 
beseitigen.  Vielmehr  läßt  die  Art  und  Weise,  wie  hier  die 
anstößigen  Stellen  ausgelassen  sind,  auf  Benutzung  der  Reko- 
gnitionen oder  einer  verwandten  Redaktion  schliefen '*. 

Über    andere    nachweisbare    Rezensionen    vgl.    oben    8.  4. 


i)  S,  das  Original  der  syrischen  Fassung,  2)  H  -j-R,  die  also  ihrerseits  in 
die  beiden  editiones  H  und  R  zerfallen.  Demnach  hätte  Rufin  nur  von 
der  Verschiedenheit  der  beiden  cotpora,  und  nicht  von  der  (mindesten  ebenso 
auffälligen)  Verschiedenheit  der  beiden  editiones  (H  und  R)  gesprochen. 
Unsere  Ansicht  ist  plausibler. 

1)  Philocalia  c.  23.  Ausgabe  von  Armitage  Robinson,  Cambridge 
1893,  S.  210. 

2)  Man  versuche  einmal,  den  Inhalt  der  Gruudschrift  nach  Büchern 
anzugeben!  Waitz  zählt  „wie  die  Homilien".  Aber  diese  haben  beispiels- 
weise in  Tripolis  4  Bücher  Predigten  (R  dagegen  nur  3).  Außerdem  ist 
bereits  eine  der  Simondisputatiouen  im  Buch  }•  verarbeitet  (vgl.  ig  bis  i&). 
Endlich  sind  zwischen  der  Anagnorisis  des  Niketes  und  Aquila  und  der 
des  Faustus  zwei  Disputationen  über  die  „Vorsehung"  einzuschalten.  Erst 
daran  schloß  sich  die  Genesisdisputation.  Man  begibt  sich  also  in  der 
Frage  der  Bucheinteilung  auf  gefährliches  Glatteis. 

»)  Vgl.  120.  11131,  Vlll  37.  Preuschen,  in  Harnacks  Gesch.  d.  alt- 
christl.  Lit.  S.214.  221.  So  sucht  z.  B.  Hilgenfeld,  Zeitschr.  f.  wiss.  Theol.  46 
(1903),  345  2  durch  eine  ebenso  willkürliche  Zählung  dasselbe  Zitat  für 
seine  Hypothesen  fruchtbar  zu  machen. 

*)  X12i7:  ,,Nam  eoneupiscentiam  quidem,  quam  operatur  maligna 
virtus  (sc.  stellarum,  oben  S.  31)  potest  iudicare  mathematicus;  sed  si  con- 
cupiscentiae  huius  actus  vel  exitus  impleri  possit  necne,  quia  in  arbitrii 
libertate  est,  sciri  ante  eftectum  rei  a  nullo  potest."'  Auch  andere  Flüch- 
tigkeiten kommen  vor.  Das  Zitat  ist  —  höchst  einseitig  —  nur  aufge- 
nommen, weil  darin  zwar  nicht  gegen  die  Macht  der  Sterne,  aber  wenig- 
stens gegen  die  Astrologen  gekämpft  wird.  Zur  Frage  der  Echtheit  des. 
Zitats  vgl.  unten  §  11. 


42 


Heintze.  Klerueiihromari. 


"Waitz    sagt    mit  Recht    bei  Gelegenheit    der  syrischen   Hand- 


schrift:   „Damit  bezeugt  auch   sie 


in  wie  vielerlei 


„^«lux.,  Kj^^^^^^  I..IV...  o.v.  von  neuem, 
Gestalten  die  Pseudoklementinen  schon  in  ältester  Zeit  [im 
4.  Jahrhundert]  umliefen'''.  Um  so  größere  Vorsicht  ist  bei  den 
patristischen  Zitaten  nötig.  Speziell  die  Fortführung  der  Grund- 
schrift über  die  Wiedererkennung  des  Faustus  hinaus  läßt  sich 
aus  den  patristischen  Zitaten  nicht  belegen^. 


§  5.   Die  Quelle  der  mythologischen  Dispatationen. 

Unsere  Lösung  der  verwickelten  Frage  nach  Umfang  und 
Entstehung  der  Klementinen  soll  folgender  Stammbaum  ver- 
anschaulichen 2. 

A    =  de?  -[- X  15 — 51.     Über  die  Mythologie. 

G    =  Grundschrift,  der  „Klemensroman"  (ot  I  — IX). 

H   =  Homilien  =  G  4-  A   (deg)  -\-  x  11—23    (Schluß    der 

Homilien). 
R^  =  Griechische  Rekognitionen  =  G  4-  A  (X  1  5  — 51)  -[-  H 
{y.  11— 23)  4- X  65  — 72  (Schluß   der  Rekognitionen). 
R2  =  Rufins  Übersetzung. 
A 


G,  H  und  R^  liegen  in  ihrer  Entwicklung  vollkommen  klar 
da.  Es  handelt  sich  jetzt  darum,  nähere  Feststellungen  über 
die  A- Quelle  der  Homilien  und  Rekognitionen  zu  gewinnen, 
die  nach  unsern  bisherigen  Ausführungen  Dialoge  des  Apion 
und  Klemens  enthielt  und  in  den  Homilien  in  fast  ursprüng- 


*)  Vgl.  Waitz  S.  o9ff";  Bousset  .S.  433f;    Preuschen,  in  Harnacks  Lit. 

s.  219  n: 

*)  Vgl.  im  einzelneu  die   genauere  luhaltsaugabe  von  Waitz  S.  37  ft" 
und  Harnack.  Chronol.  S.  523 ff. 


§  r>.   Die  Quelle  der  mythologischen  Disputationen.  4^^ 

liclu'r  Ciestalt  vorliegt  (oben  H.  1  Irt).  Denn  w'n  haben  es  nun 
einmal  mit  einer  Quellenschrift  dos  Homilisten  zu  tun.  der  nach 
Ijage  der  Dingo  die  Dialogo  nicht  frei  komponiert  haben  kann. 
Darauf  deuten  die  oben  behandelten  Diskrepanzen,  die  nur  bei 
einem  liearbeiter  verständlich  sind,  der  sich  den  Klemensroman 
nie  innerlich  ganz  zu  eigen  gemacht  hat.  Einige  weitere  Diffe- 
renzen werden  uns  über  die  Natur  der  Quelle  näheren  Auf- 
schluß geben. 

1.  Fremdartiger  Charakter  und  Disposition  der 
Debatte.  Bei  der  ersten  lebensvoll  geschilderten  Begegnung 
versichert  Apion  dem  Klemens.  er  habe  seinen  Gefährten  immer 
wieder  erzählt,  wie  schmählich  Klemens  von  Petrus  hinter- 
gangen sei  (<5  7  is).  In  Cäsarea  aber,  wo  Apion  dies  allein 
hätte  erfahren  können,  findet  sich  nicht  die  geringste  Spur 
von  ihm. 

d  11  i.=i  redet  Klemens  die  dreißig  Begleiter  Apions  an;  w 
äydge^  "Elh-jve?,  obwohl  sie  später  in  der  Gefolgschaft  Simons 
erscheinen  und  einer  von  ihnen  tyrisclier  Grundbesitzer  ist^ 

Das  Griechische  spielt  überhaupt  eine  bevorzugte  Rolle. 
Durchaus  griechisches  Kolorit  zeigt  die  echt  rhetorische  Ek- 
phrasis.  die  sich  von  dem  Gepräge  des  Romans  scharf  abhebt-. 
Es  paßt  garnicht  übel,  dal-i  die  Männer  ,,in  den  Gärten"  dis- 
putieren. Man  erinnert  sich  dabei  an  Epikur,  um  so  eher,  da 
wir  auch  in  unserm  Roman  einen  Epikureer  entdecken.  Apion 
selbst  führt  ja  mit  %\Q\\\\di]v6dcooov  rbv  'Ad)]vatov  tco  "Emy.ovoov 
doeoy.oaeror  köyco  <ö  6  g'i  ^.  Aber  es  paßt  sehr  schlecht,  daß  der 
emphatisch  eingeführte  Epikureer  gänzlich  stumm  bleibt.  Dabei 
gab  es  eine  ausgezeichnete  Gelegenheit,  speziell  Epikurs  Lehre 
zu  verteidigen.  Klemens  gibt  nämlich  zu  Beginn  der  Apion- 
debatten  eine  ausführliche  Disposition.     Er  will  kämpfen: 


*)  Hierzu  vgl.  obeu  S.  27  .\nm.  1. 

■-)  Mau  muß  sie  griechisch  lesen:  y.al  Tig  ir  avioT;  :i).ovotoi  dyijQ  y.al 
biä.  .^a^rös  -/cöqöv  riva  Tieoi  eavior  xiHitjusrog  :zau/noi'ocov  (fvü.iov,  F<pt)  Ensiöi/ 
ocfoöoa  y.avua  €.-Ti(f/Jyei ,  ßoayy  xT];  .tö/.so};  et-;  f/iotv  yt'j.iov;  vnoycooijooiftE^'. 
xai  öi)  nootörze;  exadsZovro  h-da  t)v  xadaoa  ifv/oöiv  vauätcov  oeviiara  xal 
ffärdocov  Txavxoioyr  /?.oeoä  oxeth],  h-da  lyu)  douevwg  iyade^6iii]r  y.al  oi  /.ocrol 
.Tfßt  F/.IS ,  y.al  fjovyä^ovieg ,  dvri  t»),  fi£?J.ovaT)g  d^ioiv  iiie  (frcorij;  diä  rov  drs- 
viteiv  eig  i/its  öij/.oi  f)oav  rfjg  v:Toa/eoe(og  ztp'  d:t6deiEiv  dnanoiirs:.  y.al  öij 
ovTwg  /Jysir  tjoidfojv «0  äröoeg  "E/./.t]rsg (6  10). 

')  Außerdem  erscheint  Atheuodor  c  26  lo  (vgl.  ^  5  i9),  C9  24,  iglu, 
y.  17  6.  y.1\%\. 


44  Heiutze,  KleraeDsroman. 

1.  gegen   die,    welche   den   Polytheismus  und   die   Götter- 
mythen ^, 

2.  die,  welche  die  „genesis''-, 

3.  die,   welche   die   Lehre  vom  zufälligen   Weltgeschehen 
eingeführt  haben  ^. 

Gegenüber  diesen  drei  falschen  und  irrigen  Weltanschauungen 
will  er  (Klemens)  zeigen,  daß 

4.  die  Religion  der  Juden  die  beste  sei*. 

Genauer  kann  der  Disputationsstoff  nicht  disponiert  werden-^. 
In  Wirklichkeit  wird  aber  nur  der  erste  Hauptteil,  die  Götter- 
mythen, behandelt,  denn  dahin  gehören  die  genannten  Bücher 
deg.  Gegner  ist  hier  Apion,  der  die  Mythen  allegorisch  erklärt. 
Daß  der  alexandrinische  Gelehrte  wirklich  diese  allegorischen 
Künsteleien  nicht  verschmäht  hat,  wird  unten  gezeigt  werden 
(§10,  S). 

Im  dritten  Teil  verspricht  Klemens,  gegen  die  Lehre  Epi- 
kurs  zu  kämpfen.  Daß  aber  Apion  ein  Epikureer  gewesen  sei, 
ist  absurd,  da  er  ja  vielmehr  Allegoriker  ist.  Xoch  merkwürdiger 
ist  es,  daß  Klemens  nach  der  Büchermasse  dsg  nur  in  einigen 
kurzen  Sätzen  des  Buches  g  Epikurs  Philosophie  berührt  (?  19 
is-L'9,  24,  25).  Da  drängt  sich  die  Vermutung  auf,  daß  der  Ho- 
milist  eine  Quelle  kennt,  in  der  außer  der  Mythenallegorie 
auch  Epikurs  Lehre  bekämpft  wurde.  Wer  dort  Gegner  war, 
kann  nicht  mehr  zweifelhaft  sein:  eben  jener  Epikureer  Athe- 
nodor,  der  in  den  Homilien  so  beharrliches  Stillschweigen  be- 
wahrt '5. 

Im  andern  Dispositionsteil,  verspricht  Klemens,  werde  er 
gegen  die  „Genesis"'  kämpfen.  Aber  abgesehen  von  der  em- 
phatischen Disposition  hören  wir  von   der  Genesis  kein  Wort. 


')  Ol  fih'  yäu  al'Twv  :To'/.Aovg  deov;  slaijyi'/aavTO,  y.ai  TOVTOvg  y.ay.org  y.ai 
::iavTonadsXg (6  12  jj-js). 

-)  u/./.ot  ds  siiiagiiiertjr  Fiotj/i'/narTO,  np'  /.eyofih-tji'  ••st'saii'  —  —  — 
(c.  12  -js-sb). 

')  ä/./.oi  öy  a7iooy6i]zov  (fooüv  sioijyorvrai ,  wc  avzofiäzojg  Ttör  näfTcov 
n:eoiq}SQOfiircov,  ovbevog  fqpsoTijyörog  öso.-rötov   —  —  (c.  13  35-4). 

*)  6  6k  röjv  ((hg  vfisig  (faie)  ßagßäocor  'lovbaicov  löyog  evaeßsaraiog  iaziv, 
fva  crazioa  yai  bqiiiovgyov  zovbe  zov  rrarzog  Ftn)]yoi\tisrog (c.  13  4-u). 

*)  Nach  Darlegung  der  Disposition  beginnt  Klemens  mit  ausdrück- 
lichen Worten  seine  Untersuchung  ri/.tjv  e.-züvei/h  LtI  zljv  noiozioz}jv  zon' 
'Ekh'jvcov  dö^m'  (c.  15  i4). 

*)  Das  Schweigen  ist  um  so  auffallender,  als  Athenodor  sich  in  den 
bezeichneten  Kapiteln  unter  der  Zuhörerschaft  des  Klemens  befindet. 


i;  T).   Die  Quelle  der  mythologischen  Disputationen.  45 

Folsrlich  jreliört  aucli  dieser  Teil  zu  clor  (Quelle  des  Homilisten. 
lind  nicht  einmal  den  Gegner  brauchen  wir  lange  zu  suchen, 
da  Apion  noch  einen  zweiten  Begleiter  hat:  \4vvovßio)va  töv 
dion.TokiT)jy  rira  aoToo?Myoy  (d  6  e).  In  den  Homilien  erscheint 
er  stets  in  Gesellschaft  von  Apion  und  Athenodor^,  außerdem 
spricht  er  in  der  falschen  Schlußburleske  des  Homilisten  einige 
nichtssagende  Worte,  die  mit  einem  Astrologen  nichts  zu  tun 
haben  [x  15ff).  Wichtiger  ist,  daß  sich  der  Homilist  in  An- 
tiochia  noch  eine  Genesisdisputation  des  Klemens  und  Annubion 
gedacht  zu  haben  scheint  (lö  12  l'.-,-:i3,  x  21  2.=.).  Mag  es  ihm  da- 
mit Ernst  gewesen  sein  oder  bloßer  Scherz,  jedenfalls  ist  es 
leicht  zu  erraten,  woher  er  diese  Erfindung  genommen  hat. 
Sicherlich  nicht  aus  der  Grundschrift,  wo  Apion,  Annubion  und 
Athenodor  garnicht  auftraten,  sondern  aus  derselben  Quelle,  in 
der  Klemens  zuerst  gegen  Apion,  dann  gegen  Annubion,  end- 
lich gegen  Athenodor  kämpft.  Diese  Argumentation  ergibt  sich 
aus  der  erhaltenen  Disposition,  die  in  den  Homilien  ganz  un- 
organisch wirkt.  Der  Homilist  gibt  sich  viel  Mühe,  die  Lücken 
zu  verheimlichen,  indem  er  allen  Ernstes  Apion  zu  einem  Epi- 
kureer macht  und  die  Genesisdisputation  wenigstens  in  blauer 
Ferne  noch  in  Aussicht  stellt. 

2.  Eine  jüdische  Bekehrungsgeschichte.  Gegenüber 
den  drei  Weltanschauungen  des  griechischen  Denkens  ('EU/jvcor 
:^a(detag)  legt  Klemens  die  ganze  Wucht  seiner  Beweisführung 
in  die  Darstellung  der  Jüdischen  Lehre,  die  er  als  höchste 
Lebensweisheit  mit  warmer  Empfindung  preist 2.  Hier  sucht 
man  vergebens  die  Gedankenwelt  des  Christentums,  viel- 
mehr ist  Klemens"  Weltanschauung  lediglich  ein  verfeinerter 
Monotheismus.  Gleichwohl  bedarf  unsere  Ansicht  noch  der 
Stütze. 

Betrachten  wir  einmal  genauer  den  Helden  der  Disputation, 
jenen  „Klemens".  Er  selbst  erzählt  eine  hübsche  Geschichte 
aus  seiner  Jugend.  Li  Rom.  wo  er  geboren  wurde,  fühlte  er 
einst  einen  so  mächtigen  Drang  nach  „Wahrheit"  in  sich,  daß 
er  vom  Jammer  des  Lebens  angefaßt  in  Krankheit  fiel.    Apion 


1)  Vgl.   S.  43  3.  y.  11  27. 

*)  In  den  Büchern  8eg  ist  die  christliche  Lehre  völlig  ausgeschieden 
und  hat  der  jüdischen  —  so  auch  der  Name  —  Platz  gemacht.  Bergmann, 
Les  elements  juifs  dans  les  Pseudo-Clementines,  Revue  des  Etudes  Juits  46 
(1903)  89  ff,  findet  in  den  Homilien,  zwar  nicht  in  unsern  Apiondisputationen 
judaistische  Spuren.     Gegen  ihn  vgl.  Waitz  S.  381if. 


46  Heintze,  Ivlemensroman. 

aber,  der  zufällig  das  Schlafgemach  betrat,  machte  er  durch 
eine  List  glauben,  dal.l  er  vor  Liebe  krank  geworden  sei^.  Um 
seinen  Herzensfreund  gesund  zu  machen,  schreibt  Apion  einen 
Liebesbrief,  in  dem  er  die  Geliebte  des  Klemens  verführen 
will,  die  stereotypen  Ehebrüche  der  Götter  nur  getreulich  nach- 
zuahmen-. Der  schlaue  Klemens  schreibt  nun  heimlich  eiuen 
Antwortbrief  unter  dem  Xamen  jener  erdichteten  Schönen.  Sie 
erwidert  dem  Apion  schlagfertig,  Eros  sei  keineswegs,  wie  er 
meine,  der  älteste  Gott,  sondern  die  Gelehrten  hätten  die  frevel- 
haften Göttermythen  erfunden,  um  ihre  eigene  Schande  zu  be- 
schönigen •^.  Als  Apion  diese  Antw'ort  gelesen  hat,  macht  Kle- 
mens ihm  die  peinliche  Enthüllung,  daß  er  sich  schon  längst 
zum  Judentum  l)ekehrt  habe.  Darüber  gerät  der  grimmige 
Judenfeind  derartig  in  Wut.  daß  er  auf  der  Stelle  das  Haus 
des  Freundes  und  sogar  die  Stadt  Rom  verläßt  *. 

Der  Antwortbrief  der  Geliebten  ist  abgesehen  von  der 
gleichen  formellen  Technik  (vgl.  Anm.  3)  mit  dem  ersten  Brief 
imd  der  Person  des  Judenfressers  Apion  unlöslich  verbunden. 
Erst    durch   ihn   bekommt   Apions    Auftreten    eigentlichen  Witz 


*)  Man  erkennt  leicht  die  anmutige  Erzählung  von  Antioehus'  Liebes- 
krankheit wieder  (Flut.  vit.  Demetr.  c.  38),  vgl.  Wendland,  De  fabellis 
antiquis  earumque  ad  christianos  propagatione,  Göttingen  1911,  S.  llff; 
Heineniann,  Epistulae  amatoriae,  quomodo  cohaereant  cum  elegiis  Alexan- 
drinis  (Diss.  Argentoratenses  XI V^  3),  S.  52. 

-)  Philostrat  ep.  30  Hercher,  Epistologr.  Graeci\  wo  dasselbe  Mittel 
gebraucht  wird.     Heinemann  S.  49. 

*)  Sehr  richtig  urteilt  Heinemann  S.  49  i :  Rhetorum  exercitationes 
auctori  Clementinorum  (wir  sagen  der  Quelle  des  Homilisten)  ante  oculos 
versatas  esse  probatur  etiam  response,  quod  apud  illum  dat  mulier 
{s  20).     Beide  Briefe  putzen  sich  mit  rhetorischen  Satzschlüssen.     Apions 

Brief  f  10  8    —    vmv    Zr]'/.ovom'    ßiov    ( wir')-      10  13    :iävza    v^iäg^ovoav 

(_  ^ ^).    10  14    —   zcov   §£ü>r   :xQ£oßvzaxog  (  _  ^ ^  ZJZi)-    10  15  azoixeioiv 

ov  ßsütv  ( vj  -)•     10  17   zoZ'  "Egcozog  _  ^  _  ^).     10  18   i:zc8t](iiü)v   iazi   vovg 

(v^w v^  -)•      10  18  —  Tol  &e).ovzeg  (_  ^  _  ~).     10  19  —  zov  y.s/.svadiöfiev  (_  ^ 

3)   usw.     Im    Gegenbrief  £  21  7   saziv   dgyjjyhr]?  (_^ ^_).     21  8  —  rj 

6  :iäaxoiv   ixüv  (_  ^ ._,_.     21  U   —  C(ov  avzov  zvyydvsi  ( v^-)-     21 12 

—  QO)   JTÖdo)    ffeooiievov    (_^_J3^_).     21  1 6    —   yvcoasi   fisioi'iiievov   ( 

-vjv).     2120  —  oeaiv  i/ulyvvrzo  {~^ J).    21  21  —  gi^ov  avzdg  (_^_w). 

21  23  —  ozQoig   Exoo^irjdr)    (_  ^ y).     22  24   —  8ov   y.o/.a.LOvtai    (_  ^ ■J). 

23  30  zov  äoE/.yovg  Aiög  (_  ^ ^v^)  usw.     Die  Formen  des  doppelten  tro- 

chaeus,  creticus -}- trochaeus  und  des  doppelten  creticus  sind  vertreten, 
am  häufigsten  letztere. 

■*)  Das  alles  erzählt  Klemens  in  Tyrus  seinen  Zuhörern.  Apion  selbst 
ist  an  diesem  Tage  krank. 


§5.   Die  Quelle  der  mythologischen  Disputationen.  47 

uiul  Pointe  ^  Da  so  wie  so  fast  allgemein  zugestanden  wird^ 
daß  der  llomilist  in  den  Apiondisj)iitariüneii  eine  Quellenschrift 
benutzt,  muß  man  auch  die  beiden  Briefe,  um  die  sich  die 
ganze  Disputation  dreht,  zur  Quelle  ziehen. 

Dort  spielte  der  Alexandriner  natürlich  eine  grolle  Rolle, 
aber  Hauptheld  war  offenbar  ein  Jüngling,  der  vom  griechischen 
Heidentum  zum  jüdischen  Glauben  bekehrt  wird,  und  zwar 
bekehrt  er  sich  in  Rom  selbst,  wie  er  Apion  bekennt:  uexoi  zov 
vvv  noA/.a.g  yvfojiiag  qiXoo6qoo)v  dinoxoJiyoag  Jigog  ovdeva  avrc~)v 
h'evoa  ))  Tjobg  t6  lovdauor  juovor,  t\u7i6oov  rivog  avrün'  oOovug 
jiintjdoHOVTog  ivravda  ifj  '^Pcöf.u]  E7iided)]urixÖTog  y.ai  ix  xivog 
ovvTvjiiag  äya&fjg  äjiXovoxeoöv  juoi  to  jLiovagyixdv  q  Qovij/ua  Jiaga- 
ßfuh'ov  (f  "28  12).  Ton  einem  jüdischen  Seilhändler  hat  Klemens 
also  in  Rom  die  jüdische  Lehre  des  Monotheismus  gehört,  die 
jener  ihm  in  vertraulichen  Gesprächen  schlicht  und  einfach 
mitteilte.     Seit  jener  Zeit  bekennt  er  sich  zum  Judentum. 

Niemand  verkennt  die  Analogie  zwischen  diesem  römischen 
Jüngling  und  unserm  Klemens.  Aber  sie  wird  aufgewogen 
durch  schwere  Diskrepanzen.  Zu  dem  Klemens,  der  im  Beginn 
des  ,, Romans^'  geschildert  wird,  dringt  zuerst  ein  dunkles  Ge- 
rücht von  dem  ,.Sohne  Gottes''  («  6  3..).  Dann  erscheint  ein 
Unbekannter '-,  der  auf  dem  römischen  Forum  predigt  —  über 
den  „Sohn  Gottes'^  (a  7  nj.  Der  leicht  erregbare  Klemens 
spricht  zu  sich  selbst:  Eig  ^lovÖaiav  nooevoouai,  Iva  idco  el  raviT 
oi'Tog  keycov  ähj&evei  cbg  on  vlog  iJeov  i:Tided}]iiii]xei>  tTj  'lovdaia 
ialii).  Rasch  tritt  er  die  Reise  an.  wird  aber  vom  Sturm 
nach  Alexandria  verschlagen.  ^Vieder  hört  er  dort  jemanden 
predigen  über  den  ,,Sohn  Gottes"  (a  9  u).  Der  Mann  ist  Bar- 
nabas.  der  ihn  nun  als  erster  tiefer  in  die  Geheimnisse  der 
,,wahren  Prophetie"'  führt  (a  13  10  5<;  /)' 4  2<;).  Auch  Petrus 
klärt  Klemens  vor  allem  über  diesen  Kernpunkt  der  christlichen 
Lehre  auf  (a  18f ;  vgl.  a  20  30,  21  1:,). 

Hier  läßt  der  Verfasser  offenbar  mit  bewußter  Kunst 
seinen  von  glühendem  Eifer  beseelten  Klemens  von  den  ersten 


^)  Vgl.  f  2  39-4,  <?  27  4.  Anders  J.  Geö'ken,  Zwei  griechische  Apolo- 
geten, Leipzig  1907,  .s.  2U7 :  ,,Der  wackere  Autor  gibt  sich  die  Mühe, 
einen  ganzen  heidnischen  Brief,  ein  .Lob  des  Ehebruchs'  einzurücken  und 
sogar  einen  Gegenbrief  zu  komponieren."  Richtiger  urteilt  Heinemanu 
über  Charakter  und  Herkunft  des  Gegenbriefes,  oben  S.  4(i  Anm.  3. 

-)  Die  Fassung  der  Grundschrift  ist  hier  nicht  völlig  sicher,  vgl. 
oben  S.  G  f. 


48  Heintze,  Klemeusroman. 

dunklen  Ahnungen  durchdringen  zum  vollen  Verständnis  der 
Lehre  unter  der  Leitung  des  Petrus^.  Diese  Erkenntnis  läßt 
vollends  die  oben  widerlegte  Annahme,  daß  die  Bücher  deg 
der  Grundschrift  angehören  und  Klemens  schon  vor  Beginn  des 
Romans  ein  Bekehrter  ist.  zur  Unmöglichkeit  werden.  Außer- 
dem ist  die  Kluft  zwischen  dem  jüdischen  ..Monotheismus"  und 
der  christlichen  Lehre  vom  „wahren  Propheten",  die  in  beiden 
Fällen  den  Anstoß  zur  Bekehrung  geben,  zu  groß  für  einen 
immerhin  einheitlich  konzipierten  christlichen  Roman.  Über- 
haupt wer  ist  jener  jüdische  euTiooog  ößovag  Tiingdoy.cov.  der 
Klemens  den  Monotheismus  in  vertraulicher  und  schlichter 
Weise  erklärt  hat?  Zu  Begimi  des  „Romans"  hören  wir  nur 
Ton  einem  Unbekannten ,  der  auf  dem  römischen  Forum  über 
den  „wahren  Propheten"  predigt. 

Diese  Diskrepanzen  sollten  genügen.  Eine  andere  fällt  fast 
in  das  Cfebiet  der  unfreiwilligen  Komik.  Der  tyrische  Klemens 
yerbreitet  sich  in  dem  fiktiven  Gegenbrief  ausführlich  über  die 
Bekämpfung  des  Ehebruchs,  gibt  viele  nützliche  Ratschläge 
über  die  Knabenerziehung  ^  und  gesteht  nach  Endeckung  des 
Betrugs  dem  Apion  freimütig:  'Eyco  yvvaixbg  ovy.  rjodod}]v  ovde 
äXkov  Tivog,  Tidvv  juov  Tf/g  y.>vyj~]g  dedajiav}]f.iev)]g  Ttgog  äXlag 
im&vjuiag  y.al  Jigog  äh]do)v  öoyjudrwv  evQeoiv  {e  28  lo).  Dieser 
tugendstolze  Klemens  redet  aber  (wie  man  glauben  soll,  wenige 
Monate  später)  in  Aradus  aus  Furcht,  von  Petrus  getrennt  zu 
werden,  gänzlich  anders:  jigög  jovjoig  öeöuog  ^uov  xdi  Tfjg  dy.juijg 
rip>  ey.  (fvoecog  inißvjuiav,  rjya>via>v  ,tu]7icog  d7iolei(f>d^eig  oov,  äv- 
d'Qwnog  cor  veonegog,  öneg  vvv  ovzcog  evordoecog  ex^>  ^■''^^'  ^^^t« 
Tiva  yöXov  -deoP  dnooTrivcu  oov  ädvvaTov  ei  fJTToyr  ijiißviiiiag  eoo- 
jiiai   (iß  5  s). 

So  sicher  sich  nun  aus  alle  diesem  ergibt,  daß  die  ganze 
jüdische  Bekehrungsgeschichte  der  Bücher  deg  niemals  in  der 
Grundschrift  gestanden  hat,  so  liegt  doch  die  erstaunliche  Ähn- 
lichkeit dieser  beiden  Jünglinge  auf  der  Hand,  die  ja  beide 
von  Philosophie  übersättigt  sich  vom  Griechentum  abwenden^. 


^)  Gerade  dies  Moment,  das  unsere  Erzählung  zu  einem  Entwicklunf^s- 
Toman  erhebt,  betont  mit  Recht  ü.  Misch,  Geschiebte  der  Autobiographie, 
Leipzig  und  Berlin  1907:  ..auch  einen  künstlerischen  Aufbau  konnte  die 
Bekehrungsgeschichte  in  die.ser  Literatursphäre  erhalten"  (S.  297  f).  Vgl. 
auch  die  gut  komponierte  Anagnorisis  des  Faustus,  oben  S.  10 f. 

*)  e  24  IL' — 26,  d.  h.  der  ganze  Schluß  des  Gegenbriefs. 

')  Auch  andere  Ähnlichkeiten  zwischen  der  Anlage  des  Romans  und 


§  5.   Die  Quelle  der  mythologischen  Disijutationen.  49 

"Warum  sollen  wir  nicht  annehmen,  daß  dem  Verfasser  der 
Grundschrit't  dieselbe  Quelle  zugänglich  war  wie  dem  Homi- 
listen?  In  dessen  Quelle  disputiert  ein  Jüngling  gegen  die 
allegorische  Mythendeutung,  gegen  die  Genesis  und  gegen 
Epikurs  Lehre.  Genesis  und  das  „zufällige  Weltgeschehen" 
werden  aber  auch  in  der  Grundschrift  an  drei  Disputationstagen 
heftig  bekämpft.  Die  sich  gegen  die  Mythenverdrehung  rich- 
tende Disputation  fehlt  in  der  Grundschrift,  und  zwar  not- 
wendigerweise, da  sie  aus  dem  Charakter  der  handelnden 
Personen  nicht  entwickelt  werden  kann. 

Man  sieht  jetzt  leicht,  wie  sich  die  Sache  verhält.  Was 
wir  in  der  Grundschrift  vermissen,  die  Gegner  jener  gegen 
Epikur  und  die  Astrologen  gerichteten  Disputationen,  finden 
wir  in  den  Homilien,  die  uns  die  Figuren  des  Athenodor  und 
Annubion  liefern;  was  wir  dagegen  in  den  Homilien  vermissen, 
die  versprochenen  Disputationen  gegen  Epikur  und  die  Astro- 
logen, erkennen  wir  in  der  Grundschrift  wieder. 

Folglich  schöpfen  Grundschrift  und  Homilien  aus 
derselben  Quelle,  in  der  der  tyrische  Klemens  mit 
Apion,  Annubion  und  Athenodor  disputierte^. 

Man  könnte  verwundert  fragen,  wie  es  dem  Homilisten, 
einem  späteren  Bearbeiter  der  Grundschrift,  gelang,  dieselben 
Quellen  wie  seine  Vorlage  aufzustöbern.  Aber  wie  der  Ver- 
fasser der  Grundschrift  seine  Quelle  benutzt  hat,  werden  wir 
im  zweiten  Abschnitt  sehen;  manchmal  hat  er  sie  fraglos  fast 
wörtlich  exzerpiert.  Speziell  die  Kapitel  1 9 — 28  des  IX.  Buches, 
die  mit  Karneades"  Argumenten  gegen  die  Astrologie  fechten, 
hat    er   unverändert  übernommen.     Und    gerade   sie   waren  in 

der  jüdischen  Geschichte  sind  bemerkenswert.  So  ergreift  beide  Jünglinge 
ein  derartiger  Ekel  vor  der  Philosophie,  dafs  sie  ganz  krank  davon  werden 
(a  2  10  oi  f  2  3.i).  Vgl.  aS-20  r<,  s  2  ;u  die  philosophischen  dvaoy.svai  und 
y.aiaaxeval.  Sisyphus,  Tantalus  und  Ixion  dienen  a44  und  f  6  .=i  als  Bei- 
spiele.    Ägyptische  Magie  wird  verpönt  a  h  vi  und  s  3  u. 

^)  Vgl.  hierzu  den  Stammbaum  S.  42.  —  S.  22  ist  die  Ansicht 
Boussets  (S  430)  erwähnt,  nach  der  in  der  Grundschrift  Klemens,  Niketes 
und  Aquila  mit  Apion,  Athenodor  und  Annubion  disputierten.  Diese 
Hypothese  durch  Interpretation  für  die  Grundschrift  zu  erhärten,  dürfte 
schwer  halten.  Aber  freilich  hat  zuerst  Bousset  die  enge  Beziehung  des 
Athenodor  und  Annubion  zu  den  grundschriftlichen  Disputationen  klar 
erkannt.  Außerdem  hat  auch  er  schon  S.  430.  446 f.  vermutet,  daß  hier 
eine  „hellenisch -philosophische"  Quelle  zugrunde  liegt.  —  [Ich  kam  zu 
meiner  Auffassung,  ohne  Boussets  Resultate  zu  kennen.  Irgendwo  müssen 
jedenfalls  einmal  Apion,  Annubion  und  Athenodor  disputiert  haben.] 

T.  u.  r.  "14:  Hointze.  4 


50  Heintze,  Klemensvoman. 

einer  Zeit,  wo  das  astrologische  Interesse  im  Mittelpunkt  stand^ 
jedenfalls  so  berühmt,  daß  ein  kluger  und  hellhöriger  Mann 
wie  der  Homilist  leicht  ausfindig  machen  konnte,  woher  die 
Wasser  rauschten.  Denn  allerdings  haben  wir  uns  überzeugt, 
daß  der  Homilist  nicht  nur  an  dem  Lehrstoff  der  Grundschrift 
herumänderte ,  sondern  diese  um  die  Bücher  öeg  und  den 
Homilienschluß  bereicherte  ^. 

Nicht  viel  unwahrscheinlicher  ist  unsere  Vermutung,  wa» 
die  Rekognitionen  betrifft.  Jedenfalls  schöpfen  sie  und  die 
Homilien  aus  einer  gemeinsamen  Quelle  A^.  Xachdem  aber 
der  Homilist  die  Namen  des  Apion,  Annubion  und  Athenodor 
mit  hinübergerettet  hatte,  konnte  ein  einigermaßen  belesener 
Gelehrter  dieselbe  Quelle  wiedererkennen  und  für  seine  Zwecke 
nutzbar  machen.  Daß  der  Rekognitionenautor  ein  Gelehrter 
war,  ist  schon  nach  seiner  verklausulierten  Stellung  zur  Astro- 
logie (X  10  — 132)  wahrscheinlich. 

Allerdings  müssen  wir  annehmen,  daß  jene  Quelle  seiner- 
zeit eine  gewisse  Berühmtheit  erlangt  hatte.  Es  scheint  ein 
Disputationsbuch  gewesen  zu  sein,  in  dem  ein  griechisch  er- 
zogener Jüngling,  der  zum  Judentum  übergetreten  ist,  mit  Eifer 
gegen  die  landläufigen  griechischen  Weltanschauungen  zu  Felde 
zieht.  Seine  Gegner  waren  Apion,  Annubion  und  Athenodor. 
Das  Buch  gibt  sich  als  eine  jüdische  Bekehrungsschrift  zu  er- 
kennen, da  das  Christentum  auf  Kosten  auffallender  jüdischer 
Momente  völlig  in  den  Hintergrund  gedrängt  wird.  Nicht  am 
wenigsten  entscheidet  in  dieser  Frage  die  Person  des  Apion. 
der  sogar  in  den  bewußt  christlichen  Homilien  seiner  historischen 
Stellung  wegen  als  Erzfeind  der  Juden  erscheint.  In  der  Tat 
hat  er  nie  etwas  mit  dem  Christentum  zu  tun  gehabt.  Endlich 
wird  uns  unten  (§  8,  3  und  1 0,  7)  noch  ein  wichtiges  Argu- 
ment für  unsere  Annahme  einer  jüdischen  Disputationsschrift 
begegnen. 

1)  Daß  der  Homilist  den  ErzählungsstofF  willkürlich  verändert  hat, 
kann  man  schon  aus  der  falschen  Wiedererkennung  des  Faustus  sehen 
(oben  S.  8ff). 

^)  X5O4:  „quid  illi  humanum  genus  iuverunt,  qui  dixerunt  non  esse 
deum ,  sed  casu  omnia  et  fortuito  agi  ?  nonne  ut  haec  audientes  homines 
et  arbitrautes  nullum  esse  iudicem,  nullum  provisorem  rerum,  ad  omne 
faciuus,  quod  vel  furor  vel  avaritia  vel  libido  dictasset,  neminem  verende 
praeeipites  agereutur?"  Epic.  355,  12  Usener.  Auch  dieser  .Satz,  der 
schwerlich  in  der  Grundschrift  stand  (vgl.  VIII  lOff),  ist  wohl  aus  jener 
jüdischen  Quellenschrift  A  geflossen. 


§  5.   Die  Quelle  der  mythologischen  Disputationen.  51 

Die  ganze  Schwierigkeit  —  sie  völlig  zu  leugnen  wäre 
absurd  — ,  die  in  der  Annahme  liegt,  daß  Grundschrift.  Ilomi- 
lien  und  Rekognitionen  in  gleicher  Weise  von  derselben  Quelle 
abhängig  sind,  wird  nicht  unwesentlich  gemildert,  wenn  wir  es 
mit  einem   Erzeugnis   der  jüdischen  Apologetik  zu  tun  haben 

Unserer  Hypothese  würde  zu  Hilfe  kommen  die  von  Chap- 
man  inaugurierte  Tendenz,  Grundschrift,  Homilien  und  Reko- 
gnitionen in  einen  Zeitraum  von  knapp  fünfzig  Jahren  zusammen- 
zudrängen ^  Außerdem  wird  es  doch  immer  wahrscheinlicher, 
daß  alle  drei  Autoren  in  dem  räumlich  beschränkten  Syrien 
geschrieben  haben  ^.  3Ian  darf  sich  aber,  wenn  man  unsere 
Quellenanalyse  verwirft,  nicht  ohne  weiteres  darauf  berufen, 
daß  die  gedachte  Quelle  nii'gends  zitiert  wird.  Wollte  man 
die  Bücherproduktion  des  Altertums  lediglich  aus  den  Zitaten 
rekonstruieren,  so  wnirde  sich  ein  verzeichnetes  Bild  ergeben. 
Kaum  hat  eine  Zeit  so  skrupellos  abgeschrieben  oder  sich  so 
vor  dem  Zitat  mit  ^N^amensnennung  gescheut,  und  gerade  diesen 
mittelmäßigen,  gar  nicht  einmal  so  schlechten  Romanschreibern 
merkt  man  es  an,  daß  sie  sehr  viel  gelesen  haben,  viel  mehr 
als  die  w^enigen  Quellen,  die  wir  aufzeigen  können^. 

Nicht  ohne  Grund  haben  wir  in  den  philosophischen  Dispu- 
tationen eine  besondere  Quelle  vermutet.  Aber  wir  können 
diese  Ansicht  nur  durch  Interpretation  stützen.  Wir  geben 
dabei  einstweilen  alle  unsere  Aufstelkmgen  preis  und  wenden 
uns  ohne  Voreinorenommenheit  zum  folgenden  Abschnitt. 


Zweiter  Abschnitt. 

Die  pliilüsophischeii  Disputationen  (VIII 1 — IX  32). 

Faustus  hat  Petrus  und  den  drei  Brüdern  am  Meeresstrande 
die  Torheit  des  Betens  vorgeworfen,  da  es  wieder  Götter  noch 
Vorsehung  gebe.  Hieraus  entwickelt  sich  eine  Debatte,  in  der 
Faustus  an  drei  Tagen  mit  Niketes,  Aquila  und  Riemens  dispu- 

')  Der  späte  Ansatz  der  Grundschrift  wird  freilich  unten  §  11  wider- 
legt werden.  -)  Über  die  Lokalisierung  vgl.  unten  §  11. 

•■')  Es  mag  erlaubt  sein,  hier  auf  die  mittelhochdeutschen  Epiker  hin- 
zuweisen, deren  Quellen  wir  z.  T.  nicht  mehr  namhaft  machen  können, 
die  aber  seinerzeit  weithin  berühmt  waren  und  von  den  gelehrten  Lesern 
sofort  wiedererkannt  wurden. 

4* 


52  Heintze,  Klemensroman. 

tiert.  In  der  ersten  Disputation  ist  die  Technik  diese,  daß 
jeder  Debatter  eine  bestimmte  „Definition"  gibt.  Dann  beleuchtet 
Niketes  zunächst  die  Ansicht  des  Gegners  und  setzt  ihr  schließ- 
lich seine  eigene  entgegen.  Dieselbe  Technik  beobachtet  man 
in  der  dritten  Disputation,  während  in  der  zweiten  häufiger 
dialogische  Form  gebraucht  wird. 

Faustus  definiert  nun  im  Anfang:  „Ego  dico  non  secundum 
dei  providentiam  gubernari  mundum.  quia  multa  in  eo  iniuste 
et  inordinate  geri  videmus.  sed  genesin  dico  esse,  quae  omnia 
agit  et  continet"  (YIII  4  is).  Und  Niketes:  „Ego  dico  Provi- 
dentia dei  gubernari  mundum,  in  his  dumtaxat,  quae  guber- 
natione  eins  indigent"  '^VIII  ß  i6i.  Daran  schließen  sich  ohne 
Unterbrechung  von  Kap.  9  —  34  die  Ausführungen  des  Niketes. 

§  6.     Analyse  der  ersten  Disputation. 

1.  Das  simplex  und  compositum,  c.  9  1  —  22.  Niketes 
geht  zu  Beginn  seines  Vortrags  über  die  letzten  Gründe  des 
Weltalls  aus  von  dem  Unterschied  zwischen  dem  „Einfachen"  und 
dem  „Zusammengesetzten".  Das  Einfache  ist  etwas  Einheit- 
liches, das  nicht  die  Fähigkeit  der  Trennung  oder  Auflösung 
besitzt  und  gänzlich  qualitätlos  ist.  Dagegen  ist  das  Zusammen- 
gesetzte aus  zwei,  drei,  vier  oder  mehr  Elementen  zusammen- 
gesetzt und  kann  folglich  in  diese  seine  Teile  zerlegt  und  aufgelöst 
werden.  Das  Einfache  ist  ewig,  das  Zusammengesetzte  sterb- 
lich. Folglich  ist  das  Einfache  Gott,  der  die  Materie  „zusammen- 
setzt". „Neque  ergo  condendi  virtus  (=  simplex)  in  immenso 
cessare  potuit,  neque  bonitas  otiari,  sed  ad  substituenda  ea 
quae  sunt,  bonitate.  ad  componenda  et  firmanda  virtute  provo- 

catur.     Substituuntur  ergo   et  componuntur  quaedam ex 

duobus  vel  tribus,  quaedam  vero  ex  quattuor.  alia  ex  pluribus." 

Hiermit  bricht  dieser  erste  eigentümliche  Abschnitt  ab,  und 
der  Autor  fährt  fort:  „Sed  quoniam  nunc  nobis  de  mundi 
ratione  quaeritur  et  de  substantia  eins,  quam  ex  quattuor 
elementis  esse  compositam  constat  —  — ".  Dadurch  gewinnt 
der  erste  Passus  den  Anschein  einer  ganz  allgemeinen  Erwägung 
des  Unterschiedes  zwischen  Einfach  und  Zusammengesetzt.  Das 
ist  aber  nicht  der  Fall,  denn  in  dem  Satze  „Neque  ergo  con- 
dendi virtus  in  immenso  cessare  potuit"  ist  die  ganze  Ent- 
stehungsgeschichte der  Welt  und  ihrer  Teile  als  Zusammen- 
setzung aus  drei,  vier  oder  mehr  Elementen  durch  das 
simplex   zu   verstehen.      Es   deutet   demnach    auf  eine   Fuge, 


§  6.   Analyse  der  eisten  Disputation.  53 

wenn  der  Autor  mit  ausdrücklichen  Worten  zur  ratio  mundi 
übergeht,  —  als  ob  er  vorher  von  etwas  anderem  gesprochen 
hätte.  Ferner  ist  im  ersten  Abschnitt  die  Materie  aus  zwei 
oder  mehr  Elementen  entstanden,  im  folgenden  „zugestandener- 
maßen" aus  vier.  Endlich  fällt  es  auf,  daß  das  feierlich  ein- 
geführte Simplex  künftig  überhaupt  keine  Rolle  mehr  spielt, 
obwohl  noch  häufig  von  der  „Zusammensetzung"  der  Elemente 
die  Rede  ist. 

Der  Autor  mengt  hier  offenbar  zwei  philosophische  An- 
sichten durcheinander  und  wird  schwerlich  für  den  ersten  Ab- 
schnitt dieselbe  Quelle  wie  für  den  zweiten  zu  Rate  gezogen 
habend  Die  Fuge  ist  noch  kenntlich  durch  den  schlecht  ge- 
lungenen Übergang. 

2.  Über  die  AVeltentstehung.  In  den  Kapiteln  10  und  11 
gibt  der  Autor  eine  Disposition  der  folgenden  Ausführungen. 

I.  Die  Welt  ist 

1.  migeworden  2.  geworden 

a)  durch  sich  selbst 

b)  durch  einen  andern. 

IL  Ist  die  Welt  dm-ch  einen  andern  geworden,  dann  durch 
die  Yorsehung.  Die  Vorsehung  aber  kann  man  sich 
in  dreifacher^  Weise  vorstellen 

1.  alles  umfassend  (generalis  erga  omnia)^ 

2.  spezielle  Teile  umfassend  (specialis  erga  partes)* 

3.  alles  und  spezielle  Teile  umfassend  (generalis  om- 
nium  et  specialis  partium)  ^. 

»)  S.  unten  S.  61  f. 

-)  C.  Hj.  5:  ,[an  et  generaliter  erga  partes]''  muß  getilgt  werden, 
weil  im  folgenden  nur  drei  Arten  der  Vorsehung  behandelt  werden,  11  6. 

119.  Uli. 

^)  C.  11  6:  „generalis  autem  intellegitur  hoc  modo,  quasi  ab  initio 
deus  faciens  mundum  ordinem  dederit  rebus  et  cursum  statuerit  et  ultra 
eorum  curam  quae  geruntur,  habere  cessaverit".  So  definiert  ist  die  Vor- 
.sehung  identisch  mit  der  fatalistischen  ^genesis"  (vgl.  c.  12  1-4). 

*j  C.  11  9:  „specialis  vero  erga  partes  hoc  modo  est,  ut  quorundam 
quidem  vel  hominum  vel  locorum  providentiam  gerat,  quorundam  vero 
non  gerat".  Vgl.  oben  S.  52  die  , Definition"  des  Niketes  VIII  6  16.  So, 
meint  der  Autor,  müßte  ein  Christ  sich  die  Vorsehung  deukeu. 

5)  C.  Uli:  „generalis  autem  omnium  et  specialis  partium  simul  hoc 
modo  est  quasi  et  ab  initio  omnia  fecerit  deus  et  usque  ad  finem  per 
singulos  quosque  providentiam  gerat''  [das  folgende  „et  unicuique  reddat 
pro  actibus  suis''  sieht  nach  einem  Zusatz  aus,  s.  S.  57  Anm.  2].  Dies  ist 
genau  die  Definition  der  stoischen  ::iQ6voia,  Cicero  de  nat.  deor.  II  §  75. 


54  Heintze,  Klemensroman. 

Diese  klare  Disposition  ist  im  folgenden  arg  verwirrt.  Der 
Autor  beginnt  nicht  mit  der  „Weltentstellung"  (D,  sondern 
der  „Vorsehung"  (II),  und  zwar  wendet  er  sich  heftig  gegen 
die  erste  Vorstellung  (II  1),  die  die  Vorsehung  als  „genesis" 
faßt  ^.  Dann  plötzlich  sagt  K^iketes  ganz  zusammenhangslos: 
„Ego  vero  m  und  um  dico  a  deo  factum  et  ab  ipso  quandoque 
esse  solvendum".  Damit  kehrt  der  Autor  kurz  entschlossen  zur 
Frage  der  „Weltentstehung"   il)  zurück. 

Man  erwartet  nun  im  13.  Kapitel  endlich  eine  Erläuterung 
des  ersten  Disputationsteils  (I  1),  ob  die  Welt  ungeworden  und 
ohne  Anfang  ist.  Hierbei  hätte  man  an  Parmenides  zu  denken, 
auf  den  der  Autor  später  mit  wenigen  parenthetischen  AVorten 
anzuspielen  scheint  (c.  t4f,-i2)^.  Aber  an  der  richtigen  Stelle 
fehlt  dieser  Teil  (I  l).  Vielmehr  behauptet  der  Autor  c.  13 
sogleich,  daß  die  Welt  „geworden"  (yevijrog)  sein  müsse,  weil 
sie  körperlich  ist.  Jeder  Körper  sei  entweder  eine  einheitliche 
Masse  oder  in  Teile  zerlegbar.  Die  Welt  habe  sich  also  ent- 
weder aus  einer  Masse  (vh])  zu  der  Mannigfaltigkeit  der  For- 
men entwickelt  oder  es  sei  umgekehrt  die  große  Masse  des 
Weltalls  aus  unendlich  vielen  verstreuten  Teilchen  (äiopoi) 
entstanden. 

Ersteres  ist  die  stoische  Lehre  von  der  aus  vier  Elementen 
bestehenden  Materie,  letzteres  die  Lehre  Epikurs. 

Nachdem  im  13.  Kapitel  gesagt  ist,  daß  die  Welt  wirklich 
„geworden"  ist  und  einen  Anfang  hat,  entsteht  die  Frage,  ob 
sie  durch  sich  selbst  oder  durch  einen  andern  „geworden"  ist 
(I  2a  und  b).  Hartnäckig  wird  wiederum  die  Disposition  verwirrt, 
da  Niketes  sich  zuerst  den  Theorien  zuwendet,  nach  denen  die 
Elemente  des  Stoffs  durch  eine  außer  ihm  liegende  Kraft  ge- 
mischt wurden.  Dem  Autor  war  es  bequemer,  ohne  Rücksicht 
auf  die  Disposition  zuerst  diesen  Teil  abzuhandeln,  da  sich  von 
hier  aus  sehr  leicht  die  Identität  dieser  Kraft  und  Gottes  er- 
weisen ließ  (c.  14— 1615).  Erst  dann  wagt  er  es,  sich  mit  Epi- 
kurs Lehre  zu  beschäftigen,  die  die  Atome  ohne  eine  äußere 
Ursache    oder   Kraft   sich    bewegen    läßt.     In   diesem  Sinne 


1)  C.  12  1-3.    Vgl.  S.  53  Anm.  3. 

-)  Die  Ewigkeit  der  Welt,  die  an  jener  Stelle  bekämpft  werden  soll, 
wird  in  gleicher  Weise  geleugnet  von  Philo  de  provid.  I  §  6;  vgl.  Wend- 
land, Philos  Schrift  über  die  Vorsehung,  Berlin  1892,  S.  4.  —  Basilius, 
Hexahenieros  1  c.  3,  vgl.  K.  Gronau,  Posidonius  eine  Quelle  für  Basilius' 
Hexahemeros,  Braunschweig  1912,  S.  26  f. 


§  6.    Analyse  der  ersteu  Disputation,  55 

fiißt  der  Autor  die  Epikureisclu'  Kosmologie  als  ^ratorialismus, 
dem  er  die  IkMeelitigung  abspriciit,  da  es  keine  Atombewegung 
aus  eigener  Kraft  geben  könne  (c.  I616 — 19). 

Nun  hätte  es  genügt,  in  diesen  Kapiteln  Epikurs  Ansicht 
zu  widerlegen,  da  schon  vorher  gezeigt  ist.  daß  eine  den  Stoff 
bewegende  Kraft  angenommen  werden  muß,  die  identisch  ist 
mit  Gott.  Nichtsdestoweniger  bemüht  sich  der  Autor  von 
neuem  zu  beweisen,  daß  die  Welt  nicht  durch  die  „unvernünf- 
tige Natur",  sondern  durch  einen  vernünftigen  Schcipfer  „zu- 
sammengesetzt" sein  muß.  Darum  läßt  er  den  hier  ganz  un- 
angebrachten Einwurf;  „Sed  dicet  aliquis  haec  a  natura  fieri" 
passieren  und  will  uns  vergessen  machen,  daß  er  in  den  Kapi- 
teln 16 — 19  bereits  gegen  die  „natürliche"  Philosophie  polemi- 
siert hat.  Im  20.  Kapitel  finden  wir  also  genau  dieselbe  Sachlage 
wie  Kap.  13,  denn  hier  wie  dort  wird  die  Alternative  gestellt, 
ob  die  ÄVelt  durch  sich  selbst  Epikur]  oder  durch  einen  andern 
[Stoa]  „geworden"  ist.  So  kommt  es,  daß  diese  beiden  Kapitel 
wiederholt  Dubletten  aufweisen.  Ygl.  c.  20r:  „Quodsi  idonei 
tibi  testes  videntur  philosophi  —  — ",  während  Niketes  vorher 
geprahlt  hat:  „—  —  testantur  etiam  philosophorum  plurimi 
sapientes  -s-iri.  Sed  ne  videamur  quasi  egentes  adsertionibus 
uti  voluisse  testibus,  de  principiis  —  —  quaeramus"  (c.  13  2), 
Wie  der  Autor  seine  Theorie  der  Weltentstehung  entwickelt, 
sahen  wir  schon:  „Corporeum  esse  mundum  hunc  visibilem,  eo 
ipso  quod  est  visibilis  satis  constat" ;  alles  was  aber  sichtbar 
sei,  sei  auch  „geworden"  fc.  13  4 — fj.  Derselbe  Beweis  kehrt 
wieder  c.  20 10:  „Yisibilis  enim  est  —  —  et  palpabilis  atque 
corporeus  (sc.  mundus).  omnia  autem  quae  huiusmodi  sunt,  facta 
esse  constat".  Das  stammt  nach  dem  eigenen  Bekenntnis  des 
Autors  aus  Piatos  Timaeus  (p.  28b),  den  er  im  13.  Kapitel, 
obwohl  die  „adsertiones  philosophorum"  stolz  verschmäht  werden, 
stillschweigend  und  heimlich  benutzt;  im  20.  Kapitel  dagegen 
zitiert  er  ihn  öffentlich. 

Aus  alledem  ist  zu  schließen,  daß  der  Autor  eine  bestimmte 
Disposition  kennt,  an  der  er  beständig  herumändert.  Die  Plato- 
stelle  beweist  nicht  bloß,  daß  die  Welt  ,. geworden''  (yer)]T6^). 
sondern  auch  daß  sie  durch  die  Kraft  eines  Urhebers  und 
Schöpfers  geworden  ist^.     Wenn  aber   ein  Argument,    das   die 


^)  C.  20i2:  ,quod  autem  factum  est,   aliquem  habet  sine  dubio  auc- 
torem ,  a  quo  factum   est.     Hunc  ergo factorem    parentemque   om- 


56  Heintze,  Klemensromau. 

Existenz  des  Weltschöpfers  beweist,  nach  der  Auseinander- 
setzung mit  Epikur  angeführt  ^vird  (c.  20),  so  ist  dies  nur  im 
Sinne  der  oben  gegebenen  Disposition,  nach  der  zuerst  die 
Frage,  ob  die  Welt  durch  sich  selbst  ., geworden"'  ist^,  und 
zweitens  die  eventuelle  Urheberschaft  ..eines  andern"  diskutiert 
werden  soll.  Demnach  hat  der  Autor  einen  Teil  jener  plato- 
nischen Argumentation  schon  vor  die  Polemik  gegen  Epikur 
gesetzt,  um  nach  dem  Beweis  der  Existenz  Gottes  um  so  sicherer 
die  Atomenlehre  treffen  zu  können.  Diese  eigenwilligen  Ände- 
rungen an  der  klar  entworfenen  Disposition  erklären  sich  be- 
friedigend, wenn  wir  die  Disposition  der  Quelle  zuweisen,  die 
der  Autor  nach  seinem  Geschmack  ummodelt 2. 

Die  Ansicht,  daß  dem  Autor  eine  Quelle  vorlag,  läßt  sich 
noch  stützen.  Es  soll  bewiesen  werden,  daß  die  Welt  nicht 
ewig,  sondern  „geworden"  ist  (I  2).  Dieser  Ansicht  stehen  alle 
Philosophen  nahe,  die  bestimmte  „Elemente"  der  Welt  und 
somit  eine  Entwicklung  anerkennen;  denn  hat  die  Welt  Ele- 
mente gehabt,  so  kannte  sie  auch  einstmals  einen  Anfang; 
folglich  ist  sie  „geworden".  Alle  Philosophen  bezeichnen  ihre 
Elemente  als  ewig,  ebenso  die  Stoiker  ihre  bekannten  vier  Ele- 
mente. Speziell  für  diese  vier  Elemente  wird  ein  Beispiel  an- 
geführt zum  Beweis,  daß  sie  anfangslos  sind 2.     Was  aber  an- 

nium  et  invenire  difficile  est  et  inventum  vulgo  enarrare  impossibile" 
(=  Plato  Timaeus  28^).  Dieselbe  Stelle  ist  benutzt  von  Philo  de  provid.  I 
§  21  (Wendland,  Philo  S.  8).  Basilius  Hexahem.  I  c.  2  C  (Gronau  S.  26  f); 
vgl.  Bigg  S.  164f. 

^)  So  faßt  der  Autor  Epikurs  Philosophie  auf. 

^)  Eine  ähnliche  Einteilung  wie  die  der  Quelle  findet  sich  bei  Basilius. 
Er  polemisiert  zunächst  gegen  die  Philosophen,  die  die  Welt  aus  einem 
UrstofF  [vXixf]  vjToßsoEi  I  c.  2  A)  hervorgehen  ließen:  Thaies,  Heraklit  und 
Empedokles,  die  bestimmte  Elemente,  Demokrit  und  Epikur,  die  ein  Heer 
von  Atomen  annähmen.  Dann  widerlegt  er  die  aristotelische  Ansicht, 
daß  man  aus  der  Mathematik  die  Ewigkeit  des  Weltalls  beweisen  könne 
(c.  3,  vgl.  Gronau  S.  26fF).  Dieser  zweite,  gegen  die  Mathematiker  ge- 
richtete Abschnitt  fehlt  in  den  Rekognitionen,  und  es  fragt  sich,  ob  er  in 
der  Quelle  stand ,  auch  wenn  man  VIII  15  s  „Geometrae  fines"  (sc.  statu- 
unt)  heranzieht.  Im  übrigen  ist  die  Vermutung  Pasqualis  (Doxographica 
aus  den  Basiliusscholien.  Nachr.  d.  Königl.  Ges.  der  Wissenschaften  zu 
Göttingen,  Phil.-hist.  Klasse  1910,  S.  228),  daß  das  doxographische  15.  Ka- 
pitel erst  von  dem  Rekognitiouenautor  hinzugefügt  sei,  nicht  begründet, 
da  es  sich  in  die  obige  Disposition  gut  einfügt.   Vgl.  den  folgenden  Absatz. 

^)  C.  I61:  „quod  in  coniunctione  elementorum  deficiente  altero  aut 
abundante  cetera  resolvuutur  et  concidunt,  ostenditur  ex  nihilo  ea  acce- 
pisse   principium.     Nam  verbi  gratia    si   deficiat  in   aliquo   humor. 


§  6.   Analyse  der  ersten  Disputation.  57 

fangslos  ist,  ist  zweifellüs  ewig.  Nichts  anderes  will  jenes 
Beispiel  beweisen.  Der  Autor  fährt  dagegen  fort:  ,,in  hoc 
(sc.  exemplo)  originis  suae  qua  ex  nihilo  facta  sunt  ''sc.  ele- 
menta)  produntur  indicia.    Quodsi  materia  ipsa  probatur  esse 

facta. ". 

Eine  sophistische  Argumentation,  durch  die  bewiesen  werden 
soll,  daß  die  Elemente,  die  „aus  nichts''  geschaffen  seien,  nun 
erst  recht  ihren  Ursprung  Gott  verdankten!  Daß  dies  ein  Zu- 
satz des  Autors  ist,  erhellt  auch  aus  dem  folgenden:  „Sed  de 
materia  et  qualitatibus  non  est  nunc  dicendi  locus;  hoc  solum 
docuisse  sufficiaf',  d.  h.  der  Beweis,  daß  Gott  die  Elemente 
..gemischt*',  nicht  geschaffen  habe.  So  bestätigen  es  alle  Bei- 
spiele, die  stets  nur  von  der  ..Mischung"  der  Elemente  reden, 

c.  l3^  l4^  l5^  le^  u.  0. 

Zum  zweiten  Mal  haben  wir  Spuren  einer  Bearbeitung  ge- 
funden, ein  Beweis,  daß  der  Autor  in  dem  Abschnitt  über  die 
„Weltentstehung"  (c.  13  —  20  is)  eine  Quelle  benutzt,  die  er 
verschiedentlich  zurechtgestutzt  hat^. 

3.  Die  Vorsehung.  In  dem  zweiten  Hauptteil  der  Dis- 
position soll  disputiert  werden  über  die  ,,Yorsehimg"  (II).  Der 
erste  Unterteil  handelt  von  der  ,, Genesis"  (oben  S.  53 f)  und  ist 
lange  vorher  ziemlich  nachlässig  behandelt  (c.  I2i-i3).  Es  bleiben 
die  zwei  anderen  Unterteile,  von  denen  nur  der  dritte  „stoische" 
zu  den  folgenden  Kapiteln  paßt  (S.  53  Anm.  5)  2.   Denn  wir  werden 

nee  ariduui  stabit;  humore  enim  pascitur  aridum  sicut  et  frigus  calido, 

in    quibus ,    si    alterum    defieiat,    penitus    cuncta    solvuntur'".     Vgl. 

Anaxag.  fr.  4  (Diels  Vorsokratiker  315,  8)  und  fr.  11  (Diels  318,  1).  Was 
die  „Kälte"  und  „Wärme'-  (VIII  16  5)  betrifft,  vgl.  Stratos  Qualitäten. 
Zeller,  Philos.  der  Griechen»  II  2  S.  907;  Rek.  VIII  15  *  „Callistratus 
[=  Strato:  corr.  Fabricius  et  Diels]  qualitates".  —  v.  Arnim,  Stoicorum 
veterum  fragmenta  II  405:  oaa  zoivw  oco/uaza  :iQÖirov  rag  rotavzag  k'/ei  noiö- 
rrjiag  (das  sind  ßsQ/xözijg  xpvxQÖrrjg  vygöztjg  ^t]o6zt]g),  exeiva  ozoiysTa  zä>v 
ällwv  asiävicüv  iarl  y.ai  zijg  aaoy.og.  sozi  de  zavza  yfj  y.al  vöcog  xal  ätjo  y.al 
:ivQ.  —  Übrigens  findet  sich  eine  ähnliche  Argumentation  wie  in  den 
Rekognitionen  bei  den  Pythagoreern  (Sext.  adv.  math.  X  263.  267):  zwv 
yäo  övzojv  —  —  zä  fiky  y.aict  diacfooav  vosTzai ,  zä  de  y.az'  evavzicooiv ,  zä 
8e  jTOo'j  ZI'  —  —  ovdey  yäo  öe^tov  eozcv,  eav  ur]  yal  äoiozeoor  v:täg/j],  ovde 
öiTiÄdaiov,  iäv  /.lij  y.al  z6  >j/iUGV  :TOo'v:ioy.et]zai  ov  dt:i/.doiov  iozi'r.  Vgl.  auch 
Basilius,  Hexahem.  I  c.  8  AI 

')  So  erklärt  sich  auch  in  der  Entwicklung  der  Lehre  Epikurs  der 
äußerst  harte  Übergang  von  Kap.  16  zu  17. 

-)  C.  11 14  ,,et  unicuique  reddat  pro  actibus  suis''  (sc.  Providentia) 
verrät  sich  als  Zusatz,  sei  es  unseres  Autors,  sei  es  der  Rekognitionen  oder 
eines  Abschreibers,  vgl.  S.  78  1. 


58  Heiutze,  Klemensroman. 

bald  sehen,  daß  jene  Kapitel  die  Philosophie  der  Stoiker  wider- 
spiegeln, deren  Tioövoia  gleichfalls  ..generalis  erga  omnia  et 
specialis  erga  partes''  ist. 

Aber  unser  christlicher  Autor  verstand  sich  keineswegs  dazu, 
aus  dieser  Auffassung  dieselben  Konsequenzen  wie  die  Stoiker 
zu  ziehen  und  sich  zu  einer  vollkommen  fatalistischen  Weltan- 
schauung (Grenesis)  zu  bekennen.  Vielmehr  klügelt  er  selbst 
eine  neue  Definition  der  A'orsehung  aus.  die  .,in  his  dumtaxat 
quae  gubernatione  eius  indigent"  den  Weltenlauf  lenkt  (c.  6  i^ 
o:  c.  11 9,  S.  53  Anm.4).  Freilich  hat  diese  zur  Rettung  der  Willens- 
freiheit ersonnene  christliche  Torsehung  nur  in  der  Disposition 
einen  bescheidenen  Platz  gefunden,  während  sie  in  der  Dispu- 
tation selbst  keine  Rolle  spielt.  Auch  hier  bemerken  wir  die 
Linienführung  der  Quelle,  die  der  Autor  nur  bisweilen  ver- 
dunkelt hat. 

Eigenartig  bleibt  es,  daß  er  jene  stoischen  Beweise  einer 
Vorsehung  fast  wörtlich  abschreibt  und  sie  als  wahrhaft  christ- 
lich preist,  während  er  den  (stoischen)  Fatalismus  heftig  be- 
kämpfte Daß  seine  Quellen  stoisch  waren,  sagt  er  nirgends. 
Anderseits  muß  der  c.  12  i-is  nachlässig  hingeworfene  Ausfall 
gegen  den  Fatalismus  gegen  die  Stoiker  gerichtet  sein:  daß 
nämlich  die  Verteidiger  einer  bis  zur  ,,genesis"  gesteigerten 
Vorsehung  nicht  den  Götterglauben  preisgeben,  hält  der  Autor 
für  unwürdig.  Als  ob  man  gegen  die  Genesis  etwas  von  den 
Göttern  erbitten  könne  I^ 

Wahrscheinlich  ist,  daß  dieser  erste,  nur  wenige  Zeilen 
umfassende  Unterteil  des  Abschnitts  „noövoia"  nicht  aus  der 
Quelle  stammt.  Man  würde  sonst  nicht  gut  begreifen,  warum 
an  dieser  versteckten  Stelle  gegen  den  Fatalismus  polemisiert 
wird,  während  die  ganze  dritte  Disputation  seiner  Widerlegung 
dient. 

Demnach  hat  der  Autor  in  seiner  Quelle  nur  die  dritte 
„stoische"  Definition  der  Vorsehung  und  die  mit  ihr  verbundenen 


^)  Auch  Philo  verteidigt  die  Vorsehung  und  bekämpft  die  Astrologie. 
Wendland,  Philo  S.  24. 

-j  Cumont  -  Gebrich,  Die  orientalischen  Religionen  im  römischen 
Heidentum,  Leipzig  1910,  S.  212 ff.  Schmekel,  Philosophie  der  mittleren 
Stoa,  Berlin  18!^)2,  S.  156:  „Für  das  was  notwendig  geschieht  ist  die  Astro- 
logie überflüssig;  denn  sie  nützt  nichts,  da  alles  dieses  doch  so  geschieht, 
wie  es  geschehen  muß".  Sext.  adv.  math.  V  §47,  vgl.  Hom.  «6  4.  Das 
war  ein  Argument  des  Karneades. 


c. 

20  1 

s  — 22 

e. 

23 

c. 

24 

c. 

25 

c. 

26, 

27. 

c. 

28 

c. 

29- 

-32. 

§  6.   Analyse  der  ersten  Disputation.  59 

folgenden   Ausführungen   gefunden.     Die    beiden   andern   Defi- 
nitionen sind  dagegen  Zutat. 

An  die  Definitionen  schließen  sieh  die  Ausführungen  selbst, 
die  sich  durch  klare  Einteilung  des  Stoffes  auszeichnen.  Zum 
Beweis,  daf!  das  Weltgeschehen  sich  in  geordnetem  und  harmo- 
nischem Lauf  abspielt  und  daß  kein  Ding  seinen  Ursj)rung  aus 
einer  denkenden  Vernunft  und  der  göttlichen  Vorsehung  ver- 
leugnet, werden  geschildert: 

A.  Der  Mikrokosmos 

der  Äther:  das  Weltall 

die  Atmosphäre:  Wind  und  Regen 

die  Erde:  Meere  und  Flüsse 

Pflanzen  und  Tiere 

Wasser 

B.  Der  Mikrokosmos 
die  menschliche  Zeugung 

und  Körperstruktur 

Wie  man  sieht,  ist  der  Autor  in  der  Bewältigung  des 
ziemlich  umfangreichen  Stoffes  planmäßig  vorgegangen.  Aber 
wir  werden  bald  erfahren,  wer  darin  sein  Lehrmeister  gewesen 
ist.  Hier  kann  es  nur  stören,  wenn  in  den  folgenden  Kapiteln 
noch  eine  schlechte  Nachlese  versucht  wird.  So  gehört  c.  33 1-3 
(die  übrigen  Tiere)  und  c.  33  3. 4  (Bäume  und  Kräuter)  zum 
25.  Kapitel.  Die  vier  Jahreszeiten  (c.  33  4-7)  sind  schon  vorher 
(c.  22  7  1  behandelt.  Dazu  kommt  die  Frage  nach  dem  Alter 
der  Welt  (c.  33  7 — 34  6)^  Diese  Analekta  werden  schwerlich 
der  mit  Sicherheit  zu  rekonstruierenden  Quelle  zuzuweisen  sein, 
vorausgesetzt,  daß  wir  sie  mit  Recht  für  den  Autor  der  Grund- 
schrift und  nicht  für  die  Rekognitionen  in  Anspruch  nehmen. 

Ln  34.  Kapitel  folgt  zum  Abschluß  der  ersten  Disputation 
noch  einmal  eine  Zusammenfassung  aller  der  Gründe,  die  den 
Glauben  an  die  Vorsehung  rechtfertigen. 

Es  galt  zu  beweisen,  daß  alle  Dinge  geboren  sind  aus  der 
höchsten  Weisheit  und  Vernunft.  Sie  ist  der  „?<.öyog,  durch 
den  w^ahrhaftig  alles  gemacht  ist"  (c.  34  28)^.    So  hat  der  Autor 

')  Dieselbe  Frage  wirft  auf  Velleius  gegenüber  Plalo,  Cic.  de  nat. 
deor.  I  §  20-22.     Philo  de  provid.  I  §  6  (Wendland,  Philo  S.  4). 

*)  V.Arnim,  Stoic.  fragm.  II  300:  doy.sT  d'  amoT;  aoyji?  eivai  töjv  o/.oiv 
Svo,  z6  :TOtovr  y.al  x6  Tiäoyov.  ro  fisv  oi'v  näayov  eirai  tijv  uTioiov  ovolav,  rijv 
v?.7jV  ro  de  jioiovt'  tor  iv  ai'r/J  ?.6yov,  tov  dsör.  lovrov  yäo  dtöior  ovra  Siä 
jtdotjg  avzijg  öijfuovQysTv  sy.aoxa. 


f)0  Heintze,  Klemensroman. 

schon  vorher  mitten  in  den  der  Stoa  entlehnten  Ausführungen 
offen  bekannt  „quam  rationem  ego  verbum  (Xoyov)  et  deum 
appello"  (c.  19  Ende).  Hier  verrät  er,  vielleicht  unfreiwillig, 
wo  seine  Quellen  entspringen,  obwohl  er  niemals  die  Stoiker 
mit  Namen  nennt. 

4.  Verhältnis  der  beiden  Abschnitte  über  die  „Welt- 
entstehung" und  die  ,, Vorsehung".  Merkwürdig  an  dieser 
ersten  Disputation  bleibt,  daß  offenbar  zwei  verschiedene  Mate- 
rien zusammengeschweißt  sind;  die  eine  stellt  ein  theoretisches 
Problem  der  Physik  dar  („über  die  Weltentstehung",  c.  10 — 20is), 
die  andere  ist  wesentlich  praktisch  gefaßt  (,,über  die  Vorsehung'' 
c.  20  18  —  33)  ^.  Das  ist  um  so  merkwürdiger,  als  die  Defini- 
tion des  Faustus  ganz  einseitig  lautet:  ,,ego  dico  non  secundum 
dei  providentiam  gubernari  mundum,  quia  multa  in  eo  in- 
iuste  et  inordinate  geri  videmus,  sed  genesin  dico  esse, 
quae  omnia  agit  et  continet"  (c.  4  is).  Hier  ist  nur  von  der 
Vorsehung  die  Rede,  die  Faustus  besonders  wegen  der  „Unord- 
nung" (inordinata)  leugnet.  Dem  gegenüber  führt  Niketes 
mit  vollem  Recht  aus,  daß  Makro-  und  Mikrokosmos  in  schöner 
Harmonie  einer  festbestimmten  Ordnung  folgen.  Aber  die 
physikalischen  Untersuchungen  über  die  Anfänge  des  Weltalls 
haben  hiermit  nur  sehr  wenig  zu  tun. 

Einstweilen  empfiehlt  es  sich  also,  die  Ausführungen  über 
die  ,, Weltentstehung"  und  die  über  die  „Vorsehung"  von  ein- 
ander zu  sondern. 

Aber  eine  andere  Schwierigkeit  kommt  hinzu.  Wie  kann 
Niketes  aus  der  oben  zitierten  „Definition"  des  Faustus  (c.  4  is) 
erraten,  daß  Faustus  Epikur  studiert  habe  ?  ^  Als  ob  Epikur 
durch  eine  vielfach  herrschende  ,, Unordnung"  des  Weltgeschehens 
zu  seiner  Atomenlchre  getineben  wäre!^  Als  ob  Epikur  jemals 
wie  Faustus  den  Fatalismus  bekannt  und  ihn  nicht  vielmehr 
bekämpft  hätte!  Als  ob  Epikur  endlich  auch  die  Existenz  der 
Götter  geleugnet  hätte ! 

^)  In  Ciceros  Buch  „de  natura  deorum"  wird  nirgends  auf  Probleme 
der  Physik  eingegangen,  während  die  Lehre  von  der  Vorsehung  einen 
großen  Kaum  einnimmt,  s.  unten  §  9, 1. 

-;  C.  7ii:  ,,Secta  tua  et  sententia  quam  detinisti,  manifesta  est  his 
qui  eruditi  sunt  in  huiusmodi  disciplinis  — ;  ex  his  quae  proposuisti  quid 
consequatur  agnosco,  maxime  quia  prae  ceteris  philosophis  Epicuri 
scholas  frequentavi'*.     Über  den  Schluß  von  Kap.  7  vgl.  §  10,  3. 

')  Die  wahre  Ursache  war  der  von  ihm  verabscheute  Aberglaube. 
Vgl.  Epic.  31,  6;  36, 1.    Zeller  '  III  1  S.  396. 


§  G.   Analyse  der  ersten  Disputation.  Ol 

Trotz  dieser  Widersprüche  hat  es  mit  dem  Epikureertum 
des  Faustus  seine  eigene  ]Jevvandnis.  Gerade  die  epikurische 
Lehre  wird  drei  Kapitel  lang  (c.  17 — 19)  in  so  heftiger  Weise 
bekämpft,  daß  der  Mann,  der  die  Kapitel  konzipierte,  zweifellos 
einen  echten  Epikureer  aufs  Korn  nahm.  Kaum  an  einer  andern 
Stelle  wird  es  so  klar,  aus  wie  heterogenen  Bestandteilen  der 
Verfasser  der  Grundschrift  seinen  Roman  zusammengeleimt  hat. 

Haben  wir  also  verlier  den  ganzen  von  der  ,, Weltentstehung'' 
handelnden  Abschnitt  von  den  Ausführungen  über  die  „Vor- 
sehung" gesondert,  so  betrifft  dies  besonders  die  in  der  „Welt- 
entstehung"' enthaltene  Polemik  gegen  Epikur.  Erst  dann 
stimmen  die  der  Debatte  vorausgeschickte  ,, Definition"  des 
Faustus  (c.  4  is)  und  die  folgenden  Ausführungen  über  die 
,, Vorsehung"  zusammen.  Vielleicht  ist  es  kein  Zufall,  daß  der 
Autor  nach  der  oben  angeführten  Disposition  sogleich  den  ersten 
Unterteil  des  Abschnitts  ,, Vorsehung"  (II  I )  entwickelt,  dann 
aber  unvermittelt  zurückspringt  zur  Untersuchung  über  die  ,. Welt- 
entstehung" (I).  Das  sieht  so  aus,  als  ob  er  durch  gewisse 
Erinnerungen  an  eine  Quelle  behindert  würde. 

Daß  die  Epikurea  nicht  zur  Definition  und  ,, Vorsehung" 
passen,  ist  ein  wichtiges  Ergebnis,  denn  da  sie  aus  dem  Ab- 
schnitt über  die  „Weltentstehung'*  nicht  herausgerissen  werden 
können,  bestätigt  sich  unsere  erste  Vermutung,  daß  die  Abschnitte 
über  ,,Weltentstehung'''  und  über  ,, Vorsehung"  verschiedener 
Herkunft  sind  ^. 

5.  Ein  pythagoreischer  Abschnitt.  EndUch  bleibt  noch 
ein  Wort  zu  sagen  über  das  versprengte  Anfangskapitel  der 
Disputation  (c.  9).  Auch  dies  weist  Spuren  der  Überarbeitung 
auf.  Wir  erinnern  uns  an  den  Unterschied  zwischen  dem  Ein- 
fachen und  dem  Zusammengesetzten  2.  Beim  Zusammengesetzten 


^)  Dies  -wird  unten  §  10,  3  noch  näher  begründet  werden.  —  Übrigens 
scheinen  die  Worte  des  Niketes:  „ego  vero  mundum  dico  a  deo  factum 
et  ab  ipso  quaudoque  esse  solvendum"  (c.  12  u)  auf  die  Definition  eines 
andern  Gegners  als  des  Faustus  (c.  4  is)  zu  deuten.  Jener  Gegner  hätte 
die  Ewigkeit  der  Welt  behaupten  müssen,  die  auch  unser  Autor  in  der 
Disposition  (c.  10  3)  und  später  (c.  14  h)  kurz  streift.  Wahrscheinlich  waren 
also  die  Ausführungen  über  die  „Weltentstehung"  in  der  Quelle  umfang- 
reicher. 

-)  Vgl.  hierzu  Cic.  de  nat.  deor.  I  §  20:  ,,quae  est  enim  coagmentatio 
non  dissolubilis!"  sagt  Velleius  in  seiner  Polemik  gegen  Plato,  der  die 
Welt  für  ..geworden"  und  nicht  für  ewig  hielt.  Die  Pythagoreer  (vgl. 
S.  62)    lehren  a/xigiorov  fikv   yäo    slvai  ro  ev ,   (.ieqiotov   de   xo  ji).fjdog.    in  de 


62  Heiutze,  Kleinensroman. 

lassen  sich  folgende  Unterscheidungen  machen:  numerus  divisio 
color  differentia  asperitas  lenitas  pondus  levitas  qualitas  quan- 
titas  (c.  93)^.  Alle  jene  Unterscheidungen  fehlen  dem  Einfachen 
„et  ob  hoc  etiam  fine'^  (sc.  caret).  Das  „et  ob  hoc  etiam  fine'* 
sieht  ganz  aus  wie  ein  Zusatz,  denn  „ob  hoc"  ist  unverständlich. 
Übrigens  verrät  sich  der  Autor  selbst,  wenn  er  wenig  später 
von  der  Materie  sagt:  „cui  omnes  illae  decem  differentiae  quas 
supra  conprehendimus  accidunt"  (c.  9  24).  Die  Zahl  10  stimmt 
aber  nur,  wenn  man  das  ,,et  ob  hoc  etiam  fine"  tilgt.  Die 
Absicht  ist  klar,  denn  wenn  das  Einfache  auch  .,fine  caret"',  ist 
es  „immensum"  (c.  9  n)  und  besitzt  dieselbe  Eigenschaft  wie 
nach  der  christlichen  Lehre  Gott.  Ursprünglich  scheint  dagegen 
in  diesem  Einfachen  das  er  der  Pythagoreer  zu  stecken,  die 
sieh  Gott  als  begrenzt  vorstellen  (vgl.  S.  61  Anm.  '2)~.  Schon 
hieraus  erhellt,  daß  sich  der  Autor  auch  in  diesem  (pytha- 
goreischen) 9.  Kapitel  an  bestimmte  Quellen  gehalten  hat. 

Überblicken  wir  die  Ergebnisse  unserer  Untersuchung  der 
ersten  Disputation,  so  ergibt  sich,  daß  sie  in  drei  Abschnitte 
über  die  ., Weltentstehung'',  die  ,, Vorsehung"  und  die  pytha- 
goreische Lehre  zerfällt.  Namentlich  die  beiden  ersten  Abschnitte 
hatten  scheinbar  ursprünglich  nichts  mit  einander  zu  tun.  Bevor 
wir  aber  ihr  Verhältnis  definitiv  beurteilen  können,  müssen  wir 
die  beiden  andern  Disputationen  einer  Betrachtung  unterziehen. 

§  7.    Analyse  der  zweiten  Disputation. 

Nachdem  Faustus  ,, wegen  derer,  die  gestern  nicht  anwesend 
w^aren",    eine   anacephalaeosis  der  ersten   Disputation   gegeben 

TOVTCov  ylyi'Eodai  rov  dgtüfiov  rov  ivög  oQi^oviog  z6  :i/SjOog  y.al  Tfj  dsisigia 
nsQag  iTiizi&ivTog  (Plut.  de  an.  proer.  2,  1012  E). 

^)  Die  5.,  6.,  7.,  8.  Unterscheidung  fasperitas  lenitas  pondus  levitas) 
entsprechen  Demokrits  primären  Qualitäten  (Theophr.  de  sensu  63),  wäh- 
rend die  dritte  (color)  zu  den  sekundären  gehört  (Theophr.  64).  numerus  (1) 
differentia  (4)  quantitas  (9)  qualitas  (10)  finden  wir  unter  Piatos  Ideen 
wieder  [Zell er'  II  1  S.  589].  Es  bleibt  die  divisio  (2).  Woher  diese  merk- 
würdige Reihe  stammt,  läßt  sich  nicht  sagen. 

-)  C.  9  16:  jenes  Einfache  ist  ,bonitate  pater,  virtute  conditor",  vgl. 

Arist.  Eth.  I  4.    1096 '^  5:  oi  UvdayÖQeioi zißhieg  iv  rij  rcov  dya&üv 

ovoror/lu   x6   i'v  und   Plut.    de   an.    proer.  2.  1012  E   Zagärgag   6   JJvdayögov 

öibüoxakog ixd?.Ei ro   8'   ev  Ttaxiga.     Zum   Schluß   des  9.  Kap. 

(Rek.),  wo  offenbar  auf  die  Pythagoreer  augespielt  wird,  vgl.  Arist.  Met. 

XII  7.  1072''  30:  öooi  8k  VJio).afißävovon>,  ojo:iFg  oi  Jlv&ayögeioi, ro  xdX- 

Mozov  y.al   ugiozov  iiii]   iv  dgyji   elvai .     Vgl.  Zeller''  II  S.  376f. 


§  7.    Analyse  der  zweiten  Dispntation.  ()3 

hat  (c.  39),  definiert  er  von  neuem:  „multa  —  —  habeo,  quae 
ostendam  competenti  mensura  ac  forma  et  speeie  constare,  nee 
tarnen  per  mentem  condita  ac  rationem.  Tum  praeterea  video 
multa  incondite,  inconsequenter,  iniuste  geri  in  mundo  et  sine 
genesis  cursu  nihil  fieri  posse"'  t^A^TII  40  icj.  Zur  Widerlegung 
des  Vorsehungsglaubens  führt  Faustus  also  an 

I.  ,, wohlgeformte",  aber  nicht  vernunftgemäße  Dinge 

II.  „Unordnung''  und  ,,IJngerechtigkeit". 

Diese  Disposition  ist  in  den  folgenden  Kapiteln  einiger- 
maßen eingehalten. 

1.  „Wohlgeformte",  aber  nicht  vernunftgemäße 
Dinge.  Zu  den  „wohlgeformten"  Dingen,  die  nicht  planmäßig 
und  sinnvoll,  sondern  zufällig  sind  (I),  rechnet  Faustus  den 
Regenbogen  (c.  41 '\  42),  der  durch  Zufall  ohne  eine  vernünftige 
Ursache  entstanden  sei.  Aquila,  der  zweite  Bruder,  antwortet, 
die  Sonne  sei  von  Gott  gleichsam  als  ein  Siegel  geschaffen  und 
alle  Abdrücke  des  Siegels  hätten  darum  in  letzter  Linie  ihren 
Ursprung  in  Gott  selbst;  deshalb  sei  auch  der  Regenbogen  nicht 
zufällig,  sondern  göttlich  ^.  Ahnlich  werden  Früchte  und  Blätter 
erklärt  '. 

Dieser  Teil  ist  nachlässig  geschrieben.  Vielleicht  ist  aber 
nicht  die  Grundschrift,  sondern  der  Verfasser  der  Rekognitionen 
der  Schuldige. 

2.  Zusammenhang  der  ersten  und  zweiten  Dispu- 
tation. Unter  die  Kategorie  der  „wohlgeformten",  aber  nicht 
sinnvollen  Dinge  (I)  haben  sich  merkwürdigerweise  auch  die 
Flöhe,  Mäuse  und  Eidechsen  verirrt.  Übrigens  versichert  Aquila, 
sein  Bruder  Niketes  habe  sich  schon  in  der  ersten  Disputation 
über  diese  ., scheinbar  unnützen"  Dinge  geäußert  (vgl.  S.  13). 
Solche   Tiere   gegenüber   den   Angriffen   auf  die  Vorsehung  in 


^)  Der  Regenbogen  hatte  seinen  festen  Platz  in  der  stoischen  Theo- 
dizee  (vgl.  Philo  de  provid.  II  §  100).  Diog.  Laert.  VIT  152:  igiv  de  slvat 
avyäg  dq?'  vygcjv  verfcöv  dvay.exXaa/iievag ,  ij ,  (hg  IJoaEiöcöfiög  (frjoiv  h'  rf] 
/uezscoQO/.oyixfj,  fficfaoiv  rßiov  Tju/j^iarog  y  ae/.tjvtjg  iv  vecpsi  dedoooiafievco,  xoi/.co 
xal  ov%'E'/Ei  TiQog  (pavTaoiav,  cog  f.v  y.aTOjnQOi  (vgl.  typus  Siegel)  (pavTa^of.ier}]v 
aara  xvx/.ov  :ieoi(pEQeiav.     Vgl.  Wendland,  Philo  S.  792. 

-)   Vgl.  zu    all    diesen   ,  wohlgeformten ",    aber   scheinbar    zufälligen 

Dingen  Cic.  de  finibus  III  18  =  v.  Arnim,  Stoic.  fragm.  11  11G6:  , alia 

autem  uullam  ob  utilitatem  quasi  ad  quendam  ornatum,  ut  cauda  pa- 
voni,  plumae  versicolores  columbis,  viris  mammae  atque  barba."  Vgl. 
fr.  1163.  1164. 


64  Heintze,  Klemensronian. 

Schutz  zu  nehmen,  war  den  Stoikern  ganz  geläufig^.  Aber 
natürUch  gehören  sie  nicht  in  die  Reihe  der  ,, wohlgeformten"  (I), 
sondern  in  die  der  ,, ungeordneten'"  Dinge  (II).  Dieser  zweite 
Teil  beginnt  erst  mit  dem  45.  Kapitel.  Wenn  nun  einerseits  die 
Flöhe,  Mäuse  und  Eidechsen  nach  Aquilas  Versicherung  in  der 
ersten  Disputation  abgehandelt  wurden  und  anderseits  dieselben 
Tiere  zur  Reihe  der  „ungeordneten"  Dinge  (II)  gehören,  so 
folgt  daraus,  daß  die  ,, ungeordneten"  Dinge,  die  jetzt  in  der 
zweiten  Disputation  verteidigt  werden,  ursprünglich  bei  irgend 
einem  Autor  noch  in  der  ersten  Disputation  standen.  Jener 
Autor  kann  aber  nicht  der  Verfasser  der  Grundschrift  gewesen 
sein,  denn  wenn  der  ganze  zweite  Teil  der  zweiten  Disputation 
zur  ersten  addiert  würde,  müßte  die  erste  Disputation  bedeutend 
größer  gewesen  sein  als  die  dritte,  und  die  zweite  würde 
vollends  auf  einen  verschwindenden  Rest  reduziert.  Denn  daß 
in  der  Grundschrift  drei  Disputationen  standen,  haben  ■v^^r  ge- 
sehen, und  es  ist  sicher  kein  Zufall,  daß  noch  in  den  Reko- 
gnitionen  alle  drei  gleiche  Länge  haben. 

Demnach  wurde  ursprünglich  in  derselben  Disputation  über 
die  Vorsehung  in  der  Weise  debattiert,  daß  Harmonie  und 
Ordnung  des  Makro-  und  Mikrokosmos  und  die  Berechtigung 
scheinbar  ,, ungeordneter"  Dinge  auseinandergesetzt  wurde.  Zu 
einer  solchen  Disputation  stimmt  auch  die  erwähnte  Definition 
des  Faustus:  „ego  dico  non  secundum  dei  providentiam  guber- 
nari  mundum,  quia  multa  in  eo  iniuste  et  inordinate  geri 
videmus  (c.  4  is).  Zu  Beginn  der  zweiten  Disputation  definiert 
er  nämlich  merkwürdigerweise  genau  so:  „tum  praeterea 
vides  multa  incondite,  inconsequenter,  iniuste  geri  in  mundo" 
(c.  40  is).  Nach  diesem  dublettenhaften  Satz  kann  man  un- 
möglich denken,  daß  Faustus  sich  einfach  wiederholt.  Viel- 
mehr ist  hierin  ein  Beweis  zu  sehen,  daß  ursprünglich  der 
zweite  Teil  der  ersten  Disputation  (über  die  ,, Vorsehung") 
eng  zusammenhängt  mit  der  folgenden  (über  ,, wohlgeformte" 
und    „ungeordnete"    Dinge),     Natürlich    bedeutet   die  Erweite- 


')  Chrysipp  verteidigte  Wauzen,  Mäuse  uud  andere  Plagen  (s.  unten 
§10,4).  Vgl.  Philo,  de  provid.  II  §40:  ,Etenim  et  mundum  ipsum  con- 
venit  laudare,   nee  quae  vilia   in  terra  sunt  attendere.   ut  scarabaeos  vel 

formicas  aut  pulices  et  alia  consimilia ".     Sext.  P.  H.  I  §  55  ff:  xal 

yoivöig  rä  älloi?  rjbea  äV.otg  iazir  a.i]brj  xai  (psvy.rä  y.al  ßavdoifxa  (durch  viele 
Beispiele  belegt).  Über  den  Ursprung  dieser  Tiere  aus  dem  Urschlamm 
vgl.  Wendland,  Philo  S.  SO  ö. 


§  7.   Analyse  der  zweiten  Disputation.  65 

rung  einer  einzigen  Disputation  zu  zwei  keineswegs  eine  Ver- 
besserung. 

3.  „Ungeordnete"-  Dinge  und  „Ungerechtigkeiten"'. 
Dieser  zweite  Abschnitt  der  Disputation  beginnt  mit  dem  45.  Ka- 
pitel. Der  Autor  sucht  gewisse  Unebenheiten  folgendermaßen 
zu  erklären:  Gott  habe  am  Himmel  Sonne,  Mond  und  fünf 
Planeten  gesetzt  ..quibus  aeris  temperies  pro  ratione  temporum 
dispensetui-  et  ordo  vicissitudinum  permutationumque  servetur'' 
(c.  45  4).    Das  erinnert  schon  bedenklich  an  astrologische  Lehren. 

„Horum  autem  ipsorum  ministerio  \  et  si  quando  pro 
peccatis  hominum  plaga  et  corruptio  terris  inicitur,  perturbatur 
aer,  lues  animantibus,  corruptio  frugibus,  pestilens  per  omnia 
mortalibus  annus  inducitur,  et  ita  fit,  ut  uno  eodemque  mini- 
sterio  et  servetur  ordo  et  corrumpatur." 

Zwei  Ursachen  werden  angeführt,  durch  die  „die  Luft  ver- 
wirrt wird,  die  Lebewesen  Seuche  befällt,  die  Früchte  verderben 
und  das  Jahr  eine  einzige  Pest  ist":  1.  das  ministerium  stella- 
rum.  2.  die  peccata  hominum.  Aber  das  ,,et  si  quando*' 
lehrt,  daß  beide  Ursachen  nicht  zusammenzuwirken  brauchen, 
vielmehr  kann  Unglück  entstehen  durch  das  ministerium  stella- 
rum  oder  die  peccata  hominum.  x\nders  lesen  wir  am  Schluß 
des  Satzes:  „ita  fit.  ut  uno  eodemque  ministerio  et  servetur  ordo 
et  corrumpatur'".  Hier  gilt  zweifellos  nur  die  erste  Ursache, 
das  ministerium  stellarum.  und  es  folgt  daraus  mit  Wahrschein- 
lichkeit, daß  die  zweite  Ursache,  die  peccata  hominum.  nur 
eine  christliche  Glosse  ist.  Tilgen  wir  sie,  so  fügt  sich  alles 
glatt:  „Horum  autem  ipsorum  ministerio  perturbatur  aer,  lues  — , 

corruptio  — ,  pestilens annus  inducitur,  et  ita  fit,  ut  uno 

eodemque  ministerio  et  servetur  ordo  et  corrumpatur"  -.  Denn 
vorher  ist  gesagt,  daß  Gott  Sonne,  Mond  und  fünf  Planeten 
gesetzt  hat,  damit  sie  die  Luft  in  gleichmäßige  Schwingungen 
versetzen  (ut  aeris  temperies  —  —  dispensetur).  Dieselben 
Sterne  haben  also  Macht,  die  Luft  in  gleichmäßige  oder  un- 
gleichmäßige, heftige  Schwingungen  zu  versetzen,  —  ohne 
irgendwelchen  Einfluß  der  „menschlichen  Sünden''.  Aber  diese 
Theorie,  nach  der  Glück  und  Unglück  von  den  Sternen  ab- 
hängt,  kann  niemals  eine  christliche  sein  3.     Es  ist  die  nackte 

^)  sc.  dei.  -)  Durch  die  Glosse  entstand  die  lästige  Tautologie : 
„si  plaga  et  corruptio  terris  inicitur, corruptio inducitur''. 

*)  Kein  Christ  hätte  geglaubt,  daß  Gott,  um  den  sündigen  Menschen 
Unglück  zu  schicken,  sich  des  Sterneudienstes  bediente.  Auch  in  der 
T.  u.  TT.  '14:  Heintze.  5 


66  Heintze,  Klemensroman. 

Lehre  der  Astrologen,  die  der  Autor  durch  Hinzufügung  einer 
Glosse  zu  mildern  sucht  ^. 

Diese  versteckte  astrologische  Lehre  liegt  auch  dem  fol- 
genden Abschnitt  zugrunde : 

Wenn  der  Lauf  der  Sonne  „geordnet" 

ist,  bewirkt  er  Gutes  c.  45  u — 13;  iG-f 

ist  er  „ungeordnet":  Böses  c.  46  3 — ö^. 

Wenn  der  Lauf  des  Mondes  „geordnet" 

ist,  bewirkt  er  Gutes  c.  46  0 — 13 

ist  er  „ungeordnet":  Böses  c.  46  13. 14. 

Auch  hier  sucht  der  Autor  die  Tendenz  der  Quelle  zu 
mildern,  wenn  er  am  Schluß  des  46.  Kapitels  schreibt:  cum 
fuerit  iusta  „aliqua  ex  causa"  ordinis  instituti  (sc.  lunae)  mutata 
temperies,  corruptio  oritur  et  intemperantia,  ut  in  homines  — 
—  castigatio  dei  voluntate  procedat.  Das  erste  Mal  heißt 
es,  daß  die  Ordnung  der  Sterne  sich  verwirrt  „aliqua  ex  causa", 
ehrlich  gesagt  „nescio  qua  de  causa",  das  zweite  Mal  ist  plötz- 
lich ein  Grund  angeführt:  „ut  in  homines  —  —  castigatio  dei 
voluntate  procedat''. 

Alles  dies  berechtigt  zu  der  Annahme,  daß  in  der  Quelle 
Glück  und  Unglück  unterschiedslos  den  Sternen  zugeschoben 
wurde,  die  eine  ähnliche  Rolle  bei  Posidonius  spielten.  Ygl. 
Sext.  adv.  math.  IX  79  (=  v.  Arnim,  Stoic.  fragm.  II  1013):  xaia 
yuQ  rag  Tijg  oehjvi'jg  av^))oeig  xal  (p&ioeig  nolkä  röjv  te  Imyeicov 
'Qcöcov  xal  daXaooicov  (p'&ivei  rs  y.al  av^erai  [Beispiel  Ebbe  und 
Flut],  cooavrwg  de  xal  xard  rivag  r&v  doregcov  ennokäg  xal 
dvaeig  j^iEraßolal  xov  negiexovrog  xal  TzajLiJzoixdoi  tieqI  rov  dega 
Toojial  ovjiißaivovoiv  (vgl.  ..perturbatur  aer"),  öre  /ikv  im  x6  xgeh- 

rov  6t£  de  loi/uixcTjg  (vgl.  „Ines pestilens  annus"  ^).    Auch 

hier  bei   Posidonius  wird   mit  keinem  Wort  gesagt,    daß   sich 


Grundschrift  wurde  scharf  untei'schieden  zwischen  den  zwei  Ursachen  des 
ministerium  stellarum  und  der  pecata  honiinura. 

*)  Vgl.  hierzu  v.  Arnim,  Stoic.  fragm.  II  685:  si'::tsq  y.al  01  ir  ovQavä> 
dozsQEg  CfJ^ü  ^ioi  Xoyixa  y.al  an^ovdaia. 

^)  Durch  übermäßige  Hitze  (wie  durch  Überschwemmung,  vgl.  VllI 
23'')  wird  die  Fruchtbarkeit  der  Erde  vernichtet.   Weudland,  Philo  S.  7.s. 

*)  Über  Sonne  und  Mond  vgl.  Philo  de  provid.  II  §69-71,  76-80. 
Wendland,  Philo  S.  70f;  Gronau  S.  10.  —  Die  „Sympathie  des  Weltalls", 
an  die  nach  diesen  Theorien  zu  denken  ist  (vgl.  Wendland,  Philo  S.  11 4; 
H.  Greßmann,  Eusebius'  Werke  III  2:  Die  Theophanie,  1904,  S.  39,  3  ff; 
Cumont-Gehrich  S.  197.  202),  war  ein  wichtiger  Beweis  für  die  Wahrheit  der 
Astrologie. 


V?  7,    Analyse  der  zweiten  Disputation.  67 

das  Unglück  ereigne  wogen  der  „peccata  hominum''.  Aller- 
dings stellt  der  interpolierte  Zusatz  der  peccata  hominum  der 
stoischen  Philosophie  nicht  gänzlich  fern^. 

Noch  an  einem  andern  Punkt  sehen  wir.  wie  der  Autor 
die  Grundlinien  seiner  Quelle  zu  ändern  sucht.  Man  sollte 
denken,  daß  die  „ungeordneten''  Dinge  durch  die  vorigen  Aus- 
führungen genügend  erklärt  wären.  Statt  dessen  liest  man: 
„ex  his  quidem  quae  secundum  ordinem  sunt,  oportuit  credi 
esse  providentiam ;  de  his  vero,  quae  contra  ordinem  geruntm*, 
causas  requirere  (sc.  oportet)  ab  his,  qui  eas  per  doctrinam 
propheticam  didicere^'  (c.  47  n). 

Wer  dies  allein  liest,  kann  unmöglich  denken,  daß  die 
..ungeordneten"  Dinge  längst  erklärt  sind.  Vielmehr  scheint 
der  Autor  sie  erst  in  den  folgenden  Kapiteln  erklären  zu  wollen. 
Ganz  dublettenhaft  werden  für  die  ,, ungeordneten"  Dinge 
Gründe  gesucht:  zuerst  schreibt  der  Autor  die  Gründe  seiner 
Quelle  ab  und  bringt  sie  als  sein  geistiges  Eigentum  vor,  später 
zieht  er  es  vor,  jene  Dinge  nach  christlicher  Weise  nicht  aus 
den  Sternen  —  auf  sie  wird  nur  noch  an  einer  Stelle  ange- 
spielt ^  —  sondern  so  zu  erklären:  ,,ex  impietate  hominum  ini- 
tium  mala  ista  sumpsere"  (c.  48  i);  einst  hätten  alle  Menschen 
ein  preiswürdiges  Leben  geführt,  wie  noch  jetzt  die  Chinesen 
(Seres)^.  Den  Grund,  weshalb  die  Menschen  jener  Glückselig- 
keit das  Unglück  vorgezogen  haben,  findet  der  Autor  nicht  in 
den  Sternen,  sondern  in  der  Willensfreiheit;  wo  diese  sei,  gäbe  es 
Böses  und  Gutes.     „Habent  enim singula  quaeque  bona 


^)  Daß  wir  es  mit  einer  Interpolation  des  Autors  zu  tun  haben,  ist 
schon  gezeigt.  Auch  der  Anfang  des  Kapitels  47  i-9  (über  die  Züchtigung 
der  Frommen  und  Gottlosen)  unterbricht  den  Zusammenhang  sehr  unan- 
genehm; er  hängt  aber  eng  zusammen  mit  jenem  interpolierten  Schluß 
des  46.  Kapitels.  Der  moralische  Zweck  einer  solchen  „Züchtigung" 
findet  sich  zwar  auch  in  der  stoischen  Polemik  gegen  Karneades,  vgl. 
Wendland,  Philo  S.  16:  „Die  Auffassung  der  äußeren  Übel  als  Strafe  der 
Gottlosen  wird  als  stoisch  bezeugt"  (v.  Arnim,  Stoic.  fragm.  II  1176),  vgl. 
S.  48  und  Cic.  de  nat.  deor.  III  §  75ff.  Aber  an  unserer  Stelle  ist  gleich- 
wohl, wie  der  Zusammenhang  lehrt,  die  moralische  Spitze  eine  deutliche 
Interpolation  des  Autors. 

'-)  VIII 52  9:  .,Hinc  ergo  est,  quod  cum  ordinatus  astrorum  cursus  fidem 
faciat  manu  artificis  conditum  mundum,  rursum  conturbatio  aeris,  aura 
pestilens,  fulminum  vagi  ignes  provideutiae  opus  refellant''.  Von  einem 
„Sternenglaubeu"  ist  hier  keine  Rede. 

*)  Die  damals  beliebte  Theorie  vom  seligen  Urzustand  stammt  von 
Posidonius.    Schmekel  S.  453. 

5* 


68  Heintze,  Klemensroman, 

contraria  et  coniuncta  sibi  mala,  ut  fecundis  imbribus  grando 
inimica  est,  ut  rori  placido  rubiginis  est  sociata  corruptio  —  — " 
(weitere  Beispiele) ^  „Haec  autem  omnia  posita  sunt  a  deo, 
pro  eo  quod  hominibus  voluntas  arbitrii  a  bonorum  proposito 
discessit  et  declinavit  ad  mala''  (c.  52  ^j. 

Der  ganze  Abschnitt  (c.  47 — 53)  ist  vom  Autor  für  seine 
Erklärung  der  „Unordnung"  auf  merkwürdige  Weise  zusammen- 
gescharrt, so  wenn  er  hier  und  da  wertwolle  Motive  wie  das 
Beispiel  der  Chinesen  und  die  Theorie  der  „contraria"  (c.  ö2^) 
entlehnt.  Und  doch  wäre  es  ein  Irrtum,  alle  diese  (stoischen) 
Einzelmotive  derselben  Quelle  zuzuweisen,  die  der  Autor  vor- 
her in  den  wichtigen  astrologischen  Kapiteln  43 — 46  benutzt. 
Es  handelt  sich  um  ganz  verschiedene  Doktrinen.  Zu  merken 
ist,  daß  der  Autor  das  Vorhandensein  von  „Ordnung"'  und  „Un- 
ordnung" zugibt.  Letztere  -«ird  erklärt  aus  dem  Sternendienst 
(c.  45.  46),  aus  der  die  adgnata  und  contraria  hervorbringenden 
Natur  und  aus  der  menschlichen  Gottlosigkeit.  Die  beiden 
letzten  Erklärungsgründe  (c.  47fF^)  sind  dem  Autor  besonders 
sympathisch,  während  er  das  ministerium  stellarum  über  Er- 
warten schnell  vergißt.  Im  allgemeinen  mahnt  er,  weniger  die 
Unordnung  als  die  Ordnung  anzusehen  (c.  44^.  53^)  2. 

^)  C.  52  12.  Vgl.  Chrysipp  (v.  Arnim,  Stoic.  fragm.  II  1170):  „cum 
multa  —  atque  magna  gigneret  pareretque  (sc.  natura)  aptissima  et  uti- 
lissima,  alia  quoque  simul  adgnata  sunt  incommoda  bis  ipsis, 
quae  faciebat  cohaerentia.  eaque  [neque]  per  naturam  sed  per  sequellas 
quasdam  necessarias  facta  dicit.  quod  ipse  a^ipellat  ^ara  ciaQay.o).ov- 
di]aiv  —  — ;  proinde  morbi  quoque  et  aegritudines  partae  sunt,  dum 
Salus  paritur".  Die  Stoiker  hielten  das  Unglück  für  L-riysrrtjinaTa  zcöv 
osfiväjv  y.ai  y.a/.cör    (M.  Aurel  VI  36).     Wendland,   Philo  S.  71ö;   Chrysipp 

(v.  Arnim,   Stoic.  fragm.  II  1169;:  „ uuUum  adeo  contrarium  est  sine 

contrario  altero".  —  Übrigens  dienen  au  jeuer  Rekognitionenstelle 
Hagel,  Kost,  Stürme,  unfruchtbare  Bäume,  giftige  Pflanzen,  wilde  und 
gefährliche  Tiere  al.s  Beispiele,  die  sich  die  ungebildeten  Menschen  in 
ihrer  Bekämpfung  der  Vorsehung  zunutze  machten  (vgl.  VIII  47  is). 
'Ofiiy_).7]  ÖQooog  verde  oußgo;  yäla^a  /jcör  y.ovota'/J.ov  Jiäyvtj ,  alles  diesem 
wurde  von  Chrysipp  „erklärt"  (v.  Arnim,  Stoic.  fragm.  II  701).  Philo  de 
provid.  II  §87:  ,.Ventorum  violentiae  ad  quid  factae  sunt,   si  vere  omnia 

aguntur  secundum  providentiam? at  grando  ac  nix  quid  eraolumenti 

afferunt  sive  auimalibus  sive  plantis?"'  Mit  diesen  Argumenten  fochten 
besonders  gern  die  Epikureer  (Weudland,  Philo  S.  76 ff).  Auch  unser 
Verfasser  der  Rekoguitionen  kennt  sie,  X  8  *:  ,,non  tibi  videtur  malum  esse 
febris,  inceudium,  seditio "  [viele  Beispiele], 

*)  Denselben  Rat  gibt  Philo  de  provid.  II  §  40:  „Etenim  et  mundum 
ipsum  convenit  laudare  nee  quae  vilia  in  terra  sunt,  attendere  —  —  — , 
sed  caeli  naturam  contemplari  —  —  — ". 


>?  7.   Analyse  der  zweiten  Disputation.  69 

4.  Der  Schluß  der  Disputation.  Die  Disputation  hätte 
nun    ihr    Ende    erreichen    sollen.      Es    wird    auch    richtig    ge- 

.schlossen:    .,hoc  ipsum .    ordo  et  inordinatio,    ah  arti- 

tice  fieri  potest,  a  natura  vero  insensibili  non  potest'"  (c.  54  b)  ^. 
Diesen  Satz  sucht  der  Autor  noch  durch  zwei  seltsame  Bei- 
spiele zu  belegen. 

1 .  Ein  Felsstück,  das  von  einem  hohen  Berg  herunterstürzt, 
schlägt  hart  auf  den  Boden  und  zersplittert  in  tausend  kleine 
Stücke,  aber  niemals  ergibt  die  Gruppierimg  der  Splitter  eine 
vollkommene  und  sinngemäße  Figur  (c.  54  7). 

Aus  diesem  Beispiel  kann  man  unmöglich  folgern,  daß 
,. Ordnung''  und  „Unordnung"  nur  von  einem  artifex,  nicht 
von  der  natura  insensibilis  erzeugt  wird.  Vielmehr  ist  das  Beispiel 
offensichtlich  ein  versprengtes  Stück  aus  der  Polemik  gegen 
Epikurs  Lehre  von  den  ., unvernünftigen"  Atomen.  In  diesem 
Zusammenhang  steht  es  auch  bei  Cicero  2. 

2.  Daß  Ordnung  und  Unordnung  nur  von  einem  artifex 
stammen,  lehrt  nach  der  Meinung  des  Autors  ein  zweites  Bei- 
spiel: ,,si  excidat  e  monte  saxum  artifex necesse  est,  ut 

id    primo    informe    caedat  et   barbarum,    tum    deinde   paulatim 

excudens exprimat  formam  quam  mente  conceperit.    Ita 

ergo  ex  informitate  vel  deformitate  artificis  manu  per- 

venitur  ad  formam,  et  utrumque  ab  artifice  procedit " 

(c.  54 19).  Auch  dies  Beispiel  stimmt  nicht  zu  den  vorher- 
gehenden Ausführungen.  Während  der  Autor  hier  die  „Un- 
ordnung" für  zeitlich  früher  erklärt  als  die  Ordnung,  hat  er 
vorher  die  unbedingte  Glückseligkeit  an  den  Anfang  gestellt 
und  das  Unglück  erst  aus  der  sekundären  menschlichen  Gott- 
losigkeit abgeleitet  (c.  48  1)  ^. 

Beide  Beispiele,  jedenfalls  das  erste,  stammen  aus  der 
Quelle,  zu  der  der  Autor  nach  dem  Exkurs  der  Kapitel  47— 53 
zurückkehrt. 


\i  Auch  das  Unglück  ist  von  Gott  „verordnet"  (posita),  um  die 
Willensfreiheit  zu  ermöglichen.     Vgl.  c.  52^. 

-)  Sein  Beispiel,  daß  die  Buchstaben  des  Alphabets  wirr  durch- 
einander geschüttet  niemals  die  Aanalen  des  Ennius  ergeben  könnten  [de 
nat.  deor.  II  §  93i,  stammt  aus  der  Polemik  des  Poddouius  gegen  Epikur. 
Diels,  Elemeutum  S.  1  ff'. 

')  Das  Beispiel  stammt  wohl  von  einem  Aristoteleskenner,  vgl.  Arist. 
Met.  IX  6.  1048  a  32:  /Jyoust övväuer  olov  Iv  rrö  ^v).(o  'Eg/^?jv.  Bei- 
spiele, in  denen  die  Welt  mit  einem  Kunstwerk  verglichen  wird,  bei 
Wendland,  Ai-ch.  f.  Gesch.  d.  Philo?.  I,  S.  206. 


70  Heintze,  Klemensroman. 

Zum  Schluß  der  Disputation  wird  eine  Erörterung  über 
die  Entstehung  des  Übels  angehängt  (c.  55.  56),  ein  Thema, 
das  der  Autor  besonders  liebte  — 

In  der  Anah^se  der  zweiten  Disputation  sind  wir  zu  folgen- 
dem Resultat  gekommen.  Im  allgemeinen  ist  die  angegebene 
Disposition  gewahrt,  da  die  „wohlgeformten"  Dinge  (I)  in  den 
Kapiteln  41  —43,  die  „ungeordneten"  (II)  in  den  Kapiteln  44—53 
behandelt  werden.  Aus  dem  zweiten  Hauptteil  haben  wir  aus- 
gesondert die  Kapitel  45  und  46  (über  die  Macht  der  Sterne). 
Diese  Art,  die  „Unordnung"  zu  erklären,  wiesen  wir  mit  der 
Erörterung  über  den  Zweck  der  Flöhe.  Mäuse  und  Eidechsen 
(c.  43.  44)  der  Quelle  zu.  wo  sich  zum  Beweis  der  Vorsehung 
Ausführungen  über  die  Ordnung  und  Unordnung  im  Weltall 
fanden.  Wahrscheinlich  stand  auch  der  erste  Dispositionsteil  (I), 
die  „wohlgeformten"  Dinge,  in  der  Quelle. 

§  8.   Analyse  der  dritten  Disputation. 

1.  Willensfreiheit  und  Kampf  ums  Dasein.  Die 
letzte  Disputation  nimmt  das  am  Schluß  des  gestrigen  Tages 
behandelte  Thema  (VIII  55.  56)  wieder  auf.  Es  handelt  sich 
um  die  Frage  nach  dem  Ursprung  des  Übels.  Dem  Autor  liegt 
viel  an  der  Rettung  der  Willensfreiheit,  die  er  durch  ein  Bei- 
spiel illustriert.  Bekannt  sei  die  soziale  Ungleichheit  der  Men- 
schen, da  es  Könige.  Fürsten,  Herren.  Pädagogen.  Juristen, 
Mathematiker  und  viele  andere  gäbe.  Diese  Ungleichheit  er- 
kläre sich  aus  dem  Kampf  ums  Dasein,  in  dem  jeder  genötigt 
ist,  sich  einen  eigenen  Beruf  zu  suchen:  „cibi  enim  et  potus 
atque  indumenti  gratia  singulas  quasque  artes  (d.  h.  die  eben 
angeführten)  expetere  edocemur;  —  —  etenim  artes  cogente 
cibi  ac  potus  voluptate  discuntur  et  exercentur;  quae  voluptas, 
cum  accesserit  veritatis  agnitio,  infirmior  efficitur  succedente 
parsimonia.  Quantus  enim  sumptus  est  aqua  et  pane  utentibus 
et  hunc  a  deo  sperantibus?"  (c.  6  7.  -ji). 

Den  letzten  Satz  („quantus  —  sperantibus")  hat  Usener  in 
seine  Epikurea  aufgenommen  fEpic.  357,  10).  Aber  die  ganze 
Erörterung  ist  philosophischer  Herkunft,  wie  die  überraschend 

^)  Dieselbe  Frage  wird  aufgeworfen  Cic.  de  nat.  deor.  III  §  7S :  ^ 

si  homines  rationem  bono  oonsilio  a  diis  imraortalibiis  datam  in  fraudem 
malitiamque  converterunt,  non  dari  illam  quam  dari  humano  generi  melius 
fuit".     Vgl.  V.  Arnim,  Stoic.  fragm.  II  1000  über  die  Willensfreiheit. 


S  8.   Analyse  der  dritten  Disiiutation.  71 

verstandcsinällisi-o  Ableitung  der  lierufsgliederung  aus  dem 
Hunger  und  Dur.st  der  Menschen  lelirt.  So  weit  wäre  auch 
iiHcs  klar  und  einfach,  wenn  nicht  der  Autor  mitten  in  das 
6.  Kapitel  seine  Lieblingstheorie  von  der  Willensfreiheit  hinein- 
getragen hätte:  „hie  iam  uniuscuiusque  mentis  propositum  decla- 
ratur,  utrum  necessitatem  famis  et  frigoris  per  furta  et  homi- 
cidia  ac  periuria  sarciatperque  alia  huiusmodi  scelera,  an  iustitiam, 
misericordiam  continentiamque  custodiens  artis  studio  et  manu- 
um  labore  imminentis  necessitatis  expleat  ministerium"   (c.  6  .i). 

Hier  kann  man  deutlich  beobachten,  wie  Dubletten  ent- 
stehen. Die  „necessitas  famis  et  frigoris"  ist  vorher  die  Wurzel 
der  menschlichen  Ungleichheit,  jetzt  ist  sie,  ebenso  wie  die 
Willensfreiheit,  die  Wurzel  guter  und  böser  Handlungen.  Der 
Autor  sucht  den  Betrug  zu  verhüllen,  indem  er  sagt,"  jene 
necessitas  zwinge  die  Menschen,  entweder  Diebstahl  oder  Raub- 
mord zu  begehen  oder  „artis  studio  et  manuum  labore"  der 
drohenden  Not  Herr  zu  werden.  Als  ob  Mörder  und  Diebe 
keine  Könige.  Fürsten,  Herren,  Pädagogen  usw.  sein  könnten 
oder  alle,  die  jene  Berufe  ausüben,  die  Tugenden  der  iustitia 
und  continentia  besäßen! 

Natürlich  liegt  hier,  wie  schon  die  Dublette  zeigt,  eine 
Quelle  zugrunde,  die  der  Autor  entstellt  hat. 

2.  Die  Gesetze  der  Länder.  Nachdem  die  eben  be- 
sprochenen Kapitel  ö — 7  mit  den  vorhergehenden,  die  von  der 
Willensfreiheit  handelten,  in  wenig  vorteilhafter  Weise  ver- 
bunden sind,  wird  dasselbe  Thema  vom  Guten  und  Bösen  (oder 
den  bösen  Dämonen),  zwischen  denen  der  Mensch  wählen  kann, 
bis  zum  16.  Kapitel  fortgesponnen.  In  der  Willensentscheidung 
spielt  eine  große  Rolle  die  Furcht  vor  den  Gesetzen,  die 
dem  Menschen  verbieten.  Böses  zu  tun. 

Demgegenüber  bemerkt  Faustus  —  sein  Gegner  ist  hier 
Klemens  — ,  nicht  einmal  Gesetze  könnten  uns  vom  Bösen  zu- 
rückhalten, wenn  das  Horoskop  es  befiehlt.  Zum  Beweis  zählt 
er  im  17.  Kapitel  einige  Schemata  auf,  besonders  solche,  die 
böse  Handlungen  wie  Ehebruch,  Mord  und  ähnliche  Verbrechen 
befehlen^.  Gleichwohl  gelingt  es  dem  Alten  nicht,  Klemens 
zu  überzeugen.  Dieser  sucht  vielmehr  zu  zeigen,  daß  es  keine 
Genesis  gäbe  und  sogar  gegen  die  vermeintliche  Genesis  die 
menschlichen  Begierden  nicht  nur  aus  Furcht  vor  Gott,  sondern 

^)  Zu  dem  17.  Kap.  vgl.  oben  S.  13. 


72  Heintze,  Klemensroman. 

auch  aus  Furcht  vor  den  Menschen  in  Schranken  gehalten 
würden  'c.  18  Ende). 

Wir  wollen  sehen,  mit  welchen  Beispielen  Klemens,  d.  h. 
der  Autor,  seine  Behauptung  belegt,  daß  die  Menschen  aus 
Furcht  vor  den  menschlichen  Gesetzen  ihre  Begierden 
mäßigen. 

Zuerst  beweisen  dies  die  Chinesen  (Seres),  die,  obwohl 
sicherlich  auch  bei  ihnen  eine  Konstellation  von  Yenus  und 
Mars  vorkommt,  sich  dennoch  des  Ehebruchs  und  ähnlicher 
Vergehungen  enthalten.  „Est  apud  Seres  legum  metus  vehe- 
raentior  quam  genesis  constellatio"  (c.  19). 

Dies  Zeugnis  kann  die  These  des  Klemens  nur  stützen. 
Das  zweiteJBeispiel  betrifft  die  Bragmanen,  welche,  überall 
von  verbrecherischen  Yölkern  umgeben,  selbst  „weder  Mord 
noch  Ehebruch  begehen,  sondern  Gott  stets  fürchten"  (c.  20  s). 
Sie  zwingt  ebenso  wie  die  Chinesen  die  Furcht  vorm  Gesetz, 
verbrecherische  Handlungen  zu  meiden.  Auch  dies  Beispiel  ist 
geeignet,  die  Behauptung  des  Klemens  zu  erhärten. 

Ganz  anders  steht  es  dagegen  mit  den  folgenden  Beispielen. 
Die  Gesetze  der  übrigen  Yölker  veranlassen  diese  nicht  etwa, 
Böses  zu  fliehen  und  Gott  zu  fürchten,  sondern  zwingen  sie  zu 
den  schwersten  Yerbrechen.  So  erzählt  Klemens,  daß  die  Inder 
ihre  Gefangenen  opfern  und  verzehren,  die  Perser  ihre  Mütter, 
Schwestern  und  Töchter  ehelichen,  und  er  wird  nicht  müde, 
die  verschiedensten  Yölker  aufzuzählen,  bei  denen  verpönte 
Yerbrechen  gang  und  gäbe  sind. 

So  ereignet  sich  das  Wunderbare,  daß  die  These  des  Kle- 
mens, man  könne  auch  aus  Furcht  vor  den  menschlischen  Ge- 
setzen der  impugnatio  daemonum  und  den  Begierden  wider- 
stehen, durch  diese  Beispiele  geradezu  widerlegt  wird^ 

Fragt  man,  warum  sich  der  Autor  nicht  begnügt,  das  Bei- 
spiel der  Chinesen  und  Bragmanen  anzuführen,  so  ist  nicht  zu 
vergessen,  daß  ihm  vor  allem  daran  lag,  die  Genesis  zu  wider- 
legen. Yon  der  Genesis,  zu  der  sich  Faustus  am  Meeresstrande 
bekannt  hatte,  waren  die  ganzen  Disputationen  ausgegangen. 
Da  war  es  für  den  Autor  das  einfachste,  sich  die  wirksamen 
Argumente  des  Karneades  gegen  den  Fatalismus  zu  nutze  zu 
machen 2.    In  der  Tat  ist  es  ihm  kaum  an  einer  anderen  Stelle 


^)  Diese  Beobac-htuug  machten  schon  Merx  und  A.  Hilgenfeld,  13arde- 
sanes  der  letzte  Gnostiker,  .Jena  1864,  S.  147  f.  -)  S.  unten  §  10,  5. 


!?  8.    Analyse  der  dritten  Disputation.  73 

gelungen,  den  Gegner  so  gründlich  zu  widerlegen,  obwohl  er 
diese  Argumente  in  überarbeiteter  Form  benutzte,  wie  aul.ier 
anderen  Anzeichen  besonders  das  2b.  Kapitel  lehrt,  das  beginnt: 
..addam  [l)  adhuc  rem,  quae  possit  etiam  valdc  incredulis  satis- 
facere".,  d.  h.  er  will  noch  die  jüdische  Beschneidung  hinzu- 
fügen, der  sich  alle  Juden,  wo  sie  auch  wohnen  mögen,  unbe- 
hindert durch  irgendwelchen  Einfluß  der  Sterne  unterwerfen. 
Dies  Beispiel  hatte  sich  Karneades  noch  nicht  ausgedacht,  aber 
gleichwohl  ist  es  genau  so  passend  wie  das  der  Magusäer  (der 
persischen  Magier),  die  fern  von  ihrer  Heimat  überall  in  der 
Welt  Blutschande  begehen;  auch  sie  vermag  keine  Genesis 
daran  zu  hindern  (c.  27). 

Die  zwei  letzten  Beispiele  sind  scharfsinnige  Argumente 
gegen  die  sogenannten  , .Klimata"  der  Astrologen,  welche  gegen- 
über der  Polemik  des  Karneades  behaupteten,  es  gäbe  bestimmte 
Erdstriche,  die  ein  und  derselben  Konstellation  unterworfen 
wären.     (Genaueres  s.  unten  §  10,  5)  ^ 

Bis  zum  2S.  Kapitel  bietet  die  Argumentation  also  keinen 
Anstoß,  vielmehr  besteht  vom  19.  bis  zum  2S.  Kapitel  ein 
einheitlicher  Zusammenhang. 

3.  Das  29.  Kapitel.  Im  29.  Kapitel  geben  die  Christen 
ein  ähnliches  Beispiel  ab  wie  vorher  die  Juden.  Der  Autor 
beginnt:  „Quin  immo  et  maiorem  fidem  rerum  praesentium 
dabo'' 2.  Alles  was  vorgeht  (c.  19  —  28,  auch  das  28.  Kapitel) 
gehört  einer  älteren  Überlieferung  an  als  das  29.  Kapitel.  Tho- 
mas hat  nämlich  von  den  Parthern  geschrieben:  ,,non  multi 
iam  erga  plurima  matrimonia  diffunduntur''  (c.  29  9).  Wir  emp- 
finden hier  einen  lästigen  Widerspruch,  denn  kurz  vorher  ist 
gesagt:  „in  Parthia  multae  mulieres  unum  habent  virum" 
(c.  24  2).  —  Der  Autor  versichert  ,,neque  (sc.  iam)  Persae  matrum 
coniugiis  aut  filiarum  incestis  matrimoniis  delectantur"  (c.  29  11), 

während  man  vorher  liest:  „est mos  apud  Persas  matres 

accipere  in  coniugium  et  sorores  et  filias"  (c.  20  14).  —  Der 
Autor  versichert:  „nee  (sc.  iam)  mulieres  Susides  licita   ducunt 


>)  Schon  Philo,  de  provid.  I  §  84  wendet  das  Argument  der  jüdischen 
Beschueidung  gegen  die  Astrologie,  aber  Philo  kämpft  noch  nicht  gegen 
die  astrologischen  ,,climata":  „gerade  die  charakteristische  Wendung  in 
den  christlichen  Quellen,  daß  die  Juden  in  den  verschiedenen  Ländern 
ihren  Glauben  bewahren,  fehlt".  Boll,  Studien  über  Claudius  Ptolemäus 
(Fleckeisens  Jahrbücher  f.  klass.  Philol.    Suppl.  XXI,  1894),  S.  186. 

-)  Vgl.  c.  48i:  „addam". 


74  Heiutze.  Klemens^romau. 

adulteria''  (c.  29  12),  aber  vorher  heißt  es:  ,,Porro  vero  in  Susis 

mulieres (nee)  tarnen   pudicitiam  colimt,   sed  indifferens 

eis  cum  quibuscumque  voluerint  usus  est  et  servis  et  hospi- 
tibus"  (c.  23  1).  —  Besonders  deutlich  wird  der  Zeitunterschied 
in  dem  folgenden  Beispiel:  „nee  multi  (sc.  iam)  apud  Medos 
canibus  obiciunt  mortuos  suos''  (c,  29  10),  womit  c.  25  1  zu  ver- 
g'leichen  ist:  „Ex  omni  orbe  terrarum  Medi  tantummodo  summa 
observantia  adhuc  spirantes  homines  canibus  devorandos  abi- 
ciunt".  Abgesehen  von  der  Zeitfrage  hat  unser  Autor  an  dieser 
Stelle  (c.  29  10)  fraglos  seine  Vorlage  verändert.  Er  behauptet 
nämlich,  daß  die  Meder  den  Hunden  ihre  „Toten"  vorwerfen, 
während  vorher  gesagt  ist.  daß  die  Meder  die  „adhuc  spirantes" 
(jovg  vEXQoug  hi  ejujTvtovTag  Euseb.  pr.  ev.  Yl  10.  32  :>  Gaisf.), 
die  noch  lebenden  Menschen  den  Hunden  vorwerfen  ^ 

Wer  nicht  alle  literarhistorischen  Prinzipien  zum  alten  Eisen 
werfen  will,  muß  gestehen,  daß  das  29.  Kapitel  deutliche  Spuren 
einer  jüngeren  Zeit  trägt  als  die  vorhergehenden  Kapitel  19 
bis  28.  Kap.  25  12  wird  mit  nackten  Worten  gesagt:  ,,ex  qui- 
bus  Omnibus  apparet,  quia  raetus  legum  in  unaquaque  regione 
dominatur",  und  in  sämtlichen  Beispielen  ist  stets  die  Form  des 
Präsens  gesetzt,  so  daß  die  ganze  Argumentation  lahm  gelegt 
wird,  wenn  im  29.  Kapitel  fast  notorisch  das  Gegenteil  von  dem 
Yorhergehenden  behauptet  wird.  Auf  keinen  Fall  kann  also 
Kap.  29   von  demselben  Yerfasser  herrühren  wie  Kap.  19 — 28. 

Die  Annahme,  daß  der  Yerfasser  der  Grundschrift  das 
29.  Kapitel  hinzufügte,  läßt  sich  auch  anders  wahrscheinlich 
machen.     Es  handelt  sich  um  einen  ähnlichen  Beweis,   wie   er 

^)  Eusebius  VI  10.  46  i  hat  dieselbe  Änderung  wie  die  Rekognitionen: 
Ol  SV  Mifdi'a  y.voi  7Tuoaßä?./.ovoi  lovg  rexgovg.  Nehmen  wir  an,  daß  Eusebius 
—  durch  eine  Zwischenquelle  —  von  der  Grundschrift  abhängig  ist  (unten 
§10,6),  so  ergibt  sich,  daß  der  Autor  der  Gruudschrift  vorher  (c.  25 1) 
seine  Quelle  abschreibt,  während  er  sie  später  (c.  29  10)  verändert  oder  ver- 
bessert. Wer  hier  faktisch  Recht  hat,  die  Quelle  oder  unser  Autor,  ist 
für  unsere  Zwecke  gleichgültig.  Lebende  Menschen,  Greise  oder  Kranke, 
werden  bei  den  ßaktrern  und  Kaspiern,  tote  bei  den  Hyrkanern  den 
Hunden  vorgeworfen  (Strabo  XI  11.  3.  8.,  Euseb.  pr.  ev.  I  4.  7  10).  Über  Be- 
gräbnissitteu  vgl.  Ed.  Meyer,  Gesch.  d.  Altertums  *  I  1  S.  32  A.  Für  unsern 
Zweck  i^t  am  wichtigsten  die  Beobachtung,  daß  der  Autor  an  der  zweiten 
Stelle  (c.  29  lo)  seine  Quelle  verändert  hat.  —  Die  Rekognitionenstelle  ist 
in  dem  §  10,  6  zitierten  Werk  von  Haase  in  Nr.  11  behandelt,  aber  unter 
Verkennung  des  Textes,  der  einen  guten  Sinu  gibt.  Der  „zweite  grobe 
Verstoß"  ist,  wie  Cäsarius  lehrt,  imaginär  und  trifft  bei  ruhigem  Nach- 
denken nicht  einmal  Rufin. 


§  8.   Analyse  der  dritten  Disputation.  75 

vorher  mit  lieziehimg  auf  die  Juden  geführt  ist:  aus  allen 
A^ölkorschaftcn  seien  Menschen  nach  Judäa  geströmt,  um  die 
christliche  Taufe  zu  empfangen;  Jiach  ihrer  Rückkehr  in  die 
Heimat  hätten  sie  aufgehört  sich  in  derselben  Weise  wie  ihre 
Stammesbrüder  zu  versündigen:  also  habe  die  „astrologische 
Geographie"'  keine  Macht  über  diese  bekehrten  Christen  ge- 
^vinnen  können. 

Otfensichtlich  stammt  dies  Beispiel  von  demselben  Manne, 
der  vorher  behauptet  hat,  man  könne  auch  aus  Furcht  vor  den 
menschlichen  Gesetzen  den  „Begierden  Widerstand  leisten'- 
(vgl.  c.  IS*^).  Das  war  ja  gerade  die  These  des  Klemens,  die 
der  Autor  so  überraschend  schnell  preisgab.  Hier  im  29.  Ka- 
pitel nimmt  er  seinen  Lieblingsgedanken  wieder  auf,  ein  Be- 
weis, daß  das  Kapitel  sein  ureigenstes  Eigentum  ist^. 

Demnach  liegt  uns  in  den  Kapiteln  19 — 28  die  Quelle  des 
Verfassers  der  Grundschrift  vor,  deren  Argumentation  er  durch 
das  angehängte  29.  Kapitel  in  ihrer  Wirkung  schwer  beein- 
trächtigt. Da  in  dieser  Quelle  am  Schluß  mit  emphatischem 
Nachdruck  die  jüdische  Beschneidung  als  ein  Beweis  aufgeführt 
wird,  der  auch  dem  ,,allerungläubigsten''  einleuchten  muß,  so 
ist  es  wahrscheinlich,  daß  w^r  es  mit  einer  jüdischen  Quelle 
zu  tun  haben  2. 

Die  Schlußkapitel  der  Disputation  oO  und  31  besagen,  daß 
eine  Genesis  wegen  der  göttlichen  Gerechtigkeit  unmoralisch 
sein  würde.  —  Faustus  gesteht  endlich  den  wahren  Grund,  wes- 
halb er  sich  zum  Fatalismus  bekennt,  erzählt  die  Schicksale 
seiner  Gattin  Mattidia  und  führt  so  selbst  die  Wiedererkennung 
der  ganzen  Familie  herbei.  — 

Abgesehen  von  jener  ,. jüdischen"  Quelle  (c.  19  — 2S)  und 
den  Kapiteln  5  —  7  über  die  menschliche  Ungleichheit  lassen  sich 
keine  andern  Vorlagen  nachweisen.    Überschlagen  wir  jetzt  alle 

^)  Die  Annahme,  daß  erst  die  Rekognitionen  es  hinzugefügt  hätten, 
ist  wegen  des  Eusebiuszitates  schwerlich  haltbar. 

-)  In  dieser  Beziehung  ist  der  Unterschied  zwischen  dem  Autor 
der  Grundschrift  und  seiner  Quelle  interessant.  In  demselben  28.  Kapitel, 
das  zur  Quelle  gehört,  heißt  es,  daß  auf  dem  ganzen  Erdkreis  allein  die 
Juden  die  Beschneidung  kennen  (c.  28  '.0.  Unser  Autor  macht  dagegen  im 
53.  Kapitel  des  VIII.  Buches  darauf  aufmerksam,  daß  die  arabischen 
Völker  und  viele  andere  die  jüdische  Beschneidung  nachgeahmt  haben. 
Denn  oben  8.  67 f  ist  gezeigt,  daß  jenes  .53.  Kapitel  mit  dem  ganzen  zweiten 
Teil  der  zweiten  Disputation  (d.  h.  den  Kapiteln  47  —  53)  Eigentum  des 
Autors  der  Grundschrift  ist. 


I 


76  Heintze,  Klemensroman. 

drei  Disputationen,  so  muß  man  gestehen,  daß  der  Autor  in 
der  Benutzung  seiner  Quellen  häufig  ungeschickt  verfährt,  wenig 
Sachkunde  verrät  und  sich  schwerlich  jemals  ernsteren  philo- 
sophischen Studien  hingegeben  hat.  Bevor  aber  diese  Frage 
entschieden  wird,  bedarf  es  einer  Untersuchung,  woher  die  der 
Quelle  zugewiesenen  Partien  stammen. 

§  9.    Eine  genieinsanie  Quelle  der  Rekognitionen 
und  Ciceros. 

1.  Yergleichung  Ciceros  und  der  Rekognitionen. 
Wir  haben  oben  S.  57  ff  eine  besondere  Quelle  ausgeschieden, 
in  der  die  schöne  Ordnung  des  Makro-  und  Mikrokosmos  als 
der  hervorragendste  Beweis  für  die  Vorsehung  angeführt  wurde. 
Zu  nicht  minderem  Ruhme  war  schon  lange  vorher  die  Yor- 
sehung  bei  den  Stoikern  gelangt,  wie  die  späteren  uns  erhaltenen 
Autoren  bezeugen.  Für  uns  ist  der  wichtigste  Gewährsmann 
Cicero,  dessen  zweites  Buch  der  Schrift  ,,de  natura  deorum'' 
einer  genaueren  Yergleichung  mit  dem  entsprechenden  Ab- 
schnitt der  Rekognitionen  unterworfen  werden  soll^. 

Der  Stoiker  Baibus  teilt  seine  Untersuchung  folgendermaßen 
ein.  Zuerst  beweist  er  die  Existenz  der  Götter  (II  §  4 — 44), 
dann  ihre  Beschaffenheit  (§  45 — 72),  drittens  ihre  Regierung  des 
Weltalls  (§  73 — 153).  viertens  ihre  Fürsorge  für  die  Menschen 
(§  154-167). 

Zum   ersten  Abschnitt  führt  Cicero   vier  Gründe   des  Kle- 

anthes  auf  und  sagt  speziell  von  dem  vierten:  „quartam 

esse,  eamque  vel  maximam,  aequabilitatem  motus  conversionum- 
que  caeli:  solis.  lunae  siderumque  omnium  distinctionem,  utili- 
tatem,  pulchritudinem,  ordinem  (§  \ö)^. 

Zu  derselben  Argumentation  des  Kleanthes^  gehört  §  17, 
wo  sich  der  seitdem  so  gebräuchliche  Yergleich  des  Weltalls 
mit  einem  schönen  Gebäude  findet*. 


')  Cicero  de  natura  deorum  ed.  Plasberg.  —  Daß  hier  eine  gemein- 
same Quelle  vorliegt,  hat  zuerst  Wendland  bemerkt. 

-)  Vgl.  Aet.  Plac.  I  6,  2:  y.a'/.dg  de  6  xöaiiog.  dijlov  de  ix  zov  o)f>'lfiaTog 
y.al  rov  /oojuarog  xal  lov  /ueyedovg  y.ai  trjg  .T£ot  zov  HÖofiov  zwv  dazegoiv 
.-loixi/.iag.  ^)  Schmekel,  Philos.  d.  mittl.  Stoa.  S.  89. 

*)  Beispiele  bei  Wendlaiid,  Philo  S.  10  i;  Derselbe.  Arch.  f.  Gesch. 
d.  Philos.  I  206.  —  Anders  steht  es  mit  der  Stelle  im  Anfang  unseres  Ro- 
mans (a  18). 


§  9.  Eine  gemeinsame  Quelle  der  Rekognitionen  und  Ciceros.  77 

Cicero  de  nat.  deor.  II  Kec.  VIII 

§  17    ,,An    vero,    si    domum  C.  20  is  ,,Quis  enim  est  exigui 

magnam    pulcliramque  videris,  saltem  sensus  liomo,    qui  cum 

uon  possis   adduci,   ut  etiamsi  cernat  domum  omnia  quao  ad 

dominum  non  videas,   muribus  usus  neccssaria  sunt  habentem, 

illam    et   mustelis    aedificatam  cuius  cameram  in  sphaerae  gy- 

})utes — :  tantum  ergo  ornatum  rum  videat  collectam.  eamque 

mundi,  tantam  varietatom  pul-  vario  splendore  et  diversis  ima- 

chritudinemque    rerum    caele-  ginibus   depictam,  luminaribus 

stium.    tantam   vim   et  magni-  praecipuis  et  maximis  adorna- 

tudinem  maris  atque  terrarimi  tarn;  quis  inquam  est,  qui  hu- 

si  tuum  ac  non  deorum  immor-  iusmodi   fabricam   videns,  non 

talium  domicilium  putes,  nonne  statim  pronuntiet,   a  sapientis- 

plane  desipere  videare?"'  simo    et    potentissimo    artifice 

esse  constructam?    Et  ita  quis 
invenitur  insipiens .'• 

Cicero  ist  hier  etwas  kürzer,  weil  er  später  noch  reichliche 
Gelegenheit  zu  solchen  Argumenten  hat.  An  derselben  Stelle 
wundern  sich  beide  Autoren,  wie  durch  den  Umlauf  der  Sonne 
die  vier  Jahreszeiten  stets  in  derselben  Reihenfolge  wieder- 
kehren können,  ferner  wie  wunderbar  auch  der  Lauf  der 
Sterne  ist: 

Cicero  Rec. 

§  1 9   ,. —  —  (Possentne)  —  C.  22  3  „Quis  —  —  unicui- 

una    totius    caeli     conversione  que  (sc.  astrorum)  teuere  caeli 

cursus  astrorum   dispares   con-  ambitum  dedit?'" 
servari?"    (Vgl.  II  g  97.) 

Derselbe  Gedanke  ist  nur  in  verschiedene  Worte  gekleidet. 
Alles,  was  wir  hier  bei  Cicero  lesen,  stammt  ursprünglich  von 
Kleanthes  und  fand  sich  zu  Beginn  von  Posidonius'  Buch 
Tisgl  d^eojv  ^. 

Hierauf  absolviert  Cicero  den  ersten  und  zweiten  Teil 
seiner  Disposition  und  beeilt  sich  nun,  den  Beweis  für  die 
göttliche  ,,Yorsehung"  anzutreten. 

Cicero  Rec. 

§  75  ,.Dico  igitur  Providentia*         C.  6  i6  ,.Ego  dico  Providentia 
deorum     mundura     et     omnes      dei  gubernari  mundum'".  denn 


1)  Schmekei  S.  90  ff. 


78 


Heiutze.  Klemensronian. 


mundi  partes  et  initio  consti-  die  Vorsehung  ist  ,, generalis 
tutas  esse  et  omni  tempore  ad-  omnium  et  specialis  partium  — 
ministrari."  — ,  quasi  et  ab  initio  omnia  fe- 

cerit  deus  et  usque   ad  finem 

per  singulos  quosque  providen- 

tiam  gerat"  (c.  1 1  n)  ^ 

Bei  Cicero  zerfällt  die  Untersuchung  wieder  in  drei  Teile 

(vgl.  §  75j,    die    Rekognitionen    dagegen    vernachlässigen    die 

beiden  ersten  Teile  und  gehen  gleich  zum  dritten  über,  .,quae 

ducitur  ex  admiratione  rerum  caelestium  atque  terrestrium". 

Nach   dem  Vergleich    der  Welt   mit   einem    kunstvoll   ge- 
bauten Hause  sinnt  unser  Autor  darüber  nach,   wie   die  Welt- 
kugel  ohne   einen  Stützpunkt   oder  Fundament   sich    selbst  im 
Gleichgewicht  halten  kann. 
Cicero 

§  115  ..nihil  maius,  quam 
quod  ita  stabilis  est  mundus 
atque  ita  cohaeret,  ad  perma- 
nendum  ut  nihil  ne  excogitari 
quidem  possit  aptius.  Omnes 
enim  partes  eins  undique  me- 
dium locum  capessentes  nitun- 
tur  aequaliter ." 

§  116  ,,Quocirca,  si  mundus 
globosus  est  ob  eamque  causam 
omnes  eius  partes  undique  ae- 
quabiles,  ipsae  per  se  atque  inter 
se  continentur,  contingere  idem 
terrae  necesse  est,  ut  omnibus 
eius  partibus  in  medium  vergen- 
tibus  (id  autem  medium  infimum 
insphaeraest)  nihil  interrumpat, 
quo  labefactari  possit  tanta  con- 
tentio  gravitatis  et  ponderum." 

^)  Diese  ,, dritte"  Definition  ist  als  echt  stoisch  oben  S.  57  2  mit  dem 
folgenden  ausführlichen  Lob  der  Vorsehung  verbunden,  vgl.  S.  58. 

^)  Vgl.  Basilius  Hexahem.  I  c.  lOB  von  der  Erde:  'Qg  äga  öiä  z6  ri/r 
fjiiorjv  rov  Tiavzög  sihjCfivai  y_woav ,  xal  Siä  zip>  i'ojv  TidvzodEv  -too?  zo  äxyov 
oTiöozaoiv,  ovx  i'xovaav  ojiov  (.mXXov  äjioxhdfj ,  ävayxaicoi;  ftiveiv  iq)^  eavzf'jg, 
ddvvazov  avzfj  jiavzElüig  zrjv  e^ti  zi  QOJirjv  zi}g  ijxavzayodev  :z£oixeifiEvrjg  Of^ioiö- 
z})zog  i/iijioiovorjg  (Gronau  S.  37  ff).  Bei  Basilius  wird  über  die  Lage  der 
Erde  dasselbe  gelehrt  wie  bei  Cicero  und  unsenn  Autor,  vgl.  Pasquali  S.  204. 


Rec.  - 
C.  21  3  .,Ponunt  enim  sphae- 
ram  aequaliter  ex  omni  parte 
collectam  et  ad  omnia  similiter 
respicientem  atque  a  centro  ter- 
rae aequis  spatiis  distinctam, 
ipsaque  sui  aequalitate  ita  sta- 
bilem, ut  eam  in  nullam  par- 
tem  declinare  undique  aequa- 
litas  collecta  permittat;  et  ita 
a  nullo  fulcimento  subvecta  su- 
stentatur  sphaera.  Quod  si  vere 
hanc  habeat  similitudinem  mundi 
machina,  evidens  est  opus  in  ea 
divinum." 


§  9.  Fline  gemeinsame  Quelle  der  Rekognitionen  und  Ciceros.  79 


Es  folgt  in  den  Rekognitionen  das  22.  Kapitel,  das,  wie 
oben  S.  77  gezeigt  wurde,  zweifellos  aus  Kleanthes  oder  viel- 
mehr dem  Jiucli  des  Posidonius  stammt. 

Dann  geht  der  Autor  über  zur  Beschreibung  der  Atmo- 
sphäre .und  widmet  Wind  und  Regen  ein  Kapitel  (c.  23),  das 
nach  der  Schilderung  des  ätherumspannenden  Weltalls  ic.  22: 
caelestia'i  und  vor  der  darauf  folgenden  Betrachtung  der  Erde 
sehr  wohl  am  Platze  ist  (vgl.  oben  S.  59).  Gleichwohl  findet 
sich  ein  ähnlicher  Passus  bei  Cicero,  der  im  Disponieren  nicht 
allzu  gewissenhaft  ist,  an  dieser  Stelle  noch  nicht  (vgl.  später 
§  101).  Aber  sobald  er  sich  der  Erdbeschreibung  zuwendet, 
liefert  er  gute  Parallelen  zu  den  Rekognitionen  (c.  24 ff). 
Cicero  Rcc. 

§  9S  (terra)  „vestita  floribus 
herbis  arboribus  frugibus,  quo- 
rum  omnium  incredibilis  multi- 
tudo  insatiabili  varietate  di- 
stinguitur. 

Adde  huc  fontium  gelidas 
perennitates 


saxorum  asperitates,  impen- 
dentium     montium     altitudines 


C.  33  s  I  in  Wirklichkeit  c.  25, 
s.  oben  S.  59]  „Haec  testatur 
et  arborura  varietas  herbarum- 
que  diversitas,  tarn  specie  variata 
quam  succis." 

C.  24  1  ,,Quid  de  fontibus  di- 
cemus  et  fluviis,  qui  perenni  in 
mare  fluunt  meatu.'" 

C.  23  :j  ,,nam  quod  in  terra 
montes  excelsi  certis  quibusque 
habentur  in  locis ." 


Auf  die  Bäume  und  Kräuter  folgen  bei  beiden  Autoren 
die  Tiere  (Cic.  §  99  os  Rec.  c.  25^),  nur  wird  bei  Cicero  die 
^lannigfaltigkeit  der  Arten,  in  den  Rekognitionen  die  der 
Zeugung  beschrieben.  Schon  jetzt  wird  niemand  daran  zweifeln, 
daß  Cicero  und  den  Rekognitionen  eine  gemeinsame  Quelle  zu- 
grunde liegt.  Möglicherweise  fanden  sich  in  dieser  gemeinsamen 
Quelle  Ausführungen  über  die  Mannigfaltigkeit  der  tierischen 
Arten  und  ihrer  Zeugung,  so  daß  der  eine  Autor  die  Arten, 
der  andere  die  Zeugung  herausgriff.  Was  die  tierische  Zeugung 
betrifft,  so  kommt  uns  als  ein  wichtiger  Gewährsmann  Sextus 
Empiricus  zu  Hilfe. 


Sextus  P. H.  I 

§  41  TiEQi  juev  oi'v  rag  yeve- 
oetg,  öxL  Tcöv  ^comv  rä  juev  ^coglg 
ui^ecog  yivexai  xä  d'  ey.  ov/xtiXo- 
y.rjg.    xal  xcov  jLih  ^coolg  ui^ecog 


Rec. 

C.  25  12  „mutato  ordine  genus 

servare  iussit  (sc.  Providentia) 

in  terris,  verbi  gratia  ut  per  os 

conciperet    corvus    —  —    mu- 


gO  Heintze,  Klemensroman. 

yivo/uevcov  rä  juev  ex  JivQog  yive-  stela   —    gallinae — 

xai  (bg  rä  sv  ratg  xa/uivoig  cpai-  lepores  et  hyaenae 

vo/ueva   'Qo)V(pia,  tu  d'  e$  vöarog 

(f&eiQOjuevov    cbg    xcovcojieg,    xä  —  — 

(5'  £|  oivov  roejio/Lievov  (bg  oxvT-  —  — — 

Tieg — 

rä  (5'  EX  yfjg  ^  alia   etiam   ex   terra    orirentur 

atque    inde    sumerent   carnem, 

ut  talpae 
rä  d'  £|  l?,vog  cbg  ßärgayoi,  rä 
d'  ix  ßogßÖQOv  (hg  oxo'jlrjxeg,  rä 

6'  ei  övcov   (sc.  ßogßÖQov)    cbg  alia  ex  fimo  boum  ut  scarabaei 

xdvdagoi,  rä  d'  ex  Xayävojv  cbg  alia    ex    herbis.    ut    de    ocimo 

xdjxnai,  rä  ö'  ex  xaoTicov  cbg  oi  scorpius 
ex  rcöv  igirecöv  i^'fjveg 

rä  d'  ex   L,c6o)v   o^Tio/iievojv  cog  alia  ex  putrefactis  carnibus,  ut 

/xeliGoai     ravQcov     xai    ocpfjxeg  vespae    quidem    equinis,    apes 

ijijicov.  autem  bubulis. 

Die  wenigen  Zeilen  zeigen  mit  Evidenz,  daß  Sextus  und 
den  Rekognitionen  dieselbe  Quelle  zugrunde  liegt.  Ab\\'eicliungen 
entstehen,  wenn  Sextus  aus  seinen  eigenen  Studien  verbessert 
und  neues  Material  bringt  oder  wenn  die  Grundschrift  und  viel- 
leicht der  Verfasser  der  Rekognitionen  sich  ^N^achlässigkeiten 
zu  schulden  kommen  lassen.  Die  ganze  Komposition  dieses 
Passus  wie  der  mehrfach  gleiche  Wortlaut  zwingen  zur  Annahme 
einer  gemeinsamen  Quelle.  Natürlich  ist  es  dieselbe  wie  die 
aus  Cicero  und  den  Rekognitionen  wiedergewonnene.  Wir  wissen 
auch,  daß  gerade  Sextus  Posidonius"  Buch  ttsoI  ßeow  sehr  gut 
kennt  2.  Ebenso  haben  wir  vorher  aus  den  Kapiteln  20^  und  22 
der  Rekognitionen  geschlossen,  daß  ihre  und  Ciceros  gemein- 
same Quelle  Posidonius  war.  Demnach  standen  wirklich  bei 
Posidonius  Ausführungen  sowohl  über  die  Mannigfaltigkeit  der 
tierischen  Arten  (Cic.  II  §  99)  wie  auch  der  Zeugung  (Rec.  VIII 
25^  Oi  Sextus  P.  H.  I  §  41). 


*)  An  dieser  Stelle  konstatierte  Fabricius  eine  Lücke  und  fügte  hinzu: 
CO?  fivg  (vgl.  die  Ausgabe  von  Mutscliraann  S.  14,  23).  Die  Rekognitionen 
lehren,  daß  anders  zu  ergänzen  ist,  aber  bei  der  Unsicherheit  des  Textes 
ist  mit  Konjekturen  nicht  viel  geholfen. 

*)  Den  Beweis  liefert  aus  dem  9.  Buch  adv.  math.  Schmekel  S.  85  ff. 
Früher  schon  Wendland,  Arch.  f.  Gesch.  d.  Philos.,  S.  205  f. 


§9.  Eine  gemeinsame  Quelle  der  Rekognitionen  und  Ciceros. 


81 


Im  folgenden  Abschnitt  bewegt  sich  Cicero  wieder  sehr 
ungeniert.  Konsequent  geht  er  zur  Beschreibung  des  Menschen 
über,  ebenso  wie  die  Rekognitionen  nacli  Absolvierung  der 
Bäume,  Kräuter  und  Tiere  (c.  28  ff). 

Cicero  beginnt:  „Quid  iam  de  hominum  genere  dicam?" 
(§  99'').  Aber  diese  Verheißung  täuscht,  da  er  zunächst  nur 
einiges  bringt,  was  unter  das  später  (§  15t ff)  zu  behandelnde 
Kapitel  von  der  menschlischen  Geschicklichkeit  fällt.  Dann 
kehrt  er  wieder  zur  ätherischen  Region  zurück  und  verweilt 
längere  Zeit  bei  der  Betrachtung  der  Sterne  (§  102 — 119)^ 
Endlich  knüpft  er  wieder  an  die  Disposition  an,  die  in  den  Re- 
kognitionen unverändert  geblieben  ist,  und  läßt  seinen  Baibus 

sagen :.,Age,  uta  caelestibus  rebus  ad  terrestres  veniamus " 

(§  120j.  Hier  finden  wir  eben  dieselbe  Ordnung  wie  vorher, 
nach  der  zuerst  von  den  Pflanzen  '$  120),  dann  von  den  Tieren 
(§  121  — 130)  gesprochen  wird. 

Cicero 

§  127  ,,Ut  vero  perpetuus 
mundi  esset  ornatus,  magna  ad- 
hibita  cura  est  a  Providentia 
deorum,  ut  semper  essent  et 
bestiarum  genera  et  arborum 
omniumque  rerum,  quae  a  terra 
stirpibus  continerentur.  Quae 
quidem  omnia  eam  vim  seminis 
habent  in  se 

§  128  Quid  loquar,  quanta 
ratio  in  bestiis  ad  perpetuam 
«onservationem  earum  generis 
appareat?  !N^am  primum  aliae 
mares.  aliae  feminae  sunt,  quod 
perpetuitatis  causa  machinata 
natura  est  —  — ;   —  —  quod 

^)  Vorher  ^§  101)  berichtet  er  noch  über  die  Entstehung  der  Winde. 
Nach  dem  23.  Kapitel  der  Rekognitionen  entstehen  die  Winde  aus  der 
durch  die  Erhebungen  des  Hochgebirges  zusammengepreßten  und  -ge- 
drängten Luft,  während  nach  Cicero  die  Winde  in  der  Meeresluft  ent- 
stehen (mit  Cic.  vgl.  Aet.  III  7,  3).  —  §  131  redet  Cicero  von  den  Passat- 
wiuden,  „quorum  flatu  nimii  temperantur  calores-'.  Milderung  der  Hitze 
durch  die  Winde  und  ihre  Förderung  des  Wachstums  preist  auch  unser 
Autor  als  ein  Werk  der  Vorsehung  (c.  23  ö). 

T.  u.  U.  '14  :  Heintze.  ß 


Rec. 
C.  25  2  ,,]!^onne  per  providen- 
tiam  factum  est,  ut  cum  senecta 
temporis  resolverentur.  virgulta 
quidem  vel  planus  vel  semini- 
bus  quae  ipsa  dederint.  ani- 
malia  vero  per  progeniem  re- 
parentur?"' 


C.  25  s  ..Gignuntur  autem  non 
solum  mares,  sed  et  feminae. 
ut  ex  uti'oque  possit  rursus  con- 
stare  posteritas." 


82  Heintze,  Klemeusroraan. 

(sc.  animal)  cum  ex  utero  elap-  C.  25  0  „Et  mira  quadam  dis- 

sum  excidit.  in  is  animantibus.  pensatione  providentiae   nasci- 

quae  lacte  aluntur,  omnis  fere  turo  pecori  lac  praeparatur  in 

cibus  matrum  lactescere  incipit,  uberibus,   ac   statim  ut  natura 

eaque,    quae   paulo   ante  nata  fuerit,   nullo  docente  seit,   ubi 

sunt,  sine  magistro  duce  natura  alimoniae   suae    horrea    requi- 

mammas     adpetunt    earumque  rat.'' 
ubertate  saturantur. 

Atque  ut  intelleganius  nihil  ho-  C.  25  9  „Sed  ne,  ut  putant  he- 
rum esse  fortuitum  et  haec  mines,  viderentur  haec  naturae  * 
orania  esse  opera  providae  sol-  quodam  ordine  et  non  dispen- 
lertisque  naturae:  satione  fieri  conditoris; 

quae  multiplices   fetus  procre- mutato  ordine  genus  ser- 

ant,  ut  sues  ut  canes,  is  mam-  vare  iussit   fsc.  Providentia)  in 

marum  data  est  multitudo:  quas      terris '■  [es  folgen  die  ver- 

easdem  paucas  habent  eae  be-  schiedenen  Arten  der  Zeugung^ 

stiae  quae  pauca  gignunt/'  bei  Raben,   Wieseln  usw.     S. 

oben  S.  79f]. 

Dies  Beispiel  bezeichnet  einen  typischen  Fall,  da  beide 
Autoren  anfangs  in  dem  Beweis,  daß  die  Mannigfaltigkeit  der 
Zeugung  bzw.  der  Arten  eine  „vernünftige"  ist,  übereinstimmen^ 
am  Schluß  dagegen  wieder  auseinandergehen  2. 

Nachdem  Cicero  §  130  an  wenig  geeigneter  Stelle  die  Flüsse 
beschrieben  hat  (od  Rec.  VIII  24),  geht  er  endhch  über  zur  Be- 
trachtimg des  Menschen  ('§  134).  Die  Untersuchung  zerfällt 
wieder  in  drei  Teile,  ,,cum  tribus  rebus  animantium  vita  teneatur., 
cibo,  potione.  spiritu'",  aber  Speise  und  Trank  werden  zusammen 
abgehandelt  an  einer  Stelle,  wo  die  Beschreibung  der  Verdau- 
ung Platz  gefunden  hat, 

^)  Bei  unserm  Autor  ist  (im  Gegensatz  zu  den  Stoikeru)  die  „Natur"^ 
unvernünftig. 

^)  Im  26.  und  27.  Kapitel  der  Rekognitionen  wird  die  wunderbare 
EJraft  des  Wassers  beschrieben.  Wenn  man  nämlich  in  einen  Topf  voll 
Erde  Sämereien  sät  und  daraus  Pflanzen ,  Kräuter  und  dergl.  entstehen, 
so  bleibt  das  Gewicht  der  Erde  immer  dasselbe,  während  die  jungen 
Pflanzen,  um  wachsen  zu  können,  stets  das  ganze  hineingegossene  Wasser 
aufsaugen  müssen  (c.  27  8).  Vgl.  Sextus  P.  H.  I  §53:  wojieq  to  vScoq  ev  xal 
fioroEiÖEg  draSidoiiievov  elg  to.  äerdga  öjiov  /nev  yiverai  ({Aoiög ,  o:tov  de  xXddog 
ojtov  Ss  xaQJtog  xal  ySrj  ovy.ov  y.al  ijoid  xal  rtöv  ä/.).oiv  exaarov.  Vielleicht 
stammt  dies  aus  der  Lektüre  des  Hippon  von  Rhegion  (über  ihn  Zeller'  I  1 
S.  255).  —  Wie  sympathisch  unserm  christlichen  Autor  dieser  Preis  des 
Wassers  der  Taufe  wegen  war,  sieht  man  aus  Kap.  9  9  des  VI.  Buches. 


§  9.  Eine  gemeinsame  Quelle  der  Rekognitionen  und  Ciceros. 


83 


Cicero 

§  134  „ail  haec  omnia  perci- 
pienda  (sc.  cihum,  potioneni, 
spiritum)  os  est  aptissimiiin. 
Quoil  «.diunctis  naribus  spiritii 
augetur ; 

dentibus  autem  in  ore  construc- 
tis  mandatur  atque  ab  is  ex- 
tenuatur  et  mollitiir  cibus.  Eo- 
rum  adversi  acuti  morsu  divi- 
dunt  escas,  Intimi  autem  con- 
ficiunt,  qui  gemini  vocantur; 
quae  confectio  etiam  a  lingua 
adiuvari  videtur,  Linguam  autem 
ad  radices  eius  haerens  excipit 
stomachus,  quo  priraum  inla- 
buntur   ea   quae    accepta   sunt 

ore. Atque  is  agitatione 

et  motibus  linguae  cum  depul- 
sum  et  quasi  detrusum  cibum 
accepit,  depellit." 

vj  136  ..Est  autem  (sc.  alvus) 
multiplex  et  tortuosa  arcetque 
et  continet,  sive  illud  aridum 
est  sive  humidum,  quod  recepit, 
ut  id  mutari  et  concoqui  possit 


§  I  36  ,.In  pulmonibus  autem 
inest  raritas  quaedam  et  ad- 
similis  spongiis  mollitudo  ad 
hauriendum  spiritum  apässima, 
qui  tum  se  contraliunt  adspi- 
rantes  tum  in  respirando  dila- 
tantur,  ut  frequenter  ducatur 
cibus  animalis,  quo  maxime 
aluntur  animantes." 


Rec. 

C.  30  1  .,Sed  et  nares,  com- 
meandi  flatus  et  reddendi  ac 
recipiendi  gratia  factae  sunt, 
ut  innovatione  spiritus ." 

C.  29  u  „ipsi  vero  dentes  alii 
ut  incidant  et  dividant  cibos  et 
interioribus  tradant,  interiores 
vero,  ut  in  modum  molae  con- 
ficiant  et  comminuant,  quo  op- 
portunius  stomacho  traditi  co- 
quantur .•' 

[c.  29  13  ..lingua illisa 

dentibus".] 


C.  31  1  ,,Quae  (sc.  intestina) 
idcirco  longis  nexibus  in  circu- 
lorum  ordinata  sunt  modum,  ut 
susceptas   digestiones    ciborum 

paulatim  egerant .    Mem- 

branae  autem  in  modum  idcirco 
factae  sunt,  ut  ex  ipsis  ea  quae 
extrinsecus  sunt,  humorem  sen- 
sim  suscipiant."" 

C.  30  4  ,,qui  (sc.  pulmo)  pec- 
tori  inhaerere  datus  est,  ut 
mollitie  sui  palpet  et  foveat 
cordis  vigorem  [vgl.  Cic.  §  1 36 
,,pulmones  autem  et  cor  ex- 
trinscecus  spiritum  adducant"], 
in  quo  videtur  vita  consistere, 
vita  dico,  non  anima^." 


^)  Der  Autor  scheint  daran  Anstoß  genommen   zu   haben,    daß    die 

6* 


84 


Heintze.  Klemensroman. 


Cicero 
§  137    ,,Ex   intestinis   autem 
alvo  secretus  a  reliquo  cibo  su- 
cus  is  quo  alimiir  permanat  ad 
iecur " 


Rec. 
C.  30  9  .,totam   humani   cor- 
poris terram  vitalibus  rigat  flu- 
entis  i^sc.  sanguis),  iecoris  opere 
ministratus,  quod  ad  efficaciam 
digestionis    ciborum    atque    in 
sanguinem     mutandorum  ^     in 
dextero  latere  iacet. 
„ab   eo  cibo   cum    est   secreta         In  sinistro  vero  splenis  est  lo- 
bilis  eique  umores  qui  e  reni-      cus,  qui  trahere  ad  se  et  pur- 
bus  profunduntur,  reliqua  se  in      gare  quodammodo  sordes  san- 
sanguinem  vertunt  ad  easdem-      guinis  possit." 
que    portas    iecoris    confiuunt. 
ad  quas  omnes   eins   (sc.  san- 
guinis) viae  pertinent." 

Dann  gibt  Cicero  noch  einige  Erläuterungen,  wie  das  aus 
den  Speisen  verwandelte  Blut  zum  Herzen  strömt,  von  wo  es 
in  alle  Körperteile  dringt.  Dies  alles  zu  beschreiben  hat  wohl 
schon  der  Autor  der  Grundschrift  für  überflüssig  gehalten,  dessen 
Darstellung  überhaupt  ohne  den  dürftigen  Kommentar,  den  Cicero 
uns  an  die  Hand  gibt,    kaum  richtig  verstanden  werden  kann. 

Im  138.  Paragraphen  geht  Cicero  seinem  Versprechen  ge- 
mäß kurz  auf  die  „Atmung"  ein;  dann  wendet  er  sich  der  Er- 
örterung der  Zweckmäßigkeit  des  Knochenbaus,  der  Muskeln 
und  Sinnesorgane  zu  (§  139 — 150).  Hier  finden  sich  wieder 
deutliche  Spuren  der  gemeinsamen  Quelle. 
Cicero 
i?  139  ,,Quid  dicam  de  ossi- 
bus,  quae  subiecta  corpori  mi- 
rabiles  commissuras  habent  et 
ad  Stabilitäten!  aptas  et  ad  artus 
finiendos  adcommodatas  et  ad 
motum  et  ad  omnem  corporis 
actionem." 

Auch  in  der  Beschreibung  der  Sinnesorgane  verschmäht 
Cicero  jede  ordnungsgemäße  Disposition.     Beispielsweise  redet 

durch  die  Lungen  eingeatmete  Luft  dasselbe  sei  wie  die  ..Seele"  (auima).  — 
Bemerkenswert  ist  der  Dilettantismus,  mit  dem  bei  beiden  Autoren  mitten 
in  der  Erläuterung  der  Verdauung  von  den  Atmungsorganen  gesprochen  wird. 
*)  Bei  Cicero  wird  der  Stoffwechsel  genauer  beschrieben. 


Rec. 
C.  29 1  „Et  vide  in  hoc  arti- 
ficis  opus,  quomodo  ossa  velut 
columnas  quasdam,  quibus  caro 
sustentetur  ac  portetur,  inser- 
vit." 


\ 


§  9.  Eine  gemeinsame  Quelle  der  Rekognitionen  und  Ciceros. 


85 


Rec. 
C.  29  9  „oculi.  ut 
visibus  serviant.  su- 
perciliomm  excubiis 
custoditi .'' 


er   von   den  Augen  an   drei   verschiedenen  Stellen  (§  14(1.   142. 
145): 

Cicero 
^140  „Nara  oculi  tamquam  speculatores 
altissinium  locum  optinent,  ex  quo  plurima 
conspicientes  fungantur  suo  munere"; 
(§  142).  §  143  „latent  (sc.  oculi)  praeterea 
utiliter  et  excelsis  undique  partibus  saepi- 
untur.  Primum  enim  superiora  superciliis 
obducta  sudorem  a  capite  et  fronte  de- 
fluentem  repellunt .'' 

In  den  Rekognitionen  (vielleicht  schon  in  der  Grundschrift) 
erkennt  man  deutlich  die  Tätigkeit  des  Epitomators,  der  das 
„ut  visibus  serviant"  (<v;  ,,tamquam  speculatores",  Cic.)  treu 
vs^iedergibt,  dann  aber  nicht  fortfährt:  „altissimum  locum  opti- 
nent" (Cic),  sondern  zur  Beschreibung  der  Augenbrauen  über- 
springt. Aber  natürlich  bewachen  diese  die  Augen  nicht,  wie 
es  in  den  Rekognitionen  heißt,  damit  die  Augen  besser  sehen, 
sondern  um  den  Schweiß  von  ihnen  fernzuhalten  (Cic). 

Ferner  legt  Cicero  besonderen  Wert  auf  die  weitblickende 
Vorsorge,  mit  der  die  Sinnesorgane  oben  am  Kopf  angebracht 
sind.  In  den  Rekognitionen  fehlt  dieser  Gedanke,  aber  daß  er 
in  der  Vorlage  stand,  lehrt  schon  das  obige  Beispiel  der  Augen. 
Umgekehrt  schweigt  Cicero  von  der  Körperstruktur,  die  da- 
durch merkwürdig  ist,  daß  ein  Auge  dem  andern,  ein  Ohr  dem 
andern,  die  ganze  rechte  Seite  der  linken  auf  das  genaueste 
entspricht  (Rec.  VIII  c.  29  .s-s). 


Cicero 
§  144  ,. extra  autem  eminent  —  aures 
— .  ne  adiectae  voces  laberentur  atque  er- 
rarent,  prius  quam  sensus  ab  iis  pulsus 
esset.  Sed  duros  et  quasi  corneolos  habent 
introitus  multisque  cum  flexibus,  quod  his 
naturis  relatus  amplificatur  sonus": 


§  149  „in  ore  sita  lingua  est  finita  den- 
tibus;  ea  vocem  immoderate  profusam 
fingit  et  terminat  atque  sonos  vocis  distinc- 


Rec. 
C.  29 10  „aures  ad 
audiendum  ita  for- 
matae,  ut  cymbalo 
similes  suscepti  verbi 
repercussum  soni- 
tum  altius  reddant 
et  usque  ad  sensum 
cordis  amittant." 

C.  29  13  „lingua 
autem  ad  loquen- 
dum  illisa   dentibus 


86  Heintze,  Klemensroman. 

tos  et  pressos   efficit,   cum   et   dentes  et      plectri   reddat    offi- 
alias  partes  pellit  oris.    Itaque  plectri  si-      cium." 
milem  linguam  nostri  solent  dicere,  chor- 
daeum  dentes.   nares  cornibus  is.    qui  ad 
nervös  resonant  in  cantibus.'" 

Auch  hier  kann  man  die  Rekognitionen  nur  verstehen,  wenn 
man  Cicero  hinzunimmt. 

Cicero  Rec. 

§  1 50  ..Quam  vero  C.  29  3  ,.tum   deinde  aequalis  ex  uti-a- 

aptas  quamque  mul-  que  parte,  id  est  dextera  ac  laeva,  men- 
tarum  artium  mini-  sura  servitur,  ut  congruat  pes  pedi  et 
stras  manus  natura  manus  manui,  digiti  quoque  digitis.  ut  sin- 
homini  dedit!'"  guli  ad  singulos  tota  aequalitate   concor- 

dent"  (vgl.  oben  S.  85). 

An  der  letzten  Stelle  fließen  wieder  die  Rekognitionen 
reichlicher,  aber  beide  Autoren  wenden,  wie  so  häufig,  ein  und 
denselben  Gedanken  nach  verschiedenen  Seiten.  Beispielsweise 
reden  hier  die  Rekognitionen  von  der  wunderbaren  Entsprechung 
der  äußeren  Form  der  Einzelglieder,  während  Cicero  zu  zeigen 
sucht,  wie  geeignet  Hände  und  Finger  zu  praktischer  Arbeit 
sind.  — 

Wer  wie  wir  aus  dem  Buche  Ciceros  die  Paragraphen  17.  19. 
75—150  mit  den  Kapiteln  11  n-f,  20  is  — 33  des  IX.  Buches  der 
Rekognitionen  vergleicht,  wird  stets  auf  eine  gemeinsame  Quelle 
der  beiden  Autoren  geführt  werden.  So  verlangt  es  die  ganze 
Komposition  wie  der  im  einzelnen  gleiche  Wortlaut.  Ebenso 
wer  sich  mit  Schmekel  überzeugt  hat,  daß  die  aus  Kleanthes 
stammenden  Paragraphen  17  und  19  von  Cicero  Posidonius' 
Buche  .Tfoi  -deon'  entnommen  sind,  muß  zugestehen,  daß  in  den 
Rekognitionen  nicht  nur  die  Kapitel  20^.  22  (33^),  sondern  der 
ganze  von  der  Vorsehung  handelnde  Abschnitt  (c.  20i8  — 33)  auf 
Posidonius  als  Quelle  zurückzuführen  ist. 

2.  Das  Lob  der  Vorsehung  in  den  Homilien.  Bei 
einem  Vergleich  Ciceros  und  der  Rekognitionen  fällt  auf,  daß 
in  den  letzteren  mit  keinem  Worte  der  göttlichen  Fürsorge  für 
die  Menschen  gedacht  wird.  Cicero  dagegen  widmet  diesem 
Thema  im  Anschluß  an  die  eben  behandelten  Fragen  eine  breite 
Auseinandersetzung   und   läßt   seinen  Baibus   mit  warmer   Be- 

*)  Vgl.  Rec.  c.  29  8:  „Manus  quidein  ut  operi  commodae  siut." 


§9.  Eine  gemeinsame  Quelle  der  Rekognitionen  und  Cicer  OS.  87 

geisterung    das    Lob    der    meiischlisohen    Geschicklichkeit    ver- 
kündigen, die  die  Götter  geschenkt  haben. 

Obvvohl  nun  dieser  Preis  der  göttlichen  Fürsorge  für  die 
Menschen  in  unserm  Roman  speziell  für  die  Bekehrung  des 
Faustus  ein  sehr  fruchtbares  Motiv  abgegeben  hätte,  so  lassen 
sich  diesbezügliche  Spuren  in  den  Rekognitionen  durchaus  nicht 
nachweisen. 

Merkwüi-digerweise  hören  wir  an  einer  ganz  anders  ge- 
arteten Stelle  der  Homilicn^  Petrus  das  Lob  der  götthchen 
Yorsehung  in  derselben  Weise  verkündigen  wie  in  den  Reko- 
gnitionen und  bei  Cicero:  die  Bewunderung  der  Sterne,  des 
Meeres,  der  Luft.  Erde,  Tiere,  Pflanzen,  Berge  und  Flüsse,  der 
ätherischen  und  atmosphärischen  Region  ist  der  beste  Beweis 
für  die  göttliche  Vorsehung  (}/ 32  7— 35);  die  ganze  Welt  ist 
aber  von  Gott  geschaffen  um  der  Menschen  willen,  die  durch 
ihre  wunderbare  Geschicklichkeit  die  ganze  Xatur  sich  dienstbar 
gemacht  haben  (c.  36). 

Beim  ersten  Zusehen  postuliert  der  Leser  eine  gemeinsame 
Quelle  für  die  Homilien,  die  Grundschrift  und  für  Cicero.  Ver- 
gleicht man  aber  genauer  die  Kapitel  32  —  36  der  Homilien  [die 
Wunder  des  Weltalls]  mit  den  Ausführungen  der  Rekognitionen 
(=  Grundschrift)  und  Ciceros,  die  wir  aus  gevNdchtigen  Gründen 
Posidonius  zuwiesen,  so  sieht  man,  daß  die  Ähnlichkeit  nur  im 
Stoff  liegt,  der  von  Posidonius  (=  Cicero  —  Grundschriftj  doch 
in  wesentlich  anderer  Weise  verarbeitet  wurde  als  vom  Homi- 
listen-.  Auf  keinen  Fall  kann  man  den  Homilisten  einfach  von 
Posidonius  abhängig  machen. 

ZSun  ist  oben  gesagt,  daß  merkwürdigerweise  in  den  Re- 
kognitionen der  Preis  der  menschlichen  Geschicklichkeit,  der 
bei  Cicero  den  letzten  Teil  des  Buches  ausmacht,  mit  Still- 
schweigen übergangen  ist.  Dieselbe  menschliche  Geschicklichkeit 
scheint  dem  Homilisten  eines  freilich  kurzen  Lobes  würdig  zu 
sein,  zumal  sich  hieran  die  göttliche  Fürsorge  für  die  Menschen 
•demonstrieren  läßt  (c.  36).  Hier  begegnen  in  der  Tat  einige 
frappante  Übereinstimmungen  zwischen  Cicero  und  den  Homilien, 
aber  man   muß  sehr  stark   mit  der  Mösrlichkeit  rechnen. 


')  Petrus  hält  vor  der  ersten  Simondisputation  eine  Predigt  an  das 
Tolk.  7  30—37. 

-)  Vgl.  z.  B.  Cicero  II  §  91  ^  y  32  9  (über  die  Luft);  Cicero  II  §  98 
OS  7  32  8  (über  die  Erde);  Cicero  II  §  98  os  y  34  26  (über  die  Höblen);  Cicero 
II  §  101  OS  /  35  37  (über  die  Wolken). 


88 


Heintze.  Klemensroman. 


dies  damals  weit  verbreitete  Gemeinplätze  waren.  Schon  So- 
phokles kommt  in  seinem  berühmten  Chorlied  der  Antigone 
dieser  Sphäre  sehr  nahe.  Seine  Verse  sind  in  der  folgenden 
Übersicht  angemerkt  und  lehren,  daß  der  Homilist  nicht  weniger 
mit  ihm  als  mit  Cicero  übereinstimmt^. 

Hom.  ;' 
C.  36    ävdgcoTiog,    og   oorpiav 
£l'h](pev  (Ant.  365)  yrjv  yecogysTv 
(Ant.  338) 

dd/MOGav  nXelv,  o/jd-eiv  (Ant.  334 ) 
vrjxrä  mrjvä  di]Qia  dygeveiv 
(Ant.  342) 


yfjv  f^iexalleveiv 

äoTQcov  dgöjiiov  loyioxevEiv 


vofiovg   rdooeiv,    dixdCeiv    (Ant. 

354.  369) 

vöoovg    q)agjLiaxsiaig    jieigdodai 

Ttaveiv  (Ant.  363) 

oi    ydg    öjußgoi    xagncbv   evexa 

yivovrai,  Iva  ävdgconog  jiiera- 

Pidßf] 

y.al  ^wa  xgacffi  öncog  ävdgcbnco 
Xgi]oijuevi]  (Ant.  351). 


Cicero  de  uat.  deor.  II 

§  151    .,agri    multa    efferunt 

manu  quaesita " 

I  über  die  Schiffahrt  vgl.  §  1 52]. 

§  151  „vescimm*  bestiis  et 
terrenis  et  aquatilibus  et  volan- 
tibus  partim  capiendo   (partim 

alendo) ^ 

nos  aeris  argenti  auri  venas  pe- 
nitus  abditas  invenimus ."" 

§  153  „soll ex  animan- 

tibus  nos  astrorum  ortus  obitus 
cursusque  cognovimus"'  (vgL 
§  155). 

§  154  „soli rationeuten- 

tes  iure  ac  lege  vivunt." 


§  156  „Terra  vero  feta  fru- 
gibus  et  vario   leguminum  ge- 

nere ea  ferarumne  an  ho- 

minum  causa  gignere  videtur?" 

[Der  Nutzen  der  Tiere  wird 
§  158 ff  in  einer  bunten  Reihe 
von  Bildern  vor  Augen  geführt.] 

')  Selbstverständlich  darf  man  Sophokles  gegenüber  nicht  vergessen, 
daß  bei  ihm  die  „menschliche  Geschicklichkeit"  nicht  unmittelbar  in  Be- 
ziehung zu  der  (rein  stoischen)  göttlichen  Vorsehung  gesetzt  wird.  Gleich- 
wohl überrascht  es,  so  weitgehende  Parallelen  zu  finden,  und  man  wird 
unsere  Skepsis  in  der  Annahme  einer  gemeinsamen  Quelle  für  Cicero  =  Po- 
sidonius  und  den  Homilisteu  an  dieser  Stelle  berechtigt  finden.  Vgl.  auch 
Plato,  Protag.  321  Dff  und  E.  Bruhn  in  seiner  Ausgabe  der  Antigone  (Berlin, 
Weidmann)  zu  v.  332  £F.  Interessant  ist  auch  ein  Vergleich  mit  dem  alt- 
hochdeutschen Merigarto  (Braune,  Althochd.  Lesebuch  XXXXl  1).  ^)  Bei 
Sophokles  findet  sich  die  Reihenfolge  Vögel,  wilde  Tiere  und  Fische. 


t;  9.  Kine  gemeinsame  Quelle  der  Rekognitionen  und  Ciceros.  89 

Zweifellos  besteht  eine  große  Ähnlichkeit  zwischen  dem 
Homilisten  und  Cicero,  aber  das  Beispiel  des  Sophokles  ver- 
bietet es,  allzu  voreilige  Schlüsse  zu  ziehen  und  in  diesen 
wenigen  Zeilen  des  Iloniilisten  die  Frucht  der  Lektüre  von 
Posidpnius'  Buch  negl  {)fx~)r  zu  wittern,  das  wir  oben  in  einer 
ungleich  genaueren  und  weitergehenden  Übereinstimmung  der 
Rekognitionen  und  Ciceros  wiedererkannt  haben. 

Übrigens  ist  kein  Zweifel,  daU  die  betreffenden  Kapitel  an 
dieser  Stelle  vom  Homilisten  zur  Grundschrift  hinzugefügt 
sind  ^  Aus  dem  grundschriftlichen  Traktat  „über  die  Vorsehung" 
(->;  Rec.  YIII  20i8 — 33)  können  sie  nicht  stammen,  denn  die 
menschliche  Greschicklichkeit,  von  der  dort  jede  Spur  fehlt, 
findet  in  den  Homilien  reiches  Lob-.  Wenn  nun  bei  einem 
80  ähnlichen  oder  besser  demselben  Thema  abgesehen  vom  Lob 
der  menschlichen  Geschicklichkeit  (y  36)  keine  einzige  wört- 
liche Übereinstimmung  des  Homilisten  und  des  Posidonius  (Cic, 
und  Rec.)  begegnet  und  speziell  in  den  Homilien  wichtige  Punkte 
vermißt  werden^,  so  ist  es  immer  noch  das  geratenste,  für  diese 
Kapitel  der  Homilien  einen  eigenen  Ursprung  anzunehmen.  Nur 
so  erklärt  es  sich,  daß  die  Homilien  bisweilen  mit  Cicero,  aber 
fast  nie  mit  den  Rekognitionen  übereinstimmen*.  AVir  lernen 
also  höchstens,  daß  die  stoische  (posidonianische)  göttliche  Vor- 
sehung zu  dieser  Zeit  ein  in  den  Predigten  beliebter  Gemein- 
platz war  ^. 

*)  Vgl.  Rec.  II  20—22.  Die  Kapitel  der  Homilien  verraten  sich  als 
Interpolation  durch  den  ungeschickten  Übergang  von  der  Predigt  zur 
ersten  Simondisputation  (c.  36 — 38). 

-)  Es  ist  auch  unwahrscheinlich,  daß  ein  für  den  Wiedererkennungs- 
roman  so  wichtiger  Abschnitt  vom  Rekognitionenautor  bis  auf  die  letzte 
Spur  getilgt  worden  sei.     S.  unten  §  10,  4. 

')  So  besonders  die  Beschreibung  der  Körperstruktur,  die  Cicero  als 
Überleitung  von  der  Schilderung  des  Weltalls  zu  der  menschlichen  „Ge- 
schicklichkeit" benutzt;  ferner  fehlt  das  Argument  für  die  Vorsehung,  daß 
die  vernünftige  Welt  nur  für  die  vernünftigen  Menschen  geschaffen  sein 
könne  (Cic.  II  §  156ff). 

■*)  Bisher  ist  auch  m.  W.  die  Ähnlichkeit  des  Lobes  der  Vorsehung 
in  den  Homilien  (7  30  ff )  und  den  Rekognitionen  (VIII  20  ff)  den  Forschern 
entgangen. 

5)  [Wie  Herr  Professor  Wen dland  mir  mitteilt,  läßt  sich  schon  seit 
dem  Ausgang  des  1.  Jhd,  ein  Einfluß  der  stoischen  Theologie  auf  die  christ- 
liche nachweisen,  z.  B.  ist  dies  der  Fall  in  dem  ersten  Klemensbrief  (Wend- 
land, Die  hellenistisch-römische  Kultur  2,  Tübingen  1912.  Register  s.  v.  Theo- 
dizee).  Auch  alte  christliche  Gebete  zeigen  Berührungen  mit  stoischen  Lehren 
(Wendland,  Xachr.  d.  K.  Ges.  d.  Wiss.    Göttingen.,  phil.-hist.  Klasse,   1910, 


90  Heiutze,  Klemeusroniau. 


§  10.   Die  Zwischenquelle  zwischen  Posidonius  und  der 
Grundschrift. 

l.  Das  doxographisclie  Kapitel  YIII  15.  Wir  kehren 
zurück  zu  dem  zwischen  Cicero  und  den  Rekognitionen  (der 
Grundschrift)  herrschenden  literarischen  Yerhältnis.  Bei  der 
hohen  Wahrscheinlichkeit,  daß  das  ganze  zweite  Buch  Ciceros 
aus  Posidonius  stammt^,  könnte  man  von  einer  Yergleichung 
der  noch  übrigen  Rekognitionenkapitel  mit  Cicero  allerlei  Förder- 
liches erwarten.  Aber  diese  Hoffnung  täuscht,  vielmehr  kommen 
wir  zu  demselben  Resultat  wie  oben  S.  60 f,  daß  die  von  der 
„Vorsehung"  handelnden  Kapitel  20i8  — 33  einen  in  sich  ge- 
schlossenen Abschnitt  bilden;  denn  diese  Kapitel,  aber  nur  sie 
allein,  lassen  sich  aus  Posidonius  ableiten.  Daß  mit  der  Er- 
örterung über  die  „Yorsehung"  in  unserm  Roman  die  über  das 
„Weltall"  (c.  10  — 20i8)  eng  verbunden  scheint,  darf  nicht  irre 
machen.  Beide,  „Vorsehung"  und  „Weltall",  müssen  verschie- 
dener Herkunft  sein. 

Hierfür  gibt  es  noch  einen  besonderen  Beweis.  Mitten  in 
den  Ausführungen  über  das  , .Weltall"  steht  das  15.  Kapitel, 
dessen  Quelle  schon  Diels  (Doxographi  Graeci,  Berlin  1879, 
S.  250 f)  aufgeklärt  hat'^.  Es  handelt  sich  hier  um  einen  Pliilo- 
sophenkatalog,  der  mit  geringen  Abweichungen  in  den  Reko- 
gnitionen (Vni  15),  in  [Galens]  historia  philosopha  (c.  18  Diels) 
und  in  Sextus'  Pyrrhonischen  Skizzen  (Ilt  §  30)  wiederkehrt. 
Alle  drei  Autoren  schöpfen  aus  derselben  Quelle.  Zu  ihnen 
gesellt  sich  als  vierter  nach  der  Beobachtung  von  Pasquali  der 
Scholiast  zu  Basilius"  Hexahemeros,  der  von  den  Rekognitionen 
an  keinem  Punkte  abweicht.  Das  ist  wichtig,  da  Diels  sich 
sehr  sarkastisch  über  die  philosophischen  Kapazitäten  des  Autors 
der  Rekognitionen  (der  Grundschrift)  geäußert  hat.    In  der  Tat 

S.  330if).  Gelehrte  Christen  kennen  und  benutzen  Posidonius.  Für  Eusebius 
beweist  dies  Greßmann  S.  XXIV— XXVII,  für  Basilius'  Hexahemeros  Gro- 
nau a.  a.  0.  Auch  in  Origenes'  Theologie  wird  sich  ein  Zusammenhang  mit 
Posidonius  beweisen  lassen.  Allen  voran  ging  in  der  Wertschätzung  des 
Posidonius  der  Jude  Philo  (Wendlaud  a.  a.  0.) — .] 

*)  Schwenke,  Fleckeiseus  Jahrbücher  f.  klass.  Philol.  119,  S.  140; 
Weudland,  Arch.  f.  Gesch.  d.  Philos.  1.  S.  206. 

^)  Über  die  nicht  gerechtfertigte  Vermutung  von  Pasquali  S.  228 
s.  oben  S.  56  Anm.  2.  Das  Kapitel  fügt  sich  dem  Zusammenhang  ohne 
■weiteres  ein. 


I 


§10.  Die  Zwischeuquelle  zw.  Posidonius  u.  der  Grundschrift.        \\l 

ist  hier  die  Reihenfolge  der  J'hilüsophon,  wie  sie  in  der  (Quelle 
stand,  in  gänzlich  verständnisloser  AVeise  gestört. 

Die    Ilekognitionen    (und    der    Basiliusscholiast)    ordnen^: 

I.  Pythagoras  |17|,  2.  Strato ^  [19],  3.  Alcmaeon  [  — J.  4.  Anaxi- 
mander  [;}],  5.  Anaxagoras  [14],  (i.  Epikur  [13J,  7.  Diodorus 
[15],  S.Asklepiades  |16],   9.  Geometrae  [18],    10.  Demokrit  [13], 

II.  Thaies  [2],  12.  Heraklit  [— ],  13.  Diogenes  [4],  14.  Parme- 
nides  [— ],  15.  Zenon  Empcdokles  Plato  [10],  16.  Aristoteles  [12]. 
Gegenüber  Sextus  und  Galen  ergeben  die  Rekognitionen  (und 
der  Basiliusscholiast)  in  drei  Fällen  ein  Mehr:  1.  „Alcmaeo  con- 
trarietates",  2.  „Democritus  ideas",  3.  „Parmenides  terrara"  (sc. 
statuunt  elementa). 

Von  unserm  Autor  sagt  Diels:  non  nimis  fuit  ille  religiosus 
homo  quam  vis  christianus,  cui  ab  extremis  ordiri  luberet  Py- 
thagoraeque  Stratonem  continuare  quique  Democritum  ab  Epi- 
curi  necessaria  communione  revulsum  idearum  inventione  beat. 
error  ridiculus  mehercle  nee  tarnen  interpreti  librariove  iniun- 
gendus.  qui  vel  ex  Demoeriti  Tiegl  Idscoy  libri  notitia  vel  ex 
inscita  Platonicarum  idearum  confusione  quam  Irenaeus  II  14 
tanquara  incohavit  vel  ex  idolorum  obscura  memoria,  quod 
verisimilius  est,  facilem  ut  in  tali  scriptore  habet  rationem"' 
(S.  251).  Dazu  kommen  noch  einige  Mißverständnisse,  die  sich 
allerdings  z.  T.  auch  bei  andern  Autoren  finden.  Jedenfalls 
teilt  der  Basiliusscholiast  gegenüber  der  von  Diels  rekonstru- 
ierten gemeinsamen  Quelle  des  Sextus,  des  Galen  und  der 
Rekognitionen  mit  den  letzteren  alle  Korruptelen.  Mag  sich  daher 
auch  im  allgemeinen  ein  Scholiast  in  doxographischen  Kapiteln 
aus  den  geeigneten  Schulbüchern  Rat  geholt  haben,  so  ist  doch 
hier  wegen  der  gemeinsamen  Korruptelen  ein  Abhängigkeits- 
verhältnis des  Basiliusscholiasten  von  der  Grundschrift  oder  den 
griechischen  Rekognitionen  zu  konstatieren^. 

Nun  hat  Diels  S.  1S5.  201  gezeigt,  daß  zwischen  den  beiden 
Doxographen  Theophrast  und  Aetius  die  von  ihm  sogenannten 
„vetusta  placita"  einzuschalten  sind,  die,  etwa  im  Jahre 50  v.Chr. 
geschrieben,  die  Reihe  der  Philosophen  mit  Posidonius  und  dem 
Arzt  Asklepiades  schließen  ließen.    Der  Xanie  des  Asklepiades 

^)  Die  Zahlen  in  eckigen  Klammern  sind  die  der  gemeinsamen  Quelle. 

-)  Rec. :  „Callistratus",  corr.  Cotelier  Fabricius  Diels.  Zeller '  II 2  S.  906  r. 

^)  Vgl.  auch  in  den  Rekognitionen  und  beim  Basiliusscholiasten  ysco- 
(.ihoai,  während  in  der  gemeinsamen  Quelle  [Sextus  -  Galen]  ftadjjfiaiixo 
stand. 


92  Heintze,  Kleuieusroraan. 

erscheint  auch  in  der  gemeinsamen  (Quelle  des  Sextus,  [Galen] 
und  der  Rekognitionen,  während  Posidonius  fehlt.  Beide  Philo- 
sophen waren  Zeitgenossen,  so  daß  die  Quelle  also  jünger  ge- 
wesen sein  muli.  Nach  Diels  S.  251  f  war  sie  ein  doxog-ra- 
phisches  Schulbuch  stoischer  Herkunft  und  entstand  ..etwa  in 
der  Zeit  von  Seneka  bis  zu  den  Antoninen''. 

2.  Quellen  des  Abschnitts  „vom  \Yeltall''.  Für  die 
übrigen  Kapitel  des  Abschnitts  vom  , .Weltall"  sind  wir  nur  auf 
Parallelen    des  Aristoteles^    und    anderer    Philosophen^    ange- 


')  Zur  Widerlegung  des  Epikur(c.  17 — 19)  vgl.  Aristoteles' Untersuchung 
über  den  Stützpunkt  der  Erde,  in  der  er  nach  seiner  Art  die  verschiedenen 
Theorien  der  Philosophen  kritisch  beleuchtet.  Thaies  nahm  an,  daß  die 
Erde  auf  der  Oberfläche  des  Wassers  schwimmt  (vgl.  Reo.  VIII  21  lo  und 
Basilius  Hexahem.  1  c.  9  B :  ycav  e:ii  tov  vöarog  avzijv  asioaa'/.sveiv  et'rzoitiev) ; 
gegen  ihn  polemisiert  Aristoteles  (de  caelo  II  13.  294  a32):  ojo.isq  ov  tov 
avror  /.öyov  orra  Jisol  rf/g  ;'>)?  xal  tov  vdazog  tov  6/_ovvrog  zip  yijv.  ovö'e  yaQ 
To  vScoo  n£(fvy.E  /itsyeiv  iliszscoqoi',  d/.A'  ijii  zivög  laziv.  Vgl.  Basilius'  Frage. 
Hexahem.  I  c.  8B:  sm  zlvog  k'ozf]y.ev  {sc.  fj  yfj);  es  sei  absurd,  anzunehmen, 
Luft  oder  Wasser  diene  der  Erde  als  Fundament. 

Basilius  I  c.  8  C  Reo.  VIII  18  le 

nQo?  zo  Hai  avzov  zov  vdazog  zijv  ,,Ad  haec  etiam  illud  requiro,  quod 
iögav  sTii^rjzsiv ,  y.ai  :iä).iv  8ia.-toQsTv,  sit  munimen  super  quod  tarn  im- 
zivi  ozEyävqi  xal  avzeoeiöovzi  6  zelsv-  mensae  molis  (sc.  mundi!)  iacta  sint 
zaiog  avzov   :zvdfii]v  ijiißaivsi.     C.  9:       fundamenta?   Et  rursus  illud  ipsum 

'Eäv  8e  ezsqov  ooj/Liu  Tfjg  yfjg  i/^ißgi- munimen  super  quid  iaceat? 

d^iazEQov  vjio^ü  —  — ,  ivßv/Lit]§ijo)j  Et  item  illud  aliud,  super  quid?  et 
ydxETvo  o^ioiov  zivog  ÖETo&ai  tov  oze-       eo    usque    interrogando    progrediar, 

yovzog nai  ovzcog  sig  u.-zeioov  eh-       donec   responsio    ad    nihil   et   inaue 

TZEGov/iiEda  (vgl.  Gronau  S.  37  ff).  perveniat." 

Off'enbar  bedienen  sich  alle  drei,  Aristoteles,  Basilius  und  die  Reko- 
gnitionen derselben  Argumentation.  Aber  Aristoteles  und  Basilius  pole- 
misieren gegen  Thaies  über  die  Fundamentierung  der  Erde,  die  Reko- 
gnitionen dagegen  gegen  Epikur  über  das  Fundament  des  Weltalls.  In 
letzter  Linie  gehen  natürlich  sowohl  Basilius  wie  die  Rekognitionen  auf 
Aristoteles  zurück.  —  Die  Atomenlehre  wird  in  den  Rekognitionen  richtig 
auseinandergesetzt  c.  17  6.  Vgl.  Lucr.  II  1112  — 1-5  und  Epic.  215,  17  Us, 
Der  Autor  (der  Grundschrift)  leugnet  die  Möglichkeit,  daß  feurige  Atome 
mit  der  Tendenz,  aufwärts  zu  steigen,  sich  auch  abwärts  bewegen  können 
und  „in  profundo  ac  sub  omnia  demerso  inveniri  loco'".  So  sollte  nämlich 
die  Gleichgewichtslage  des  Weltalls  erklärt  werden  (Rec.  VIII  19;  vgl. 
Aet.  I  4,  1.  2).  Dieselbe  Argumentation  wendet  Aristoteles  gegenüber  Thaies 
an  (de  caelo  II  13.294  b  1):  eti  6'  löansQ  är]o  vSaTog  y.ov(fözEoov  y.ai  yfjg 
vöo)Q ,  CöozE  nOig  olöv  ze  zb  y.ovffOTEOov  yazwzigoi  y.Eiadai  zov  ßagvzigov  zrjv 
(pvoiv.  Vgl.  Basil.  Hex.  I  c.  8  B  von  der  Erde:  IläXiv,  kav  v:jodiig  iavzc^ 
vdcoQ  Eivai  T(j  i'JioßEßXrjjXEvov  zij  yi] ,  xai  ovzwg  E:zi^tjTfjaEig ,  awg  to  ßagv  xai 
nvxvov  ov  diadvvEi  rov  vdazog ,  «AA'  i'Jio   zfjg  do'&EVEOzEQag   cfvoEcog    zo  zoaov- 


I 


§  10.   Die  Zwischenquelle  zw.  Posidonius  u.  der  Grundschrift.        93 

wiesen,  aber  im  übrigen  macht  der  ganze  Abschnitt  (c.  10  bis 
20  i's)  den  Eindruck,  als  wenn  ihn  ein  Autor,  natürlich  unter 
Benut7Aing  der  einschlägigen  Literatur,  selbständig  konzipiert  hat. 

Zu  diesen  Ausführungen  über  das  ,, Weltall''  ist  häufiger 
Basilius'  Hexahemeros  herangezogen^.  Auch  folgende  Stellen 
lassen  sich  vergleichen: 

Basilius  I  Rec.  VIII 

C.  2  A.  Die  andern  Philo- 
sophen im  TfisT  vhy.äg  vnod^otig 
y.arecfvyor,  rolg  ror  y.oojiiov  oroi- 
y^eioig  Ttjv  ahiav  rov  navxog  ava- 

■&evTeg'   ol  de  äTojiin  xal  äfxeQij  C.    15  :.     ..Epicurus    atomos, 

oiofiaxa  xal  öyy.ovg  y.al  Jioouvg  Diodorus  djuegf]  — .  Asclepia[s]- 
ovvE'/ßiv  Ti]v  (pvGir  Tcov  oottTCov  (dcs)  öyy.ovg  —  Geometrae 
i(pavTdod)]oav.  fines." 

Das  15.  Kapitel  der  Rekognitionen  stammt  jedenfalls  aus 
jener  stoischen  Schuldoxographie  (oben  S.  90 ff),  während  nach 
Gronau  S.  29  die  Stelle  des  Basilius  von  Posidonius  herrührt. 
Der  Zusammenhang  zwischen  Basilius  und  den  Rekognitionen 
kann  also  höchstens  ein  indirekter  sein. 

Oben  S.  78  Anm.  2  begegnete  uns  die  auffallende  Ähnlichkeit 
des  Basilius  mit  unserm  Autor  und  Cicero  (=  Posidonius  jiegl 
detTjy),  wo  alle  drei  Autoren  die  Gleichgewichtslage  der  Erde  da- 
durch erklären,  daß  sie  wegen  der  gleichen  Entfernung  von  allen 
Punkten  der  Peripherie  ..nicht  weiß",  nach  welcher  Seite  sie 
fallen  soll.  Xach  dieser  Schilderung  fahren  beide,  Basilius  und 
unser  Autor,  fort: 

rov  vnsQqpigov  reo  ßdgei  y.oarsaai.  Auch  hier  schliefst  sich  Basilius  genau 
an  Aristoteles'  Polemik  gegen  Thaies  an.  Dagegen  ist  in  den  Rekogni- 
tionen dieselbe  Argumentation  gegen  die  Epikureer  gewendet.  Ihre 
Herkunft  ist  in  letzter  Linie   fraglos  aristotelisch.  -)  Immer  wieder 

erinnert  unser  Autor  daran,  dafa  es  eine  besondere  Kraft  gewesen  sein 
müsse,  die  die  Elemente  „gemischt"  habe  (c.  ISi^,  14^,  15*^,  Iß^).  Ebenso 
faßten  die  Stoiker  den  reyrln};  auf,  z.  B.  Sextus  adv.  math.  X  25ü:  -Tai-  yäo 
rb  (faivofcsvov  i^  dq:av<ör  oqpeü.Ei  avvioraadai ,  x'o  6'  ea  rivcov  omorcjg  ovx 
sariv  do/j'j,  d)j.ä  rb  exeivov  avrov  oi'orany.ov.  Sext.  adv.  math.  IX  75:  ff 
roivvv  reo»'  övrcov  ovoia,  <paaiv ,   axivi^rog  oi'oa  i^  uvrij^  y.al  doytjudriaro;  i'.to 

rivog    atzt'ac:    dtpsü.si    y.ivEiadai   rs   xal   oyrjuari^eaßai. :iodoTf^iEr    fia&sTr 

Tor  rsyviT^p'  ärs  y.ad''  avzip'  rrjg  vb]g  dy.ivi'jTov  y.aßsarojo)];.  Vgl.  v.  Arnim, 
Stoic.  'fragm.  II  300. 

M  S.  oben  S.  54  Anm.  2,  S.  55  Anm.  1,  S.  56  Anm.  2,  S.  56  Anm.  3 
(^Kälte  und  Wärme),  S.  78  Aum.  2  (Gleichgewichtslage  der  Erde),  S.  92 
Anm.  1  (Fundament  der  Erde). 


94  Heintze,  Klemensroman. 

Basilius  I  Rec.  VIII 

C.  10  A  TovTcov  d'  äv  ooi  So-  C.  21  9    ,,Quo(lsi    vere    hanc 

y.f]  Ti  ni&avov  eivai   Ton>  eigi]-  habeat     similitudinem     mundi 

juevcov,  £7x1  Ti]v  ovTCO  TavTfj.  diu-  machina,  evidens  est  opus  in  ea 

Ta^ajiievi]v  rov  deov  oocpiav  jlis-  divinum.'" 
Tfideg  rö  ^avjua. 

Daß  l^eide  Autoren  auf  den  Gedanken  kommen,  einer  rein 
wissenschaftlichen  Theorie  dieselbe  praktische  Wendung  zu  geben, 
ist  immerhin  merkwürdig.  Zu  beachten  ist  aber,  daß  an  der 
Rekognitionenstelle  fraglos  Posidonius"  Buch  rregl  decTjv  Quelle 
ist,  während  es  sich  nicht  beweisen  läßt,  daß  auch  Basilius  dies 
Buch  gekannt  hat.  Da  wir  nun  oben  S.  90  ff  von  Posidonius 
jt€qI  deäiv  den  ganzen  Abschnitt  über  das  ,, Weltall"  (c.  10  —  20  is) 
scharf  gesondert  haben,  können  auch  alle  übrigen  in  diesem 
Zusammenhang  stehenden  Parallelstellen  zu  Basilius  mit  Posi- 
donius unmittelbar  nichts  zu  tun  haben  ^.  Dies  Ergebnis  ist 
von  Wichtigkeit,  da  Gronaus  öfter  genannte  Schrift  in  Basilius' 
Hexahemeros  zahlreiche  Spuren  des  von  Posidonius  verfaßten 
Timaeuskommentars  nachgewiesen  hat.  Man  könnte  also 
zu  der  Annahme  neigen,  daß  unser  Autor  nicht  nur  Posidonius 
TtEQi  '&£c7w  (os  VIII  20  18 — 33  Über  die  „Vorsehung"),  sondern 
auch  den  Kommentar,  den  derselbe  Philosoph  zum  platonischen 
Timaeus  schrieb,  benutzt  habe  (c^  VIII  10 — 20  is)  ^ 

Aber  bei  der  ungeheuren  Verbreitung,  die  die  Werke  des 
hellenistischen  Philosophen  seit  mehr  als  drei  Jahrhunderten 
gefunden  hatten,  soll  man  sich  hüten,  überall,  wo  Gedanken- 
gänge des  Posidonius  begegnen,  selbständige  Lektüre  anzu- 
nehmen. Zu  einer  solchen  Annahme  reichen  die  wenigen  notierten 
Stellen  nicht  aus,  zumal  wenn  man  vergleicht,  daß  wir  oben 
S.  76 ff  immerhin  seitenweise  Cicero  und  die  Rekognitionen  ver- 
gleichen konnten.  Die  Kapitel  16 — 19,  die  scharfsinnig  gegen 
Epikur  polemisieren,  konnten  methodisch  in  ihrer  Argumen- 
tation von  Basilius-Posidonius  ^  und  von  Aristoteles  lernen.  Aber 
für  die  gegen  Epikur  gewandten  Argumente  selbst  ist  ein  Zu- 

')  Vgl.  die  Erörterungen  des  Basilius  über  die  fünfte  ovoia  des  Ari- 
stoteles (I  c.  llBc^Rec.  VIII  15  lo.  Diels  Dox.  251)  und  über  die  Unwahr- 
scheinliclikeit  der  Annahme,  daß  schwere  Körper  sich  mit  leichten  ver- 
binden (I  c.  11  C  ^  Rec.  VIII  17). 

-)  Eine  Stelle  aus  dem  platonischen  Timaeus  (28 1>)  wird  c.  20»  sogar 
wörtlich  zitiert. 

»)  S.  oben  S.  92  Aum.  1.     Gronau  S.  37 fF. 


§  10.   Die  Zwischenquelle  /w.  Posidonius  n.  der  OnuKlschrift.        95 

sanimonhang-  mit  Posidonius  (der  an  der  Basiliusstelh!  offenbar 
Aristoteles  interpretiert)  nicht  zu  beweisen,  liisher  ist  also  kein 
Grund,  auch  in  unserm  Abschnitt  vom  ,, Weltall"  unmittelbare 
Benutzung  des  Posidonius  zu  wittern.  Vielmehr  macht  es  den 
Eindruck,  als  ob  sich  in  ihm  ein  ebenso  grolier  Einschlas;  des 
Aristoteles  wie  der  Stoiker  (vielleicht  d^s  Posidonius)  findet.  — 

3.  Quellenverhältnis  der  Abschnitte  vom  „Weltall"^ 
und  über  die  ,, Vorsehung".  Wie  uns  die  bisherige  Quellen- 
analyse der  ersten  Disputation  gelehrt  hat,  stammt  der  Ab- 
schnitt über  die  „Vorsehung"  aus  Posidonius  jieoi  &£0)v,  wäh- 
rend die  Erörterung  über  das  „Weltall"  frei  komponiert  zu  sein 
scheint.  Jetzt  ist  noch  eine  Erklärung  dafür  zu  suchen,  daß 
diese  beiden  heterogenen  Bestandteile  so  eng  zusammenge- 
schweißt sind^. 

Auf  den  ersten  Blick  empfiehlt  sich  natürlich  die  Annahme^ 
daß  der  Autor  der  Grundschrift  die  Ausführungen  über  die 
„Vorsehung"  aus  Posidonius  übernommen,  die  über  das  ,, Welt- 
all" ebenso  wie  den  ganzen  Roman  selbständig  entworfen  hat. 
In  dieser  Beziehung  ist  der  Zusammenhang  des  Abschnitts  über 
die  „Vorsehimg"  mit  dem  Romanstoff  interessant.  Wir  hören 
von  einem  vornehmen  Römer  Faustus,  dessen  Gattin  scheinbar 
auf  einer  Meeresfahrt  auf  holier  See  umgekommen  ist;  später 
hat  Faustus  das  Horoskop  erfahren,  das  ihren  Tod  bestätigt. 
Vom  Unglück  überwältigt  betäubt  er  seinen  Schmerz,  indem  er 
sich  einem  finsteren  Fatalismus  in  die  Arme  wirft.  Er  führt 
sich  selbst  mit  diesen  Worten  ein:  Ovre  yciQ  §e6g  toriv  ovxe  Jioo- 
voia,  a.?dä  ysveoei  id  jidvTa  VTioxenai  (lÖ  3  :w). 

Wo  Genesis  ist,  da  gibt  es  zweifellos  keine  Vorsehung- 
(ovTE  ngovoia).  Ähnlich  lautet  die  von  Faustus  an  den  iVnfang- 
der  ersten  Disputation  gestellte  Definition:  „ego  dico  non  secun- 
dum  dei  providentiam  gubernari  mundum,  quia  multa  in  eo 
iniuste  et  inordinate  geri  videmus,  sed  genesin  dico  esse^ 
quae  omnia  agit  et  continet"  (VIII  4  is).  Freilich,  vergleicht 
man  diese  Worte  mit  dem  obigen  Bekenntnis  des  Faustus  (ovxe 

ydo  &e6g ),  so  fällt  auf,  daß  Faustus  in  der  Definition  über 

die  Existenz  der  Götter  nichts  aussagt,  sondern  nur  Genesis 
(Schicksal)  und  Vorsehung  einander  gegenüberstellt. 

Wo  Vorsehung  ist,  da  gibt  es  (nach  Meinung  unseres  Autors) 
keine  Genesis.     Aber  in  dem  Falle,   daß   es   einen  Gott  gibt, 


*)  Die  Fuge  ist  mitten  im  20.  Kapitel. 


■96  Heintze,  Klemensroman. 

ist  die  Mögliclikeit  der  Genesis  an  sich  nicht  ausgeschlossen! 
So  gilt  von  der  „Providentia  generalis"':  „quia  ab  initio  deus 
fecerit  omnia  et  carsu  atque  ordine  rebus  iniposito  de  reliquo 
nihil  ad  se  revocet,  secundum  genesin  geri  cuncta  confirmat.*' 

Die  Frage  nach  der  Berechtigung  der  Genesis  vermag 
darum  eine  Untersuchung,  ob  Gott  die  Welt  geschaffen  hat. 
in  keiner  Weise  zu  fördern!  Beispielsweise  lehren  die  Stoiker, 
daß  Gott  die  Welt  geschaffen  oder  wenigstens  aus  den  Ele- 
menten „gemischt"  habe-.  Trotzdem  bekennen  sie  sich  zur 
Genesis.  Umgekehrt  Epikur,  der  die  Welt  durch  Konglome- 
ration von  Atomen  entstanden  sein  läßt,  bekämpft  auf  schärfste 
den  Fatalismus.  Die  Chaldäer  und  Astrologen,  die  zur  Zeit 
unseres  Autors  ihr  Gewerbe  trieben,  werden  in  den  seltensten 
Fällen  die  Existenz  Gottes  als  „Weltenschöpfer"  bestritten  haben. 
Die  Vorstellung,  daß  es  Götter  gebe,  hat  nach  Cicero  de  natura 
deorum  scheinbar  nur  wenige  Gegner  herausgefordert.  Aber 
desto  mehr  stritt  man  über  die  Frage,  ob  sie  in  das  Welt- 
geschehen und  das  menschliche  Leben  unmittelbar  eingriffen. 
Yon  diesem  Gesichtspunkt  aus  verspricht  die  Untersuchung  über 
Gott  als  den  Schöpfer  des  ,, Weltalls"  für  Faustus,  der  nach  An- 
lage des  Romans  vor  allem  Fatalist  sein  muß,  nur  geringen  Erfolg. 

Man  fragt  unwillkürlich,  was  eigentlich  diese  ganzen  Unter- 
suchungen über  das  „Weltall"  sollen,  die  in  dem  Roman  so 
unorganisch  wirken.  Ihr  Hauptzweck  ist  offenbar,  die  Lehre 
Epikurs  zu  bekämpfen  und  zu  zeigen,  daß  die  Welt  keinen- 
falls  aus  Atomen  zusammengeballt,  sondern  von  Gott  durch 
Mischung  der  Elemente  geschaffen  ist.  Der  Leser  muß  nun 
natürlich  Faustus  für  einen  Epikureer  halten^.  Dieser  Lapsus 
hat  uns  schon  oben  S.  60  beschäftigt.  Wie  kann  Faustus, 
der  Fatalist  und  Leugner  der  Willensfreiheit,  sich  zu  Epikur 
bekennen,  der,  um  die  Willensfreiheit  zu  retten,  die  kluge  demo- 
kritische Atomenlehre  durch  die  Annahme  einer  geringfügigen 
Deklination  der  Atome  zerstörte?* 

')  Unser  Autor  nennt  sie  sogar  ,,genesis". 

-)  Vgl.  V.  Arnim,  Stoic.  fragni.  II  300:  ro  /.liv  ovr  .-rdo/o^'  eItui  t»)»-  ä'.TOt- 
ov  ovaiar,  rijv  vhjv'  to  de  tioioüv  roy  er  avif/  ).öyov ,  tov  §e6v  toi'tov  yäo 
äiSiOi'  övra  diä  näai^g  avTij?  dijfiiovgyeTv  t'xaaxa. 

')  So  will  es  unser  Autor  auch  aufgefaßt  wissen  (VIII  7). 

*)  Zeller*  III  1,  S.  421.  —  Wir  sollen  glauben,  daß  Niketes  aus  der 
Definition  des  Faustus  hätte  schliefsen  können,  dieser  sei  ein  Epikureer. 
Faustus  antwortet:  ,,Sed  ego  amplius  aliquid  professus  sum,  quam  sentit 
Epicurus,   quia  introduxi  geuesin,   eamque   causam  omnium  gestorum  ho- 


§  10.   Die  Zwisclienquelle  zw.  Posidoiiius  u.  der  Grundschrift.        97 

Von  dieser  Kluft,  die  zwischen  dem  Fatalisten  Faustus  und 
der  Lehre  l-^pikurs  klati't.  hat  die  folgende  I.ntersuchuni^  aus- 
zuiifehen.  Wir  haben  es  mit  zwei  Bestandteilen  zu  tun,  die 
nicht  organiscii  zusammengewachsen,  sondern  gewaltsam  zu- 
sammengearbeitet sind. 

Man  kcMinte  denken,  der  Autor  sei  im  innersten  Herzen 
ein  so  erbitterter  Gegner  Epikurs  gewesen,  daß  er  diese  Partie 
auf  Kosten  des  Romans  aus  eigenem  Antrieb  hinzufügte.  In 
diesem  Falle  müßten  wir  allen  Respekt  vor  ihm  haben,  denn 
dann  hätte  er  seine  Widerlegung  der  Atomenlehre  gewagt  auf 
Grund  einer  überraschenden  Belesenheit  in  den  Werken  des 
Aristoteles  und  der  Stoiker  sowie  im  platonischen  Timaeus,  aus 
dem  ein  Zitat  angeführt  wird.  Aber  diese  Annahme  wird  zur 
Absurdität,  da  derselbe  Autor  den  Fatalisten  Faustus  zu 
einem  Epikureer,  Epikur  zu  einem  Verteidiger  der  Genesis 
macht  ^. 

Es  bleibt  nur  die  Erklärung  übrig,  daß  der  Verfasser  der 
Grundschrift  aus  einem  äußeren  Grunde  die  unorganischen 
Kapitel  10 — 20  i8  von  einem  andern  Autor  übernahm,  der  ihm 
Gelegenheit  gab.  seine  scharfsinnigen  Ausführungen  gegen  Epi- 
kur sich  nutzbar  zu  machen. 

Bei  dieser  Sachlage  darf  man  folgenden  Schluß  wagen. 
Wenn  der  Autor  den  im  Roman  unorganischen  Abschnitt  von 
einem  andern  Schriftsteller  übernahm,  so  hatte  er  vermutlich 
den  gleichen  Gewährsmann  an  derselben  Stelle  so  geplündert, 
daß  er  diesen  (eigentlich  unpassenden)  Abschnitt  nicht  ent- 
behren zu  können  meinte. 

Der  Abschnitt  vom  „Weltall'*  hängt  eng  zusammen  mit 
den  Kapiteln  über  die  „Vorsehung"  /'VIII  20  is — 33)^.  Dem- 
nach standen  die  Abschnitte  vom  ..Weltall*'  und  von  der  ..Vor- 
sehung" einst  bei  irgendeinem  Autor  in  demselben  Zusammen- 
hang, und  dieser  Autor  war  die  Quelle  für  den  Verfasser  der 
Grundschrift.    Aber  nicht  bei  Posidonius  können  diese  Abschnitte 


minibus  posui"  (VIII  7  22,  oben  S.  60  Anm.  2).  NiclitsdestoweDiger  richtet  sich 
die  ganze  folgende  Erörterung  gegen  das  echte  Epikureertum.  Übrigens 
scheint  der  Autor  seinen  Irrtum  mehr  zu  erraten  als  zu  begreifen.  Daß 
gerade  Epikur  die  Fatumlehre  heftig  bekämpfte,  weiß  er  offenbar  nicht. 

^)  Hierzu  kommen  die  oben  S.  53 ff  aufgedeckten  Spuren  der  Über- 
arbeitung speziell  in  dem  Abschnitt  über  das  „Weltall'',  die  auf  eine  be- 
sondere Quelle  schließen  lassen. 

-)  Die  Fuge  ist.  wie  gesagt,  mitten  im  20.  Kapitel. 

T.  u.  ü,  '14:  Heintze.  7 


98  Heintze,  Klemensroman. 

verbunden  gewesen  sein,  denn  die  Kapitel  10 — 20  is  [ubev  das 
„Welltall")  können  schon  wegen  des  doxographischen  15.  Ka- 
pitels nicht  von  ihm  stammen.  Folglich  hat  man  zwischen  Po- 
sidonius  und  dem  Verfasser  der  Grundschrift  eine  Zwischen- 
quelle anzunehmen,  aus  der  dieser  nicht  nur  die  zum  Roman 
vorzüglich  passende  „Vorsehung",  sondern  auch  die  ganz  un- 
organischen Kapitel  über  das  ,,Weltall"  schöpfte^. 

Mit  andern  Worten:  der  Autor  wäll  Faustus,  den  Bekenner 
des  Fatalismus,  überführen  und  schreibt  zu  diesem  Zweck  aus 
irgendeinem  Schriftsteller  den  bekannten  Preis  der  Vorsehung 
ab.  Mit  ihm  verbunden  findet  er  bei  seinem  Gewährsmann  die 
Erörterung  kosmologischer  Probleme,  die  er  des  Zusammen- 
hangs wegen  gleichfalls  übernimmt.  So  ereignet  sich  das  Un- 
glück, daß  Faustus,  der  Verteidiger  der  Astrologie,  auch  noch 
die  Rolle  des  Epikureers  spielen  mu(P. 

Jetzt  versteht  man  auch,  warum  unser  Autor  die  günstige 
Gelegenheit,  den  Genesisglauben  durch  die  göttliche  Fürsorge 
für  die  Menschen  zu  widerlegen,  in  scheinbar  unbegreiflicher 
Weise  verpaßt  hat.  Diesen  Abschnitt  fand  er  in  seiner  Quelle 
nicht  vor,  da  sie  es  in  der  Polemik  gegen  die  Epikureer  vor 
allem  auf  die  physikalischen  Fragen  abgesehen  hatte,  die  sich 
mit  Gott  dem  Weltenschöpfer  und  -erhalter  beschäftigten.  Ein 
merkw^ürdiger  Zufall  hat  es  gewollt,  daß  Gedankengänge,  wie 
sie  in  der  Grundschrift  vermißt  werden,  in  der  übergeordneten 
Quelle,  Posidonius'  Buch  tisoI  üecov,  zu  finden  waren  —  vor- 
ausgesetzt, daß  wirklich  der  vierte  Abschnitt  in  dem  oben  be- 
sprochenen Buche  Ciceros  aus  Posidonius  stammt'. 

*)  Diese  Argumentation  wird  auch  dann  nicht  falsch  sein,  wenn 
(gegen  unsere  Ansicht)  Posidonius  als  direkte  Quelle  auch  für  die  kosmo- 
logischen  Kapitel  10 — 20  is  angenommen  wird.  In  dem  Falle  müßte  man 
nämlich  zugestehen,  daß  die  „Vorsehung"  aus  dem  Buche  Jisol  dswv,  das 
, Weltall"  dagegen  aus  dem  Timäuskommentar  stamme.  Dann  könnte 
trotz  alledem  die  enge  Zusammenschweißung  der  beiden  Abschnitte,  die 
in  unserm  Roman  so  unorganisch  wirkt,  nicht  ohne  Zuhilfenahme  einer 
Zwischenquelle  erklärt  werden. 

')  In  der  Quelle  fehlte  natürlich  die  unglückselige  Verquickung  von 
Fatalismus  und  Epikureertum.  Die  erste  Disputation  war  dort  lediglich 
gegen  Epikurs  Kosmologie  und  seine  Leugnung  der  Vorsehung  gerichtet. 
Vgl.  zu  dem  letzten  Punkt,  der  ihm  besonders  die  Feindschaft  der  Stoiker 
zuzog,  Plut.  de  Stoic.  repugn.  c.  38  p.  1051  E:  noog  rov  'E.-riy.ovgov  /ndhara 
/läysTai  (Chrysippus)  xal  jiodg  tovg  draigovvTag  tijv  :TQ6roiar,  dno  zmv  irvoi- 
wv  (ig  f'xofier  -Tept  ßecov,  svegysTixorg  xal  (fÜMV&QÖinovg  Liivoovvieg. 

')  Cic.  de  nat.  deor.  II  §  3.  154-167. 


§  10.    Die  Zwischenquelle  zw.  Posidouius  u.  der  Grundschrit't.        <)9 

4.  Verhältnis  der  zweiten  Disputation.  Xach  den 
bisherigen  Ergebnissen  enthielt  die  (iuelle  eine  auf  stoische 
Argumente  gestützte  Polemik  gegen  Pipikurs  Leugnung  des 
Weltschöpfers  und  der  Vorsehung.  Ihr  Zweck  war  nicht  nur 
zerstörende  Kritik,  sondern  der  Nachweis,  daß  die  Welt  wirk- 
lich von  Gott  geschaffen  und  regiert  sei  (os  VIII  10 — 33).  Nun 
findet  sich  bei  unserm  Autor  auch  noch  eine  Partie,  in  der  die 
„ungeordneten"  Dinge  erklärt  werden.  Die  dort  vertretene 
Ansicht,  daU  die  „Uncu-dnung"  von  dem  Einfluß  der  Sterne  her- 
rührt, wurde  oben  als  ursprünglich  zur  ersten  Disputation  ge- 
hörig erkannt  und  der  Quelle,  die  unserm  Autor  vorlag,  zu- 
gewiesen. Ist  nun  die  Hypothese  richtig,  daß  die  Beschreibung 
des  „geordneten''  Weltlaufes  aus  einer  zwischen  Posidonius  und 
der  Grundschrift  liegenden  Zwischenquelle  stammt,  so  gehören 
dahin  auch  die  „ungeordneten"  Dinge.  Dazu  paßt  sehr  gut  die 
offensichtlich  stoische  Doktrin,  die  Glück  und  Unglück  von  den 
Sternen  ableitet  (c.  45.  46)  und  sich  um  die  Verteidigung  der 
Flöhe,  Mäuse  und  Eidechsen  bemüht.  Es  ist  kaum  ein  Zufall, 
daß  wir  in  dieser  Beziehung  speziell  Chrysipp  zum  Vergleich 
heranziehen  können: 

V.  Arnim,  Stoic.  frag.  II 1 1 63  Rec.  VIII 43  s  ,,tum  praeterea 

Ol  xogsig  evygijoTcog  l^vnviCov-  pulices   mures    lacertas    et   bis 

oiv  i']jitäg  y.al   oi   uveg  esxiaroe-  similia.  numquid  et  haec  dice- 

cpovoiv  fff-iäg  /.d]  aLiek&g  k'xaoTa      mus  a  deo  fieri? " 

rißevai. 

Die  Keimtnis  des  Chrysipp  verrät  sich  nämlich  auch  an 
einer  Stelle  der  Homilien  (f  I821  =  v,  Arnim,  Stoic.  fragm.  11 
1072):  XovotriTiog  de  ev  raig  igcorixaig  ETiiGxoXaTg  y.al  Tijg  ev 
^'Agyei  eixovog  jiie/xvrjTm,  JTodg  tco  tov  Jiög  atöoicp  cfegcov  Tfjg 
"Hgag  tö  :jg6oco:zov  ^.  Da  wir  vorher  nachgewiesen  haben,  daß 
die  Bücher  öeg  nicht  in  der  Grundschrift  standen,  drängt  sich 
schon  hier  die  Vermutimg  auf,  daß  der  Homilist  und  der  Ver- 
fasser der  Grundschrift  dieselbe  Zwischenquelle  zwischen  Posi- 
donius imd  dem  Ivlemensroman  benutzt  haben:  denn  die  Ver- 
teidigung der  Flöhe,  Mäuse  und  Eidechsen  stammt  ohne  Zweifel 
dorther. 

Außerdem  wurden  schon  oben  die  Erörterungen  über  die 
„menschliche  Ungleichheit''  (IX  5  —  7)  in  die  Quelle  der  Grund- 


')  Vgl.  Geffcken  S.  275. 


100  Heintze,  Klemensi-oman. 

Schrift  verwiesen.  Nun  findet  sich  aber  in  dem  20.  und  21.  Ka- 
pitel des  (vom  Homilisten  hinzugefügten)  Buches  d  eine  "Wider- 
legung der  philosophischen  Anhänger  des  Kommunismus.  Auch 
hier  wird  die  gemeinsame  Quelle  das  Zwischenglied  zwischen 
Posidonius  und  dem  Klemensroman  sein. 

5.  Die  vojuijua  ßaoßagixd.  Der  Kern  der  dritten  Dis- 
putation liegt  in  den  Kapiteln  IX  17ff,  wo  wir  eine  scharf- 
sinnige Polemik  gegen  den  Fatalismus  finden.  Der  Autor  dankt 
es  den  Stoikern  schlecht,  daß  sie  ihn  vorher  bei  der  Schilde- 
rung der  Vorsehung  so  reich  unterstützt  haben.  Hier  stützt  er 
sich  ganz  auf  die  vöpijua  ßaoßaoiy.d  des  Karneades,  eines  er- 
bitterten Gegners  des  stoischen  Fatalismus^.  Mit  einem  ganzen 
Apparat  ethnographischer  Kenntnisse  wird  bewiesen  (c.  19 — 25), 
daß  Ehebruch  und  Mord,  nach  Meinung  der  Astrologen  durch 
Konstellation  verhängte  Frevel,  bei  barbarischen  Yölkern  etwas 
ganz  Gewöhnliches  sind;  man  könne  also  unmöglich  annehmen, 
daß  jene  Stämme  sämtlich  unter  demselben  Horoskop  ständen. 
Noch  zwei  andere  Argumente  führte  Karneades  an.  Einmal 
müsse  der  stoische  Fatalismus  mit  Notwendigkeit  alles  Ver- 
antwortlichkeitsgefühl ersticken,  und  zweitens  könne  man  wegen 
der  schnellen  Umdrehung  des  Himmels  die  Konstellation  der 
Sterne  nicht  einmal  genau  feststellen. 

Das  letzte  Argument  fehlt  in  den  Rekognitionen,  aber  vom 
Verantwortlichkeitsgefühl  ist  im  30.  Kapitel  die  Rede. 

Jene  drei  Argumente  des  Karneades  hatten  zunächst  einen 
durchschlagenden  Erfolg.  Panätius  selbst  lehnte  in  Zukunft 
den  Fatalismus  ab.  Dagegen  erstand  der  Astrologie  in  Posi- 
donius wieder  ein  gewichtiger  Verteidiger;  er  scheint  den  ver- 
zweifelten Ausweg  gefunden  zu  haben,  auf  dem  man  der  skep- 
tischen Argumentation  begegnen  konnte  2.  Seit  Posidonius  teilen 
nämlich  die  Astrologen  die  Erde  in  7  Klimata,  von  denen  jedes 
durch  einen  besonderen  Stern  regiert  wird.  So  erklärte  man, 
daß  ganze  Völkerstämme  dieselben  Abnormitäten  zur  Sitte  ge- 
macht hatten.  Andere  teilten  die  Erde  nach  den  Tierkreisen 
in  12,  andere  nach  den  Dekanen  in  36  Regionen.  Alle  diese 
Ausflüchte  machen,  wie  Boll  zeigt,  die  christlichen  Autoren 
dadurch  zu  schänden,  daß  sie  nicht  sieben  oder  zwölf  oder  36 
verschiedene  Landesgesetze,  sondern  tausende  nachweisen  (Rec. 

')  Wendland,  Philo  S.  24  ff,  Schmekel  S.  155  ff,  Boll  S.  181  ff. 
2)  Vgl.  die  einleuchtende  Darstellung  von  Boll  S.  216f.  234 f. 


V?  1(1.   Die  Zwiscbenquelle  zw,  l'osidonius  u.  der  Grundschrif't.       \{){ 

IX  26).  Auf  zwei  Argumonto  log-on  sie  iiber  das  Hauptgowicht. 
Erstens  kcinnou  gute  und  sclileclitr!  Sitten  von  Kaisern  und 
Königen  Nvillkürlieh  geändert  werden,  was  vor  allem  die  Römer 
beweisen  (vgl.  llec.  IX  27"^).  Zweitens  vermögen  Magusäer, 
Juden  und  Christen,  in  welchen  Ländern  sie  auch  sind,  nach 
ihren  eigenen  ursprünglichen  Gesetzen  und  Sitten  weiter  zu  leben 
(vgl.  Rec.  1X21.  27.  28.  29). 

G.  Das  Bardesanesproblem  ^  Es  fragt  sich,  woher  die 
Argumentation  der  christlichen  Autoren  stammt.  BoU  S.  182. 
188  setzt  die  Entstehung  der  ,, astrologischen  Geographie"  des 
Posidonius  in  das  letzte  vorchristliche  Jahrhundert,  leitet  aber 
die  gegen  sie  polemisierenden  christlichen  Quellen  aus  der 
christlichen  ,, Urschrift  der  Ps.-Clem.  Rekognitionen'',  d.  h.  der 
Idemontinischen  Grundschrift  ab.  Unter  den  christlichen 
Autoren  nimmt  einen  hervorragenden  Platz  ein  der  ps.-barde- 
sanische  Dialog  des  Philippus,  die  „Gesetze  der  Länder"  ( GL), 
der  in  einer  syrischen  und  einer  von  Eusebius  pr.  ev.  YI  10,  11  ff 
überlieferten  Fassung  vorliegt.  Beide,  der  Syrer  und  Eusebius, 
stimmen  fast  wörtlich  mit  den  Rekognitionen  überein,  so  daß 
es  sich  um  ein  enges  literarisches  Verhältnis  handelt 2.  Xeuer- 
dings  ist  das  Problem  gründlich  behandelt  von  F.  Haase^,  der 
S.  16ff  die  drei  Autoren  an  den  markantesten  Stellen  vergleicht 
und  es  sehr  wahrscheinlich  macht,  daß  allen  dreien  eine  ge- 
meinsame Quelle  zugrunde  liegt.  Seine  Resultate  werden  frei- 
lich dadurch  ein  Avenig  modifiziert,  daß  die  Kapitel  IX  19 — 29 
nicht  den  Rekognitionen,  sondern  der  Grundschrift  angehören'^. 


^)  Vgl.  hierzu  Nau  in  der  Patrologia  Syriaca  1  2  S.  .527 ff  (Paris  1907), 
der  den  Text  zusammen  mit  einer  literarhistorischen  Abhandlung  heraus- 
gegeben hat. 

*)  Eine  Vergleichung  der  drei  Autoreu,  des  Syrers,  Eusebius'  und  der 
Kekognitionen  gibt  Hilgenfeld,  Bard.  d.  1.  Gnostiker,  S.  92flF;  Nau  S.  -527 ff. 

^)  F.  Haase,  Zur  bardesanischen  Gnosis,  Leipzig  1910  (Texte  u.  Unters. 
z.  Gesch.  d.  altchrist.  Lit.,  hsg.  von  Harnack  und  C.  Schmidt,  3.  Reihe,  IV  4). 
H.s  Urteil  über  R  hätte  vielleicht  noch  objektiver  sein  können,  s.  0.  S.  74  1. 
Vgl.  zu  S.  37  Rec.  IX  25  9,  wo  sich  das  folgende  Schema  offenbar  nur  auf  die 
Selbstmörder  bezieht  und  das  „omues"  völlig  am  Platze  ist.  R  steht  durch 
die  Ungunst  der  Überlieferung  wesentlich  schlechter  da  als  Eusebius,  des- 
wegen sind  Ausdrücke  wie  „R  übersetzt  Eusebius"  cum  grano  salis  zu  ver- 
stehen (vgl.  Nr.  9,  9  a,  12  u.  ö.).     Am  Ende  übersetzen  doch  wohl  beide. 

*)  S.  den  obigen  Beweis  S.  12  2.  —  Zwischen  Rec.  1X27  7-9:  „tum 
praeterea  et  innumeras  gentes  memoravimus  quae  penitus  studia  nesciunt 
litterarum"  und  dem  Lob  der  ländlichen  uuudia  (ö  19  19)  besteht  offenbar 
ein  Zusammenhang.  —  Auch  jetzt,  wo  wir  wissen,  daß  in  H  und  R  keine 


102  Heiiitze,  Klemensroman. 

Damit  muß  sich  jedenfalls  für  die  Gelehrten,  die  die  Grund- 
schrift noch  ins  3.  Jahrhundert  verlegen,  die  Ansicht  erledigen, 
daß  die  betreffenden  Kapitel  aus  Eusebius  stammen  ^  Aber 
auch  so  läßt  sie  sich  widerlegen.  Einmal  finden  sich  Stellen, 
an  denen  die  Rekognitionen  mit  dem  Syrer  gegen  Eusebius 
stehen.     Ygl. 

Syr.  Euseb.  pr.  ev.  Rec. 

lY  (Hilg.  98)  „alle  YI  1 0,  1 0  eloi  yäo         IX  22  9  „sunt  enim 

Männer    lieben    die      avdoeToi  y.al  tio'ae-  bellicosissimi  et  ve- 

JagdunddenKrieg".      luy.ojTazoi  y.al  xvv}]-  natores  acerrimi". 
yeriydnazoi. 

Leitet  man  die  Rekognitionen  einfach  aus  Eusebius  ab,  so 
ist  es  unerklärlich,  daß  sie  gegen  Eusebius  die  Fassung  der 
Quelle  des  Eusebius  wiedergeben.  Daß  kann  kein  Zufall  sein, 
sondern  deutet  auf  eine  gemeinsame  Quelle  der  Rekognitionen 
und  des  Eusebius,  der  an  dieser  Stelle  einen  Zusatz  gemacht 
hat.  Aber  auch  eine  genauere  Yergleichung  des  Eusebius-  und 
des  Rekognitionentextes  lehrt,  daß  die  Rekognitionen  da.  wo 
sie  ein  Mehr  haben,  keine  leeren  Amplifikationen  geben  2. 
Euseb.  Rec. 

YI  10,  8/9  xal  ov  juovov  iv  IX  21  1  „ac  ne  forte  lice- 
^?7  Z^V^i^  exeiv}]  y.al  ev  exeivo)  at  his  qui  ma thesin  se- 
rcö  xUfxaxi  rovxovg  lovg  ävooi-  quuntur  uti  illo  perfugio 
ovg  ydjuovg  Ol  Ueooai  ETioüjoav,  quo  dicunt  certas  quas- 
d^kä  xal  0001  avxcbv  r>)g  77f^-  dam  esse  piagas  caeli,  qui- 
oidog  e^sd)'iui]oav ,  ohireg  y.a-  bus  propria  quaedam  ha- 
/.ovvrai  jMayovoaioi ,  zrjv  amrjV  bere  conceditur,  ex  ipsa 
äßEfxioxiavdiaTiQdxTovrai.iFihQn-  Persarum  gente  aliquanti  ad 
so  der  Syrer).  percgrina  profecti  sunt,  qui  Ma- 

gusaei   appellantur". 

Während  Eusebius  das  nackte  Beispiel  gibt,  zeigen  die 
Rekognitionen,  daß  sie  mit  dem  zwischen  Karneades  und  Po- 
sidonius  ausgetragenen  Streit  wohl  vertraut  sind,  und  arbeiten 
das  ganze  bei  Eusebius  nur  durchschimmernde  Problem  erst 
richtig  heraus.     Auch  hier  müßte  man  bei  einer  Abhängigkeit 

ausschließlich  gemeinsame  Quelle  vorliegt,  ist  der  Beweis  gültig.  Denn 
daß  der  Homilist  die  Rekognitionen  gekannt  hätte,  ist  unmöglich. 

')  Sie  wird  vertreten  von  F.  Nau,  Une  biographie  etc.,  !S.  4—5  und 
Dict.  S.  214,  ebenso  von  Harnack,  Chronol.  S.  535. 

2)  Vgl.  Haase  S.  30.  44. 


§  10.   Die  Zwischenquelle  zw.  Posidonius  u.  der  Grundschrift.      1o3 

<lcr  Rekognitionen  von  Eiisebius  tinnehmen,  daß  jene  mit  ihrer 
Änderung  dos  Eusebiustextes  intuitiv  die  Fassung  der  Quelle 
des  Eusebius  gefunden  hätten  ^  —  Die  groUe  Auslassung  der 
Rekognitionen  in  c.  23  w  (Eus.  VI  K»,  12  bis  \I  10,  13;  Ililg. 
S.  100  —  102)  ist  in  Wirklichkeit  ein  deutlicher  Einschub.  In 
den  Rekognitionen  schließt  sich  an  den  Kommunismus  der  Mann- 
Aveiber  in  Susa  ^  die  orientalische  Knabenliebe  an.  Diese  beiden 
unnatürlichen  Laster  gehören  natürlich  zusammen;  ihnen  ist  da- 
her das  ganze  23.  Kapitel  gewidmet.  Bei  Eusebius  dagegen 
ist  der  Zusammenhang  sehr  störend  durch  Yergleichung  der 
Strafen  für  Mordvergehen  usw.  unterbrochen.  Noch  andere 
Fälle  ließen  sich  anführen,  z.  B.  fehlt  Euseb.  VI  10,  15  und  im 
Syrer  die  notwendige  Pointe,  die  Rec.  IX  24  9  steht;  vgl.  Euseb. 
YI  10,  24  OS  Rec.  IX  2S  4.  Man  versteht  auch  nicht  recht, 
warum  die  bei  Eusebius  und  im  „Dialog"  reichlich  vertretenen 
syrischen  Lokalanekdoten  vom  Verfasser  der  Grundschrift  bzw. 
der  Rekognitionen  getilgt  sein  sollen,  zumal  sie  doch  wahr- 
scheinlich beide  Syrer  waren  und  für  syrische  Leser  schrieben. 

Die  Ansicht,  daß  die  Rekognitionen  oder  die  Grundschrift 
aus  Eusebius  geflossen  seien,  hat  überhaupt  nur  den  einen  Vor- 
zug, daß  sie  das  Problem  vereinfachen  würde.  Das  Tatsachen- 
material aber,  das  namentlich  Haase  beigebracht  hat,  zwingt 
7.U  der  Annahme,  daß  eine  gemeinsame  Quelle  vorliegt.  Dies 
kann  nicht  der  syrische  „Dialog  des  Philippus"  sein,  da  gegen 
ihn  häufig  Eusebius  und  Rekognitionen  zusammenstehen.  Vgl. 
Eus.  VI  10,  7:  rrctJ'TfOs  :7do)j  f],iieoa  jLieGOVQarovvrog  rov  "'Ageog 
=  Rec.  IX  19  13:  ,,cum  utique  apud  eos  per  singulos  dies  Mars 
medium  caeli  circulum  teneat".  Die  entsprechende  Stelle  fehlt 
im  „Dialog'-  (vgl.  Hilg.  S.  94,  Haase  S.  23).  —  Ebenso  Eus. 
VI  10,  8:  .Toofi  'Irdolg  y.al  BdxTgoig  =  Jiec.  IX.  20  v:  „apud 
Bactros  in  regionibus  Indorum";  dagegen  im  „Dialog''  (Hilg. 
S.  94):  „bei  den  Indern"  (Haase  S.  26> 

Anderseits  hat  auch  der  „Dialog*'  trotz  vieler  Weit- 
schweifigkeiten, wie  Nau  und  Haase  erkannt  haben,  manches 
Eigene,  so  daß  man  ihn  gegenüber  Eusebius  und  den  Reko- 
gnitionen in  vielen  Punkten  als  „primär'"  bezeichnen  kann. 

Die  ganze  Schwierigkeit  läßt  sich  nur  lösen,  wenn  man  mit 
Haase  u.  a.  annimmt,  daß  dem  Dialog,  Eusebius  und  den  Re- 

^)  Die  Stelle  ist  von  Haase  unter  Nr.  5  ausführlich  behandelt. 
-)   Nach  Eusebius  und  dem   ,  Dialog"    handelt   es  sich  um  Baktrer. 
Vffl.  hierzu  Haase  iS.  33. 


104  Heintze,  Klemensromau. 

kogiiitionen  eine  gemeinsame  Quelle  zugrunde  liegt.  Xur  fragt 
sich,  wie  wir  uns  diese  gemeinsame  Quelle  vorzustellen  haben. 
Fest  steht,  daß  GL  und  Eusebius  einen  Dialog  des  Bardesanes- 
schülers  Philippus  bedingen,  in  dem  gegen  den  Schicksals- 
glauben gekämpft  wird  ^  Wir  dürfen  annehmen,  daß  der 
Dialog  in  seinem  Kern  Gedanken  des  Bardesanes  enthält.  Waren 
diese  Gedanken  schriftlich  fixiert?  Eusebius  h.  e.  4  so  erwähnt 
ein  gelehrtes  \Yerk  von  ihm,  das  :t8oI  elftaouh'i]g  handelte. 
Möglicherweise  war  es  ein  astrologiefreun  dliches  Jugend- 
werk^;  damit  würde  die  von  Waitz  S.  256ff  vertretene  Hypo- 
these in  Fortfall  kommen,  die  in  Bardesanes'  tisoI  eUiaouev)]g 
jigög  'AvTon'Ivov  die  Quelle  für  den  Dialog  des  Philippus  sieht. 
Umgekehrt  erwähnen  Epiphanius  und  Theodoret  einen  Dialog 
des  Bardesanes  xaß'  e[uao,usvrjg,  wahrscheinlich  mit  astrologie- 
feindlicher Tendenz,  und  in  ihm  glaubt  Haase  S.  16  nicht 
nur  die  Quelle,  sondern  das  unversehrte  Original  wiederzufinden, 
das  von  dem  Bardesanesschüler  Philippus  syrisch  redigiert  und 
in  dieser  Fassung  von  GL  in  freier  Weise  benutzt  wm-de,  wäh- 
rend eine  griechische  Übersetzung  der  syrischen  Redaktion  so- 
wohl Eusebius  wie  den  Rekognitionen  vorlagt.  Diese  Hypo- 
these hat  viel  für  sich,  aber  trotzdem  muß  folgendes  betont 
werden.  Die  Quelle  des  „Dialogs  des  Philippus"  (der  Vorlage 
von  GL  und  E)  wird  von  Haase  lediglich  deswegen  mit  Bar- 
desanes" y.aß'  Eljuiaoi.iEvrjg  identifiziert,  weil  (wahrscheinlich)  beide 
Schriften  eine  Polemik  gegen  das  Schicksal  enthielten  und  wir 
billigerweise  im  „Dialog"  Gedankengänge  des  Bardesanes  an- 
nehmen. Man  wird  zugeben,  daß  diese  Argumentation  nicht 
genügt.  Außerdem  bilden,  wie  schon  bemerkt  wurde,  gerade 
die  Gesetze  der  Länder  nur  einen  Bruchteil  des  „Dialogs",  und 
es  bleibt  fraglich,  ob  gerade  dieser  Passus  auf  Bardesanes 
zurückgeht,  zumal  wir  wissen,  daß  die  Bardesanesschüler  keines- 
wegs bei  der  Lehre  ihres  Mei^tei-s  stehen  geblieben  sind*. 
Ferner  darf  man   die  Fräse   aufsverfen.   weshalb  Eusebius  das 


^)  Der  landläufige  Titel  , Gesetze  der  Länder"  ist  irreführend,  da 
diese  nur  einen  Bruchteil  des  Dialogs  ausmachen. 

-)  Dies  ist  die  Ansicht  Haases.  Allerdings  scheint  das  durch  „quem- 
admodum"  eingeleitete  Zitat  (S.  12  i)  nur  die  Meinung  der  Astrologen 
(Chaldaei)  wiederzugeben.  Auch  das  in  dem  ixarcoTuro;  liegende  offen- 
kundige Urteil  macht  Schwierigkeiten. 

^)  Haases  Stammbaum  S.  50. 

*)  Haase  hat  S.  Td.  91  selbst  darauf  hingewiesen;  vgl.  auch  das  Ver- 
hältnis Piatos  zu  Sökrates. 


§  10.    Die  Zwischenquelle  zw.  Posidonius  ii.  der  Grumlrichrift.      105 

,. unversehrte  (original''  entgangen  ist  und  er  für  die  Gesetze 
der  Länder  auf  die  syrische  Redaktion  bzw.  deren  griechische 
Übersetzung  angewiesen  war.  Alles  in  allem  scheint  mir  die 
Frage  nach  der  Quelle  des  „Dialogs"  nicht  restlos  erledigt, 
und  gerade  wer  sich  eingehender  mit  den  Klementinen  be- 
schäftigt, wird  die  Quelle  nicht  bei  Bardesanes  snchen. 

Zunächst  verschiebt  sich,  wie  gesagt,  die  Quellenfrage,  denn 
der  Abschnitt  der  Rekognitionen  stammt  aus  der  Grundschrift. 

Daraus  folgt  schon,  daß  Hilgenfelds  Annahme  mit  einer 
gewissen  Modifikation  richtig  sein  kann.  Dem  Dialog,  Eusebius 
und  den  Rekognitionen  liegt  keine  andere  Quelle  als  die  Grund- 
schrift zugrunde^.  Freilich  gibt  sich  das  Eusebiuszitat  ebenso 
wie  der  Syrer  —  im  Gegensatz  zu  den  Rekognitionen  —  als 
ein  Dialog  des  Avida  und  des  Bardesanes  (verfaßt  von  seinem 
Schüler  Philippus)  zu  erkennen.  In  der  Grundschrift  und  den 
Rekognitionen  war  aber  Klemens,  nicht  Bardesanes  der  Redner. 
Darum  ist  zwischen  der  großen  gemeinsamen  Quelle  »der  Grund- 
schrift'i  und  einerseits  dem  Syrer,  anderseits  Eusebius  als 
Zwischenquelle  der  echte  Dialog  des  Philippus  einzuschalten. 
Diese  Zwischenquelle  lief  vielleicht  in  verschiedenen  Rezensionen 
um,  von  denen  Eusebius  eine  die  Grundschrift  mit  größerer 
Treue  wiederspiegelnde  Fassung  benutzte.  So  wenigstens 
könnte  man  die  häufige  Verwandtschaft  des  Eusebius-  und  Re- 
kognitionentextes  gegenüber  dem  Syrer  erklären  2.  Der  andere 
Strom  der  Hauptquelle  TG)  floi)  in  die  Rekognitionen.  Erst 
auf  der  Zwischenstufe  kann  der  echte  Dialog  des  Phihppus  ent- 
standen sein,  und  wenn  er  auch  von  einem  Schüler  des  Bar- 
desanes geschrieben  ist,  so  läßt  sich  damit  noch  nicht  beweisen, 
daß  gerade  unser  Abschnitt  aus  einer  Schrift  des  Bardesanes 
stammt.  Yielmehr  stammt  er  aus  keiner  anderen  Quelle  als 
der  Grundschrift ^. 


1)  Da  die  Christen  bei  allen  3  Autoren  (Rec.  IX  29;  Eus.  V[  10,  25 ff; 
Dialog  S.  118 ff  Hilg.)  als  letztes  und  wichtigstes  Beispiel  für  die  Unrich- 
tigkeit der  astrologischen  Geographie  angeführt  werden,  muß  die  gemein- 
same Quelle  christlich  gewesen  sein. 

-)  Die  Ansicht  von  Merx,  daß  auch  an  anderen  Stellen  der  Rekogni- 
tionen der  , Dialog  des  Philippus"  benutzt  sei,  suchte  Hilgenfeld  S.  133 ff 
umzukehren  (vgl.  Meyboom  S.  71,  Harnack  Chronol.  S.  loOf).  Die  nicht 
wegzuleugnenden  Berührungen  beider  Autoren  erklären  sich  jetzt  befrie- 
digend dadurch,  daß  Dialog  und  Rekognitionen  in  der  Grundschrift  eine 
gemeinsame  Quelle  hatten. 

^)  Die  hier  vorgeschlagene  Lösung  der  Bardesanesfrage  ist  im  Grunde 
dieselbe  wie  die  von  Boll. 


\(){)  Heintze,  Klemensroman. 

7.  Yerhältnis  der  dritten  Disputation.  Oben  S.  73ff 
wurde  mit  hinreichenden  Gründen  der  Nachweis  geführt,  daß 
das  29.  Kapitel  der  Rekognitionen^  von  dem  für  alle  christ- 
lichen Autoren  maßgebenden  Verfasser  der  Grundschrift  „hin- 
zugefügt" ist.  Die  vorhergehenden  Kapitel  wurden  deshalb 
einer  besonderen  Quelle  zugewiesen.  Hieraus  folgt,  daß  jenes 
scharfsinnige  „zweite"  Argument  der  Magusäer  und  Juden  (IX 
27.  2S)  aus  einer  zwischen  Karneades  und  der  Grundschrift  an- 
zusetzenden Quelle  stammt.  Nach  ihr  bildete  der  Verfasser 
der  Grundschrift  sein  eigenes  Argument  der  Christen  und  fügte 
€s  zu  den  Kapiteln  19—28  der  Quelle  hinzu^.  Daß  jene  Quelle 
jüdisch  war,  ist  schon  nach  dem  emphatischen  Schlußkapitel 
(c.  28)  sehr  wahrscheinlich. 

Der  Ruhm,  den  epochemachenden  Einwand  des  Posidonius 
gegen  die  Argumentation  des  Karneades  zunichte  gemacht  zu 
haben,  gebührt  also  nicht  dem  Verfasser  der  Grundschrift,  son- 
dern dem  der  Zwischenquelle.  Ihr  Autor  hatte  Posidonius 
gelesen  und  die  Schwächen  seiner  Beweisführung  erkannt.  Die 
astrologische  Geographie  wurde  von  ihm  gründlich  aus  dem 
Felde  geschlagen. 

Wir  erinnern  uns,  daß  wir  auch  in  der  ersten  Disputation 
eine  Quelle  konstatierten,  in  der  sich  die  sorgfältige  Lektüre 
von  Posidonius'  Buch  Tiegl  deän'  (über  die  „Vorsehung")  verriet. 
Da  drängt  sich  die  Vermutung  auf,  daß  der  Verfasser  der 
Grundschrift  in  der  ersten  und  dritten  Disputation  zu  demselben 
Gewährsmann  gegriffen  hat.  In  beiden  Fällen  handelt  es  sich 
um  eine  polemische  Auseinandersetzung,  das  eine  ]\[al  gegen 
Epikur,  das  andere  Mal  gegen  die  Astrologen,  besonders  Posi- 
donius. Die  Bücher  scheinen  demnach  die  Form  von  Dispu- 
tationen gehabt  zu  haben,  und  man  könnte  höchstens  fragen, 
ob  der  Gegner  wirklich  antwortete  oder  nur  dem  geistigen  Auge 
des  Verfassers  vorschwebte.  Aber  hier  herrscht  kein  Zweifel. 
Unsere  Rezensionen  des  Klemensromans  liefern  selbst  die  Gegner 
der  Disputationen.  Im  6.  Kapitel  des  Buches  y  erzählt  Klemens, 
wie  er  einst  in  Tyrus  auf  einem  Spaziergange  erblickt  habe: 
'Avvovßicüva  xbv  dioojioUnjv  tcvu  äoTQO?.öyov  y.al  'AdijrodcoQOV 
tÖv  A&i]valov  TCO  ''Eniy.ovQov  aQeoy.ojusvov  loyco. 

^)  Daß  es  zur  Grundschrift  gehörte,  wird  durch  die  eben  gegebene 
Lösung  des  Bardesanesproblenis  bestätigt;  vgl.  S.  74 f. 

*)  Technisch  ist  übrigens  dies  Argument  etwas  anders  angelegt  als 
das  der  Juden  und  Magusäer. 


§  10.    Die  Zwischenquelle  zw.  Posidonius  u.  der  Grund.schrift.      I  07 

Zum  zweiten  Mal,  auf  einem  anderen  Wege,  stoßen  wir 
auf  eine  Quelle,  in  der  über  die  Vorsehung  gegen  Atlienodor, 
über  die  Astrologie  gegen  Annubion  disputiert  wurde.  Dieselbe 
Ansicht  ist  ja  bereits  oben  S.  49  entwickelt,  wo  wir  die  (Quelle 
des  Klemensromans  in  einem  jüdischen  Disputationsbuch  apo- 
logetischer Tendenz;  erkannten.  Dort  debattierte  ein  eben  zum 
Judentum  übergetretener  Jüngling  mit  Apion  über  die  Götter- 
mythen, mit  Annubion  über  Astrologie,  mit  Athenodor  über  die 
Vorsehung.  Wie  wir  sahen,  hat  der  Verfasser  der  Grundschrift 
diesem  Buche  die  Disputation  über  Vorsehung  und  Astrologie, 
der  Homilist  dagegen  die  allegorische  Mythendeutung  ent- 
nommen. Eben  haben  wir  durch  Einzelinterpretation  der  philo- 
sophischen Disputationen  in  Laodicea  (VIII  1 — IX  32)  wieder- 
um zwei  Disputationen,  über  die  Vorsehung  (VIII  10 — 33.  43. 
45.  46)  und  über  die  Astrologie  (IX  19 — 2S)  ausgesondert. 

Durch  unsere  Quellenscheidung  erledigt  sich  auch  die  letzte 
Schwierigkeit.  Aqnila  rühmt  sich,  ein  Schüler  Pyrrhos  zu 
sein^  Gleichwohl  verteidigt  derselbe  Pyrrhoschüler  mit  wai-mer 
Begeisterung  die  Vorsehung.  Diese  Entgleisung  zeigt  so  recht, 
daß  man  vom  Verfasser  der  Grundschrift  keine  tieferen  philo- 
sophischen Kenntnisse  erwarten  darf.  Wenn  aber  unsere  An- 
nahme richtig  ist,  daß  der  Verfasser  eine  einzige  Disputation 
über  die  Vorsehung  unter  zwei  Personen,  Niketes  und  Aquila, 
verteilt  hat,  so  bleiben  in  Wirklichkeit  nur  zwei  Disputationen 
übrig:  die  Debatte  über  die  „Vorsehung"  übernahm  ein  „Gegner 
Epikurs",  die  gegen  den  Fatalismus  ein  echter  Schüler  des 
Pyrrho  oder  besser  Karneades. 

Es  ist  wichtig,  daß  uns  beide  Wege  auf  eine  jüdische 
Quelle  führten.  Daß  gelehrte  Juden  den  Posidonius  gut  kannten, 
wissen  wir  durch  Philo  (vgl.  oben  S.  89  s).  Außerdem  beob- 
achten wir,  daß  die  christliche  Apologetik  auch  hier  durch  die 
jüdische  angeregt  wurde  ^. 

8.  Apion  und  der  Peplos  des  [Aristoteles].  Die 
Personen  in  dem  erschlossenen  Disputationsbuch  waren,  aulJer 
dem  neubekehrten  Jüngling,  Apion,  Annubion  und  Athenodor. 
Der  erstere  hat  sich  wirklich,  wie  in  den  Homilien,  mit  der 
allegorischen  Mythendeutung  abgegeben.  Den  ägyptischen 
..scarabaeus  qui  pilas  volvit"  hielt  er  für  ein  Mittel  gegen  das 
Quartanfieber;   „propter  hunc  Aegypti  magna   pars   scarabaeos 

')  Vgl.  VIII  7  16.  ■')  Vgl.  Geftcken  S.  IX. 


108  Heintze,  Klemensroman. 

inter  iiumina  cülit.  curiosa  Apionis  interpretatione,  qua  colligat 
solis  operum  similitudinem  buic  animali  esse,  ad  excusandos 
gentis  suae  ritus-'  ^  Wahrscheinlich  hat  er  seine  apologetischen 
Liebhabereien  in  dem  Buche  Ar/vn^Tiaxü  verarbeitet-.  In  dieser 
Beziehung  ist  folgende  Stelle  des  Klemensromans  bemerkens- 
wert (i  I6f  =  Y  20f).  In  einer  Predigt  an  die  Einwohner  von 
Tripolis  führt  Petrus  als  Schulbeispiel  für  die  Torheit  des 
Götzendienstes  die  Ägypter  an.  die  den  Apis,  Ziegenböcke, 
Katzen.  Ibisse,  Zwiebeln,  Kloaken  und  Magenknurren  für  Götter 
halten.  Alle  Tripolitaner  brechen  in  Gelächter  aus.  Petrus 
freut  sich  und  sagt:  jt/Jjv  avrcor  hi  rd  rov  öodov  Xoyiofxov 
CTvtovTeg,  aidoi\uevoi  im  reo  tiooö/jAco  aiayocö,  eig  äXli-jy OQiag 
avxu  äyeiv  :i£iocdvrai,  öi'  iregag  äjiovoiag  xä  Trjg  d/rdr?;?  avicbv 
■&ai'daiaa  y.gaTvveir  ßovÄojLievoi  (/  18  vj).  Nicht  einmal  der  Ver- 
fasser der  Grundschrift,  der  die  Person  des  Apion  überhaupt 
aus  seinem  Boman  fortließ,  kann  sich  enthalten,  in  Tripolis  an 
einem  sehr  ungeeigneten  Platze  jene  Allegorie  zu  verlästern, 
die  er  in  seiner  jüdischen  Quelle  kennen  gelernt  hatte. 

In  der  Homerinterpretation  zeigte  sich  der  Grammatiker 
als  Schüler  des  Krates.  Das  Lexikon  des  Apollonius  (S.  216  29) 
hat  noch  seine  Etymologien  aufbewahrt:  IlaXläg  em&erov  l'diov 
lAd}]vüg,  ojg  jiiev  \47tiojv,  äjio  tov  naieiv  rovg  /Movg^. 

Über  denselben  Apion  ist  noch  eins  zu  sagen.  Michaelis 
hat  in  seiner  Dissertation  „de  origine  indicis  deorum  cognomi- 
num"  (Berlin  IS97)  in  dem  ps. -aristotelischen  Peplos  eine  Quelle 
erkannt,  wo  wie  in  einem  Schul-  und  Nachschlagebuch  einer- 
seits die  Liebschaften  und  Gräber,  anderseits  die  Beinamen 
der  Götter  sehr  gewissenhaft  verzeichnet  waren  iS.  38.  68). 
Dieses  etwa  im  2.  Jahrhundert  v.  Chr.  alphabetisch  verfaßte 
Kompendium  muß  dem  Gewährsmann  der  Homilienbücher  deg 
und  der  Rekognitio;ien  (X  15 — 51),  in  denen  die  Liebschaften 
und  Gräber  der  Götter  aufgezählt  werden,  zur  Benutzung  vor- 
gelegen haben.  In  beiden  Rezensionen  erkennt  man  nämlich 
noch  Spuren  der  alphabetischen  Anordnung,  wie  zuerst  Bücheler 
beobachtete*.  Derselbe  Gelehrte  vers-leicht  eine  Stelle  des 
Suidas  s.  v.  Uäoijg'  'Amü}i>  tv  reo  tieqI  judyov  und  deutet  kurz 
seine  Hypothese  an:  „in  encomio  illo,  quod  Apioni  grammatico 

1)  Plin.  n.  h.  XXX  11,  30  =  Müller.  Fragm.  bist.  Graec.  III  515,  fr.  29. 

-)  A.  V.  Gutschmidt,  Kl.  Schriften  IV  366. 

')  Lehr.s,  Quaestiones  epicae.  Königsberg  1838,  S.  32. 

')  Fleckeisens  .Jahrbücher  f.  elass.  Philol.  105  (1872  1),  S.  573fF. 


§  10.   Die  Zwischenquelle  zw.  Posidonius  u.  der  Grundschrift.      109 

Alexandrino  attribufcum  est.  adulteria  quao  Iiippiter  conunisit 
,transformatus  utpote  magus-  "  i.  Demnach  stellt  sich  Micliaclis 
S.  59  den  Herfj:ang  folgendenuaßeii  vor.  Apion  exzerpierte 
jenen  Teil  des  Peplos.  in  dem  die  Liebschaften  des  Zeus  und 
andere  Raritäten  alphabetisch  nach  Hesiod,  Nicaenetus  und 
anderen  Autoren  registriert  waren.  —  ^fag  nun  diese  Konjektur 
richtig  oder  falsch  sein,  jedenfalls  ist  in  dem  angenommenen 
jüdischen  Disputationsbuch  der  ps.-aristotelische  Peplos  benutzt, 
ebenso  wie  jenes  von  Diels  entdeckte  doxographische  Kompen- 
dium. 

9.  Annubion  und  Athenodor.  Die  Rolle,  die  Annubion 
in  der  Quelle  spielte,  ist  gänzlich  schattenhcift.  Yollends  über 
die  historische  Person  sind  wir  nur  mangelhaft  unterrichtet-. 
Immerhin  muß  er  ein  sehr  berühmter  Astrologe  gewesen  sein. 
Sechs  Distichen  von  ihm  sind  durch  llephästion  von  Theben 
überliefert^.  Neuerdings  fällt  auf  Annubion  hie  und  da  Licht 
durch  die  Veröffentlichungen  des  Catalogus  Codicum  Astrolo- 
gorum  Graecorum*:  Cat.  II  §  202—212.  Cat.  Till  2,  S.  57  le; 
Ol  4.  Von  den  22  Schemata,  die  in  der  Grundschrift  und  den 
Rekognitionen  angeführt  werden,  lassen  sich  nur  vier  allenfalls 
mit  denen  des  Annubion  vergleichen: 

X  9  u:  6  Zevg  f<V  ^Aq  oodiTijr  (&c.  einßaivcovj  ,,y.ai  ud'/.a  yai- 
Qet".     öcpeko^  yäo    xwv    y.oTicov   y.ai   y.eodog   öidoT   (Cat.  II  203  8j. 

X  9  16  (vgl.  IX  17  7-10,  19  12 1:  o  "Aoi]g  £<V  'A(foodiT)]v  ^)]kovg 
yvvaiy.eiovg  y.al  raoa/äg  {noiet)  y.al  rag  iyy.vovg  ß'/ÄTiTei  ojuoto- 
yiag  iirrdywv  (Cat.  II  203  22). 

IX  24  12:  6  'Egiolg  de  eig  A(foodm]v  y.oeixTCor  elg  t€  ßlov 
y.ai  TS/V)]}'  y.al  yduor  y.al  q^iUav, 

,,y.dv  ä/J.oig  kgyoiorv  ör)'juoveg'  e^oya  ö    avTog 
d}]yaro  yeoda/J)]v  drdodoir  ijunogü]}'". 

(Cat.  II  203  :u). 


^)  Reo.  X  22  3:  ^nonnullas  transformatus  utpote  magus  vitiavit*  (sc. 
luppiter).  Jenes  iyy.o'jaior  iioi/st'a;  ist  der  bekannte  Liebesbrief  des  Apion 
(f  10-19). 

-)  Zuerst  nennt  ihn  Firmicus  Maternus  (ca.  300—350).  Engelbrecht, 
Hephästion  von  Theben,  Wien  1887,  S.  36.  Wahrscheinlich  lebte  er  in 
neronischer  Zeit.     Vgl.  Rieß  , Annubion".  Wissowas  Realenzyklopädie. 

')  Sie  stehen  im  Anhang  von  Köchlys  Ausgabe  der  Manethoniana 
(Teubner).     Es  handelt  sich  um  Beobachtung  des  Horoskops. 

*)  C.  C.  A.  Gr.  (Brüssel  1898  ff)  11  (1900),  YIII  2  a912). 


wo  Heintze,  Klemensroman. 

IX  17  17.  in:  ei  dk  y.al  ev  tootiihÜ)  I^codico  fsc.  6  "Agi^g  'A(pQo- 
dm]V  reroaycoviCcov  tov  "Agsog  xa'&vneQXEQOvvTog) ,  juaXaHal  e'aov- 
rai  (Cat.^II  20S  is). 

Ob  der  Verfasser  des  jüdischen  Disputationsbuches  Annu- 
bions  Lehrgedicht  benutzt  hat,  läßt  sich  einstweilen  nicht  nach- 
weisen. 

Yon  dem  athenischen  Epikureer  Athenodor  fehlt  jegliche 
sonstige  Nachricht.  Trotzdem  ist  er,  wie  Apion  und  Annubion, 
sicher  keine  erdichtete  Person^.  Übrigens  wurde  im  Zeitalter 
der  Antonine  der  Lehrstuhl  für  epikureische  Philosophie  in 
Athen  neu  begründet,  so  daß  sich  die  Schule  bis  ins  4.  Jahr- 
hundert hielt  2. 

§  11.    Datierung  der  Klementinen.^ 

Die  im  ersten  und  zweiten  Abschnitt  gewonnenen  Ergeb- 
nisse müssen,  um  Berücksichtigung  zu  verdienen,  sich  mit  den 
heute  für  die  Datierung  geltenden  Anschauungen  vereinigen 
lassen.  Glaubte  man  vielleicht  in  Origenes'  Philokalia^  und 
seinem  lateinisch  erhaltenen  Matthäuskommentar  (ser.  77)  für 
die  Grundschrift  einen  terminus  ad  quem  sehen  zu  können, 
so  ist  das  erste  Zeugnis  von  Robinson  (Vorrede  S.  50)  den  Re- 
daktoren der  Philokalia,  Basilius  und  Gregor  von  Nazianz,  zu- 
gewiesen, während  das  Zitat  des  Matthäuskommentars  nach 
Chapman  durch  Interpolation  aus  [Chrysostomus]  Opus  imper- 
fectum  entstanden  ist '". 

Abgesehen  von  Hilgenfeld  (Z.  f.  wiss.  Theol.  1903,  34211') 
ist  das  Zeugnis  der  Philokalia  im  allgemeinen  preisgegeben. 
Dieselbe  Tendenz  macht  sich  in  der  Beurteilung  des  zweiten 
Origeneszitates  geltend.  Dagegen  wird  Chapmans  Beweis- 
führung von  Bousset  ('S.  434)  verworfen,  der  in  dem  von  ihm 
220 — 230  datierten  Klemensbrief  einen  terminus  ad  quem  für 
die  -jz  200  zu  fixierende  Grundschrift  sieht  ^. 

Die  Versuche,  den  Klemensroman  in  so  frühe  Zeit  zu  ver- 
legen,  müssen   als  mißlungen  angesehen  werden.     Das  gleiche 

»)  Zeller  *  III  1,  S.  .389  i.  "-)  Zeller  S.  412. 

■')  Vgl.  Waitz  S.  GOff.  366ff;  Harnack,  Chronol.  S.  530ff;  Bousset 
S.  434ff;  Chapman  S.  21  ff.  147ff. 

*)  C.  23  Armitage  Robinson,  Cambridge  1893. 

")  Journal  of  the  Theological  Studies  III  (1902)  436 ff. 

")  Daß  der  Klemensbrief  am  besten  aus  der  Frage  ausscheidet,  ist 
oben  S.  39  gezeigt. 


V?  11.    Datierung?  der  Klementinen,  Itl 

gilt  aber  von  dem  durch  Chüpnian  inaugurierten  Extrem,  die 
Grundschrift  erst  in  nachnicänischer  Zeit  (ca.  330)  anzusetzen. 
Die  ganze  Entstehungstheorie  des  englischen  Gelehrten  ist 
oben  S.  17f  einer  Kritik  unterzogen.  Seine  Datierung  stützt 
sich  auf  die  (auch  von  uns  vertretene)  Hypothese,  daß  Rufin 
außer  den  Rekognitionen  die  Grundsehrift  kannte.  Da  sich 
nämlich  nach  Rufins  eigenem  Zeugnis  in  beiden  Rezensionen 
eunomianisches  Gut  fand,  nimmt  Chapman  an,  daß  die  Grund- 
schrift im  Jahre  363  von  einem  Eunomianer  interpoliert  und 
die  interpolierte  Fassung  von  dem  (vielleicht  identischen)  Autor 
der  Rekognitionen  zugrunde  gelegt  wurde.  Denn  in  Rec.  III 
2 — 11  glaubt  Chapman  Benutzung  von  Eunomins"  liber  apolo- 
geticus  nachweisen  zu  können  ^ 

Hierzu  ist  folgendes  zu  bemerken.  Der  (von  mehreren 
Handschriften  ausgelassene)  Passus  III  2 — U  verrät  sich  durch 
die  Preisgabe  der  „Ichform"  unbedingt  als  Interpolation 2.  Dann 
muß  aber  mit  dem  Fall  gerechnet  werden,  daß  er  in  dieser 
Form  erst  in  die  Rekognitionen  interpoliert  wurde.  Den  zweiten 
Einwand  hat  schon  Harnack  in  seiner  Chronologie  S.  534  1 
Chapman  gegenüber  vorweggenommen:  „Die Lehrweise  des  Euno- 
mins war  ja  nur  eine  konsequente  Erneuerung  der  Lehre  des 
Lucian,  Arius  und  Asterius.  Sie  hatte  die  Folge,  daß  man  in 
der  2.  Hälfte  des  4.  Jahrhunderts  sehr  häufig  von  der  „doctrina 
Eunomii"  sprach,  wo  man  ebenso  richtig  „doctrina  Luciani  vel 
Arii"  sagen  konnte". 

Was  die  von  Chapman  angenommenen  intimen  Beziehungen 
Simons  zu  dem  Neuplatoniker  Jamblich  betrifft,  so  ist  oben 
gezeigt,  daß  wir  es  hier  jedenfalls  mit  altem  Quellengut  zu  tun 
haben,  und  speziell  die  Bekämpfung  der  Astrologie  w^ar  in  den 
ersten  nachchristlichen  Jahrhunderten  ebenso  am  Platze  wie 
später^. 

Endlich  ist  auch  der  wichtigste  Beweis  Chapmans,  daß  die 


')  Chapman  S.  22ff.  28  ff. 

-)  III  7  1:  , Clemens  vero  et  ceteri  interrogaverunt  —  — ".  Waitz 
S.  370f.  97  f.  27  i  hat  III  2 — 11  den  Rekognitionen  zugewiesen,  nimmt  aber 
eine  ähnliche  Behandlung  schon  für  G  an. 

')  Chapman  S.  157  macht  die,  wie  wir  sahen,  irrige  Voraussetzung, 
daß  die  mythologischen  Disputationen  der  Homilien  (degj  in  der  Grund- 
schrift standen.  Nach  ihm  ist  der  Verfasser  der  Grundschrift  ein  aria- 
nischer  Gnostiker,  der  im  4.  Jahrhundert  (c.  o30)  in  Antiochia  für  „suchende 
Heiden"  schrieb  (S.  30.  153 f). 


1  1  2  Heintze,  Klemensroman. 

Oi'undschrift  von  Eusebius  pr.  ev.  Yl  10.  lOff  abhängt,  durch 
unsere  Ausführungen  zum  Bardesanesproblem  entkräftet. 

Es  bleibt  zunächst  dabei,  an  dem  Satze  Harnacks  TChronol. 
S.  533)  festzuhalten,  daß  man  mit  der  rirundschrift  nicht  über 
das  Jahr  300  hinausgehen  dürfe. 

Ist  unsere  Hypothese  richtig,  so  hat  man  für  die  Grund- 
schrift einen  sicheren  terminus  ad  quem  in  dem  Jahre  313,  in 
das  Eusebius'  praeparatio  evangelica  fällt.  Dort  ist  zum  ersten- 
mal, durch  Yermittlung  des  ,,  Dialogs  des  Philippus",  ein 
größerer  Passus  der  Grundschrift  benutzt  (oben  S.  105).  Da 
aber  der  „Dialog  des  Philippus''  von  einem  Schüler  des  Bar- 
desanes  stammt  und  Bardesanes  schon  im  Jahre  222  starb,  er- 
gibt sich  als  Maximalgrenze  für  den  ..Dialog'"  die  Zeit  von 
270 — 280^.  Das  ist  der  letzte  erschließbare  terminus  ad  quem 
der  im  ,, Dialog"  benutzten  Grundschrift. 

Für  den  terminus  a  quo  sind  die  Quellen  maßgebend.  !N^eu 
gewonnen  haben  wir  ein  jüdisches  Disputationsbuch,  in  dem 
eine  von  Diels  in  das  1.  —  2.  nachchristliche  Jahrhundert  gesetzte 
Doxographie  und  der  ps. -aristotelische  Peplos  (2.  Jahrli.  v.  Chr.), 
eventuell  durch  Yermittlung  einer  Schrift  Apions  benutzt  wurde. 
Die  Personen  des  Apion  und  Annubion  gehören  historisch  in 
die  erste  Kaiserzeit.  Ihre  literarische  Yerwertung  weist  da- 
gegen nach  einer  Bemerkung  von  Wilamowitz  in  das  Zeitalter 
der  „zweiten  Sophistik'*.  Dazu  stimmt  die  Polemik  gegen 
Epikur,  die  vielleicht  durch  die  von  den  Antoninen  unterstützte 
]S^eugründung  der  epikureischen  Schule  in  Athen  hervorgerufen 
wurde.  Xach  alledem  empfiehlt  es  sich,  das  jüdische  Dispu- 
tationsbuch -J2  200  anzusetzen. 

In  dieselbe  Zeit,  vielleicht  in  etwas  spätere,  gehört  die  im 
dritten  Abschnitt  zu  behandelnde  Romanquelle  der  Grundschrift 
(vgl.  unten  §  14).  Waitz  S.  151  ff.  243  ff  hat  die  von  ihm  auf- 
gedeckten Quellen  Ki]Qvyua  Tlergov  und   ITod^eig  Uerooi'^  um 

^j  Soweit  ich  urteilen  kann,  gibt  es  keinen  Hinderungsgrund,  den 
,  Dialog"  in  die  2.  Hälfte  des  3.  Jahrhunderts  zu  rücken.  Haase  S.  47  f 
möchte  allerdings  die  ^syrische  Redaktion",  die  für  uns  allein  in  Betracht 
kommt,  bald  nach  220  anset^n. 

*)  Über  letztere  äußert  sich  Bousset  S.  445f  skeptisch.  Er  weist  da- 
für eine  apologetische  Heiden-  und  Bekehrungspredigt  (des  Petrus?)  in 
Rec.  IV"  und  Hom.  >/,  ??  nach  (S.  443 f).  —  Auch  Chapman,  der  in  über- 
triebener Weise  mit  Headlam  überhaupt  keine  Quellen  anerkennen  will 
(vgl.  die  Posidoniusfrage),  weist  Waitz'  Rekonstruktion  der  77.  77  zurück 
(S.  147  K). 


§11.   Datierung  der  Klenientinen.  113 

135,  bzw.  210  angesetzt  Ilarnack  (Chronol.  S.  530  ff )  setzt  beide 
+  200  an. 

Demnach  läßt  sich  im  allgemeinen  sagen,  daß  die  Quellen 
des  Klemensromans  um  die  Wende  des  2.  imd  3.  Jahrhunderts 
fallen.  Wir  gewinnen  damit  für  die  Grundschrift  einen  Spiel- 
raum von  200 — 280  und  können  sie  mit  Harnack  etwa  im  Jahre 
200  ansetzen. 

Für  die  Rekognitionen  haben  wir  wegen  des  Zitats  der 
Philokalia  als  terminus  ad  quem  das  Jahr  358  anzunehmen,  in 
dem  Basilius  und  Gregor  von  Nazianz  das  Werk  des  Origenes 
redigierten  (oben  S.  41).  Das  gleiche  gilt  für  die  von  den  Re- 
kognitionen benutzten  Ilorailien.  Beide  werden  von  Waitz  und 
Chapman  in  nachnicänische  Zeit  gesetzt,  während  Harnack  die 
Zeit  von  275—325,  bzw.  290—360  offen  läßt. 

Man  sieht,  daß  sich  im  günstigsten  Falle  Grundschrift,  Ho- 
milien  und  Rekognitionen  in  einen  Zeitraum  von  30  Jahren 
(260 — 290)  zusammenpressen  lassen.  Das  wäre  psychologisch 
betrachtet  eigentlich  das  wahrscheinlichste,  zumal  da  der  Roman 
unvollendet  war  ^.  Anderseits  verdienen  die  Ausführungen  von 
Waitz  und  Chapman  Beachtung,  welche  die  Ilomilien  und  Reko- 
gnitionen in  nachnicänische  Zeit  setzen.  Nur  darf  man  aus  den 
angegebenen   Gründen   nicht   über   das  Jahr  358   hinausgehen. 

Der  römische  Presbyter  hat  die  Rekognitionen  in  seinem 
Alter  übersetzt  (+411)  und  zwar  „multas  post  moras".  Vor 
ihm  hat  sich  die  inzwischen  verstorbene  Jungfrau  Silvia  damit 
abgemüht-.  Offenbar  ist  also  seit  der  Schlußred aktion  der 
griechischen  Rekognitionen  schon  geraume  Zeit  verflossen.  Bei 
einer  zeitlichen  Nähe  der  Grundschrift  und  Rekognitionen  wird 
auch  Chapmans  und  unsere  Hypothese  verständlich,  daß  Rufin 
gerade  diese  beiden  Rezensionen  kannte. 

W^as  die  Heimat  der  Grundschrift  betrifft,  so  geht  die 
überwiegende  Meinung  der  Gelehrten  dahin,  daß  sie  in  Syrien 
entstand^.  Die  von  uns  erschlossenen  jüdischen  Disputationen 
benutzen  den  im  Orient  viel  gelesenen  Posidonius  aus  Apamea, 
und  der  Klemensroman  selbst  hat  dem  Bardesanesschüler  Phi- 
lippus    vorgelegen.     In    der    dem    Roman    zugrunde    liegenden 

^)  Auch  Nau.  Dict.  S.  214  verlegt  die  Homilien  und  die  [aus  Euse- 
bius  schöpt'endenj  Rekognitionen  in  das  Ende  des  3.  oder  Anfang  des 
4.  Jahrhunderts. 

'-)  Vgl.  die  Vorrede  an  Gaudentius. 

*)  Waitz  S.  60f  und  Harnack  Chronol.  S.  532  verlegen  sie  nach  Rom. 
T.  u.  U.  '14:  Heintze.  8 


114  Heintze,  Klemensioman. 

Fabel  weht  die  Luft  der  sophistischen  Romane  des  Orients, 
Selbst  die  von  ^Yaitz  gewonnenen  Quellen  scheinen  orienta- 
lischer Herkunft  zu  sein.  Daraus  zieht  Bousset  die  richtige 
Konsequenz,  wenn  er  sagt  (S.  435):  ,.Es  ist  aber  mindestens 
wahrscheinlicher,  daß  jene  verschiedenen  Quellen  im  Orient  zu 
G  verarbeitet  wurden  und  so  nach  Rom  kamen,  als  daß  sie 
sämtlich  einzeln  nach  Rom  verschlagen  wurden,  um  dann  hier 
zu  G  verarbeitet  zu  werden". 

Ton  den  Homilien  und  Rekognitionen  wird  so  wie  so  fast 
allgemein  angenommen,  daß  sie  in  Svrien  entstanden  sind. 


Dritter  Abschnitt. 

Der  Erzählungsstoff. 

In  den  philosophischen  Disputationen  zu  Laodicea  steckt 
zweifellos  altes  Quellengut.  Das  lehrt  schon  die  Parallele 
Ciceros.  Weniger  glücklich  sind  wir  daran,  wenn  wir  versuchen, 
die  Quellenfrage  für  den  letzten  Abschnitt,  den  Erzählungsstoff, 
zu  entscheiden.  Hier  ist  man  lediglich  auf  Interpretation  an- 
gewiesen, die  allerdings  dadurch  erleichtert  wird,  daß  der  grund- 
schriftliche Romanstoff  wegen  der  Identität  unserer  Rezensionen 
sich  mit  Sicherheit  rekonstruieren  läßt.  Wir  fragen  also,  ob 
die  Fabel  der  Grundschrift,  die  Geschichte  der  Klemensfamilie. 
vom  Autor  frei  komponiert  oder  in  eine  ältere  Novelle  hinein- 
gearbeitet ist. 

§  12.   Rekonstruktion  der  älteren  Fabel. 

Zu  Beginn  des  Romans,  wo  Klemens  seine  Abreise  von 
Rom  nach  Judäa  erzählt,  ahnen  wir  nicht,  daß  der  folgenden 
Handlung  bereits  eine  ausgeführte  Yorfabel  zugrunde  liegt.  Erst 
allmählich  wird  es  klar,  daß  der  Held  aus  einer  Familie  stammt, 
mit  der  das  Schicksal  früher  ein  seltsames  Spiel  getrieben  hat^. 
Es  war  in  Rom,  wo  Klemens'  Mutter  Mattidia  einst  ihrem 
Gatten  erzählte,  ein  nächtliches  Traumgesicht  habe  ihr  be- 
fohlen, mit  den  zwei  ältesten  Söhnen  auszuwandern,  widrigen- 
falls die  ganze  Familie   dem   Untergang  geweiht   sei   {iß  16  3). 

')  tß  8-10;  tß  15.  16;  VII  26.  27;  u",  7  c^  IX  32.  33;  IX  36. 


I 


§  12.   Rekonstruktion  der  lUteren  Fabel.  1 15 

Der  gutgliuibige  Faustus  erschrickt  licfrig  und  bittet  seine  Gattin, 
mit  den  Söhnen  nach  Athen  zu  reisen,  während  er  das  jüngste 
Kind  Kleniens  bei  sich  behält.  Im  folgenden  Jahr  ergreift  ihn 
eine  plörzliche  Unruhe.  Er  schickt  Bitten  nach  Athen,  die  ihm 
von  seiner  Frau  und  den  Kindern  Nachricht  bringen  sollen. 
Sie  kehren  nicht  zurück.  Tm  dritten  Jahr  schickt  er  aufs  neue 
Boten,  die  erst  im  vierten  heimkehren,  aber  von  Mattidia  nichts 
zu  melden  wissen.  Jet/.t  eilt  der  Vater  zum  Hafen  (des  Au- 
gustus)  und  fragt  die  Schiffer  aus,  ob  sie  irgendetwas  von 
^lattidia  vernommen  haben.  Aber  ihre  Aussagen  widersprechen 
sich,  ü  Tiaitjo  äy.ovcov  emtva^ev  7i)Jjr  cjio  oTiJAyyvcov  doov- 
ßoi\uevog   äköyioxa    eTivvddreio,    oxi    xooovrov   /ueye^fog    da}Axri]ig 

igevväv  ejieigäxo xjj  Tigög  rovg  ^rjxovjuevovg  oxogyf]  ik- 

nlotv  ißory.o/.eixo  xevaig  {iß  1 0  m).  Schließlich  kann  er  nicht 
anders,  er  läßt  Klemens  in  Rom  zurück  und  reist  ab,  um  seine 
Familie  zu  suchen  ^ 

Das  alles  erzählt  Klemens  dem  Petrus  in  Antaradus,  wo 
beide  zufällig  allein  sind.  Am  folgenden  Tage  finden  wir  Mat- 
tidia  vor  dem  Portal  des  Tempels  von  Aradus  bettelnd.  Sie 
beschwört  dort,  daß  sie  in  Wirklichkeit  gar  kein  Traumgesicht 
gehabt  habe;  vielmehr  sei  ihr  Schwager,  der  Bruder  des  Gatten, 
in  so  leidenschaftlicher  Liebe  zu  ihr  entbrannt,  daß  sie  sich  ihm 
nur  durch  Auswanderung  entziehen  konnte;  aus  diesem  Grunde 
habe  sie  jenes  Traumgesicht  erdichtet. 

Diese  beiden  Erzählungen  lassen  sich  sehr  wohl  vereinigen. 
—  Ganz  anders  wird  aber  von  Faustus  die  Sache  dargestellt. 
Der  Alte  fand  Petrus  und  die  drei  Brüder  am  Meeresstrande 
betend.  Ihn  jammert  diese  Torheit  und  er  sagt:  Ovxe  yäo  deog 
ioxiv  ovxe  TTOovoia,  aXkä  yeveosi  ra  ndvxa  vTiöxeixai,  cbg  eych  iff' 
olg  :xe:xorßa  7zerr/.7]oo(p6Qiji(ai  {id  3  3u).  Diesen  Satz  sucht  er 
durch  das  Schema  seiner  eigenen-  Gattin  zu  beweisen:  «5  6  8 
ai'xfjg  x6  öiddei.ia'  rroiovv  jiioiyddag,  löicov  dovloiv  ioioaag,  y.al 
ijxl  ^ev}]g  ev  vöaoiv  dvi]oyovoag.  o  y.al  ovxü)  yiyovev.  loaodfXoa 
ydq  xov  idiov  Öovkov ,  —  —  (f-vyovaa  ovv  avxco,  ev  akkobcxTif] 
öoio'joaoa  y.al  y.oht^g  avxqj  xoircovrjoaoa  ßakdoot]  diecfddgii.  Petrus 
fragt  ihn,  woher  er  wisse,  daß  jene  von  einem  Sklaven  geehe- 

1)  tß  8—10. 

^)  In  den  Homilien  tut  Faustus  so,  als  wenn  es  sich  um  die  Gattin 
seines  Freundes  handele.  Diese  „Fiktion"  ist  ein  Zusatz  des  Homilisten 
(oben  S.  9f).  In  den  Rekognitionen  IX  32  lu-f  lesen  wir  die  Fassung  der 
Grundschrift. 

8* 


1  1  (j  Heiutze,  Klemensronian. 

licht  und  gestorben  sei.  Darauf  Faustus:  'Aocfa/xog  olda  rah^Oi) 
ovyi  ort  eyrjjuev  (önöre  ovo'  Sri  ijga  eyivojoy.ov).  Alles  Yorher- 
geliende  also,  die  Flucht  der  Gattin  mit  einem  Haussklaven, 
ovTO)  yeyovev.  So  hat  es  nicht  nur  die  Grenesis  bestimmt,  son- 
dern Faustus  bezeugt  immer  wieder,  daß  er  es  selbst  erlebt 
hat^.     Übrigens  fährt  er  an  der  obigen  Stelle  fort: 

C.  7  15  äVA   jiieTa   trji>  avtTJg  IX  33  5  „sed  postquam  pro- 

äjia?Jayi]v  6  dde?.(fög ejuol      fecta    est,    frater    meus    mihi 

öi7]y)'joaro    ndvia    rd   y.aid    top      enarravit,    dicens    quod   primo 

ni'Tfjg  egona (wir  vrürden      quidem  ipsum  adamasset,   sed 

erwarten   tÖv  amijg   {ngög  zdv      ille,  quia  erat  honestus,  utpote 
öolO.ov)  egona),    aber  es  heißt      frater  noluit   torum   fratris   in- 
weiter: y.al  (hg  oejiivdg  ojv  (äre      cesti  macula  polluere." 
dij  äöelffbg)  ovy.  Ißovh'i&i]  piä- 
rai  Ti]v  y.oir}]v. 

Was  soll  man  sagen?  Bis  Zeile  15  ides  7.  Kapitels)  mußte 
man  glauben,  Faustus  sei  überzeugt,  daß  Mattidia  aus  Liebe 
zu  einem  Sklaven  auf  und  davongegangen  sei.  Jetzt  aber, 
von  der  15.  Zeile  an,  hören  wir  nichts  mehr  von  dem  Sklaven, 
vielmehr  ist  Mattidia  (geflohen  aus  Liebe  zu  ihrem  Schwasfer^. 
Gleichwohl  kann  Faustus  sich  nicht  genug  tun  in  Beteuerungen, 
wie  wahr  und  richtig  jenes  Schema  seiner  Gattin  gewesen  sei. 
Sogar  nach  drei  scharfsinnigen  Disputationen  über  die  Be- 
kämpfung des  Fatalismus  versichert  er:  „a  propria  conscientia 
prohibeor  accommodare  consensum"   (IX  32  4). 

Für  die  Behauptung,  daß  Mattidia  Ehebruch  begangen 
habe,  werden  demnach  in  Wirklichkeit  zwei  Gründe  angeführt: 
das  Horoskop  und  die  Verleumdung  des  Schwagers.  Aber  im 
Horoskop  hören  wir  nichts  von  dem  „Schwager",  in  der  Ver- 
leumdung des  Schwagers  nichts  von  dem  „Haussklaven".  Der 
eine  Grund  schließt  aber  den  andern  aus,  und  man  kann  nur 
annehmen,  daß  hier  zwei  Versionen  kontaminiert  sind : 

1.  Mattidia  zieht  es  vor,  sich  der  Liebe  des  Schwagers 
durch  Flucht  zu  entziehen,  als  den  Kuhm  der  vornehmen  Familie 

»)  Vgl.  «5.3  31,  6«,  6  10. 

-)  Schneller  als  beim  Honiilisten  v/ird  in  den  Rekognitionen  der  Be- 
trug offenbar. 

Hom.  Rec. 

Der  Bruder  erzählte   rä  y.aia  rov  „frater  dicens,  quod  ijrimo  quidem 

avTrjg  i'QMia,  eine  noch  unbestimmt       ipsum  (sc.  fratremj  adamasset.'^ 
gehaltene  Ausdrucksweise. 


§12.    Kekonstniktioii  der  älteren  Fabel.  117 

ZU  boHccken.  Sie  erdichtet  doshalb  ein  Traumgosioht.  Nach 
ihrer  Abreise  wird  sie  von  dem  Schwager  bei  ilirem  Gatten 
verleumdet. 

2.  Mattidia  wandert  aus  irgcnidoincm  Grunde  aus.  Der 
Gatte  hat  seit  Jahren  nicht  mehr  von  ihr  gehört  und  reist  ab, 
um  sie'  zu  suchen.  Irgendwo  in  fernen  Landen  lernt  er  ihr 
astrologisches  Schema  kennen  und  erfährt,  daß  sie  in  Wahrheit 
aus  Liebe  zu  einem  Sklaven  auf  und  davon  gegangen  ist. 

Wir  fragen  zunächst,  ob  die  erste  Version  zur  übrigen 
Fabel  paßt.  ]S"achdem  Mattidia  mit  ihren  Söhnen  nach  Athen 
abgereist  ist,  erzählt  der  Schwager  ihrem  Gatten,  er  sei  von 
seiner  Frau  leidenschaftlich  geliebt,  habe  aber  der  Familie  keine 
Schande  machen  wollen  und  ihre  Liebe  nicht  erwidert;  darauf 
sei  Mattidia  ausgewandert.  Faustus  muß  also  wissen,  daß  Mat- 
tidia die  volle  Absicht  hatte,  Ehebruch  zu  begehen.  Kann  man 
sich  da  vorstellen,  daß  derselbe  Faustus  fast  umkommt  vor 
Sehnsucht  nach  seinem  leichtfertigen  Weibe,  daß  er  vier  Jahre 
lang  täglich  Boten  erwartet,  daß  er  zuletzt  sogar  Länder  und 
Meere  durchreist,  um  seine  ungetreue  Gattin  zu  suchen?  Das 
ist  absurd,  vorausgesetzt,  daß  man  sich  erinnert,  wie  der  Yater 
kurz  vorher  in  seinem  ängstlichen  Harren  und  Hoffen  geschil- 
dert wird  (vgl.  oben  S.  11 4  f};  der  dortigen  Schilderung  kann 
man  unmöglich  diesen  gänzlich  neuen  Sinn  unterschieben.  Ferner: 
warum  hat  der  Vater  Klemens  nicht  erzählt,  was  für  eine  aus- 
gezeichnete Mutter  er  hat?  Denn  Klemens  weiß  nichts  von 
ihrer  gefährlichen  Leidenschaft  {iß  8  —  10). 

Nun  könnte  man  freilich  die  Verleumdung  des  Schwagers 
für  unecht  halten  oder  annehmen,  daß  Mattidia  trotzdem  wirk- 
lich aus  Liebe  zu  dem  Schwager  geflohen  sei;  einige  Jahre 
später  habe  sich  dann  der  ahnungslose  Faustus  auf  die  Suche 
nach  seiner  seitdem  verschollenen  Frau  begeben.  An  sich  wäre 
dies  möglich.  Zweifellos  kommt  man  aber  am  Schluß  des  Ro- 
mans in  dieselbe  Schwierigkeit  wie  vorher.  Die  Liebe  des^ 
Schwagers  und  die  Liebe  des  Sklaven  (im  Horoskop)  sind  so 
ähnliche  Motive,  daß  notwendig  eins  durch  das  andere  aufge- 
hoben wird.  Aber  sehen  wir  einmal  hiervon  ab !  Wenn  wirk- 
lich in  der  Romanquelle  —  daß  dem  Autor  eine  solche  vorlag, 
ist  schon  jetzt  sicher  —  der  Bruder  des  Gatten  eine  so  hervor- 
ragende Rolle  gespielt  hätte,  würde  man  billigerweise  Genaueres 
über  die  Person  dieses  Schwagers  der  Mattidia  erwarten.  Die 
Hoffnung  täuscht,   obwohl  sogar  in  der  Grundschrift  eine  gute 


113  Heintze,  Kleiuensroman. 

Gelegenheit  gegeben  war.  In  Antaradus  fragt  Petrus  nämlich 
den  Klemens:  Oudelg  de  oov  äh^ßö)^  Tioog  yh'ovg  vndoyei ;  Rie- 
mens antwortet:  Eloiv  jiiev  tioIXoI  y.al  jueyd/.oi  ävöoeg,  Kaioaoog 
jiQog  yevovg  övreg  {iß  8  n).  Klemens  erzählt  hier  ausführlich 
von  seinem  Geschlecht,  von  Faustus,  dem  Jugendfreunde  des 
Kaisers,  von  der  demselben  kaiserlichen  Geschlechte  entspros- 
senen Mattidia.  Da  sieht  man  nicht  ein,  warum  die  eminent 
wichtige  Person  des  Schwagers  unerwähnt  bleibt.  Außerdem 
hören  wir  von  Klemens,  daß  der  Vater  vor  seiner  Abreise  ihn, 
den  dritten  und  jüngsten  Sohn,  besonders  bestellten  Yormündern 
übergeben  habe^.  Auch  diese  ausgezeichnete  Möglichkeit,  den 
Schwager  einzuführen,  wird  verpaßt,  wie  er  überhaupt  in  der 
ganzen  Erzählung  des  Klemens  mit  keinem  Worte  erwähnt  wird. 
Endlich  wäre  es  keine  besonders  glückliche  Fabel,  in  der  Faustus 
und  sein  Bruder  mehrere  Jahre  nach  Mattidias  Flucht  in  Rom 
zusammen  leben,  ohne  daß  der  Bruder  über  die  ganze  Ange- 
legenheit (nicht  einmal  in  verleumderischer  Absichfi  ein  Sterbens- 
wörtlein gesagt  hätte. 

Alle  diese  Gründe  machen  es  wahrscheinlich,  daß  nicht 
nur  die  Verleumdung  (über  deren  sekundären  Charakter  kein 
Zweifel  herrscht),  sondern  die  ganze  Person  des  Schwagers  eine 
Erfindung  unseres  Autors  ist. 

Es  bleibt  also  nur  die  zweite  angenommene  Version.  Oben 
wurde  gesagt,  Mattidia  sei  „aus  irgendeinem  Grunde"  ausge- 
wandert. Setzen  wir  den  Fall,  sie  habe  jenes  Traumgesicht 
fingiert.  Wenn  sie  nun  selbst  einen  Grund  zum  Auswandern 
hatte,  ist  es  dann  nicht  merkwürdig,  daß  sie  nicht  allein  aus- 
wandert, sondern  von  ihren  drei  Söhnen  zwei  für  sich  in  Be- 
schlag nimmt  und  den  dritten  dem  Vater  läßt?  Dabei  ver- 
sichert der  Autor,  der  Vater  sei  sehr  kinderlieb  gewesen 
{ffd(key.vog  iß  9  :;o).  Aber  hiervon  abgesehen ,  wenn  Mattidia 
das  Traumbild  fingierte,  mußte  sie  in  Wirklichkeit  einen  andern 
Grund  zum  Auswandern  haben.  Diesen  anderen,  wahren  Grund 
gibt  uns  die  Fabel  nicht  an  die  Hand,  da  die  Liebe  des  Schwagers 
ein  Motiv  ist,  das  erst  aus  der  Feder  des  Autors  der  Grund- 
schrift stammt.  Aber  was  nötigt  überhaupt  zu  der  Annahme, 
Mattidia  habe  das  Traumbild  fingiert?  Die  Handlung  der  Ro- 
manquelle entwickelt  sich  viel  ungezwungener,  wenn  der  Mat- 
tidia in  Wirklichkeit  ein  Traumbild   befahl,    mit  iliren  beiden 

')  Ko.i  d!j  .TOTi-  tvTÖ  rfooiTioTä;  .Toiijoa;  fts  sh  'Po)ii)/v  y.aiahl^'a^  {iß  10  13). 


§12.    Rekonstruktion  der  älteren  Fabel.  119 

Söhnen  auszuwandern.  Die  Absicht  schimmert  deutlich  durch. 
Der  Verfasser  jener  Fabel  wollte  „Wiedererkennun<?en"  (dva- 
yriooineig)  schreiben.  AVenn  nun  jNIattidia  mit  zwei  Sölnien  aus- 
wandert, konnte  der  Autor  durch  einen  Sciiift'bruch  auch  Afutter 
und  Söhne  trennen  und  so  drei  Wiedererkennungen  herbei- 
führen.' Eines  ähnlichen  Kunstmittels  wie  Mattidias  Traum  be- 
dienen sich  die  sophistischen  Romanschreiber.  Ein  plötzliches 
Orakel  bestimmt  den  Helden  des  Romans,  eine  größere  Reise 
anzutreten. 

Fraglich  bleibt  nur.  warum  der  Verfasser  des  Klemens- 
romans  seine  Vorlage  geändert  hat.  A'ielleicht  weil  er  sich  als 
Christ  scheute,  zu  erzählen,  daß  Mattidia,  ganz  wie  in  den  heid- 
nischen Romanen,  durch  ein  Traumbild  zum  Auswandern  ge- 
zwungen wurde.  So  sah  er  sich  nach  andern  Gründen  für  ihre 
Abreise  um.  Kein  Wunder,  daß  er  dabei  auf  ein  sehr  beliebtes 
Motiv  verfiel:  die  Gattin  wird  von  einem  fremden  Liebhaber 
geliebt  und  wegen  ihres  Widerstandes  übel  verleumdet.  iS^ur 
passiert  dem  Autor  ein  Unglück,  da  er  nicht  nur  das  !Motiv  der 
Liebe  des  Schwagers,  das  für  seine  Zwecke  noch  passen  mochte, 
sondern  ganz  ahnungslos  auch  die  höchst  unpassende  Verleum- 
dung in  seinen  Roman  übernahm. 

Beide  Motive,  die  Liebe  und  die  Verleumdung  des  Schwa- 
gers, fand  er  vermutlich  bei  irgendeinem  Autor  verbunden. 

Wir  habeVi  also  bis  jetzt  für  die  rekonstruierte  Fabel  fol- 
gende Handlung  gewonnen:  Faustus  und  Mattidia  hatten  glück- 
lich zusammen  gelebt,  als  Mattidia  einst  durch  ein  nächtliches 
Traumgesiclit  aufgefordert  wurde,  mit  ihren  beiden  Söhnen 
auszuwandern;  widrigenfalls  würde  die  ganze  Familie  elend 
zugrunde  gehen.  Alles  entwickelte  sich  dann,  wie  Avir  </?  8— 10 
lesen:  der  Vater  geleitet  Frau  und  Kinder  zum  Hafen,  aber 
wenige  Jahre  später  treibt  ihn  die  Sehnsucht,  seine  verschollene 
Familie  wiederzusehen. 

Xur  bleibt  noch  die  Frage  nach  der  Bedeutung  des  Horo- 
skops zu  erledigen.  Wo  lernte  Faustus  das  Schema  der  Mat- 
tidia kennen,  in  dem  ihr  die  eheliche  Verbindung  mit  einem 
Sklaven  bestimmt  war?  Offenbar  nicht  in  Rom.  Denn  Kle- 
mens hat  keine  Ahnung  von  dem  Horoskop.  Wenn  Faustus 
ferner  Mattidias  ,.Tod  in  den  Wellen-'  schon  in  Rom  aus  dem 
Schema  erfuhr,  kann  er  unmöglich  zweimal  Boten  senden  und 
schließlich  selbst  auf  die  Suche  nach  der  treuen  Gattin  gehen. 
Folglich   hat   der  unsrlückliche  Vater   erst  auf  seinen  Wander- 


I 


120  Heintze,  Klemeusroinau. 

fahrten  in  fernen  Ländern  das  verhängnisvolle  Horoskop  kennen 
gelernt.   Übrigens  räumt  er  dies  selbst  ein,  wenn  er  zu  Petrus 

sagt:  ovvrjv  jlioi  Tig  äojooloyon'  uoioTog .  oong  iv  Talg  äno- 

drjjulatg  y.az  äoydg  jlioi  ipiloidelg  tov  rfjg  Ijufjg  ovaßiov  juetd  xöiv 
Texvcov  davarov  edi]?.ov  {id  11  lo;  ^  In  fernen  Ländern  also  lernte 
Faustus  einen  Astrologen  kennen,  der  ihm  das  Schema  der 
Mattidia  enthüllte:  IX  32  n  „Habuit  enim  Martern  cum  Yenere 
super  centrum,  Lunam  vero  in  occasu  in  domibus  Martis  et 
finibus  Saturni,  quod  schema  adulteras  facit  et  servos  proprios 
amare,  in  peregrinatione  et  in  aquis  defungi'^ 

Der  bedauernswerte  Vater  muß  aufs  tiefste  erschrocken 
sein,  als  er  eine  solche  Antwort  von  dem  Astrologen  vernahm. 
Denn  Mattidia  war  ja  wirklich  ausgewandert  (vgl.  „in  pere- 
grinatione") und  hatte  ein  Schiff  bestiegen  'vgl.  „in  aquis"). 
War  aber  die  Flucht  mit  einem  „Sklaven"  wahrscheinlich?  — 
Klemens  hatte  erzählt,  Mattidia  habe  ihrem  Gatten  gesagt,  daß 
sie  mit  ihren  zwei  Söhnen  durch  ein  Traumgesicht  zum  Aus- 
wandern bestimmt  sei.  6  juev  ovv  Tiaxrjo  cpilörexvog  atv  ovv  re 
öovXoig  y.al  öovXaig  ecfodidoag  ly.avöjg  y.al  elg  :nloiov  eußalo- 
fiEvog  elg  läg  "A-di'jvag  aua  jiaidect'hjoojiievovg  i^e.-zeju^'ev  (<//9j9)^. 

Hier  liegt  doch  unverkennbar  eine  Beziehung  zwischen 
dem  „Haussklaven"  des  Horoskops  und  den  Sklaven,  die  Faustus 
der  Mattidia  mit  auf  die  Reise  gegeben  hat.  Räumt  man  dies 
ein,  so  wird  das  Bekenntnis  des  Faustus  IX  32  n  erst  recht  ver- 
ständlich: „scio  ea  quae  unicuique  nostrum  dictabat  genesis 
accidisse,  et  ab  his  quae  rebus  et  operibus  comperta  sunt  mihi, 
nunc  (d.  h.  nach  drei  Genesisdisputationen  !i  verbis  transferri 
non  possum" '.  Ist  unsere  Yermutung  richtig,  so  hat  der 
ahnungslose  Vater  selbst  am  meisten  dazu  beigetragen,  daß 
sich  das  drohende  Schicksal  erfüllte:  er  gab  der  Mattidia  eine 


*)  Die  Stelle  findet  sich  nur  in  den  Homilien,  ist  aber  echt,  da  sie 
durch  den  ganzen  Zusammenhang  erfordert  wird.  Übrigens  wird  in  den 
Homilien  zu  jenem  Astrologen  törichterweise  Annubion  gemacht,  während 
in  dem  bekannten  Homilienschluß  (;<  11  l'9)  Annubion  als  Freund  des  Faustus 
ix  TiQo'jTijg  fj/uxiag  erscheint. 

2)  =;VII9^:  „adiunctis  servis  et  aucillis".  Auch  von  dem  fin- 
gierten Freund  —  die  bekannte  Erfindung  des  Homilisten  —  erzählt 
Faustus:  avzovg  jiaidevOyoo/iiEfov;  si;  zä?  lidi/vag  i^s:isfiii<ev  ovv  nj  i(ijtqi 
xal  öovloig  (id  7  24). 

')  Die.se  Beziehung  ist  in  der  Grundschrift  vernachlässigt.  Darum 
versteht  man  eigentlich  nicht,  warum  Faustus  immer  wieder  die  Richtig- 
keit jenes  Horoskops  beteuert. 


§  12.    Kekonstruktion  der  älteren  Fabel.  |  2  I 

liegleitiing  von  „Sklaven''.  Jetzt  verstellt  man,  warum  Faustus 
nach  diesen  Enthüllungen  lieber  im  Auslände  ein  elendes  Leben 
fuhren  als  nach  Korn  zurückkehren  wollte.  AVir  finden  den 
Greis  in  schmutziger  Arbeitorkleidung  {(d  '.i :!.-,,  2  is),  während  er 
vorher  iv  ::7o?-/Si  ßiov  jiegiovoia  lebte  (c.  oi)^. 

Was  das  Horoskop  angeht,  so  liegt  allerdings  der  Gedanke 
nahe,  daß  es  vom  Verfasser  der  Grnndschrift  erst  in  die  ur- 
sprüngliche Fabel  hineinverflochten  ist,  um  einen  Zusammenhang 
mit  den  astrologischen  Disputationen  herzustellen.  In  diesem 
Falle  hätte'  freilich  die  ganze  Fabel  eine  völlig  veränderte 
Richtung  bekommen,  und  es  scheint  wenig  plausibel,  daß  der 
nicht  allzu  geschickte  Autor  die  Spuren  einer  älteren  Linien- 
führung so  glücklich  verwischt  hat.  Ferner  palit  in  Wahrheit 
Mattidias  Schema  weit  besser  zu  dem  rekonstruierten  Fabel- 
stoff als  zu  den  astrologischen  Disputationen.  Fast  dasselbe 
Horoskop  wie  das  der  Mattidia  wird  nämlich  vorher  von  Faustus 
mitten  in  den  Genesisdis[)utationen  im  17.  Kapitel  des  IX.  Buches 
angeführt  2; 

„Sed  et  ipse  rursus  Mars  ad  Venerem  schema  tetragonum 
habens,    ex  parte  ad  centrum  non  respiciente   aliquo  bonorum, 

adulteros  efficit .''    An  dieser  Stelle  kann  niemand  ahnen, 

daß  Faustus  unter  den  vielen  anderen  Schemata  auch  eins  er- 
wähnt, das  sein  ganzes  Lebensglück  vernichtet  hat'^.  Umge- 
kehrt, sahen  wir,  steht  Mattidias  Schema  in  engster  Beziehung 
zu  der  rekonstruierten  Fabel.  Daraus  folgt,  daß  das  Horoskop 
ursprünglich  mit  den  Disputationen  nichts  zu  tun  hat,  sondern 
einen  integrierenden  Bestandteil  der  Romanquelle  bildet. 

Wir  stellen  uns  Mattidia  auf  der  Seefahrt  von  Sklaven 
umgeben  vor.  Alles  ist  auf  die  Erfüllung  der  Genesis  eingespannt. 
Da  plötzlich  kommt  es  zum  Schiffbruch,  dem  beliebtesten  Ro- 
manmotiv der  Zeit,  hier  besonders  erwünscht,  da  das  Horoskop 
durch  den  Schiffbruch,  ein  Fatum  durch  das  andere  aufgehoben 
wird.  Sobald  Faustus  dann  hört,  daß  Mattidia  keineswegs  „auf 
hoher  See  umgekommen'''  ist,  sondern  noch  lebt,  erkennt  er 
mit  Gewißheit  das  Schema  seiner  Gattin  als  einen  ganz  ge- 
wöhnlichen Irrtum  der  Astrologen*. 
* 

^)  Von  seinen  Reisen,  die  ihn  auch  nach  Seleucia  führten,  sind  in 
den  Homilien  Fragmente  bewahrt  (id  7  33).     S.  oben  S.  33. 

-)  Dort  und  in  den  folgenden  Kapiteln  werden  mehrere  Schemata 
aufgeführt.     Vgl.  oben  S.  13. 

^)  Auch  von  Sklavenliebe  ist  die  Rede  'JX  23  5). 

*)  In  den  Homilien  f  ähnlich  Rec.  X  11.  12)  sagt  Faustus  unmittelbar 


122  Heiutze,  Klemensroman. 

Im  Zusammenhang  würde  also  die  Handlung  der  alten 
Fabel  etwa  folgendermaßen  verlaufen.  Faustus  und  Mattidia 
leben  beide  in  glücklicher  Gemeinschaft.  Mattidia  sieht  sich 
durch  ein  Traumgesicht  gezwungen,  mit  ihren  zwei  Söhnen  in 
Begleitung  von  Sklaven  auszuwandern.  Der  Gatte,  von  Sehn- 
sucht verzehrt,  reist  wenige  Jahre  später  ab,  um  seine  seitdem 
verschollene  Familie  zu  suchen.  Fern  im  Ausland  erfährt  er 
von  einem  Astrologen  das  Schema  seiner  Gattin,  verzichtet  in 
seiner  Verzweiflung  auf  die  Heimkehr  und  führt  das  elende 
Dasein  eines  Proletariers.  Endlich  findet  er  seine  Familie 
wieder. 

Es  fragt  sich  nun,  ob  die  Charakteristik  der  übrigen  Familien- 
glieder sich  mit  der  eben  skizzierten  Fabel  verträgt. 


§  13.   Klemens.     Niketes  und  Aquila.     Die  Anagnorisis 
des  Faustus. 

1.  Klemens.  Nach  der  aradischen  Anagnorisis  kommen 
Petrus  und  Klemens  mit  Mattidia  nach  Laodicea,  wo  Niketes 
und  Aquila  sie  vor  den  Toren  empfangen.  Beide  sind  sehr 
erstaunt,  was  für  eine  Frau  Klemens  bei  sich  hat.  Petrus  klärt 
alles  auf,  während  Mattidia  offenbar  abwesend  ist.  Um  die 
Mutter  sogleich  zu  begrüßen,  suchen  Niketes  und  Aquila  in  ihr 
Schlafgemach  zu  dringen.  Aber  Petrus  hält  sie  zurück,  um 
Mattidia  erst  auf  diese  neue  Überraschung  vorzubereiten^. 

Faßt  man  an  dieser  Stelle  die  Person  des  Klemens  ins 
Auge,  so  fällt  auf,  daß  Niketes  und  Aquila  ihren  Bruder,  der 
doch  anwesend  ist,  überhaupt  nicht  umarmen  u;'  2  24).  Noch 
merkwürdiger  ist  es,  daß  die  drei  Brüder  sich  nicht  einmal 
dann  umarmen,  als  Niketes  und  Aquila  sich  endlich  der  Mutter 
zu  erkennen  geben  dürfen  (t^  6  11  =  YII  31  1)^.  Obwohl  wir 
es  mit  einer  Anagnorismenfabel  zu  tun  haben,  wird  die  Wieder- 
erkennung des  Klemens  und  seiner  Brüder  überhaupt  vernach- 


nacli  der  Anagnorisis:  li^J.ä  xal  jioDm  ^Tiaisiv  018a  tov?  dotQoXöyovg ,  noXlä 
Ss  xal  db]&evsiv  (i8  11  i6).  Dieser  Satz  hat  (wegen  der  Anagnorisis  des 
Faustus)  sicher  nicht  in  cler  ziemlich  rigorosen  Grundschrift  gestanden; 
gleichwohl  spiegelt  er  nicht  übel  das  griechische  Urteil  über  die  Astro- 
logie wieder.  Ähnlich  dachte  vielleicht  der  Verfasser  der  alten  Fabel 
(die  der  Homilist  natürlich  nicht  kennt). 

1)  iy\E^  VII  25 fF. 

-)  Auch  hier  ist  Klemens  anwesend  (ly  10  24). 


I 


§  13.   Klemens.  Niketes  u.  Aquila.  Die  Anagnorisis  d.  Faustus.     1  23 

lässig-t.  Das  riiänomen,  den  Protagonisten  Klemens  an  dem 
wichtigsten  Punkt  der  Handlung  einfach  zu  vergessen,  läßt  sich 
iun  besten  durch  die  Annahme  erklären,  daß  die  Person  des 
Klemens  ursprünglich  mit  der  Anagnorismenfahel  nichts  zu 
tun  hat. 

Diese  Ansicht  empfiehlt  sich  auch  an  einer  anderen  Stelle. 
Klemens  erzählt  Petrus,  der  Yater  habe  aus  Sehnsucht  nach 
seinem  Weibe  Rom  verlassen;  er.  der  dritte  Sohn,  sei  zurück- 
geblieben und  den  Vormündern  übergeben.  Als  Faustus  nun 
im  Ausland  durch  das  Horoskop  von  dem  Untergang  seiner 
Familie  hört,  kehrt  er  merkwürdigerweise  nicht  nach  llom  zu- 
rück, obwohl  er  dort  noch  seinen  Sohn  Klemens  hatte.  Er 
selbst  erzählt  nach  der  Anagnorisis:  Ov  yaQ  7)dvrdju)]v  :i:eol  reo}' 
iuol  7jyan)]uei'(or  (Mattidia  und  die  beiden  Söhne)  tu.  luyiorrx 
cös  negl  davovxon'  y.Qirag,  Tigög  rij}'  tov  ßiov  xQvq))]v  (nach  Rom) 
eavTov  änodidövai  ^.  Faustus  denkt  nur  an  Mattidia  und  seine 
zwei  Söhne;  den  dritten  Sohn  scheint  er  überhaupt  vergessen 
zu  haben.  Diese  Diskrepanzen,  die  leicht  vermehrt  werden 
können^,  zeigen  zur  Genüge  den  wahren  Sachverhalt.  Der 
Autor  sucht  zwar  die  Figur  des  Klemens  aufs  engste  mit  den 
Schicksalen  jener  Familie  zu  verknüpfen,  aber  eine  genauere 
Analyse  lehrt,  daß  jener  „dritte  Sohn"  doch  nur  mehr  oder 
■weniger  glücklich  aufgepfropft  ist. 

2.  Niketes  und  Aquila.  Nach  der  Anagnorisis  erzählen 
Niketes  und  Aquila  der  Mutter  ihre  Erlebnisse  seit  dem  nächt- 
lichen Schiffbruch.  Aus  den  Trümmern  des  geborstenen  Schiffes 
hatten  Seeräuber  die  beiden  Knaben  herausgefischt  und  auf 
den  Markt  von  Cäsarea  geschleppt,  wo  sie  ihre  Namen  Fau- 
stinus  und  Faustinianus  vertauschten.  Als  Sklaven  wurden  sie 
an  ein  Weib  (Justa'i  verkauft. 

Alles  dies  paßt  sehr  gut  zu  der  alten  Fabel.  Freilich  trägt 
jene  Justa  einige  Züge,  die  erst  von  dem  christlichen  Verfasser 
der  Grundschrift  herrühren  ^.  Auch  das  Folgende  stammt  zweifel- 


^)  i8  10  5.  Die  Stelle  steht  nur  in  den  Homilien,  aber  in  der  Grund- 
schrift  mußte  Faustus  ganz  ähnliche  Gründe  anführen. 

-)  Mit  andern  Gründen  hat  früher  schon  Bousset  die  sekundäre  Rolle 
des  Klemens  bewic^^en  (Ztschr.  f.  neutestam.  Wiss.  1904  S.  19  f). 

^)  /^  19 — 20  10  Justa  ist  das  kauanäische  Weib,  deren  Tochter  von 
Jesus  geheilt  wird.  Sie  bekehrt  sich,  wird  deswegen  von  ihrem  Manne 
verstoßen  und  verheiratet  ihre  Tochter  Berenike  mit  einem  in  Tvrus 
wohnhaften  Juden.  Zum  Ersatz  kauft  sie  von  den  Seeräubern  jene  zwei 
Knaben  (vgl.  Lagarde,  Vorrede  S.  12).  * 


124  Heintze,  Klemensroman. 

los  aus  der  Grundschrift.  Justa  läßt  ]!siketes  und  Aquila  mit 
Simon  Magus  in  den  Künsten  und  Wissenschaften  unterrichten. 
Der  Zweck  ist  durchsichtig,  wie  die  späteren  Genesisdisputationen 
lehren,  wo  die  beiden  mit  dem  ganzen  Rüstzeug  der  damaligen 
Wissenschaft  gegen  den  Fatalismus  polemisieren.  Jene  Dis- 
putationen aber  hat,  wie  wir  sahen,  der  Yerfasser  der  Grund- 
schrift erst  aus  seiner  jüdischen  Quelle  geschöpft.  Die  Erleb- 
nisse der  beiden  Brüder  Faustinus  vmd  Faustinianus,  die  zwischen 
ihren  Verkauf  als  Sklaven  und  die  Wiedererkennung  fallen, 
liegen  also  für  uns  völlig  im  Dunkeln. 

In  Aradus  erkennen  sich  Mattidia  und  Klemens  wieder 
(iß  12 — 24).  Während  die  Schüler  des  Petrus  im  Tempel  die 
Weinstocksäulen  ^  bewundern,  erzählt  die  fremde  Bettlerin  vor 
dem  Tempelportal  dem  Apostel  ihr  seltsames  Schicksal.  Schon 
dämmert  in  Petrus  eine  Ahnung  auf.  Da  plötzlich  stellt  sich 
das  Weib  so,  als  ob  sie  eine  Ephesierin,  ihr  Mann  Sizilianer 
sei.  Petrus  glaubt  dies  und  erwidert  betrübt,  eben  gerade  habe 
ihm  ein  römischer  Jüngling  eine  ganz  ähnliche  Geschichte  er- 
zählt. Bestürzt  und  mit  zitternder  Stimme  fragt  sie  nach  dem 
!Namen  des  Jünglings.  Noch  bevor  die  Antwort  kommt,  spricht 
sie  ihn  aus:  „Klemens".  —  Jener  ist  inzwischen  zum  Schiff 
zurückgekehrt.  Petrus  faßt  die  Bettlerin  an  der  Hand  und 
geht  mit  ihr  zum  Strand.  Klemens  lacht  laut  auf,  als  er  den 
Apostel  mit  dem  mißgestalten  Weiblein  kommen  sieht,  will 
aber  nicht  unhöflich  erscheinen  und  ergreift  ihre  andere  Hand, 
um  sich  als  dritter  anzuschließen.  Sobald  er  die  Hand  nur 
berührt  hat,  o/o/i'|aoa  cbg  I^^'t^]Q  f,ieya  xal  jieoiTilay.eioa  ofpodoa 
y.aT€(fiÄe(  f.ie  tov  avTfjq  vlov  {iß  22  5).  Der  bestürzte  Klemens 
wagt  nicht  einmal  zu  fragen,  was  dies  bedeuten  soll.  Petrus 
aber  muntert  ihn  auf:  Tl  710mg,  rry.vov  Kh)jur]g,  äjrooeioixevog  rrjv 
orjv  övrcog  rexovoav;  Es  folgt  die  Anagnorisis  {iß  23  s). 

Alles  dies  ist  nicht  ohne  Anmut  geschrieben  und  nirgends 
bietet  sich  ein  Anstoß.  Schon  ist  Klemens  im  Begriff,  mit  der 
Mutter  und  Petrus  nach  Antaradus  zurückzukehren,  als  Mat- 
tidia ihrer  langjährigen  Wirtin  noch  besonders  Lebewohl  zu 
sagen  wünscht.  Deren  Mann  nämlich,  ein  junger  Schiffer,  hatte 
seinen  Tod  in  den  Wellen  gefunden,  und  seit  dieser  Zeit  hatte 
sie  mit  Mattidia  ein  ärmliches  Witwendasein  geführt.    Klemens 

^)  Oder  Säuleu  mit  Weiulaubkapitäl?  (Nau:  troucs  de  vigne.)  Co- 
telier  vergleicht  zu  VII  12  aus  Nicephorus  II  35:  ,Vites  iure  apud  priscos 
magnitudine  quoque  inter  arboves  enumerabantur".    Beispiele,  vgl.  VII  26. 


§  13.    Klemens.  Niketes  u.  Aqiiila.  Die  Anagnorisis  d.  Faustus.      |  25 

beschenkt  sie  fürstlich  und  stellt  sie  unter  Obhut  des  (Juuver- 
neurs  der  InseP. 

Drei  Tage  sj)äter  kommen  sie  nach  Laodicea.  Niketes  und 
Aquila  führen  sie  in  ihr  Ijoi^is,  wundern  sich  aber,  was  für  ein 
Weib  Klemens  bei  sich  hat.  In  der  Jüngerschaft  Petri  war 
dies  auch  immerhin  merkwürdig 2.  Während  Petrus  alles  der 
Reihe  nach  erzählt  und  Mattidia  in  den  Rekognitionen  sicher 
anwesend  ist',  unterbrechen  ihn  plötzlich  Niketes  und  Aquila 
und  rufen,  sie  seien  Faustinus  und  Faustinianus.  y.ai  rorr 
eiTiorreg  jLierd  daxQvojv  ETTEior^kdav  ri]  ßrjTgi  xal  xoijuco/iievi]}'  eu- 
oorreg  ijöi]  :7egijiXeyeodai  eßovÄorio  (ly  3  5).  In  höchst  lästiger 
Weise  nimmt  der  Autor  plötzlich  an,  daß  Mattidia  keineswegs 
anwesend  ist.  Petrus  hält  sogar  Niketes  und  Aquila  vom  Ein- 
tritt in  das  Schlafgemach  zurück,  damit  die  Mutter  nicht,  plötz- 
lich aus  dem  Schlaf  aufgeschreckt,  von  der  Freude  völlig  über- 
wältigt werde.  Übrigens  ist  es  Abend,  denn  Petrus  und  die 
übrigen  sind  an  diesem  Tage  von  Gabala  nach  Laodicea  gereist. 
Warum  die  Mutter  gerade  am  Abend  schläft  —  und  zwar  ziem- 
lich lange  — ,  sieht  man  nicht  recht  ein.  Petrus  sucht  nun  die 
Mutter  auf  die  Anagnorisis  „vorzubereiten"  und  fängt  zu  diesem 
Zweck  mit  der  Entwicklung  der  christlichen  Lehre  an.  Dann 
verbreitet  er  sich  über  die  Sequestration*.  Da  jenes  Gesetz  in 
der  Grundschrift  immerhin  noch  eine  gewisse  Bedeutung  hat^, 
ist  es  merkwürdig,  daB  Petrus  erst  nach  Verlauf  von  vier  Tagen 
hierauf  zu  sprechen  kommt.  —  Mattidia  ist  bereit,  sich  taufen 
zu  lassen.    Zum  Beweis  ihrer  Würdigkeit  feiert  sie  ihre  frühere 


^)  In  der  Grundschrift  sind  einige  Züge  hinzugefügt.  Petrus  heilt 
nämlich  die  kranke  Witwe.  In  den  Homilien  bedarf  auch  Mattidia  der 
Heilung,  da  ihre  Arme  durch  die  vielen  Bisse  und  Schläge  gänzlich  ab- 
gestorben sind,  so  daß  sie  betteln  gehen  nuifste.  Es  ist  zweifelhaft,  ob 
diese  Übertreibung  in  der  Gruudschrift  stand.  In  den  Rekognitionen  Vll  23 
fehlt  sie. 

2)  Als  früher  in  Cäsarea  die  Jünger  des  Petrus  aufgezählt  wurden, 
setzten  die  Rekognitionen  hinzu:  „Muüerum  sane  nulla  prorsus  aderat" 
(11  1  9).  —  Ähnlich  hat  sich  schon  Klemens  in  Aradus  gewundeit,  was  für 
ein  Weib  Petrus  an  der  Hand  führte. 

3)  Vgl.  VII  27  1  („mulierem  hanc").  Die  Stelle  ist  in  H  verdorben. 
S.  0.  S.  7. 

*)  Den  Christen  ist  verboten,  mit  den  Heiden  zu  speisen;  Petrus 
fordert  Mattidia  auf,  sich  rasch  taufen  zu  lassen,  damit  sie  immer  mit 
Klemens  zusammen  sein  kann. 

»)  Vgl.  II  70  b— 72:  a22  3o;  ;•  29  13  u.  ö. 


i 


]^26  Heintze,  Klemensronian. 

Keuschheit  und  äußert  ihren  Kummer  darüber,  daß  Faustinus 
und  Faustinianus  in  jenem  Unwetter  umgekommen  sind,  ohne 
die  Taufe  empfangen  zu  haben. 

Das  ist  keineswegs  sehr  geistreich  komponiert,  da  nicht 
Petrus,  sondern  die  ahnungslose  Mattidia  die  Anagnorisis  „vor- 
bereitet". Es  folgt  nämlich  sogleich  die  Wiedererkennung  der 
Söhne,  die  auf  Geheiß  des  Petrus  hereinstürzen  und  Mattidia 
umarmen.  i)  de  £(pr]  Ti  ^e/.£i  tovto  errat;  y.al  6  UsToog  äjiexQi- 
vaio  nagdoTijoov,  c5  yvvai,  yEvvaicog  tov  vovv  oov  ,  onojg  tmv 
oöjv  änoXavorj  zexvcov  {ly  6  13). 

Der  Autor  hat  also  die  Anagnorisis  des  Niketes  und  des  Aquila 
fast  genau  so  angelegt  wie  die  des  Klemens,  denn  auch  den 
ahnungslosen  Klemens  umarmte  die  fremde  Bettlerin,  und  als 
er  sie  bestürzt  von  sich  stieß,  sagte  Petrus:  Ti  Tioielg,  rey.vov 
Kh]i-n]g,  aTiooEiojLievog  ri]v  oi]v  ovrojg  Texovoav. 

Bis  hierhin  ist  die  Anagnorisis  des  Xiketes  und  des  Aquila 
nicht  nur  schlecht  komponiert,  sondern  auch  abhängig  von  der 
Wiedererkennung  in  Aradus. 

Nachdem  die  Brüder  ihre  Erlebnisse  erzählt  haben,  fj  ju/)- 
X11Q  {]judn'  TTQOOETieoev  zw  Uhgcp,  dEOjuevi]  xal  ä^iovoa  öjicog 
aimp'  TS  xal  rijv  ^evodö^ov  avrfjg  jUEraTisjLni^id/xevog  i^avxfjg  ßa- 
Tirto)]  (ly  9  15).  Kein  Wunder,  wenn  Mattidia  selbst  die  Taufe 
begehrt.  Aber  wer  ist  die  ^evoöoxog?  Es  gibt  nur  eine,  und 
das  ist  jene  Wirtin,  die  Mattidia  in  Aradus  nach  dem  Schiff- 
bruch gütig  aufgenommen  hatte;  sie  war  von  Klemens  reich 
beschenkt,  dem  Gouverneur  empfohlen  und  auf  der  Insel  glück- 
lich und  zufrieden  zurückgeblieben  (iß  24  :!.=.).  Drei  Tage  sind 
seit  jener  aradischen  Anagnorisis  verflossen,  Petrus  und  die 
übrigen  weilen  nicht  mehr  in  Aradus,  sondern  schon  längst  in 
Laodicea.  Ein  verzweifeltes  Dilemma^  —  aber  gleichwohl 
steckt  etwas  dahinter.  Wir  sahen  schon,  die  Anagnorisis  in 
Laodicea  ist  abhängig  von  der  aradischen.  Dasselbe  ist  hier 
der  Fall.  Die  in  Aradus  wiedererkannte  Mattidia  wollte  ihrer 
Wohltäterin  noch  Lebewohl  sagen  und  ihr  Gutes  erzeigen,  bevor 
sie  mit  Klemens  und  Petrus  von  der  Insel  schied:  die  in  Lao- 
dicea wiedererkannte  Mattidia  will  gleichfalls  ihren  Dank  ab- 
statten und  bittet  Petrus,  ihre  Wirtin  zu  taufen.  Das  würde 
möglich  sein,  wenn  die  Anagnorisis  des  Niketes  und  des  Aquila 
(die  jetzt  in  Laodicea  erzählt  wird)  auf  der  Insel  Aradus  statt- 


^)  Auch  Meyboom  S.  51  bemerkt  die  Schwierigkeit. 


§  13.    Klcnuns.  Niketes  u.  Aquila.  Die  Anagnorisis  d.  F.iustus.      |  27 

filnde.    Beide  WicdererkcMinungtMi   also,    die    iiradisclie   und  die 
in   Laodicea,  fließen  gleichsam  in  eine  zusammen. 

Dazu  kommt  noch  eins.  Mattidia  hat  darum  gebeten,  daß 
sie  sofort  getauft  werde;  kein  Tag  soll  vergehen,  bis  sie  mit 
Niketes  und  Aquila  zusammen  speisen  darf.  Aber  der  gestrenge 
Aposte-l  befiehlt  ihr,  wenigstens  einen  Tag  vor  der  Taufe  zu 
fasten.  Da  beschwiirt  Mattidia,  daß  sie  aus  lauter  Freude  über 
die  Wiedererkennung  des  Klemens  bereits  seit  zwei  Tagen  ge- 
fastet habe.  Nichtsdestoweniger  läßt  Petrus  sie  noch  bis  zum 
folgenden  Tage,  an  dem  sie  getauft  wird,  weiterfasten.  Das 
sind  natürlich  Possen,  aber  sie  erklären  sich  durch  die  An- 
nahme, daß  dem  Autor  eine  Anagnorisis  der  beiden  Brüder 
vorschwebte,  die  nicht  in  Laodicea,  sondern  in  Aradus  stattfand. 

Wer  die  laodiceische  Anagnorisis.  die  mit  Diskrepanzen 
besät ^  und  von  der  aradischen  abhängig  ist,  glücklich  über- 
wunden hat,  kann  sich  den  Hergang  folgendermaßen  vorstellen. 
Der  Autor  der  Grundschrift  fand  in  jener  alten  Fabel  eine 
munter  geschriebene  Anagnorisis,  deren  Schauplatz  Aradus  war^. 
Daß  er  diese  Musteranagnorisis  seinem  Protagonisten  Klemens 
gab,  braucht  nicht  weiter  wunder  zu  nehmen;  wie  ungeschickt 
er  selbst  dagegen  die  laodiceische  Erkennung  des  Niketes  und 
des  Aquila  zusammengeflickt  hat,  ist  zur  Genüge  gezeigt. 

Im  Vergleich  mit  Klemens  spielen  jene  beiden  Brüder  in 
der  Grundschrift  keine  allzu  große  Rolle.  In  der  alten  Fabel 
dagegen  kamen  sie  schon  als  einzige  Söhne  des  Faustus  und 
der  Mattidia  mehr  zur  Geltung.  Wir  wissen  nicht  viel  von 
ihnen,  nur  ein  wichtiger  Zug  ist  bewahrt:  sie  waren  Zwillinge. 
Klemens  erzählte  dem  Petrus  in  Antaradus  von  seiner  Familie: 
TQelg  iyevöjiie'&a  vloi,  ovo  jiiev  ttqÖ  ejnov,  oY  xal  öidi\uot  övreg 
ndvv  Ojuoioi  dkXt'jkoig  hvyyavov,  cbg  avTog  6  rcaiijo  eleyev  i^ioi 
(tßS-2o).  Es  ist  bezeichnend,  wie  die  Rekognitionen  hier  die 
Sache  drehen  (VII  85):  „ex  qua  (uxore)  duos  geminos  ante  me 
filios  suscepit,  non  valde  ut  aiebat  pater  sibi  invicem  similes". 
Nicht  ohne  Grund  hat  hier  der  Verfasser  der  Rekognitionen 
oder  Rufin  geändert.  In  imserm  ganzen  Roman  findet  sich  von 
Anfang  bis  zum  Ende  keine  Spur,  die  auf  eine  solche  Ähn- 
lichkeit  der  beiden  Brüder  hindeutete.     Auch  hier  zeigt  sich 

')  Wie  wir  sahen,  wird  in  ihr  sogar  die  Wiedererkennung  der  drei 
Brüder  vernachlässigt. 

*)  Das  scheint  also  nach  dem  Dargelegten  die  Anagnorisis  der 
Mutter  und  ihrer  beiden  Söhne  oder  eines  von  ihnen  gewesen  zu  sein. 


]  2S  Heiutze,  Klemensroman. 

\vieder  einmal  deutlich,  daß  der  Grundsclirift  eine  ältere  Fabel 
zugrunde  liegt,  denn  zweifellos  -waren  jene  „Zwillinge"  ur- 
sprünglich sehr  ähnlich  ^. 

Wie  fruchtbar  das  Motiv  der  Zwillingsähnlichkeit  sein  kann, 
lernen  wir  zwar  nicht  aus  den  erhaltenen  Romanen,  wohl  aber 
aus  der  Komödie.  Es  ist  ganz  angenehm,  jetzt  beweisen  zu 
können,  daß  derselbe  Gegenstand  auch  in  der  Romanliteratur 
beliebt  war^. 

3.  Die  Anagnorisis  des  Faustus.  Die  Anagnorisis  des 
Faustus  ist  nicht  in  den  Horailien,  sondern  nur  in  den  Reko- 
gnitionen  nach  der  Grundschrift  erzählt  foben  S.  10  f).  Im 
Theater  wird  Faustus  von  seinen  Söhnen  wiedererkannt,  Petrus 
erzählt  in  ausführlicher  Rede  alle  Schicksale  der  Familie,  zu- 
letzt eilt  auch  Mattidia  herbei,  um  den  Gatten  wiederzuerkennen. 
Wie  ausgezeichnet  diese  Wiedererkennung  komponiert  ist,  wurde 
oben  näher  ausgeführt.  Xur  fragt  sich,  ob  sie  zur  alten  Fabel 
gehört.  Zweifellos  würde  sie  der  Anagnorismennovelle  einen 
effektvollen  Abschluß  verleihen.  Sobald  der  Faustus  der  alten 
Novelle  hört,  sein  Weib  habe  keineswegs  den  „Tod  in  den 
Wellen"  gefunden,  sondern  sei  selbst  zugegen,  da  hat  er  auch 
die  Gewißheit,  daß  der  Astrologe  diesmal  gelogen  haben  muß. 
Anders  in  der  Grundschrift.  Denn  wenn  er  auch  hört,  daß 
Mattidia  am  Leben  ist,  so  weiß  er  doch  noch  nicht,  daß  die 
Verleumdung  des  Bruders  ein  bloßes  Lügengewebe  ist.  Aus 
dieser  Erwägung  heraus  scheint  jene  Anagnorisis  in  gewisser 
Beziehung  besser  zu  der  alten  Fabel  als  zu  der  Grundschrift 
zu  passen  ^.  Außerdem  wissen  wir  aus  der  zweiten  Anagno- 
risis zur  Genüge,  daß  der  Autor  der  Grundschrift  kein  allzu 
hervorragendes  Erzähltalent  ist.  Wenn  wir  daher  die  erste 
Anagnorisis  mit  beachtenswerten  Gründen  der  Fabel  zugewiesen 
und  die  zweite  Anagnorisis  als  ein  Machwerk  unseres  Autors 
erkannt  haben,  wird  man  mit  großer  Wahrscheinlichkeit  auch 
die  dritte  Anagnorisis  des  Faustus,  die  sich  eines  ausgezeichneten 
Aufbaus  erfreut,  für  jene  alte  Fabel  in  Anspruch  nehmen  dürfen. 


*)-Daß  die  Brüder  Zwillinoe  waren,  berichten  auch  die  Rekognitionen 
•(VII85  =  /y?8  2i). 

*)  Daß  Faustinus  und  Faustinianus  Zwillinge  waren,  beobachtete  schon 
Bousset  und  zog  daraus  wichtige  Konsequenzen.     S.  unten  ^  14. 

')  Übrigens  wird  in  der  Grundschrift  —  in  wenig  glücklicherweise  — 
•die  verbrecherische  Liebe  des  Schwagers  trotz  ihrer  Bedeutung  für  die 
Handlung  in  drei  Zeilen  erledigt  (IX  o6  5). 


§  13.    Kleniens.  Niketes  u.  Aquila.  Die  Anagnorisis  d.  Faustus.      129 

Wenn  die  Linioiiführung  der  Novelle  auch  stark  ver- 
ilunkelt  ist,  so  darf  man  sie  sich  doch  etwa  so  vorstellen: 
Faustus,  ein  Mann  aus  edlem  Geschlecht,  und  seine  Gattin  Mat- 
tidia  leben  glücklich  mit  ihren  beiden  Söhnen  Faustinus  und 
Faustinianus  ^  In  einer  Nacht  wird  der  Mutter  durch  ein 
Traumgesicht  befohlen,  mit  ihren  beiden  Söhnen  auszuwandern. 
Der  Vater  Faustus  scliickt  sie  nach  Athen,  nicht  ohne  ihnen 
Sklaven  und  Mägde  mitzugeben.  Seit  jener  Zeit  hat  er  nichts 
mehr  von  seiner  Familie  geluh-t  und  macht  sich  schließlich 
selbst  auf  den  Weg,  sie  zu  suchen.  In  fernen  Ländern  erfährt 
er  Mattidias  Schema,  das  ihr  bestimmte,  mit  einem  Sklaven 
auf  und  davonzugehen  und  auf  hoher  See  zu  ertrinken.  Ver- 
zweifelt entschließt  sich  Faustus,  auf  die  Rückkehr  zu  ver- 
zichten und  ein  elendes  Leben  zu  führen.  —  Inzwischen  wurde 
die  von  Sklaven  umringte  Mattidia  durch  einen  Schiffbruch  an 
die  Küste  von  Aradus  geworfen.  Die  Zwillinge  fingen  See- 
räuber auf  und  verkauften  sie  an  eine  Witwe.  Als  die  Knaben 
erwachsen  sind,  finden  sie  vor  dem  Tempelportal  von  Aradus 
ein  altes  Bettelweib.  Es  ist  Mattidia.  Schließlich  wird  auch 
der  Vater  Faustus  wiedererkannt.  Alles  strömt  ins  Theater, 
wo  dem  gespannten  Publikum  die  wunderbaren  Erlebnisse  der 
vornehmen  Familie  ausführlich  erzählt  werden. 

Diese  Novelle  änderte  der  Verfasser  der  Grundschrift  vor 
allem  durch  Einfügung  der  Person  des  Klemens.  Jetzt  hat 
Faustus  nicht  mehr  zwei,  sondern  drei  Söhne.  So  kam  es  auch, 
daß  die  eine  Anagnorisis  in  Aradus,  schwerlich  zum  Vorteil, 
in  zwei  zerlegt  wurde.  Um  Mattidias  Keuschheit  verherrlichen 
zu  können,  fügt  der  Autor  die  Liebe  und  Verleumdung  des 
Schwagers  hinzu.  Darum  wandert  Mattidia  nicht  wegen  des 
Traumgesichts,  sondern  wegen  der  Leidenschaft  ihres  Schwagers 
aus.  Die  Spuren  der  älteren  Erzählung  zeigen  sich  noch  darin, 
daß  Mattidia  ein  Traumgesicht  fingiert.  Die  Beziehung  zwischen 
dem  Horoskop  und  Mattidias  Auswanderung  hat  der  Autor  ver- 
nachlässigt und  statt  dessen  ihr  Schicksal  enger  mit  dem  an- 
dersher  entlehnten  Motiv  der  Liebe  des  Schwagers  verbunden. 


*)  Die  Namen  stammen  natürlich  aus  der  Gruudschrift,  wo  Klemens 
als  aus  kaiserlichem  Geschlecht  entsprossen  gilt.  Mattidia  war  die  Tochter 
der  Marciana,  der  Schwester  Trajans;  auch  ihre  Tochter  hieß  Mattidia. 
CIL  2,  2341.  4993.  —  Faustina  war  die  Gattin  des  Kaisers  Pius  und  ihre 
Tochter  die  Gattin  des  Kaisers  Markus.  Derselbe  Name  begegnet  häufiger 
im  Geschlecht  der  Antonine  (vgl.  Wissowas  Realenzyklopädie  „Faustina"). 
T.  u.  U.  '14:  Heint7e.  9 


1 30  Heintze,  Klemensroman, 


§  14.   Die  Beziehungen  zu  den  griechischen  Romanen. 

Das  Verhältnis  des  Klemensromans  in  seinen  verschiedenen 
Rezensionen  zu  den  zeitgenössischen  Romanen  der  Griechen 
hat  zuerst  E.  Rohde  untersucht  und  erkannt,  daß  der  christ- 
liche Roman  sich  desselben  Schemas  bedient  wie  seine  sophi- 
stischen A'orbilder^.  Es  handelt  sich  jetzt  darum,  die  Ergebnisse 
unserer  Analyse  des  ErzählungsstofFes  durch  die  griechischen 
Beispiele  zu  belegen. 

In  der  eben  wiedergewonnenen  alten  Fabel  wird  Mattidia 
durch  ein  Traumgesicht  aufgefordert,  mit  ihren  beiden  Söhnen 
auszuwandern.  Das  könnte  absurd  scheinen,  da  man  den  Zweck 
nicht  einsieht.  Aber  auch  dem  Apollonius  von  Tyrus,  der  in  Myti- 
lene  seine  Tochter  Tharsia  wiedererkannt  hat,  wird  durch  ein 
Traumgesicht  befohlen,  nicht  nach  Haus  zurückzukehren,  son- 
dern nach  Ephesus  zu  fahren.  Als  er  dies  tut,  erkennt  er  in  jener 
Stadt  durch  einen  wunderbaren  Zufall  seine  längst  tot  geglaubte 
Gattin  wieder 2.  Wie  schon  früher  angedeutet,  spielt  das  Traum- 
gesicht in  der  alten  Fabel  eine  ähnliche  Rolle  wie  die  OrakeL 
durch  die  beispielsweise  Habrokomes  und  Antheia  veranlaßt 
werden,  ein  Schiff  zu  besteigen  und  auszuwandern,  ein  Kunst- 
mittel, das  dem  Autor  die  Trennung  der  beiden  Liebenden  er- 
möglicht^. Genau  so  wandert  Mattidia  um  des  Traumgesichts 
willen  aus,  und  der  Verfasser  versäumt  nicht  die  günstige  Ge- 
legenheit, sie  von  ihren  Söhnen  zu  trennen. 

An  dem  Traume  selbst  brachte  der  Autor,  wie  wir  sahen, 
eine  Korrektur  an,  die  er  gleichfalls  der  griechischen  Roman- 
lektüre verdankt.  Sehr  beliebt  war  in  jener  Zeit  das  Motiv 
der  Liebe  des  Schwagers  der  Gattin,  das  sich  sogar  unter  die 
Deklamationen  der  Redner  verirrt,  so  zwar,  daß  der  Gatte  seine 
Frau  wirklich  dem  Bruder  überläßt*.  In  der  Grundschrift 
wandert  Mattidia  aus,  um  ihre  Keuschheit  zu  bewahren;  in 
Heliodors  „Äthiopischen  Geschichten"  erzählt  der  alte  Kalasiris 

1)  £.  Rohde,  Der  griech.  Roman,  S.  507  i. 

^)  p.  105  Kiese.  In  der  lateinischen  Übersetzung  ist  es  ein  Engel, 
der  im  Traum  zu  ihm  spricht.  Auch  der  Verfasser  der  Grundschrift 
scheint  an   dem   heidnischen  Traumgesicht  Anstoß   genommen  zu  haben. 

*)  Xenoph.  Ephes.  335  16.     Hercher,  Erotici  scriptores  Graeci. 

*)  Quintil.  decl.  291:    „Qui   duos    filios    habebat    uni    uxorem    dedit. 

altero   aegrotante (et)  confesso  amari  a  se  fratris   uxorem,   frater 

l^etente  patre  cessit."  —  • — 


§  14.    Die  Beziehungen  zu  den  griechischen  Romanen.  \',]\ 

dem  Knemon,  er  sei  früher  l'riester  gewesen,  aber  ausgewandert, 
um  nicht  von  seiner  Leidenschaft  zu  der  schönen  ßhodopis 
übermannt  zu  werden^.  —  Durcli  ein  scliriftstellerisches  Ver- 
sehen dos  Autors  wird  in  der  Grundschrift  erzählt,  daß  der 
Bruder  Mattidia  bei  ihrem  Gatten  des  Ehebruchs  bezichtigt 
habe,  .Das  Motiv  ist  bei  den  verschiedensten  Völkern  beliebt: 
ein  unglücklicher  Liebhaber  verleumdet  eine  keusche  Frau  (oder 
umgekehrtL  Auch  Knemon  wird  von  seiner  Stiefmutter,  deren 
Jiitten  er  nicht  erhörte,  fälschlich  angeklagt  (Hei.  13  la). 

Doch  wir  kehren  zurück  zur  Handlung  der  alten  Fabel. 
Wir  hörten  von  dem  Vater,  wie  er  Boten  auf  Boten  schickt, 
um  endlich  Nachricht  von  der  verschollenen  Mattidia  und  ihren 
Söhnen  zu  erhalten.  So  schicken  auch  die  Eltern  von  Habro- 
komes  und  Antheia  Boten,  die  sich  nach  ihren  seit  langer  Zeit 
nicht  mehr  zurückgekehrten  Kindern  erkundigen  sollen  (Xe- 
noph.  387. s). 

Inzwischen  erlebt  Mattidia  mit  ihren  Söhnen  den  stereo- 
typen Schiffbruch,  der  in  keinem  Roman  fehlen  darf.  Merk- 
würdigerweise werden  übrigens  selten  wie  hier  die  beiden 
Liebenden  durch  den  Schiffbruch  voneinander  getrennt,  nur 
Hippothous  verliert  bei  einer  ähnlichen  Gelegenheit  seinen  ge- 
liebten Knaben,  der  denTod  in  den  Wellen  findet  (Xenoph, 
361  3o);  derselbe  Schiffbruch  des  Hippothous  ereignet  sich  wie 
im  Klemensroman  in  einer  finsteren  Nacht.  —  Der  Schiffbruch 
selbst  wird  in  der  Grundschrift  nicht  genauer  beschrieben,  aber 
die  Schilderung  der  Mattidia,  die  sich  allein  gerettet  glaubt 
und  nun  jammernd  und  klagend  beim  Anbruch  der  Morgen- 
dämmerung nach  ihren  Söhnen  ruft,  erinnert  an  die  Manier  der 
griechischen  Ekphrasen  (iß  16  lo — 17  n). 

Die  von  der  Höhe  des  Glücks  plötzlich  in  tiefes  Elend 
gestürzte  Mattidia  hatte  ein  armes  Schifferweib  bei  sich  auf- 
genommen. Zum  Dank  belohnt  Klemens  sie  nach  der  Ana- 
gnorisis  mit  fürstlichen  Geschenken.  So  mußte  auch  Apol- 
lonius  von  Tyrus  nach  dem  Schiffbruch  mit  einem  Fischer 
einen  Mantel  teilen,  und  als  er  am  Schluß  des  Romans  wieder 
in  vollem  Glück  an  dieselbe  Küste  geführt  wird,  freut  er  sich, 
ihm  den  alten  Dienst  reichlich  vergelten  zu  können  (p.  22  und  11 4f). 

Während  Mattidia  durch  den  Schiffbruch  an  den  Strand 
von   Aradus    verschlagen    wird,    fangen    Seeräuber    die    beiden 


1)  Heliotl.  p.  64  3  Bekker. 

9* 


132  Heiutze,  Kleiiiensroman. 

Söhne  auf  und  schleppen  sie  auf  den  Markt  von  Cäsarea. 
Übrigens  seheinen  jene  Gegenden  wirklich  an  dergleichen  Ge- 
sindel keinen  Mangel  gelitten  zu  haben,  denn  auch  Habrokoraes 
und  Antheia  werden  nach  Tyrus  geschleppt,  evda  tjv  zoTg  Jiei- 
garaig  m  oixeTa  (Xenoph.  344  8).  Aus  Tharsus  entführen  See- 
räuber die  Tharsia,  die  Tochter  des  Apollonius,  und  verkaufen 
sie  auf  dem  Marktplatz  <h.  Ap.  Tyr.  p.  62;.  Ja  sogar  die  Xamen 
pflegten  jene  Sklavenhändler  zu  ändern,  wie  Leukippe  erzählt: 
oc  xa?,ovjuat  Ädxaiva'  vßgig  avxrj  eorl  JieioaTiy.}'] '  kehjaxEVjai  xal 
Tovvo^ua  (Ach.  Tat.  p.  16S  m).  —  Alles  dies  hören  wir  auch  von 
Mattidias  Söhnen. 

Nicht  übel  wird  die  hübsche  Anagnorisis  des  Klemens  und 
der  Mattidia  dadurch  eingeleitet,  daß  Petrus  und  seine  Jünger 
nach  der  Insel  Aradus  herüberfahren,  um  die  beiden  "Wein- 
stocksäulen und  die  Kunstschätze  des  Phidias  zu  bewundern. 
Kunstdenkmäler  spielen  eine  große  Rolle  bei  Achilles  Tatius. 
Er  berichtet,  einst  habe  er  im  Tempel  zu  Sidon  gestanden,  in 
die  Betrachtung  eines  Gemäldes  versunken ,  als  er  unvermutet 
mit  einem  Jüngling  bekannt  wurde,  der  ihm  dort  die  Geschichte 
von  Leukippe  und  Kleitophon  erzählte  (p.  37 — 40  is).  Damit 
läßt  sich  wohl  vergleichen,  wie  Petrus  vor  dem  Tempel  in 
Aradus,  den  er  eben  besichtigen  wollte,  ohne  es  zu  ahnen,  die 
Mattidia  findet,  die  ihm  ihre  Familiengeschichte  erzählt. 

Mit  besonderer  Vorliebe  malt  der  Autor  aus,  wie  schmutzig 
und  ärmlich  Mattidia  in  Aradus  und  Faustus  in  Laodicea  vor 
der  Anagnorisis  bekleidet  gewesen  seien  (tß  Id;  id2is,  3  30) 
—  zweifellos  um  den  Umschwung  des  Glückes  deutlich  zu 
machen.  Dies  erleben  wir  häufiger.  Kleitophon  und  Melite, 
die  jener  als  seine  zweite  Gattin  heimgeführt  hatte,  sehen  einst 
auf  dem  Lande  eine  schmutzige  Frau  mit  der  Hacke  arbeiten  ; 
es  ist  Leukippe,  die  frühere  Gemahlin  des  Kleitophon,  von  ihm 
längst  tot  geglaubt  (Ach.  Tat.  144  1;  auch  Faustus  wird  an  der 
obigen  Stelle  als  „eQyaT)]g"  charakterisiert).  Obwohl  übrigens 
Mattidia  und  ebenso  Faustus  gänzlich  zerlumpt  sind,  kennt  Kle- 
mens ihre  Gesichtszüge  duavgöjg  Jicog  wieder  (iß  2d  n;  id  9  n); 
auch  Kleitophon  fühlt  sich  beim  Anblick  der  verkommenen 
Landarbeiterin  an  Leukippe  erinnert  (Ach.  Tat.  144l'2). 

Bezeichnend  für  die  Technik  dieser  Romane  ist  die  Ana- 
gnorisis. Sie  kommt  in  unserm  Falle  nicht  durch  Vorzeigung 
bestimmter  Erkennungszeichen,  wie  bei  Heliodor  (187  u:  285$) 
zustande,  sondern  durch  das  bloße  Aussprechen  der  Xamen.    So 


Jj  1-4.    Die  BezieliuDgen  zu  doii  griechischen  Romauon.  [33 

sagt  Petrus  dem  Klemens,  jonos  Woib  sei  seine  Mutter  ^[at- 
tidia;  derselbe  eröffnet  dem  Faustus,  j(Mie  drei  Jünglinge  seien 
seine  Söhne.  Die  Anagnorisis  des  Niketcs  und  des  Aquila  ist  un- 
ausbleiblich, als  Petrus  das  Schicksal  der  Mattidia  erzählt,  die 
jene  dann  leicht  als  ihre  eigene  Mutter  wiedererkennen.  Das- 
selbe Kunstmittel  ist  angewandt  in  l'harsias  Erzählung  von  dem 
traurigen  Geschick  der  ]\[utter,  die  natürlich  dazu  führt,  daß 
Apollonius  von  Tyrus  sie  als  seine  Tochter  erkennt  (p.  98, 
vgl.  106  ff).  —  Der  häufigste  Fall  ist  begreiflicherweise  bei 
beiden  Liebenden  die  Wiedererkennung  auf  den  ersten  Blick. 
Der  Homilist  hat  in  seiner  eigenen,  von  ihm  erdachten  Ana- 
gnorisis von  dieser  Technik  Gebrauch  gemacht.  Aber  bisweilen 
erkennt  auch  nur  einer  der  Beteiligten  den  Sachverhalt.  Thea- 
genes  stößt  zuerst  die  ihn  stürmisch  umarmende  Charikleia  von 
sich,  da  sie  in  ihrer  Lumpenbekleidung  ganz  unkenntlich  ist 
(Hei.  187-.).  Man  erinnert  sich  sofort  daran,  daß  auch  Kle- 
mens ganz  ahnungslos  ist,  als  ihm  Mattidia  um  den  Hals  fällt. 

Die  Affekte  der  Menschen  in  dem  Moment  der  Wieder- 
erkennung schildert  der  Autor  mit  ebenso  lebhaftem  Eifer  wie 
die  Romanschreiber  K  Er  übt  diese  Kunst  nicht  schlechter,  als 
wenn  er  ein  Rhetor  wäre.  Fast  notorisch  heißt  es  von  einem 
der  Beteiligten:  „resolutis  membris  quasi  interceptus  concidit"  ^^ 
während  beispielsweise  in  der  Geschichte  des  Apollonius  von 
Tyrus  mit  der  Schilderung  der  Affekte  sehr  sparsam  umge- 
gangen wird. 

Ein  Punkt  bedarf  hier  noch  einer  besonderen  Erörterung. 
Jene  Anagnorisis  des  Faustus,  die  wir  der  alten  Fabel  zuge- 
wiesen haben,  wird  in  dem  mit  Zuschauern  dicht  besetzten 
Theater  öffentlich  verkündigt,  und  zwar  so,  daß  die  ganze  Ge- 
schichte ausführlich  erzählt  wird.  Das  ist  sehr  wunderbar.  Aber 
bei  Chariton  finden  wir  genau  dasselbe:  Chaereas  und  Kalirrhoe 
sind  nach  ihrer  Wiedererkennung  wieder  im  Hafen  von  Syrakus 
eingetroffen,  /.oyov    de    däzrov  £7i/,)]o(ößtj  ro    deareov   drdocor   re 

y.dl  yvvatxcbv ijie&vjuovv  ydg  uvrohg  y.ai  ideTv  y.al  dy.ovoai 

(152i5).  Dann  erzählt  Hermokrates,  Kahrrhoes  Vater,  die  ganze 
ereignisreiche    Geschichte,    soweit  er   sie   selbst  miterlebt  hat. 

'),iß  21  27,  22  5.  lo;  ly  6  12.  i9;  id  9  25. 3o;  IX  35  lo,  37  7;  vgl.  Hei.  285  lo, 
Xenoph.  396  26,  Apoll.  Tyr.  p.  99. 109. 

■-)  Bei  den  Griechen  nennt  E.  Rohde  dies  eine  gewisse  , orientalische 
Weichlichkeit"  (S.  172 -j).  Wahrscheinlich  war  ja  auch  der  Verfasser  der 
Grundschrift  ein  Syrer. 


1  34  Heintze,  Klemensroman. 

J^ach  ihm  nimmt  Chaereas  den  Faden  auf  und  erzählt  in  be- 
haglich ausgesponnener  Rede  das  Übrige,  was  nur  er  wissen 
kann  (153  4ff).  Auf  diese  Weise  wird  dem  (ideell  vorgestellten) 
Volke  die  ganze  Fabel  noch  einmal  vom  Anfang  bis  zum  Ende 
wiederholt,  obwohl  dem  Leser  damit  nichts  Neues  gesagt  wird^. 
Auch  in  der  Geschichte  des  Apollonius  werden  zuerst  in  My- 
tilene,  dann  in  Tharsus  große  A'^olksversammlungen  berufen,  in 
denen  die  Anagnorisis  feierlich  verkündet  wird  (S.  100.  110). 

Oben  wurde  die  alte  Fabel  in  der  AVeise  rekonstruiert, 
daß  Astrologie  und  Fatalismus  eine  Hauptrolle  spielten.  Eine 
solche  Novelle  wäre  schon  an  sich  nicht  unwahrscheinlich,  da 
die  Astrologie  im  zweiten  und  dritten  nachchristlichen  Jahr- 
hundert in  hoher  Blüte  stand.  Auch  in  den  griechischen  Ro- 
manen finden  sich  Spuren  hiervon^.  Apollonius  überließ  bei 
seiner  Abreise  seine  Tochter  Tharsia  dem  Stranguillio  und  dessen 
Weibe  zur  Erziehung,  aber  jene  beschließen,  ihr  Pflegekind 
durch  einen  Bauern  töten  zu  lassen;  jedoch  ohne  daß  sie  es 
ahnen,  wird  die  Tharsia  kurz  vorher  von  Seeräubern  geraubt. 
Vierzehn  Jahre  später  kehrt  Apollonius  zurück,  um  seine  Tochter 
zu  verheiraten;  da  antwortet  ihm  das  verbrecherische  Weib: 
„crede  nobis,  quia,  si  genesis  permisisset,  sicut  haec  omnia 
damus  (d.  h.  ihre  Schmuckstücke  und  Kleider),  ita  et  filiam  tibi 
reddidissemus"  (S.  ISj.  —  Kalasiris  erzählt  dem  Knemon,  nacli 
dem  Tode  seiner  Frau  habe  er  nur  noch  in  den  Kindern  Trost 
gefunden;  ov  Ttolkdig  de  voteqov  heoiv  ovgaviojv  (pcoaxriQCOv 
eljuoQjuevi]  jieQiodog  toetiei  rä  xad^'  tj/uäg  — ,  rrjv  em  rb  xeTgov 
—  —  fxeraßoX}]}'  —  —  ijuol  ao(pia  juer  JXQoecprjve,  öiadgavai  ök 
ovy.  eöoxE  (auch  seine  beiden  Kinder  mußte  er  hergeben; 
Hei.  63  'i->).  Demnach  dürfte  die  Rekonstruktion  unserer  stark 
astrologisch  gefärbten  Fabel  nicht  mehr  allzu  kühn  sein. 

Zu  dem  Fabelstoff  läßt  sich  ferner  ein  Fragment  aus  Jam- 
blichs  „Babylonischen  Geschichten"  anführen,  das  Hercher 
herausgegeben  hat  (Herrn.  I  3(i3):  ÖEa:i6Ti'ig  öovlov  xaDjyoQEi 
Eni  jLioi'/Eia  Ti'jg  oixEiag  yajuEzfjg  E^)]yr]oaiu£in]g  cbg  övag  tovxü) 
Ev  ra>  rfjg  drpQodnijg  Ieqoj  i/äyi].    Jene  Frau  erzählt  also  ihrem 


^)  Diese  seltsame  Technik  kam  in  der  Grundschvift  auch  bei  Ge- 
legenheit der  Erkennung  des  Niketes  und  des  Aquihx  zur  Geltung,  wo  Petrus 
ebenfalls  eine  lediglich  aus  Wiederholungen  bestehende  Rede  hält  (VII 
26.  27).  In  den  Homilien  ist  die  Stelle  absichtlich  gekürzt  und  verdorben 
(oben  S.  7). 

2)  C.  Fr.  BoU,  Philo).  LXVl  S.  1  ff. 


§  14.    Die  Beziehungen  zu  den  griechischen  Romanen.  t;j5 

fiatfcen  cinon  Traum,  in  dem  sie  von  ilirem  eigenen  Haus- 
sklavcn  vergewaltigt  wurde.  Auch  in  unserer  rekonstruierten 
Fabel  erzählt  eine  Frau  ihrem  Gatten  einen  Traum  fder 
freilich  anders  beschatten  ist).  Beide  Gatten  erfahren,  daß 
ihre  Gattinnen  von  Sklaven  vergewaltigt  sind,  der  eine  Gatte 
aus  dcrti  Traum,  der  andere  durch  das  Horoskop.  Bei  Jam- 
blich ist  es  keine  wirkliche  Vergewaltigung,  sondern  eine,  die 
im  Traume  erfolgte.  Auch  in  unserer  Fabel  ist  der  Ehebruch 
nicht  wirklich,  sondern  nur  durch  das  Horoskop  angekündigt. 
Gleichwohl  glauben  beide  Gatten,  daß  etwas  daran  sei,  der 
eine  verklagt  den  Sklaven,  der  andere  verzweifelt  und  ver- 
kommt irgendwo  im  Auslande.  Die  Verschiedenheiten,  z.  B. 
der  Venustempel,  sollen  beiseite  gelassen  werden.  Der  Ver- 
fasser der  alten  Fabel,  die  in  der  Grundschrift  benutzt  ist,  hat 
wahrscheinlich  ungefähr  zur  gleichen  Zeit  gelebt  wie  Jamblich 
(etwa  150 — 225).  Daß  dieser  alte  Novellist  von  Jamblich  ab- 
hängig ist,  braucht  man  nicht  anzunehmen,  aber  beide  Erzäh- 
lungsmotive stammen  fraglos  aus  nahverwandten  Sphären  und 
wurden  wohl  auch  in  den  Rhetorenschulen  traktiert^. 

Die  Beliebtheit  der  damaligen  Romanliteratur  lehren  sogar 
die  Bearbeitungen  des  Klemensromans.  Die  Anagnorisis  des 
Faustus  ist  vom  Homilisten  ganz  umkomponiert  und  mit  grie- 
chischen Kunstmitteln  durchsetzt.  Petrus  meldet,  daß  Faustus 
schon  längst  tot  sei;  unmittelbar  darauf  tritt  Faustus  frisch  und 
gesund  in  das  Zimmer.  Solche  Kontraste  überschreiten  bei 
Achilles  Tatius  alles  Maß,  wenn  Kleitophon  zu  sehen  meint, 
wie  Leukippe  von  den  Seeräubern  geschlachtet  wird  —  und  er 
ahnt  nicht,  daß  er  nur  das  Opfer  eines  ganz  törichten  Betruges 
ist  (p.  101  ff).  —  Bei  dem  Homilisten  finden  sich  auch  gar  nicht 
selten  Monologe.  In  jener  falschen  Anagnorisis  singt  Mattidia 
wegen  Faustus'  Tod  eine  förmliche  Monodie  (oben  S.  lOAnm.  i): 
ovTico  de  Tfjg  jLiiäg  (!)  rami^g  ö?^okvyrjg  Jiavoajuevrjg,  löov  xal  6 
yeqcov  etoijei.  Ähnlich  ist  das  Klagelied  der  Leukippe  in  ihrem 
Schlafgemach:  Ol'jiioi  KkeLTocfwv  (xovto  ydg  eleye  noXldy.ig!) 
Ach.  Tat.  167  21.  —  In  derselben  Anagnorisis  sagt  Faustus  beim 
Anblick  seiner  Gattin:  Ol'uoi  ri  dekei  xovro  elvai;  xiva  öqöj 
üö  9  23).  —  Am  Schluß  der  Homilien  (der,  wie  wir  sahen, 
gleichfalls  vom  Homilisten  stammt),  klagt  Faustus  wegen  seines 


9   Rohde   S.  397 1   findet   eine    Beziehung   zwischen   dem  Jamblich- 
fragment  und  dem  Rechtsspruch  des  Königs  Bokchoris  von  Ägypten. 


136  Heintze,  Klemeusroman. 

verwandelten  Gesichts:  Oi'juoi  6  rd/a^,  udyov  avjov  äxovcov 
ijmorovv  6  ra/.ai.icooog '  rroog  ^uiav  fjf.i£oav  £7ir/vojo9eig  ovfißiqy 
y.al  Tsy.voig  zayecog  im  rrjv  Tiooreoav  rfjg  ayvoiag  7]/.ßov  oi\u(po- 
QOLV  (y.  15  13). 

Umgekehrt  finden  sich  auffallenderweise  in  der  Grundschrift 
Monologe  nur  am  Anfang  des  Romans.  Klemens  sagt:  iuaviM 
wjuih]oa  ?Jyojv  Ti  äX/.ovg  juejucpojLiai  h  rro  avxä>  Tfjg  djue?.€iag 
v7idQ'/0)v  eyy.h'jjuaji;  dlX'  elg  'lovdalav  oourjoco,  ttooteoov  rov  iuöv 
öia&eig  ßtov  (a  8  29).  Ja  an  jener  Stelle  stellt  Klemens  sich 
sogar  andere  Personen  als  redend  vor;  er  ist  unwillig  darüber, 
daß  niemand  ausruft:  Eig  lovöaiav  TioQevoojuat,  i'va  t'doj  et  ravß' 
ovxog  Aeycov  älrj&evei  —  —  (a  7  23).  In  Alexandria  tadelt  er 
die  Philosophen  und  fingiert  einen  förmlichen  Dialog  zwischen 
Gott  und  den  dünkelhaften  \\"eltweisen :  Ti  äga  iget  vfuov  ro 
Ekkrjviy.bv  ji/^i]§og,  eiheo  eorai  y.oioig  —  —  (die  Philosophen 
werden  sagen):  Aid  ti,  cb  -dee,  rijv  oy/v  ßovh]oiv  ovx  ey.)]Qv^ag 
■f]uTv  —  —  (Gott  wird  antworten):  'Eyw  Jidoag  Tag  eoo/jevag 
TiQO  y.aTaßolfjg  y.oojuov  eidojg  Jiooaioeoeig  —  —  (all  17). 

Zweifellos  sind  alle  jene  Kunstgriffe  griechischer  Herkunft, 
zumal  außer  diesen  und  einigen  ähnlichen  Stellen  des  Roman- 
anfanges ^  derartige  Monologe  in  der  Grundschrift  nicht  mehr 
begegnen.  Umgekehrt  nehmen  in  den  sophistischen  Romanen 
der  Griechen  die  Monologe  eine  bevorzugte  Stelle  ein  2. 

Wie  man  sieht,  sind  fast  alle  Motive  des  Klemensromans 
in  der  griechischen  Romanliteratur  nachweisbar,  unter  die  sich 
auch  dies  ganz  eigenartige  Erzeugnis  christlicher  Erzählungs- 
kunst ohne  Mühe  einreihen  läßt.  Sogar  die  Lokalitäten  stimmen 
überein,  da  Antiochia,  Laodicea,  Aradus,  Tyrus  die  beliebtesten 
Schauplätze  der  Romane  sind.  Fraglos  wurden  diese  Erzäh- 
lungen vorzugsweise  in  jenen  Gegenden  gelesen,  wo  sie  auch 
dem  Verfasser  der  Grundschrift  leicht  zur  Hand  waren. 

Derselbe  Autor  versichert  an  mehr  als  einer  Stelle,  sein 
Held   Klemens   stamme   aus    kaiserlichem   Geschlecht  3.      Auch 


1)  a  433-1,  4  2-5,  4  6,  4  6-21.  In  den  zwölf  ersten  Kapiteln  des  Romans 
finden  sich  nicht  weniger  als  sieben  ^lonoloo^e,  während  dies  Kunstraittel 
später  nur  noch  in  den  Zusätzen  des  Homilisten  begegnet!  Vgl.  Wend- 
land, Die  urchristlichen  Literaturformen,  Tübingen  1912,  S.  339f. 

'-)  Vgl.  Leo,  Der  Monolog  im  Drama.  Berlin  1908,  S.  6.  111. 

^)  Bekanntlich  hielt  man  früher  -wirklich  den  römischen  Bischof 
Klemens  für  einen  Angehörigen  des  Geschlechts  der  Flavier.  Lightfoot, 
The  apostolic  fathers.  I,  1890,  beweist  aus  den  lateinischen  Inschriften  die 


§  14.   Die  Beziehungen  zu  den  griechischen  Romanen.  137 

liier  zeigt  sicli  eine  Bezieluiiig-  zwischen  dem  „Klemens"'  und 
den  zeifgenössischeu  Romanen.  Apuleius'  Held  Lucius  stammt 
„a  Plutareho  illo  inclito  ae  m<>x  Sexto  philosopho  nepote" 
(p.  2  g  Helm).  Charitons  Roman  beginnt:  'Eoitoy.odiri^  6  2voa- 
y.ovoUov  OToaT)]y6g ,  ovTog  6  viy.))oa^  "Adip'aiov^,  er/e  dv/areoa 
Ka/joo6i]r.  Mit  vornehmen,  hochstehenden  Personen.  Tyrannen 
und  Kaisern  werden  diese  Romanhelden  in  Verbindung  gebracht^; 
nicht  anders  ist  es.  wenn  unser  Klemens  aus  dem  Geschlecht 
des  Kaisers  stammt.  Schließlich,  um  die  Glaubwürdigkeit  des 
Romans  noch  mehr  zu  steigern,  muß  Klemens  selbst  seine  Er- 
lebnisse erzählen.  Diese  Komposition,  die  wir  ..Ichroman"'  zu 
nennen  pflegen,  ist  w^ohl  auch  den  Griechen  entlehnt,  wie  das 
Beispiel  des  Apuleius  zeigt. 

Fassen  wir  diese  romantechnischen  Untersuchungen  zu- 
sammen, so  lehrt  uns  der  Klemensroman  über  die  Gattung 
wenig  Neues.  Freilich  eine  Schwierigkeit  darf  nicht  verschwiegen 
werden,  daß  nämlich  die  sophistischen  Romanschreiber  keine 
anderen  Stoffe  kennen  als  Liebesaffären.  Auch  der  älteste,  von 
U.  Wilcken  herausgegebene  Xinusroman  liegt  in  dieser  Rich- 
tung, so  daß  seit  dem  ersten  vorchristlichen  Jahrhundert  die 
Technik  eine  ziemlich  feste  gewesen  zu  sein  scheint-.  Um  so 
merkwürdiger  ist  es,  daß  unsere  mit  den  griechischen  Romanen 
eng  verschwisterte  Klemensgeschichte  die  Schicksale  nicht  zweier 
Liebender,  sondern  einer  Familie  behandelt.  Diese  Differenz 
wird  nicht  vermindert,  wenn  wir  die  von  uns  wiedergewonnene 
alte  Fabel  betrachten,  in  der  ein  Yater,  eine  Mutter  und  zwei 
Söhne  oder  vielmehr  Zwillinge  agieren.  Ganz  mit  Recht  hat 
daher  Bousset  die  Komödien  herangezogen,  wo  zweifellos  diese 
seltsamen  Familienschicksale  ein  viel  geläufigeres  Motiv  sind. 
Die  Anag-norisis  selbst  stammt  bekanntlich  aus  der  Komödie^; 


Häufigkeit  des  Namens  Klemens.  Er  selbst  sucht  S.  60f  wahrscheinlich 
zu  machen,  daß  der  Bischof  Klemens  ein  Freigelassener  des  Flavius  Kle- 
mens gewesen  sei  (der  als  Konsul  im  Jahre  95  hingerichtet  wurde.  Suet. 
Dom.  15). 

*)  Ygl.  E.  Schwartz  'Fünf  Vorträge  über  d.  gi-iech.  Roman,  Berlin 
1896,  S.  145 fif),  der  die  Entstehung  des  griechischen  Romaus  aus  der 
jüngeren  hellenistischen  Geschichtsschreibung  ableitet. 

")  U.  Wilcken.  Herm.  28,  161  ff.  Vgl.  R.  Heinze,  Herm.  o4,  494  if  über 
Petronius). 

')  Der  älteste  Ursprung  der  Wiedererkennung  liegt  in  der  Odyssee. 
Stark  macht  sich  das  \lotiv  in  der  Tragödie  geltend,  besonders  bei  Euri- 
pides,  der  hierin  befruchtend  auf  die  Entwicklung  der  Komödie  einge- 
wirkt hat.   Vgl.  Leo,  Plaut.  Forschungen,  Berlin  1912-,  S.  158tf.  197  ff. 


13S  Heintze,  Klemensroman. 

auch  das  Zwillingsmotiv  ist  dorther  geholt:  endlich  erinnert  die 
feierliche  Art,  wie  die  Anagnorisis  im  Theater  öffentlich  ver- 
kündigt wird,  immerhin  stark  an  die  Komödie.  Aber  schwer- 
lich stehen  Komödie  und  Klemensroman  in  einem  engeren  Ver- 
hältnis; vielmehr  mag  man  auch  hier  sich  damit  abfinden,  daß 
die  alles  nivellierenden  Rhetorenschulen  den  Vermittler  gespielt 
haben  ^. 


Schluß. 


In  den  fünf  Jahrhunderten  von  Posidonius  bis  Rufin  liegt 
die  Geschichte  des  Klemensromans  beschlossen.  Ein  christlicher 
Autor  entschloß  sich  eines  Tages,  die  Jugendgeschichte  des 
römischen  Bischofs  Klemens  mit  dem  Apostel  Petrus  in  Ver- 
bindung zu  bringen.  Zu  diesem  Zweck  vereinigte  er  drei  große 
Stoffmassen:  die  Reisen  und  Predigten  des  Petrus,  die  philo- 
sophischen Disputationen  und  die  Wiedererkennungen.  Die 
erste  Stoffmasse  ist  von  Waitz  aus  den  Quellenschriften  Ki]- 
Qvyjiia  IJeroov  und  Uod^eig  IIetqov  abgeleitet.  Die  dritte  gab 
die  von  uns  erschlossene  astrologisch  gefärbte  Wiedererkennungs- 
fabel  her.  Bei  der  zweiten  liegt  das  Verhältnis  komplizierter. 
Sie  stammt  aus  einer  Disputationsschrift,  in  der  autier  einem 
doxographischen  Schulbuch  und  dem  Peplos  des  [Aristoteles] 
vor  allem  Posidonius  benutzt  ist.  Daß  diese  Quelle  die  philo- 
sophischen und  mythologischen  Disputationen  enthielt,  würde 
eine  genauere  Analyse  der  mythologischen  Zusammenhänge 
noch  erhärten.   Ein  Blick  in  Ciceros  Buch  ,.de  natura  deorum"  ^ 


^)Bousset(Zeitschr.  f.  neutestam.Wiss.) hat  die  Romanquelle,  die  zweifel- 
los in  der  Grundschrift  benutzt  ist,  mit  Shakespeares  Komödie  der  Irrungen 
und  Plautus'  Menaechmen  in  Verbindung  gebracht  und  stützt  sich  dabei 
besonders  auf  das  Zwillingsmotiv.  Freilich  bedient  er  sich  in  seiner  Be- 
weisführung u.  a.  auch  der  „Fiktion"  und  der  „Verwandlung  des  Faustus", 
die,  wie  wir  jetzt  wissen,  erst  Zusätze  des  Homilisteu  sind.  Außerdem 
läßt  sich  der  Schiffbruch,  das  Lokalkolorit  von  Ephesus  und  Syrakus  so- 
wie die  übrigen  Motive  ohne  besondere  Mühe  ebenso  in  der  Komanliteratur 
wie  in  der  Komödie  belegen.  Das  Verhältnis  Shakespeares  und  unseres 
Eomans  entzieht  sich  unserer  Beurteilung.  Unsere  Quellenuntersuchung 
weist  nicht  auf  eine  nähere  Beziehung. 

2^  Vgl.  II  §  :3'.)ff.  G3ff,  III  §  53ff'.  Sextus  P.  H.  III  §  210,  Adv.  math. 
1X17. 


Schluß.  139 

und  in  die  weitere  mythologische  Literatur  ^  lehrt  uns  die  Art 
jener  stoischen  Mythenallegorie,  die  in  unserer  Quelle  so  er- 
bittert bekämpft  wird,  gut  kennen.  Hierdurch  kann  die  ur- 
sprüngliche Einheit  der  philosophischen  und  mythologischen 
Disputationen,  die  zuerst  Bousset  erkannte,  nur  bestätigt  werden. 
Daß  jenes  Disputationsbuch  jüdische  Tendenzen  verfolgte^  ist 
früher  zu  zeigen  versucht,  ein  Moment,  das,  wie  gesagt,  manche 
Schwierigkeiten  der  obigen  Quellenkonstruktion  wenn  nicht  be- 
seitigt, so  doch  Avenigstens  mildert.  Allerdings  ist  von  anderer 
Seite  mit  Recht  betont,  daß  eine  auf  jedes  Einzelwort  einge- 
spannte Interpretationsmethode  bei  der  bisherigen  Unsicherheit 
des  Rekognitionentextes  an  einer  gewissen  Relativität  leidet. 

1)   Vgl.   Zeller  *,  S.  330 ff.    522ff  und   die  wertvollen  Parallelen  von 
Cotelier. 


Alltoren-  und  Sachverzeichnis. 


Aberglaube  60. 

Achilles  Tatius  132.  135. 

Aetius  91. 

Affekte  133. 

Ägyptischer  Götzendienst  108. 

Alexandria  6. 

Anagnorisis   7.  9.  11.  119.  124.  126. 

128.  129.  132  f.  137  f. 
Anakephalaiosis  13. 
Analphabeten  101. 
Anatomie  83  ff.  89. 
Annubion  36.  45.  106.  109.  112. 
Antiochus  46. 
Antonine  92.  112. 
Apiou  15.  18.  43.  46.  50.  107.  112. 
ApioD,  Annubion,  Athenodor22. 28.49. 
Apionbriefe  16.  46  f. 
Apollonius  von  Tyrus  130  f.  133  f. 
Apologetik  51.  107. 
Apuleius  137. 
Aquila  107.  123ff. 
Arabische  Auszüge  4. 
Aristoteles  69.  92. 
[Aristoteles]  Peplos  108.  112.  138. 
Arius  111. 
Asklepiades  91. 
Astrologie  im  Roman  115.  120  f.  134. 

Astrologische  Geographie  100.  102. 
106. 

Astronomie  88. 

Athenodor  43.  45.  106.  110. 

Äther  59.  76f.  81.  87. 

Atmosphäre  59.  79.  87. 

Atmung  83. 

Atomenlehre  54.  92. 

Auswanderung  130. 


Bardesanes  101  ff".  105.  106.  112. 
Barnabas  6. 
Bartlet  5. 

Basilius  54.  56f.  78.  90.  92.  93ff.  110. 
113. 

Basiliusscholien  90  f. 

Belobnungen  131. 

Berenike  21.  12.3. 

Bergbau  88. 

Berge  79.  87. 

Bergmann  45. 

Berytos  20. 

Beschneidung  73.  75. 

Bettler  132. 

Bigg  2.  4.  12.  19.  24.  56. 

Blutlauf  84. 

Boll  73.  100.  105.  134. 

Boten  131. 

Bousset  3.  5.  8.  22.  24.  29.  39.  40.  49. 

110.  112.  114.123.128.  137  f. 
Bücheier  108. 
Burleskes  20.  25  f. 

Catalogus  Cod.  Astrol.  Graec.  109. 
Chapman  3.  5.  8.  12.  17.  40.  51.  110  f. 

112.  113. 
Chariton   133.  137. 
Christen  s.  astrologische  Geographie, 
Christentum  47f.  53.  67.  73.  119.  123- 

130. 
Christliche  Gebete  89. 
Chrysipp  64.  68.  98.  99. 
Cicero  60.  76  ff.  86  ff.  98. 
Compositum  52.  61. 
Contraria  68. 
Cotelier  4.  91.  124.  139. 
Cumont  58.  66. 


Autoren-  und  Sachverzeichnis. 


141 


Dämonen  31. 

Datierung  3.  5.  17.  51.  110  ff.  135. 
Definition  52. 
Deklination  96. 
Demokrit  62.  91.  96. 
Dialog  des  Philippus  101  ff.  112.  113. 
Dialoge  136. 
Jtaiiagrvgia  18. 
Diels~69.  90  ff.  94.  112. 
Disposition  der  Apiondisputationen 
[55.  59.  63. 


44. 


Disposition  der  philos.  Disputationen 
Disputationen  des  Apion  14 ff'.  42  ff'. 
Disputationen  (philosophische) :  erste 

52  ff.  92 ff;  zweite  62ff.  99 ff;  dritte 

70  ff.  100  ff\  106  ff". 
Dobschütz  5. 
Doxographie  56.  90ff.  93.  98.  112. 

Ekphrasis  43.  131. 

Elemente  52.  54.  56.  93. 

Ennius  69. 

Epikur  13.  43  f.  49.  60  f.  68  f.  70.  92. 

96  f.  106.  110.  112. 
Epitome  4.  33.  35. 
Erde  59.  81. 
Ernährung  81  ff. 
Eunomins  40.  111. 
Eusebius  12.   15.   75.  90.  101  ft\  112. 
Ewigkeit  der  Welt  54.  56.  61. 
Fabel  s.  Romanquelle. 
Faber  Stapuleusis  4. 
Fabricius  80.  91. 
Fallgesetz  92.  94. 
Familiengeschichte  137. 
Fatalismus  s.  Genesis. 
Fatum  121. 
Faustina  129. 

Faustus20f.  25f.  60.  95 f.  114f.  118. 
Fiktion  des  Faustus  9.  33.  115.  138. 
Fiktionen  18.  124. 
Flöhe,  Mäuse,  Wanzen  usw.  64. 70. 99. 
Fortpflanzung  79  f.  81. 
Flüsse  79.  87. 


Galen  90. 
Geffeken  47.  99. 


10« 


Gemeinsame  Quellenformel  1.  ?>.  7. 12. 

17.  19.  21.  35.  39. 
Genesis  44.  49.  .53.  60.  95.  100. 
Genesisdisputationen  12.  101.  106  f. 
Gersdorf  4. 
(jesetze  d.Länder  s.  Xö/uifia  ßaQßaQiy.d. 

Gleichgewicht  des  Weltalls  (Erde) 

78.  92.  93. 
Gott  52.  54  f.  62.  93.  95  f.  99. 
Göttervei'zeichnisse  108. 
Göttliche  Fürsorge  für  d.  Menschen 

76.  86  ff".  98. 
Gregor  von  Nazianz  110.  113. 
Greßmann  66.  90. 
Griechisches  43.  50. 
Gronau  54.  56.  66.  78.  93  f. 
Grundschrift  1.  3.  5.  6  ff".  14.  21.  27.  35. 

40f.  101.  105.  llOff'.  113. 129.  130ff. 

136. 
Grundschrift-Autor    27.    31.   76.    97. 

108.  111.  126.  129. 
Gutschmidt  108. 

Haase  101  ff.  112. 

Hagel,  Rost,  Stürme  usw.  68. 

Handschriften  4. 

Harmonie  des  Weltalls  76. 

Harnaek  3.  5.  6f.  12. 18. 102. 105. 110ft\ 

Headlam  5.  112. 

Heimat  s.  Lokalisierung. 

Heinemann  46  f. 

Heinze  137. 

Heliodor  130.  132.  134. 

Hieronymus  15. 

Hilgenfeld  2  f.  4.  12.  14.  23.  24.  39. 

41.  72.  101.  105.  110. 
Himmelsumdrehung  77.  100. 
Hippon  von  Rhegion  82. 
Hitze  66.  81.  [123.  135  f. 

Homilieu  4.  25.  35.  38.  86  ff".  113.  116. 
Homilist  22.  27,  29.  35  f.  49.  136. 
Horoskop  9.  11.  13.  71.  100.  109. 115. 

199  ff'.  123.  129. 
Hort  5. 
Hunger  und  Durst  70. 

Jagd  88. 
Jahreszeiten  77. 


142 


Heiutze,  Kleraensroman. 


Jakobus  37  ff. 

Jamblich  (Neuplatoniker)  111;  (Ro- 
manschriftsteller) 134. 

Ichroman  39.  137. 

Inder  103. 

Innere  Organe  83. 

Irenäus  91. 

Ironie  (vgl.  Kontraste)  120. 

Juden  s.  astrologische  Geographie. 

Judentum  44.  47.  50.  73.  75.  106. 

Jüdische  Disputatiousschrift  32,  42 ff. 
47.  49.  75.  98.  lOti.  110.  112.  113. 

Justa  123. 

Kailist  39. 

Kampf  ums  Dasein  s.  Ungleichheit. 

Kannibalismus  12.  26.  72. 

Karneades   12.  49.  58.  72.  100.  106. 

K/jovyiiia  IJhgov  112.  138. 

Keuschheit  130. 

Klauseln  46. 

Kleanthes  76.  79. 

Klemens  20.  47 f.  49.  122.  129.  136  f. 

Klemensbrief  (an  die  Korinther)  89. 

Klemensbrief  ''an  Jakobus)   5.  36 ff. 

40.  110. 
Klementinenforschung  2  ff. 
Klimata  73.  100. 
Knabenliebe  103. 
Knochenbau  84. 
Kommunismus  12.  72.  103. 
Komödie  1.37  f. 
Kontraste  120.  124.  132.  135. 
Kraft  93. 
Krates  108. 
Kunstcharakter  47. 
Kunstdenkmäler  132. 

Lagarde  4. 
Landbau  88. 
Langen  2.  4. 
Lehmann  4. 
Lehrs  108. 

Leipziger  Handschriften  4. 
Leo  136  f. 

Liebe  des  Schwagers  115  ff.  119.  129. 
130. 


Liebe  des  Sklaven  115  ff.  119  f.  221. 

129.  134. 
Liebeskrankheit  16. 
Lipsius  2.  4.  23  f. 
Logos  59  f.  96. 

Lokalisierung  3.  18.  51.  113.  133. 
Lokalkolorit  103.  131.  136.  138. 
Lucian  111. 
Luft  92. 

Magie  49. 

Magusäer  s.  astrol.  Geographie. 

Materie  52.  54.  93.  96. 

Matthäuskommentar  110. 

Mattidia  129. 

Medizin  88. 

Mensch  81.  82. 

Menschliche     Geschicklichkeit     81. 

86  ff'. 
Merigarto  88. 
Merx  72.  105. 

Meyboom  4f.  7 f.  11.  18.  105.  126. 
Meyer  74. 
Michaelis  108. 
Monarchen  101. 
Mond  66. 

Monolog  10.  26.  135  f. 
Mord  71.  100.  103. 
Motivwiederholung  28.  32. 
Mytheuallegorie  16.  44.  49.  107  ff'. 
Mythologie  14  ff.  138. 
Namensänderung  123.  132. 
Natur  55.  82. 

Nau3f.  5. 12. 37, 39  f.  102.103.113.124. 
Niketes  96.  123  ff'. 
Ninusroman  137. 
N6/Luiia  ßaoßaQiy.ä  12.  49.  71  ff'.  100. 

Opus  imperfectum  110. 
Orakel  130. 
Ordnung  59.  69.  99. 
Origenes  90.  110.  113. 

Parmenides  54. 
Pasquali  56.  78.  90. 
Patristische  Zeugnisse  42. 
Petrus  16. 


Autoren-  und  Sachverzeichnis. 


143 


Petrusbrief  5.  18. 
Petru-s  Simondisputatiouen  12.  14. 
Pflanzen  79.  87. 
Philo  58.  68.  73.  i)().  107. 
Philokalia  31.  41.  110.  113. 
Photius  15.  40. 
Platü  55:  62.  88.  91.  94. 
Plautus  138. 
Pohlenz  10.  35. 

Posidonius  63.  66.  69.   77.  80.  86  f. 
89.91f.93.94.97f.  100. 106.113.138. 
Jlgdifig  JIstqov  34.  39.  138. 
Preuschen  4.  18.  41. 
Prozefsrecht  88. 
Pyrrho  13.  107. 
Pythagoras  61.  91. 

Qualitäten  (primär,  sekundär)  62. 
Quiutilian  130. 

Regen  79.  88. 

Regenbogen  63. 

Rekognitionen  4.  29.  33 f.  38.  41. 102 fiF. 

113  f.  116.  127. 
Rekognitionenautor  33  f.  36.  50.  111. 
Rhetoreii.-chulen  130.  138. 
Richardson  4. 
Robinson  HO. 
Rohde  33.  130.  133.  135. 
Rom  37.  113. 

Romaue  (sophistische)  loOff.  137 f. 
Romanquelle    112.    Il4ft;    117.    122. 

127.  128.  129.  134. 
Romantechnik  130.  137. 
Römer  s.  N6uif(a  ßagßaQixd. 
Rufln  24.  38.  40.  111.  113.  127. 

Schiffahrt  88. 

Schiffbruch  119.  121.  123.  131.   138. 

Schluß  des  Romans  5.  14.  23  ff.  33. 

35.  113. 
Schmekel  58.  76.  80.  86.  100. 
Schwartz  137. 
Schwenke  90. 
Seeräuber  129.  131  f. 
Seleucia  33.  121. 
Sequestration  125. 
Sextus  79  f.  90. 


Silvia  113. 

Simon  27.  29. 

Simonsage  34. 

Simplex  52.  61. 

Sinnesorgane  85. 

Skhiveumarkt  132. 

Sonne  66. 

Sophistik  (zweite)  112. 

Sophokles  88. 

Stammbaum  42. 

Sterueneinfluß  65 ff".  70.  99. 

Stoffwechsel  84. 

Stoiker  13.  53 f.  64.  67.  89.  96.  97  f. 

100. 
Strato  91. 

Stützpunkt  der  Erde  92. 
Suidas  108. 
Sünden  65  ff'. 

Sympathie  des  Weltalls  66. 
Syrer  s.  Dialog  des  Philippus. 
Syrien  3.  113. 
Syrische  Version  3  f.  41. 

Taufe  8. 

Te/vizrjg  93. 

Texte  4. 

Thaies  92. 

Theater  11.  129.  133.  138. 

Theodizee  65 ff'.  99. 

Theophrast  91. 

Tiere  79  ff.  87.  88. 

Tierkreise  100. 

Traumgesicht  118.  129.  134  f. 

Turrianushandschrift  4. 

Übel  29.  32.  70. 

Uhlhorn  2.  4.  7.  24.  37. 

Unendlichkeit  62. 

Ungleichheit  der  Menschen  32.  70. 75. 

Unglück  68. 

Unordnung  60.  64.  65  ff'.  69. 

Unterscheidungen  (differentiae)  62. 

Urschlamm  64. 

Urzustand  67. 

Terantwortlichkeitsgefühl  100. 
Verdauuncr  83. 


144 


Heintze.  Klemensroruan. 


Yerleuuiduug  116  ff.  131. 
Vetusta  Placita  91. 
Yorfabel  114. 

Vornehme  Verwandtschaft  118. 136  f. 
Vorsehung  33.  52 f.  -älff.  60.  77.  86 ff. 
89.  95.  1U7, 

Wahrheit  45. 

Waitz  1.  3.  5.  8.  12.  19.  21  f.  .34.  37  ff. 

40.  41  f.  45.  104.  110  ff.  113. 
Wasser  81.  87.  92. 
Weinstocksäulen  124. 
Weltall  92. 

Welt  als  Gebäude  76  f. 
Welt  als  Kunstwerk  93 f. 
Weltentstehung  53.  60. 
Weltschöpfung  96.  99. 
Wendland  46.  54.  56.  58.  63 f.  66.  68. 

76.  80.  89.  100.  186. 


Wiedererkennung:    ferste)    14.    124; 

(zweite)   7.   14.   125 f;    (dritte)   11. 

14.  123. 
Wiedererkennung  der  Homilien  8  ff. 

135. 
Wilamowitz  112. 
Wilcken  137. 
Willensfreiheit  .58.  70.  96. 
Wind  63.  79.  81. 
Wohlgeformte  Dinge  63. 
Wolken  87. 
3erod6/og  124.  126. 
Xenophon  von  Ephesus  130  f.  133, 
Zeller  57.  60.  62.  82.  96.  110.  139. 
Zeugung  s.  Fortpflanzung. 
Zorn  Gottes  35. 
Züchtigung  66. 
Zwillinge  127.  138. 


Verlag  der  J.  C.  HINRICHS'schen  Buchhandlung  in  Leipzig. 


Fortsetznng  von  der  2.  ümschlagseite. 

Schmidt,. P,:  Der  erste  Clemensbrief  in  altkopti- 
sclier Übersetzung.  Mit Liclitdruck-Faksimile 
derHandschritt.IV,  160.s.l908.(Bd.32, 1)M.9  — 

Schmidtke,  A. :  Neue  Frafrmente  und  Unter- 
suchungen zu  den  judencliristlichen  Evan- 
gelien. Ein  Beitrag  zur  Literatur  und  Ge- 
schichte der  Judenchristen.  VIII,  302  S.  1911. 
(Bd.  37,  1)  M.  10 — 

Der  Schollen-Kommentar  des  Origenes  zur  Apo- 
kalypse Johannis.  N'ebst  einem  Stück  ans 
Ireiiaus,  Lib.  V,  graece.  J-2ntdeckt  und  hrsg. 
von  C.  Diobouniotis  u.  A.  Harnack.  IV,  88  S. 
1911.     (Bd.  38,  3)  M.  3  — 

Soden,  H.  von:  Das  lateinische  Neue  Testament 
in  Afrika  zur  Zeit  Cyprians.  Nach  Bibel- 
handschriften u.  Väterzeugnissen.  .Mit  Unter- 
stützung d.Kgl.Prenss.Histor.  Instituts  her- 
ausgegeben. X,G63S.  19(iy.  (Bd. 33)     M.  21  — 

Vogels,  H.  J.:  Harmonistik  im  Evangelientext 
des  Codex  Cantabrigiensis.  Ein  Beitrag  zur 
neutestamentl.  Textkritik.  IV,  119  S.  1910. 
(Bd.  36,  la)  M.  4  — 

Weiss,  B.:  Der  Hebräerbrief  in  zeitgeschichtl. 
Beleuchtg.  II,  HO  S.  1910.  (Bd..  35,  3)  M.  3.50 

—  Die  Quellen  der  synoptischen  Überlieferung. 
IV,  256  S.    (Bd.  32,  3)  M.  8.50 

Wutz,  F.:  Onomastica  sacra.  Untersuchungen  zum 
Liber  interpretationis  nominum  hebraicorum 
des  hl.  Hieronymus.  I.  Hälfte.  Quellen  und 
System  der  Onomastika.   672  S.   1914.  (Bd.  41) 

M.  21- 


Jnhalt  der  Zweiten  Reihe  =  Ed.  16—30. 

Achelis,  H.:  Hippolytstudien.  VIII,  233  S.  1897. 
(Bd.  16,  4)    M.  7.50 

Augar,  F.:  Die  Frauen  imröm.  Christenprocess. 
Ein  Beitr.  z.  Verfolgnngsgesch.  der  christl. 
Kirche  im  röm.  Staat.  82  ö.  (Mit  Harnack 
und  Schultze  Bd.  28,  4)  M.  4.50 

Bauer,  Ad.:  Die  Chronik  des  Hippolytos  im 
Matritensis  graecus  121.  N'ebst  einer  Abhand- 
lung über  den  Stadiasmus  Maris  Magnivon 
Otto  Cuntz.  Mit  einer  Abbildung  im  Text  und 
5  Tafeln.  VI,  288  S.  1905.  (Bd.  20,  1)    M.  8.50 

Berendts,  A.:  Die  Zeugnisse  vom  Christentum 
im  slavischen  de  hello  Judaico  des  Josephus. 

III,  79  S.     1906.     (Bd.  29,  4)  M.  2.50 

—  Die  handschriftl.  Überlief,  .der  Zacharias-  u. 
Johannes-Apokryphen.  —  Über  die  Biblio- 
theken d.  Meteorischen  u.Ossa-Olymp. Klöster. 

IV,  84  S.     1904.     (Bd.  26,  3)  M.  2.70 
Bonwetsch,    G.   N.:    Drei    georgisch    erhaltene 

Schriften  v.  Hippolytus.  XVI,  98  S.  1904. 
(Bd.  26,  la)  M.  3.50 

—  Hippolyts  Kommentar  z.  Hohenlied  auf  Grund 

V,  X.  Marr's  Ausg.  d.  grusin.  Textes  heransg. 
108  S.  1H02.  (Mit  Harnack  und  Kiostermann, 
Bd.  23,  2)  M.  5.50 

—  Studien  z.  d.  Komm.  Hippolyts  zum  Buche 
Daniel  u.  Hohenliede.  IV,  86S.  '97.  (Bd.  16,  2) 

M.  3  — 

Bratke,  E.:  Das  sogenannte  Eeligionsgespräch 
am  Hof  der  Sasaniden.  IV,  305  S.  1839.  (Mit 
Harnack,  Cj-prian.  Schriften  Bd.  19,3)    -M.  10.50 

Die  syrische  Didaskalia  übs.  u.erkl.v.H.ACHELiS  u. 
J. FlemminG.  VIII,  388 S.  1904. (Bd.  25,2)  M.12.50 

Dobschiitz,  E.  von:  Christusbilder.  Untersuchun- 
gen zur  christlichen  Legende.  XII,  294,  336 
und  3.i7  S.     1899.    (Bd.  18)  M.  32  — 

Erbes,  C:  Die  Todestage  der  Apostel  Paulus 
und  Petrus  und  ihre  römischen  Denkmäler. 
IV,  138  S.  1899.  (Mit  Harnack,  Ketzerkatalog 
und  Goetz,  Cyprian  Bd.  19,  i)  M.  5.50 


Flemming,  J.:  Das  Buch  Henoch.Äthiop.  Text,  Einl. 

Komm.  XVI,  172  S.  1902.  (Bd.  22,  1)  M.  11  — 
Qebhardt,  .0.  v.:  Passio  S.  Thedae  virginis.  Die 

latein.  Übersetzgn.  der  Acta  Pauli  et  Theclao 

nebst  Fragm.,  Auszügen  u.  Beilagen  herausg. 

CXVIII,  188  S.     1902.     (Bd.  22,  2)  M.  !).5ü 

Qeffcken,  J.:  Komposition  u.  Kntstehungszeit  d. 

Urac.  .sibyll.  IV,  7H  S.  19ii2.  (Bd.  23,  1)  M.  -^..50 
Goltz,  Ed.  V.  d.:  Tischgebete  u.  Aliendmahlsgebete 

in  d.   altchristlichen  u.   in  der  griechischen 

Kirche.    67  S.     1905.    (Bd.  29,  2h)        M.  2  — 

—  .1/0J05   ffwrijpiu;    7ipÖ5    xrv    xu(i9ivov  (de  Virgiui- 

tate).     Eine   echte   Schrift   des  Athanasius. 
IV,  144  S.     1905.     (Bd.  20,  2a)  M.  5  — 

—  Eine  textkrit.  Arbeit  d.  10.  bez.  6.  Jh.,  hrsg. 
D.  e.  Codex  d.  Athoskl.  Lawra.  Mit  1  Tafol. 
VI,  116  S.  1899.     (Bd.  17,  4)  M.  4.50 

Goetz,  K.G.:D.  alte  Anfang  u.  d.  ursprüngl.Form 

v.("ypr.schriftadDonatnm.lGS.i89!>.(s.  Erbes) 
Gressmann,  H.:  Studien  zu  Euseb's  Theophanie. 

XI,  154  u.  69  S.  1903.  (Bd.  23,  3)  M.  8  — 
Haller,  W.:  Jovianus,  die  Fragm.  s.  Schriften  etc. 

VIII,  150  S.     1897.    (Bd.  17,  2)  M.  5.50 

Harnack,  A.  v.:  D.  pseudocypr.  Trakt,  de  singn- 

laritate  cleric,   e.  Werk  d.  donatist.  Bisch. 

Macrobius  in  Rom.   (72  S.)  —  D.  Hypotyposen 

d.  Theognost.  (20  S.)  —  D.  gefälschte  Brief  d. 

Bisch. Theonas  an  d.OberkammerherrnLucian. 

(25  S.)     117  S.     1903.     (Bd.  24.  3)  M.  3.50 

—  Über  verlorene  Briefe  und  Actenstücke, 
die  sich  aus  der  Cyprian.  Briefsammlung 
ermitteln  lassen.  45  S.  1902.  (Mit  Klostermann 
u.  Bonwetsch,  Bd.  23,  2)  M.  5.50 

—  Der  Ketzer-Katalog  des  Bischofs  Maruta 
von  Maipherkat.    17  S.    1899.    (s.  Erbes) 

—  Die  PfatTschen  Irenäus-Fragraente  als  Fäl- 
schungen PfafFs  nachgewiesen.  —  Patrist. 
Miscellen.  III,  148  S.  1900.  (Bd.  20,  3)    M.  5  — 

—  Diodorv.Tarsus.IV,25lS. '01.(;Bd  21,4)  M.8  — 

—  Analecta  zur  ältesten  Gesch.  ä.  ilhristen- 
tums  in  Rom.  10  S.  (Mit  Koetschau  und 
Klostermann.    Bd.  28,  2) 

—  Drei  wenig  beachtete  Cyprianische  Schriften 
und  die  „Acta  Pauli".  34  S.  1899.  (s.  Bratke) 

—  Der  Vorwurf  des  Atheismus  in  den  drei 
ersten  Jahrhunderten.  16S.  1905.  (Mit  Schultze 
und  Augar.    Bd.  28,  4)  M.  4.50 

Holl,  K.:  Fragmente  vornicän.  Kirchenväter 
aus  d.  Sacra  parallela.  XXXIX,  241  S.  1899. 
(Bd.  20,2)  M.  9  — 

—  Die  Sacra  parallela  des  Johannes  Damas- 
cenus.  XVI,  392  S.  1897.  (Bd.  16,  1)    M.  12  — 

Janssen, R.rD.Johannes-Ev.n.d.Paraph.d.Nonnus 
Panopolit.  IV,  80  S.  1903.  (Bd.  23,  4)  M.  2.50 

Jeep,  L. :  Zur  Überlieferung  des  Philostorgios. 
33  S.    1899.    fs...Wobbermin) 

Klostermann,  E. :  D.  Überlief .  d.  Jeremia-Homilien 
d.  Origenes.  VI,  116  S.  1897.  (Bd.  lii,3)  M.  3.50 

—  Ensebius'  Schrift  Jifp»  iSv  zomxSv  Svnuurcav 
tSi-  Iv  xfj  ^Hay(cc(ffj.  28  S,  1902.  (Mit  Hamack 
u.. Bonwetsch  Bd.  23,  2) 

—  Über  d  Didymus  v.  Alexandrien  in  epistolas 
canonicas  enarratio.  8  S.  (Mit  Koetschau 
und  Harnack.    (Bd.  28,  2) 

Knopf,  R.:  Der  erste  Clemensbrief.  Untersucht 
u.  heransg  IV,  194  S.  1S99.  (Bd.  20,  1)  M.  6  — 

Koch,  H.:  s.  Bonwetsch  (31,  2). 

Koetschau,  P. :  Zur  Textkritik  von  Origenes' 
Johannescommentar.  76  S.  1905.  (Mit  Har- 
nack und  Klostermann.    (Bd.  28,  2)         M.  3  — 

Kraatz,  W. :  Kop.tisehe  Akten  zum  ephesinischen 
Konzil  (431).  Übersetzung  n.  Untersuchungen. 
VIII,  220  S.     1904.     (Bd.  26,  2)  M.  7  — 

Leipoldt,  J.:  Didymus  der  Blinde  von  Alexandria. 
III,  143  S.    1905.    (Bd.  29,  3)  M.  5  — 

Fortsetzung  s.  4,  Ümschlagseite. 


Verlag  der  J.  C.  HINRICHS'schen  Buchhandlung  in  Leipzig. 


Fortsetzung  von  der  3.  Umschlagseite. 

Leipoldt,  J.:  SchenntevonAtripeunddieEntsteb- 
UDg  d.  national-ägypt. Christentums.  X,  <il4S. 
1903      (Bd.  25,  1)  M.  7  — 

—  Saidische  Auszüge  aus  dem  S.Buche  d.  apost. 
Konstitut.  II,  62  S    1904    (Bd.  26,  Ib)   M.  2  — 

Nestle,  E.:  Kircbengeschichte  d.  Eusebins  a.  d. 

Syrischen.  X,  296S.  1901.  (Bd  21,2)  M.  9.50 
Preuschen,    E. :    Ensebius'     Kirchengeschichte 

Bach  VI  u.  VII  aus  d.  Armenischen  übersetzt. 

XXII,  109  S.    1902.  (Bd.  22,  3)    M.  i  — 

Resch,  A. :  Agrapha,  äussere  an.  Schrittfragmente. 

Gesammelt  u.  unters,  und  in  zweiter,  völlig 

neu  bearb.,  durch  alttest.  Agrapha  vermehrter 

Aufl.  herausg.   Mit  5  Registern.  XVI,  246  S. 

1906.    (Bd.  30,  3/4)  M.  10  — 

—  Der  Paulinismus  und  dieLogia  Jesu  in  ihrem 
gegenseit.  Verhältnis  unters.  VIII,  656  S. 
1904.    (Bd.  27)  M.  20  — 

Resch,  G. :  Das  Aposteldecret  nach  seiner  ausser- 
kanonischen  Textgestalt  untersucht.  V,  179  S. 
I9r)5.    (Bd.  28.  3)  M.  5.50 

Schermann,  Th.:  Die  Geschichte  der  dogma- 
tischen Florilegien  vom  V.— VIII.  Jahrhun- 
dert.   VI,  104  S.     1904.     (Bd.  28,  l)    M.  3.50 

Schmidt,  C. :  Die  alten  Petrusakten  i.  Znsammenh. 
d.  apokr.  Apostellit.  untersucht.  Nebst  «.  neu- 
entdeck.Fragm.VIII,176S. 1903. (Bd.24,l)M. 6.— 

—  Plotin's  Stellung  z.  Gnosticismus  und 
kirchl.  Christentum.  X,  90  S.  —  Fragm.  einer 
Schrift  d.  Märt. -Bisch.  Petrus  v.Alexandrien. 
50  S.     1900.    (Mit  Stählin  Bd.  20,  4)     M.  5  — 

Schubert, H. v  : D. sog. Praedestinatus. Beitrag z. 

Gesch.  d.  Pelaglanismus.     IV,  147  S.     19(i3. 

(Bd.  24,  4)  M.  4.80 

Sohultze,  K.:  Das  Martvrium  des  heiligen  Abo 

von  Tiflis.    41  S.  —  (MitHarnack  und  Augar, 

Bd.  28,  4)  M.  4.50 


Seeck,  0.:  Die  Briefe  des  Libanius.  Zeitlich  ge- 
ordnet. VI,  496  .'S.   1906.   (Bd.  30,  1/2)  M.  15  — 

Sickenberger,  J.:  D.  Lukaskatene  d.  Niketas  v. 
Herakleia  unters.    1902.    (Bd.  22,  4)    M.  4  — 

—  Titus  von  Bostra.  Studien  zu  dessen  Lnkas- 
homilien.  VIII,  268  S.  1901.  (Bd.  21, 1)    M.  8.50 

Soden,  H.  von :  Die  Cyprianische  Briefsammlung. 

Gesch.  ihrer   Entstehung  u.  Überlieferung. 

VIII,  2G8  S.  u.  2  Tab.  1904.  (Bd.  25,  3)  M.  10.50 
Stählin,  0.:  Zur  handschriftl.  Überlief,  d.  Clem. 

Alesaiidrinns.    8  S.    1900.    (s.  Schmidt) 
Steindorif,  Q.:  Die  Apokalypse  d.  Elias,  e.  unbek. 

Aj  ok.  u.  Bruchst,  d.Sophonias-Apok.X,  190S. 

Mitl  Lichtdr.-Taf.  1899.  (Bd.  17,  3a)    M.  6.50 
Stülcken,  A.:  Athanasiana.  Litterar- u.  dogmen- 

gesch.  Unters.  VIII,  150 S.  1899. (Bd.l9, 4) M.5  — 
Ter-Älinassiantz,  Erw.:  Die  armen.  Kirche  in  ihren 

Beziehungen  z.  d.  syr.  Kirchen  bis  z.  Ende 

des  13.  Jahrh.  Nach  den  armen,  u.  syr.  Quellen 

bearb.  XII,  212  S.  1904.    (Bd.  26,  4)    M.  7.50 
Urbaln,  A.:  Ein  Martyrologium  d.  christl.  Ge- 
meinde zu  Rom   am  Anfang   d.   V.   Jahrb. 

Quellenstudien  z.  Gesch.  d.  löm.  Märtyrer. 

VI,  266  S.    1901.    (Bd.  21,  3)  M.  8.50 

Waitz,  H. :  D.  Pseudoklementinen ,  Homilien  u.  Re- 

kognitlonen.  1904.  VIII, 396S.(Bd.25,4)M. 13 — 
Weiss, B.:D.CodexD.i  d.Apostelgesch.Textkrit. 

Unters.  IV,  112  S.    1897.   (Bd.  17,  1)     M.  3.50 

—  Textkritik  der  vier  Evangelien.  IV,  249  S. 
1899.    (Bd.  19,  2)  M.  8  — 

Wobbermin,  G.:  Altchristi,  litnrg.  Stücke  aus  der 
Kirche  Aegyptens  nebst  einem  dogmat.  Brief 
d.  Bischofs  Serapion  v.  Thmuis.  36  S.  1899. 
(Mit  Jeep  Bd.  17.  3b  M.  2  — )    einzeln  M.  1.50 

Wrede.W.:  Die  Echtheit  des  2.Thess.-Briefs  unter- 
sucht. VIII,  116  S.  1903.   (Bd.  24,  2)  M.  4  — 


Die  Erste   Reihe  =  Band  1—15  der  Texte  und  Untersuchungen  etc.  M.  500  — 

Die  Zweite  Reihe  =    „    16— SO   „        „        „  „  »  M.  384  — 

Die  Dritte  Reihe,  (bis jetzt)  Bd.  1-9, 10, 112  u.  11, 1  =  Bd.  81-89, 40, 12  u.  40, 1 M.  242.50 
In  guten  Halbfranz-Bibliotheksbdn.  (I.  Reihe  17  Bde.,  II.  Reihe  16  Bde.)  Einbd.  je  M.  3  —  vorrätig. 
Ausfuhrliches  Inhaltsverzeichnis  steht  zu  Diensten. 


Druck  von  August  Pries  in  Leipzig 


UNTERSUCHUNGEN  ZUR 


GESCHICHTE  DER  GRIECHISCHEN 


VATERUNSER-EXEGESE 


VON 


Lic.  THEOL.  GEORG  WALTHER 

PFARRER  IN  LANGENSTRIEGIS  I.  S. 


LEIPZIG 

J.  C.  HINRICHS'scHE  BUCHHANDLUNG 
1914 


Texte  u.  Untersuchungen  etc.   Hrsg.  v.  Adolf  von  Harn  ack  u.  Carl  Schmidt.  40,3 


Verlag  der  J.  C.  Hinrieb s'schen  Buchhandlung  in  Leipzig. 
DIE  GRIECHISCHEN 

CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

DER  ERSTEN  DREI  JAHRHUNDERTE 

Herausg.  von  der  Kirchenväter-Commission  der  K.  Preuss.  Akademie  d.  Wissenschaften. 

Nicht  nur  die  Werke  der  Väter  im  Idrchlichen  Sinne  des  Wortes  sondern 
alle  in  griechischer  Sprache  geschriebenen  Urkunden  des  ältesten  Christentums 
(einschließlich  der  gtiostischen,  der  xiiver lässig oi  Märtyreracten  usic.)  sollen  in  kriti- 
schen, nach  einem  ei^iheitlichen  Plane  gearbeiteten  Ausgaben  vorgelegt  werden.  Wo  die 
Originale  nicht  mehr  vorhanden  sind,  treten  die  alten  Ubersetxungen  ein.  Die  Aiis- 
qaben  erhalten  außer  einem  vollständigen  Apparat  historisch  orientierende  Ein- 
leitungenundReg  ister  und  sie  sollen  sotvohl  in  phi  lol  o  g  i  s  eher  als  in  historisch- 
theologischer Hinsicht  den  Anforderungen  entspreclien,  die  heute  mit  Recht  an 
solche  Veröffentlichungen  gestellt  werden. 

Der  Umfang  dieser  monumentalen  Ausgabe  ist  auf  etwa  50  Bände  berechnet. 
Jährlich   noch   nicht   20  Mark,   hat  die   Anschaffung  der  ganzen    Reihe 
bisher  durchschnittlich  beansprucht,  ein  Betrag,  der  gewiß  auch  jeder  kleinen 
Bibliothek  die   Stihskription  möglich  macht,  um  sich  die  so  wertvolle  Sammlung 
vollständig  xu  sichern. 

Bisher  erschienen: 

AdamantiuS.  Der  Dialog  neQi  zrjg  siq  &edv  oQ&fjg  morewq.  Herausg.  v.  W.  H.  van 
DE  Sande  Bakhüyzen.  Mit  Einleitung  u.  dreifachem  Register.  (19^8  Bogen?. 
1901.  M.  10  — 

Clemens  AlexandrlnuS.  Protrepticus  und  Paedagogus.  Herausgeg.  von  Otto  Stählin. 
Mit  Einleitung  und  dreifachem  Register  zu  den  Scholien.     (27V4  Bogen).    1905. 

[Clemens  Alexandrinus  Bd.  1]     M.  13.50 

—  Stromata  Buch  I — VI.  Herausgegeben  von  Otto  Stählin.  Mit  Einleitung. 
(333/8  Bogen).     190G.     [Clemens  Alexandrinus  Bd.  H]  M.  16.5U 

—  Stromata  Buch  VII  und  VIII  —  Excerpta  ex  Theodoto  —  Eclogae  Prophe- 
ticae  —  Quis  dives  salvetur  —  Fragmente.  Herausgegeben  von  Otto  Stählin. 
Mit  Einleitung  und  drei  Handschriftenproben  in  Lichtdruck.  (20V8  Bogen).  1909. 

[Clemens  Alexandrinus  Bd.  III]     M.  11  — 
Ein  vierter  (Sehluss-J  Band  wird  Register,  Nachträge  und  Berichtigungen  enthalten. 

Die  Esra -Apokalypse  (IV.  Esra).  I.  Teil:  Die  Überlieferung.  Herausgegeben  von 
Bruno  Violet.     (Sl'/s  Bogen).    1910.  M.  17.50 

EusebiuS.  über  Constantins  Leben.  —  C's  Rede  an  die  Heilige  Versammlung.  — 
Tricennatsrede  an  Constantin.  Hrsg.  v.  J.  A.  Heikel.  Mit  Einleitg.  u.  drei  f. 
Register.     (29  Vs  Bogen).     1902.  „  [Eusebius  Bd.  I]     M  14.50 

—  Die  Kirchengeschichte  mit  der  lateinischen  Übersetzung  des  Rufinus.  Heraus- 
gegeben von  Ed.  Schwartz  und  Tu.  Mommsen (■)-).  I.  Teil:  Die  Bücher  I — V 
(31^8  BoRen).     1903.  _  [Eusebius  Bd.  II,  i]    M.  16  — 

II.    Teil.      Die    Bücher    VI — X.       Über     die    Märtvrer     in     Palästina. 

(333/4  Bogen).     1908.  [Eusebius 'Bd.  II,  2]    M.  17  — 

III.  Teil.  Einleitungeil  (zum  griechischen  Text  von  Ed.  Schwabtz,  zu  Rufin 

von  Th.  Mommsen  t),  Übersichten  (Kaiserliste,  Bischofslisten,  die  Oekonomie 
der     Kirchengeschichte)     und     fünffaches     Register.     (30  Vj    Bogen").     1909. 

[Eusebius  Bd.  II,  3]  M.  12  — 

—  —  Die  Kirchengeschichte.    Drei  Teile  (vollständig).  M.  45  — 

—  Das  Onomastikon  der  biblischen  Ortsnamen,  mit  der  lateinischen  Ober- 
setzung des  Hieronymus.  Hrsg.  von  E.  Klostermann.  Mit  Einleitung,  dop- 
peltem   Register    und    einer    Karte    von    Palästina.     (15  ^/g  Bogen).      19(H. 

[Eusebius  Bd.  III,  1]    M.  8  — 

(Fortsetzong  dritte  UmschlagseiteO 


UNTERSUCHUNGEN  ZUR 

GESCHICHTE  DER  GRIECHISCHEN 

VATERUNSER-EXEGESE 


VON 


Lic.  THEOL.  GEORG  WALTHER 

PFARRER  IN  LANGENSTRIEGIS  I.  S. 


LEIPZIG 

J.  C.  HlNRICHS'scHE  BUCHHANDLUNG 
1914 


TEXTE  UND  UNTERSUCHUNGEN 

ZUR  GESCHICHTE  DER  ALTCHRISTLICHEN  LITERATUR 

ARCHIV  FÜR  DIE  VON  DER  KIRCHENVÄTER-COMMISSION 

DER  KGL.  PREÜSSI3CHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN  UNTERNOMMENE 

AUSGABE  DER  ÄLTEREN  CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

HEBAUSGEGEBEN  VON 

ADOLF  VON  HARNACK  und.CARL  SCHMIDT 

3.  REIHE  10.  BAND  HEFT  3 
40.  BAND  HEFT  3 


Zur  Einführung. 

Das  Vaterunser  hat  die  griechischen  wie  auch  die  latei- 
nischen Kirchenväter  in  mannigfacher  Weise  beschäftigt.  Sie 
haben  Monographien  darüber  geschrieben,  es  in  den  Kommen- 
taren zu  Matthäus  und  Lukas  erklärt,  es  in  der  katechetischen 
Unterweisung  behandelt  und  es  in  Predigten  ausgelegt.  Eine 
wirkliche  Geschichte  der  Vaterunser-Erklärung  in  der  alten 
Kirche  läßt  sich  aber  zurzeit  noch  nicht  schreiben.  Ganz 
anders  müßte  da  erst  die  Gesamtheit  des  erhaltenen  Materials 
mit  Einschluß  der  Katenen  und  verwandten  Literaturgattungen 
zugänglich  gemacht  und  kritisch  gesichtet  sein.  Nur  Einzel- 
nntersuchungen  kann  man  einstweilen  vornehmen,  die  sich  als 
Vorarbeiten  darstellen. 

Eine  solche  ist  die  L^ntersuclmng  der  Frage,  ob  überhaupt 
und  dann  inwieweit  die  patristischen  Ausleger  des  Vaterunsers 
in  ihren  Gedanken  von  einander  abhängig  sind.  Auch  bei  ihr 
käme  es  zunächst  nicht  darauf  an,  ein  erschöpfendes  Bild 
unter  Verwertung  des  sämtlichen  bis  jetzt  zugänglichen  Materials 
zu  geben,  sondern  es  genügte,  erst  einmal  eine  Stichprobe  zu 
machen.  Die  vorliegende  Arbeit  will  solch  eine  Stichprobe 
sein.  Sie  beschränkt  sich  dabei  bewußt  auf  die  griechische 
Vaterunserexegese,  da  hier  bei  der  Schulmäßigkeit,  mit  der 
die  exegetischen  Ergebnisse  fortgepflanzt  wurden,  das  Resultat 
von  vornherein  am  reichhaltigsten  zu  werden  verspricht.  Die 
Lateiner  haben  trotz  ihrer  Abhängigkeit  von  den  Griechen 
doch  ihre  eigne  Note, 

Aber  auch  innerhalb  der  griechischen  Exegetenwelt  befolgt 
die  Abhandlung  das  Stichprobenprinzip,  einzusetzen,  wo  es  am 
lohnendsten  scheint.  Sie  wählt  solche  Exegeten  aus,  von  denen 
größere  zusammenhäno^ende  Stücke  über  das  Vaterunser  er- 
halten  sind.  Abgesehen  von  Clemens  von  Alexandria,  der 
eine  Art  Auftakt  zu  Origenes  bildet,  sind  es:   Origenes,  der  in 


IV  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

seiner  Monographie  uspi  su/^?  ^^^  Vaterunser  ausführlich  er- 
klärte, C}Till  von  Jerusalem,  der  es  in  einer  seiner  Katechesen, 
der  V.  mystagogischen,  auslegte,  Gregor  von  Nyssa,  der  5  Pre- 
digten darüber  verfaßte,  Chiysostomus,  der  es  in  seinem 
Matthäuskommentar  und  in  einer  besonderen  Predigt  1)ehandelte, 
Cyrill  von  Alexandria,  der  es  in  seiner  lukanischen  Gestalt 
kommentierte,  Maximus  Confessor,  der  eine  tiefsinnige  Mono- 
graphie darüber  schrieb,  und  Petrus  von  Laodicea,  dessen 
Matthäuskommentar  ei^st  neuerdings  von  Heinrici  herausgegeben 
wurde. 

Die  vorliegende  Abhandlung  erörtert  also  die  Frage:  Wie 
ist  das  Gedankenmaterial,  das  diese  Ausleger  des  Vaterunsers 
zur  Erklärung  seines  Wortlautes  beigebracht  haben,  in  sich 
verwandt?  Was  haben  sie  von  einander  übernommen  und 
was  bieten  sie  selbständig?  Was  läßt  sich  endlich  daraus  für 
ein  Bild  von  ihrer  exegetischen  Methode  und  ganzen  geistigen 
Eigenart  gewinnen?  Auch  in  exegetischen  Leistungen  prägt 
sich  ja  der  Charakterkopf  eines  Mannes  aus. 

Damit  stellt  sich  die  Untersuchung  eine  Aufgabe,  die 
bisher  noch  nicht  planmäßig  in  Angriff  genommen  worden  ist. 
Die  Arbeiten  von  0.  Dibelius  in  seiner  Schrift  über  das  Vater- 
unser^ und  Chase  in  seiner  Abhandlung  The  Lord's  prayer  in 
the  early  church^  haben  andere  Ziele.  Dibelius  prüft  die  Aus- 
sagen der  Kirchenväter  auf  ihren  religionsgeschichtlichen  Gehalt. 
Chase  bietet  nicht,  wie  man  nach  dem  Titel  erwarten  könnte, 
eine  Geschichte  des  Vaterunsers  in  der  alten  Kirche,  sondern 
beschäftigt  sich  nur  mit  den  Problemen,  die  der  Vaterunser- 
text mit  seinen  überlieferten  Verschiedenheiten  und  mehr- 
deutigen Begi'iffen  aufgibt,  und  fiagt  nach  der  ursprünglichen 
Gestalt  und  dem  wahren  Gehalt.  Die  Kirchenväter  zieht  er 
nur  heran,  soweit  sie  hier  Zeugenwert  haben.  Über  ihre  Ab- 
hängigkeitsverhältnisse sagt  er  nichts.  Am  nächsten  verwandt 
ist  die  Arbeit  von  Löschcke  „Die  Vaterunser-Erklärung  des 
Theophilus  von  Antiochien".  (In  „Neuen  Studien  zur  Geschichte 
der  Theologie  u.  Kirche,  ed.  Bonwetsch  u.  Seeberg,  4.  Stück, 
Berlin  1908).  Sie  steckt  sich  methodisch  ein  ähnliches  Ziel, 
wenn   sie    die   Vaterunsererklärungen    des    Tertullian,    Cyprian 


1)  Das  Vaterunser.    Gießen  1903. 

2)  In  Texts  and  Studies  ed.  Robinson,  vol.  I,  \r.  3.  Cambridge  1891. 


Zur  Einfülirung.  V 

und  Chroniatius  auf  ihrt^  Gedanktniverwandtscluift  prüft  und 
auf  Tlieopliilus  von  Antiocliien  als  ihre  gemeinsame  Quelle 
zurückführt.  Hier  aber  verspricht  erst  recht  dei-  Titel  mehr, 
als  die  Untersuchung  halten  kann:  die  Vaterunser-Erklärung 
des  Theophilus  selbst  bleibt  auch  für  den,  der  sie  wirklich  als 
Quelle  der  genannten  Lateiner  gelten  läßt,  als  ein  unfaßbares 
Etwas  im  Hintergrunde,  sodaß  sie  für  die  vorliegende  Unter- 
suchung: nicht  in  Betracht  kommt. 

Bei  jedem  der  behandelten  Kirchenväter  sind  alle  Stellen 
herangezogen  worden,  au  denen  er  sich  exegetisch  über  das 
Vaterunser  äußert,  also  auch  alle  gelegentlichen  Zitate,  so  weit 
sie  sich  in  seinen  Werken  selbst  und  nicht  nur  etwa  in  den 
Katenen  finden.  Diese  sind  wegen  ihres  literarischen  Sondei- 
charakters  als  Quellen  dafür  nicht  herangezogen  worden. 


VI  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 


Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Zur  Einführung III 

Literatur      VII 

1.  Clemens  von  Alexandria       •    .    .    .    .      1 

2.  Origenes       4 

3.  Cyrill  von  Jerusalem 22 

4.  Gregor  von  Nyssa 31 

5.  Chrysostomus 49 

6.  Cyrill  von  Alexandria       72 

7.  Maximus  Konfessor 83 

8.  Petrus  von  Laodicea 99 

Gesamtüberblick 119-123 


Literatur.  VII 


Literatur. 

Allgemeines: 

Realencyklopädie  für  prot.  Theologie  und  Kirche,  3.  Aufl.  ed. 
Hauck,  Leipzig  1896-1909.  Artikel:  „Patristik"  (Krüger)  15,  1  ft., 
„Vaterunser"  (Haußleiter)  20,  431ft'.,  „Hermeneutik,  biblische" 
(Heinrici)  7,  718 ff.,  „Catenen"  (Heinrici)  3,  754ff. 

H  a  r  n  a  c  k.  Geschichte  der  altchristlicheu  Literatur  bis  Eusebius 
Teil  II.    2.  Bd.    Leipzig  1904. 

H  a  rn  a  c  k,  Lehrbuch  der  Dogmeugeschichte,  4.  Aufl.  Bd.  1.  II.  III. 
Tübingen  1909  u.  1910. 

H  a  r  n  a  c  k,  Über  einige  Worte  Jesu,  die  nicht  in  den  kanonischen 
Evangelien  stehen,  nebst  einem  Anhang  über  die  ursprüngliche 
Gestalt  des  Vater-Unsers.  Sitzungsberichte  der  K.  Preuß.  Aka- 
demie der  Wissenschaften.    1904.   V. 

Krüger,  Geschichte  der  altchristlichen  Literatur  in  den  ersten 
drei  Jahrhunderten.    2.  Ausg.  d.  1.  u,  2.  Aufl.    Freiburg  i.  Br.  1898. 

Kihn,  Patrologie.    Bd.  I.  u.  II.    Paderborn  1904  u.  08. 

Dibelius,  Das  Vaterunser.    Gießen  1903. 

Chase,  The  l-ord's  prayer  in  the  early  church,  Cambridge  1891 
(in:  Texts  and  Studies  ed.  Robinson,  vol.  1  Nr.  3). 

Löschcke,  Die  Vaterunser-Erklärung  des  Theophilus  von  An- 
tiochia,  Berlin  1908  (in:  Neue  Studien  zur  Geschichte  der  The- 
ologie und  Kirche,  ed.  Bonwetsch  u.  Seeberg,  4.  Stück). 

von  der  Goltz,  Das  Gebet  in  der  ältesten  Christenheit.  Lei{)- 
zig  1901. 

Heinrici,  Beiträge  zur  Geschichte  und  Erklärung  des  Neuen 
Testaments,  Bd.  III.     1.  Die  Bergpredigt,  begriffsgeschichtlich 
untersucht.     Leipzig  1905. 
Zu  Clemens: 

P.R.E.  ^  „Clemens  von  Alexandriea"  (Bonwetsch)  4, 155  ff". 

Die  griechischen  christl.  Schriftsteller  der  ersten  drei  Jahrhunderte. 
Clemens  Alexaudrinus,  ed.   Stählin,  Bd.  1—3.    Leipzig  1905  ff'. 

Winter,  Die  Ethik  des  Clemens  von  Alexandrien.    Leipzig  1882. 
Zu  Orlgenes: 

P.R.E. -^  „Origeues"  (Preuschen)  14, 467  ff'. 


VIII  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Migue,    Patrologiae    cursus    completus,    series    Graeca.     Paris 

1857—64.     Band  11—14. 
Die  griechischen  christlichen  Schriftsteller  usw.     Origenes  Werke, 

Bd.  I.  II,  ed.  Koetschau,  Leipzig  1899. 
Redepeuning,  Origenes.    2  Abteilungen.    Bonn  1841.  46. 
Resch,  Agraplia.    2.  Aufl.    Leipzig  1906,  in  T.  u.  U.  ed.  v.  Geb- 
hardt  u.  Harnack,  neue  Folge,  Bd.  15. 
Zu  Cyrill  von  Jerusalem: 

P.R.E.  3  „Cyrill  v.  .lerusalera"  (Förster)  4,  381ff. 
Migne,  P.S.Gr.     Bd.  33. 
Resch,  Agrapha  (s.  zu  Origenes). 
Zn  CTregor  von  Nyssa: 

P.R.E.  3  „Gregor  von  Nyssa"  (Loofs)  7,  146  ff. 

Migne,  P.S.Gr.     Bd.  44-46. 

K  rabin  ger,   S.   Gregorii  episcopi  Nysseni  de  precatione  ora- 

tiones  V.     Landshut  1840. 
Rupp,  Gregor's,  des  Bischofs  von  Nyssa,  Leben  und  Meinungen. 
Leipzig  1834. 
Zu  Clirysostomiis: 

P.R.E.  2  „Chrysostomus"  (Preuschen)  4, 101  ff. 
Migne,  P.S.Gr.     Bd.  47-64. 

Field,  S.  Joannis  Chrysostoiui  homiliae  in  Matthaeuno.    Bd.  1. 
Cambridge  1839. 
Zu  Cyrill  von  Alexnndria: 

P.R.E.  3  „Cyrill  von  Alexandrien"  (Krüger)  4,  377  ff. 
Migne,  P.S.Gr.     Bd.  68-77. 
Zu  Maximus: 

P.R.E.  ^  „Maximus  Konfessor"  (Wagenmann-Seeberg)  12,  457  ff. 
Migne,  P.S.Gr.     Bd.  90.  91. 

Dräseke,   Maximus    Confessor   und   Johannes   Scotus    Erigena. 
in  Th.St.Kr.  1911  p.  20  ff".  204  ff". 
Zu  Petrus  von  Laodicea: 

Heinrici,  Beiträge  zur  Geschichte  und  Erklärung  des  Neuen 
Testaments.  Ul.  Bd.  2.  Aus  der  Hinterlassenscliaft  des  Petrus 
von  Laodicea.  Leipzig  1905.  V.  Bd.  Des  Petrus  von  Laodicea 
Erklärung  des  Matthäusevangeliums.    Leipzig  1908. 


1.  Clemens  von  Alexandria. 

Nur  wenige  zerstreute  Äußerungen  zu  Stellen  des  V^ater- 
unsers  sind  uns  von  Clemens  erhalten  und  gestatten  uns  einen 
Einblick  in  seine  exegetische  Anschauung  darüber. 

Die  Anrede  zitiert  er  zweimal  ('ExX.  npo'^.  19  i  und 
IlaiS.  I  8  73).  An  der  ersten  Stelle  klingt  es  gut  paulinisch, 
wenn  Clemens  sagt,  der  Gnostiker  sei  „von  der  Knechtschaft 
zur  Kindschaft  fortgeschritten",  wo  statt  des  Geistes  der  Furcht 
die  Liebe  herrsche.  Sieht  man  aber  genauer  zu,  so  findet 
man  bei  Clemens,  daß  zunächst  sein  Begriff  von  dyaTTY]  ein 
ganz  anderer  ist,  als  der  paulinisch-biblische.  Zxptofx.  VI  9  72 ff 
bezeichnet  er  sie  als  eine  axspxTCXYj  otxstwaii;,  eine  liebevolle 
Aneignung,  als  ein  seliges  Genießen  des  geliebten  Gegenstandes. 
Nimmt  man  noch  hinzu,  daß  diese  ayaTZYj  ein  Merkmal  des 
Gnostikers  ist,  so  wird  der  gänzlich  intellektualistische  Charakter 
der  dyaTCYj  klar.  Sie  ist  die  Liebe  des  Forschers  zu  seinem 
Objekt,  das  selige  Schwelgen  des  Erkenntnisdurstigen  in  Er- 
kenntnis. Diese  Liebe  ist  für  die  Kindschaft  charakteristisch, 
die  also  hier  der  Zustand  enger  Gemeinschaft  ist,  in  dem  der 
Erkenntnisdurstige  in  der  seligen  Erkenntnis  Gottes  schwelgen 
kann.  In  diesem  Sinne  fühlt  sich  der  Gnostiker  als  Gottes- 
kind, und  Gott  ist  insofern  unser  Vater,  als  er  uns  in  der 
Gemeinschaft  mit  ihm  gütig  die  Befriedigung  unseres  Durstes 
nach  Gotteserkenntnis  schenkt. 

Die  andere  Stelle  (Hat?.  I  8  73)  gehört  einer  Polemik 
gegen  die  Marcioniten  mit  ihrer  Trennung  zwischen  dem  ge- 
rechten Gotte  des  Alten  Testaments  und  dem  guten  Gotte 
Christi  an.  Clemens  sucht  die  Identität  der  beiden  mar- 
cionitischen  Gottheiten  nachzuweisen,  indem  er  aus  dem  Alten 
Testament  Stellen  zitiert,  in  denen  Gott  als  der  Weltschöpfer 
gepriesen  und  als  sein  Wohnsitz  der  Himmel  bezeichnet  wird. 

T.  u.  U.  14:  Walther.  1 


2  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Und  gerade  diesen  Gott  nennt  Jesus  seinen  Vater,  indem  er 
sagt:  „Vater  unser,  der  du  bist  im  Himmel".  Damit  ist  die 
Identität  beider  bewiesen.  Clemens  nimmt  demnach  an,  daß 
Jesus  sich  in  das  „unser  Vater"  mit  einschließt,  und  zieht 
daraus  die  Folgerung,  daß  „der  Herr  der  Sohn  des  Welt- 
schöpfers" sei.  Es  ist  aber  klar,  daß  das  zu  Schwierigkeiten 
mit  dem  „unser"  führt,  denn  wir  sind  ja  nicht  wie  Jesus 
Söhne  des  Weltschöpfers.  Da  scheint  doch  die  Annahme  am 
nächsten  zu  liegen,  daß  diese  Exegese  ein  polemischer  Augen- 
blickseinfall war. 

Die  1.  Bitte  erwähnt  Clemens  einmal  in  den  nur  lateinisch 
erhaltenen  „Randbemerkungen"  (adumbrationes)  zu  den  katho- 
lischen Briefen.  Er  führt  da  zur  Erläuterung  von  1.  Petr.  3  15 
„Heiliget  den  Herrn  Christus  in  euren  Herzen"  die  erste  Bitte 
an.  Was  er  freilich  unter  „heiligen"  versteht,  wird  dadurch 
nicht  klar.  Gewöhnlich  setzt  Clemens  dyta^etv  mit  ayvt^etv, 
xa^ai'pstv  (reinigen)  oder  Tiupoöv  (läutern)  gleich  (so  Stpwfi. 
VI  7  59 f.)  und  bezieht  es  auf  die  sittliche  Sphäre.  (HaiS. 
III  12  98.  Sxp.  III  6  47.  IV  12  87.)  So  ist  es  hier  natürlich 
nicht  anwendbar.  Es  bleibt  dann  noch  die  Möglichkeit,  es 
nach  HaiS.  III  12  98,  wo  Christus  einmal  aytaajJLÖi;  yvwaew; 
genannt  wird,  auf  die  intellektuelle  Sphäre  zu  beziehen,  als 
ein  Reinigen  der  Erkenntnis.  Darüber  läßt  sich  aber  erst 
nach  einem  Vergleich  mit  Origenes  weiteres  sagen. 

Zur  3.  Bitte  sind  zwei  Zitate  vorhanden  (Sxp.  IV  8  66 
und  26  172).  Beidemal  versteht  Clemens  unter  der  Sphäre, 
in  der  auf  Erden  Gottes  Wille  geschehen  soll,  die  Kirche,  die 
ein  Abbild  der  himmlischen  Gemeinde  ist  und  es  ihr  darum 
nachtun  soll  in  der  Befolgung  des  göttlichen  Willens  (8  66). 
Sie  wird  dabei  vom  Logos  regiert  und  durchwaltet  und  gleicht 
einer  dTioXtöpxYjxoi;,  dxupdvvYjxoi;  tzöXic,  inl  y^jg  (26  172).  Was 
Clemens  hier  näher  unter  iy.xX-qoia.  versteht,  ist  damit  im 
Grunde  schon  gesagt.  Sein  Kirchenbegriff  ist  der  einer  Ge- 
meinde wahrer  Christen,  nicht  etwa  der  einer  sichtbaren  Ge- 
meinschaft der  rechten  apostolischen  Lehre-.  In  der  oOpdvto; 
dxxXYjai'a,  wo  Christus  alles  und  in  allen  ist,  geschieht  der 
Wille  Gottes  vollkommen,  sie  besteht  aus  lauter  Auserwählten 
(so  auch  Sxp.  VI  14  108).     Soll  die  Kirche  auf  Erden  wirklich 


1)  cf.  Harnack,  Dogmengeschichte  *  I  412  ff. 


Clemens  von  Alexandria.  3 

ihr  Abbild  sein,  dann  muß  sie  auch  von  demselben  gemeinschaft- 
bildenden Prinzip  durclnvaltet  sein,  —  und  so  ists,  der  Logos 
durch  waltet  sie  (2G  172).  Es  kann  deshalb  auch  die  gleiche 
Forderung  an  sie  gestellt  werden,  daß  sie  den  Willen  Gottes 
vollkommen  erfüllen  solle,  ja  gelegentlich  (VII  5  29)  nennt 
Clemens  sie  geradezu  di%-poia\ioi.  xwv  IxXexxwv. 

Die  5.  Bitte  wird  einmal  (Sxp.  VII  13  81)  angeführt. 
Man  ersieht  daraus,  Clemens  versteht  unter  „vergeben",  daß 
man  derer  niemals  (seil,  mit  Bitterkeit)  gedenkt,  die  gegen 
uns  gesündigt  haben.  Das  Verhältnis  des  menschlichen  zum 
göttlichen  Vergeben  faßt  er,  indem  er  zitiert  xal  yap  i^[i£T; 
d^^t£|X£V,  so,  daß  die  Tatsache  unsers  Vergebens  uns  das  Recht 
gibt,  auch  um  Vergebung  von  Gott  aus  zu  bitten.  Die  Leistung 
begründet  einen  Anspruch. 

Zusammenfassung.    Wollte  man  im  Sinne  des  Clemens 
das  Vaterunser  beten,   dann  würde  man   zu  sprechen  haben: 
Gott,  du  gütiger  Spender  deiner  Erkenntnis,  — 
(Unsere  Erkenntnis  von  dir  werde  rein). 

Dein  Wille   geschehe  in   der  Kirche   auf  Erden  so  voll- 
kommen, wie  in  der  himmlischen  Gemeinde, 

Gedenke  unserer  Sünden  nicht  mehr,  weil  wir  auch  derer 
nicht  gedenken,  die  gegen  uns  sündigten. 


Was  überhaupt  das  Kennzeichen  des  Clemens  ist,  das 
zeigt  sich  auch  hier,  seine  Hochschätzung  der  yvwai?,  die  ihn 
dazu  treibt,  selbst  einen  Begriff  wie  dyaTCY]  gänzlich  um- 
zubiegen. Die  Eeligion  als  Verhältnis  der  Menschenseele  zu 
Gott  stellt  er  sich  überwiegend  in  intellektualistischen  Kate- 
gorien vor,  das  Christentum  ist  in  erster  Linie  Erkenntnis, 
die  wahre  Philosophie,  und  das  Ideal  eines  Christen  der  mit 
Gott  erkenntnismäßig  vereinigte  Gnostiker^.  Dazu  kommt  als 
anderes  Kennzeichen  der  Leistungsgedanke,  den  Clemens  aus 
der  heidnischen  Religiosität^  mitgebracht  haben  mochte,  zu 
dem  allerdings  der  Wortlaut  der  5.  Bitte  leicht  verführt.    Alles 


i 


1)  cf.  Dibelius,  Das  Vaterunser,  p.  43. 

2)  Dibelius,  p.  4 ff. 


4  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

in  allem:  Clemens  der  liellenistische  Philosoph^  mit  christ- 
lichem Einschlag  —  dies  Bild  tritt  uns  schon  aus  den  dürftigen 
Resten  seiner  Vaterunserexegese  entgegen. 


2.  Origenes. 

Origenes  hat  sich  aufs  gründlichste  mit  dem  Vaterunser 
beschäftigt.  Wie  er  es  in  seinen  Kommentaren  zu  Matthäus 
und  Lukas  behandelt  hat,  entzieht  sich  unserer  Kenntnis,  da 
die  betr.  Stücke  nicht  erhalten  sind.  Wir  finden  dafür  aber 
eine  eingehende  Erklärung  des  Vaterunsers  in  seiner  Mono- 
graphie Tiepl  £Ö)(Yji;.  Diese  Schrift  ist  aus  apologetischem  Be- 
dürfnis hervorgewachsen ^.  Sie  wollte  die  Anstöße  der  wissen- 
schaftlich gebildeten  Christen  am  Gebet  zerstreuen  und  gibt 
darum  in  ihrem  zweiten  Teile  eine  ausführliche  Auslegung  des 
wichtigsten  der  christlichen  Gebete,  des  Vaterunsers,  in  der 
er  seinen  Zweck  durch  möglichste  Vergeistigung  des  Gebets- 
inhalts zu  erreichen  sucht.  Außer  dieser  Schrift  sind  uns  noch 
einige  Zitate  zum  Vaterunser  in  anderen  Schriften  des  Origenes, 
z.  T.  jedoch  nur  lateinisch,  erhalten. 

Als  erstes  Textproblem  empfindet  Origenes,  der  Text- 
kritiker, das  Dasein  der  verschiedenen  Matthäus-  und  Lukas- 
fassung.    Er  liest: 

bei  Matthäus  bei  Lukas 

TTCCTSp    YjfXWV    6   £V  ZOIQ   OXi^OLVOlC,,        TiatSp, 

ayiaaO-YjTa)  tö  Svo^a  aou.  aytaa^r/TW  xö  övo|JLa  aou. 

eX'ö'eTw  fj  [SaacXeia  aou.  eX^etw  ri  ^(xaileia,  aou. 
YsvYjö-TjXoj  xö   ö-IXrj^a  aou,  w? 

£V  oupavw   xal  etiI  xyj?  y^?. 

xov   (Xpxov  T^{JLü)v   xov   iniouoiov  xov   dcpxov   T^[iö)v  Tov   lutouatov 

böc,  -?j|Jitv  aig|i£pov  5ioou  Yj[jLtv  x6  xai)-' r^[X£pav 

%al   acp£5  i^ixtv   xa    ö'^£iXi^[xaxa  xod  ä^E^  -^ixlv  xocc,  ä[s.a,piiac. 

f^[X(i)V,  Wig  xal -^[XEfc;  a:pT^%a(jL£V  ig[jiü)v,  xal  yap  auxol  dcpt- 

xoTi;  ö^itikixocic.  tqjjiwv,  £|ji£v   Tiavxl  xw  &cp£tXovxi 


1)  Dibelius,  p.  33  u.  43. 

2)  cf.  V.  d.  Goltz,  Das  Gebet,  p.  266  ff.  274. 


Origeues.  5 

l)ei  ^rnttliäus  bei  Lukas 

xal  |jiYj  eiasvEyxTTj^  Y/|iä^  d;,  r.zi-      xai  [j-yj  scasveyxig^  Yj[xä?  d;,  tzzi- 

paa|Jiöv,  paa|xöv. 

aXXa     pOaat     y^iia;     a-o     xoö 

TiovrjpoO. 

Mit  deutlicher  Ablelinuug  eiuer  Ideutifizierung  beider 
Formen  vertritt  hier  Origenes  die  Ansicht,  es  seien  trotz  des 
teilweise  gleichen  Inhalts  zwei  verschiedene  Gebete,  wie  sich 
aus  der  verschiedenen  Situation  ergebe,  in  der  sie  gesprochen 
seien.  Das  Matthäusgebet  sei  in  der  Bergpredigt  dem  Volke 
zur  Belehrung  gegeben,  das  Lukasgebet  sei  ein  Muster  für  die 
Jünger. 

Bezüglich  der  Anrede  beantwortet  er  die  Frage,  inwie- 
fern Gott  unser  Vater  sei,  so:  Zunächst  anders  als  im  Alten 
Testament.  Dort  ist  zwar  auch  die  Vorstellung  von  Gott  dem 
„Vater"  und  den  Glaubenden  als  seinen  „Kindern"  bekannt 
(-£pt  z^yfic,  22  1),  aber  doch  nur  schattenhaft,  wie  sie  nach 
Gal.  4  1.  2  bei  unmündigen  Kindern  vorhanden  ist,  die  noch 
Rechenschaft  über  ihr  Tun  schuldig  sind  und  daher  von 
Knechten  nicht  zu  unterscheiden.  Da  erschien  Gott  mehr  als 
der  strenge  Herr,  den  man  fürchten  muß.  Seit  Christi  Kommen 
ist  das  anders  geworden,  nun  ist  die  Kindschaft  wirklich  in 
vollem  Sinne  vorhanden.  Christus  gibt  sie  jedem,  der  an 
seinen  Namen  glaubt  (Joh.  1  12).  Diese  Versetzung  in  den 
Kindesstand  ist  dasselbe,  was  1.  Joh.  3  9  die  Geburt  aus  Gott 
genannt  wird  (tt.  s.  22  2).  Vollzogen  wird  der  Umschwung 
dadurch,  daß  der  Logos  als  der  göttliche  Same  in  das  Herz 
des  Menschen  kommt  und  die  avaxaoviat?  xoO  vooq  hervorbringt, 
die  eine  innere  Umbildung  des  Menschen  zur  Ähnlichkeit  mit 
Gott  und  dessen  Abbild,  dem  Logos,  ist.  Dadurch  daß  wir 
nun  von  dem  Abbild  Gottes,  dem  Logos,  wieder  Abbilder  sind, 
und  der  Logos  der  Sohn  ist,  sind  wir  auch  Söhne  Gottes. 
Gott  ist  also  insofern  unser  Vater,  als  sein  Sohn,  der  Logos, 
uns  zu  seinen  ihm  ähnlichen  Brüdern  umgestaltet  hat  (tc.  s.  22  4, 
auch  Commentariorum  series  zu  Matthäus,  73,  890  [Migne  13, 
1718]).  Fragt  man  nun,  worin  die  Ähnlichkeit  besteht,  so 
ergibt  sich  aus  der  Beziehung  der  Umgestaltung  auf  spyov, 
Xoyoc,  und  voYjjjia  des  betr.  Menschen  und  der  mehrfachen 
Zitierung  der  Stelle  1.  Joh.  3  9  (tc.  e.  22  2  3  4),  daß  die  Ähn- 
lichkeit   ethisch    bestimmt    ist    und    in    der    Sündlosigkeit    des 


6  G.  Walther,  Griecli.  Vaterunser-Exegese. 

nunmehrigen  Gotteskindes  besteht.  Abschließend  ist  also  zu 
sagen:  Gott  ist  nach  Origenes  unser  Vater,  weil  wir  die  sünd- 
losen Brüder  seines  SoKnes  geworden  sind. 

Der  Unterschied  dieser  Auffassung  von  der  des  Clemens 
ist  klar.  War  dort  das  Kindschaftsverhältnis,  das  in  den 
Worten  „Vater  unser"  zum  Ausdruck  kommt,  wesentlich  in- 
tellektualistisch  verstanden,  so  ist  es  bei  Origenes  entschieden 
ethisch  gefärbt;  dort  Befriedigung  des  Erkenntnistriebes,  hier 
Sündlosigkeit. 

Daraus  ergibt  sich  sofort  die  Frage:  Wer  darf  denn  nun 
die  Worte  „Vater  unser"  sprechen?  Origenes  zieht  aus  seiner 
Stellung  die  Folgerung:  Nur  das  Kind  darf  „Vater"  sagen, 
und  Kind  ist  nm-,  wer  sündlos  ist.  Wer  noch  sündigt  und 
nennt  Gott  „Vater",  der  lügt  (Com.  ser.  Matth.  2,  831.  [Mg.  13, 
1602]),  oder  begeht  eine  daeßeta,  denn  während  sein  Leben 
laut  seine  Gottlosigkeit  bezeugt,  maßt  er  sich  durch  den  Ge- 
brauch der  Anrede  die  Kindesstellung  an,  behauptet,  sündlos 
zu  sein  (tc.  e.  22  3). 

Uns  taucht  da  sogleich  das  Problem  auf,  ob  denn  solche 
Sündlosigkeit  seit  der  Wiedergeburt  überhaupt  ernsthaft  als 
möglich  gedacht  werden  könne,  besonders  da  doch  später 
eben  die  Kinder  des  Vaters  um  Vergebung  ihrer  Schulden 
bitten.  Origenes  jedenfalls  hält  sie  durchaus  für  erreichbar. 
Wem  dafür  die  Selbstverständlichkeit,  mit  der  er  diese  For- 
derung hier  aufstellt,  als  Zeugnis  nicht  ausreicht,  der  sei  auf 
xaxa  KeXaou  III  62  —  69  verwiesen.  Dort  scheidet  Origenes 
scharf  zwischen  dva[jidpTrjxot  äpyri^-tv  oder  |iirj5£7ioTe  •fj|xapxr]xÖT£^, 
die  es  mit  Ausnahme  Christi  nie  und  nimmer  gibt,  und  dva^idp- 
XYjTot  ex  [itTcc^oXfic,  oder  ^rjxext  d|j,apxdvovx£$,  die  es  —  freilich 
selten  —  gibt.  Streng  genommen  haben  daher  nur  diese 
OTiaviü)?  söptaxd|ji£VOc  das  Recht,  das  Vaterunser  zu  sprechen. 
Aber  so  scharf  meint  es  Origenes  hier  nun  doch  nicht;  er 
sieht  es  als  ein  ganz  gut  zu  erreichendes  Ziel  an,  daß  Wandel 
und  Bekenntnis  in  Sündlosigkeit  zusammenstimmen.  Was 
sonst  nur  Heilige  erreichen,  soll  hier  jeder  Christ  erreichen. 
Hierbei  hat  sich  Origenes  offenbar  etwas  zu  sehr  von  dem 
falschen  Verständnis  des  zitierten  Spruches  1.  Joli.  3  9  leiten 
lassen. 

Als  Gegenstück  zu  dem  sündlosen  Gotteskind  stellt  Origenes 
den  Sünder  auf,  der  nach  1.  Joh.  3  9  £x  xoO  SiaßöXoo  ist  und 


Origenes.  7 

Teufelssamen  in  der  Seele  trägt,  bis  dieser  durch  die  iutOYjjxfa 
Toö  Xöyou  Toö  ^tox)  in  die  Seele  zerstört  wird.  Wer  kein 
siindloses  Gotteskind  ist,  gehört  zu  diesen  Teufelskindern 
(u.  6.  22  4). 

Die  Worte  „6  h  xolc,  oOpavocc;"  veranlassen  Origenes  nun 
zu  einer  eingehenden  Untersuchung  des  Verhältnisses  Gottes 
zum  Himmel.  Es  ist  ihm  selbstverständlich,  daß  Gottes  Sein 
im  Himmel  nicht  irgendwie  räumlich  zu  denken  sei,  was  zu 
den  unglaublichsten  Sätzen  führe;  vielmehr  kann  es  mit  der 
wahren  Meinung  der  Schrift  nur  geistig  als  Gott  allein  an- 
gemessen gedacht  sein  (u.  e.  23  1  2).  Damit  löst  Origenes 
aber  nicht  etwa  die  ganze  Himmelsvorstellung  auf,  sondern 
der  Himmel  bleibt  ein  Teil,  und  zwar  der  „bessere  Teil"  der 
Welt  (nepl  apxwv  II  4  1,  latein.  nach  Rufin  [Mg.  11,  199]), 
wo  die  Engel  und  die  Seligen  ihren  Wohnsitz  haben.  Aber 
wo  von  Gott  selbst  die  Rede  ist,  da  hat  man  Aussagen  über 
sein  räumliches  Sein  stets  so  aufzufassen,  daß  er  den  Geist 
der  dort  und  dort  anwesenden  Personen  erfüllt.  Er  wohnt 
auf  Erden  in  den  Herzen  der  Heiligen,  er  war  im  Paradiese 
(Gen.  2  u.  3)  so,  daß  er  in  den  Herzen  der  ersten  Menschen  wohnte 
und  wandelte,  bis  sie  sich  durch  die  Sünde  von  ihm  trennten ; 
er  wohnt  im  Himmel,  indem  er  geistig  die  Himmel sbe wohner 
erfüllt,  die  beseligten  Heiligen,  Christus  selbst  oder  die  Engel- 
mächte. Wenn  es  hier  ausschließlich  heißt:  Der  du  bist  im 
Himmel,  dann  soll  Gott  damit  nicht  auf  die  Himmelsbewohner 
beschränkt,  sondern  nur  der  Abstand  angedeutet  werden,  der 
graduell  zwischen  seinem  Wohnen  in  den  Herzen  der  Heiligen 
auf  Erden  und  in  denen  der  Himmelsbewohner  besteht:  reich- 
licher, voller,  reiner  ist  er  dort  oben  zu  finden  (n.  e.  23  4, 
auch  Tiepl  apyGiW   a.  a.  0.). 

An  letzterer  Stelle  fuidet  sich  auch  zu  des  Clemens 
Polemik  gegen  die  Marcioniten  eine  Parallelstelle.  Origenes 
sucht  dort  ebenfalls  nachzuweisen,  daß  der  Gott  des  Neuen 
Testaments  und  der  des  Alten  Testaments,  der  Weltschöpfer, 
identisch  seien,  und  weist  darauf  hin,  daß  gerade  von  dem 
christlichen  Gotte,  dem  A^ater,  gesagt  werde,  er  sei  im  Himmel. 
Offenbar  habe  den  Himmel  doch  kein  anderer  als  er  selbst 
geschaffen.  Aber  abgesehen  davon,  daß  er  die  beiden  Teile  der 
Gleichung  des  Clemens  gerade  vertauscht,  zieht  er  auch  nicht 
aus   dem  Wort  Vater   die   gewagte  Konsequenz   des   Clemens. 


8  G.  "NValtlier,  Griech.  Yaterunser-Exegese. 

Bei  der  1.  Bitte  führt  Origenes  über  das  Heiligen  aus, 
es  bedeute  „heilig  machen"  (ti.  e.  24  2).  Da  das  in  objektivem 
Sinne  unmöglich  ist,  —  Gottes  Name  ist  schon  an  sich  heilig 
(k.  £.  24  1)  —  so  kann  es  sich  nur  in  der  subjektiven  Sphäre 
unserer  Anschauung  vollziehen  und  bedeutet:  die  rechte  heilige 
Anschauung  gewinnen.  Heilig  ist  sie  aber  dann,  wenn  sie 
Gottes  Erhabenheit  mit  seiner  Heiligkeit  identifiziert,  also  die 
rechte  erhabene  Vorstellung  von  Gott  hat.  Schließlich  heißt 
damit  „heiligen"  die  rechte,  Gottes  Erhabenheit  adäquate  An- 
schauung haben.  Streng  genommen  paßt  das  dann  aber  nicht 
zu  dem  Namen  Gottes,  denn  es  kommt  nicht  darauf  an,  daß 
wir  von  dem  Namen  Gottes  die  rechte  Anschauung  haben, 
sondern  von  Gott  selbst.  Wirklich  verschiebt  auch  Origenes  die 
Sache  etwas,  indem  er  zwar  den  Namen  ganz  richtig  als  die 
TtS'faXaLWOYj;  r.poariyopia,  xTj^  :5ia;  Tioiöxrjxo;  toO  6vo|jLa^o|JL£voi) 
TcapaaiaTiv-Y],  d.  h.  „den  zusammenfassenden  und  vergegen- 
wärtigenden Ausdruck  der  Wesenseigenart  des  Genannten" 
bezeichnet,  aber  nun  den  „Ausdruck"  unter  den  Tisch  fallen 
läßt  und  Name  Gottes  mit  Wesenseigenart  Gottes  gleichsetzt 
(24  2  3).  Dadurch  bekommt  er  als  klaren  Sinn  der  Bitte: 
„Laß  uns  die  rechte,  deiner  Erhabenheit  entsprechende  An- 
schauung von  deiner  Wesenseigenart  bekommen".  Origenes 
stützt  diese  Exegese  noch  durch  die  Behauptung,  die  alt- 
testamentliche  Eedensart  ,.den  Namen  Gottes  erheben"  bedeute 
auch  nichts  anderes  als  „zur  wahi'en  und  hohen  Erkenntnis 
der  Eigenart  Gottes  gelangen"   (24  4). 

Hier  haben  wir  also  tatsächlich  eine  solche  intellektuelle 
Heiligung,  wie  wir  sie  schon  bei  Clemens  als  möglich  hin- 
stellten. Es  hat  daher  bei  dem  eigentümlichen  Verhältnis  von 
Origenes  zu  Clemens  starke  Wahrscheinlichkeit,  daß  Clemens 
erst  recht  die  1.  Bitte  intellektualistisch  erklärt  hat. 

Was  endlich  die  grammatische  Fonu  des  Äy.aai^rjTOi  und 
der  folgenden  Parallelformen  betrifft,  so  stellt  Origenes  aus 
seiner  Schriftkenntnis  fest,  daß  diese  Imperativformen,  wie 
öfters  in  der  LXX,  optativisch  zu  verstehen  seien.  Daraus 
folge  nun  aber  nicht,  daß  alle  in  der  Schrift  vorkommenden 
Imperative,  besonders  die  Gottes,  optativisch  zu  fassen  seien,  — 
eine  Ansicht,  die  er,  gegen  Tatian  polemisierend,  ad  absurdum 
führt  (24  5).  Diese  Beobachtung  hat  Origenes  öfters  aus- 
gesprochen, einmal  mit  direktem  Hinweis  auf  unsere  Bitte  (Hom. 


Origenes.  9 

in  Cant.  cant.,  nach  Hieronymus,  I  3.  Zitat  ÖO  [Mg.  13,  40]), 
oder  auch  bei  der  3.  Bitte  (Comnient.  in  ep.  ad  I^)m.,  nach 
Kufin,  II  499.  Zitat  75  [Mg.  14,  919]). 

Zur  2.  Bitte.  Origenes  gelit  bei  seiner  Reichsgottes- 
vorstelhing  von  dem  Worte  Jesu  (Lc.  17  2of.)  aus,  daß  das 
Reicli  Gottes  nicht  [isxa  TiapaxYjpYjactog  komme.  Es  ist  eine 
geistige  Größe,  ein  Reich  Gottes  „in  uns".  Gott  erfüllt  ja  die 
Herzen  der  Heiligen  an  sich  schon,  und  das  bedeutet  ein 
Regieren  Gottes  in  diesen  Herzen  nach  den  geistlichen  Gottes- 
gesetzen, woran  auch  Christus  teilnimmt.  Bezeichnenderweise 
teilt  Origenes  Gott  selbst  mehr  die  intellektuelle  Seite  der 
Herrschaft  zu,  die  beseligende  Regierung  des  yjy£[xovtxöv,  der 
Vernunft,  während  Christus  als  X6^{o;.  und  SixaioauvYj  die 
ethische  Betätigung  des  Menschen  in  Heilsverkündigung  und 
Tugendübung  regiert.  Belebt  wird  diese  Darlegung  noch  durch 
die  Schilderung  des  Gegenstückes,  des  Reiches  der  Sünde,  in 
dem  der  Sünder  unter  die  Herrschaft  des  Fürsten  dieser  Welt 
geknechtet  ist  (25   1). 

Beim  „Kommen"  der  Herzensherrschaft  Gottes  hat  man 
nmi  aber  nicht  bloß  an  ihren  erstmaligen  Eintritt  im  Herzen 
zu  denken,  dann  wäre  ja  die  2.  Bitte  hinterher  überflüssig, 
sondern  an  ihr  immer  intensiveres  Wachstum.  Erkenntnis 
und  Tugend  sind  Dinge,  die  auf  Erden  immer  noch  zunehmen 
können.  Der  Abschluß  und  Höhepunkt  wird  erst  im  Jenseits 
erreicht,  wo  sich  das  innerliche  Reich  Gottes  in  vollkommener 
Erkenntnis  und  Tugend  zeigen  wird  (25  2).  Christus  selbst 
befördert  dieses  Kommen  in  uns  durch  siegreichen  Kampf 
gegen  seine  in  uns  auftretenden  Feinde,  den  Fürsten  dieser 
Welt  und  sein  Reich  der  Sünde.  Schließlich  bleibt  auch  der 
Tod  nicht  als  Feind  des  geistigen  Reiches  Gottes  übrig,  sondern 
wird   abgetan,   sodaß  wir   die  Unsterblichkeit  erhalten  (25  3). 

In  all  diesen  Ausführungen  ist  das  Reich  Gottes  als  rein 
geistige  Größe  gedacht,  aber  schon  die  Unsterblichkeit  beginnt 
darüber  hinauszugreifen.  Und  Origenes  hat  auch  den  geistigen 
Reichsgottesbegriff  nicht  ausschließlich  durchgeführt.  Auch 
er  kennt  das  Reich  Gottes  als  absolute  Weltherrschaft  Gottes. 
So  wenn  er  die  Stelle  1.  Kor.  15  24-28  zitiert  (25  2).  Das 
Reich,  das  Christus  da  nach  Überwindung  aller  Feinde  Gott 
übergibt,  ist  nicht  das  innerliche,  in  dem  Gott  ja  längst  die 
Herrschaft  hatte,   sondern   das  Reich   der  Welt,   das   Christus 


10  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

als  kämpfender  Statthalter  für  Gott  verwaltete.  Ebenso  ist 
dies  weltumspannende  Herrlichkeitsreich  gemeint,  wenn  Origenes 
in  der  11.  Homilie  über  Exodus  (nach  Rufin,  7,  172,  Zitat  38 
[Mg.  12,  382]),  von  dem  ewigen  und  unvergänglichen  Reiche 
spricht,  das  erst  nach  dem  zeitlichen  kommt,  und  im  Römer- 
kommentar (nach  Rufin,  V.  3  555,  Zitat  58  [Mg.  14,  1028]) 
von  dem  noch  nicht  vorhandenen  futurum  regnum,  um  das 
wir  beten,  da  Jesu  Herrschaft  auf  Erden  noch  nicht  vollständig 
sei.  Origenes  kennt  also  das  Reich  Gottes  als  eine  zwei- 
gestaltige  Größe,  deren  Formen  in  einander  übergehen. 

Voraussetzung  für  das  Kommen  des  innerlichen  Reiches 
Gottes  ist  nach  Origenes  der  Bruch  mit  der  Sünde,  da  Reich 
Gottes  und  Sünde  nicht  nebeneinander  im  Menschen  herrschen 
können  (25  3).  Wenn  ich  recht  sehe,  ist  damit  der  prinzipielle 
Bruch  mit  der  Sünde,  der  mit  der  Willensentscheidung  gegen 
sie  gegeben  ist,  gemeint,  nicht  etwa  schon  die  selbstvollbrachte 
völlige  Reinigung  von  Sünde,  da  Origenes  ja  voraussetzt,  daß 
diese  mit  Hilfe  Christi  geschieht. 

Als  Einzelheit  mag  hier  noch  Erwähnung  finden,  daß 
Origenes  bei  der  2.  Bitte  einmal  von  einer  suvotio'j^svyj  zöXl? 
spricht  (25  1),  in  freier  Verwendung  des  von  Clemens  ge- 
brauchten Bildes,  das  dieser  aber  bei  der  3.  Bitte  bot. 

Zur  3.  Bitte.  Zunächst  stellt  Origenes  fest,  daß  Lukas 
die  3.  Bitte  nicht  hat.  Er  hält  ja  aber  eben  das  Lukasgebet 
für  ein  anderes  als  das  bei  Matthäus  überlieferte.  Dann  bietet 
er  den  geistreichen  Einfall,  daß  man  das  wc  ev  oöpavw  xal 
ItüI  yTj?  auf  alle  drei  Bitten  beziehen  könne,  ohne  das  aber 
wirklich  fruchtbar  zu  machen  (26  2). 

Von  dem  Inhalt  der  Bitte  gibt  er  eingangs  (26  1)  die  ein- 
fache wörtliche  Auslegung,  um  sich  dann  weiterhin  in  gewagten 
Allegorien  zu  ergehen.  Der  Beter  ist  nach  ihm  der  Über- 
zeugung, daß  der  Wille  Gottes  bei  allen  Himmelsbewohnern 
vollkommen  geschieht.  Bei  uns  auf  Erden  ist  das  nicht  der 
Fall,  und  darum  bitten  wir,  daß  auch  bei  uns  der  Wille  Gottes 
restlos  durchgeführt  werde.  Da  ist  der  Gegensatz:  Himmels- 
bewohner —  Erdenbewohner.  Aber  nun  kommt  ihm  ein  Ein- 
wand: Zu  den  Himmelsbewohnern  gehören  doch  auch  die 
Geister  der  Bosheit,  also  geschieht  Gottes  Wille  im  Himmel 
garnicht  vollkommen.  (26  3).  Aber  diese  bösen  Geister  gehören 
ihrem  ganzen  Wesen  nach  auf  ihren  eigentlichen  Tummelplatz, 


Origenes.  11 

die  Erde;  mögen  sie  sich  uiicli  noch  ab  und  zu  unter  den 
Himmelsbewohnern  auflialten,  zu  ihnen  zu  rechnen  sind  sie 
nicht,  prinzipiell  ist  ihr  Sturz  schon  vollzogen.  So  bleibt  es 
also  bei  der  Auslegung:  „wie  im  Himmel"  =  vollkommen.  (26  5). 

Aber  diese  allgemeine  Deutung  befriedigt  Origenes  nicht, 
und  so  bietet  er  folgende  allegorische :  der  Himmel  ist  Christus, 
denn  der  Himmel  ist  Gottes  Thron,  und  einen  würdigeren 
Thron  für  Gott  als  Christus,  den  ja  Gott  ohnehin  in  vollstem 
Maße  erfüllt,  gibt  es  nicht.  Entsprechend  ist  dann  die  Erde 
die  Kirche,  denn  die  Erde  ist  Gottes  Fußschemel,  und  was 
gäbe  es  würdigeres  für  diesen  Dienst  als  die  Kirche?  Der  Sinn 
der  Bitte  ist  dann  der:  dein  Wille  geschehe  so  vollkommen, 
wie  Christus  ihn  erfüllt  hat,  auch  in  der  Kirche.  —  Da  der 
Weg,  den  das  Kirchenglied  dazu  einschlagen  muß,  der  des 
engen  geistigen  Anschlusses  an  Christus  ist,  nicht  etwa  der 
enge  Anschluß  an  die  sichtbare  menschliche  Gemeinschaft 
mit  ihrer  apostolischen  Lehre,  so  zeigt  sich  auch  bei  Origenes 
der  Kirchenbegriff  als  der  alte  der  Gemeinschaft  der  wahren 
Glieder  Christi  (26  3)  wie  bei  Clemens. 

Endlich  bietet  Origenes  auch  noch  eine  moralische  Deu- 
tung^. Der  Himmel  gehört  mit  dem  Göttlichen,  Guten  zu- 
sammen, die  Erde  mit  dem  Vergänglichen,  Sündhaften.  Ab- 
strahiert man  einmal  von  dem  räumlichen  Moment  des  Gegen- 
satzes, so  kann  man  unter  Erde  die  Irdischgesinnten,  Schlechten 
verstehen,  unter  Himmel  die  Himmlischgesinnten,  Guten.  Die 
Bitte  spricht  dann  aus.  Gottes  Wille  möge  bei  den  Bösen  in 
derselben  AVeise  geschehen  wie  bei  den  Guten,  d.  h.  entweder 
sein  Gesetzeswille  möge  sich  bei  ihnen  durchsetzen,  wie  bei 
den  Guten,  oder  sein  Richterwille  möge  das  gleiche  Ergebnis 
wie  bei  den  Guten,  die  Aufnahme  in  die  Seligkeit,  so  auch 
bei  den  Schlechten  haben,  womit  gemeint  ist,  daß  sich  die 
Schlechten  unterdessen  bekehrt  haben  (26  6). 

Mit  der  Deutung  des  Clemens  deckt  sich  keine  dieser 
drei  Auslegungen  völlig,  auch  die  erste  nicht,  da  Origenes 
ganz  allgemein  von  otxslot  xwv  oöpavwv  redet,  während  Clemens 
zur  oupdvw;  ixyly]oi(x  nach  Sxp.  VI  14  108  nur  die  beseligten 
Christen  rechnet.     Bei   aller  geistigen   VerAvandtschaft  beider, 


1)  Löschcke,  Die  Vaterunser-Erklärung  des  Tlieopliilus  v.  Anti- 
ocMa,  p.  34  vermutet  hierin  eine  Reminiszenz  an  Theophilus. 


12  G.  "Waltlier,  Griecli.  Vaterunser-Exegese. 

die  sich  auch  im  gleichen  Kirchenbegriff  zeigt,  geht  Origenes 
doch  seine  eigenen  Wege. 

Möglicherweise  gehört  noch  der  besondere  Fall  hierher, 
daß  Origenes  einmal  die  zweite  Hälfte  der  Bitte  weggelassen 
und  die  Worte  YEVYj^rjxo)  lö  O-sXYjfxa  aou  als  Wort  der  Er- 
gebung gefaßt  hat  (Comment.  Rom.,  nach  Eufin,  VII  6  602, 
Zitat  62  [Mg.  14,  1120]).  Wenn  es  da  heißt,  der  Herr  habe 
uns  so  im  Gebet  sprechen  gelehrt,  so  denkt  man  allerdings 
zuvörderst  an  das  Vaterunser.  Es  ist  aber  mindestens  ebenso- 
gut möglich,  daß  Origenes  an  das  gleichlautende  Gebet  Jesu 
in  Gethsemane  (Mt.  26  42)  gedacht  hat.  Auch  davon  kann  man 
sagen,  der  Herr  habe  es  uns  im  Gebet  sprechen  gelehrt. 

Zur  1.  Bitte.  Es  steht  für  Origenes  von  vornherein  fest, 
daß  6  äpToc,  nicht  das  gewöhnliche  Brot  ist,  denn  Jesus  habe 
gesagt,  man  solle  um  himmlische  und  große  Dinge  bitten 
(Agraphon)i,  das  leibliche  Brot  sei  dazu  nicht  zu  rechnen  (27  1). 
Der  tiefere  Grund  ist  natürlich  der  Spiritualismus  von  Origenes'-*. 
Er  weist  dann  aus  der  Schrift  nach  (27  2  3  4),  daß  Brot  oder 
Speise  (ßpwai;)  ein  vieldeutiger  Begriff  sei,  wo  es  geistlichen 
Sinn  habe.  Bald  meine  Jesus  damit  den  Glauben  an  sich 
(Joh.  627),  bald  sich  selber  (Joh.  6  32  ff.),  bald  endlich  sein 
Fleisch  (Joh.  6  5i)  im  Abendmahl.  Origenes  entscheidet  sich 
nicht  ausschließlich  für  eine  von  diesen  Bedeutungen,  sondern 
wie  man  mit  der  Art  der  Speise  sich  nach  der  Aufnahme- 
fähigkeit der  Essenden  richten  müsse,  so  nehme  auch  das 
lebendige  Brot  vom  Himmel,  der  Logos,  verschiedene  Gestalt 
an;  für  die  Kinder  sei  es  Milch,  für  die  Schwachen  Kraut, 
für  die  Starken  aber  Fleisch  (im  Abendmahl).  Allen  aber  sei 
es  die  passende,  kraftspendende  Nahrung  (27   5  6  9). 

Von  SKioüaioc,  gibt  Origenes  eine  ausführliche  Ableitung. 
Es  stamme  offenbar  von  den  Evangelisten  selbst,  da  es  sonst 
nirgends  in  der  Gräzität  vorkonmie.  Verwandt  sei  x:£pco'jacos 
in  Exod.  19  5.  Beide  kämen  von  o^iicc.  Ohne  sich  deutlich 
zu  entscheiden,  gibt  Origenes  dann  die  Anschauungen  der 
idealistischen  und  materialistischen  griechischen  Philosophie 
über  ouai'a  wieder.  Nur  das  geht  daraus  hervor,  daß  ouaia 
das   eigentlich  Wesentliche    an    den    Erscheinungen    bedeutet, 

1)  Resch,  Agrapha,  p.  Ulf. 

2)  Lösclicke  a.  a.  0,  p.  33  vermutet  hier  eine  Polemik  des  Urig. 
gegen  Th.,  der  Sipiog  vielleicht  real  erklärt  liabe. 


Origenes.  13 

was  übrio-  l)leibt,  wenn  alles  Individuelle  und  Zufällige  von 
ihnen  weggedacht  wird  (27  8).  Einen  solchen  wesenhaften 
Kern  hat  auch  der  Mensch,  und  zwar  sind  es  voö?  und  ?|>uxtq. 
^Etziouöigc.  ist  dann  das,  was  sich  auf  diesen  Wesenskern  be- 
zieht. -  Etwas  wie  dpioc.  kann  daher  sinnvoll  nur  dann  im- 
ouaLo;  „Wesenbrot"  genannt  werden,  wenn  es  diesen  Wesens- 
kern irgendwie  nährt  oder  in  ihn  übergeht.  Das  paßt  nach 
Origenes  auf  den  Logos  vorzüglich,  denn  der  Aoyoc,  ist  unserer 
cpuat;  XoY^xig,  dem  voö;,  ganz  entsprechend,  und  der  Seele  gibt 
er  tatsäclüich  Gesundheit,  AVohlbefinden,  Kraft  und  schließlich 
die  Unsterblichkeit  (27  9).  Hiermit  fällt  das  letzte  Schlag- 
licht auf  des  Origenes  Anschauung  von  äpxoQ.  Es  seien  nur 
andere  Ausdrücke  dafür,  wenn  die  Schrift  vom  „Holz  des 
Lebens"  (Gen.  2  9.  Spr.  3  is.  Apc.  2  7.  22  2  i4  19)  oder  der  „Weis- 
heit Gottes"  (Spr.  3  19)  rede.  (27  10).  Damit  ist  der  Logos 
als  äpTos  als  -cpo-fiixov  [ia'9'YjjJLa  (27  9),  also  intellektualistisch, 
bestimmt,  selbst  in  seiner  Gestalt  als  adpE,  im  Abendmahl, 
wobei  Origenes  an  einen  geistigen  Genuß  des  Logos  denkt  ^. 
Wie  man  sich  solchen  Genuß  vorzustellen  hat,  zeigt  er  unter 
Zuhilfenahme   starker  Allegorien   an  Bibelworten    (27   11   12). 

Sprachlich  möglich  wäre  auch  eine  andere  Ableitung  von 
kizio'jaioq,  die  von  eTitevat  =^  herankommen,  sodaß  6  apxo^ 
iTziO'joioc,  das  Brot  der  Zukunft  wäre,  das  Gott  uns  vorweg 
geben  soll.  Aber  die  andere  Deutung  zieht  Origenes  vor,  — 
natürlich  weil  sie  tiefsinniger  ist  (27  13). 

Es  ist  eine  notwendige  Folge  daraus,  daß  nun  a'ig[X£pov 
auch  spiritualisiert  wird.  Origenes  bringt  Schriftzeugnisse  bei, 
daß  aig[ji£pov  mehrfach  für  den  ganzen  atwv  ouxoc,  gebraucht 
werde.  So  sei  es  auch  hier  zu  verstehen  (27  13).  Er  benutzt 
dann  diese  Gelegenheit  zu  einem  ausführlichen  Exkurs  über 
die  Weltperioden,  die  in  der  Schrift  eben  als  Tage  symbolisiert 
seien,  und  baut  eine  unendliche  Reihe  solcher  Welttage  an  der 
Hand  der  jüdischen  Festjahrsordnung  auf  (27  14  15).  So  bedeute 
denn  auch  des  otaö-'  T^jxlpav  bei  Lukas  nicht  Erdentage,  sondern 
Welttage,  künftige  Perioden  der  Ewigkeit,  für  die  wir  schon 
immer  mn  das  Lebensbrot  bitten  (27  16).  Dieser  Auslegung 
widerspricht  auch  das  -^[iöv  nicht,  das  bei  Matthäus  ohne 
weiteres  klar,  bei  Lukas   antizipatorisch  gedacht  ist  (27   17). 


1)  Redepenning,  Origenes  II  439ff. 


14  0.  "NValther,  (iriecli.  Vaterunser-Exegese. 

Bei  der  5.  Bitte  erörtert  Origenes  zuerst  das  Wesen  der 
Schuld,  d'f £iX73{JLa  kommt  von  offet^Tg  Verpflichtung,  Schuldig- 
keit (xa  xa^Yjy.ovxa),  und  dcpetXeiv  heißt  zu  etwas  verpflichtet 
sein,  Pflichten  haben,  zwei  Worte,  denen  so  durchaus  kein 
sittlicher  Tadel  anhaftet.  Es  ist  vielmehr  etwas  ganz  selbst- 
verständliches, daß  wir  dcpstJ^at  haben,  und  Origenes  zählt  die 
verschiedensten  auf  (28  12  3  4).  Man  kann  nun  jeder  einzelnen 
gegenüber  zwei  Stellungen  einnehmen,  entweder  man  erfüllt 
sie,  löst  die  Verpflichtung  ein  (auo5todvai,  eTitieXsiaO-at,  xax- 
op%-o\>v),  dann  ist  alles  in  Ordnung;  oder  man  tut  es  nicht, 
dann  wird  die  unerfüllte  d^sOJ]  zum  d-^£tXYj{JLa,  zur  Pflicht- 
verletzung, die  uns  dem,  den  sie  betrifft,  gegenüber  bindet 
(xa.xiysiv),  ja  strafbar  macht.  Schuldig  (düpscXlxYjs)  sein  heißt 
also  in  diesem  Sinne:  mit  Pflichten  unrechterweise  im  Rück- 
stand sein  (eXXeiTieiv)  (ebenda).  Diese  beiden  Möglichkeiten 
treten  nun  im  Leben  in  den  verschiedensten  Abstufungen  auf: 
vollkommene  Erfüllung  —  überwiegende  —  sehr  mangelhafte 
Erfüllung  —  völlige  Nichterfüllung  (dTroaxepetv  xyjv  dcpsiXi^v). 
Unzweifelhaft  ist  völlige  Erfüllung  aller  ötpeiXai  möglich,  aber 
sie  ist  nur  mit  der  Zeit  (xpovti)  Tioxe)  zu  erreichen,  und  was 
bis  dahin  an  Pflichten  unerfüllt  blieb,  ist  nicht  olme  weiteres 
aus  der  Welt  geschafft.  Vielmehr  ist  gerade  dazu  die  5.  Bitte 
da.  Und  die  Vergebung  der  fi'üheren  Pflichtverletzungen  wird 
dem  vollkommen  Gewordenen  billigerweise  (euXÖYWs)  erteilt, 
in  Ansehung  seines  erfolgreichen  Strebens  nach  Vollkommen- 
heit (28  5).  Die  göttliche  Vergebung  stellt  sich  demnach  dar 
als  Erlaß  früherer  Schulden  an  die  Vollkommenen  um  dieses 
ihres  jetzigen  Zustandes  willen.  Das  bildet  keinen  Wider- 
spruch zu  der  früheren  Behauptung  von  der  Sündlosigkeit  des 
Gotteskindes,  das  allein  das  Vaterunser  beten  darf. 

Soll  nun  aber  die  Bitte  nicht  eines  Tages  überflüssig 
werden,  so  ist  nur  die  Annahme  möglich,  daß  die  göttliche 
Vergebung  tatsächlich  erst  im  jüngsten  Gerichte  erfolgt,  was 
Origenes  auch  mit  Rö  14  lo  und  2.  Kor.  5  lo  in  Aussicht  stellt, 
wenn  auch  mehr  nach  der  negativen  Seite,  daß  da  für  die, 
die  ihre  Verpflichtungen  hier  nicht  erfüllt  haben,  ihr  Rückstand 
zur  Anklageschrift  vor  dem  Richterstuhle  Christi  werden  soll. 

Man  würde  mithin  als  den  eigentlichen  Grund  für  die  Ver- 
gebung unserer  Sünden  nach  Origenes  (28  5)  unsere  Vollkommen- 
heit anzusehen  haben.     Es  fragt  sich  nun,  wie  dazu  der  Zusatz 


Oriiicilc.s.  15 

paßt,  den  Origenes  für  Matthäus  w;  xal  yjiiet^  acpyjv.ansv  zol^ 
öcpsiXetaic;  yj|xü)v  gelesen  liat,  nicht  acpi£[j,ev,  wie  er  einmal  (28  8) 
offenbar  irrtümlich  schreibt,  während  er  an  den  zwei  Haupt- 
stellen (18  2  u.  28  1)  —  gewiß  nach  einem  Blick  in  seine 
Handschrift  —  a^Tgxa[xev  setzt.  An  sich  ist  ja  der  Gedanke 
klar.  Wenn  wir  selbst  Gott  um  Erlaß  alter  Schulden  bitten 
müssen,  dann  können  wir  unsern  Schuldnern  gegenüber  nicht 
hartherzig  sein.  Wir  wünschen,  daß  Gott  des  Bösen  nicht 
gedenkt,  das  wir  getan  haben,  wie  sollten  wir  da  nicht 
a[xvY]atxax(i)g  cpepetv  gegenüber  denen,  die  bei  uns  Schuld  an- 
gehäuft haben?  (28  6.)  Das  erfordert  schon  das  allgemeine 
Gerechtigkeitsgefühl,  aber  das  hat  auch  Christus  ausdrücklich  im 
Gleichnis  vom  Schalksknecht  als  Gottes  Maxime  klargemacht: 
Wer  unversöhnlich  ist,  kann  keine  Vergebung  finden!  (28  7.) 
Fügt  man  also  der  Bitte  um  Vergebung  die  Versicherung 
hinzu:  „Wir  haben  unsern  Schuldnern  vergeben",  so  ist  das 
zum  mindesten  ein  Hinweis  für  Gott,  daß  die  conditio  sine 
qua  non  erfüllt  sei;  6iq  wäre  dann  =:  nachdem.  Es  kann  aber 
auch  als  eigentlicher  Grund  gemeint  sein:  „Weil"  (=  w^)  wir 
vergeben  haben,  vergib  uns  auch.  Origenes  hat  sich  hier  nicht 
deutlich  erklärt,  wie  er  das  wg  verstanden  haben  will.  Ist 
wirklich,  wie  oben  dargelegt,  der  eigentliche  Grund  für  unsere 
Vergebung  unsere  sündlose  Vollkommenheit,  dann  kann  nicht 
zugleich  unsere  Versöhnlichkeit  der  eigentliche  Grund  sein, 
denn  beide  Begriffe  decken  sich  nicht.  Es  wäre  eine  starke 
Herabstimmung  der  Vorbedingung,  wenn  statt  der  Erfüllung 
sämtlicher  öcpeiXai  auf  einmal  schon  die  einer  einzigen,  der 
Vergebepflicht,  genügte.  Aber  selbst  wenn  der  Hinweis  auf 
unsere  Versöhnlichkeit  nur  den  bekannten  Kieo;el  zurückschieben 
sollte,  so  erscheint  er  neben  dem  Vollbegriff  der  Vollkommen- 
heit dürftig  und  überflüssig.  Man  wird  also,  um  zum  Ziele 
zu  kommen,  die  Begründung  der  Sündenvergebung  auf  die 
Vollkommenheit  als  Nebentrieb  ausscheiden  müssen.  Wenn 
man  bedenkt,  daß  Origenes  28  8  die  lukanische  Fassung  xal 
yap  aiÜTol  acpie^ev  uavxc  öcpstXovxi  :^[xtv,  von  dem  Tcavxc  abgesehen, 
der  bei  Matthäus  gleichsetzt  und  diese  Fassung  doch  mit  aller 
Deutlichkeit  die  Bitte  um  Vergebung  mit  dem  eigenen  Tun 
begründet,  und  wenn  man  dazu  vergleicht,  daß  Origenes  Hom. 
in  Leviticum  (nach  Rufin)  IL  4  190  Zitat  68  (Mg.  12,418)  sagt: 
nobis  fit  remissio  peccatorum  per  hoc,  quod  et  nos  remittimus. 


16  G.  "Walther,  Griecli.  Vaterunsei'-Exegese. 

so  muß  man  doch  annehmen,  daß  Origenes  w?  als  Begründungs- 
partikel angesehen  hat.  Unsere  Versöhnlichkeit  ist  der  Grund 
unserer  Vergebung.  Daim  liegt  aber  derselbe  Anspruch  darin, 
den  wir  schon  bei  Clemens  fanden. 

Hängt  die  göttliche  Vergebung  demnach  an  der  mensch- 
lichen, so  liegt  natürlich  in  dem  Zusatz  auch  eine  starke 
Mahnung  zur  Versöhnlichkeit,  die  Origenes  nicht  verfehlt,  an 
seine  Leser  zu  richten  (28  7).  Er  setzt  dabei  aber  voraus,  daß 
die  Notwendigkeit,  dem  Nächsten  zu  vergeben,  nur  dann  an  uns 
herantritt,  wenn  dieser  darum  bittet.  Wer  das  nicht  tut,  den 
soll  man  zur  Bitte  darum  zu  bringen  suchen  (28  7).  Gelingt 
das  nicht,  dann  hat  der  Betreffende  sich  die  Folgen  selbst  zu- 
zuschreiben. Es  fällt  Origenes  daher  bei  Lukas  das  Tzavxi  auf, 
welches  keinen  Unterschied  zwischen  reuigen  und  verstockten 
Schuldnern  gelten  läßt.  (28  8.) 

Daß  Matthäus  von  dcpetXyjfia-ca,  Lukas  von  a[xapT{at  spricht, 
gleicht  Origenes  dadurch  aus,  daß  er  ganz  mit  Recht  das  Nicht- 
erfüllen  von  Pflichten  als  Sünde  bezeichnet  (28  8).  Entsprechend 
nennt  er  im  Römerkommentar  (nach  Rufin)  IV  1  522  Zitat  64 
(Mg.  14,964)  unter  Zitierung  der  5.  Bitte  Schuld  eine  Be- 
zeichnung für  Sünde. 

Schließlich  ist  es  Origenes  noch  von  Wichtigkeit,  fest- 
zustellen, daß  es  gerade  „unsern"  Schuldnern  heißt.  Er  sieht 
darin  eine  Beschränkung  unsers  Vergebens  auf  das,  was  gegen 
uns  selbst  gesündigt  worden  ist.  Was  gegen  Gott  gefehlt 
wird,  zu  vergeben,  ist  nicht  unsers  Amtes,  doch  hat  Gott  dafür 
besondere  Männer  voll  heiligen  Geistes  berufen,  wie  die  Apostel 
und  alttestamentlichen  Priester,  welche  auch  Sünden  gegen 
Gott  vergeben  können,  —  wenn  es  keine  Todsünden  sind 
(28  8  9  10). 

Zur  6.  und  7.  Bitte.  Die  ganze  Darlegung  des  Origenes 
über  diese  nach  seiner  Meinung  zusammengehörigen  Bitten 
ist  hier  von  dem  Gedanken  beherrscht,  daß  die  wörtliche  Aus- 
legung unmöglich  sei.  Es  könne  in  der  6.  Bitte  nicht  eine 
völlige  Befreiung  vom  Tietpaajxo?  im  landläufigen  Sinne  erbeten 
werden  (29  1  3  4  5  9  11.  30  1  2),  denn  unser  ganzes  Leben 
sei  ein  einziger  großer  TiscpaajJio?:  (29  1).  Zur  Stützung  dieser 
Behauptung  führt  Origenes  an,  daß  unsere  gottfeindliche  aap^ 
unser  ganzes  Leben  hindurch  eine  Quelle  von  Versuchungen 
bilde  (29   1   2),  und  daß,   wer   etwa  doch   einmal  mit  Fleisch 


Origenes.  17 

und  Blut  nicht  mehr  zu  lingen  habe,  von  den  bösen  Mächten  dieser 
Welt  versucht  werde  (29  2).  Außerdem  sei  es  dann  sicher,  daß 
alle  Menschen  so  von  Versuchungen,  als  deren  Ausgangspunkt 
hier  Gott  erscheint,  heimgesucht  würden  (29  3).  Es  herrsche 
also  die.  denkbar  größte  Verbreitung  von  Versuchungen. 

Bewies  Origenes  das  zunächst  mit  Schriftstellen,  zu  denen 
sich  noch  der  Hinweis  auf  das  Leben  der  Apostel  gesellt,  die 
in  besonderem  Maße  unter  Treipaaiiot  zu  leiden  hatten  (29  4), 
und  auf  Ps.  26  2  (LXX:  25  2),  der  geradezu  um  ueipaajioi 
bittet,  so  appelliert  er  dann  an  die  eigene  Erfahrung  der  Leser 
imd  zählt  in  langer  Reihe  die  Versuchungen  auf,  die  uns 
ständig  umgeben  (29  5  6  7  8  9  10).  Es  ist  also  hinreichend 
bewiesen,  daß  unser  ganzes  Leben  ein  TieipaajJtdc;  ist  und  die 
Bitte  nicht  den  gewöhnlichen  Sinn  hat.  Als  Begriff  von  uecpaa- 
[löc,  ergibt  sich  aus  dem  allen,  daß  er  eine  Lockung  zur  Sünde 
ist,  die  sich  als  ein  innerer  aywv  des  Menschen  mit  Fleisch 
und  Blut  oder  mit  bösen  Geistern  vollzieht,  abgesehen  von  den 
Läuterungsversuchungen,  die  von  Gott  selbst  ausgehen. 

Wenn  es  sich  in  der  Bitte  aber  nicht  darum  handeln 
kann,  daß  der  aytov  aufhören  soll,  weil  er  untrennbar  mit 
unserm  ganzen  Leben  zusammenhängt,  dann  kann  sich  die 
Bitte  nur  darauf  beziehen,  daß  Gott  den  Kampf  nicht  zur 
Niederlage  werden  läßt.  Dahin  legt  Origenes  sie  aus.  In 
Versuchung  kommen  im  Sinne  der  Bitte  heiße  T^xxaaO-at  (29  9), 
U71C  xoO  7:£tpaa|xoO  uept^aXXsaO-a:,  vixäa^at  (29  11),  zöic,  Sixtuok; 
auxoO  iviy&o%-ot.i  (29  9).  Da  aber  weder  in  dem  Begriff 
„kommen"  noch  in  dem  Begriff  „Kampf"  von  Hause  aus  etwas 
von  „fallen"  oder  „Niederlage"  liegt,  so  führt  das  zu  einem 
Bedeutungswandel  beider  Worte,  der  nur  gewaltsam  genannt 
werden  kann.  Unwillkürlich  drückt  sich  das  auch  in  des 
Origenes  Sprechweise  aus,  wenn  er,  wo  er  genau  sein  will, 
sagt:  £Laepx£<39'ai  bIc.  xgv  7retpaa[JL6v  (29  9  11   16). 

Was  wir  mithin  nach  Origenes  inbetreff  des  Tceipaaiidi; 
erbitten  können,  ist  dies,  daß  Gott  uns  vor  ihm  im  Sinne 
einer  Niederlage  durch  die  Sünde  behüten  möge  (29  9  11). 
Den  Kampf  selbst  wird  Gott  nach  Lage  der  Sache  auf  die 
Dauer  nicht  verhindern,  aber  er  kann  mis  durch  wirksame 
Unterstützung  helfen,  daß  unser  Streiten  vom  Sieg  gekrönt  ist 
(29  19).  An  der  Entstehung  der  Versuchung  ist  Gott  insofern 
beteiligt,   als   er    dem   versuchenden   Faktor  die   d^ouaia   dazu 

T.  u.  U.  14:  Walther.  2 


18  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

erteilt  (30  2).  Schließlich  kann  man  sogar  geradezu  von  einer 
5(peta  der  Versuchung  reden,  einem  Zweck,  der  sie  notwendig 
macht  (29  17):  sie  klärt  uns  über  unser  wahres  Wesen  auf, 
indem  durch  sie  uns  selbst  das  Böse,  das  in  uns  ist,  aber 
auch  das  Gute  zu  Bewußtsein  kommt.  Die  dafür  angezogenen 
biblischen  Beispiele  beweisen  in  ihrer  Auswahl,  daß  Origenes 
hier  von  dem  Tzeipaa \).6c,  als  dywv  redet,  sonst  hätten  nicht  die 
Brüder  Hams  und  Joseph  im  Hause  Potiphars  mitgenannt  sein 
können  (29  18).  In  diesem  Sinne  bedeutet  der  T:Bipa.a\i6c,  in 
Gottes  Hand  geradezu  ein  Mittel  der  Erziehung  —  Origenes 
war  nicht  umsonst  Schüler  des  Verfassers  des  „Pädagogen"  — 
denn  Gott,  der  ja  überhaupt  nach  des  Origenes  und  nicht  nur 
dessen  Meinung  jede  Seele  unter  Wahrung  ihres  auxe^ouatov 
zum  Heile  zu  leiten  (ol%ovo\isIv)  sucht  (29  13),  läßt  auf  diese 
Weise  die  Seele  heilsame  Erfahrungen  machen. 

Aber  dem  gründlichen  Exegeten  Origenes  ist  es  nicht  ent- 
gangen, daß  die  bisherige  Erörterung  dem  Wortlaut  der 
6.  Bitte  noch  nicht  völlig  gerecht  geworden  ist.  Es  heißt  ja 
dort  ^Y]  eiasveyxT^?;  das  ist  mehr  als  die  e^ouaca  an  die  ver- 
sucherischen Mächte  erteilen,  und  wo  vollends  7i£tpaa|xös 
Niederlage  bedeuten  soll,  da  tut  sich  ein  neues  Problem  auf. 
Indem  Origenes  es  löst,  gibt  er  einen  dritten  Begriff  von 
Tzs,ip7.o\i6q.  Er  fragt:  Kann  man  von  Gott  sagen,  daß  er  in 
die  Versuchung  =  Niederlage  =^  Sünde  hineinführt?  (29  11) 
Antwort:  Ja!  Wie  die  Schrift  beweist,  sind  viele  Leute  nicht 
anders  von  ihrem  bösen  Wesen  zu  heilen,  als  dadurch,  daß 
Gott  sie  einmal  eine  Zeit  lang  recht  tief  hineingeraten  läßt, 
sodaß  sie  vor  lauter  Überdruß  daran  sich  dem  Guten  zuwenden. 
Das  ist  kurz  der  Sinn  der  langen  Auseinandersetzung  in 
29  12 — 16.  Wie  Gott  in  der  Wüste  das  fieischlüsterne  Volk 
Israel  durch  ein  Übermaß  von  Fleisch  von  seiner  Gier  heilte 
(29  13  14),  so  gab  er  auch  die  Heiden  an  das  Übermaß  ihrer 
Lüste  dahin,  um  sie  durch  eine  solche  Sündenkur  zu  läutern 
(29  12  15),  so  verstockte  er  den  Pharao,  um  ihn  desto  ge- 
fügiger zu  machen.  Das  Ganze  ist  wieder  eine  uns  allerdings 
unerträglich  erscheinende  pädagogische  Maßregel  Gottes.  Diese 
Auffassung  von  Tieipoi.a\i.6c,  ist  von  der  bisherigen  geradesoviel 
verschieden,  als  ein  einzelnes  Erliegen  unter  einem  sündlichen 
Reize  von  einem  langandauernden,  intensiven  Versinken  in 
Sündenknechtschaft  verschieden  ist. 


Origenes.  19 

Der  tiefste  Sinn  der  Bitte  ist  damit  der:  „Verhänge  keine 
solche  Sündenkur  oder  Verstockung  über  uns"  oder,  weil  sie 
ja  nur  einzutreten  braucht,  wenn  wir  durch  bösen  Wandel 
dazu  Ursache  geben:  „Laß  uns  nicht  so  weit  kommen,  daß 
du  dein,  schärfstes  Zuchtmittel,  die  Sündenkur,  gegen  uns  an- 
wenden mußt"    (29  16). 

Es  ist  nun  nichts  inhaltlich  Neues  mehr,  was  die  7.  Bitte 
hinzufügt.  Origenes  sieht  sie  als  bloßen  Zusatz  zur  6.  Bitte 
an,  belegt  das  aber  nur  formal:  die  7.  Bitte  fehlt  bei  Lukas, 
also  konnte  sie  nichts  Neues  enthalten.  Sie  war  nur  eine 
ausmalende  Erläuterung  für  die  große  Menge  des  Volkes,  zu 
der  Jesus  bei  Matthäus  redete  (30  1). 

Für  Origenes  und  alle  Griechen  w^ar  es  selbstverständlich, 
daß  die  Bitte  von  einem  uovYjpo?  sprach^,  vom  l)(0-pö(;  (ivxi- 
TiaXatwv  (30  1).  Warum  er  gerade  „der  Böse"  heißt,  er- 
örtert Origenes  in  der  Homilie  in  psalm.  XXXVI  (der  LXX.) 
II  4  Zitat  81  (Mg.  12,  1332,  lateinisch  nach  Rufin.).  TiovYjpta 
ist  die  freigewollte,  beabsichtigte  Schlechtigkeit,  im  Unter- 
schied von  der  durch  Unwissenheit  entstandenen.  Weil  nun 
der  Teufel  mit  Bewußtsein  und  voller  Absicht  Böses  tut,  heißt 
er  6  uovYjpöi;^. 

Die  vorige  Bitte  nannte  ihn  nicht;  soll  er  also  trotzdem 
nichts  Neues  sein,  dann  muß  er  doch  irgendwie  in  der  6.  Bitte 
seinen  Platz  haben.  Scheinbar  waren  unser  Fleisch  und  die 
bösen  Mächte  in  der  Welt  die  eigentliche  und  letzte  Ursache 
unserer  Versuchungen,  aber  hier  enthüllt  Origenes  ihren  wirk- 
lich letzten  Ausgangspunkt,  wenn  er  sagt,  daß  der  Böse  uns 
durch  allerhand  Schliche  ({jie9-o5£tai)  und  ihm  ergebene  Diener 
nahekommt  (30  1).  Damit  kann  nichts  anderes  gemeint  sein 
als  die  genannten  Faktoren.  Wie  auch  das  Beispiel  Hiobs 
und  letzlich  Jesu  zeigt,  stiftet  er  alle  Versuchungen  im  Grunde 
selber  an,  jedoch  unter  der  e^ouaia.  Gottes  (30  2).  Jeder  Sieg 
über  die  Versuchung  ist  demnach  ein  Sieg  über  den  TTOVYjpöi; 
selbst.  So  ist  auch  das  ^'jbo^oli  zu  verstehen,  womit  gerade 
so  wenig  eine  definitive  Fernhaltung  des  Bösen,  eine  Ver- 
weigerung der  iqouaix  gemeint  sein  kann,  wie  mit  der  Be- 
freiimg von  der  Versuchung  (30  1  2). 


1)  cf.  CJiase,  The  Lord's  prayer,  p.  138  f. 

2)  ebenda  p.  97  u.  138  f. 


20  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser- Exegese. 

Das  rechte  Gebet  der  6.  und  7.  Bitte  lautet  dann:  „Laß 
uns  im  Kampfe  mit  der  Sünde  keine  Niederlage  erleiden, 
sondern  gib  uns  den  Sieg  über  den  Bösen"  (30  3).  Oder, 
wenn  man  die  andere  offizielle  Auslegung  von  7zs.ipao\i6c  be- 
rücksichtigt: „Laß  uns  nicht  dahin  kommen,  daß  die  Sündenkur 
nötig  wird,  sondern  gib  uns  den  Sieg  über  den  Bösen." 

Eine  eigenartige  Auslegung  der  7.  Bitte  sei  noch  erwähnt, 
die  sich  in  der  Homilie  V  in  XXXVL  psalm.  (nach  Kufin, 
7.  Zitat  77  [Mg.  12,  1366])  findet.  Wenn  sich  im  Tode  die 
Seele  vom  Leibe  trennt,  dann  fahren  die  bösen  Geister,  die 
Henkersknechte  des  Fürsten  der  Welt,  auf  sie  los,  um  sie,  je 
nach  ihrem  Erdenwandel,  mit  Recht  oder  mit  Unrecht  an  sich 
zu  reißen.  Daß  das  nicht  geschehen  möge,  darum  bittet  die 
7.  Bitte  in  geheimnisvoller  W^eise^.  Das  ist  ein  Rest  massiven 
heidnischen  Volksaberglaubens. 

Zusammenfassung.  Nach  Origenes  würde  das  Vater- 
unser etwa  so  lauten: 

Gott,  der  du  die  Herzen  aller  Himmelsbürger   erfüllst,   dem 

wir  in  Sündlosigkeit  wesensähnlich  geworden  sind. 
Schenke  uns   die  rechte,   deiner  Erhabenheit  entsprechende 

Anschauung  von  deiner  Wesenseigenart. 
Deine  Herzensherrschaft  in  Erkenntnis   und   Tugend   breite 
sich    in  uns    aus,    daß    du    schließlich    in    der  ganzen 
Welt  alles  in  allem  wirst. 
Dein  Wille  geschehe  so  vollkommen  wie  bei  den  Himmels- 
bewohnern,  auch  bei  uns  Erdenbewohnern,    oder:   wie 
bei  Christus,  auch  in  der  Kirche  auf  Erden,  oder:  wie 
bei  den  Guten,  auch  bei  den  Bösen. 
Schenke  uns  die  Nahrung,  die  unser  irmerstes  Wesen  braucht, 

den  geistigen  Genuß  des  Logos,  in  dieser  Weltzeit. 
Erlaß  uns  unsere  alten  Schulden,  weil  wir  auch  denen,  die 
uns  baten,  ihre  Schulden  erlassen  haben  (nach  Matthäus). 
Vergib  uns  unsere  alten  Sünden,  denn  auch  wir  erlassen  ja 

allen  ihre  Schulden  bei  uns  (nach  Lukas). 
Laß   uns   im   Kampfe   mit  der   Sünde    keine   Niederlage   er- 
leiden, insbesondere  laß  uns  nicht  soweit  kommen,  daß 
du  uns  nur  durch  eine  Sündenkur  wieder  bessern  kannst, 
sondern  schenke  uns  den  Sieg  über  den  Bösen. 


1)  cf.  Cbase,  p.  139. 


Origenes.  21 

Wie  sattsam  bekannt  ist,  war  Origenes  Schüler  des 
Clemens,  und  wir  haben  an  diese  Tatsache  gelegentlich  schon 
erinnert.  Die  wenigen  Punkte,  an  denen  man  beider  Exegese 
vergleichen  kann,  bestätigen  das  Verwandtschaftsverhältnis 
auch  für  dieses  Gebiet  der  Theologie  durchaus.  Abgesehen 
von  der  hypothetischen  Gleichheit  in  der  Exegese  der  1.  Bitte, 
sind  beide  gleich  im  Kirchenbegriff  und  in  der  Auslegung  der 
5.  Bitte,  soweit  man  das  bei  Clemens  beobachten  kann,  ver- 
wandt in  der  Polemik  gegen  Marcion  auf  Grund  der  Anrede, 
in  der  Fassung  der  3.  Bitte  und,  um  eine  Kleinigkeit  zu  nennen, 
in  dem  Bilde  von  der  wohlregierten  Stadt.  Aber  in  diesen 
Dingen  und  mehr  noch  in  der  verschiedenen  Fassung  des 
Kindschaftsverhältnisses  spiegelt  sich  andrerseits  die  Tatsache 
wieder,  daß  Orio^enes  ein  durchaus  selbständiger  Denker  war. 

Es  würde  die  Aufgabe  dieser  Untersuchung  überschreiten, 
wenn  man  versuchen  wollte,  die  ganze  Größe  des  Einflusses 
von  Clemens  auf  Origenes  zu  ermitteln,  aber  soviel  läßt  sich 
immerhin  sagten,  daß  er  sich  nicht  nur  auf  Einzelheiten,  sondern 
auf  große  Grundanschauungen  erstreckt.  Dazu  gehört,  auf  die 
Methode  gesehen,  die  Kirnst  des  Umdeutens  und  Allegorisierens 
und  sachlich  der  aus  der  Liebe  zur  Philosophie  hervorgehende 
Drang,  alles  möglichst  geistig  und  damit  intellektualistisch  auf- 
zufassen. Aber  gerade  das  Beispiel  der  Kindschaftsauffassung 
zeigt,  daß  Origenes  darin  nicht  so  weit  geht,  wie  sein  Lehrer. 
Der  kirchliche  Einfluß  auf  ihn  war  ungleich  stärker'  als  auf 
Clemens.  Dazu  kommt  noch  in  sittlichen  Dingen  bei  beiden 
ein  etwas  oberflächlicher  Optimismus,  der  die  völlige  Erfüllung 
des  Willens  Gottes  auf  Erden  für  möglich  hält  und  sich  darum 
getraut,  Leistungen  vor  Gott  zu  bringen. 

Exegetische  Übereinstimmung  in  verschiedenen  Punkten 
ist  zweifellos,  trotzdem  möchte  ich  nicht  etwa  behaupten,  daß 
Origenes  in  seiner  Auslegung  in  uepl  si^x^^  direkt  literarisch 
von  den  hier  wiedergegebenen  Clemensstellen  abhängig  ist. 
Das  wäre  bei  der  geistigen  Bedeutung  des  Origenes  schon  an 
sich  sehr  wenig  wahrscheinlich,  und  ganz  besonders  ungereimt 
in  Anbetracht  der  Verstreutheit  dieser  Clemensstellen  über 
seine  ganzen  Schriften.  Literarische  Abhängigkeit  könnte  nur 
bezüglich  der  verlorenen  exegetischen  Werke  des  Clemens  an- 


1)  Dibelius,  p.  33  u.  43. 


22  G.  Waltlier,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

genommen  werden,  mit  denen  die  gelegentlichen  Äußerungen 
dann  harmonieren  würden,  und  auch  da  nur  mit  der  nötigen 
Berücksichtigung  der  Selbständigkeit  eines  exegetischen  Meisters 
wie  Origenes. 

Die  Stücke  seiner  Vaterunserauslegung,  in  denen  uns 
Parallelen  bei  Clemens  nicht  erhalten  sind,  vermögen  dem 
exegetischen  Charakterkopf  des  Origenes  keine  wesentlich 
neuen  Züge  hinzuzufügen.  Die  Ausführungen  über  das  Sein 
Gottes  im  Himmel,  über  das  innerliche  Reich  Gottes  und  über 
das  Wesenbrot  zeigen  nur  wieder  den  Spiritualismus ;  die  Hoch- 
schätzung  der  Erkenntnis  als  einer  wesentlichen  Gabe  des 
Reiches  Gottes  und  als  des  eigentlichen  Inhaltes  des  Wesen- 
brotes zeigt  den  Intellektualismus  von  Origenes.  Die  Lehre 
von  der  Vollkommenheit  des  Gotteskindes,  vom  aöxe^ouaiov 
des  Menschen  und  von  der  Sünde  als  Heilmittel  stellen  wieder 
seinen  sittlichen  Optimismus  ins  Licht.  Endlich  illustriert 
seine  dreifache  Exegese  des  Wortes  „Himmel"  bei  der  3.  Bitte 
und  zahlreiche  mehr  nebensächliche  Deutungen  anderer  Schrift- 
worte seine  Vorliebe  für  die  allegorische  Auslegungsweise, 
deren  Resultate  uns  zum  Teil  so  unwissenschaftlich-willkürlich, 
z.  T.,  namentlich  bei  den  alttestamentlichen  Stellen,  über- 
raschend modern  anmuten.  Das  alles  vereinigt  sich,  um  auch 
von  der  exegetischen  Seite  her  Origenes  als  den  christlichen 
Gnostiker  erscheinen  zu  lassen. 


3.  Cyrill  von  Jerusalem. 

Von  Cyrill  ist  eine  kurze  Erklärung  des  Vaterunsers  in 
seiner  V.  mystagogischen  Katechese  auf  uns  gekommen.  Der 
Zweck  dieser  Katechesen  war,  die  Neugetauften  auf  die  Teil- 
nahme am  Gottesdienst,  besonders  an  der  Eucharistie  vor- 
zubereiten, und  entsprechend  dem  Charakter  dieser  volks- 
tümlichen Unterweisungen  enthalten  die  Katechesen  keine  theo- 
logischen Untersuchungen,  sondern  sind  kurz  und  schlicht,  aber 
gehaltvoll,  sodaß  sie  immerhin  einen  guten  Einblick  in  Cyrills 
theologische  Gedankenwelt  gestatten.  Sonst  findet  sich  in 
seinen  Werken  nur  die  Anrede  einmal  in  der  VII.  Katechese 
zitiert. 


Cyrill  von  Jerusalem.  23 

In  seinen  Ausführungen  über  die  Anrede  (iiuax.  xax. 
V  11  [Mg.  33,  1118])  sucht  man  zunächst  vergeblich  nach 
einer  Angabe,  in  welchem  Sinne  Gott  unser  Vater  sei.  Desto 
entschiedener  zieht  Cyrill  in  der  VII.  Katechese,  die  „vom 
Vater"  handelt,  die  Grenzen.  Nicht  wie  er  der  Vater  Jesu 
war,  xaxa  cpuatv,  ist  Gott  unser  Vater,  sondern  xaxa  0-latv, 
durch  Versetzung  aus  der  Knechtschaft  in  den  Kindesstand, 
der  darin  besteht,  daß  wir  Gott  Vater  nennen  dürfen,  was  er 
uns  aus  großer  cptXavQ-pwTiia  gestattet  hat.  Danach  ist  Gott 
unser  Vater,  weil  er  uns  lieb  hat,  wie  ein  Vater.  Auch  die 
Auslegung  der  Anrede  in  (x.  x.  V  wird  mithin  dasselbe  sagen 
wollen,  wenn  sie  die  cpiXav^pwTita  Gottes  preist.  Seine  Vater- 
liebe gegen  die  Menschen  zeichnet  sie  da  noch  besonders 
wirksam  durch  die  Hervorhebung  des  tiefen  Verderbens  und 
der  Bosheit,  aus  der  er  uns  zu  seinen  Kindern  emporgehoben 
hat.     Von  Sündlosigkeit  ist  nicht  die  Rede. 

Wir  haben  damit  eine  dritte  Erklärung  der  Kindschaft 
und  des  Vaternamens  Gottes  vor  uns:  nach  der  intellektu- 
alistischen  des  Clemens  und  der  ethischen  des  Origenes  die 
eigentliche  religiöse  i.  Konstituierendes  Moment  ist  hier  nicht 
die  Ähnlichkeit  des  Kindes  mit  dem  Vater,  sondern  die  Liebe 
des  Vaters  zum  Kinde. 

Cyrill  hält  sich  also  von  der  überspannten  Verquickung 
der  Kindschaft  mit  der  Sündlosigkeit  frei.  Er  betont  vielmehr 
gerade,  daß  das  Recht,  Gott  Vater  zu  nennen,  uns,  den  gänzlich 
Abgefallenen  und  Verderbten,  geschenkt  sei.  Seine  Vaterliebe 
wendet  Gott  gerade  den  Sündern  zu,  allerdings  so,  daß  damit 
eine  Umwandlung  des  Menschen  durch  Sündenvergebung  und 
Gnadenmitteilung  verbunden  ist;  aber  daß  mit  dieser  Um- 
wandlung eine  völlige  Sündlosigkeit  gegeben  sei,  davon  sagt 
CjTill  kein  Wort.  Im  Gegenteil  spricht  er  späterhin  bei  der 
5.  Bitte  entschieden  aus,  daß  wir  viele  Sünden  haben  (\i.  v..  V  16), 
was  mit  dem  Hinweis  auf  1.  Joh.  1  8  „So  wir  sagen,  wir  haben 
keine  Sünde,  usw."  wie  eine  scharfe  xlbsage  an  die  Anschauung 
des  Origenes  klingt.  Die  /.a^-apa  auv£t§Yjau  bei  der  Anrede 
bezieht  sich  dementsprechend  auf  das  iTziypdcpead'ai  Gottes 
von  uns  aus,  w^ozu  wir  alles  Recht  haben.  CjTill  zeigt  sich 
mit   dem   allen   Origenes    gegenüber  sehr   selbständig.     Wenn 


1)  gegen  Dibelius,  p.  65. 


'24  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

er  dagegen  von  solchen  spricht,  die  das  „Bild  des  Himmlischen 
tragen",  so  ist  er  damit  von  Origenes  (t:.  s.  22  4  5)  abhängig, 
von  dem  er  den  Gedanken  der  Ähnlichkeit  der  Gotteskinder 
mit  ihrem  Vater  in  dieser  Form  übernimmt,  aber  auch  hier 
oh.ne  sie  geradezu  mit  Sündlosigkeit  zu  identifizieren. 

Das  Sein  Gottes  im  Himmel  erklärt  Cyrill  offenbar  für 
ein  geistiges  Wohnen  und  Wandeln  Gottes  in  den  Himmels- 
bewohnern. Da  er  nun  auch  in  den  Gotteskindern  wohnt  und 
wandelt,  so  haben  auch  sie  das  Recht,  unter  ..Himmel"  niit- 
verstanden  zu  werden.  Cyrill  wandelt  damit  in  den  Bahnen 
von  Origenes  und  Clemens  (für  diesen  cf.  Sxpa)|JL.  H  2  VH  5). 
Das  zeigt  sich  schon  äußerlich  in  der  Zitierung  des  gleichen 
Spruches  (2.  Kor.  6  i6  ^^  Lev.  26  12  =r  Ez.  37  27;  Origenes  zitiert 
ir.  e.  23  4  ausdrücklich  aus  Deuteron.,  wo  23  u  i\nztp<.Tzoi.xi(x) 
allein  steht):  „Ich- will  in  ihnen  wohnen  und  wandeln",  und 
sachlich  ist  die  Einbeziehung  auch  der  irdischen  Heiligen  in 
den  „Himmel"  ganz  im  Sinne  der  allegorischen  Deutung  der 
3.  Bitte  bei  Origenes  auf  die  Frommen  auf  Erden,  die  virtu- 
ellen Himmelsbürger. 

Zur  1.  Bitte  (jx.  x.  V  12).  Auch  Cyrill  ist  der  Ansicht 
des  Origenes,  daß  die  erste  Bitte  keine  Versetzung  des  Namens 
Gottes  aus  einem  Zustande  der  Unlieiligkeit  in  den  der  Heilig- 
keit fordere,  da  Gottes  Name  schon  an  sich,  von  Natur,  heilig 
sei.  Vielmehr  beziehe  sich  die  Bitte  auf  unsere  Stellung  zu 
Gottes  Namen,  nun  aber  nicht,  wie  bei  Origenes  und  Clemens  ('?), 
auf  eine  intellektualistische  Heiligung  durch  Erlangung  wahrer 
Erkenntnis,  sondern  auf  praktische  Heiligung.  Das  leider  oft 
geübte  Gegenteil  davon  sei  Entweihen  (ßsßyjXoDv)  des  göttlichen 
Namens  durch  Sündigen,  was  den  Heiden  Gelegenheit  gibt, 
Gottes  Namen  zu  lästern.  Statt  dessen  sollen  wir  uns  selbst 
heiligen  und  dadurch  auch  ihn,  weil  frommer  Wandel  der 
Christen  die  Überzeugung  von  seiner  Heiligkeit  steigern  hilft. 
Die  Übereinstimmung  beider  Ausleger  beschränkt  sich  also 
hier  auf  eine  ziemliche  Selbstverständlichkeit. 

Zur  2.  Bitte  (|ji.  x.  V  13).  Cyrill  fordert  unter  Anführung 
der  Paulusstelle  Rö  6  12,  die  schon  Origenes  (7:.  e.  25  3)  zitierte, 
eine  Reinigung  der  Seele  von  Sünden  in  Taten,  Gedanken  und 
Worten,  da  nur  eine  xa^apa  'l'^yj]  das  Reich  Gottes  zu  sich 
einladen  dürfe.  Wenn  Origenes  diese  Reinigung  erst  durch 
das  Reich  Gottes  selbst  geschehen  ließ,    so   muß   man  daraus 


Cyiill  von  Jerusalem.  25 

auf  einen  andern  Reichsgottesbegriff  schließen.  Wirklich 
zeigen  auch  Stellen  wie  XV  26  u.  33  und  XVIII  20,  daß 
Cyrill  das  Reich  Gottes  oder  Himmelreich  eng  mit  dem  Ge- 
richt verbindet,  als  dessen  Folge  für  die  Frommen.  Damit 
wird  es  ganz  zum  jenseitigen  Reiche  ewiger  Seligkeit,  und  es 
versteht  sich  von  selbst,  daß  man  um  sein  Kommen  nur  dann 
bitten  mag,  wenn  man  gewiß  ist,  im  voraufgehenden  Gerichte 
zu  bestehen.  Der  Schworpunkt  des  Reiches  Gottes  ist  also 
bei  C^TÜl  ein  ganz  anderer  als  bei  Origenes. 

Bei  der  3.  Bitte  (|x.  %,  V  14)  schließt  sich  Cyrill  keiner 
der  vorhandenen  Erklärungen  an.  Er  bildet  die  Antithese: 
wie  bei  den  Engeln  —  so  auch  bei  mir.  Auf  die  Engel  be- 
schränkt sich  Cyrill  in  Anlehnung  an  die  Psalmstelle  103  20 
(LXX  :  102  20).  Ob  er  wirklich  als  Exeget  das  „auf  Erden" 
so  individualisiert  haben  würde,  steht  dahin.  Ich  halte  es 
für  eine  wirksame  katechetische  Maßnahme. 

Zur  4.  Bitte  ([j..  x.  V  15).  Der  äpxo;,  ist  auch  nach 
Cyrills  Meinung  nicht  das  gewöhnliche  natürliche  Brot.  Das 
schließt  für  ihn  der  Zusatz  iTZio\>aioc,  aus.  iTiiooaioc,  gibt  er 
mit  dul  TT]V  ouaiocv  xaxaTaaad[i£Vo;  wieder,  d.  h.  „in  das  Wesen 
übergehend".  Damit  ist  aber  für  den  Fall,  daß  man  „tgD 
owfxatoc"  ergänzen  wollte,  das  natürliche  Brot  nicht  aus- 
geschlossen, sondern  wird  es  erst  dadurch,  daß  Cyrill  still- 
schweigend „tYj;  (];u)(Yj5"  hinzusetzt.  Diese  Art  der  Behaup- 
tung macht  den  Eindruck  eines  Vorurteils  oder  übernommenen 
Lehrsatzes,  sei  es,  daß  der  Ausschluß  des  natürlichen  Brotes 
von  Origenes  her  für  Cyrill  feststand,  sei  es,  daß  er  von  vorn- 
herein selbständig  annahm,  was  er  nun  entwickelt:  Das  Brot 
sei  das  Abendmahlsbrot.  Darauf  passe  die  Bezeichnung  Itzi- 
ouatog,  denn  es  nehme  nicht  den  Weg  des  natürlichen  Brotes 
durch  den  Leib,  sondern  verteile  sich  auf  das  ganze  AVesen 
(auaxaacg)  des  Menschen,  sodaß  Leib  imd  Seele  Nutzen  hätten. 

Es  zeigt  sich  mithin  die  Gleichheit  Cyrills  mit  Origenes  in 
der  Ablehnung  der  natürlichen  Deutung  von  äpxoc,.  Sie  muß 
auch  dem  Cyrill  zu  trivial  gewesen  sein,  gewiß  unter  dem 
Einfluß  von  Orio-enes,  der  auch  sonst  hier  wieder  sichtbar 
wird.  Schon  Origenes  hatte  ja  die  4.  Bitte  mit  der  Eucharistie 
in  Verbindung  gebracht,  allerdings  in  anderer  Weise.  Selbst 
wenn  er  von  dem  Fleische  Christi  spricht,  das  wir- essen  und 
verdauen  (dvaSoSdvac),  so  ist  das  doch  spiritualistisch  von  dem 


26  G-  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Fleische  des  Lebensbrotes,  also  von  dem  geistigen  Genuß  des 
Logos  zu  verstellen  (tt.  e.  27  4),  denn  die  Schrift  redet  auch 
sonst  nicht  sowohl  von  den  awjJLaxtxal  xpo'-fai,  sondern  von  den 
Xdyot  xoO  %-eoü,  xplcpovres  xyjv  «I^'J/Z/v  (k.  £.27  5).  Bei  Cyrill 
dagegen  ist  wirkliches  Brot  gemeint,  wenn  auch  nicht  das 
profane  (xoivos),  so  doch  das  heilige  eucharistische  Brot.  Der 
Unterschied  der  wirkKchen  Anschauung  ist  also  ziemlich  groß. 

Völlig  einig  sind  wiederum  beide  in  der  Ableitung  des 
iizio'jaioc.  von  ouata.  Daß  C}Till  slq  tyjv  oöaiav  7.aTataaad{i£Vo; 
sagt,  während  Origenes  au[ißaXXö{jL£vo?  (27  7)  hat,  verschlägt 
nicht  viel.  So  verschieden  dann  auch  naturgemäß  der  Weg 
ist,  den  der  dpxoc,  in  unsere  oOai'a  nimmt,  so  ist  doch  der 
Erfolg  bei  beiden  der  gleiche,  dvaoiooxai,  es  verteilt  sich  über 
unsere  o\)oia.  oder  ouoxccoic,  wie  eine  verdaute  Nahrung  und 
bringt  der  Seele  Nutzen.  CjTill  dehnt  das  entsprechend  dem 
leiblichen  Genuß  auch  auf  den  Leib  aus. 

aY)[ji£pov  erläutert  CjTill  mit  dem  Hinweis  auf  das  „ Paulus  "- 
Wort  Hbr.  3  i3  „solange  es  heute  heißt".  Es  bedeutet  dann 
wie  bei  Origenes  die  ganze  Periode  der  Gegenwart  und  fällt 
mit  xa9"'  i]\iipav  sachlich  zusammen,  letzteres  im  landläufigen 
Sinne  genommen. 

Zur  5.  Bitte  (\)..  x.  V  16).  Wie  schon  oben  erwähnt 
wurde,  vertritt  Cyrill  entschieden  den  Standpunkt,  daß  auch 
der  Christ  noch  sündigt.  Aus  der  5.  Bitte  folgert  er  als 
Erstes:  tzoXaoc  I)(0|i£V  d|xapxYj[JLaxa.  Schulden  und  Sünden 
decken  sich.  Sie  bestehen  darin,  daß  wir  in  Gedanken  und 
W^orten  straucheln  und  sehr  vieles  tun,  was  zu  verurteilen  und 
schwer  gegen  Gott  gefrevelt  ist.  Aber  selbst  wenn  wir  davon 
kein  Bewußtsein  hätten,  bleibt  doch  das  Apostelwort  1  Joh.  1  8 
bestehen. 

Cyrill  befindet  sich  hier  soweit  mit  Origenes  in  Über- 
einstimmung, als  auch  dieser  Schuld  und  Sünde  gleichsetzt 
und  ausdrücklich  betont,  daß  jeder  Mensch  bei  Gott  und 
Menschen  viele  Schulden  aufgehäuft  hat  (tt.  e.  28  6).  Wenn 
Origenes  aber  diese  als  einer  vergangenen  Periode  angehörig 
ansah,  so  spricht  Cyrill  von  den  Sünden  des  Christen  durch- 
aus im  Präsens:  7üxa{o|i,£v,  -ot&ö[Ji£v.  Auch  scheint  er  die 
Sündenvergebung  Gottes  als  einen  immer  wiederholten  prä- 
sentischen Akt  anzusehen,  nicht  wie  Origenes  als  einen  zu- 
künftigen,   sonst  würde    er  wohl   Xri'\>6\itd'!x.    statt    Xa|xj3avoiiev 


Cyrill  von  Jerusalem.  27 

geschrieben  haben.  —  Vergeben  erklärt  er  stets  einfach  durch 

Für  das  Verhältnis  des  göttlichen  und  menschlichen  Ver- 
gebens bringt  Cyrill  das  charakteristische  Kennwort  auvO-f^xat 
auf.  '  Wir  treffen  mit  Gott  eine  Abmachung,  nach  der  er 
unser  Vergeben  unter  einander  damit  beantworten  soll,  daß 
er  auch  uns  vergibt^.  Unsere  Leistung  —  denn  dazu  wird 
die  Versöhnlichkeit  —  gibt  uns  also  einen  Anspruch.  Das 
ist  nur  eine  zugespitzte  Formulierung  des  betr.  Gedankens 
von  Origenes.  Wir  machen  aber  sogar  noch  ein  gutes  Ge- 
schäft, denn  was  wir  damit  tun,  ist  im  Verhältnis  viel  gering- 
fügiger, als  was  wir  bekommen.  Die  negative  Seite  der  Sache 
ist  die,  daß  wir  uns  durch  Unversöhnlichkeit  die  Sünden- 
vergebung Gottes  verschließen.  Dann  ist  eben  die  Abmachung 
unsererseits  nicht  erfüllt.  Hier  klingt  das  schon  von  Origenes 
herangezogene  Gleichnis  vom  Schalksknecht  durch. 

Wenn  Cyrill  ö-^eiAizai  mit  gl  TiHac,  umschreibt,  so  findet 
auch  das  sein  Vorbild  bei  Origenes  (6  icÄrjaiov,  28  6).  —  Aufs 
ganze  gesehen,  ist  mithin  der  Sinn  der  5.  Bitte  wie  bei 
Origenes  nicht  nur  der.  Vergebung  für  die  eignen  Sünden  zu 
erbitten,  sondern  auch  der,  zur  Versöhnlichkeit  zu  ermahnen. 

Zur  6.  Bitte  {\i.  x.  V  17).  Auch  für  Cyrill  steht  es  fest, 
daß  die  6.  Bitte  keinen  vollkommenen  Ausschluß  von  Ver- 
suchung in  jedem  Sinne  für  den  Menschen  bedeuten  kann. 
Das  wäre  ein  Widerspruch  zu  der  Schriftanschauung,  daß  die 
Versuchung  auch  ihr  Gutes  hat.  Zum  Beweise  dafür  zitiert 
Cyrill  Jac.  1  2,  daß  man  sich  über  die  Versuchungen  fi'euen 
soll,  und  das  Wort  avrjp  a-sipaa-oc  d5öx:{xo?,  das  aber  kein 
Schriftwort  ist  2.  Daher  —  schließt  auch  Cpüll  —  kann  sich 
die  Bitte  nur  darauf  beziehen,  daß  wir  in  der  Versuchung 
nicht  untergehen  (xaxajSaTtttad-Yjvai  'jtüo  toO  TrstpaasJioO).  Die 
Versuchung  selbst  vergleicht  er  mit  einem  reißenden  Wald- 
ström  ()(£C[jLappo;).  den  der  eine  durchschwimmt,  von  dem  der 
andere  mit  fortgerissen  wird.  Wieder  ist  also  eigentlich  über 
den  Ausgang  des  Kampfes  mit  den  Wellen  in  dem  Wort  selbst 
nichts  gesagt.  Trotzdem  zwingt  ihm  Cyrill,  um  einen  für  die 
6.  Bitte  geeigneten  Sinn  herzustellen,  in  deutlicher  Abhängigkeit 

1)  Dibelius,  p.  69. 

2)  cf.  die  AumerkuDg  dazu  bei  Migne  33  1121,  auch  Resch, 
Agrapha.  p.  180 ff. 


28  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Ton  Origenes  die  Bedeutung  Ton  „Untergang"  auf,  und  stellt 
somit  ebenfalls  neben  dem  landläufigen,  den  er  fortwährend 
braucht,  einen  zweiten  Begriff  von  u£tpaa(JL6;  her. 

Ein  Unterschied  von  Origenes  ist  aber  doch  zu  beachten. 
Wenn  Origenes  den  7X£cpaa[iö;  als  Niederlage  in  der  Versuchung 
faßte,  so  dachte  er  dabei  an  ein  gelegentliches  Erliegen  gegen- 
über einem  der  tausend  Keize  der  Sünde.  Für  Cvrill  dagegen 
ist  die  Niederlage  in  der  A^ersuchung  etwas  Endgiltiges,  wovon 
es  kein  Aufstehen  gibt.  Bei  ihm  handelt  es  sich  gleich  um 
ein  völliges  xaxa^a-x'.a'ö'rjva:,  xataaupsa^ai  und  aTCOTiv^Y^ivai. 
So  ist  ihm  der  7ZEip7.'j\i6c,  im  prägnanten  Sinne  der  endgültige 
Abfall.  Das  geht  auch  aus  den  Beispielen,  die  er  anführt,  mit 
aller  Deutlichkeit  hervor.  Judas  erlag  der  Versuchung  zur 
Habgier,  und  das  bedeutete  seinen  geistlichen  und  physischen 
Untergang.  Petrus  dagegen  o'jv.  I^a-xiaönrj.  Das  beißt  nicht, 
daß  er  der  Versuchung  zur  Verleugnung  nicht  erlag,  was  ja 
den  Tatsachen  ins  Gesicht  schlüge,  sondern  daß  er  nicht  end- 
giltig  abfiel.  Insofern  wurde  er  aus  der  Versuchung  gerettet. 
Demgemäß  bittet  man  in  der  6.  Bitte  nur  um  Bewahrung  vor 
dem  definitiven  Abfall  in  der  Versuchung. 

Eine  wirkliche  Ausschöpfung  des  [j.yj  süaEvsyxyj;,  wie  sie 
^Origenes  versuchte,  ist  damit  nicht  mehr  möglich;  sonst  käme 
man  zu  dem  Resultat,  daß  Gott  den  Judas  in  Sünde  und  Tod 
getrieben  habe.  Darum  beschränkt  sich  Cyrill  darauf,  [ii] 
eiasvsy/.TTj;  durch  §'Jta^a.i  änb  xoO  7i£tpaa|xoü,  d^atpsTv  xoO  tc. 
wiederzugeben,  wobei  an  das  rechtzeitige  Aufheben  der  Ver- 
suchung gedacht  ist,  ehe  der  Abfall  eintritt,  ^'enn  das  in 
Gottes  Hand  steht,  dann  muß  die  ganze  Versuchung  (als 
Kampf)  der  e^ouaia  oder  gar  der  Initiative  Gottes  unterstehen, 
was  Cyrill  zwar  nicht  ausdrücklich  sagt,  was  aber  doch  aus 
dem  schon  bei  Origenes  (;:.  e.  29  16)  verwendeten  Zitat  aus 
Ps.  Q6  10-12  (LXX:  65  10-12)  hervorgeht,  wenn  es  dort  z.  B. 
heißt:  Eiariyoc'^fzc,  fi\i.ö(.c,  sc;  xyjv  TiayiSa,  Id-o'j  ^)d'\)S.i;  ^tiI  x6v 
vwxov  '^jjiwv.  Das  brauchte  an  sich  nicht  über  die  Linie  des 
von  Origenes  (tu.  £.  29  2)  zitierten  Paulusworts  1.  Kor.  10 13 
hinauszugehen,  daß  Gott  den  7:£cpaa[ji6;  schafft,  aber  zugleich 
dessen  erträglichen  Ausgang,  wenn  nicht  nach  dem  Beispiel 
mit  Petrus  der  Fall  in  Sünde,  die  Verleugnung,  als  etwas  von 
Gott  Geordnetes  erschiene.  Gott  leitet  die  ganze  Versuchung 
des  Petrus,   bewahrt  ihn   aber  nach  Cyrill  nur  vor  dem  end- 


Cyrill  von  Jerusalem.  29 

giltigen  Abfalle.  Also  führt  er  ihn,  da  er  bestimmt,  wie  weit 
die  Versuchung  gehen  darf,  geradezu  in  die  Sünde  der  Ver- 
leugnung hinein,  wie  in  ein  noch  erträgliches  Durchgangs- 
stadium. Hier  klingt  offenbar  die  der  Sünde  in  ihrer  Tiefe 
nicht,  gerecht  werdende  Anschauung  des  Origenes  von  Gottes 
Radikalkur  durch. 

Das  führt  schließlich  wieder  auf  den  behaupteten  guten 
Zweck  der  Versuchung.  Gott  ordnet  sie  an  oder  gibt  die  Er- 
laubnis dazu,  um  den  Menschen  zu  läutern  (oo/apia^etv,  TtupGüv). 
Erfüllt  sie  diesen  Zweck  nicht,  fällt  ihr  der  Mensch  zum  Opfer, 
so  hat  er  sich  das  selbst  zuzuschreiben,  weil  er  seine  Kräfte 
nicht  ordentlich  anstrengte,  um  als  guter  Schwimmer  {dipioxoc, 
xc/Xu[i^Y/-Yjc)  die  Wogen  zu  teilen. 

Zur  7.  Bitte  (^.  x.  V  18).  Angenommen  —  sagt  Cyrill  — 
die  6.  Bitte  wollte  wirklich  jede  Versuchung  als  Kampf  von 
uns  fernhalten,  dann  wäre  die  7.  Bitte  völlig  überflüssig,  denn 
wozu  brauchen  wir  noch  Errettung  von  dem  Bösen,  wenn  er 
uns  so  wie  so  schon  nicht  mehr  nahekommen  kann?  Etwas 
Überflüssiges  aber  hätte  der  Herr  nicht  gesagt.  Cyrill  findet 
damit  seine  Exegese  der  6.  Bitte  bestätigt,  trennt  sich  aber 
von  Origenes,  der  der  7.  Bitte  keinen  neuen  Inhalt  zugestehen 
wollte. 

Als  eigentliche  Triebfeder  der  Versuchungen  sieht  also 
auch  Cyrill  den  Bösen  ^  an.  Worin  nun  aber  die  Errettung 
von  ihm  besteht,  hat  Cp'ill  nicht  ausdrücklich  angegeben.  Ist 
jedoch  der  Böse  der  avTix£C[Ji£VOi;  SaijjLwv,  und  bleiben  wir  im 
Bilde  des  Kampfes  mit  ihm,  so  kann,  wenn  die  6.  Bitte  bereits 
Gott  um  Bewahrung  vor  dem  Tode  im  Kampfe  anrief,  die 
7.  Bitte  nur  auf  Errettung  von  Wunden  oder  einzelnen  Nieder- 
lagen durch  den  Bösen  gehen.  Das  wmrde  sachlich  dem  Sieg 
über  den  Bösen,  wie  ihn  Origenes  faßt,  gleichkommen.  Die 
Bitte  darum  hebt  natürlich  die  Tatsache  nicht  auf,  daß  Gott 
sie  aus  den  oben  erwähnten  pädagogischen  Gründen  nicht 
immer  erfüllt.  Aus  alledem  erhellt  hier  wieder  einerseits  die 
starke  Abhängigkeit  Cyrills  von  Origenes  und  anderseits  doch 
seine  Selbständigkeit  in  der  Verarbeitung  von  dessen  Gedanken. 

Ausdrücklich  bezeugt  nun  Cyrill,  daß  auf  die  Bitten  sofort 
das    Amen   (=:  yevotTo)    folgt  2.     Er   kennt    also    die    bekannte 

1)  cf.  Chase,  The  Lord's  prayer,  p.  144 f. 

2)  Ebenda  p.  173,  Anm.  2. 


30  G.  "Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Doxologie  als  Schluß  des  Vaterunsers  weder  aus  den  Hand- 
schriften —  wie  auch  Origenes  davon  schweigt  — ,  noch  als 
liturgische  Schlußformel,  die  er  unbedingt  erwähnen  müßte, 
wenn  er  in  der  Katechese  die  Gottesdienstordnung  durchnimmt. 
Das  Vaterunser  im  Cyrillschen  Sinne  lautet: 
Gott,  der  du  die  Herzen  aller  Himmelsbürger  erfüllst   und 

uns  lieb  hast  wie  ein  Vater, 
Möchte   doch   das  Ansehen   deines  Namens   durch  frommen 

Wandel  der  Deinen  gesteigert  werden. 
Dein  Reich  der  ewigen  Seligkeit  komme  herbei. 
Dein  Wille   geschehe  bei  mir   so  vollkommen  wie  bei   den 

Engeln. 
Das  Brot  der  Eucharistie  gib  uns,  solange  wir  leben. 
Beantworte  unsere  Versöhnlichkeit  gegen  unsere  Schuldner 
mit    der  Vergebimg    der    Schuld,    die  wir   gegen   dich 
begangen  haben. 
Wenn   du  uns   eine  Versuchung    auferlegst,    dann   bewahre 

uns  dabei  vor  endgiltigem  Abfall 
Und  rette  uns  überhaupt,  so  oft  der  Böse  uns  zusetzt. 

Amen. 
Eine  Zusammenfassung  kann  nur  noch  einmal  den  tief- 
gehenden Einfluß  von  Origenes  auf  Cyrill  feststellen.  Zu 
Clemens  hat  er  kein  erkennbares  Verhältnis;  Berührungspunkte 
gehen  auf  die  Vermittlung  durch  Origenes  zurück.  Dessen 
Einfluß  zeigt  sich  in  der  Übernahme  einzelner  Wendungen  wie 
der  vom  Bilde  des  Himmlischen  (Anrede)  und  gleicher  Zitate 
(Lev.  26  12  bei  der  Anrede,  Rö  6  12  bei  der  2.  Bitte,  Ps  65  10 
bei  der  6.  Bitte),  vielmehr  aber  natürlich  in  der  gleichen  Weise, 
das  Sein  Gottes  im  Himmel,  die  Begiiffe  eKioüaioq,  ai^|X£pov, 
O'^eiXYjixa,  ö'^etXsxY]);,  das  Verhältnis  der  göttlichen  zur  mensch- 
lichen Vergebung,  den  Ti£ipaa|xös  wenigstens  zum  Teil,  den 
Anteil  Gottes  daran  und  den  TtOVYjpös  mit  seinem  Tun  zu  er- 
klären. Solche  weitgehende  Übereinstimmungen  zwingen  zu 
der  Annahme,  daß  Cyrill  die  Schrift  des  Origenes  uep:  sO/^^s 
gekannt  hat.  Besonders  aber  die  unmotivierte  Art,  den  äpxo; 
geistig  zu  deuten  und  die  künstliche  Exegese  des  Kommens 
in  Versuchung  zeigen  die  Größe  der  Autorität  von  Origenes 
für  Cyrill. 

Aber   andrerseits   hat   sich   CjtüI   doch  auch   eine   starke 
und   wohlbegründete    Selbständigkeit    gegenüber  Origenes   ge- 


Gregor  vod  Nyssa.  31 

Avalirt.  Er  bietet  statt  der  ethischen  Kindschaft  die  religiöse 
und  hält  sich  von  der  Extravaganz  der  Sündlosigkeit  des 
Gotteskindes  fern,  er  bietet  die  praktische  Heiligung  des 
Namens  Gottes  statt  der  intellektuellen,  das  eschatologische 
statt. des  spiritualistischen  Reiches  Gottes;  er  hat  seine  eigne 
Antithese  in  der  Erklärung  von  Himmel  und  Erde.  Seine 
Exegese  der  4.  Bitte  hat  einen  anderen  Schwerpunkt,  er  hat 
seine  eigene  Meinung  in  der  Auslegung  der  6.  und  7.  Bitte. 
Es  zeigt  sich  darin  offenbar  der  Einfluß  seiner  antiochenisclien 
Schulung.  Von  Allegorien  hält  er  sich  im  allgemeinen  frei, 
seine  Exegese  ist  meist  einfach  und  besonnen,  imd  so  bedeutet 
er  denn  gegenüber  Origenes  in  der  Vaterunser-Exegese  ungefähr 
den  gleichen  Fortschritt  zum  Religiösen  und  Praktisch-Kirch- 
lichen, wie  ihn  Origenes  über  Clemens  hinaus  bedeutete. 


4.  Gregor  von  Nyssa. 

Wann  Gregor  von  Nyssa  seine  fünf  Homilien  über  das 
Vaterunser  gehalten  hat,  ist  noch  nicht  erforscht.  Jedenfalls 
aber  sind  sie  jünger  als  die  oben  behandelte  Auslegung  Cyrills 
von  Jerusalem.  Daß  sie  als  Homilien  in  alle  Tiefe  der  exe- 
getischen Probleme  einfüliren,  kann  man  natürlich  nicht  er- 
warten.    Trotzdem   ist    ihr   exegetischer  Ertrag   nicht   gering. 

Zur  Anrede.  Gott  ist  unser  Vater,  wir  sind  Gottes 
Kinder  kraft  unserer  Wesensverwandtschaft.  Wir  gehören 
vermöge  unserer  Ähnlichkeit  zusammen,  und  zwar  bedeutet 
TiaTTjp  streng  genommen  attta  xoü  e^  auxoö  uTioaiavio?  (726  D 
der  Krabingerschen  Ausgabe).  Gott  ist  die  Ursache  unsers 
Daseins,  und  nach  dem  Gesetz,  daß  der  gute  Baum  nicht 
schlechte  Früchte  bringen  kann,  muß  alles,  was  auf  Gott 
zurückgeht,  ihm  6[jioy£vt^;  sein.  Mit  demselben  Sprachgebrauch 
heißt  der  Teufel  Vater  der  Lüge  und  Sünde,  die  leidenschaft- 
lichen Seelen  Kinder  des  Zornes,  die  reinen  Seelen  Kinder  des 
Lichts  (727  A.). 

Liegt  die  Sache  so,  dann  darf  nur  der  Gott  Wesensähn- 
liche ihn  Vater  nennen.  Wer  böse  ist  und  tut  es  doch,  der 
beleidigt  Gott,  weil  er  ihn  der  Verwandtschaft  mit  dem  Bösen 
bezichtigt  (726  D.),  Gott  würde  ihn  streng  abweisen  (727  D.); 


a2 


G.  Walther,  Griech.  Vateruoser-Exegese. 


wenn  ein  solcher  „Vater"  sagt,  dann  ruft  er  damit  in  Wirk- 
lichkeit den  Teufel  an  (727  A.).  Gott  „Vater"  nennen  ist  also 
eine  gefährliche  Sache  (728  A.).  Nur  wer  sein  Leben  vom 
Bösen  gereinigt  hat  (726  C  728  A.),  darf  es  tun.  Die  Wesens- 
ähnlichkeit und  Kindschaft  besteht  mithin  in  der  sittlichen 
Reinheit,  die  ein  gutes  Gewissen  gibt,  und  der  Sinn  der  An- 
rede läuft  darauf  hinaus,  uns  zu  einem  tugendhaften,  hoch- 
erhabenen Leben  zu  ermahnen  (727  B.   728  B.). 

Das  ergibt  sich  auch  noch  auf  andere  Weise  aus  dem 
ersten  Gedanken.  Ist  Gott  unser  Vater  und  wohnt  er,  wie  die 
Anrede  sagt,  im  Himmel,  dann  ist  der  Himmel  unser  eigent- 
liches Vaterland,  während  wir  auf  Erden  in  dem  Elend  der 
Fremde  leben  (728  B.C.).  Das  soll  uns  locken,  diesem  Vater- 
lande w^ieder  zuzustreben,  und  der  Weg  dazu  ist  ein  gott- 
entsprechender Wandel  (729  B.C.D.). 

Wie  ja  hinlänglich  bekannt  ist,  war  Gregor  starker  Ori- 
genist.  Es  kann  darum  nicht  wundernehmen,  daß  wir  gleich 
hier  Anklängen  an  Origenes  begegnen.  Gregors  Theorie  von 
der  Kindschaft  ist  mit  Origenes  stark  verwandt.  Bei  beiden 
besteht  sie  in  der  ethischen  Wesensähnlichkeit.  Aber  die 
Ableitung  ist  verschieden.  Was  Origenes  aus  einer  Fülle  von 
Bibelstellen  entnimmt,  das  leitet  Gregor  alles  spekulativ  aus 
dem  Worte  „Vater"  ab,  —  er  stellt  auch  nicht  zufällig  die 
d'tla,  YpacpYj  und  die  oixeToi  Xoyio\ioi  als  Erkenntnisquellen  neben- 
einander (726  A.B.). 

Die  Konsequenz  dieses  Kindschaftsbegriffs  ist  dann  auch 
bei  beiden  die  gleiche:  nur  der  Reine  darf  sich  Gotteskind 
nennen.  Aber  wer  ist  rein?  Bei  aller  Gleichheit  beider  zeigt 
sich  dasselbe  Bild  wie  eben:  Während  Origenes  mit  Schrift- 
stellen operiert,  bietet  Gregor  allgemeine  ethische  Gesichts- 
punkte. Wer  einigen  Verstand  hat  und  Gottes  Eigenschaften 
kennt,  der  wagt  nur  dann,  sich  ein  Gotteskind  zu  nennen, 
wenn  er  die  erkannten  göttlichen  Eigenschaften,  von  denen 
Gregor  auToaYa^dTYjs,  aytaaixös,  ayaXXtajxa,  Suvajxti;,  -  56^a, 
xa\)-apötYjs  und  aiSLOirj?  nennt  (726  A.),  auch  bei  sich  selbst 
wiederfindet.  Umgekehrt  ausgedrückt  kann  das  Gotteskind 
keine  schlechten  Eigenschaften  haben,  deren  Gregor  einige 
aufzählt,  ja  es  darf  sich  überhaupt  bei  nichts  Schlechtem  er- 
tappen lassen  (726  B.C.).  Zieht  man  auch  den  rhetorischen 
Überschwang  ab,  so  bleibt  doch   die  Überzeugung  übrig,  daß 


Gregor  von  Nyssa.  33 

nur  der  Vollkommene    ein   Gotteskind    ist,    daß   die    fragliche 
Reinheit  in  Sündlosigkeit  besteht.     Damit  kommt  dann  Gregor 
zu  derselben  Anschauung,  wie  sie  Origenes  vom  Gotteskind  hatte. 
Das   scheint   ein   sehr  hohes   Ideal,   aber   es   erfährt  eine 
ziemliche  Herabstimmung,   wenn  man  hört,   wie   Gregor  über 
den  Weg,  dazu  zu  gelangen,  redet.     Er  kennt  überhaupt,  wie 
es  scheint,  nur  zw^ei  grob  mnrissene  Kategorien  von  Menschen, 
die  Gottlosen  und  die  Frommen,  die  er  in  häufigen,  homiletisch 
sicher  wirksamen  Antithesen  zeichnet.     Er  rückt  sie  mit  dem 
Wort  des  Paulus  2.  Kor.  6  14  möglichst  weit  auseinander  (726  D.) 
und  zieht  einen  tiefen  Graben  zwischen  beiden.     Die  Tugend 
ist  vom  Laster  deutlich  geschieden  (729  C.).     Dadurch  kommt 
alles,  was  nicht  gerade  Laster  an  sich  hat,  wofür  Gregor  viele 
Beispiele  gibt  (z.  B.  730  B.),  auf  die  Seite  der  Tugend  zu  stehen. 
Klassisch  spricht  er  das  bei  der  3.  Bitte  aus:  wo  nichts  Böses 
ist,  muß  unbedingt  Gutes  sein  (744  C.).     Die  Vollkommenheit 
und  Reinheit   des   Lebens   ist   dann   damit  gegeben,   daß  man 
sich  von  Lastern  frei  macht  (730  C).     Das  mag  Gregor  nicht 
zum  Bewußtsein  gekommen   sein,   aber   es   liegt  in   der  Kon- 
sequenz seiner  Anschauung.     Gegenüber  Origenes  bildet  es  eine 
starke  Abschwächung  und  Vergröberung  des  Kindschaftsideals. 
Nach  dem  andern  Gedankengange   ist  es  vollends  leicht, 
so   zu  w^erden,  wie  Gott   uns  haben  will,    ihm  ähnlich,  sodaß 
wir   ins  Vaterhaus    zurückkehren   können.     Man   braucht   nur 
möglichst  (ws  eaii  Suvaxdv)  gerecht,  fromm  und  gut  zu  werden, 
dann  kommt  man  mühelos   ganz  von  selbst  (aixdyrjTt  xaxa  x6 
aöxotiaxov)  in  den  Himmel!     Und  nicht  einmal  das  erste  macht 
Mühe,   es  kostet   uns   nur  eine  Willensentscheidung  (iv   p-övig 
x^  Tipoatpsaet  xou  av^pwuou  xelxa'.),   gerecht  usw.  zu  werden, 
denn  auf  das  Wählen  folgt  auch  das  Erlangen,  und  diese  Ent- 
scheidung für  das  Gute  ist  nicht  schwer  (ouSec?  eusaxt  tiövo?). 
Wir  sind  also  sogleich  im  Himmel,  wenn  wir  unsern  Sinn  auf 
Gott  richten  (729  CD.).     Hiernach  ist  die  Kindschaft  mit  dem 
Willensentschluß    der   Hinwendung   zu    Gott   gegeben,   ein  an 
und  für   sich   richtigerer  Gedanke  als  der  vorher  ausgeführte. 
Gregor  hat  diesen  Widerspruch  offenbar  nicht  empfunden,  nicht 
einmal  in  der  Form,  daß  er  erst  die  Schwierigkeit,  Gott  ähnlich 
zu  werden  (727  C.),  dann  dessen  Leichtigkeit  betont  (729  CD.). 
Von  Origenes  entfernt  er  sich  mit  diesen  Gedanken  noch  weiter. 
Wenn   Gregor  mehrfach  auf  ein  gutes  Gewissen  als  auf 

T.  u.  U.  14:  Walther.  3 


34  ^-  Walther,  Griecli.  Vaterunser-Exegese. 

die  Voraussetzung  für  unser  Recht,  Gott  Vater  zu  nennen, 
Wert  legt  (726  A.C.D.),  so  berührt  er  sich  darin  mit  Origenes 
und  Cyrill,  Origenes  braucht  zwar  den  Ausdruck  auvetSirjac? 
nicht  gerade,  hat  aber  die  Sache  (n.  e.  22  3).  Cyrill  bringt 
dann  den  Ausdruck  xaö-apa  auvetSyjats,  aber  sein  Inhalt  ist 
anders  als  bei  Origenes  und  Gregor.  Er  fundamentiert  es 
nicht  subjektiv  in  der  Vorzüglichkeit  seines  Wandels,  sondern 
objektiv  in   der  Erlaubnis    des  menschenfreundlichen  Gottes^. 

Das  Sein  Gottes  im  Himmel  macht  Gregor  nicht  zum 
Gegenstand  einer  eignen  Erörterung,  doch  scheint  seine  Auf- 
fassung durch  das  homiletische  Gewand  seiner  Rede  hindurch. 
Der  Himmel  ist  einmal  gedacht  als  etwas  nicht  räumlich  zu 
Erreichendes,  sondern  als  geistige  Größe,  in  die  man  sich  durch 
einen  Willensentschluß  versetzt  (729  C).  Er  ist  ein  Zustand 
des  Glückes  (euxXrjpta,  728  C.),  besonders  natürlich  der  Selig- 
keit ([xaxapLÖXYjs,  730  D.).  Man  kommt  hinein,  wenn  man 
sich  an  Gott  hängt  (729  D.).  So  bedeutet  er  den  geistigen, 
beseligenden  Zusammenhang  mit  Gott,  der  von  jeder  Raum- 
vorstellung unabhängig  ist.  Wer  sich  an  Gott  hält,  ist  da, 
wo  Gott  Tst  (729  D.). 

Damit  ist  zunächst  einmal,  wie  bei  Origenes  und  Cyrill 
jede  Vorstellung  räumlicher  Bestimmtheit  vom  Sein  Gottes  im 
Himmel  abgewehrt  und  alles  in  die  geistige  Sphäre  gerückt. 
Andrerseits  kennt  Gregor  auch  die  Betrachtungsweise  des 
Himmels  als  eines  Teiles  der  Welt,  zu  dem  man  sich  im  Geiste 
aufschwingen  kann,  durch  den  Äther  und  über  die  Sterne 
empor  (725  C).  Bei  der  Erklärung  der  3.  Bitte  tritt  das  be- 
sonders hervor;  da  heißt  der  Himmel  geradezu  -?)  (2vü)  Xyj^l^,  der 
obere  Aufenthaltsort  (743  C.)^.  Eine  Verbindungslinie  ist  nicht 
gezogen,  aber  wir  werden  annehmen  dürfen,  daß  sie  die  gleiche 
wie  bei  Origenes  und  Cyrill  ist,  daß  Gott  mit  den  Himmels- 
bewohnern in  engstem  geistigen  Zusammenhang  steht.  Auch 
hier  ist  also  Gott  insofern  im  Himmel,  als  er  dessen  Bewohner 
geistig  erfüllt.  Aber  nicht  nur  sie,  sondern  auch  seine  Kinder 
auf  Erden.  Es  herrscht  in  diesem  Punkte  vollste  Überein- 
stimmung Gregors  mit  seinen  Vorgängern. 

1)  Auch  Gregor  spricht  von  dem  sly.c&v  Gottes  im  Menschen 
(727  D.  729  A.)  wie  Origenes  und  Cyrill  und  von  der  Teufelskindschaft 
der  Bösen  (727  A.  730  C.)  wie  Origenes. 

2)  cf.  Dibelius,  p.  66. 


1 


Gregor  von  Nyssa.  3.') 

Mehr  als  diese  legt  Gregor  Wert  anl'  den  Zusammenhang 
der  einzelnen  Teile  des  Vaterunsers.  Nach  der  Anrede  er- 
warte man,  daß  gleich  diejenige  Bitte  folge,  die  dem  betenden 
Menschen  am  meisten  am  Herzen  liege,  die  Hilfe  Gottes 
gegen  Sünde  und  Leidenschaft  (733  CD.  734  A.).  Aber  das 
bringe  erst  die  2.  Bitte  mit  ihrem  Ruf  nach  dem  hilfreichen 
Reich  Gottes.  Die  1.  Bitte  zeige  zunächst  das  höchste  von 
allem  Guten,  das  erreicht  werden  müsse,  den  ayiaa[id;  des 
Namens  Gottes.  Wenn  daran  dann  sofort  die  Bitte  um  Hilfe 
angeschlossen  werde,  so  lehre  dieser  Zusammenhang,  daß  das 
erstrebte  Ziel  nicht  ohne  die  göttliche  Hilfe  erreichbar  sei 
(734  B.C.). 

Bezüglich  der  1.  Bitte  ist  Gregor  mit  den  andern  Aus- 
legern einig,  daß  Gottes  Name  an  sich  völlig  heilig  ist  und 
darin  keine  Steigerung  erfahren  kann  (734  A.B.).  Dann  führt 
Gregor  weiter  aus :  Mit  ihrem  schlechten  Lebenswandel  lästern 
viele  Clmsten  durch  den  Mund  der  Heiden  den  Namen  Gottes 
(734  CD.).  Umgekehrt  macht  der  fromme  Wandel  des  Christen 
solchen  Eindruck  bei  den  andern,  daß  sie  den  Namen  seines 
Gottes  preisen  (735  A. — D.).  Gottes  Namen  heiligen  heißt 
also  ihm  durch  frommen  Wandel  Ehre  machen,  ihn  verherr- 
lichen ((^yta^etv  =  So^a^etv,  736  A.).  Das  ist  im  Grunde  die- 
selbe Gedankenführung,  wie  sie  Cyrill  bot;  sie  hat  nur  den 
formellen  Unterschied,  daß  Gregor  den  Ausdruck  ßXaacpYj|x{a 
auch  von  einem  bösen  W^andel  braucht,  während  C}Till  da 
ßsßYjXoöaS-at  sagt  und  ßXaacpTQpietv  sinngemäß  auf  die  Worte 
der  Heiden  beschränkt. 

Bei  der  2-  Bitte  bestätigt  sich  uns  wieder  die  Beobach- 
tung, daß  Gregor  statt  biblischer  Gedanken,  wie  sie  Origenes 
und  Cyrill  boten,  philosophische  Erörterungen  bringt.  Während 
Origenes  und  Cyrill  das  Reich  Gottes  oder  Himmelreich  trotz 
ihrer  Verschiedenheit  als  die  feste  religiöse  Größe  aus  der 
Verkündigung  Jesu  kennen,  spekuliert  Gregor  über  den  Begriff 
ßaaiXeia.  Das  gibt  ihm  zuerst  Anlaß,  das  Mißverständnis  ab- 
zuwehren, als  sei  Gott  noch  nicht  ßaa'.Xs'JS  dieser  ßaatXsia; 
nein,  er  ist  schon  König  des  Alls,  und  da  er  unveränderlich 
ist,  könnte  er  auch  garnicht  in  einen  andern  Zustand,  einen 
neuen  Herrscherberuf  übergehen  (736  B.).  Das  Modell  seiner 
Ausführungen  bildet  nun  weiterhin  der  politische  Staat,  dahei* 
wird  der  Machtfaktor   des   Reiches   Gottes   besonders  hervor- 

3* 


36  G.  "Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

gehoben.  Gottes  ßaatXeca  ist  die  oberste  in  der  Welt  und 
will  sich  auf  allen  Gebieten  durchsetzen,  auch  auf  dem  sitt- 
lichen in  der  Menschheit,  wo  aber  die  Durchsetzung  durch 
die  freie  Unterordnung  des  Menschen  zustande  kommen  soll 
(736  B.).  Indes  hat  sich  schon  auf  diesem  Gebiet  infolge 
einer  falschen,  irrtümlichen  Entscheidung  des  Menschen  die 
feindliche  Macht  der  Sünde  und  des  Todes  mit  furchtbarer 
Zwingherrschaft  festgesetzt  (736  C.D.).  Soll  sich  Gottes  Herr- 
schaft auch  hier  durchsetzen  —  und  darum  bitten  wir  — ,  so 
ist  das  nicht  anders  als  durch  härtesten  Kampf  auf  dem 
Schlachtfelde  der  Seele  möglich  (736  D.  737  A.C.D.). 

Gottes  ßaaiXeta  ist  also  die  unumschränkte  Herrschaft 
Gottes  in  der  Welt,  ihr  Kommen,  wie  es  allein  verstanden 
werden  kann,  ihre  Durchsetzung  in  der  diesseitigen  Menschen- 
welt, Sie  ist  vollendet,  wenn  das  Reich  der  Sünde  und  des 
Todes  in  ihr  überwunden  ist,  und  das  geschieht  in  gewaltigem 
Ringen,  wozu  Gott  der  Seele  seine  Bundesgenossenschaft  (a'j|x- 
[iocyla)  schenkt,  seine  Hilfstruppen  sendet,  die  Engel,  die 
Tausende  von  euO-uvovxes  (=  Regierende,  eine  Klasse  himmli- 
scher Mächte?),  die  Mwiade  derer,  die  zur  Rechten  stehen 
(737  CD.).  Psychologisch  ausgedrückt  heißt  das,  daß  die 
Leidenschaften  in  der  Seele  vergehen  sollen,  daß  die  Sünde 
ihre  Macht  verlieren  soll  und  die  Seele  infolgedessen  auch 
von  Tod  und  Vergänglichkeit  befreit  wird  (736  D.  737  A.). 
Man  sieht  deutlich,  wo  hier  der  Schwerpunkt  liegt:  in  der 
Kampfesstellung  des  Reiches  Gottes.  Es  ist  die  Größe,  die 
uns  zum  Sieg  über  Sünde  und  Tod  hilft.  Gewiß,  es  finden 
sich  auch  positive  Aussagen:  es  ist  das  Reich  der  freien 
Tugendübung  (736  C),  das  Reich  des  Lichts,  des  Lebens,  der 
seelischen  Gesundheit,  Leidenschaftslosigkeit  (d7:a\)'£ta),  Un- 
vergänglichkeit  (737  B.),  des  Friedens  und  der  Freude  (737  D), 
aber  die  breite  Schilderung  ist  seiner  kriegerischen  Seite  ge- 
widmet. 

Der  Vergleich  mit  Origenes  ergibt  daher  mehr  formale 
als  wirklich  inhaltliche  Vei-u^andtschaft.  Beide  betrachten  das 
Reich  Gottes  als  eine  im  wesentlichen  geistige  Größe,  deren 
Äußerungen  sich  hauptsächlich  in  dieser  Welt  zwischen  Gott 
und  der  Einzelseele  vollziehen.  Aber  nun  beginnen  gleich  die 
Differenzen.  Das  Ziel  ist  bei  Origenes  beseligende  Gegenwart 
Gottes   in   der  Menschenseele,   die  natürlich   auch   eine  Front- 


Gregor  von  Nyssa.  37 

Stellung  gegen  das  Reich  der  Sünde  hat,  bei  Gregor  Macht- 
dnrchsetzung  Gottes  auch  in  der  Menschenseele  gegenüber 
dem  Keich  der  Sünde,  die  natürlich  auch  eine  Beseligung  der 
Menschenseele  mit  sich  bringt.  Daher  kommt  der  jenseitige 
Abschhiß  des  Reiches  Gottes  bei  Gregor  noch  kürzer  weg  als 
bei  Origenes,  denn  zur  Machtdurchsetzung  Gottes  in  der  Seele, 
zum  Tugendleben,  kann,  ja  muß  es  schon  in  diesem  Leben 
kommen,  nur  die  BefreiTuig-  von  Tod  und  Vero-äns^lichkeit  bleibt 
dem  Jenseits.  Daß  Gregor  auch  einen  absoluten  Abschluß 
des  Reiches  Gottes  in  der  Welt  in  eschatologischem  Sinne 
kennt,  kann  man  schon  aus  seinem  Begriff  von  ßaatXsia  ent- 
nehmen: Gott  wird  nicht  ewig  neben  sich  ein  ihm  wider- 
spenstiges Reich  des  Bösen  bestehen  lassen.  Auch  lehrte  ja 
Gregor  die  Apokatastasis^.  Hier  jedoch  spricht  er  immer 
nur  von  dem  Ausschluß  aus  der  Menschenwelt. 

Damit  ist  schon  das  Verhältnis  Gregors  zu  Cyrill  berührt. 
Cyrills  eschatologisclies  Reich  lehnt  Gregor  nicht  ab,  aber  es 
ist  ihm  nebensächlich  gegenüber  der  Machtfrage.  Und  was 
Cyrill  für  die  Voraussetzung  der  2.  Bitte  ansieht,  die  sittliche 
Reinigung,  darin  erblickt  Gregor  gerade  das  Wesen  und  den 
Inhalt  der  2.  Bitte. 

Besondere  Behandlung;  erfordert  noch  die  Erkläruno; 
Gregors  zu  dem  eigentümlichen  Lukastext,  den  er  uns  für  die 
2.  Bitte  überliefert:  eXMxw  x6  aytov  7tv£ö[jia  aou  e-^'  "^[xa;  v.a.i 
y.ad-ap'.aaxw  'fjfi.äs  (738  A.).  Auf  die  textkritische  Seite  der 
Sache,  die  ja  neuerdings  durch  Harnack-  wieder  zur  Erörte- 
rung gekommen  ist,  kann  hier  nicht  eingegangen  werden,  aber 
auch  die  Frage  nach  der  Abhängigkeit  in  der  Erklärung  bleibt 
ungelöst,  da  Gregor  der  erste  der  hier  behandelten  Kirchen- 
väter ist,  der  diesen  Lukastext  bietet.  Im  wesentlichen  nutzt 
er  die  Stelle  nur  zu  einer  dogmatischen  Polemik  gegen  die 
Pneumatomachen  aus,  sodaß  an  exegetischer  Ausbeute  nur 
die  Beziehung  des  xaö-api^stv  auf  die  Sündenvergebung,  zu  der 
der  heilige  Geist  als  Glied  der  Trinität  volles  Recht  habe, 
übrig  bleibt. 


1)  cf.  Rupp.  Gregors,  des  Bischofs  v.  Nyssa,  Leben  usw.  p.  243 ff. 

2)  „Über  einige  Worte  Jesu,  die  nicht  in  den  kanonischen  Evan- 
gelien stehen,  nebst  einem  Anhang  über  die  ursprüngliche  Gestalt 
des  Vater-Unsers."  Sitzungsberichte  der  K.Preuß.  Akad.  d.  Wiss.  1904, 
S.  170  ft".  —  Siehe  auch  Chase  The  Lord's  prayer,  p.  25 ff. 


38  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Die  3.  Bitte  zerlegt  Gregor  in  zwei  Teile,  die  eigentliche 
Bitte  yevrj^T^jTü)  zö  O-eXrjjia  aou  und  den  Zusatz  (TrpoaÖTjxrj)  w; 
ev  O'jpavw  xal  etiI  y^?. 

Der  Inhalt  des  Willens  Gottes  erschließt  sich  uns  von 
dem  Satze  aus:  die  Gesundheit  der  Seele  besteht  darin,  daß 
man  den  göttlichen  AVillen  gern  tut,  wie  wiederum  die  Ab- 
weichung von  dem  guten  Willen  eine  tödlich  verlaufende 
Krankheit  der  Seele  ist  (741  B.).  Gregor  nennt  diese  Krank- 
heit auch  Sünde  (741  A.)  oder  Gift  des  Ungehorsams  (741  C.) 
und  erklärt  ihre  Entstehung  aus  dem  Überhandnehmen  des 
Begehrungsvermögens  über  die  Enthaltsamkeit,  aus  der  maß- 
los werdenden  Neigung  der  Begierde  zum  Unerlaubten  (741  A.). 
Damit  ist  die  Krankheit  als  ethischer  Defekt  des  Menschen 
gekennzeichnet,  und  Gottes  Wille  ist  das  Gegenteil  von  Sünde 
und  Ungehorsam,  das  Gute.  Denn  Gottes  Wille  ist  geradezu 
das  Erkenntnisprinzip  des  Guten  (743  B.),  Wer  aber  das 
Gute  will,  will  alle  Tugenden  verwirklichen.  Inhalt  des  gött- 
lichen Willens  ist  demnach  die  Verwirklichung  aller  Tugenden. 

Bekanntlich  ist  der  Mensch  nun  aber  willenskrank,  un- 
gehorsam, Gottes  Willen  abgeneigt.  Es  muß  daher  eine  Um- 
wandlung erfolgen,  und  das  geschieht  dadurch,  daß  Christus, 
der  rechte  Arzt  für  Seelenleiden,  den  krankmachenden  Anlaß 
entfernt,  indem  er  uns  durch  die  Worte  des  Gebets,  die  er 
uns  wie  eine  Arznei  eingibt,  auf  andere  Gedanken  bringt,  die 
uns  nun  Gottes  Willen  geneigt  machen  (741  B.C.D.).  Mit 
der  Willensänderung  ists  aber  noch  nicht  getan,  nun  muß 
auch  die  wirkliche  Durchführung  des  Guten  geschehen,  und 
da  zeigt  sich,  daß  zw^ar  bei  der  Entscheidung  für  das  Böse 
nichts  leichter  als  die  Ausführung  ist,  daß  aber  für  eine  tat- 
sächliche Rückkehr  ins  Gute  der  Wille  viel  zu  schwach  ist 
(742  CD.).  Darum  bitten  wir  hier,  daß  Gott  unsern  guten 
Willen  nun  auch  zur  Tat  kräftigt  (743  A.).  Gottes  Wille  „ge- 
schieht" also  durch  unsere  Willensäuderung  und  Gottes  Bei- 
hilfe zur  Durchführung. 

Natürlich  muß  dem  Entschluß:  Ich  will  mich  ändern 
(=  Gottes  Wille  geschehe  auch  bei  mir)  die  Absage  an  das 
alte  Sündenleben  vorausgehen  und  dies  in  dem  Bekenntnis 
vor  Gott  ausgesprochen  werden  (741  D.  742  A.).  Das  ist  das 
schmerzliche,  die  oSOvat,  an  der  Arznei  (741  D.).  Zur  richtigen 
Wertung  dieser  Aussagen   muß   hier  wieder   an    den  Tugend- 


Gregor  von  Nyssa.  39 

begriff   Grocjors,    wie   er  sich   bei    der  Auslegung  der  Anrede 
erjrab,  (»rinnert  werden. 

Der  Zusatz  (oq  £v  oOpavw  xac  tul  yyji;  bietet  nun  nichts 
Neues  mehr.  Denn  Gottes  Wille  so  wenig  wie  unser  Streben 
begnügt  sich  letzton  Endes  mit  einer  unvollkommenen  Durch- 
führung aller  Tugenden.  Wenn  wir  darum  zu  unserer  Bitte 
um  Hilfe  zur  Verwirklichung  aller  Tugenden  noch  hinzufügen 
„wie  im  Himmel",  d.  h.  wie  es  die  Engel  tun  =  vollkommen,  so 
bedeutet  das  höchstens  eine  Illustration,  keine  Steigerung. 
Vollends  die  Worte  „so  auch  auf  Erden"  sind  nur  eine  Wieder- 
holung (744  B. — 745  A.).  Gregor  scheint  das  auch  selbst 
empfunden  zu  haben  und  sucht  die  Leere  der  Worte  bei  seiner 
Auslegungsweise  durch  einen  langen  Exkurs  über  das  Ver- 
hältnis von  Engeln  und  Menschen  nach  Gottes  Schöpferplan 
zu  verdecken  (743  B.— 744  B.).  Im  übrigen  hat  er  aber  schon 
mit  der  ersten  Hälfte  das  erreicht,  was  die  anderen  Exegeten 
erst  aus  der  ganzen  Bitte  entnahmen,  den  Vollkommenheits- 
gedanken und  den  irdischen  Schauplatz  des  geschehenden 
Willens  Gottes,  die  Christenheit.  Es  beschäftigt  ihn  nun  nur 
noch  die  Frage,  ob  eine  solche  engelgleiche  Vollkommenheit 
des  Menschen  möglich  sei,  und  er  findet  ihre  Lösung  in  der 
4.  Bitte  (745  A.  B.). 

Für  die  von  Gregor  befolgte  Zerlegung  der  3.  Bitte  läßt 
sich  höchstens  die  Äußerung  des  Origenes  im  Römerkommentar 
a.  a.  0.  als  Parallele  anführen,  aber  sie  ist,  wne  gesagt,  ein 
unsicheres  Zitat.  Die  Begründung  des  Verzichts  auf  Geltend- 
machung des  eigenen  Willens  wäre  bei  beiden  gleich:  unser 
Wille  ist  fehlsam;  aber  das  Ziel  des  Willens  Gottes  dürfte 
verschieden  sein.  Bei  Origenes  bezieht  er  sich  auf  alle  dem 
Beter  nötigen  Dinge,  bei  Gregor  auf  die  Sittlichkeit.  —  Die 
Antithese  Engel-Menschen  deckt  sich  mit  der  CyriUs,  nament- 
lich auch  in  der  gelegentlichen  Zuspitzung  auf  den  Einzelnen. 
Im  ganzen  aber  zeigt  sich  Gregor  sehr  selbständig. 

Die  4.  Bitte  beantwortet  nach  Gregors  Ansicht  die  von 
der  dritten  offen  gelassene  Frage,  ob  wir  Menschen  überhaupt 
die  Reinheit  der  Engel  erreichen  können,  da  wir  doch  von 
den  irdischen  Sorgen  tausendfach  gehemmt  werden,  mit  ent- 
schiedenem Ja.  AVir  können  nämlich  der  Bedürfnislosigkeit 
(t6  dvevSes?)  der  Engel  die  gleichwertige,  aber  unserer  anderen 
Natur   angepaßte  Anspruchslosigkeit  (dXr{ap'/.ia)  im  Sinne  der 


40  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Leidenschaftslosigkeit  (aua^eta)  an  die  Seite  stellen  (745  B.C.). 
Das  lehrt  die  4.  Bitte  i.  Denn  der  äpxoc,  ist  das  gewöhnliche 
leibliche  Brot,  und  weil  nichts  anderes  daneben  erwähnt  ist, 
so  sollen  wir  auch  um  nichts  anderes  bitten  (745  CD.).  Ganz 
streng  führt  aber  Gregor  den  Begriff  Brot  doch  nicht  durch, 
sondern  versteht  alles  darunter,  was  „zur  Erhaltung  des  leib- 
lichen Daseins  genügt"  (750  C.).  Das  ist  Nahrung  und  mäßige, 
leicht  zu  beschaffende  Arbeit  (746  A)  —  Gregor  der  Asket 
und  Mönchsfreund  scheint  durch.  Daß  diese  Nahrung^  auch 
wieder  nur  die  einfachste  und  notwendigste  ist,  liegt  schon  in 
dem  Ausdruck  Brot  (746  B.).  Zusammenfassend  ist  also  unter 
Brot  die  Befriedigung  der  notwendigen  Lebensbedürfnisse  zu 
verstehen. 

ETütouaio?  wird  von  Gregor  beiläufig  durch  I^TgjjLSpo:  „täg- 
lich" wiedergegeben  (745  B.),  sonst  spielt  es  bei  ihm  keine 
Eolle.  Aber  auch  so  wird  das  Wort  zur  Selbstverständlichkeit, 
an  die  man  höchstens  in  dem  Ausspruch  Gregors  einen  An- 
klang finden  könnte,  daß  wir  statt  der  verbrauchten  stets  er- 
neuernde Stoffe  für  unser  Leben  bedürfen  (745  C.),  daß  uns 
also  nicht  mit  einer  einmaligen  Befriedigung  gedient  ist. 

Wir  treffen  hier  auf  eine  dem  Origenes  mit  seinem  Spiritua- 
lismus diametral  entgegengesetzte  Erklärungsweise,  zu  der 
vielleicht  C}Till  die  Brücke  gebildet  hat,  denn  er  gab  schon 
zu,  daß  der  apxo?  reales  Brot  sei,  wenn  auch  nicht  das  ge- 
wöhnliche. Gerade  Gregor,  der  Origenesschüler,  faßt  es  nun 
völlig  real  und  widerspricht  dann  dem  Meister  auch  darin, 
daß  er  betont:  Wir  dürfen,  ja  sollen  hier  um  irdische  Dinge 
bitten.  Bei  dieser  Stellung  ließe  sich  die  frühere  Erklärung 
von  ETctouatog  garnicht  aufrecht  erhalten. 

Eine  fremde  Beziehung  trägt  Gregor  in  das  Wort  56;  ein, 
wenn  er  betont  aü  56;  töv  aptov  (748  D.).  Er  kennt  nämlich 
zwei  Möglichkeiten,  Brot  zu  bekommen:  von  Gott,  der  nur 
die  Gerechten  speist,  und  vom  Teufel,  der  die  Bösen  beköstigt 
(748  D.  749  A.).  Der  Christ  will  es  natürlich  nur  von  Gott 
haben  (au),  stellt  sich  damit  dann  aber  in  die  Reihe  der  ge- 
rechten Bittsteller  und  vei-p fliehtet  sich   zu  gerechtem  Wandel. 

In  derselben  Weise  preßt  Gregor  aus  dem  aYj[x£pov  die 
neue  Lebensweisheit  (aXXyj  (ftXoao^t'a)  heraus,  daß  wir  für  das 


1)  Dibelius,  p.  67. 


Gregor  von  Nyssa.  41 

Morgen  nicht  sorgen  sollen  (749  C).  Denn  wir  wissen  nicht, 
was  der  nächste  Tagf  bringt,  also  ist  es  zwecklos,  und  Gott 
weiß  viel  besser,  was  für  uns  gut  ist  (749  D.  750  A.).  Da- 
mit ist  uns  nicht  jede  Bitte  für  die  Zukunft  verboten,  aber 
jedenfalls  die  auf  leibliche  Bedürfnisse  bezügliche.  Um  die 
Seelengüter  der  Zukunft  sollen  wir  gewiß  eifrig  und  überhaupt 
vor  allem  bitten,  als  um  die  wichtigeren  (750  ß.C.D.). 

Mit  diesen  letzten  Sätzen  zeigt  Gregor,  der  auch  das 
af|{i£pov  im  Gegensatz  zu  Origenes  und  Cyrill  streng  auf  den 
einzelnen  Tag  beschränkt,  schließlich  doch  noch  seine  imiere 
Verwandtschaft  mit  den  anderen  Auslegern.  Zwar  dürfen  wir 
um  irdische  Dinge  bitten,  das  steht  fest,  aber  es  ist  mehr 
eine  Konzession  an  unsere  menschliche  Xatur;  eigentlich  sind 
nur  die  Seelengüter,  die  unvergänglichen  und  bleibenden  Dinge, 
angemessener  Gebetsgegenstand  ^. 

Der  eigentliche  Sinn  der  4.  Bitte  ist  schließlich  der,  uns 
durch  Anspruchslosigkeit  zu  der  engelgleichen  Vollkommenheit 
zu  leiten,  ein  Ziel,  das  schon  die  3.  Bitte  erstrebte.  Wie 
das  zustande  kommt,  wird  klar,  wenn  man  bedenkt,  daß  für 
Gregor  dem  Irdischen  an  sich  schon  etwas  Sündiges  anklebt. 
Zwar  hat  der  Mensch  das  auis^ouaiov  (744  A.),  ist  also  für 
sein  Leben  verantwortlich.  Aber  woran  liegt  es  denn,  daß 
die  Engel  rein  und  die  ^Menschen  böse  sind?  Daran,  daß  imser 
Erdenleib  uns  zur  Erde  niederzieht  (743  C),  daran,  daß  wir 
mit  tausend  Sorgen  an  die  Erde  gekettet  sind  (745  A.),  daran, 
daß  sich  alles  Schlechte  über  unser  tiefgelegeues  Dasein  (xo'.Xyj 
CwYj)  wie  ein  schlammiger  Bodensatz  ergoß,  und  alle  möglichen 
Leidenschaften  und  schlimmen  Neigungen  ims  überfluteten, 
sodaß  die  Menschheit  befleckt  und  durch  diese  Finsterais  gehin- 
dert wird,  das  göttliche  Licht  der  "Wahrheit  zu  sehen  (744  B.C.). 
Das  alles  beeinflußt  unsere  Entscheidung  aufs  stärkste,  wenn 
es  sie  auch  nicht  ffanz  ausschaltet,  es  trägt  einen  großen  Teil 
Schuld  an  unserer  Sünde.  Daher  ist  es  ganz  gut  möglich, 
daß  wir  durch  Loslösung  aus  den  Fesseln  des  Erdentreibens 
in  d7:a^£ia  und  öXiYapxta  zur  engelhaften  Vollkommenheit 
gelangen  können.  Ihre  Erreichbarkeit  ist  nun  einmal  patri- 
stische  Grundanschauung. 

Für  die  5.  Bitte  eroibt  das   nun  bei  Gres-or  einen  ernst- 


1)  Inwiefern  das  Theorie  bleibt,  zeigt  auch  Dibelius.  p.  48f. 


42  G.  Walther,  G riech.  Vateruuser-Exegese. 

liehen  Zwiespalt.  Es  ist  ja  seine  Ansicht,  daß  wir  nach  dem 
Wortlaut  der  5.  Bitte  täglich  im  Vaterunser  bekennen,  daß 
wir  noch  Sünde  begehen.  Unsere  d'f£iXYj[jLaTa  bestehen  einmal 
in  der  Gesamtschuld  der  Menschheit,  die  von  ihrem  ersten 
Fall  in  Adam  herrührt  und  an  der  jeder  Mensch  teilnimmt, 
weil  er  eben  Mensch  ist.  Sie  haftet  an  der  Natur  (745  A.B. 
755  B.  756  B.).  Schon  das  benimmt  dem  Menschen  ein  für 
allemal  das  Recht,  sich  für  sündlos  zu  halten,  auch  wenn  er 
ein  Elias,  ein  Täufer,  ein  Petrus,  Paulus  oder  Johannes  wäre 
(754  CD.  755  A.  756  B.).  Andrerseits  kommt  nun  noch  die 
große  Menge  der  Sünden  hinzu,  die  wir  selbst  im  eigenen 
Leben  begehen.  Sie  bezeugt  uns  unser  Gewissen  (756  C.)  und 
bestätigt  ein  Blick  auf  die  rings  um  uns  aufgestellten  Netze 
der  Sünde  (757  C.),  in  die  sich  Leib  (756  D.— 757  C.)  und 
Seele  (757  CD.)  immer  wieder  verfangen,  sodaß  es  „schwer, 
ja  gänzlich  unmöglich  ist"  (756  C),  nicht  in  Sünde  zu  fallen. 
Wieder  und  wieder  fragt  Gregor,  wer  sich  wohl  des  Gegen- 
teils rühmen  könne  (756  D.  757  CD.  758  A.). 

Trotzdem  klingt  immer  einmal  wieder  die  Anschauung 
durch,  daß  es  doch  möglich  sei,  ein  reines  Gewissen  zu  haben 
und  von  menschlichen  Verfehlungen  weit  entfernt  zu  sein,  d.  h. 
wie  der  reiche  Jüngling  alle  Gebote  zu  halten  (754  C).  Nur 
soll  ein  solcher  sich  nicht  einfallen  lassen,  sich  für  sündlos 
schlechthin  zu  halten  und  sich  von  der  5.  Bitte  zu  dispensieren 
—  wegen  der  Erbsünde.  Man  hat  bei  dieser  Differenz  das 
Gefühl,  daß  es  Gregor  mit  der  Betonung  der  bleibenden  Sünd- 
haftigkeit des  Christen  doch  nicht  so  recht  Ernst  ist,  daß  die 
Sätze  darüber  StaXexTtxw^^  geschrieben  sind.  Wie  sollte  es 
auch  möglich  sein,  wenn  sie  wirklich  Tatsache  wäre,  die  engel- 
gleiche Vollkommenheit  der  3.  und   4.  Bitte  zu  erreichen! 

Neu  gegenüber  seinen  Vorgängern  ist  an  Gregors  Aus- 
sagen die  Hereinziehung  der  Erbsünde  in  die  Beweisführung. 
Cyrill  sagt  nichts  von  ihr,  und  auch  bei  Origenes  finden  sich 
in  Tispl  s.\)yfjc.  nur  Andeutungen.  Bei  der  5.  Bitte  klingt  sie  leise 
durch,  und  bei  der  6.  Bitte  erinnert  Origenes  an  die  falsche 
gottl'eindliche  Richtung  unseres  Fleisches.  Ebenso  bedeutet 
der  in  jedem  Sünder  ruhende  Teufelssame  (Auslegung  der 
Anrede)  etwas  Ähnliches.     Wie  scharf  Origenes  eigentlich  den 


1)  Harnack,  Dogmengeschichte  ^11.  p.  62  unten. 


Gregor  von  Nyssa.  43 

Gedanken  der  P^rbsünde  vertritt,  zei<»;t  z.  B.  xaxa  KIXoou  III,  62: 
%<xa[olv  0-.f;iaxaaO-at  ot.va.yxixlo'^  "pwtov  ev  d'^d-ptonoic.  und  III,  6fi: 
uavxE?  av^po37io'w  Tipö^  x6  a|xapTav£tv  Tiscpuxajjiev.  Selbst  eine 
völlige  Umwandlung  zu  reinem  Leben  kann  diese  Tatsache  nicht 
aus  der  \\'elt  schaffen.  —  Hier  mag  Gregor  seine  Gedanken  über 
die  Erbsünde  geschöpft  haben.  Übereinstimmend  halten  beide 
die  5.  Bitte  auch  für  die  Vollkommenen  fest,  Origenes  wegen 
früherer  Sünden,  Gregor  eben  wegen  der  Erbsünde.  Die  gött- 
liche Vergebung  beschreibt  Gregor  als  ä[ivyjaxca  xwv  7cXy][jl[x£- 
XTTjO-evxwv  oder  uXY](X[X£Xr3(j.axwv  (,751  C.  755  B.),  die  mensch- 
liche als  ein  Xueov  von  einem  XP^^^^  '^^^  ®^^  Vernichten  der 
Schuldscheine  (au[jLßÖA£ta)  (758  C.).  Das  stimmt  zu  Origenes, 
der  in  dp,vY]atxaxW(;  cpepeiv  einen  ähnlichen  Ausdruck  brauchte, 
wenn  auch  von  der  menschlichen  Vergebung.  Daß  Gregor 
diese  im  Grunde  ebenfalls  als  solche  d[JiVY]ax{a  auffaßt,  folgt 
schon  aus  seiner  Forderung  gleichen  Verhaltens  von  Gott  und 
Mensch  (751  CD.).  Die  ö^stXovxe?  werden  wie  bei  Cyrill 
gelegentlich  oi  tzHocq  genannt  (758  C). 

Wenn  Gregor  schon  bisher  manchmal  den  nüchternen 
Sinn  für  die  Wirklichkeit  etwas  vermissen  ließ,  so  überbietet 
er  sich  darin  nun  mit  seinen  Ausführungen  über  das  Verhältnis 
von  göttlichem  und  menschlichem  Vergeben.  Dessen  negative 
Seite  lautet:  Wer  nicht  selbst  vergibt,  bekommt  keine  Ver- 
gebung. Erst  wenn  wir  selbst  vergeben  haben,  dürfen  wir 
überhaupt  die  Bitte  um  Vergebung  aussprechen  (751  C),  denn 
solange  wir  als  Unversöhnliche  böse  sind,  besteht  ein  unüber- 
windlicher Gegensatz  zwischen  Gott  und  uns,  der  uns  so  gänzlich 
von  Gottes  Menschenfreundlichkeit  scheidet,  wie  Leben  und 
Tod  geschieden  sind  (751  D.  752  A.B.).  W^ollen  wir  zu  Gott 
kommen  und  Vergebung  finden,  dann  müssen  wir  vor  allem 
einmal  ihm  ähnlich  werden,  speziell  alle  Gefühllosigkeit,  Roheit 
und  Härte  gegen  unsere  Nächsten  abgelegt  haben  (752  A.B.). 
Erst  dann  ist  es  überhaupt  möglich,  aber  erst  dann  ist  es  auch 
billig,  Vergebung  zu  bekommen.  Denn  es  widerspricht  den 
elementarsten  Begriffen  von  Gerechtigkeit,  Vergebung  zu  be- 
kommen, während  man  selbst  sie  verweigert.  Das  setzt  Gregor 
mit  wirksamen  Antithesen  und  unter  Berufung  auf  das  Gleichnis 
vom  Schalksknecht  auseinander  (758  B.C.D.). 

Mit  dem  Obersatz  stimmen  Origenes  und  Cyrill  überein. 
CjTill  gibt  überhaupt  keine  Begründung  seines  Inhalts,  Origenes 


44  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

läßt  sie  seine  Leser  aus  dem  Gleiclmis  vom  Schalksknecht 
entnehmen. 

Für  Gregors  Auffassung  von  der  positiven  Seite  ist  das 
Wort  typisch:  a-j  ^'^sg,  xaX  o  O-sd;  i'^iii^iazw  „vergib  selbst,  und 
Gott  hat  dir  vergeben",  du  hast  Gottes  Urteil  über  dich  in 
der  Hand  (752  D.).  Man  bekommt  da  den  fatalen  Eindruck 
des  Mechanischen,  daß  der  Handgriff  unseres  Vergebens  bei 
Gott  automatisch  unsere  eigene  Vergebung  auslöst.  Der 
Mechanismus  liegt  in  Gottes  fester  Zusage,  darin,  was  Cmll 
die  auvO'Yjy.Tj  nannte;  und  wenn  Gregor  gewiß  auch  nur  sagen 
wollte,  daß  Gottes  Vergebung  uns  so  sicher  wie  automatisch 
zuteil  würde,  so  liegt  doch  schon  darin  eine  Herabwürdigung 
Gottes,  dessen  Persönlichkeit  dabei  verkürzt  wird.  Daß  wir 
damit  Gregor  kein  Unrecht  tun,  beweisen  auch  Sätze  wie  der, 
daß  wir  nicht  in  knechtischer  Furcht  und  unter  Gewissens- 
qualen Gott  um  Vergebung  bitten  sollen,  sondern  mit  dem 
fi'eien  Sinn  (7rappY]a''a).  den  das  Bewußtsein  gibt,  sie  recht- 
mäßig (xax'  e^o'jaiav)  bekommen  zu  können  (752  C).  Hier  ist 
der  Anspruchsgedanke  so  stark  betont,  daß  er  alle,  selbst  die 
berechtigte.  Scheu  vor  Gott  auflöst. 

Das  alles  geht  zweifellos  weit  über  das  hinaus,  was  selbst 
Cyrill  in  den  Vertragsgedanken  gelegt  hatte.  Er  hatte  noch 
ein  starkes  Bewußtsein  dafür  gehabt,  daß  unsere  Vergehen 
gegen  Gott  groß  und  schwer  sind,  und  daß  nur  Gottes  große 
cpiXavO-pwT^i'a  ihm  das  Versprechen  der  Vergebung  abgerungen 
hatte  (\i..  V..  V  16),  Er  hatte  das  Bewußtsein  davon  bei 
Geltendmachung  des  Anspruches  nicht  verloren,  und  Gott 
erscheint  bei  ihm  zwar  als  menschlicher  Vertragsteilnehmer, 
aber  doch  in  seiner  Persönlichkeit  gewahrt.  Das  gilt  auch 
von  Origenes.  Trotzdem  bedeuten  sie  beide  Etappen  auf  dem 
Wege  zu  Gregors  Anschauung  und  sind  sicher  seine  —  nur 
verzerrte  —  Vorlage  gewesen. 

Eine  weitere  Übertreibung  schon  vorhandener  Gedanken 
begeht  Gregor  durch  den  Satz,  den  er  freilich  selbst  wegen 
seiner  Kühnheit  entschuldigt,  aber  doch  für  richtig  hält,  unser 
Vergeben  diene  Gott  hier  geradezu  als  Vorbild,  das  er  „nach- 
ahmen" müsse  (752  D.  753  A.).  Nicht  nur,  weil  eine  Leistung 
Anspruch  auf  Gegenleistung  gibt  (so  Clemens,  Origenes  und 
Cyrill),  sondern  weil  Gott  sich  doch  unmöglich  von  dem 
Menschen,   der  leistet,    was    seine   Natur   hergibt,    übertreffen 


Gregor  von  Nyssa.  45 

lassen  kann;  Gott  muß  —  man  möchte  sagen:  anstandshalber  — 
das  gute  Beispiel  des  Menschen  nachahmen  und  auch  ver- 
geben. Wenn  dabei  natürlich  die  Sünden,  die  Gott  vergeben 
muß,  größer  und  schwerer  sind  als  die,  die  wir  unsern  Mit- 
menschen vergeben,  so  wird  das  durch  Gottes  große  Über- 
legenheit an  Macht  und  sittlicher  Vollkommenheit  wieder  aus- 
geglichen (753  B.C.).  Sicher  sind  diese  Ausführungen  Gregors 
ebenfalls  unter  Einfluß  der  Anschauungen  von  Origenes  ent- 
standen und  gehen  auch  sachlich  nicht  allzu  weit  über  ihn 
hinaus,  aber  doch  gerade  soviel,  um  unmittelbar  anstößig  zu 
werden. 

Als  Gesamtzweck  der  5.  Bitte  ergibt  sich  nach  dem  allen 
für  Gregor  erstlich  die  Erlangung  von  Sündenvergebung,  sodann 
die  Mahnung  zu  Versöhnlichkeit  gegen  den  Nächsten  (760  B.) 
und  endlich  die  Vergottung  {%-s.6c.  '(ivea^-cci)  des  Menschen. 
Das  führt  er  im  Anfang  seiner  Rede  aus,  Sündenvergebung 
sei  Gottes  alleiniges  Recht,  wäe  Gregor  wenig  überzeugend 
behauptet;  also  wird  der  Mensch,  wenn  er  nach  dem  Gebot 
der  5.  Bitte  Vergebung  übt,  Gott  in  gewisser  Weise  gleich 
(751  B.).  Mehr  Gewicht  kommt  dem  andern  Bew^eisgang  zu, 
den  Gregor  durch  Verallgemeinerung  des  oben  angeführten 
Satzes  gewinnt,  daß  wir,  um  Vergebung  bei  Gott  zu  finden, 
ihm  durch  Ableo-en  unserer  Härte  ähnlich  werden  müssen. 
Gregor  findet  darin  ganz  allgemein  gelehrt,  daß  wir  Gott  ähn- 
lich werden  müssen,  ehe  wir  ihn  um  etwas  bitten  dürfen. 
Wer  Gott  upö?  exaaxov  5ia  xyj$  Tipcaipsaetü?  ojiotoujjievoc;  ist, 
der  ist  gewässermaßen  Gott  geworden  und  hat  seine  mensch- 
liche Natur  zur  göttlichen  umgewandelt  (751  CD.  752  B.). 
Damit  erreichen  wir  den  Gipfel  der  Tugend,  der  noch  die 
engelgleiche  Vollkommenheit  hinter  sich  läßt  (751  B.). 

Während  die  ersten  beiden  Angaben  über  den  Sinn  der 
5.  Bitte  in  Origenes  und  Cyrill  ihre  Vorbilder  fanden,  steht 
die  letzte  Ausführung  darüber   ohne   erkennbares  Vorbild  da. 

Die  6.  und  7.  Bitte  betrachtet  Gregor  im  engsten  Zu- 
sammenhang. Wie  Origenes  ist  er  der  Meinung,  daß  beide 
den  gleichen  Inhalt  in  verschiedener  Form  ausdrücken.  Was 
Origenes  jedoch  nur  formal  belegte,  sucht  Gregor  vom  Inhalt 
aus  nachzuweisen.  Tistpaajioc;  und  TiovYjpCs  sind  in  der  Be- 
deutung (xaxa  xfjV  avjjxaatav)  ein-  und  dasselbe,  denn  die  Wort- 
stellung zeigt,  daß  „der,  der  nicht  in  Versuchung  ist,  gänzlich 


46  G.  Walther,  Griecli.  Vaterunser-Exegese. 

außerhall)  des  Bösen  ist,  und  der  in  Versuchung  befindliche 
notwendigerweise  im  Bösen  ist"  (760  CD.).  Warum  jedoch 
so  identisch,  als  stände  da:  „Führe  uns  nicht  in  Versuchung, 
sondern  erlöse  uns  davon"  zu  übersetzen  ist,  dafür  bleibt 
Gregor  den  Beweis  schuldig.  Offenbar  genügte  ihm  hier  die 
Autorität  von  Origenes.  Er  übertrumpft  diesen  aber  wieder 
durch  die  Vermutung,  daß  7i£tpaa|xö;  geradezu  ein  von  Jesus 
geprägter  Name  für  den  Teufel  sei^. 

Damit  ist  schon  Gregors  Anschauung  über  das  Wesen  der 
Versuchungen  gegeben.  Sie  sind  Angriffe  (rcpoa^oXaO  des 
Bösen,  der  unsere  Seele  an  sich  reißen  will.  Er  fängt  das 
aber  nicht  plump  an,  sondern  sucht  uns  mit  einem  Köder 
(oeXeap)  zu  locken,  und  dieser  Köder  ist  die  xoa{JiixYj  day^oXia, 
die  er  unserer  Lüsternheit  (Xiyyeioi)  hinhält.  Wenn  die  Seele 
dem  y.6G\i.oz,  entzogen  ist,  nicht  etwa  erst,  wenn  sie  die  Xcyveia 
abgelegt  hat,  hat  die  Versuchung  gar  keine  Möglichkeit,  an 
sie  heranzukommen  (760  D.  761  A.B.).  Wieder  bricht  hier 
Gregors  Neigung  für  die  weltflüchtige  Askese  durch. 

Im  Grunde  erretten  wir  uns  demnach  selbst  von  dem 
Bösen,  wenn  wir  aus  der  Welt  entfliehen,  gerade  so  wie  man 
sich  vor  dem  Meer,  dem  Feuer,  dem  Kriege  erretten  kann, 
wenn  man  sich  fern  davon  hält  (761  A.).  In  der  Welt  sind 
die  Versuchungen  natürlich  unvermeidlich,  denn  die  Welt  liegt 
im  Argen,  aber  in  der  Weltflucht  hören  sie  auf.  Das  alles 
kennzeichnet  aufs  Deutlichste  als  Ausgangspunkt  der  Ver- 
suchungen den  Bösen.  Zur  Erklärung  des  jxyj  tloB'^iyv.'QC,  bildet 
Gregor  den  Gedanken,  daß  Gott  uns  in  die  Übel  des  Lebens 
(xa  Toö  ßiou  xaxa)  führen  könnte,  d.  h.  in  das  Weltgetriebe, 
wo  die  Köder  des  Bösen  liegen  (761  C.). 

Gregor  bietet  damit  die  Auslegung  von  7:£tpaajx6^,  die 
Origenes  und  Cyrill  verworfen  hatten,  die  aber  dem  eigent- 
lichen Wortsinn  mehr  gerecht  wird,  wenn  er  ihn  als  Angriff 
des  Bösen  auffaßt.  Mit  seinen  Ausführungen  über  die  Welt 
als  Köder  und  die  Möglichkeit,  diesen  Versuchungen  zu  ent- 
gehen, steht  er  ganz  allein.  Origenes  und  Cpüll  dachten  hier 
nicht  so  oberflächlich.  Andrerseits  ist  wieder  seine  Erklärung 
des  Anteils  Gottes  an  den  Versuchungen  maßvoller  und  daher 
befriedigender  als  die  seiner  Vorgänger. 


1)  cf.  Chase,  Tlie  Lord's  prayer,  p.  107  Anin.  1. 


Gregor  von  Nyssa.  47 

Die  Sclilußdoxoloo-ie  kennt  Gregor  offenbar,  denn  er 
schließt  die  5.  Homilie:  auiöj  (=  Xptatw)  r^  56va[iis  ^*^  ^i 
56^a  Ä|xa  xi^  TzaTpJ  xai  xw  ayio)  7tv£'j[iaxi  vDv  xai  del  y.al  e?; 
ToO;  atwva^  töv  atwvwv.  (5;|iy)v^  Zum  Text  hat  er  sie  dann 
aber  offenbar  noch  nicht  gerechnet. 

Zusammenfassung.  Im  Sinne  Gregors  würde  das  Vater- 
unser zusammenhängend  hiuten: 

Erhabene,    den    Ort   der  Seligkeit   und   alle  Heiligen   geistig 
erfüllende    Ursache    unsers    Daseins,    der    wir    wesens- 
ähnlich  sind, 
Möchte  dein  Name  durch  frommen  "Wandel  der  Deinen  ver- 
herrlicht werden. 
Schenke  uns  deine  Bundesgenossenschaft  im  Kampfe  mit  der 

Sünde  (nach  Mt.). 
Dein   heiliger   Geist    komme    zu   uns    und   vergebe    uns    die 

Sünden  (nach  Lc). 

Hilf   uns,    denn   wir  wollen   uns   ändern   und   alle  Tugenden 

in  vollkommener  M^eise  verwirklichen,  wie  die  Engel  tun. 

Gib   uns   heute   das   nötigste,   was   wir  zum   Leben   für  den 

Tag  brauchen,  damit  Anspruchslosigkeit  uns  ihnen  gleich 

mache. 

Wir  haben  unsern  Schuldnern  vergeben,  nun  laß  uns,  bitte. 

auch  die  gleiche  Wohltat  zuteil  werden. 
Führe  uns  nicht  in  das  seelenbetörende  Weltgetriebe  hinein, 
sondern   hilf  uns,    durch  Weltflucht  uns  dem  Bösen  zu 
entziehen. 
Daß    Gregor    mitten    im   Strom    der   Überlieferung    steht, 
zeigt   sich   in    den  vielfachen  Zusammenstimmungen   aller  drei 
Exegeten.     Die  Erwähnung  des  stxwv,  die  doppelte  Himmels- 
vorstellung bei   der  Anrede,  die  Betonung  dessen,  daß  Gottes 
Name  an  sich  heilig  sei,  bei  der  1.  Bitte,  die  Forderung  voll- 
kommener Erfüllung   des  Willens   Gottes   in   der  3.  Bitte,  die 
durchklingende  Überzeugung  von  der  verhältnismäßigen  Neben- 
sächlichkeit irdischer  Wünsche   bei   der  4.  Bitte,    die   gleiche 
Wiedergabe  von  Schulden  durch  Sünden,  von  Schuldner  durch 
Nächster,    die   gleiche  Überzeugung  von    dem  Ausschluß    des 
Unversöhnlichen  von  Gottes  Vergebung  und  von  dem  Anspruch 
auf  Grund  eigenen  Vergebens,  sowie  dem  Zweck  der  5.  Bitte, 


1)  cf.  Chase,  p.  174. 


48  G.  Walther,  Griecli.  Vaterunser-Exegese. 

Sündenvergebung  und  Versöhnlichkeit  zu  erreichen,  die  gleiche 
Anschauung  von  der  versucherischen  Tätigkeit  des  Tiovvjpös  in 
der  6.  und  7.  Bitte  sind  die  hauptsächlichsten  Punkte  der 
Übereinstimmung.  Sie  halten  sich  freilich  oft  etwas  im  all- 
gemeinen. 

Schärfere  Beweise  für  die  Bekanntschaft  Gregors  mit  den 
Ausführungen  seiner  Vorgänger  bilden  die  Punkte,  in  denen 
er  sich  dem  einen  entschieden  anschließt,  während  er  den  andern 
ablehnt.  So  geht  er  mit  Origenes  allein  in  der  ethischen  Be- 
stimmung der  Kindschaft,  der  Forderung  der  Sündlosigkeit  des 
Gotteskindes  und  der  Zurückführung  der  Bösen  auf  den  Teufel 
als  ihren  Vater  (Anrede),  in  der  spiritualistischen  Diesseitigkeits- 
vorstellung  vom  Reiche  Gottes  (2.  Bitte),  in  der  Beziehung  der 
Sündenvergebung  für  die  Vollkommenen  auf  frühere  oder  Erb- 
sünde und  der  Berufung  auf  das  Gleichnis  vom  Schalksknecht 
(5.  Bitte)  und  in  der  Identifizierung  der  6.  und  7.  Bitte. 

Mit  Cyrill  geht  Gregor  gegen  Origenes  in  der  Auslegung 
der  1.  Bitte  und  der  Antithese  Engel-Menschen  bei  der  3.  Bitte 
und  auch  in  der  Nichtspiritualisierung  von  äpioq. 

Gerade  aber  der  Umstand,  daß  er  sich  keinem  durch- 
gehends  anschließt,  zeigt  seine  Selbständigkeit.  Sie  tritt  noch 
heller  ans  Licht,  wenn  wir  die  Reihe  von  Punkten  anführen, 
in  denen  er  sich  keinem  der  Vorgänger  anschließt.  Er  leitet 
den  Kindschaftsbegriff  spekulativ  aus  dem  Begriff  „Vater"  ab 
und  bildet  durch  den  neuen  Gedanken  des  himmlischen  Vater- 
hauses einen  neuen  Weg  zur  Kindschaft  durch  den  Willens- 
wechsel (Anrede).  Er  leitet  den  Begriff  Reich  Gottes  spekulativ 
ab  (2.  Bitte).     Er  führt  eine  neue  exegetische  Behandlung  der 

3.  Bitte  ein,  indem  er  sie  in  zwei  Hälften  zerlegt  und  dadurch 
ihren  Hauptinhalt  in  die  erste  Hälfte  verlegt.     Er  erklärt  die 

4.  Bitte  durchweg  anders  als  seine  Vorgänger,  findet  ihren 
Sinn  in  der  Mahnung  zur  Anspruchslosigkeit  und  sieht  damit 
die  Forderung  der  Vollkommenheit  der  3.  Bitte  erfüllt.  In 
der  5.  Bitte  führt  er  die  Erbsünde  in  den  exegetischen  Beweis- 
gang ein  und  steigert  in  der  bekannten  W^eise  die  Gedanken 
über  das  Verhältnis  göttlichen  und  menschlichen  Vergebens. 
Durch  die  von  der  5.  Bitte  geforderte  Gottähnlichkeit  stellt 
er  einen  steigernden  Zusammenhang  mit  der  4.  Bitte  her. 
Schließlich  bringt  er  in  die  6.  und  7.  Bitte  den  Sinn  der  Welt- 
flucht, die  die  Freiheit  von  Versuchungen  ermöglicht,  gibt  der 


Chrysostomus.  49 

Versuchung  eine  ungezwungenere  Deutung  und  führt  den  Anteil 
Gottes  daran  auf  das  rechte  Maß  zurück. 

Nacli  diesem  Befund  kann  ich  mir  das  Urteil  A^on  Loofs^, 
daß  der  exegetische  Ertrag  der  exegetischen  Predigten  Gregors 
gering  sei,  nicht  aneignen.  Gregors  Homilien  über  das  Vater- 
unser wenigstens  bieten  eine  Erörterung  der  meisten  ein- 
schlägigen Probleme.  Was  aber  noch  wichtiger  ist,  sie  zeigen, 
daß  Gregor  offenbar  ein  sehr  selbständiger  Kopf  gewesen  ist  2. 
Sein  Origenismus  beschränkt  sich  oft  auf  bloße  formale  Über- 
einstimmung, während  er  seinen  eignen  Inhalt  in  die  über- 
nommenen Begriffe  gießt.  Ob  er  das  mit  Bewußtsein  getan 
hat,  ist  freilich  eine  andere  Frage.  Er  übernahm  aber  das 
Gute,  wenn  er  es  fand,  auch  von  Cjrill-  — 

Sachlich  bedeutet  er  gegenüber  Origenes  und  C^n-ill  einen 
Rückschritt.  Zwar  hat  er  hier  und  da,  so  in  der  4.  und 
6.  Bitte  eine  nüchternere  Exegese  erreicht,  aber  das  kann 
doch  über  seine  sonstigen  Mängel  nicht  täuschen.  Die  mannig- 
fachen rhetorischen  Übertreibungen,  die  Ersetzung  der  breiten 
Schriftgrundlagen,  die  namentlich  Origenes  bot,  in  der  Er- 
klärung von  Kindschaft  und  Reich  Gottes  durch  spekulative 
Argumente,  die  Vergröberung  der  Sittlichkeit  durch  seine  Vor- 
stellungen von  Tugend  und  Vollkommenheit,  Sünde  und  Ver- 
suchung, verbunden  mit  seiner  Hinneigung  zur  weltflüchtigen 
Mönchsaskese,  und  endlich  seine  Beeinträchtigung  der  Per- 
sönlichkeit Gottes  durch  zu  starke  Anthropomorphisierung,  ja 
Mechanisierung  sind  Zeichen  einer  abwärts  gehenden  Ent- 
wicklung der  Theologie,  der  freilich  seine  Vorgänger  in  mancher 
Beziehung  vorgearbeitet  haben. 


5.  Chrysostomus. 

In  Chrj'sostomus  begegnen  wir  einem  Prediger  und  Kom- 
mentator des  Vatermisers  zugleich.  Er  hat  es  einmal  zum 
Gegenstand  einer  besonderen  Predigt  gemacht  (ip{jLYjV£ta  tyji; 
Tzpoazuyrfiq,  Mg.  51,  44  ff.)  und  es  in  seinem  Matthäuskommen- 

1)  „Gregor  von  Nyssa"  iu  P.R.E.  ^^  7,  151,  58. 

2)  cf.  Harnack,  Dogmengesch.  ^  II  p.  39  Anm. 

T.  u.  U.  U;  Walt  her.  4 


50  G-  "Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

tar  (ed.  Field,  I  277  ff.)  erklärt.  Doch  findet  sich  kein  grund- 
sätzlicher methodischer  Unterschied  zwischen  beiden  Aus- 
legungsarten, da  ja  auch  der  Matthäuskommentar  in  Predigten 
besteht  und  sich  etwa  mit  der  Weise  unserer  heutigen  Bibel- 
stunden vergleichen  läßt.  Beide  Erklärungen  bieten  viel 
exegetisches  Material.  —  Außerdem  zitiert  Chrysostomus  noch 
an  38  Stellen  seiner  Schi'iften  Teile  des  Vaterunsers. 

Zur  Anrede.  Im  Matthäuskommentar  (=;  Mx)  stellt  sich 
Chrysostomus  sogleich  in  scharfen  Gegensatz  zu  Origenes  und 
Gregor,  wenn  er  in  der  Anrede  „Vater"  einen  Trost  findet.  Sie 
ist  ihm  nicht  sowohl  die  beängstigende  Erinnerung  an  die 
Vollkommenheit,  die  allein  Vater  sagen  darf,  sondern  die 
tröstliche  Erinnerung  an  unsern  Wohltäter.  Denn  aus  dem 
Umstände,  daß  wirs  überhaupt  aussprechen  können,  geht  her- 
vor, daß  wir  viele  Wohltaten  von  Gott  empfangen  haben,  weil 
es  einfach  eine  Unmöglichkeit  ist  (ou  Suvaiöv),  ohne  ihren 
Empfang  Gott  Vater  zu  nennen  (249  D.).  Das  bedarf  noch 
der  Erklärung.  Die  Wohltaten,  die  er  meint,  zählt  Chryso- 
stomus selbst  auf:  Sündenvergebung,  Straferlaß,  Gerechtigkeit, 
Heiligkeit,  Erlösung,  Kindschaft,  Erbfolge,  Bruderschaft  mit 
dem  Eingeborenen  und  Geistesleitung.  Sie  decken  sich  be- 
grifflich zum  großen  Teil  und  bedeuten  kurz  die  Versetzung 
in  den  neuen,  gottwohlgefälligen  Zustand,  was  Origenes  die 
neue  Geburt  aus  Gott  in  der  avaxaivtat;  toö  voö?  nannte. 
Und  wie  er  das  einfach  als  \)lo%-eaia.  bezeichnete,  so  kann  man 
das  auch  hier  tun.  Alles,  was  Chrysost.  einzeln  aufzählt,  faßt 
sich  in  diesem  Begi'iff  zusammen.  Daß  die  uco^eata  Gottes 
t^tp-^eoicc.  sein  Geschenk  ist,  war  auch  für  Origenes  und  Cyrill 
selbstverständlich  und  wohl  auch  Gregors  Meinung,  der  aber 
immer  den  Ton  mehr   auf  das   eigne  Tun  des  Menschen  legt. 

Chrysostomus  behauptet  nun:  Erst  muß  man  die  Kind- 
schaft geschenkt  bekommen  haben,  dann  ist  man  überhaupt 
erst  imstande,  Gott  Vater  zu  nennen,  was  offenbar  zu  er- 
gänzen ist:  in  Wahrheit,  im  Ernst.  Nur  das  Kind  kann 
wirklich  Vater  sagen.  Das  ist  ein  ziemlicher  Unterschied  von 
Origenes  und  Gregor,  die  den  Satz  vertraten:  Nur  das  Kind 
darf  Vater  sagen.  Sie  geben  damit  zu,  daß  auch  andere  das 
können,  freilich  beleidigt  man  damit  Gott.  Auch  ist  ihre 
Begründung  eine  andere;  während  sie  sagen:  denn  es  ist  sünd- 
los, begründet  Chrysostomus   seine  Behauptung:    denn   es  hat 


Chrysostoraus.  51 

uliein  die  Mcigliolikint  dazu  o-esclienkt  bekommen.  Von  Sund- 
losigkeit  des  Gotteskindes  ist  darin  nicht  die  Rede,  und  sie 
ist  auch  tatsächlich  nicht  die  Meinung  des  Chrysostomus. 
War  schon  unter  den  aufgezählten  Gaben  keine,  die  zu  der 
Annahme  zwingt,  das  neue  Leben  habe  wie  bei  Origenes 
sofort  in  silndloser  Vollkommenheit  bestanden,  so  trennt  er 
auch  späterhin  Gotteskindschaft  und  Sündlosigkeit.  Der  Fall 
liegt  hier  umgekehrt:  Hier  sagt  Origenes,  das  Gotteskind 
könne  nicht  sündigen,  —  denn  der  Same  Gottes  bleibe  in 
ihm.  Dagegen  Chrysostomus:  Das  Gotteskind  solle  nicht 
sündigen,  —  damit  es  seine  Gotteskindschaft  nicht  schände 
(250  B.C.). 

Man  darf  sich  also  durch  die  Ähnlichkeit  der  Aussagen 
in  der  Form  nicht  über  deren  verschiedenen  Inhalt  täuschen 
lassen.  Chrysostomus  will  sagen:  Das  Wort  Vater  hängt  so 
eng  mit  Gottes  Wohltaten  zusammen,  daß  wir  es  ohne  sie 
nicht  einmal  wahrhaft  aussprechen  könnten.  Gerade  in  dem 
engen  Zusammenhang  aber  liegt  der  Trost.  Vater  heißt  Wohl- 
täter, seine  Kinder  sind  wir  als  Objekte  seines  Wohltuns, 
seiner  Liebesgesinnung.  —  Diese  neue  uns  geschenkte  Daseins- 
form, die  ihren  Anfang  mit  dem  Geschenk  der  uto^sata  als 
Akt  nahm,  ist  eine  sOyeveca,  ein  Adel  (250  B.).  Das  alles, 
zusammengenommen  mit  dem  gänzlichen  Fehlen  des  Almlich- 
keitsgedankens,  beweist,  daß  Chrysostomus  die  religiöse  Kind- 
schaftsauffassung,  wie  sie  Cyrill  bot,  teilte. 

Die  ethische  Seite  ordnet  Chrysostomus  richtig  als  Folge 
des  Kindschafts  Verhältnisses  an.  Den  geschenkten  Adel  darf 
man  nicht  durch  unwürdigen  Wandel  schänden,  und  die 
Dankbarkeit  für  so  große  Gaben  tritt  als  Triebfeder  auf 
(250  B.C.).  In  der  §p[x.  3  führt  Chiysostomus  diese  ethischen 
Konsequenzen  breit  aus.  Unsere  Kindschaft  muß  natürlich 
auch  nach  dem  Wort  Jesu  Mt.  5  48  eine  gewisse  Ähnlichkeit 
mit  Gott  zur  Folge  haben,  die  Züge  der  göttlichen  Vortrefflich- 
keit müssen  an  uns  sichtbar  werden,  Kindschaft  und  sittliche 
Roheit  im  Hange  zu  allen  möglichen  Lastern,  die  uns  unter 
das  vernunftlose  Tier  erniedrigen,  passen  unmöglich  zusammen. 
Hier  tritt  die  Ähnlichkeit  im  richtigen  Verhältnis  zur  Kind- 
schaft auf. 

Im  großen  und  ganzen  zeigt  also  Chrysostomus  hier  Über- 
einstimmung mit  Cyrill  im  Gegensatz  zu  Origenes  und  Gregor. 

4* 


52  G.  Walther,  Griech.  Vateruuser-Exegese. 

Nur  in  Einzelheiten  trifft  er  mit  diesen  zusammen.  So  z.  B. 
auch  in  dem  Gedanken  der  euYsveia,  den  schon  Gregor  aus- 
sprach. Inhaltlich  freilich  deckt  er  sich  dabei  nicht  mit  Gregor. 
Denn  bei  diesem  bestand  sie  in  der  sittlichen  Reinheit,  die  der 
Mensch  einst  schon  besessen  und  dann  weggeworfen  hatte  (728  B. 
bei  Krabinger),  bei  Chrj^sostomus  ist  sie  die  Würdestellung 
des  Objekts  der  göttlichen  Liebe.  —  Auch  die  Verwandtschait 
der  Gregorschen  Antithesen  zwischen  Gott  und  ]\Iensch  in 
ihrer  sittlichen  Verschiedenheit  mit  denen  des  Chr^'sostomus 
hat  nur  formalen  Charakter.  Gregor  will  mit  ihnen  sagen: 
AVie  rein  muß  der  Mensch  erst  sein,  ehe  er  diesen  Gegensatz 
überbrilckt  hat!  Und  Chr\'Sostomus  sagt:  Wie  groß  muß  doch 
die  Güte  Gottes  sein,  daß  er  diesen  Gegensatz  überbrückt! 

Auch  mit  Origenes  berührt  sich  Chiysostomus  in  aller- 
hand Einzelheiten.  Auch  er  erinnert  gelegentlich  daran,  daß 
der  Anfang  der  Kindschaft  objektiv  in  der  Menschwerdung 
Christi  liegt  (Hom.  über  Joh.  5  i9,  Abs.  4  [Mg.  56,  252],  6.  Hom. 
zu  Col.  Abs.  4  [Mg.  62,  342]).  Unter  den  Gaben  der  Kind- 
schaft erscheint  (Mx  249  D.)  die  aosAcpötrjg  npöi;  xov  |jlovoy£vyj 
und  die  yppriyia.  nveu\i<xzog^  die  in  der  1.  Homilie  aufs  Pfingst- 
fest,  Abs.  4  (Mg.  49/50,  458)  als  die  Hilfe  des  Geistes,  der 
„Abba,  o  Vater"  schreit,  beschrieben  wird.  Beides  hat  schon 
Origenes,  wenn  er  die  Gotteskinder  als  Christi  Brüder  be- 
zeichnet und  vom  Geist  der  Kindschaft  als  von  etwas  un- 
trennbar mit  ihr  Verbundenem  spricht  (ti.  e.  22  2,  Com.  ser. 
Mt.  2,  831  [Mg.  13,  1602]  und  12,  838  [Mg.  13,  1617]).  Daß 
Chry^sostomus  bei  seinen  Homilien  über  Matthäus  einen  so  be- 
deutenden Konm^ientator  wie  Origenes  lienutzt  haben  wird, 
darf  wohl  als  sicher  gelten. 

Als  Einzelheit  sei  noch  erwähnt,  daß  Chrysostomus  zwar 
nicht  geradezu  von  dem  eixwv  Gottes  in  uns,  wie  seine  Vor- 
gänger, redet,  aber  doch  von  den  Zügen  (xapaxr^peg)  der 
göttlichen  Vortrefflichkeit  in  uns  (ip\i.-  3). 

Eigene  Bahnen  wandelt  Chr\'sostomus  nun,  wenn  er  in 
dem  "fjixöv  eine  deutliche  Ablehnung  eines  egoistischen  Indi- 
vidualismus sieht,  denn  wenn  wir  Tiatep  ii\i.Gi'/  sprechen,  dann 
beten  wir  für  den  Nächsten  mit.  Die  Anrede  leitet  uns  also 
zur  Nächstenliebe  an  und  gibt  uns  den  rechten  sozialen  Maß- 
stab: Wir  gehören  alle  zusammen  als  Kinder  desselben  Vaters, 
da  ist  keiner  etwas  besseres  als  der  andre;  die  irdischen  Unter- 


Chrysostomus.  53 

schiede  sind  nur  relativ  und  müssen  zurücktreten  (Mt,  250  A.B., 
kp\i.  3,  2.  Honi.  über  den  Verrat  des  Judas,  Al)s.  6  [Mg.  49/50, 
390],  über  den  112.  (—  113.)  Ps.,  Abs.  1  [Mg.  55,  300],  über 
den  149.  Ps.,  Abs.  1  [Mg.  55,  494],  14.  Hom.  zu  Ephes.,  Abs.  4. 
[Mg.  62,  104  f.]). 

Die  Himmelsvorstellung  bei  Chrysostomus  ist  die  gleiche 
wie  die  seiner  Vorgänger.  Die  Himmel  sind  ihm  die  b'\)riXcc 
Xwpta  (Mt.  249  D.),  die  jenseits  des  Äthers  liegen,  und  zu 
denen  man  sich  mit  Glaubensflügeln  (cf.  Gregor!)  aufschwingen 
kann  (^pji.  3).  Gott  ist  dort  nicht  räumlich  eingeschlossen, 
sondern  —  wie  man  ergänzen  kann  —  überall,  aber  daß  er 
trotzdem  hier  in  der  Anrede  in  besonders  enge  Beziehung 
zum  Himmel  gesetzt  wird,  hat  den  Zweck,  uns  von  der  Erde 
abzulenken,  und  also  den  Grund,  daß  Gott  auf  Erden  nicht 
so  rein  zu  genießen  ist,  wie  im  Himmel  (ebda.).  Gelegentlich 
(14.  Hom.  zu  Ephes.,  Abs.  4  [a.  a.  0.])  klingt  auch  einmal  der 
Gedanke  Gregors  durch,  daß  der  Himmel  unser  Vaterhaus  ist, 
an  das  wir  hier  erinnert  werden  sollen. 

Zur  1.  Bitte  stellt  Chrysostomus  in  Mt.  250  C  den  Zu- 
sammenhang —  anders  als  Gregor  —  so  her,  daß  er  sagt: 
wem  der  Vatername  Gottes  soviel  bedeute,  wie  dem  Christen, 
der  habe  kein  wichtigeres  Anliegen  als  dessen  Verherrlichung. 
Allerdinfjs  kommt  sie  dann  auf  ein  Preisen  des  Namens  Gottes 
im  allgemeinen,  nicht  gerade  des  Vaternamens  hinaus,  dyia- 
a^YjTW  heißt  also  So^aa'9'YjTO)  (Mt.  250  C.  £p|JL.  3).  kpii.  führt 
breit  aus,  was  Mt.  nur  andeutet,  daß  die  Heiligkeit  des  Namens 
Gottes  keine  itpoa^YjXYj  nötig  hat.  Aber  unser  Leben  kann 
doch  wenigstens  zur  Steigerung  seines  Ruhmes  beitragen,  und 
das  geschieht  durch  einen  tugendhaften  Wandel.  Wer  ihn 
sieht,  muß  dann  Gott  dafür  Anerkennimg  zollen.  (So  auch 
zum  112.  (=  113.)  Ps.  [Mg.  55.  301]).  äyia^ev^  =  So^a^siv  ist 
also  auch  hier  die  Verherrlichung  des  Namens  Gottes  durch 
frommen  Wandel.  Ihren  Ausdruck  findet  sie  in  dem  SoSdcwscv 
in  engerem  Sinne,  dem  Rühmen  mit  Worten,  wie  es  z.  B.  die 
Seraphim  Jes.  6  tun  (Mt.).  Zum  112.  Ps.  sagt  Chrv^sostomus 
sogar,  daß  die  Engel  Gott  ziun  Teil  auf  Grund  des  Gehorsams 
der  Menschen  rühmen.  In  ep[i.  macht  er  diese  engere  Be- 
deutung zur  Hauptsache  und  kommt  dadurch  auf  den  andern 
Gedanken,  die  1.  Bitte  sei  ein  Huldigungsakt  unsererseits  an 
Gott  analog  dem  der  Seraphim,  als  stände  da:  Gepriesen  sei 


54  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

dein  heiliger  Name!  Die  folgende  ethische  Ermahnung  lenkt 
dann  dort  ganz  unvermittelt  in  das  bekannte  Fahrwasser 
zurück. 

Hier  zeigt  sich  Chrysostomus  als  am  nächsten  mit  Gregor 
verwandt.  Dieser  hatte  schon  die  Gleichung  ikyiaa^iiKü  = 
So^aa-ö-fjXü)  aufgestellt,  er  hatte  auch  schon  den  Spruch  Jesu 
Mt  5 16  zitiert.  Auch  mit  Cyrill  harmoniert  er.  Bezüglich  der 
kleinen  Differenz  zwischen  Cyrill  mid  Gregor  über  die  Be- 
ziehung des  Lästerns  tritt  Chrysostomus  auf  die  Seite  Cwills, 
wenn  er  es  zum  112.  Ps.  [a.  a.  0.]  in  seiner  natürlichen  Be- 
deutung braucht.  Der  Huldigungsgedanke  hat  kein  erkenn- 
bares Vorbild. 

Die  2.  Bitte  hängt  insofern  mit  dem  vorhergehenden  zu- 
sammen, als  das  Gotteskind,  das  sich  in  der  Anrede  auf  sich 
selbst  besinnt,  neben  dem  Wunsche,  daß  Gottes  Name  in  der 
Welt  gepriesen  werden  möchte,  natürlich  nichts  mehr  erstrebt 
als  immer  engere  Vereinigung  mit  seinem  Vater  im  Himmel. 
Chrysostomus  koordiniert  also  die  zwei  Bitten  einfach  als  etwas 
gleich  Wichtiges,  während  Gregor  einen  inneren  Zusanmienhang 
zwischen  ihnen  annahm.  Die  Vereinigung  mit  dem  Vater  bringt 
das  Reich  Gottes,  und  dies  ist  bei  Chrysostomus  cyrillisch 
gedacht,  als  die  den  Ttapövta  entgegengesetzten  xa  \i.iXkovx(x., 
nach  denen  wir  uns  mit  dem  Pauluswort  Rö  823  sehnen  als 
nach  der  duoXuxpwatg  xoö  aw^Jtaxoi;  •yjjxwv  ßh.  250  E.  251  A.). 
Ganz  klar  ist  schon  damit  das  Reich  Gottes  als  die  eschato- 
logische  Größe  der  zukünftigen  Vollendung  bestimmt.  Noch 
deutlicher  bezeichnet  es  kp\i.  4  als  das  himmlische  und  ewige 
Reich,  ^  das  im  scharfen  Gegensatze  zu  dem  gegenwärtigen 
Leben  hier  unten  auf  der  Erde  steht.  Die  Reichsbitte  ist 
geradezu  die  Bitte  um  den  Tag  der  Auferstehung  (Hom.  45  [44] 
zum  Johsev.,  Abs.  4  [Mg.  59,  257]),  den  Tag  des  Welt- 
abschlusses und  um  das  bessere  Jenseits  (zum  114.  [=  116.] 
Ps.,  Abs.  3  [Mg.  55,  319]  und  119.  [=  120.]  Ps.,  Abs.  2 
[Mg.  55,  341  f.]). 

Auch  Cyrills  weitere  Anschauung  fehlt  nicht,  daß  das 
Streben  nach  diesem  Reiche  Gottes  ein  gutes  Gewissen  (auv- 
eiböc,  dyaO-ov)  voraussetzt,  seil,  wegen  des  kommenden  Gerichts. 
Chrysostomus  fügt  dem  ejjexegetisch  hinzu :  und  eine  Seele,  die 
von  den  iv  x^  y^  TipdyiJiaxa  frei  ist  (IVIx.  251  A.).  Denn  diese 
Dinge,    die   er  in   ip\i.    weiter  ausmalt,    halten    die    Seele    auf 


Chrysostoraus.  55 

Erden  fest    mul  stumpfen   die  iSinnc   ah.     Weltflucht   <.nl)t   uns 
also  das  gute  Gewissen. 

Wenn  Clirysostonius  in  kp[i.  auch  noch  einen  andern  Grund 
für  unsere  Sehnsucht  nach  dem  Reiche  Gottes  anführt,  näm- 
lich den,  daß  es  uns  die  Freiheit  von  der  Sündenknechtschaft 
bringt,  so  klingt  das  zunächst  stark  an  Gregor  an,  und  ich 
möchte  auch  glauben,  daß  Gregors  eindrucksvolle  Schilderung 
des  Kampfes  gegen  die  Sünde  durch  das  Reich  Gottes  hier 
auf  Chrysostomus  gewirkt  hat,  aber  zu  einer  Zerspaltung  des 
Reichsgottesbegriffes  bei  Chysostomus  scheinen  mir  seine  Aus- 
führungen doch  nicht  das  Recht  zu  geben.  Auch  im  zu- 
künftigen Herrlichkeitsreich  —  und  da  erst  recht  —  werden 
wir  ja  von  der  Knechtschaft  der  Sünde  befreit  sein,  und  von 
diesem  Leben  läßt  sich  ein  aTpaxeusaO-at  xö  ßaatXec  xwv  aSwvwv 
nur  sehr  gezwungen  aussagen.  Es  bleibt  also  bei  der  rein 
eschatologischen  Anschauung  vom  Reich  Gottes  bei  Chryso- 
stomus, die  sich  mit  Cyrill  deckt. 

Sinn  der  2.  Bitte  ist  demnach,  uns  die  Tugend  der  Abkehr  vom 
Irdischen  und  des  Strebens  nach  dem  Reiche  der  ewigen  Seligkeit 
zu  lehren  (^p|x.  4).  Nach  Gregor  lehrte  sie  uns,  daß  der  Mensch 
die  göttliche  a\)\i.\).ayi(x  im  Kampfe  gegen  die  Sünde  braucht! 

Die  3.  Bitte  trägt  nun  den  tatsächlichen  Verhältnissen 
Rechnung,  insofern  "svir  doch  eben  noch  auf  der  Erde  sind 
und  vielleicht  noch  trotz  alles  Strebens  nach  dem  Jenseits  eine 
Weile  dableiben  müssen.  Was  sollten  wir  da  einstweilen  tun? 
Die  3.  Bitte  antwortet:  Macht  einstweilen  die  Erde,  so  gut  es 
geht,  zum  Himmel  (Mx.  251  A.  B.).  Das  soll  dadurch  ge- 
schehen, daß  Gottes  Wille  hier  so  vollkommen  wie  im  Himmel 
befolgt  wird.  Inhalt  des  Willens  Gottes  ist  in  erster  Linie 
unsere  Tugend  (Mx.  251  C,  Hom.  zu  Ps.  112  [113],  Abs.  1 
[Mg.  55,  302]),  religiös  gewendet  die  xeXeia  aydcTtY]  (Hom.  u. 
xeX.  ay.,  Abs.  2,  Ende  [Mg.  56,  282]).  Ersteres  hatte  schon 
Gregor  als  Inhalt  des  Willens  Gottes  angegeben.  Chiyso- 
stomus  setzt  sich  nun  aber  sofort  in  bewußten  Gegensatz  zu 
Cyrill  und  Gregor,  w^enn  er  deren  Erklärung:  ysvrjO-rjxa)  xal 
£V  k\iol  x6  ^eXYjjjLa  aou  ablehnt.  So  ausschließlich  dürfe  man 
es  nicht  auf  das  Individuum  beziehen,  denn  es  stehe  nicht  da 
£v  £[iol  oder  ev  *?j[i.Tv,  sondern  Ti:avxa)(oö  xrjs  yYjC.  Die  Tugend 
der  ganzen  Menschenwelt  ist  Inhalt  des  göttlichen  Willens 
(Mt.  251  C.  D.). 


56  G.  Walther,  Griecli.  Vateruuser-Exegese. 

„Wie  im  Hinimel"  bezieht  Clir.  Mx.  251  B.  allgemein  auf 
die  Ol  ötvw,  bestiimnter  dann  auf  die  avci)  ouva[X£'.;  oder  einfach 
Engel.  Von  ihnen  zitiert  er  nach  dem  Vorgange  CatIUs  die 
Stelle  Ps.  10320  (LXX:  1022u).  „Auf  Erden"  geht,  wie  schon 
erwähnt,  auf  die  ganze  Menschheit.  Ausdrücklich  bezeichnet 
Chrj'sostomus  auch  die  Ungläubigen  einmal  als  dazugehörig, 
denn,  wie  es  im  Himmel  keinen  Ungläubigen  gäbe,  so  dürfe 
auch  auf  Erden  keiner  übrig  bleiben  d.  Hom.  zu  1.  Tim., 
Abs.  3  [Mg.  62,  533]).  Sachlich  am  nächsten  steht  ihm  hier 
die  1.  Antithese  bei  Origenes:  Himmelsbewohner  —  Erden- 
bewohner.  Auch  an  dessen  dritte,  die  moralische  Antithese, 
erinnert  hier  Clir3'sostomus,  wenn  er  sagt,  wir  bäten  hier 
darum,  daß  Gott  alle  Menschen,  auch  die  Ungläubigen  zu 
Engeln  machen  möge.  So  fand  einst  Origenes  hier  ausgedrückt, 
daß  alle  Menschen  einmal  Himmel  (=  Fromme)  werden  möchten. 

Origenes  machte  sich  bekanntlich  den  Einwurf,  Gottes 
Wille  könne  im  Himmel  nicht  Tollkommen  geschehen,  weil 
dort  auch  die  bösen  Geister  wohnten.  Es  klingt  eigentümlich 
daran  an,  wenn  Chrysostomus  bei  der  Auslegung  des  Kolosser- 
briefes  (3.' Hom.,  Abs.  3  [Mg.  62,  321])  fragt,  ob  nicht,  wenn 
Christus  durch  sein  Blut  „den  himmlischen  Dingen  Frieden  ge- 
bracht" habe,  vorher  Streit  im  Himmel  gewesen  sein  müsse,  sodaß 
Gottes  Wille  nicht  vollkommen  dort  geschehen  sei,  wie  doch 
die  3.  Bitte  aussage.  Chiysostomus  löst  die  Frage  durch  die 
Behauptung,  der  Kampf  der  Engel  habe  der  abgefallenen  vor- 
christlichen Menschheit  gegolten,  über  deren  Beleidigungen 
gegen  Gott  die  Engel  empört  gewesen  seien  —  natürlich  im 
Einverständnis  mit  Gott,  sodaß  die  3.  Bitte  unangetastet  bleibt. 

Die  vollkommene  Erfülluno;  des  Willens  Gottes  im  Himmel 
ist  nun  also  das  Vorbild  für  seine  Erfüllmig  auf  Erden,  das 
liegt  ja  unmittelbar  im  Wortlaut  der  Bitte.  Es  kommt  nur 
darauf  an,  wie  weit  man  das  Vorbild  en'eicht  sein  läßt.  Da 
spricht  Chrysostomus  im  Sinne  von  Origenes  und  Gregor  klipp 
und  klar  aus:  OöSsv  xo  xwX'jov  cpO-aaac  xyjv  xwv  ävw  8'jvd[Ji£(i)V 
dy.pi^ecav  (Mx.  251  B.).  Es  bleibt  freilich  der  Unterschied  der 
9uacc,  aber  sonst  können  wir  Menschen  ä^fyzXoi  sxspo'.  werden 
(251  D.),  sofern  wir  Gottes  Willen  durch  die  Tugend  nicht 
nur  halb,  sondern  ganz  vollbringen  (251  C).  Dabei  ist  aller- 
dings wohl  zu  bedenken,  daß  uns  das  aus  eigener  Kraft  nicht 
möglich  ist,  sonst  brauchten  wir  ja  nicht  zu  bitten:  ysvyjO-rjXto. 


Chrysostonius.  57 

Nur  die  ävwil-sv  xapt;  hilft  uns  zur  Vollkonimenheit  (251  C.)- 
Unser  schwaclier  Wille  möchte  wohl  gern,  aber  wird  von  der 
Schwachheit  des  Leibes,  von  der  aapi  ^paosla  r.po;,  xa  i-b(Z'.x 
gehindert.  Darum  hilft  uns  Gott,  das  Unmögliche  möglich 
zu  machen  (ipji..  4  am  Ende).  Das  bedeutet  keinen  Wider- 
spruch zu  dem  vorhin  zitierten  Satze,  weil  man  dort  die 
)^apig  bereits  mitberücksichtigt  denken  muß. 

Chr^'sostomus  ist  hier  gleichmäßig  von  Origenes  und 
Gregor  beeinflußt,  die  dieselben  Gedanken  von  Vollkommen- 
heit in  der  Tugend  und  Unterstützung  durch  die  göttliche  xap'.; 
(bei  Origenes  durch  Christus)  ausgeführt  hatten.  Freilich 
drängt  sich  bei  letzterer  Frage  auch  die  Erinnerung  an  die 
nahezu  leichtfertige  Darlegung  Gregors  über  die  mühelose 
Erreichbarkeit  des  Himmels  aus  der  Erklärung  der  Anrede 
auf.  Auch  das  muß  bei  Gregor  „oiaXextiy.wi;"  ausgeführt  ge- 
wesen sein,  ChiTsostomus  jedenfalls  denkt  ernster  über  die  yjx^'-z. 

Als  Sinn  der  3.  Bitte  gilt  dann  wie  bei  den  früheren  Aus- 
legern der  Ruf  nach  Gottes  Hilfe  zur  Erreichung  eines  engel- 
gleich vollkommenen  Lebens  (£p|J.-  4).  Daß  Chrysostomus 
gelegentlich  auch  einen  andern  Sinn  hineinlegt,  zeigt  Hom.  de 
consolatione  mortis  H.  9  (Mg.  56,  306).  Da  wird  die  ganze 
3.  Bitte  als  Wort  der  Ergebung  gesprochen,  sodaß  man  nicht 
zu  ergänzen  hat:  so  vollkommen,  sondern  so  unbedingt  wie 
im  Himmel,  und  daß  als  Lihalt  des  göttlichen  Willens  hier 
nicht  die  Tugfend.  sondern  Tod  und  Leben  und  alles  Schicksal 
des  Menschen  erscheint.  Das  gleiche  müßte  man  in  der  Rede 
Tipo  TYj^  sEopia;,  Abs.  2  (Mg.  51/52,  430)  amiehmen,  wenn  dort 
nicht  wieder  die  Beziehung  zu  Mt.  26  42  näher  läge.  Wenn 
man  überhaupt  hier  einen  bewußten  Anklang  an  Vorgänger 
finden  will,  was  nicht  nötig  ist.  so  würde  man  besser  als  auf 
Gregors   Vorbild    direkt    auf    das    des    Origenes    zurückgehen. 

Zur  4.  Bitte  stellt  Chrysostomus  den  Übergang  ganz  wie 
Gregor  her.  Nachdem  die  3.  Bitte  die  hohe  Forderung  der 
engelgleichen  Vollkommenheit  aufgestellt  hat,  nimmt  die  4.  Bitte 
billige  Rücksicht  auf  die  andere  natürliche  Organisation  des 
Menschen.  L^nsere  Engelgleichheit  beschränkt  sich  auf  den 
Wandel,  da  die  x'jpavvtg  ttj?  cpuasw;  uns  die  physische  Be- 
dürfnislosigkeit der  Engel  nicht  gestattet  (Mx.  251  D.E.,  ip(Ji.  5). 
Nur  in  der  Terminologie  unterscheidet  sich  Chr\-sostomus  etwas 
Ton  Gregor,  insofern  dieser  scharf  zwischen  dem  dvevSeeg  oder 


58  ^^-  Walther,  Griecli.  V^aterunser-Exegese. 

aTipoaSssc  der  Engel  und  dem  dXiyapxs^  xal  jxexpcov  y.aia  idv 
xfjC  Ä-a^£:a;  Ady^^v  der  Menschen  schied,  während  Chrysostomus 
gerade  von  der  d-a9-c:a  der  Engel  spricht,  die  Leidenschafts- 
losigkeit also  zur  Bedürfnislosigkeit  überhaupt  ausweitet. 

äpToc.  emo^jöioc,  erklärt  er  in  Mx.  kurzweg  als  dcpxo^  Icpi^- 
jjicpog,  d.  h.  Brot,  das  für  den  Tag  reicht,  denn  für  morgen 
sollen  wir  nicht  beten.  (Mx.  252  A.,  auch  54.  Hom.  zu  Genes., 
Abs.  5  [Mg.  53.54,  478]) i.  In  der  43.  (42.)  Hom.  zu  Joh., 
Abs.  2  sagt  er  xa\)-Yj|isptvd;  [Mg.  59,  2471]).  In  ip|i.  5  da- 
gegen leitet  er  iTzio'Joioc,  auf  grammatischem  Wege  Ton  oOai'a 
ab  und  erklärt  den  apxoc  Itzioöiioc,  als  Brot,  das  in  die  oöaca 
des  Leibes  übergeht  und  sie  stärken  kann.  Es  ist  und  bleibt 
aber  damit  natürliches  Brot.  Mit  dieser  Ableitung  bewegt 
sich  Chrysostomus  auf  der  Linie  von  Origenes  und  Cyrill. 
Doch  scheint  sie  nur  ein  Augenblicksprodukt  zu  sein,  denn 
Chrysostomus  wiederholt  sie  nirgends,  immer  gibt  er  sonst  die 
Gregorsche  Gleichsetzung  mit  £cpYj[jiepog.  Daß  er  mit  Gregor 
gegen  die  früheren  Ausleger  äpxoq  real  faßt,  ist  damit  schon 
gegeben.  Auch  er  sieht  darin  die  Zusammenfassung  unserer 
Lebensbedürfnisse. 

Aus  dem  Umstände,  daß  in  der  4.  Bitte  nur  das  nötigste 
und  einfachste  genannt  ist,  Brot,  folgert  Chrysostomus  mit 
Gregor,  daß  wir  auch  nur  darum  beten  dürfen  (Mx.  252  A., 
ip|x.  5,  Hom.  zu  Ps.  140  (141),  Abs.  4  [Mg.  55,  432],  43.  (42.)  Hom. 
zu  Joh.,  Abs.  2  [Mg.  59,  247f.],  15.  Hom.  zu  PhiL,  Abs.  4 
[Mg.  62,  293]).  Damit  wiU  uns  die  4.  Bitte  geradezu  die 
äußerste  Anspruchslosigkeit  lehren. 

Immerhin  steht  fest,  daß  hier  eine  Bitte  um  etwas  Irdisches 
ausgesprochen  wird  und  dies  also  erlaubt  ist  (Hom.  zu  Ps. 
127  (128),  Abs.  4  [Mg.  55,  370]  und  zu  Ps.  140  (141),  a.  a.  0.). 
Aber  durch  starke  Einschränkungen  bringt  Chrj^sostomus  das 
fast  wieder  ins  Wanken.  Schon  kp\i.  5  sagt  er,  daß  die  4.  Bitte 
ävayx(xioic,  der  3.  angefügt  sei,  aus  Rücksicht  auf  unsere 
schwache  Natur.  Noch  gefährlicher  klingen  Sätze  wie:  „wir 
wollen  der  gegenwärtigen  Dinge  nicht  Erwähnung  tun"  (54.  Hom. 
zu  Gen.,  Abs.  5  [Mg.  53/54,  478])  oder:  „wenn  wir  jenes  Gebet 
auch  breit  auseinanderlegen,  werden  wir  doch  nichts  fleisch- 
liches   darin    finden,    sondern    alles   ist   geistlich.      Selbst   das 


1)  cf.  Chase,  Tiie  Lord's  prayer,  p.  49. 


Chrysostomus.  59 

Bischen,  was  siclitbar  ist,  wird  durch  die  ganze  Art  und  Weise 
geistlich."  (43.  (42.)  Honi.  zu  Joh.,  a.  a.  0.,  auch  zu  Ps.  127 
(128),  Abs.  4  [Mg.  55,  370]).  Aber  da  Chrysostomus  in  der 
Stelle  zu  Gen.  den  Satz  gerade  aus  der  4.  Bitte  ableitet,  so 
ergibt  sich,  daß  er  mit  den  Tiapövxa  die  übrigen  irdischen 
Dinge  meint,  die  Bitte  um  die  xpocpifj  also  noch  eben  zuläßt. 
Ebenso  besteht  nach  der  Joh.-Hom.  und  der  Ps.-Hom.  die 
Geistlichkeit  der  4.  Bitte  darin,  daß  sie  die  Lebensweisheit 
(cpiXoaocfta,  zu  Gen.,  zu  Joh.  a.  a.  0.,  ip\i..  5)  lehrt,  wir  sollten 
uns  der  Dinge  dieses  Lebens  enthalten.  Für  die  Bitte  um 
Irdisches  bleibt  somit  nur  die  schmale  Grundlage  der  not- 
wendigsten Lebensbedürfnisse  bestehen.  Wie  man  über  ihre 
Wichtigkeit  zu  denken  hat,  geht  daraus  hervor,  daß  sie  die 
einzige  Bitte  um  Irdisches  unter  lauter  geistlichen  Bitten  ist, 
also  fast  von  diesen  erdrückt  wird  (zu  Joh.  a.  a.  0.,  zu  Ps.  127 
(128)  a.  a.  0.).  Eigentliche  rechte  Gebetsgegenstände  sind  nur 
die  geistlichen  Dinge  (zu  Gen.,  zu  Joh.  a.  a.  0.)  Mit  allen 
diesen  Ausführungen  gibt  Chrysostomus  nur  Gregors  Gedanken 
wieder. 

Auch  das  oVjfJiepov  erklärt  er  w^ie  dieser  vom  heutigen  Tage 
und  findet  darin  ebenfalls  ein  Verbot  des  Sorgens  für  die 
Zukunft  und  eine  Mahnung  zum  Gottvertrauen  (Mx.  252  A., 
kp\i.  5.). 

Zur  5.  Bitte.  Nur  kp\i.  deutet  hier  einen  Übergang  an. 
Wenn  man  an  den  tatsächlichen  Zustand  des  Menschen  denkt, 
dann  genügt  es  nicht,  an  seine  von  den  Engeln  verschiedene 
physische  Beschaffenheit  zu  erinnern,  sondern  man  muß  auch 
seine  moralische  denken,  den  sündlichen  Zustand,  der  nun 
einmal  seinem  Wiesen  anhaftet,  (epjx.  5.:  xwv  aouvaxwv  iaxlv 
dv\)-pw7ious  övxai;  xcd  {)-vy]x6v  awjjia  Titpi%ei\iivoi>c,  [xy]  Tixacetv.) 
Die  5.  Bitte  will  daran  erinnern  und  davon  loshelfen. 

Wenn  Chrysostomus  sie  als  die  Bitte  um  die  a^^sat?  xwv 
d{iapxYj|iaxojv  bezeichnet,  erhellt  daraus,  daß  er  wäe  alle  Vor- 
gänger Schuld  und  Sünde  identifiziert  (Mx.  252  B.).  Da  nun 
nur  die  Tctoxot  als  Beter  des  Vaterunsers  in  Betracht  kommen 
können,  denn  die  v6\ioi  x^?  exxXvjaia^,  offenbar  die  Gottesdienst- 
ordnungen, schreiben  es  ihnen  vor,  und  in  der  Anrede  be- 
zeichnen sich  die  Beter  als  Gotteskinder,  so  müssen  auch  die 
nioToi  noch  Sünde  haben  (Mx.  252  B.C.).  Das  lehrt  schon  der 
Blick    auf    die  Erbsünde.     „Selbst    wer    den    Gipfelpunkt  der 


60  G.  Walther.  Griecli.  Vaterunser-FAegese. 

Gerechtigkeit  erreicht",  daß  er  jetzt  nicht  mehr  sündigt,  darf 
die  Behauptung,  er  sei  sündlos,  mit  Rücksicht  auf  seine 
Menschennatur  nicht  wagen,  offenbar  wegen  seiner  früheren 
infolge  der  Erbsünde  begangenen  Sünden  (6.  Lazarushomilie, 
Abs.  9.  [Mg.  48,  1041]).  Nun  gibt  es  im  Leben  des  Christen 
einen  großen  Einschnitt,  der  die  Vergebung  der  Sünden  bringt, 
das  XouTpGv  tf|;  r.xkiyY£Vs.oici.q.  die  /api;  xoO  ayiou  ^a7:T''a(JLaxo5. 
Nachdem  er  sie  empfangen  hat,  sollte  der  Christ  eigentlich 
nicht  mehr  sündigen,  sodaß  auch  die  Erbsünde  in  ihren 
Wirkungen  aufgehoben  ist.  Da  es  aber  tatsächlich  vorkommt 
(a'jiji[3aiv£'.),  daß  man  aus  der  Taufgnade  fällt  (Mi.  252  B., 
ip[jL.  5.),  so  ist  die  5.  Bitte  am  Platze. 

Aber  nicht  alle  fallen  wieder,  denn  Chrvsostomus  stellt 
den  Gefallenen  ausdrücklich  die  Starken  in  der  Tugend  gegen- 
über. Sie  sollen  beim  Sprechen  der  5.  Bitte  an  ihre  früheren 
(=:  vor  der  Taufe  begangenen)  Sünden  denken,  daran  Maß 
halten  lernen  ([ji£Tp'.a^£'.v)  und  so  in  der  Demut  festgehalten 
werden,  wie  Paulus  nach  1.  Tim.  1  i5.  Die  Gefallenen  haben 
in  der  5.  Bitte  die  Sicherheit,  daß  ihnen  noch  zu  helfen  ist 
(ip[i.  5),  ein  Satz,  an  dem  Chrvsostomus  offenbar  viel  gelegen 
war,  so  oft  wiederholt  er  ihn.  Bei  ihm  herrscht  also  die 
Klarheit,  die  wir  schon  bei  Origenes  fanden,  aber  bei  Gregor 
vermißten:  Es  gibt  Christen,  die  nicht  mehr  sündig-en.  Daß 
sie  trotzdem  die  5.  Bitte  noch  nötig  haben,  hatten  schon 
Origenes  und  Gregor  gesagt.  Neu  ist  hier  aber  die  Einführung 
der  Taufe  als  des  Zeitpunktes,  von  dem  an  Wandel  ohne 
Sünde  möglich  sei.  Origenes  hatte  dafür  die  Geburt  aus  Gott 
angegeben  und  Gregor  entweder  gar  keinen  Zeitpunkt  oder 
den  Bruch  mit  der  l)isherigen  Willensrichtung. 

Für  „vergeben"  gibt  Chrvsostomus  Mx.  253  A.  die  Para- 
phrase dcpetvat  xyjv  öpyi^v,  ein  andermal  dcptlvai  xov  :6v  xy);  opy^?. 
(39.  (38.)  Hom.  zu  Joh.,  Abs.  4  [Mg.  59,  227]).  Die  göttliche 
Vergebung  beschreibt  er  speziell  als  ein  |j.rjO£vö?  dra^xYjO-rjvat 
\6'(ow  xwv  7:£7iAr|[jL|jLeAYj|JL£V0[)v  (Mx.  253  C),  die  menschliche  in 
der  Regel  als  Aufgeben  aller  |ivirjaiy.ay.ia  (Mx.  252  D.  254  D., 
9.  Hom.  7i£pl  iJL£xavo''a;  y.ac  ^'^yfii  [Mg.  49/50,  346],  Schalks- 
knechtshom.,  Abs.  7  [Mg.  51/52,  29],  t/.Xoyoi.i  47  gg.  Ende  [Mg.  63, 
899],  als  |iY]  [xvYjaixay.Eiv  (Mx.  252  E.),  als  a'jyYVWjxovixiv  £!vat 
(Mx.  255  A.).  Gregor  hat  den  Ausdruck  |ivyjaiy.ay.ia  nicht,  da- 
gegen  Origenes    zweimal    (t:.  £.9  3   und   31  2).     Die    positive 


Chrysostoraus.  61 

•Seite  davon  ist,  daß  man  seine  P'einde  unter  seine  besten 
Freunde  rechnet  (Tiepi  "/.axavj^ewc;  I.  5.  [Mg.  47,  400])  und  auch 
hier  die  aydTirj  übt  (2.  Hoin.  -epl  xy]?  'louoa  Tipoooaias,  Abs.  6 
[Mg.  49/50,  390]).  Von  einer  ocYaTCTjtixYj  oid'^eoic,  Gottes,  die 
wir  nachahmen  sollten,  hatte  auch  Gregor  schon  einmal 
gesprochen  (752  A.  ed.  Krabinger),  und  Origenes  verlangte 
(fiiXav9-p(0-ta  und  TipadtYjc;  (ti.  £.  28  6).  Der  Ausdruck  ist  also 
bei  Chysostomus  am  energischsten  gefaßt.  —  Die  d'fsiXovxs? 
sind  auch  bei  Chrj^sostomus,  wie  bei  Origenes,  ol  TrXrjatov  (Mx. 
253  C.,  £p[i.  5),  soweit  sie  uns  etwas  Böses  getan  haben. 
Cyrill  und  Gregor  sagten  ol  TieXa?. 

Das  Verhältnis  von  göttlicher  und  menschlicher  Vergebung 
zerfällt  bei  Chrysostomus  nach  dem  Doppelspruche  Jesu 
Mt  6  14  15  in  die  bekannten  zwei  Teile:  Vergebt  ihr,  dann  wird 
euch  auch  vergeben.  Vergebt  ihr  nicht,  dann  wird  euch  auch 
nicht  vergeben.  Über  die  letztere  Hälfte  führt  er  aus,  daß 
die  Gotteskindschaft  des  Christen  die  Forderung  eines  gott- 
ähnlichen Wandels  stelle,  daß  also  speziell  das  Kind  eines  so 
menschenfreundlichen  Vaters  schlechthin  auch  versöhnlich  sein 
müsse  (Mx.  254  E.).  Wer  nicht  vergibt,  zeigt,  daß  er  Gottes 
Kind  nicht  sein  will,  und  hat  daher  keine  Vergebung  zu  er- 
warten. Das  ist  Gregors  Gedanke,  auf  die  andere  Kindschafts- 
vorstelluno-  bei  Chrvsostomus  übertrao;en.  Aber  Chrvsostomus 
kennt  auch  andere  Begründungen  für  den  Satz,  daß  Nicht- 
vergeben  Mchtvergeben  nach  sich  zieht.  Es  widerspricht  auch 
nach  seinem  Empfinden  dem  einfachsten  Rechtsgefühl,  daß 
einer  die  Gnade  selbst  empfängt,  die  er  anderen  verweigert, 
und  daß  er  sie  von  dem  Gott  erbittet,  dessen  Versöhnlichkeits- 
gebot er  eben  mit  Füßen  tritt  (Tiepl  xaxavu^swc  I.  5.  [Mg.  47, 
400],  20.  Säulenrede,  Abs.  6  [Mg.  49/50,  207],  2.  Hom.  Tisp: 
xfj?  'iGuSa  Tipoo.,  Abs.  6  [Mg.  49/50,  390],  £:;  Euxpo-tov,  Abs.  5 
[Mg.  51/52,  396],  Auch  das  sind  Gedanken,  die  wir  schon 
bei  Origenes  angedeutet  und  bei  Gregor  ausgeführt  fanden. 
Eigenartig  dagegen  sind  folgende  zwei  Beweisführungen  bei 
ChrA'SOstomus :  1.  Gott  konnte  dem  Menschen  auch  vergeben, 
ohne  daß  dieser  selbst  seinem  Nächsten  vergab,  aber  er  knüpfte 
seine  Vergebung  an  jene  Bedingung,  um  den  Menschen  wohl- 
tätig zu  Versöhnlichkeit  zu  erziehen  (Mx.  253  C).  Davon 
läßt  er  sich  auch  nichts  abhandeln,  wie  jener  versuchte,  der 
immer  nur   die   erste  Hälfte   der  5.  Bitte   sprach  (20.  Säulen- 


62  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

rede,  a.  a.  0.).  2.  AVenn  wir  unversöhnlich  sind  und  beten: 
Vergib  uns  wie  wir  vergeben,  dann  bitten  wir  Gott  damit, 
uns  ebensowenig  zu  vergeben,  wie  wirs  selbst  tun,  ein  rein 
dialektischer  Kniff  (20.  Säulenrede,  a.  a.  0.,  9.  Honi.  uepi 
[xsTav.  xat  eö/.  [Mg.  49/50,  346],  äx^oyai  47  gg.  Ende  [Mg.  63, 
899]).  Bei  diesen  Gedanken  findet  natürlich  das  Gleichnis 
vom  Schalksknecht,  wie  bei  Origenes  und  Gregor  öfters  Er- 
wähnung (Mt.  253  B.  in  dem  Wort  6  6[xo5oOXo?;  39.  (38.)  Hom. 
zu  Joh.,  Abs.  4  [Mg.  59,  227],  3.  Säulenrede,  Abs.  1  [Mg. 
49/50,  48],  20.  Säulenrede  [a.  a.  0.],  Schalksknechtshomilie, 
Abs.  7  [Mg.  51/52,  29],  Hom.  zu  Rö  12  20,  Abs.  7  [Mg.  51/52, 
185]). 

Auf  der  jjositiven  Seite  stellt  Chrysostomus  zunächst 
einmal  ein  Nacheinander  der  beiden  Faktoren  fest,  T:ap'  ■fjjxöv 
■^  apxYj  (Mx.  253  A.,  auch  39.  (38.)  Hom.  zu  Joh.  a.  a.  0.). 
Die  Tatsache  unsers  Vergebens  zieht  dann  aber  unbedinoft  die 
göttliche  Vergebung  nach  sich.  Zwar  hat  Chrysostomus 
gelegentlich  ein  Gefühl  dafür,  daß  hierbei  alles  auf  Gottes  freier 
Güte  ruht,  6  ^eö;,  {jLrjSevö;  y^peiocv  eysc  (IVIx.  253  B.);  „nicht 
wegen  der  Natur  der  Sache  an  sich,  sondern  wegen  der  Güte 
dessen,  der  das  Versprechen  gab",  erfolgt  die  Vergebung 
Gottes  (ixX.  40,  gg.  Ende  [Mg.  63,  863]).  Aber  diese  Zusage 
ist  doch  so  fest  und  unbedingt  giltig,  daß  man  mit  ihr  wie 
mit  einer  mathematischen  Größe  rechnen  kann,  sie  ist  die 
c^^vJk-f]  der  göttlichen  cpiXav^pwTtia  (ebda.).  Ganz  mechanisch 
zieht  unser  Vergeben  die  göttliche  Vergebung  nach  sich.  Gott 
hat  mit  seinem  Versprechen  die  Entscheidung  in  unsere  eigene 
Hand  gelegt,  sich  also  ausgeschaltet,  wir  sind  y.uptoi  x'^s 
7.p(aews  xYj;  T^epl  yjixöv  (Mx.  253  A.,  Hom.  39  (38)  zu  Joh., 
a.  a.  0.),  wir  schenken  uns  selbst  die  eigene  Verzeihung 
(ip\i..  5),  vergeben  uns  selbst  (Johshom.  a.  a.  0.)  und  befreien 
uns  damit  vom  Gericht  (Hom.  über  Rö  12  20,  a.  a.  0.). 

Schließlich  richtet  sich  soffar  der  Umfanor  der  o-öttlichen 
Vergebung  nach  dem  Maße  unseres  eignen  Vergebens:  Je 
reichlicher  —  desto  reichlicher.  Das  w;  der  Bitte  wird  also 
im  buchstäblichsten  Sinne  ausgelegt.  Wir  geben  selbst  das 
|jL£xpov  zi]c,  (fiXavö-pwTüia;  an  (k.p\x.  5,  Hom.  39  (38)  zu  Joh., 
a.  a.  0.,  9.  Hom.  usp:  [lexav.  xal  s^x-,  a.  a.  0..  Hom.  zu  Rö  12  20, 
a.  a.  ü.)  und  wollen  xoaGuxov  Xaßslv,  Saov  xoXq.  -nXyjafov  izxpi- 
5(0{JLev  (^p|x.  5).    Je  größere  Sünden  wir  vergeben,  desto  größere 


Chrysostomus.  63 

Verzeihung  bekommen  wir  selbst  (zu  Rö  12  20,  a.  a.  ().).  Chry- 
sostomus steigert  das  dort  zu  der  Paradoxie:  SawTisp  äv  y^(xXs.T:6i- 
xepa    6    i)(9"p6g    ^pyaaYjxat    y.a.v.di,    xoaouxw    [jisi^^dvwg   Buepyzxel. 

Jedoch  macht  sich  daneben  auch  die  andere  Betrachtungs- 
weise geltend,  daß  die  göttliche  Vergebung  ein  ganz  anderes 
Maß  hat,  als  die  menschliche.  Das  findet  seine  Stütze  in 
dem  Verhältnis  der  100  Denare  und  10000  Talente  im  Gleich- 
nis Yom  Schalksknechte.  Die  Sünden  unserer  Nächsten  gegen 
ims  haben  lange  nicht  dasselbe  zu  bedeuten,  wie  unsere  Sünden 
gegen  Gott  (Mx.  253  C,  20.  Säulenrede,  a.  a.  0.,  Schalksknecht- 
hom.,  a.  a.  0.).  Es  ist  daher  unser  eigner  Vorteil,  wenn  wir 
versöhnlich  sind  (3.  Säulenrede,  a.  a.  0.),  denn  Gott  vergibt 
uns  quantitativ  und  qualitativ  viel  mehr,  als  wir  unsern 
Schuldnern.  Aber  er  rechnet  überhaupt  nicht  kleinlich,  sondern 
av  ä'-^%;,  öAiya  xw  auv5ouXw,  rcavxa  001  a.'^lri'^iv  ccjxö;,  (20.  Säulen- 
rede, a.  a.  0.  p.  206).  Im  Grunde  stellt  aber  diese  Betrach- 
tungsweise zu  der  andern  keinen  Gegensatz  dar,  insofern 
auch  jene,  die  ein  gleiches  Maß  des  Vergebens  annahm,  stets 
auf  völliges  Vergeben  hinarbeitete. 

Keiner  seiner  Vorgänger  hat  auch  hier  stärker  auf  Chryso- 
stomus eingewirkt  als  Gregor.  Was  er  über  die  Gewißheit 
der  göttlichen  Antwort  auf  unser  Vergeben,  ja  über  die 
mechanisch  in  unserer  Hand  liegende  Entscheidung  gesagt 
hatte,  findet  sich  bei  Chrysostomus  wieder.  Doch  muß  betont 
werden,  daß  dieser  manche  der  gröbsten  Auswüchse  der  Gregor- 
schen  Rhetorik  abgeschnitten  hat.  Er  schiebt  den  Rechts- 
gedanken nicht  so  stark  in  den  Vordergrund,  und  er  wieder- 
holt vor  allen  Dingen  nicht  den  anstößigen  Gedanken  der 
Nachahmung  unsers  Vergebens  durch  Gott.  Er  hat  vielmehr 
• —  und  hier  schlägt  der  Einfluß  Cyrills  durch  —  wenigstens 
gelegentlich  ein  Gefühl  dafür,  daß  die  göttliche  Vergebung  in 
seinem  aus  Güte  gegebenen  Versprechen  fest  genug  verankert 
ist.  Ebenso  setzt  er  nicht  der  Tatsache,  daß  unsere  Sünden 
gegen  Gott  viel  schwerer  sind  als  die  unserer  Schuldner  gegen 
uns,  den  Satz  entgegen,  daß  Gott  uns  doch  auch  so  und  so 
viel  an  sittlicher  Kraft  überlegen  sei.  Es  entspricht  das  der 
verschiedenen  Tendenz  beider.  Gregor  hat  ein  Interesse  daran, 
den  Menschen  möglichst  groß  erscheinen  zu  lassen,  er  schraubt 
ihn  zur  Gottgleichheit  empor:  wenn  er  Sünde  vergibt,  übt  er 
ein  göttliches  Majestätsrecht.     Er  sucht   also   seine  Hörer  zur 


64  G.  Walther,  Griech.  Vateiunser-Exegese. 

Versöhnlichkeit  zu  erziehen,  indem  er  ihnen  vorstellt,  daß  das 
etwas  göttlich  großes  sei.  Chrysostomiis  dagegen  sucht  seinen 
Zuhörern  ihre  Unbedeutendheit  und  Nichtigkeit  gegenüber  dem 
großen  Gott  nahezubringen  und  das  Vergeben  leicht  zu  machen, 
indem  er  ihnen  zeigt,  um  was  für  Kleinigkeiten  im  Vergleich 
mit  der  göttlichen  Vergebung  sichs  doch  dabei  handelt. 

Nicht  von  Gregor  abhängig,  sondern  offenbar  selbständig 
hat  Chrysostomus  den  Maßstab:  je  reichlicher  —  desto  reich- 
licher, ausgebildet.  Da  er  sachlich  nichts  neues  sagt,  wird 
man  ihm  mehr  homiletische  als  exegetische  Bedeutung  zu- 
schreiben dürfen. 

Was  die  5.  Bitte  im  ganzen  will,  faßt  £p{i.  5  am  besten 
zusammen:  sie  will  die  Tugendstarken  zur  Demut  mahnen, 
den  aus  der  Taufgnade  Gefallenen  den  Weg  zur  Vergebung 
zeigen  und  endlich  eine  Mahnung  zur  Versöhnlichkeit  sein. 
Das  zweite  und  dritte  entspricht  den  Angaben  bei  Gregor, 
das  erste  ist  eigner  Gedanke  von  Chrysostomus.  Von  der 
dritten  Angabe  Gregors,  der  Vergottung  des  Menschen,  findet 
sich  nur  eine  Spur,  wenn  Chrysostomus  Mx.  254  E.  sagt, 
nichts  mache  den  Menschen  Gott  so  ähnlich,  wie  das  willige 
Verzeihen. 

Die  6.  und  7.  Bitte  behandelt  Chrysostomus  in  beiden 
Erklärungen  im  Zusammenhang  und  gibt  schon  dadurch  zu  er- 
kennen, daß  er  sie  für  eine  Einheit  hält,  wie  Origenes  und 
Gregor.  Nach  Mi.  253  D.  ist  die  Versuchung  ein  dywv  mit 
dem  Bösen.  Sie  ist  als  solcher  ein  Abschnitt  im  Verlaufe  des 
äa~ovooc  7i6Xe[ioz,  den.  einerseits  der  Böse  aus  reiner  Bosheit 
gegen  uns  führt,  und  den  wir  andrerseits  ebenso  unablässig 
gegen  ihn  zu  führen  verpflichtet  sind.  Wie  jeder  Krieg  kennt 
aber  auch  dieser  Pausen,  und  da  wir  an  sich  viel  zu  schwach 
sind,  dem  Gegner  standzuhalten,  so  sollen  wir  uns  nicht  leicht- 
sinnig in  den  dywv  hineinstürzen  (£7:'.7irj5av),  sondern  gegebenen- 
falls f^aoyd^eiv,  ja  sogar  den  Kampf  mit  den  Worten  der 
6.  Bitte  -apaiTeta^-a:.  Ist  aber  der  Kampf  uns  bestimmt, 
dann  gilt  es  Yevvaiwg  iatavat,  und  dann  fehlt  es  uns  auch 
nicht  an  einem  glänzenden  Siege  (seil,  mit  Gottes  Hilfe) 
(Mx.  253  D.E.  254  A.). 

Damit  ist  der  Tiecpaajxöc  als  die  einzelne  sittliche  An- 
fechtung gekennzeichnet,  die  vom  Teufel  ausgeht.  Neben 
dem   dywv   geht   aber  der  allgemeine  Kriegszustand  (TiöXejio?) 


Chrysostomus.  65 

weiter  und  äußert  sich  von  Seiten  des  Bösen  in  allerhand 
Bosheiten  gegen  den  Menschen.  Alles  Unrecht,  das  wir  von 
andern  Menschen  erleiden,  ist  uns  eigentlich  vom  Teufel  zu- 
gefügt, ja  er  ist  schließlich  navTwv  cdxioc  xaxwv.  Nicht  nur 
alles  Böse,  sondern  überhaupt  alles  Übel  in  der  Welt  geht 
auf  den  Teufel  zurück. 

In  lp{i.  5  nennt  nun  Chrysostomus  auch  alles  dies,  was 
liöchstens  eine  mittelbare  Beziehung  zur  sittlichen  Versuchung 
hat,  insofern  sich  eine  solche  daraus  entwickeln  kann,  mip<xa[i6c,. 
Denn  die  Bitte  beziehe  sich  auf  die  noXXoc  Xuizr^pi,  die  uns 
Teufel  und  böse  Menschen  antun,  auf  die  ßXa^T^,  die  der 
Leib  der  Seele  antut,  auf  die  ö50vai  und  d^^O-r^SövEj  durch 
Krankheiten.  Alle  diese  XuTiYjpa  zusammen  bilden  den 
:r£ipaa[iöc,  von  dem  befreit  zu  werden  wir  in  der  6.  Bitte 
beten.  Ganz  deutlich  ist  damit  der  Begriff  über  die  sittliche 
Sphäre  hinaus  auf  alles  Leid  des  Lebens  ausgedehnt.  In 
der  Hom.  zu  Mt.  26  39,  Abs.  4  (Mg.  51/52,  39)  gibt  Chry- 
sostomus das  Wort  geradezu  mit  y.hbu'^oc  oder  iTiißouAai  wieder. 
Er  hat  somit  einen  engeren  und  einen  w^eiteren  Begriff  von 
7:etpaap,6c. 

Damit  hängt  eine  weitere  Zwiespältigkeit  zusammen. 
Während  Chrysostomus  den  Bösen  in  Mi.  L^rheber  aller  xaxa 
nannte,  zählt  er  ihn  an  anderen  Stellen  nur  als  eine  unter 
den  verschiedenen  Ursachen  der  XuTiYjpa  oder  7itipa.a\i.oi  auf. 
So  wenn  es  in  tp\i.  5  heißt,  viel  Leid  gehe  vom  Teufel  aus, 
viel  von  bösen  Menschen,  viel  vom  Körper,  viel  von  Krank- 
heiten. Ebenso  wenn  er  zu  Ps.  139  (140),  Abs.  1  (Mg.  55,  419) 
sagt,  hinter  bösen  Menschen  verstecke  sich  TioXXaxic,  also  doch 
wohl  nicht  immer,  der  Teufel.  Auch  begegnet  uns  in  den 
folgenden  Sätzen  dort,  nachdem  eben  von  einem  a'^öpYj-og 
7reipaa{iöc  im  strengen  Sinne  die  Rede  gewesen  ist,  eine  der 
£p|x.  entsprechende  Aufzählung  von  Z£cpaa|JLOi,  z.  B.  Tzoc^-q 
a6)\ioi.xoQ.  voaTQ^axa  '|'x/fjC,  eTttßcjXal  dv9-pW7iü)v,  Tisvia,  Saijxovcov 
'^dXayY^c  und  StaßöXou  [xavia,  wo  wieder  der  Teufel  nur  als 
eine  Ursache  neben  andern  genannt  ist,  unter  denen  besonders 
böse  Menschen  und  Dämonen  in  Betracht  kommen.  Es  zeigt 
sich  nun,  daß  gerade  da,  wo  Chrysostomus  von  der  Versuchung 
im  strengen  Sinne  redet,  in  Mx.,  auch  die  Vorstellung  auf- 
taucht, der  Tiovrjpd^  sei  Urheber  alles  Übels,  w^ährend  er  bei 
dem   weiteren  Begriff  nur   als    eine   von  vielen  Ursachen   auf- 

T.  u.  U.  14:  Walther.  5 


QQ  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

tritt.  Hier  liegen  also  zwei  A-erschiedene  Erklärimgsweisen 
bei  Chrysostomus  vor. 

Ist  ixetpaajxo^  das  sittliche  Ringen  mit  dem  Bösen,  dann 
„führt  Gott  uns  nicht  hinein",  wenn  er  es  nicht  zu  dem  dywv 
kommen  läßt,  denn  er  hat  auf  alle  Fälle  das  oberste  ßouXrjiJia 
darüber.  Auch  der  TcovYjpoc;  ist  ihm  unterworfen  und  kann 
ohne  l^ouaia  von  Gott  (Mx.  254  C),  oiy^a  xoö  xeAS'jaavxos 
(epji.  5)  nicht  einmal  in  die  Schweine  fahren  (cf.  Mt.  8  soff.), 
geschweige  denn  uns  überwältigen.  Da  wir  aber  auch  sonst 
noch  viel  von  dem  uovYjpo^  auszustehen  haben,  so  fügt  die 
7.  Bitte  den  Wunsch  der  völligen  Befreiuns^  von  ihm  hinzu: 
„Laß  uns  nicht  in  die  Versuchungen  des  Bösen  geraten, 
sondern  errette  uns  überhaupt  von  ihm",  und  damit  von 
allem  Übel  in  der  Welt. 

Ist  Tietpaajiöc;  das  Leid  der  Welt,  so  ist  dies  Ziel  schon 
eher  erreicht.  Bereits  die  6.  Bitte  erfleht  dann  unsere  Ver- 
schonung  damit,  die  dTiaAXayTj  xöv  Ssivwv,  wie  die  Hom.  zu 
Mt.  26  39,  Abs.  4  am  Ende  (Mg.  51/52,  40)  sagt.  Aber  dann 
ist  die  7.  Bitte  ziemlich  inhaltsleer.  Es  kommt  darauf  hinaus: 
„Laß  uns  nicht  in  Leid  geraten,  sondern  erlöse  uns  davon." 
Von  dem  TiovYjpög,  der  doch  dasteht,  bleibt  nur  die  allgemeine 
Erinnerung,  daß  er  eine  Hauptursache  von  Leid  ist. 

Beide  Erklärungen  erreichen  jedenfalls  das  Ziel,  darzutun, 
daß  die  6./7.  Bitte  auf  unsere  Befreiung  von  dem  Übel  in  der 
Welt  hinzielt. 

Besonders  erörtert  Chrysostomus  noch  die  Frage,  wie  der 
Teufel  zu  der  Bezeichnung  6  TiovYjpo;  kommet  Sie  sei  die  Folge 
seiner  maßlosen  und  grundlosen  Bosheit,  die  bei  ihm  aber 
nicht  etwa  eingepflanzte  Naturanlage,  sondern  frei  gewollt 
(iv.  Tipoatpeaeo);)  sei  (Mx.  254  A.,  Hom.  zu  Ps.  139  (140),  Abs.  1 
[Mg.  55,  419]).  Darum  ist  er  geradezu  ein  TiaxYjp  xtj;  TiovYjpi'ac 
geworden  (Ps.-Hom.  ebenda),  d.  h.  er  hat  die  Bosheit  in  die 
Welt  gesetzt. 

Wieder  überwiegt  in  diesen  Ausführungen  von  Chryso- 
stomus der  Einfluß  von  Gregor  den  der  andern.  Der  ganze 
Gedankenkomplex  vom  Tretpaaiiö?  als  dywv  mit  dem  Bösen, 
den  Gott  verhüten  soll,  und  das  Schweigen  von  dem  T:Eipaa\i.6<; 
als  Niederlage,  was  bei  Origenes  und  Cyrill  als  offizielle  Aus- 


1)  cf.  Chase,  The  Lord's  prayer,  p.  91,  Aum. 


Chiysostomus.  67 

legiing  galt,  zeigt  das.  Den  Anteil  Gottes  beschränkt  Cliryso- 
stomus  wie  Gregor  auf  sein  Zulassen  oder  Niclitzulassen.  Da- 
gegen hat  er  sich  die  oberflächlichen  Ausführungen  Gregoi's 
über  die  Vermeidbarkeit  der  Angriffe  des  Bösen  durch  Weit- 
fluclit- nicht  zu  eigen  o-eniacht.  Mit  der  Verallsremeineruno: 
des  7:£:paa[iÖ5  zu  Leid  steht  Cliiysostomus  allein.  Wohl  hatte 
auch  Ürigenes  seinerzeit  die  Allgemeinheit  der  7^£cpaa{Jtot  her- 
vorgehoben, aber  bei  ihm  waren  Reizungen  zur  Sünde,  was 
bei  Chrvsostomus  xaza  sind.  So  haben  auch  seine  Darleguno-en 
über  die  Urheberschaft  des  Leides  und  den  Sinn  der  ganzen 
Bitte  kein  Vorbild.  Besondere  Anklänge  an  Origenes  finden 
sich  in  der  Betonung  der  iSouaia,  die  der  Teufel  von  Gott  zu 
seinem  Werk  braucht.  Ganz  besonders  deutlich  ist  aber  bei 
der  Erklärung  des  Begriffes  TTOVYjpöc:  die  direkte  Entlehnung 
von  Origenes  zu  ersehen. 

Chrysostomus  kennt  nun  die  Doxologie  schon  als  Text- 
stück des  von  ihm  ausgelegten  Mt.evangeliums  (Mt.  253  D. 
254  B.C.,  §p[i.  5).  Er  erklärt  sie  im  Mx.  als  Ausdruck  tröst- 
licher Gewißheit  den  eben  erwähnten  7i£Lpaa[JLo{  gegenüber^. 
Schließlich  muß  die  ßaacXsia  doch  Gott  bleiben,  der  Böse  ist 
nur  sein  geduldeter  Diener.  Ebenso  ist  die  Suvajitg  Gottes 
ewiges  Eigentum,  das  er  uns  zur  Stärkung  im  Kampfe  mit- 
teilt, und  endlich  die  Sd^a,  die  für  uns  in  Freiheit  von  Leid 
imd  in  Rulim  als  tapfren  Kämpen  besteht.  Das  alles  nimmt 
dann  niemals  ein  Ende. 

Allgemeiner  faßt  ip\L.  die  Doxologie,  wenn  Chiysostomus 
sie  da  auf  das  ganze  Gebet  bezieht.  Es  gibt  allen  den  vor- 
getragenen Bitten  einen  verheißungsvollen  Abschluß,  wenn  man 
sich  vergegenwärtigt,  daß  der  Gott,  zu  dem  man  gesprochen 
hat,  der  allmächtige  König  des  Alls,  in  unvergänglicher  Herr- 
lichkeit ist,  in  dessen  Macht  also  die  Erfüllung  aller  Bitten  liegt. 
Zusammenfassung.  Das  Vaterunser  nach  Chiysostomus 
würde  lauten: 

Du  unser  gr<^)ßer  Woliltäter  aus  lauter  Liebe,  der  du  droben 
im  reinen  Himmel  zu  finden  bist, 

Dein  Name  werde  durch  unsern  frommen  Wandel  gepriesen. 

Dein  seliges  Herrlichkeitsreich  erscheine. 

Bis    dahin   aber   hilf   uns   durch    engelgleich    vollkommenen 
Wandel   die   Erde   immer  schon   zimi  Himmel  machwi. 

1)  cf.  Cliase,  The  Lords  prayer,  p.  171,  Anra.  3. 


68  G.  Waltlier,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Da    das    nur    durch    äußerste    Anspruchslosigkeit    erreichbar 
ist,   so  gibt  uns  zwar  das  unentbehrliche  Brot  für  den 
heutigen  Tag;  um  mehr  aber  bitten  wir  nicht. 
Und  vergib   uns   unsere   Schulden   in   eben   dem  Maße,  wie 

wir  auch  gegen  unsern  Nächsten  versöhnlich  sind, 
Und    laß    uns   möglichst    nicht    in    Kämpfe    mit    dem   Bösen 
geraten,   sondern   ])efreie   uns  überhaupt  von  ihm,  dem 
Urheber  alles  Übels  (nach  Mx.). 
Und  laß  uns  möglichst  nicht  in  Leid  geraten,  sondern  befreie 

uns  davon   (nach  ip\i.). 
Denn  du  hast  die  oberste  Herrschaft  in  der  Welt,  du  kannst 
uns   deine   Kraft    spenden    und    du    schenkst   uns    auch 
endlich   den  Ruhm   tapferer  Kämpfer  in  alle  Ewigkeit. 
Amen. 
Da    das    Material    zur   Vaterunser-Erklärung    bei    Chiyso- 
stomus  im   Gegensatz   zu   den   einheitlichen  literarischen  Pro- 
dukten der  vorhergehenden  Kirchenväter  in  zwei  größere  Er- 
klärungen und  38  Einzelstellen  zerfällt,  so  lenkt  sich  der  Blick 
zunächst  auf  deren  gegenseitiges  Verhältnis. 

Mx.  und  kp\i.  sind  nicht  in  allen  Punkten  inhaltlich  gleich. 
Mx.  erklärte  heiligen  als  durch  den  Wandel  preisen,  epjJL.  als 
huldigen;  Mx.  gab  inioüoioc,  durch  e'^Vj^ispos,  kp\i.  durch  inl 
xYjv  oöatav  xoO  acofxaxos  Staßatvwv  wieder;  Mx.  betonte  am 
Tietpaa^oi;  besonders  den  dywv  mit  dem  TiovYjpoc;  und  machte 
diesen  zugleich  zum  Urheber  aller  xaxa,  k.p\i.  bot  die  Erklärung 
des  7i£ipaa|xö$  durch  alle  AuuYjpa  in  der  Welt  und  zeigte  den 
TiovYjpos  als  einen  atxto?  unter  andern ;  Mx.  bezog  die  Doxologie 
nur  auf  die  6.  und  7.  Bitte,  kp\i.  auf  das  ganze  Vaterunser. 
Aber  diese  Unterschiede  verschwinden  neben  der  erdrückenden 
Fülle  der  gleichen  Gedankengänge  beider  Erklärungen,  sodaß 
man  nicht  daran  denken  kann,  eine  von  beiden  —  und  das 
hieße:  die  epp..  —  dem  Chrysostomus  abzusprechen.  Wer  wie 
er  einer  so  reichen  exegetischen  Tradition  gegenüberstand, 
hatte  die  Auswahl  und  durfte  auch  nach  der  ganzen  kritischen 
Stellung  seiner  Zeit,  die  überall  Wahrheitsmomente  sah,  ohne 
deren  widerspruchslosen  Ausgleich  zu  fordern,  bald  der  einen, 
bald  der  andern  Autorität  folgen.  Es  sei  gleich  hier  fest- 
gestellt, daß  in  den  erwähnten  Differenzpunkten,  die  vorbild- 
lose Erklärung  der  Doxologie  abgerechnet,  Mx.  inmiei-  mit 
Gregor  von  Nyssa  geht,  von   ihm  also  besonders  stark  beein- 


Chrysostoraus.  69 

flnßt  sein  muß,  während  £p|i.  mehrfach  selbständig  scheinende 
Gedanken  bringt,  bei  der  4.  Bitte  unter  teihveiser  Eiiiwii-kung 
von  Origenes  und  Cyrill. 

Beide  Erklärungen  sind  also  mit  Sicherheit  literarische 
Produkte  von  Chrvsostomus.  Welche  von  beiden  die  ältere 
ist,  läßt  sich  aus  Form  und  Inhalt  nicht  sicher  entnehmen. 
Im  großen  und  ganzen  ist  die  Zahl  der  erörterten  Probleme 
in  beiden  gleich.  Mx.  hat  folgende  Einzelheiten  mehr:  die 
ausdrückliche  Beziehung  der  3.  Bitte  auf  die  ganze  Erde,  eine 
Widerlegung  der  Einwände  gegen  die  Versöhnlichkeit  bei  der 
5.  Bitte  und  die  Erörterung  über  das  Wort  TrovYjpo^  bei  der 
7.  Bitte,  dazu  ausdrückliche  Überleitungen  zur  1.  und  2.  Bitte; 
£p[x.  hat  nur  die  Andeutung  eines  Überganges  von  der  4.  zur 
5.  Bitte.  Dieses  Plus  kann  man  aus  dem  kommentarmäßigen 
Charakter  von  Mx.  erklären,  wovon  nur  eigentümlich  absticht, 
daß  bei  eutouato;  gerade  die  epiJi.  die  eigentlich  wissenschaft- 
liche Ableitung  hat.  Nach  diesem  Sachbefund  erscheint  eine 
Erweiterung  —  und  Gregorianisierung  —  der  ip\x.  zu  Mx. 
wahrscheinlicher  wie  die  Vereinfachung  von  Mx.  zu  ipji.  Auch 
ist  ja  nicht  ausgeschlossen,  daß  beide  unabhängig  von  einander 
aus  den  im  wesentlichen  gleichen  Quellen  geflossen  sind,  Mx. 
mit  stärkerem  gregorianischen  Einschlag.  Da  die  Chronologie 
der  Homilien  bei  Chrvsostomus  „noch  im  Argen  liegt"  *,  ist 
hier  über  Wahrscheinlichkeiten  nicht  hinauszukommen.  So 
kann  es  auch  nichts  weiter  als  eine  Vermutung  sein,  die  durch 
die  häufige  Zitierung  des  Vaterunsers  in  der  Erklärung  der 
Psalmen  112(113) — 149  nahegelegt  wird,  daß  Chrvsostomus 
beide  gleichzeitig  ausgelegt  hat. 

Es  ist  nun  aus  der  vorhergehenden  Untersuchung  schon 
hinreichend  klar  geworden,  daß  Chrvsostomus  die  Erklärungen 
von  Origenes,  Cp'ill  und  Gregor  gekannt  hat.  Was  alle  vier 
gemeinsam  haben,  ist  nicht  viel  und  kommt  nicht  über  All- 
gemeinheiten hinaus.  Es  ist  die  Gottähnlichkeit  des  Menschen, 
die  Himmelsvorstellung,  die  völlige  Heiligkeit  des  Namens 
Gottes  an  sich,  die  Gleichstellung  von  Schuld  und  Sünde,  die 
darauf  fußende  Notwendigkeit  der  Vergebuno-  die  Forderunü: 
der  Versöhnlichkeit  und  das  aus  ihr  folgende  Recht  auf 
Vergebung,    sowie    die    landläufige    Erklärung   von    r.s.ipa.a\i6c, 


1)  „Chrysostornus"  (Preuschen)  iu  P.R.E.  ■^  4,  103,  lOf. 


70  G.  Walther,  Griecli.  Vaterunser-Exegese. 

durch  aycbv  mit  dem  TiovYjpös-  Aber  gerade  erst  die  Einzel- 
heiten können  die  literarische  Abhängigkeit  erhärten.  Da  zeigt 
sichs,  daß  Chr^^sostomus  bald  mit  diesem,  bald  mit  jenem 
Vorgänger  geht.  Im  Anfang  schließt  er  sich  mehrfach  stark 
an  Cvrill  an,  die  grundlegende  Auffassung  des  Vaterverhält- 
nisses Gottes  und  die  gesamte  Anschauung  vom  Reiche  Gottes 
als  der  eschatologischen  Größe  mit  ihren  Folgen  für  unser 
Leben  hat  er  von  ihm  im  Gegensatz  zu  Origenes  und  Gregor 
übernommen.  Auch  die  Zitierung  von  Ps.  103  (102)  bei  der 
dritten  Bitte  hat  nur  in  Cvrill  ein  Vorbild.  Oft  bringt  Chry- 
sostomus  wieder  allein  Fragestellungen  von  Origenes,  besonders 
exegetische  Einzelzüge,  z.  B.  die  Entstehung  der  Kindschaft 
durch  Christi  Erscheinen,  die  ÄO£>/föxYj$  der  Gotteskinder  mit 
Christus,  die  Mitwirkung  des  Geistes  bei  der  Kindschaft,  die 
verallgemeinerte  Exegese  von  irzl  xfjc  y'^i??  ^^®  Möglichkeit 
eines  Streites  im  Himmel,  die  Erlaubnis  Gottes  an  den  Teufel, 
die  Ableitung  von  Ti&vYjpö;.  Aber  am  nachhaltigsten  ist 
Chrysostomus  doch  von  Gregor  von  Nvssa  beeinflußt.  "Was 
dieser  über  das  Vaterhaus  im  Himmel,  über  das  Heiligen  des 
Namens  Gottes,  über  unsere  Tugend  als  Ziel  des  Willens 
Gottes  und  die  Notwendigkeit  der  Gnade  dazu,  über  den  Zu- 
sammenhang der  3.  und  4.  Bitte,  über  den  äpzoc,  iiiioüoioc.  -=■ 
£:pyj[JLepO(;,  über  aigtJispov  als  heute  im  strengen  Sinne,  über  die 
Mahnung  der  4.  Bitte  zu  äußerster  Bedürfnislosigkeit  und  das 
Recht,  um  irdische  Gaben  zu  bitten,  über  die  Erbsünde,  über 
die  Sicherheit  der  göttlichen  Vergebung  und  über  den  7:£ipaa|JLÖ; 
als  Angi-iff  des  Bösen  und  Gottes  Anteil  dabei  ausgeführt 
hatte,  hat  Chrysostomus  den  andern  Auslegungen  vorgezogen. 
Aber  gerade  diese  ^Mannigfaltigkeit  der  Beziehungen  be- 
weist ein  selbständiges  Urteil  bei  Chrysostomus.  Er  folgte 
keinem  blindlings.  Aber  er  gestaltete  auch  Übernommenes 
selbständig  um.  Wo  er,  wie  in  der  Anrede  und  2.  Bitte,  die 
Cyrillsche  Grundanscliauung  hat,  übernimmt  er  nichtsdesto- 
weniger auch  Gregors  Gedanken  und  gibt  ihnen  eine  neue 
P'orm.  In  dem  Bestreben,  Übergänge  zwischen  den  einzelnen 
I litten  herzustellen,  trifft  er  mit  Gregor  zusammen  (Anrede  bis 
1.  Bitte,  1.— 2.  Bitte,  3.-4.  Bitte,  4.-5.  Bitte),  aber  nur  im 
letzten  Falle  stellt  er  den  Zusammenhang  durch  den  gleichen 
Gedanken  her.  Auch  sahen  wir  schon,  daß  er  Auswüchse 
gregorianischer  Dialektik,    l)esonders  in  der  5.  Bitte,  mit  Takt 


Chiysostomus.  71 

abschneidet.  Er  kann  eben  doch  trotz  aller  Belesenheit  in 
Origenes  und  Gregor  die  antiochenische  Schulung  nicht  ver- 
leugnen. 

Endlich  fehlen  auch  ganz  unabhängige  Äußerungen  bei 
Chrvsostomus  nicht.  Die  Ausbeutung  des  fjixwv  der  Anrede 
in  sozialem  Sinne,  der  Gedanke  des  Huldigens  bei  der  1.  Bitte, 
die  Einführung  der  Taufe  als  terminus  a  quo  der  Sünden- 
freiheit in  der  5.  Bitte,  der  pädagogische  und  der  dialektische 
(irund  für  die  Abhängigkeit  der  Sündenvergebung  von  unserem 
Vergeben,  der  ^Maßstab:  je  reichlicher  —  desto  reichlicher, 
die  Mahnung  zur  Demut  als  Sinn  der  5.  Bitte  für  die  Starken, 
die  Erklärung  des  -sipaajjtog  als  Leid  finden  sich  bei  keinem 
der  hier  behandelten  Vorbilder.  Grundlegende  Punkte  sind 
dies  freilich  meistens  nicht. 

Daß  nach  diesem  ganzen  Befund  Chrvsostomus  keine 
starke  exegetische  Individualität  war,  ist  zugegeben.  Aber 
die  Selbständigkeit,  die  man  billigerweise  bei  der  begrenzten 
Auslegungsmöglichkeit  eines  gegebenen  Textes  erlangen  kann, 
hat  er  durchaus  besessen,  die  Selbständigkeit  der  Auswahl 
nach  eigenen  Gesichtspunkten  und  der  freien  Umgestaltung, 
sowie  die  gelegentlicher  Einführung  eigner,  neuer  Gedanken. 
Man  kann  daher  seine  Charakteristik  nicht  aus  so  markanten 
Zügen  zusammensetzen,  wie  z.  B.  die  des  Origenes,  aber 
immerhin  einiges  zusammentragen.  Seine  exegetische  Methode 
ist  noch  stärker  als  die  Gregors  von  dem  Gedanken  beein- 
flußt, daß  das  Vaterunser  ein  Lehrgebet  ist,  und  daß  man 
daher  jedes  einzelne  Wort  und  jeden  Zusammenhang  auf  die 
Goldwage  legen  und  auf  seinen  Lehrgehalt  untersuchen  müsse. 
Mit  dieser  dogmatischen  Methode  hebt  er  nun  freilich  den 
Vorzug,  der  in  dem  Zurücktreten  der  Allegorie  bei  ihm  liegt, 
einigermaßen  wieder  auf. 

Die  Stimmung,  die  in  seinen  Ausfühiimgen  herrscht,  ist 
optimistisch,  man  könnte  fast  sagen:  heiter.  Er  stellt  das 
Christentum  in  seinen  Lichtseiten  lockend  dar:  Gott  der  große 
Wohltäter,  dessen  Vatername  unser  Trost  ist,  das  Reich  der 
ewigen  Seligkeit,  nach  dem  unsere  Sehnsucht  sich  regt,  die 
Gleichheit  mit  den  Engeln,  die  wir  hier  schon  zu  erreichen 
hoffen  dürfen,  die  Bedürfnislosigkeit,  die  uns  „reisefertig  und 
leichtbeschwingt"  (s'j^wvou?  y.ac  l;rT£pto|Ji£V&uc,  Mx.  252  B.) 
macht,  die  stete  Möglichkeit  der  Sündenvergebung  auch  nach 


72  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser  Exegese. 

der  Taufe,  die  uns  vor  Verzweiflung  bewahrt,  die  verhältnis- 
mäßige Gering-fügigkeit  der  Sünden  unserer  d'^etXItat,  die  uns 
das  Vergeben  leicht  macht,  der  Triumph  über  die  Ohnmacht 
des  Teufels,  den  wir  mit  Gottes  Hilfe  glänzend  besiegen 
können,  das  alles  sind  solche  Züge.  Daneben  fehlt  aber  aucli 
nicht  der  Ernst,  mit  dem  er,  der  Freund  der  Askese,  die 
Bedürfnislosigkeit  einschärft,  mit  dem  er  die  Unversöhnlichkeit 
verurteilt  und  die  eigne  Hilflosigkeit  des  Menschen  dem 
Tzeipa.Q\L6q  gegenüber  beleuchtet.  Sicher  hat  die  Rücksicht  auf 
homiletische  Wirksamkeit  des  öfteren  seine  Exegese  beeinflirßt. 


6.  Cyrill  von  Alexandria. 

Von  Cyrill  von  Alexandria  ist  eine  ausführliche  Erklärung 
des  Vaterunsers  in  seinem  Lukaskommentar  (Mg.  72,  685 ff.) 
erhalten,  außerdem  15  einzelne  Stellen,  an  denen  er  das 
Vaterunser  zitiert. 

Zur  Anrede.  Sie  lautet  in  seinem  Lukastext  anscheinend 
uaxsp  rjixGiv,  jedenfalls  erklärt  er  den  Zusatz  6  iv  xol;,  oupoLvoiQ 
im  Lukaskommentar  {=  Ar.)  nicht  mit  einem  Wort. 

Unsere  Kindschaft  besteht  in  dem  Rechte,  Gott  Vater  zu 
nennen,  den  Rang  von  Söhnen  einzunehmen,  d.  h.  uns  als 
Objekte  der  göttlichen  Liebe  zu  fülüen,  denn  die  Kindschaft 
ist  ein  großes  Gnadengeschenk  und  eine  hohe  Ehre  (Ax. 
261  D.  A.  C.).  Das  ist  die  religiöse  Kindschaftsvorstellung, 
wie  sie  Cyrill  von  Jerusalem  und  Clir\'SOstomus  vertraten. 
Wenn  Cyrill  v.A.  in  dem  Johanneskommentar,  H.  Buch,  zu  Joh.  2 16 
(Mg.  73,  232)  den  Unterschied  unseres  Kindesverhältnisses  von 
dem  Christi  zu  Gott  so  bestimmt,  daß  wir  xaxa  ^saiv  oder 
Xaptv  Gotteskinder  sind,  während  Christus  xaxd  i^uaiv  u7i:ap)(o>v 
1^  aOxoö  xac  YeysvvYjiJtlvo^  aXirjO-w^  ist,  so  gibt  er  damit  genau 
wieder,  was  Cyrill  von  Jerusalem  in  der  7.  Katechese  dar- 
gelegt hatte.  Gott  ist  eben  nur  sozusagen  unser  Adoptivvater. 
Darum  darf  man  auch  in  den  Vaterbegriff  nicht  etwa,  wie 
das  manchmal  geschieht,  eine  metaphysische  Beziehung  zur 
Schöpfung  eintragen;  als  unser  Schöpfer  heißt  Gott  nie  und 
nimmer  unser  Vater,  sondern  Schöpfer  hat  als  Korrelat  stets 
Geschöpf,  wie  Vater  Sohn  {r.zpl  xpia5o;  H.  431  D.  [Mg.  75,  736]). 


Cyrill  von  Alexandria.  73 

Es  klingt  hier  fast  wie  eine  Polemik  gegen  Gregor  von  Nyssa, 
der  Kxx-qp  als  ahia.  toö  i^  autoö  u7:oaTavto?  erklärt  hatte, 
wenn  Cyrill  von  Alexandria  die  Meinung  derer  bekämpft,  die 
Gott  als  apxYj  xal  yeveac^  der  i^  oux  Svxwv  ei;,  zö  elvat  r.apz- 
VTjV£Y[X£va  Vater  nennen  wollen. 

Ganz  folgerichtig  hat  Cyrill  von  Alexandria  den  Gedanken 
aber  nicht  vertreten;  an  einer  Stelle  (Joh.-Komm.  V.,  zu 
Job.  841  [Mg.  73,881])  schlägt  der  Ähnlichkeitsgedanke  durch: 
Vater  heiße  in  der  heiligen  Schrift  auch  6  lolq  cocotg  Yj^-sai 
a'j|x[xdp'fouc:  eyoiv  x'.vac;.  Wir  sprechen  daher  mit  dem  Vater- 
namen unsere  tatsächliche  Ähnlichkeit  mit  Gott  aus,  was  natür- 
lich deren  empirisches  Vorhandensein  voraussetzt.  Erreicht 
wird  sie  durch  die  Nachahmung  Gottes  in  einem  apiaxa  ß'.oöv, 
durch  die  Ausprägung  der  göttlichen  [lopcprj  an  der  Seele  ver- 
mittelst des  äyiao\x6<;.  Das  ist  völlig  die  Position  von  Origenes 
und  Gregor,  die  noch  durch  ihr  Gegenstück,  die  Teufelskind- 
schaft der  Bösen,  ergänzt  wird.  Aber  hier  liegt  auch  der 
Schlüssel  zu  Cyrills  Abweichung,  denn  die  ganze  Erörterung 
ist  angeknüpft  an  die  Stelle  Job.  84i  „Ihr  tut  die  Werke  eui-es 
Vaters"  (des  Teufels).  Da  lag  die  Anwendung  auf  unsere 
Gotteskindschaft  sehr  nahe  und  ist  folglich  nur  als  eine  ge- 
legentliche Inkonsequenz  zu  beurteilen.  Eigentlich  ordnet  er 
die  ethische  Forderuno;  als  Folge  der  Kindschaft  an  unter  dem 
Gesichtspunkte  der  A'erpflichtung  durch  eine  so  hohe  uns  zuteil 
gewordene  Ehre,  deren  Nichtbeachtung  Gottes  Gericht  nach 
sich  zieht.  (Ax.  262  C).  Das  ist  wieder  die  Anordnung  Cyrills 
von  Jerusalem  und  des  Chrysostomus,  der  ihm  aber  durch  das 
Motiv  der  Dankbarkeit  ethisch  überlegen  ist. 

Im  übrigen  aber  haben  die  Gedanken  von  Origenes  stark 
auf  Cyrill  den  Alexandriner  gewirkt.  Die  Kindschaft  ist  zu- 
stande gekommen  durch  die  TCV£U[xaxixTj  yIvvYja:;  durch  den 
XöyGS  ö-sou.  (Ax.  261  D.A.).  Sie  erscheint  als  die  Gabe  Christi, 
die  er  selbst  durch  den  Geist  in  uns  realisiert.  Das  alles  ist 
Gedankengut  von  Origenes.  Sogar  der  Spruch  Joh.  Ii2  kehrt 
hier  wieder. 

Wenn  Cyrill  von  Alexandria  dann  weiter  untersucht,  in- 
wiefern denn  Christus  oSö^  xal  O-upa  xac  acpop[jnfj  der  Kindschaft 
für  uns  sei,  so  geht  das  über  den  Rahmen  unserer  Untersuchung 
hinaus,  weil  hier  die  Exegese  aufhört  und  die  Dogmatik 
einsetzt. 


74  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Ein  eigentümlicher  Einzelzug  ist  es  bei  Cvrill  von  A.,  daß 
er  unter  den  Gütern  der  Kindschaft  das  eXsuH-epov  ä^uojia,  die 
freie  Würdestellung,  besonders  hochschätzt:  nicht  weniger  als 
fünfmal  spricht  er  in  dem  Abschnitt  davon  und  von  der  Freiheit, 
die  Gott  besitzt. 

Zur  1.  Bitte.  Wie  alle  seine  Vorgäno-er  hält  es  auch 
Cyrill  für  nötig,  sogar  ziemlich  ausführlich  das  Mißverständnis 
abzuwehren,  daß  sich  die  1.  Bitte  auf  Gottes  Namen  an  und 
für  sich  beziehe.  Die  erbetene  Vermehrung  der  Heiligkeit  kann 
sich  vielmehr  nur  auf  uns  beziehen.  (Ax.  262  D.A.).  Auch 
Cyrill  greift  hier  auf  das  Beispiel  der  Heiden  zurück,  die  den 
Namen  Gottes  noch  verachten.  (Ax.  263  B.).  Aber  während 
Cwill  von  Jerusalem,  Gregor  und  Chrysostomus  auf  die  Ent- 
heiligung durch  böse  Taten  hinweisen,  sieht  Cyrill  von  Alexandriu 
das  Charakteristische  in  ilu'er  Unwissenheit  und  Unkenntnis 
der  Wahrheit.  Wenn  sie  Gottes  Wesen  verstehen  lernen,  dann 
ist  die  Entheiligung  gehoben,  und  die  Heiligung  des  Namens 
Gottes  besteht  also  in  einem  als  heilig  Erkennen  und  Bekennen 
(Ax.  263  B.C.D.,  so  auch  im  Jesaja-Kommentar  IV.,  4.  Rede, 
zu  Jes.  49  7.),  oder  in  einem  Glauben,  daß  er  von  Natur  heilig 
ist.  Hier  spielt  sich  demnach  der  ganze  Vorgang  wieder  wie 
bei  Clemens  und  Origenes  in  der  intellektuellen  Sphäre  ab^ 
Aber  man  würde  doch  dem  Cyrill  von  Alexandria  Unrecht  tun, 
wenn  man  das  für  seine  vollständige  Meinung  halten  wollte. 
Vielmehr  hat  er  schon  im  voraus  daran  erinnert,  daß  die 
notwendige  Folge  der  rechten  Gotteserkenntnis  die  Furcht  vor 
ihm  ist,  die  uns  nun  treibt,  unser  Leben  zu  heiligen,  d.  h. 
ipd'-qv  T£  xac  dvsTiiXr^TXXov  ETiixYjSsuetv  (^cotqv  nach  dem  Spruche 
Lev.  192:  Ihr  sollt  heilig  sein,  denn  ich  bin  heilig.  (Ax,  262  A. 
263  A.).  Damit  erreicht  Cyrill  von  Alexandria  schließlich  auch 
das  Ziel  der  anderen  Ausleger:  Die  Bitte  bezweckt,  rechte 
Erkenntnis  Gottes  und  durch  sie  frommen  Wandel  zu  erlangen, 
oder  wie  es  der  Jesaja-Kommentar  (a.  a.  0.)  ausdrückt,  Gottes 
Name  möge  bei  allen  heilig  und  gefürchtet  sein. 

Zur  2.  Bitte.  Wieder  stellt  Cyrill  erst  fest,  daß  es  sich 
bei  der  ßaatXeCa  nicht  um  Gottes  Weltregiment  handle,  sondern 
die  Bitte  beziehe  sich  auf  den  Tag  der  öXotsXyjc  ßaaiXst'a  xoO 
atoT-^pog  YjjjLwv  (Ax.  264  B.).    Sie  ist  also  eschatologisch  gemeint, 


1)  Dibelius,  p.  CA. 


Cyrill  vou  Alexandria.  75 

wie  bei  Cyrill  von  Jerusalem  und  Chrysostomus.  AVenn  unser 
Cyrill  an  diesem  Tage  besonders  den  Erast  des  Gerichtes 
hervorhebt  und  ihn  einen  „wirklich  furchtbaren  Augenblick" 
nennt  (Ax.  264  A.),  so  paßt  das  in  der  Stimmung  mehr  zu  dem 
p]rnst  Cyrills  von  Jerusalem  als  zu  der  freudigen  Sehnsucht 
bei  Chrysostomus,  die  den  Gerichtsernst  überwiegt.  Ebenso 
wiederholt  die  Warnung  des  Alexandriners,  Gottlose  und  Gemeine 
dürften  die  2.  Bitte  nicht  sprechen,  weil  sie  damit  das  Gericht 
über  sich  herbeiriefen  (26-i  A.),  nur  die  Feststellung  Cyrills 
von  Jerusalem  und  des  Chrysostomus,  daß  nur  eine  reine  Seele 
die  2.  Bitte  mit  Freudigkeit  beten  könne.  Die  Frommen  dürfen 
sie  mit  Zuversicht  sprechen^,  erwarten  sie  doch  den  Lohn  ihrer 
guten  Taten.  (264  ß.).  Der  tiefere  von  Christus  in  die  Bitte 
hineinoeleg-te  Sinn  ist  also  der,  daß  man  sich  durch  den  stets 
wiederholten  Blick  auf  den  Tag  des  Gerichts  zu  einem  frommen 
Leben  mahnen  lassen  soll  (264  A.).  Wie  anders  ist  das,  als 
was  Gregor  darin  fand,  die  Bitte  um  Gottes  Bundesgenossen- 
schaft. Eher  entspricht  es  dem  Chrysostomus  mit  seiner  Ansicht, 
die  2.  Bitte  lehre  die  Weltflucht,  immer  natürlich  mit  dem 
Unterschiede,  daß  Chrysostomus  mit  den  Lichtseiten  des  Jen- 
seits lockt,  während  Cyrill  von  Alexandria  mit  seinem  Ernste 
schreckt. 

Zur  3.  Bitte.  Gottes  Wille,  der  im  Himmel  vorbildlich, 
auf  Erden  nicht  vollkommen  geschieht,  ist  der  religiös-sittliche, 
der  die  Tugendübung  der  Erdenbewohner  zum  Inhalt  hat. 
(264  C).  Daß  er  im  Himmel  in  vorbildlicher  AVeise  geschieht, 
geht  aus  Ps.  103  (102) 20  hervor  (265  C),  einer  Stelle,  die  auch 
Cyrill  von  Jerusalem  und  Chrysostomus  zitierten.  Die  Bitte 
ruft  also  die  Hilfe  Gottes  herbei,  um  die  Nachahmung  des 
himmlischen  Wandels  möglich  zu  machen  (265  C).  Schon 
Gregor  und  Chrysostomus  hatten  die  gleiche  Inhaltsbestinmmng 
des  Willens  Gottes  gegeben.  Die  Überzeugung  von  der  Er- 
reichbarkeit des  vollkommenen  Wandels  teilt  Cyrill  mit  allen 
Vorgängern.  Es  ist  nur  die  negative  Seite  des  Vollkommenheits- 
strebens,  wenn  er  in  der  3.  Bitte  auch  noch  die  Bitte  um  die 
ävatpeai?  der  Sünde  findet,  was  offenbar  durch  die  Äußerungen 
von  Origenes  und  Gregor  zur  2.  Bitte  über  die  Unverträglichkeit 
der  Sünde  mit  dem  von  ihnen  geistig  gedachten  Reiche  Gottes 


1    gegen  Dibelius,  p.  67. 


76  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

veranlaßt  ist.  Die  himmlische  vorbildliche  Gemeinschaft  charak- 
terisiert Cyrill  noch  besonders  als  iy.yXriaia  twv  upooxoxdxwv 
(265  D.),  M'omit  nach  dem  Zusammenhang  die  Engel  gemeint 
sein  müssen,  und  nimmt  damit  das  Stichwort  von  Clemens  und 
Origenes  wieder  auf.  Dabei  tritt  der  seltene  Fall  ein,  daß 
die  Berührung  mit  Clemens  stärker  ist  als  mit  Origenes,  weil 
Clemens  auch  die  himmlische  Gemeinschaft  geradezu  exy.XYjaia 
nennt,  ein  W^ort,  das  Origenes  a.  a.  0.  nur  von  der  irdischen 
Gemeinschaft  brauchte. 

Zur  4.  Bitte.  Cyrill  von  Alexandria  leitet  hier  seine, 
Erörterung  mit  einer  ganz  ausdrücklichen  Polemik  gegen  eine 
Spiritualisierung  des  apto^  ein  (265  D.).  Deutlich  ist  darin 
des  Origenes  Meinung  erkennbar,  Bitten  um  Leibliches  seien 
unpassend.  Cyrill  hält  dem  entgegen,  daß  man  sich  darauf 
berufen  könne,  der  Herr  habe  diese  Bitte  so  befohlen,  wenn 
man  gewiß  auch  in  erster  Linie  nach  geistlichen  Gütern  streben 
solle.  (265  A.).  Es  sei  daher  nicht  berechtigt,  das  Brot  zu 
spiritualisieren  und  auf  den  apxo^  ävw^sv  v.al  e^  oOpavoO  xaxa- 
ßatvcov  y.od  ^ü)Y]v  tw  y.6a[X(i)  Tüapsycov  zu  beziehen,  wie  Origenes 
mit  Joli.  632f.  behauptet  hatte  (t:.£.  27,  2),  und  zu  sagen,  es  sei 
für  die  «Xy^^yj^  y.al  dawtxaxo;  ouaia.  die  Seele  bestimmt.  So 
Origenes  tt.s.  27,  8,  9;  aber  auch  Cyrill  von  Jerusalem,  der  hier 
nicht  so  wörtlich  zitiert  wird,  ist  sachlich  davon  mit  getroffen. 

Wenn  unser  Cyrill  trotzdem  im  allgemeinen  mehr  füi- 
geistliche  Bitten  ist,  so  zeigt  er  sich  als  Schüler  derer,  die  er 
bekämpft,  und  stellt  sich  an  die  Seite  von  Gregor  und  Chry- 
sostomus  mit  ihrer  Zwitterstellung.  Als  ganz  verwerflich  gilt 
ihm  die  Bitte  um  aapv.cxa,  denn  davon  gilt:  T:p£7:it  xoi;  £v 
v.6a\xM,  dxaXXsj  dyw:;  (Tüsp:  TrpoaxuvT^aso);,  XIII.  471  C.  [Mg.  68, 
876]).  Gemeint  sind  damit  die  weltlichen  Güter,  zu  denen 
der  äpxog  irj.ouoio;,  jedoch  nicht  gehört;  um  den  Lebensbedarf 
ist  es  erlaubt,  zu  bitten  (Ax.  265  A.,  y^acpupdc  zu  Exod.  II  286  B. 
[Mg.  69,  452]).  Nur  soll  man  vor  den  eigenen  AngelegenheittMi 
die  Gottes  vorbringen.  (Joh.-Kom.  XL,  zu  Joh.  17 1  [Mg.  74, 
476]).  Das  klingt  ganz  wie  die  Aussagen  von  Gregor  und 
Chrysostomus,  aber  ist  doch  weniger,  denn  die  4.  Bitte  ist  für 
Cyrill  nicht  bloß  eine  verschämte  Ausnahme  mit  Rücksicht  auf 
unsere  schwache  Natur,  eine  notgedrungene  Konzession,  sondei  n 
eine  wohlüberlegte  Maßnahme  des  Herrn,  um  uns  in  einer 
dywTCpsTCYj;  r.XMyzix    zu    halten    (265  A.).      Der  apxo^  ist  die 


Cyrill  vou  Alexandria.  77 

ecpT^ptepoc;  xpocpi^,  und  wenn  uns  der  Herr  befohlen  hat,  um  sie 
zu  beten,  dann  dürfen  wir  keinen  Reichtum  erwerben,  da  wir 
dann  entweder  gegen  Christi  Gebot  aufhören  müßten,  die  4.  Bitte 
zu  sprechen,  oder  ihre  Beibehaltung  den  Tatsachen  gegenüber 
ein  etpw'vsueaö-at  wäre  (265  A.B.,  266  B.).  Es  erscheint  hier 
alles  etwas  vergröbert  gegenüber  Gregor  und  Chrysostomus. 
An  die  Stelle  der  dliya.p7dcc  als  Ideal  tritt  der  äußere  Zustand 
der  7rTW)(e(a,  an  die  Stelle  der  notwendigsten  Lebensbedürfnisse 
die  bloße  zporpr]^  die  feine  pädagogische  Weisheit  Christi,  die 
aus  dem  „Brot"  das  „nur  Brot"  schließen  läßt  und  so  die 
Bedürfnislosigkeit  als  Ziel  steckt,  ist  hier  durch  die  grobe 
Zwangspolitik  „entweder  arm  oder  ungehorsam!"  ersetzt.  Die 
Kirchenfürstennatur  bricht  in  dieser  Logik  bei  Cyrill  durch. 
Ob  er  den  Unterschied  empfunden  oder  gar  beabsichtigt  hat, 
kann  zweifelhaft  erscheinen,  da  er  im  Grunde  doch  dieselben 
asketischen  Ziele  verfolgte  wie  Gregor  und  Chrysostomus. 

Schon  apToc  bedeutet  für  Cyrill,  wie  erwähnt,  xpocpr;  £cpY]- 
[lepos,  sodaß  der  einmal  vorkommende  Ausdruck  apxoc;  Icpfjjxspo? 
(266  B.)  sprachliche  Ungenauigkeit  ist,  denn  für  äpxoc.  £7iiouaio? 
kann  es  nicht  stehen,  weil  Cyrill  dies  anders  erklärt.  Nach- 
dem er  die  von  Origenes  beiläufig  als  möglich  erwähnte  Ab- 
leitung von  iniivai  „Zukunftsbrot"  als  wieder  spiritualisierend 
und  außerdem  mit  dem  lukanischen  x6  xai)-'  '?j[i£pav  unver- 
träglich abgelehnt  hat,  setzt  er  es  mit  ueptouato?  gleich  und 
gibt  es  mit  (x.'jzixpv.-qc,  oder  j^pxwv  wieder  (266  B.C.).  Das  er- 
innert an  die  Untersuchungen  von  Origenes  über  dies  Wort, 
die  aber  beiden  Bildungen  eine  verschiedene  Bedeutung  zu- 
erkannten. —  XG  xax)-'  r}\i.ipa.y  heißt  anders  als  bei  Origenes 
„tagtäglich".  Als  Sinn  der  Bitte  ergibt  sich  dann:  Unsere 
tägliche  ausreichende  Nahrung  gib  uns  jeden  Tag. 

Bei  der  5.  Bitte  liest  Cyrill  außer  dem  lukanischen  xa^ 
a^apXLac,  das  schon  Origenes  kannte,  offenbar  dcpyjxajxsv  im 
Nachsatze,  wenigstens  zitiert  er  266  C.  so,  während  er  an 
den  anderen  Zitatstellen  den  geläufigen  Matthäustext  hat. 
Nur  Tiepl  upoax.  X.  366  B.  (Mg.  68,  713)  sagt  er  TiapaTrxwjjiaxa, 
ohne  Sinnänderung. 

Über  die  Notwendigkeit  der  Sündenvergebung  für  uns 
sagt  CjTiW  M'enig.  Schließlich  ist  sie  ja  im  Wortlaut  der 
.Bitte  unmittelbar  ausgesprochen  und  allgemeine  Voraussetzung. 
Wie   es   damit   bei    den    aytot   steht,    darüber   gehen   die  Aus- 


78  G.  Walther,  Griech.  Vateruuser-Exegese. 

sagen  auseinander.  In  i:.  Tipoax.  X.  a.  a.  0.  behauptet  Cyrill, 
man  brauche  immer  Reinigung  und  Sündenvergebung,  das 
lehre  geradezu  die  5.  Bitte,  und  der  Einsichtige  müsse  sich 
immer  sagen,  daß  er  nicht  alle  seine  Fehler  merke,  —  ein 
Gedanke,  den  schon  Cyrill  von  Jerusalem  von  1.  Joh.  1  8  aus 
geltend  gemacht  hatte.  Dem  steht  aber  andrerseits  die  Über- 
zeugung von  der  Erreichbarkeit  eines  vollkommenen  Lebens 
gegenüber,  die  sich  bei  der  1.  und  3.  Bitte  aussprach,  und 
sie  kennen  wir  als  eine  Grundanschauung  der  griechischen 
Kirchenväter,  der  gegenüber  die  Behauptung  allgemeinen  fort- 
dauernden Sündigens  wie  bei  Gregor  zu  einer  rhetorischen 
Wendung  herabsinkt. 

Die  göttliche  Vergebung  umschreibt  Cyrill  gelegentlich  mit 
den  Wendungen  avisvai  xa  dyxXYJixaxa  (Sacharja-Kom.  II.  36 
[Mg.  72,  108]),  d.  h.  die  Vorwürfe  oder  Beschuldigungen  ein- 
stellen, oder  %x%-(xpiC,tiv  (tz.  Tipoay..  X.  a.  a.  0.),  was  Tilgen  der 
Schuld  bedeutet.  Die  menschliche  Vergebung  an  die  ö\iohoüXoL 
(Ax.  266  D.),  doeXcpoL  und  yzizo'^zc,  {n.  rcpoax.  VIII.  274  B.  [Mg. 
68,  569])  ist  negativ  ebenfalls  ein  dvtsvao  xa  iyxXi^fiaxa  (s.  o.) 
oder  dvtlvac  aus  dem  Schuldverhältnis  (ti.  Tupoay..  VIII.  277  A. 
[Mg.  68,  573]),  positiv  gewendet  eine  Äußerung  der  ypr^axoxYjc 
(Ax.  266  D.,  u.  Trpojx.  VIII.  27-4  B.)  und  ■fjixepöxYj;  {n.  upoax. 
ebenda),  der  dve^txaxta  (Ax.  266  C.)  und  d[xvYjaLxaxia  (nach 
Ax.  266  C,  Sach.-Kom.  a.  a.  0.),  kurz  der  dYaTiYjat;  tlc,  dSeX- 
cpouc;  (u.  Tipoax.  a.  a.  0.).  Solche  Gesinnung  ist  geradezu  der 
Befehl  des  Herrn,  einer  der  Zwecke,  die  er  mit  der  5.  Bitte 
erreichen  wollte  (Ax.  266  C.). 

Eine  Beziehung  auf  Origenes  ist  es,  wenn  Cyrill  von 
Alexandria  bei  der  menschlichen  Vergebung  die  Einschränkung 
macht,  nur  Sünden,  die  auch  wirklich  gegen  uns  begangen 
seien,  dürften  wir  vergeben,  über  die  Sünden  gegen  Gott  hätten 
wir  nicht  zu  entscheiden. 

Die  schlimmen  Folgen  der  Unversöhnlichkeit  deutet  Cyrill 
mit  dem  Wort  aus  den  Sprüchen  (12  28)  an:  „Die  Wege  der 
Unversöhnlichen  führen  in  den  Tod"  (Sach.-Kom.  a.  a.  0.). 
Daß  die  menschliche  Vergebung  der  göttlichen  vorausgeht, 
sieht  Cyrill  besonders  in  dem  lukanischen  d!yY]xaji£v  gelehrt, 
nur  als  7xpoacp£vx£;  dürfen  wir  Gott  bitten  (Ax.  266  D.).  Grund 
für  diese  Anordnung  ist  die  Absicht  Christi,  seine  Jünger  zu 
Versöhnlichkeit  zu  erziehen  —  wie  bei  Chrysostomus  —  (266  C) 


Cyrill  von  Alexandria.  79 

oder  sie  in  neidloser  Anerkennung  aller  (acpxl-ovcbTspa  atow?)  zu 
üben  (~.  -poax.  YIII.  274  B.).  Doch  ist  diese  Anordnung  auch 
sachlich  begründet.  Man  kann  nicht  einfach,  wie  wir  schon 
bei  Chrysostomus  hörten,  die  zweite  Hälfte  der  Bitte  weg- 
lassen (266  D.).  Die  Unversöhnlichkeit,  die  offenbar  mit  dem 
clvac  £v  xo)  7tXrj[X[i£X£lv  gemeint  ist,  und  die  Bitte  um  Ver- 
gebung passen  nicht  zusammtui,  das  Gleichnis  vom  Schalks- 
knecht klingt  hier  durch. 

Mit  ihrem  Yorano-ehen  soll  die  menschliche  Verffebuno- 
dann  der  göttlichen  ein  Beispiel  zur  Nachahmung  und  den 
rechten  Maßstab  geben  ('26G  CD.).  Cyrill  vermeidet  also, 
indem  er  Gott  einen  (jLcjJir^tT^^  unserer  avs^ir.axia  nennt,  nicht 
den  anstößigen  gregorianischen  Gedanken,  wenn  er  ihn  auch 
mit  einem  tva  out(d;  etTco)  einführt.  Mit  dem  taov  [Asxpov,  das 
natürlich  auch  hier  das  absolute  ist,  erinnert  Cyrill  an  Chry- 
sostomus. 

Ein  Pochen  auf  den  mit  eig-enem  Vergeben  erworbenen 
Anspruch  auf  Gottes  Vergebung  oder  eine  mechanische  Ver- 
flechtung beider  begegnet  uns  bei  Cyrill  nicht,  denn  dem  Appell 
an  den,  der  gerecht  richtet,  ist  die  Erinnerung  an  Gottes 
Barmherzigkeit  beigefügt  (266  D.).  Cyrill  von  Alexandria 
scheint  sich  da  von  den  Übertreibungen  Gregors  und  auch 
des  Chrysostomus  ferngehalten  und  die  maßvolleren  Gedanken 
Cyrills  von  Jerusalem  zum  Muster  genommen  zu  haben. 

Schließlich  dringt  hier  bei  ihm  auch  ein  ganz  neuer 
Gedanke  durch.  Kein  Pochen  ists,  aber  eine  Berufung  auf 
einen  uns  günstigen  Faktor,  wenn  wir,  wie  Cyrill  in  r..  Tipoax. 
VIII.  277  A.  [Mg.  68,  573]  erinnert,  bei  der  5.  Bitte  an  das 
für  uns  heilsame  Leiden  Christi  denken.  In  ihm  haben  wir 
den  allseitigen  Schulderlaß,  und  im  Blick  darauf  sind  wir  ge- 
lehrt worden,  die  5.  Bitte  zu  sprechen.  An  Christi  Leiden 
hatte  in  diesem  Zusammenhange  keiner  der  Früheren  erinnert. 

Zur  6.  und  7.  Bitte.  In  seinem  Lukastext  las  Cyrill 
wie  schon  Origenes  nur  die  6.  Bitte.  Die  7.,  die  er  von 
Matthäus  her  kennt,  denkt  er  wie  seine  Vordermänner  außer 
Cyrill  von  Jerusalem  schon  darin  enthalten,  sie  stehe  in  der 
7:X£{aTY]  axoXouO-ta  mit  ihrer  Vorgängerin.  Die  Erlösung  von 
dem  Bösen  folgt  (logisch)  aus  der  Erhörung  der  6.  Bitte,  ja 
man  kann  sogar  die  Identität  beider  Bitten  behaupten:  damit 
daß  wir  nicht  in  die  Versuchung  kommen,  sind  wir  von  dem 


80  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Bösen  erlöst  (267  A.).  Daraus  ergibt  sich  bereits  die  Cyrillsche 
Vorstellung  von  Tieipaanö;:  er  ist  der  Angriff  des  Bösen. 
Zweierlei  Gestalt  kann  er  haben,  bald  geht  er  von  ixepöcppovs;, 
bösgesinnten  Menschen,  aus,  bald  von  den  eigenen  bösen  Leiden- 
schaften (267  B.).  Solche  Versuchungen  können  übermenschlich 
schwer  sein,  und  es  ist  uns  gar  nicht  gewährleistet,  daß  wir  sie 
ohne  weiteres  überwinden.  Deshalb  lehrt  uns  die  Bitte  ein 
Tiapaixela^ai  des  7t£ipaa|Jiöc,  den  wir  nicht  unbesonnen  heraus- 
fordern ("/.aiaO-paauveaö-at)  sollen.  Damit  zeigen  wir  uns  aber 
nicht  als  dtvavopot  und  cstXo:,  sondern  als  |ji£xpidcppov£c:  und 
zTwyol  TW  7iveu|xaTi  und  dabei  doch  auch  als  veavtxoi  und 
eOxoAtJLO'.,  denn  ist  die  Versuchung  unausweichlich  (y.a'.poO 
-/vaXoOvTOi;  w;  eE  dvaYXTjs),  dann  heißt  es  wacker  kämpfen 
(aYwvivsaxJ-at,  '{t'^yxiiiic  laxavat).  Ob  sie  uns  überfallen  {im- 
-rßot'^)  soll  oder  nicht,  steht  nach  dem  Vorhergehenden  bei 
Gott,  der  uns  auch  im  Ernstfalle  Hilfe  und  Sieg  schenkt.  Bis 
in  die  Terminologie  hinein  stimmt  hier  C}Till  mit  dem  Mx. 
von  Chrysostomus  überein. 

Zusammenfassung.    Bei  Cyrill  von  Alexandria  bekommt 
nach  alledem  das  Vaterunser  folgenden  Sirm: 

Gott,   dessen  Vaterliebe   wir   durch  das  Tun   deines  Sohnes 

fühlen  dürfen,  — 
Dein  Xame  werde  überall  als  heilig  erkannt  und  demgemäß 

gefürchtet. 
Dein  Weltgericht  breche  an. 
Hilf  uns   den  vollkommenen  Tugendwandel  der  Glieder  der 

himmlischen  Kirche  nachahmen. 
Die  tägliche  Nahrung  gib   uns  jeden  Tag  in   ausreichender 

Weise. 
Was  wir  an  Schuld  haben,  vergib  uns  im  Blick  auf  Christi 
Leiden  in  dem  Maße,  wie  wir  bereits  unsern  Schuldnern 
vergeben  haben. 
Bewahre   uns  möglichst  vor   den  Angriffen   des  Bösen  (und 
erlöse  uns  damit  von  ihm). 
Nach   zwei  Predigern  über  das  Vaterunser  treffen  wir  in 
tyrill  wieder  auf  einen  reinen  Kommentator,     Schon  das  er- 
klärt zum  Teil  die  größere  Kürze  der  Aussagen.    Dazu  kommt, 
daß  Cyrill  den  Lukastext  vor  sich  hat,  in  dem  er  wahrschein- 
lich den  Zusatz  der  Anrede,  sicher  die  7.  Bitte  und  die  Doxo- 
logie  nicht  las.    Die  3.  Bitte  hat  er  im  Gegensatz  zu  Origenes 


Cyrill  vou  Alexandria.  81 

dort  gelesen.  Aber  Cyrill  legt  auch,  anders  als  Gregor  und 
Clirvsostomus,  keinen  Wert  auf  die  Erforschung  des  Zusammen- 
liarigs  und  Gesamtsinns  der  Bitten.  Er  legt  es,  offenbar  mit 
Kücksicht  auf  die  Größenverhältnisse  des  ganzen  Lukas- 
kommentars, im  allgemeinen  nicht  darauf  an,  allerhand  ge- 
heimnisvolle Lehren  aus  dem  Vaterunser  zu  eruieren,  und 
dadurch  bekommt  sein  Kommentar  etwas  angenehm  Nüchternes 
und  Sachliches. 

Bezüglich  des  Lihalts  läßt  sich  auch  von  Cyrill  dem 
Alexandriner  behaupten,  daß  er  alle  seine  hier  behandelten 
Vorgänger  gekannt  hat.  Für  Clemens  möchte  ich  das  freilich 
nicht  auf  die  eine,  vielleicht  zufällige  Übereinstimmung  gründen, 
sondern  auf  die  gewiß  in  Alexandria  vorhandene  Lokal tradition. 
Doch  das  scheidet  hier  aus.  Daß  Cyrill  Origenes  kennt,  zeigt 
er  in  der  Erörterung  über  das  Zustandekommen  der  Kindschaft, 
in  der  intellektualistischen  Fassung  der  1.  Bitte,  in  der  Wieder- 
aufnahme des  Wortes  ixxXrjata  in  der  3.  Bitte,  in  der  aus- 
drücklichen Beschränkung  unseres  Vergebens  auf  die  gegen 
uns  begangenen  Sünden,  besonders  aber  in  der  Polemik  gegen 
die  Spiritualisierung  von  äpxoc.  kmo'joioc,  und  xa^-'  •^[xepav. 
Mit  Cyrill  von  Jerusalem  allein  hat  er  gemeinsam  die  Er- 
läuterung des  Unterschiedes  von  unserer  und  Christi  Sohnes- 
stellung und  das  Überwiegen  des  Ernstes  bei  der  Reichsgottes- 
vorstellung. Ihm  gilt  die  Polemik  gegen  den  Spiritualismus  mit. 
Nur  bei  Gregor  von  Nyssa,  den  die  Polemik  über  den  Vater- 
uamen  trifft,  fand  sich  die  Redensart  von  Gott  als  unserm 
Nachahmer  in  der  Sündenvergebung.  Selbst  von  Chrysostomus, 
den  er  doch  kirchenpolitisch  verfolgte,  hat  er  ganz  offenbar 
Gedanken  übernommen.  Der  erzieherische  Zweck,  der  in  der 
Verknüpfung  beider  Teile  der  5.  Bitte  liegt,  der  Protest  gegen 
das  Weglassen  ihrer  zweiten  Hälfte,  das  taov  ^etpov  der  Ver- 
gebung Gottes,  ganz  besonders  auffällig  aber  die  Erklärung 
der  6.  Bitte  findet  sich  schon  und  nur  bei  Chrj^sostomus. 

Neben  dieser  Abhängigkeit  fehlt  es  aber  Cyrill  auch  nicht 
an  Selbständigkeit.  Bewies  das  schon  seine  Polemik  gegen 
verschiedene  Vorgänger,  so  auch  seine  neuen  Gedanken,  die 
Hochschätzung  des  eXeuQ-epov  a^LWjia,  die  durch  die  4.  Bitte 
erzwungene  Armut,  die  Wiedergabe  von  imoöaiog  mit  ix^za.py.i]C, 
und  die  Erinnerung  an  Christi  Leiden  bei  der  Sündenvergebung. 

Auch  er  hat  sich  nicht  auf  einen  Meister  eingeschworen, 

T.  u.  U.  14:  Walther.  6 


82  Gr.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

nach  sachlichen  Gesichtspunkten  wählt  er  aus,  was  er  zur 
Erklärung  heranziehen  will.  Es  ist  nicht  zufällig,  daß  auch 
er,  wie  schon  Chrysostomus,  nirgends  grundsätzliche  Sonder- 
meinungen von  Origenes  übernimmt;  was  er  direkt  von  ihm 
entlehnt,  sind  ergänzende  und  illustrierende  Einzelzüge.  Wo 
grundsätzliche  Unterschiede  in  der  Auslegung  vorhanden  sind, 
da  schließt  sich  Cyrill  stets  den  Gegnern  von  Origenes  au 
(Kindschaft,  Reich  Gottes,  Brot,  Versuchung).  Bei  der  1.  Bitte 
vereinigt  er  die  Gegensätze.  Der  Grund  dafür  liegt  offenbar 
in  der  antiorigenistischen  Zeitströmung,  hatte  doch  schon  Cyrills 
Vorgänger  auf  dem  alexandrinischen  Bischofsstuhl,  Theophilus, 
die  Verdammung  des  Origenes  wegen  Ketzerei  durchgesetzt. 
In  wichtigeren  Fällen,  wo  Cyrill  mit  Origenes  geht,  ist  er 
durch  das  gleiche  Verhalten  Gregors  von  Nyssa  gedeckt.  Aber 
dessen  Autorität  wiegt  ihm  in  anderen  Fällen  für  gewisse 
Origenesthesen  nichts;  wo  Origenes  und  Gregor  zusammen- 
gehen, findet  man,  daß  Cyrill  häufiger  von  ihnen  abweicht, 
als  daß  er  sich  ihnen  anschlösse.  Gregor  scheint  überhaupt 
am  wenigstens  rein  auf  Cyrill  gewirkt  zu  haben;  wo  er  seinen 
Einfluß  nicht  mit  Origenes  teilt,  da  fast  immer  mit  dem  aller- 
dings wieder  von  ihm  abhängigen  Chrysostomus.  So  ist  der 
Alexandriner  Cyrill  sachlich  tiefgehend  von  den  Antiochenern 
Cyrill  von  Jerusalem  und  Chrysostomus  beeinflußt.  Wo  sie 
zusammenstimmen,  da  ist  Cyrill  der  Dritte  im  Bunde.  Wenn 
das  trotz  seiner  kirchenpolitischen  Gegnerschaft  gegen  Chry- 
sostomus zu  gelten  hat,  so  dürfte  der  Grund  darin  liegen,  daß 
sie  Origenes  und  dem  Origenesschüler  Gregor  gegenüber  den 
orthodoxen  Lehrtypus  vertreten.  Man  wird  also  in  der  von 
Cyrill  befolgten  Auswahl  seiner  exegetischen  Vorlülder  das 
Streben  nach  Orthodoxie  finden  düi'fen. 

Persönliche  Momente  hatten  wir  schon  berührt.  Dem 
freundlichen  Chrysostomus  gegenüber  repräsentiert  Cyrill  den 
Typus  des  strengen  Pädagogen.  Die  Wurzel  der  Ethik  sieht 
er  in  der  Furcht,  der  Gedanke  an  Gottes  Gericht  treibt  die 
Gotteskinder,  dem  Vater  ähnlich  zu  werden,  bewegt  sie  bei 
der  2.  Bitte,  hält  sie  in  der  gottgewollten  Armut  fest.  Schließlich 
zeigt  Cyrill  dann  noch  neben  diesen  Spuren  der  Herrschernatur 
das  Bild  des  Kämpen  aus  den  christologischen  Streitigkeiten. 
Mehr  wie  seine  Vorgänger  findet  er  Gelegenheit,  das  Vaterunser 
mit  christologischen  Erörterungen  in  Beziehung  zu  setzen. 


Maximas  Konfessor.  $3 

7.  Maximus  Konfessor. 

Ungefähr  200  Jahre  nach  Cyrill  von  Alexandria  hat  Maxinius 
Konfessor  eine  ipfiirjveta  a6vco|xos  et;  xyjv  7ipoa£U)(Yjv  xoO  Tiaxep 
Yj|iä)v  geschrieben  (Mg.  90,  871  ff.);  im  übrigen  hat  er  das  Vater- 
unser spärlich  zitiert.  In  dieser  epfXTjveta  ist  es  ihm  aber  nicht 
um  ein  eingehendes  Wortverständnis  zu  tun,  sondern  um  die 
Erschließung  von  allerhand  tiefsinnigen  Lehren,  sodaß  man 
seine  Exegese  erst  hinter  all  diesen  Erörterungen  suchen  muß. 
Daß  man  das  Vaterunser  als  eine  Zusammenfassung  tiefsinniger 
Lehren  ansah,  war  ja  nach  allem,  was  wir  gehört  haben,  den 
Exegeten  geläufig,  aber  keiner  hat  das  Vaterunser  so  zu  einem 
Kompendium  der  Dogmatik,  Mystik  und  Philosophie  gestempelt, 
wie  M.  Das  beweist  gleich  seine  einleitende  Behauptung,  in  dem 
Vaterunser  seien  die  sieben  Hauptgeheimnisse  des  Christentums 
enthalten,  nämlich  die  Trinitätslelu^e  (Anrede:  Vater,  1.  Bitte: 
Name  Gottes  =  Sohn,  2.  Bitte:  Reich  Gottes  =  heiliger 
Geist),  die  Kindschaft  (Anrede),  die  Engelgleichheit  der  Menschen 
(3.  Bitte),  der  Anteil  am  unsichtbaren  Leben  (4.  Bitte),  die 
AViedervereinigung  der  gespaltenen  Natur  (5.  Bitte),  die  Auf- 
hebung des  Gesetzes  der  Sünde  (6.  Bitte)  und  die  Beseitigung 
der  Zwingherrschaft  des  Bösen  (7.  Bitte)  (346  C.  —  349  A.). 
Die  Künstlichkeit  der  ganzen  Konstruktion  fällt  in  die  Augen. 
Sie  läßt  sich  auch  nur  mit  Hilfe  des  von  Maximus  angenom- 
menen  „unendlichen  Schriftsinnes"  ^  halten. 

Zur  Anrede.  Das  Wort  Vater  hat  dreifachen  Sinn,  den 
trinitarischen,  wobei  das  „unser"  wie  seinerzeit  bei  Clemens 
unhaltbar  wird,  den  kosmologischen,  nach  dem  Gott,  aber  als 
der  trinitarische,  TlOIYjxcxy]  acxc'a  xwv  Svxiov  ist  (350  B.C.),  und 
den  soteriologischen,  der  Gott  als  unsern  Adoptivvater,  den 
TiaxYjp  xaxa  xapcv  zeigt  (351  D.).  In  diesen  drei  Bedeutungen 
ist  das  Wort  hier  gemeint,  —  eigentlich  eine  Bankerotter- 
klärung aller  exegetischen  Methode!  — ,  denn  wenn  der  Mensch 
das  Vaterunser  betet,  dann  soll  er  dabei  jedes  Wort  sorgfältig 
überdenken,  und  da  dürfen  alle  Ober-  und  Nebentöne  mit- 
klingen. 

„Unser"  Vater  ist  Gott  demnach  in  der  zweiten  und  dritten 
Bedeutung  des  Wortes.    Mit  der  kosmologischen  tritt  Maximus 


1)  Wagenmann-Seeberg  „Maximus  Konfessor"  in  P.R.E.^  1: 
463,  4. 


g4  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

in  entschiedenen  Gegensatz  zu  Cyrill  von  Alexandria,  der  sie 
ausschloß,  während  er  sich  mit  Gregor  von  Xyssa  berührt. 
Für  die  dritte  Bedeutung  hat  auch  Maximus  den  Terminus 
uioö-eaia.  Sie  besteht  ihm  in  dem  Recht,  Gott  Yater  zu  nennen, 
lind  ist  eine  y^ocp'.q,  die  zur  Folge  hat,  daß  wir  nun  streben, 
die  )(apaxTYjp£$  toO  YS'^VYjaavxoc  in  unserm  Leben  auszuprägen, 
was  Maximus  auch  Traxpwvstv  nennt  (351  D.).  Das  alles  liegt 
auf  der  Linie  der  religiösen  Kindschaftsauffassung,  wie  sie  die 
beiden  Cj^rille  und  Chrvsostomus  ausgeprägt  hatten.  Besonders 
Chrysostomus  hatte  auch  von  den  yapaxTYjpES  gesprochen.  Die 
Kindschaft  hat  Christus  zum  a'JTCjpyoc  und  kommt  durch  die 
uTiep  '^uaiv  av(i)d-£v  yhyriaic.  mit  Hilfe  des  Geistes  zustande 
(346  C).  Das  hatte  auch  Cyrill  von  Alexandria  von  Origenes 
übernommen,  nur  daß  er  ylwirjai^  7iv£'j[Jiaxtxr^  gesagt  hatte. 
Es  ist  aber  überhaupt  bei  Maximus  zu  beobachten,  daß  er 
wenig  vom  TiveOjjia,  den  heiligen  Geist  ausgenommen,  spricht, 
und  ferner  sehr  häufig  von  der  '{''jgic,. 

Fragt -man,  worin  die /apa-xif^ps;  des  mit  der  Kindschaft 
gegebenen  neuen  Lebens  bestehen,  so  erhalten  wir  die  Antwort: 
in  lauterer  Liebesgesinnung  (axIpYetv  SiaO-eaei  y^^rioicc),  in  sorg- 
fältiger Erfüllung  der  Gebote  und  in  Entäußerung  von  Leiden- 
schaften (x£vwate  twv  7taO-o)v)  (346  A.  347  A.).  Daß  dies  alles 
als  durchaus  erreichbar  gilt,  wird  sich  noch  im  Folgenden 
zeigen.  Wenn  also  auch  die  Termini  Sündlosigkeit  oder  Voll- 
kommenheit nicht  gerade  fallen,  so  ist  doch  die  Kindschaft  im 
Vollsinn  als  solche  zu  denken. 

Über  die  Worte  6  £v  toI^  cOpavot?  sagt  Maximus  kein 
Wort.  Das  ist  für  seine  willkürliche  Auslegungsweise  ganz 
charakteristisch.  Er  knüpft  nur  an  die  Worte  an,  die  ihn 
interessieren. 

Bei  der  1.  Bitte  verfolgte  er  dieselbe  Methode.  Seine 
Vorgänger  mochten  schon  oft  genug  gesagt  haben,  daß  Gottes 
Name  an  sich  heilig  sei  und  die  Heiligung  sich  auf  unser  Leben 
beziehe,  sodaß  dies  zu  den  Selbstverständlichkeiten  der  exe- 
getischen Tradition  gehörte.  Darum  gibt  Maxinms  nur  an,  wie 
er  sich  die  Heiligung  des  Xamens  Gottes  praktisch  denkt.  Sie 
ist  ihm  die  xai)-'  atab-Yjaiv  xyjs  ^TitO-ujitac  TcavTsXTj?  dxivY)a£a 
xal  v£xpwatc,  d.  h.  die  im  Gefühl  vollzogene  völlige  Fesselung 
und  Abtötung  der  Begiei-de,  und  dazu  kommt  die  Reinigung 
von    den  verderbenbringenden  Leidenschaften,   liier  besonders 


Maximus  Konfessor.  85 

dem  Zorn  (351  A.)-  Wenn  Maximus  die  Begierde  np6<3\)Xcq, 
zur  Materie  gehörig,  nennt  und  mit  Vorliebe  von  den  Tra^Y) 
redet,  so  zeigt  sich  darin  deutlich  sein  phik)sophischer  Grund- 
zug. Das  hat  er  an  der  Begierde  auszusetzen,  daß  sie  sich 
der  OXyj  zuwendet;  um  die  Tzid-f]  und  die  noch  oft  genannte 
a7:a9-£ta  dreht  sich  seine  ganze  Gedankenwelt.  Der  dtTcab-r'js 
als  Yollkommenheitsideal  bedeutet  nicht  mehr  christlich-relisfiöse 
Betrachtungsweise,  sondern  philosophische  Ethik,  und  zwar 
Stoizismus  und  Neuplatonismus,  von  welch  letzterem  ja  be- 
kanntlich Maximus  durch  den  Areopagiten  stark  beeinflußt  ist^ 

Die  vollkommene  Heilicrung;  ist  durchaus  möglich,  ein  von 
allen  zu  erreichendes  Ziel.  Die  e7Lc9-U[xia  ist  tot,  und  der 
0-u{jlö?  hat  infolgedessen  keine  Veranlassung  mehr,  zu  toben 
(351  A.B.). 

Zur  2.  Bitte.  Als  Überleitung  von  einer  Bitte  zur  andern 
wendet  Maximus  meistens  ein  sehr  einfaches  Prinzip  an:  die 
nächste  Bitte  hat  allemal  die  vorhergehende  zur  Voraussetzung. 
So  kann  das  Reich  Gottes  erst  kommen,  wenn  Zorn  und  Begierde 
abgetötet  sind  (351  B.).  Nur  wer  das  Reich  Gottes  hat,  ist 
den  Engeln  gleich  (357  A.  358  A.  B.).  Nur  wenn  wir  Gottes 
Willen  wie  sie  erfüllen,  bekommen  wir  das  Lebensbrot  (358  D.). 
Wer  nur  darin  sein  Heil  sieht,  vergibt  ohne  weiteres  (360  D. 
361  A.).  Nur  wer  versöhnlich  ist,  wird  nicht  in  Versuchung 
geführt  (363  B.).  Möglich  ist  das  nur,  weil  überall  die  eine 
gleiche  dTiaS-sia  zugrunde  liegt,  die  von  verschiedenen  Seiten 
aus  betrachtet  wird. 

Für  die  Exegese  des  Reiches  Gottes  ist  bei  Maximus  die 
Identifizierung  mit  dem  heiligen  Geiste  kennzeichnend.  Sie 
gewinnt  ihren  äußeren  Beleg  an  der  uns  von  Gregor  von  Nyssa 
bezeugten  andern  Lesart  der  zweiten  Bitte  „Dein  heiliger  Geist 
komme  zu  uns  und  reinige  uns",  die  Maximus  ohne  das  ecp'  fwiätc, 
anführt  (350  B.)^.  Aber  Maximus  war  nicht  der  Mann, 
sich  von  einer  einzelnen  Stelle  knechten  zu  lassen,  ein  Xöyou 
9-£paTi£UTTfj(;  (352  D.)  wollte  er  nicht  sein.  Er  wird  die  Identi- 
fizierung von  Reich  Gottes  und  heiligem  Geist  wohl  vollzogen 
haben,  weil  sie  ihm  ins  System  paßte,  da  er  auf  diese  Weise 
Gelegenheit  fand,  den  trinitarischen  Gedanken  aus  dem  Vater- 


1)  „Maxiraus  Konfessor"  (Wagenmann-Seeberg)  12,  467,  32ff. 

2)  cf.  Chase,  The  Lord's  prayer.  p.  26. 


86  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

unser  zu  entwickeln.    Auch  mochte  seinem  Neuplatonismus  ein 
spiritualistischer  Reichsgottesbegriff  am  meisten  zusagen. 

Schon  wenn  das  Kommen  des  Reiches  an  nichts  weiter 
als  die  innere  Empfänglichkeit  des  Betenden  geknüpft  ist,  wie 
bei  Maximus,  der  nur  Entfernung  von  Zorn  und  Begierde  fordert, 
zeigt  sich  dessen  geistiger  Charakter.  Wer  Gott  in  seinem 
Herzen  durch  Tzpaöxrj;  und  xa^xeivwatg  einen  Tempel  errichtet, 
zu  dem  kommt  ohne  weiteres  das  Reich  Gottes  (351  B.).  Ein 
solcher  wird  ein  iia.[i'f7Äc  oixYjTYjpicv  des  Reiches,  d.  h.  des 
heiligen  Geistes  (354  B.).  —  Vor  allem  aber  beweist  das  Wesen 
des  Reiches  Gottes  selber  seine  Geistigkeit.  TipacxY);  und 
laTisivwaic  waren  die  Voraussetzungen  für  sein  Kommen,  und 
sie  waren  wieder  nur  der  positive  Ausdruck  für  die  Entfernung 
von  Zorn  und  Begierde.  Ihnen  gehört  das  Himmelreich,  denn 
Jesus  hat  es  ihnen  verheißen,  als  er  —  nach  des  Maximus 
Interpretationskunst  —  sagte,  daß  die  upaot  das  Erdreich  er- 
erben sollten!  Mit  yyj  kann  aber  nicht  die  wirkliche  Erde 
gemeint  sein,  weil  das  den  sonstigen  transzendenten  Verheißungen 
Jesu  widerspräche,  sondern  es  ist  die  Tiayia  xai  TravxsXo); 
6c\itz(id-exoq  ÄTCO  tou  xaXoO  t-^i;  twv  TCpaecov  atps-^ta?  eac  xal 
d'jva\i.:Q,  d.  h.  „die  feste  und  vom  Guten  ganz  unablenkbare 
kraftvolle  Beständigkeit"  der  upasl?,  die,  wie  die  Erde  die 
Mittelstellung  im  Weltall  hat.  so  im  Reiche  der  Ethik  die 
Mittelstellung  zwischen  Lob  und  Tadel  einnimmt,  vom  Lob 
nicht  aufgeblasen,  vom  Tadel  nicht  erschreckt  (352  D.A.).  Das 
verheißene  Himmelreich  besteht  also  dann  in  der  ünerschütter- 
lichkeit  in  TipaoxTjC  und  xaTZEivwaic;.  Diese  beiden  Eigenschaften, 
die  in  ihrer  Vereinigung  nach  Maximus  den  vollkommenen, 
nach  Christus  geschaffenen  Menschen  darstellen,  bedeuten,  daß 
man  sein  Leben  als  etwas  Geborgtes  ansieht,  also  Erkenntnis 
der  eigenen  Ohnmacht  {=^  xaTzeivwai;),  und  daß  man  den 
richtigen  Gebrauch  davon  macht  durch  verstandesmäßige  Er- 
zeugung von  Tugend  unter  Ausschluß  alles  Gefühlsmäßigen 
(357  B.C.).  TipaöxYjg  ist  also  die  Gelassenheit,  die  philosophische 
Gleichmütigkeit,  die  sich  auch  durch  die  heftigsten  Schmerzen 
nicht  außer  Fassung  bringen  läßt,  sondern  unentwegt  Gott  zu- 
strebt, im  Grunde  also  wieder  die  dTcai^eia.  Schließlich  wird 
damit  das  Himmelreich  zum  Zustande  der  Unerschütterlichkeit 
in  der  aTiaO-eia.  Maximus  kann  sich  garnicht  genug  tun,  diesen 
Zustand  zu  schildern.    Es  ist  nach  dem  Spruche  Mt.  11 29  eine 


Maxiraus  Konfessor.  87 

Ruhe,  denn  es  herrscht  darin  Freiheit  von  aHer  weltlichen 
Geschäftigkeit  (352  C).  Es  ist  ein  Zustand,  der  sich  an  uns 
ausprägt,  sodaß  wir  Reichsgottesgestalten  (tyjc  d-tia.q  ^^apaxxYjp 
ßaatXsias)  und  zu  einer  [Jiöpcpwat?  ev  Tiveunaxi  des  großen  Reichs- 
königs Christus  gestaltet  werden  (352  B.).  Was  alles  dazu 
gehört,  malt  Maximus  in  kühnen  Allegorien  an  der  Hand  von 
Gal.  328.  breit  aus.  Überall  ist  ihm  das  Reich  Gottes  die 
o-eistiofe  Größe,  die  dadurch  „kommt",  daß  sie  in  uns  o^e- 
schaffen  wird. 

Aber  ganz  fehlt  auch  bei  Maximus  der  transzendente  Ab- 
schluß nicht.  Schon  wenn  er  an  die  Vergänglichkeit  dieser 
Erde  erinnert,  klingt  das  durch,  und  dazu  führt  er  dann  eine 
Reihe  von  Sprüchen  Jesu  und  Pauli  über  die  jenseitige  Ver- 
geltung an.  Darin  tritt  besonders  charakteristisch  die  YjTOijjLaajJLSVYj 
änö  xaiaßoAfjg  xoajiou  ßaaiXeta  hervor,  an  der  die  Unerschütter- 
lichkeit in  der  Tugend,  also  doch  nach  der  obigen  Entwicklung 
das,  was  Maximus  selbst  schon  Reich  Gottes  nennt,  teilnehmen 
soll.    Die  eine  pxoiAeix  geht  demnach  in  die  andere  über. 

Der  Vergleich  mit  den  Vorgängern  zeigt  Maximus  auf  der 
Seite  der  Spiritualisten  Origenes  und  Gregor,  auch  sie  ver- 
legten ja  das  Reich  Gottes  großenteils  ins  Diesseits  und  als 
geistige  Größe  ins  Innere  des  Menschen.  Aber  die  Unterschiede 
von  ihnen  in  der  Terminologie  sind  auch  Unterschiede  in  der 
Sache.  ]\Iaximus  braucht  in  seiner  ganzen  langen  Erörterung 
nicht  ein  einziges  Mal  das  Wort  Sünde,  während  die  beiden 
anderen  die  Spitze  des  Gottesreiches  gerade  dagegen  kehrten, 
vor  allem  Gregor.  Maximus  hat  statt  dessen  die  Gegnerschaft 
gegen  Zorn  und  Begierde  eingesetzt.  Mögen  auch  die  Griechen 
keinen  allzu  tiefen  Begriff  von  Sünde  gehabt  haben,  so  blieb 
er  doch  immerhin  ein  religiöser,  während  hier  alles  philosophisch 
bestimmt  ist. 

Zur  3.  Bitte.  Maximus  leitet  über,  indem  er  ausführt, 
daß  Gottes  Wille  nur  dann  geschehe,  wenn  die  bekannte  Un- 
erschütterlichkeit in  der  Freiheit  von  Zorn  und  Begierde  bei 
uns  eingetreten  ist,  die  ja  das  Reich  Gottes  kennzeichnet. 

Gottes  Wille  besteht  nämlich  in  der  mystischen  Xaxpsia, 
die  xata  {jlovyjv  xtjv  Xoy'XYjV  S'jva{jitv,  allein  mit  dem  Denkver- 
mögen, unter  Ausschluß  von  Zorn  und  Begierde  dargebracht 
wird.  Dieser  Wille  Gottes  geschieht  im  Himmel  vollkommen, 
denn  die  Engel  kennen  jene  Gefühlserregungen  nicht,  sondern 


88  G.  Walther,  Griech.  \'aterunser-Exegese. 

sind  reine  Vernunftwesen,  ihre  Gottesverehrung  ist  also  wirklich 
eine  XoYtxYj  Xaxpsta.  Sie  sollen  und  können  wir  nachahmen 
(357  A.  358  A.B.C.). 

Man  muß  schon  bis  zu  Clemens  zurückgehen,  um  eine 
Anschauung  zu  finden,  die  so  stark  das  intellektuelle  Moment 
betont.  Die  Philosophen  unter  den  Auslegern  finden  sich  hier 
in  der  Umdeutung  der  Religion  in  Erkenntnis  zusanmien. 
Literarische  Abhängigkeit  des  Maximus  ist  deshalb  aber  nicht 
anzunehmen.  Maximus  brauchte  Clemens  nicht  zu  kennen  und 
würde  doch  mit  ihm  übereinstimmen,  weil  seine  Anschauung 
mit  Notwendigkeit  aus  seiner  ganzen  Stellung  folgt.  Wenn 
das  Gefühlsleben  des  Menschen,  wne  Maximus  357  C.  sagt, 
aller  Kraft  beraubt  wird,  dann  bleibt  nur  die  Sphäre  des  Ver- 
standes für  die  Religion  übrig,  der  Verstand  ist  der  Erzeuger 
der  Tugend  (ebd.),  der  Mensch  wird  zum  reinen  Verstandes- 
wesen, und  dadurch  mit  Gott  erkenntnismäßig  in  der  dcpafpsat^ 
xwv  ovxwv  vereinigt  (347  C).  Das  ergibt  dann  von  selbst  ein 
dem  clementinischen  Gnostiker  verwandtes  Bild, 

Zur  4.  Bitte  leitet  Maximus  über,  indem  er  ihre  Er- 
füllung von  dem  in  der  3.  Bitte  geforderten  engelgleichen 
Wandel  abhängig  macht. 

Bei  ihrer  Erklärung  selbst  tritt  wieder  die  Schwäche  der 
Theorie  vom  unendlichen  Schriftsinn  hervor,  insofern  Maximus 
sich  für  keine  der  beiden  möglichen  Auslegungen,  die  die 
Tradition  ihm  bot,  unbedingt  entscheidet.  Beide  sind  möglich 
und  daher  richtig.  Man  merkt  ihm  aber  deutlich  an,  daß  er 
die  spiritualistische  Deutung  bevorzugt.  Das  ist  der  Sinn,  in 
dem  die  Bitte  auf  alle  Fälle  gilt,  der  andere,  der  realistische, 
ist  ein  möglicher  Nebensinn. 

Nach  Joh.  6  33  ist  der  Logos  das  Brot  des  Lebens  und 
wird  auch  in  der  4.  Bitte  erbeten,  denn  Christus  hat  aus- 
drücklich durch  Mt.  6  2.jf.  das  Sorgen  und  damit  das  Beten  um 
die  xpo^fYj  aia^Yjxfj  verboten  (358  D.A.,  359  C.  D.).  In  mannig- 
fachen Ausdrücken  wird  Wesen  und  Wirkung  des  geistigen 
Genusses  Christi  beschrieben.  Er  ist  äpxoi;  Cw?j;  xal  5uva|X£0i)i; 
(347  C),  Äpxos  XYji;  J^wyj^  xal  x-^s  iTziyvcoaEw;  (359  B.),  dcpxoi; 
dtp^apxo;  x^s  ao^ia?  (361  A.),  äpxo?  Y^wax'.xo;  (362  A.),  äpTo? 
^(i)tj;,  aocpfai;  xe  xal  yvwaso)^  xal  StxatoauvY];  (364  C).  Besonders 
wird  sein  Zweck  noch  bezeichnet  als  aTioxpo'^rj  xwv  Yjixsxepwv 
4"jy(J)v    und    auvxT^pYjatj    x-fj;    xwv    ^^P^"^^^***'^    Vjijlwv    dya^wv 


Maximiis  Konfessor.  89 

vje^ixq,  d.  h.  Erhaltung  des  guten  Zustandes  der  uns  ge- 
schenkten Güter  (358  D.).  sowie  als  axJ-avaaia  xf);  cpuasw;  und 
Sieg  über  den  B-avaxo;  xyj;  a|xapx:a;  (359  B.).  Aus  all  diesen 
Angaben  geht  liervoi-,  daß  Maximus  unter  dem  ä,pxo;,  eine 
Seelennahrung  versteht,  die  die  Seele  nicht  nur  während  ihres 
irdischen  Daseins  gesund  erhält,  sondern  ihr  auch,  und  damit 
der  ganzen  menschlichen  cpua:^,  das  Leben  nach  dem  Tode 
sichert.  Was  erhält  aber  der  Seele  die  Gesundheit?  aocfia  und 
Yvwa'.;  und  dazu  die  O'.y.a'.oa-jvri,  die  offenbar  mit  dem  \)-avaxo? 
xr^c  a{iapx''a.;,  dem  durch  die  Sünde  verursachten  seelischen 
Tode,  korrespondiert.  In  dieser  Gestalt  geht  Christus  als  apxog 
xY^c  ^WTj;  in  die  Seele  über,  einmal  intellektuell  als  Erkenntnis- 
mehrung —  die  besonders  betonte  Seite,  und  dann  ethisch  als 
Stärkungsmittel  gegen  die  Sünde.  Das  spricht  auch  Maximus 
selber  so  aus:  Christus  wird  alles  in  uns  cC  apsxfj;  y.ai  aocpia; 
(358  A.). 

Es  entspricht  dem  völlig,  wenn  er  hier  hinzufügt  dvaXoyws 
xoic  xp£cpo|x£Voc;,  nach  dem  Maße  unserer  Aufnahmefähigkeit. 
Man  bekommt  das  Lebensbrot  nie  in  seinem  absoluten  Umfange, 
das  wäre  der  gesamte  Christus.  Die  Aufnahmefähigkeit  richtet 
sich  aber  nicht  sowohl  nach  der  geistigen  Begabung,  sondern 
nach  der  geistigen  Würdigkeit  (xaxa  voüv  a^ia),  die  man  sich 
durch  große  Taten  erwirbt  (359  B.C.).  So  drückt  es  wenigstens 
Maximus  aus.  wobei  aber  der  Gedanke  mitspielen  mag,  daß 
nur  geistige  Größen  geistige  Taten  tun  können. 

Über  eT^'.ouato;  schweigt  sich  Maximus  gänzlich  aus,  man 
müßte  denn  gerade  in  dem  Ausdruck  dTzoxpo'fTj  xwv  -^jiJisxepwv 
'j/u)(wv  (358  D.)  eine  Deutung  oder  wenigstens  Andeutung  im 
Sinne  des  Origenesworts  vom  apxo;  st;  xyjv  ouaiav  auii.,3aXXö- 
jxsvo?  finden. 

Auf  welchem  Wege  uns  das  Lebensbrot  „gegeben"  wird, 
ist  hinsichtlich  der  intellektuellen  Seite  ohne  weiteres  klar, 
Christus  ist  unser  StSdaxaXo;  (349  B.).  und  ergibt  sich  für 
die  ethische  Seite  aus  dem  bei  der  3.  Bitte  zitierten  Satze, 
daß  der  Verstand  der  Erzeuger  der  Tugend  ist.  Sie  kommt 
von  selbst,  wenn  der  Verstand  mit  aoi^i'a  gesättigt  ist.  Und 
daraus  erweichst  dann  endlich  die  Unsterblichkeit.  So  scheint 
mir  auch  die  Stelle  347  C.  verstanden  sein  zu  wollen,  die  im 
Wortlaut  (eSwSijjLGv  iaoxov  dpya^öiJLSvo?,  ysöai?,  o:  saO-iovxs^) 
sich  auch  auf  das  Abendmahl  beziehen  könnte.    Das  entspräche 


90  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser- Exegese. 

aber  dann  garnicht  der  später  (358  A.)  folgenden  ausführlichen 
Erklärung,  die  keinen  Bezug  auf  das  Abendmahl  nimmt. 

Cyrill  von  Jerusalem  war  der  letzte  der  hier  behandelten 
Erklärer  gewesen,  der  die  4.  Bitte  allegorisierte,  und  Cyrill 
von  Alexandria  hatte  das  späterhin  ausdrücklich  abgelehnt. 
Cyrill  von  Jerusalem  scheidet  nun  als  Vorbild  aus.  da  er  auf 
das  Abendmahlsbrot  exegisiert.  Mit  Origenes  aber  findet  sich 
starke  Verwandtschaft.  Christus  der  Logos  als  Lebensbrot 
und  dessen  geistiger  Genuß  als  ao'^i'a,  wie  auch  der  Unter- 
schied in  der  Aufnahmefähigkeit  waren  schon  Gedankengut 
von  Origenes. 

Falls  nun  doch  der  ecpYjjjiepo?  apioc  mit  der  Bitte  gemeint 
ist,  so  ist  nach  Maximus  die  Tatsache  zu  beachten,  daß  eben 
nur  der  äpzoc.  npoc,  T^jxepav  erbeten  werden  soll.  Das  setzt 
uns  Grenzen.  Wir  sollen  nicht  für  tioaXoI  etwv  ueptoSot  beten, 
weil  das  habgierig  und  außerdem  zwecklos  wäre,  im  Blick 
auf  unsere  Sterblichkeit.  Da  lehrt  uns  also  die  Bitte,  stets 
an  den  Tod  zu  denken  und  unser  Herz  an  nichts  Irdisches, 
Materielles  zu  hängen  (359  A.  360  A.B.).  Die  cpiXta  xriQ  uXyj? 
lenkt  uns  vom  Göttlichen  ab.  Wenn  wir  daher  auch  um  das 
tägliche  Brot  bitten  dürfen,  weil  wir  es  nicht  entbehren  können, 
so  wollen  wir  uns  doch  ja  damit  begnügen  und  nicht  mehr 
fordern,  als  was  gerade  den  Leib  in  seiner  cpuaixYj  süs^ia  er- 
hält, und  außerdem  auch  das  nie  für  mehr  als  eben  den  Tag 
(360  B.C.D.). 

Mit  der  Anfügung  dieser  Auslegung  verrät  Maximus  seine 
Kenntnis  einer  realistischen  Tradition  über  die  4.  Bitte,  wie 
wir  sie  bei  Gregor,  Chrysostomus  und  Cyrill  von  Alexandria 
fanden.  Sie  kamen  alle  drei  auf  die  Bedürfnislosigkeit  hinaus, 
und  Maximus  gibt  diese  Ansicht  wieder,  die  ebenfalls  seinem 
asketischen  Zuge  sehr  entsprach.  Dabei  ist  er  mit  Gregor  und 
Chrysostomus  näher  verwandt  als  mit  Cyrill  von  Alexandria, 
dessen  eigenartige  Motivierung  der  Forderung  er  nicht  auf- 
nimmt. Des  Maximus  Besonderheit  liegt  in  der  Unverbrämtheit, 
in  der  bei  ihm  die  neuplatonische  Askese  auftritt,  während  sie 
bei  Gregor  und  Chrysostomus,  in  die  Menge  christlicher  Ge- 
danken verwebt,  selbst  für  christlich  gelten  konnte.  Wenn  bei 
ihnen  die  Bedürfnislosigkeit  ein  Mittel  war,  in  Engelgleichheit 
den  Willen  Gottes  zu  erfüllen,  so  ist  sie  für  Maximus  ein  Mittel, 
von  der  öXyj  loszukommen. 


Maxiraus  Konfessor.  91 

arjjiepov  erklärt  Maximiis  im  ersten  Falle  genau  wie 
Origenes  als  die  Zeitperiode  des  atwv  o-jtoi;.  Das  macht  sich 
infolge  der  Exegese  von  äpxo^  als  Lebensbrot  nötig,  denn 
dies  wird  natürlich  nicht  an  einem  bestimmten  Tage  gegeben. 

Zur  5.  Bitte  ergeben  sich  die  Überleitungen  je  nach  der 
Auslegung  der  4.  Bitte  verschieden.  Wer  allein  um  das  Lebens- 
brot bittet,  ist  so  von  allem  Irdischen  abgezogen,  daß  ihn  kein 
Leid  mehr  mit  Zorn  erfüllt.  Erfährt  er  also  Unrecht,  so  ver- 
gibt er  gern  (361  A.B.).  Wer  andrerseits  um  das  tägliche  Brot 
bittet,  wird  dabei  an  die  Hinfälligkeit  des  Irdischen  erinnert, 
denkt  an  Tod  und  Gericht  und  vergibt  deshalb  dem  Nächsten 
gern,  damit  er  im  Jenseits  rein  dasteht  (362  A.). 

Es  ist  charakteristisch,  daß  Maximus  als  den  wichtigsten 
Inhalt  der  5.  Bitte  die  aTioxaxaaxaatc:  '^uaeto?  aTiaO-wc  Tzpöc. 
eauTTjV  v£'J0'jarj5  hinstellt,  d.  h.  die  Wiederherstellung  der 
Natur,  die  sich  leidenschaftslos  selbst  bejaht  (346  C).  Auch 
die  5.  Bitte  bekommt  also  einen  starken  philosophischen  Ein- 
schlag. Die  Natur,  d.  i.  die  Menschheit,  ist  einerseits  von 
Gott  getrennt,  weil  sie  sich  den  noi.%-q  hingegeben  hat,  und 
ist  andrerseits  auch  in  sich  selbst  zerspalten,  dadurch  daß 
ihre  beiden  Elemente  'fy(j)\i.ri,  die  geistige  Richtung,  und  Xcyog 
TYjc:  cfuaswc,  die  natürliche  Richtung,  widereinander  sind  und 
letztere,  an  die  nd^r}  dahingegeben,  offenbar  die  Oberhand  hat. 
Durch  die  Versöhnlichkeit,  die  als  Sieg  der  yvw^yj  über  den 
AÖ^foc,  xfic,  '-f'jaew;  zu  denken  ist.  einigen  sich  nun  beide,  und 
der  Xöyos  "^^i  cpuaeto?  wird  wieder  in  die  richtige  Bahn  gelenkt, 
er  ist  dann  in  seiner  geistigen  Bestimmtheit  sowohl  natürliches 
als  auch  göttliches  Gesetz.  Die  einheitliche  Richtung  aber 
führt  unerschütterlich  auf  Gott  hin  als  eine  oiaO-satg  £[i7ipaxT0C, 
Tipöc,  apsxYjS  yeveaiv  TTSTiotwjxsvTj.  Nun  erst  kann  die  Versöhnung 
Gottes  mit  der  Natur  eintreten,  denn  L^nversöhnlichkeit  und 
Gnade  passen  nicht  zusammen,  eine  entzweite  Natur  hätte 
Gottes  Herablassung  gar  nicht  aufnehmen  können  (361  C. 
362  CD.). 

Das  gibt  der  Exegese  der  5.  Bitte  bei  Maximus  die  Farbe. 
Unsere  Schulden  gegen  Gott  bestehen  in  der  falschen  Richtung 
unserer  cpuatc;  zur  üXyj  durch  die  -i^-q  und  der  damit  zusammen- 
hängenden Zerspaltung  der  Natur;  unsere  Schulden  gegen  die 
Mitmenschen  (ol  iziXxq)  in  dem  ihnen  zugefügten  Unrecht.  Wir 
vergeben  ihnen,   indem  wür  keine  Spur  davon  unserem  Geiste 


92  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese 

sich  einprägen  lassen  (361  C.)  und  auf  jede  extiaig  verzichten 
(362  C),  was  uns  infolge  der  d7:a^£ia  leicht  wird.  Auf  Grund 
unseres  Vergebens  kann  uns  dann  auch  Gott  vergeben,  denn 
wir  zeigen  damit  die  rechte  geistig-göttliche  Richtung  und 
dürfen  Gottes  Nachahmung  herausfordern,  weil  wir  ja  selbst 
so  leidenschaftslos  sind,  wie  Gott  es  ist  (361  B.).  Der  letzte 
Grund  für  das  Aufhören  der  ly^d-pa.  zwischen  Gott  und  Mensch 
ist  aber  Christi  Tun,  der  den  Tod  für  seine  Peiniger  wählte 
und,  indem  er  das  xstpdypacpov  xy];  ociiapzioL-  ans  Kreuz  heftete, 
Frieden  stiftete  (348  D.A.). 

Von  dem  philosophischen  Gehalt  abgesehen  ist  dies  formal 
das  allgemeine  griechische  Schema  der  Auslegung.  Was  Einzel- 
heiten anbetrifft,  so  erinnert  die  Vorstellung  von  Gott  als  dem 
Nachahmer  an  Gregor  und  Gyrill  von  Alexandria,  der  ausdrück- 
liche Rückgang  auf  das  Leiden  Christi  ebenfalls  an  letzteren; 
es  ist  allerdings  auch  so  stark  in  biblischen  Ausdrücken  ge- 
halten, daß  sich  Cyrills  Einfluß  nicht  von  dem  der  Schrift 
sondern  läßt. 

Zur  6.  und  7.  Bitte  leitet  Maximus  in  der  üblichen  Weise 
über,  daß  er  ihre  Erfüllung  von  der  menschlichen  Erfüllung 
der  5.  Bitte  abhängig  macht.  Wer  unversöhnlich  ist,  hat 
keine  Anwartschaft  auf  die  Güter  der  6.  und  7.  Bitte. 

Es  scheint  nun  zunächst,  als  legte  Maximus  den  beiden 
Bitten  einen  verschiedenen  Sinn  bei,  denn  in  der  Aufzählung  der 
Hauptsachen  im  Vaterunser  (348  B.C.)  leitet  er  aus  der  6.  Bitte 
die  Aufhebung  des  „Gesetzes  der  Sünde"  (=  Versuchung)  ab, 
und  aus  der  7.  die  Beseitigung  der  Zwingherrschaft  des  Bösen, 
wobei  er  aber  an  das  schon  in  der  Vergangenheit  liegende 
heüsmittlerische  Tun  Christi  (Menschwerdung  und  Kreuzestod) 
denkt.  Damit  ist  freilich  der  Bittcharakter  der  7.  Bitte  ganz 
aufgegeben,  und  tatsächlich  scheint  diese  Beziehung  der  7.  Bitte 
auch  nur  ein  Augenblickseinfall  gewesen  zu  sein,  veranlaßt 
durch  sein  Schema.  In  der  eigentlichen  Auslegung  nimmt  er 
sie  nicht  wieder  auf.  Dort  decken  sich  beide  Bitten  inhaltlich, 
wie  wir  das  bei  allen  Erklärern  außer  Cyrill  von  Jerusalem 
fanden. 

Über  ■KZ'.p7.a[i6;  gibt  Maximus  eine  ausführliche  biblisch- 
theologische Erörterung  (365  B.C.  366  CD.,  auch  Tcpd;  HaXaa- 
awv  uspl  d7:opo)v,  Frage  58  [Mg.  90,  593]  und  dasselbe  er- 
weitert in  xei^iXaia  Siai^ opa  ifsoXoY^xa  xal  o?xovo|jicy.d  III.  90 — 94 


I 


Maxi  raus  Konfessor.  93 

[Mg.  90,  1300 f.]).  Es  gibt  in  der  Schrift  einen  Zaibc,  zpöizoc. 
der  Versuchung.  Vor  der  einen- Art  wird  gewarnt,  z.  B.  Mt.  26  4i 
und  in  der  6.  Bitte,  die  andre  Art  wird  gepriesen,  z.  B.  Jac.  1  2. 
Letztere  besteht  in  ttövwv  ercr^opat,  ist  also  Leid,  in  das  wir 
geraten,'  ohne  daß  wir  es  wollten,  daher  auch  von  Maxiinus 
couvYjpoc,  6t.v.O'JGioc,  oder  aTipcaipeio?  7i£ipaa[Ji6c  genannt.  Ihr 
Anstifter  ist  der  -ovYjpo?,  der  durch  sie  die  Seele  mürbe  machen 
will,  damit  sie  sich  zur  Verleumdung  des  Schöpfers  hinreißen 
läßt.  Sie  kommt  aber  auyxwpYjast  i>-£oO  über  uns.  Merkwürdiger- 
weise jedoch  bezieht  Maximus  die  6.  Bitte  nicht  auf  sie,  sondern 
.sagt,  man  müsse  sie  standhaft  ertragen.  Das  <xnz&/^s.od-(xi  der 
T).  Bitte  bezieht  sich  auf  die  andere  Art  von  TiEipaajiöc.  An  ihr 
ist  unser  Wille  maßgebend  beteiligt  (Ttpoaipsxixd;,  iv.ou'^ioc, 
Tietpaa^dc),  sie  ist  lustvoll  (t^Oovixoc)  und  besteht  in  der  Vor- 
stellung von  T^ooval  awfjiaioi;.  Auch  ihr  Anstifter  ist  der  viovYjpöc, 
der  sie  uns  als  süße  Lockspeise  hinhält  und  uns  damit  reizt; 
aber  die  Entscheidung,  oh  wir  darauf  eingehen  wollen  oder 
nicht,  liegt  bei  unserer  Tipoaipsai?.  Das  Eingehen  darauf  er- 
zeugt Sünde.  Auf  diese  Art  von  Versuchung  bezieht  sich 
die  6.  Bitte  und  wünscht,  daß  Gott  den  Menschen  nicht  den 
Lockungen  des  Bösen  erliegen  läßt  (366  D.,  am  deutlichsten 
7ip6$  0aX.  a.  a.  0.). 

Es  sticht  nun  von  dieser  klaren  Auseinandersetzung  eigen- 
tümlich ab,  wenn  Maximus  im  Anfange  seiner  Auslegung  ein 
anderes  Begriffspaar  von  T:£tpaa[JiC5  bietet  (363  C).  Er  definiert 
ihn  entweder  als  ajJLapxt'ac  vö|Jioc,  d.  h.  die  seit  dem  ersten 
Menschen  allgemein  zwangsmäßig  herrschende  Sündhaftig- 
keit, oder  als  die  allgemeine  freiwillige  Seelenrichtung  auf 
die  fleischlichen  Leidenschaften  (lYjg  '\>^X^ii  ^"^^o'jgioc,  rzpöq  zcc 
7i(x9-Y]  xYj?  aapxoc  a-jvoia^-eatc).  Beidemal  ist  hier  der  neip cca\i6c, 
statt  als  actus  wie  oben,  als  habitus  gedacht. 

Untereinander  sind  die  beiden  neuen  Begriffe  von  Tistpaa- 
\i6c.  auch  durch  die  verschiedene  Stellung  des  Teufels  dazu 
geschieden.  Beim  v6\i.oc  Tr^c,  afiapitai;  ist  er  als  L'rheber  ge- 
kennzeichnet; er  hat  ihn  in  dem  Augenblick  zur  Herrschaft 
gebracht,  als  es  ihm  gelang,  den  Menschen  Si  aTraxYjs  zur 
t^bertretung  des  göttlichen  Gebotes  zu  verleiten.  Bei  der  frei- 
willigen fleischlichen  Richtung  gilt  der  Böse  als  der  xax'  evep- 
yetav  aujiTiXyjpwxtxcc  zric,  ejiTiaO-oOi;  Stai^-eaew;  xpcTio«;,  d.  h.  die 
leidenschaftliche  Gesinnung  in  ihrer  tätigen  Auswirkung.    Das 


94  G.  Walther,  Griech.  V^aterunser-Exegese. 

kann  doch  nur  heißen,  daß  er  die  schon  vorhandene  Richtung 
zu  Tatäußerungen  treibt.  Mit  der  ersten  Form  meint  Maximus 
offenbar  die  Erbsünde,  wohingegen  die  zweite  Form  die  frei- 
willige Sündlichkeit  darstellt,  die  Unterscheidung  bekommt 
sonst  etwas  sehr  scholastisches. 

Das  Verhältnis  dieser  Bestimmungen  von  TZEtpaajioi;  zu 
den  andern,  vorher  dargestellten  ist  nicht  recht  ausgeglichen. 
Da  die  ganze  Kategorie  der  unfreiwilligen  Versuchungen  durch 
Leid  schon  deshalb  wegfällt,  weil  sich  nach  des  Maximus  aus- 
drücklichem Ausspruch  (365  C.)  die  6.  Bitte  nur  auf  die 
freiwilligen  Versuchungen  durch  Lust  bezieht,  so  müßten 
Erbsündlichkeit  und  freie  Sündlichkeit  Unterabteilungen  von 
letzteren  sein.  Aber  kann  man  den  Ä[xapxia;  y6\i.o;.  einen 
Tzs.ipxa\ibc,  kv,o()aioq,  tjSovtxdg  nennen?  Das  ist  nur  in  einem 
Falle  möglich:  damals  als  der  <x\i7.pzi(xq  vö[X05  noch  kein  vö{io; 
war;  die  Versuchung  des  ersten  Menschen  war  ein  Tteipaajio- 
§y.ouatos  iioo'^iy.ÖQ.  Streng  genommen  ist  also  die  Versuchung 
die  L^rsache  der  Erbsünde;  und  ebenso  stehts  mit  der  freien 
Sündlichkeit,  nicht  sie  selbst  ist  die  Versuchung,  sondern  deren 
sich  immer  wiederholende  Ursache.  Der  actus  verursacht 
den  habitus. 

Ebenso  gespannt  ist  das  Verhältnis  dieser  Erklärungs- 
weise zu  dem  Zusammenhang  der  6.  Bitte.  Eine  Bitte  um 
Bewahrung  vor  dem  ererbten  Zwang  zu  sündigen,  ist  sinn- 
los, ein  Zeichen  dafür,  daß  Maximus  sich  hier  wieder  durch 
das  Wort  außer  Zusammenhang  auf  einen  sinnstörenden  Neben- 
gedanken hat  bringen  lassen.  Nur  der  Gedanke  läßt  sich  als 
Bitte  denken,  wie  es  auch  Maximus  (363  D.)  tut:  Laß  mich 
nicht  in  der  Befleckun«;  mit  dem  Zwang  zu  sündigen  bleiben. 
Wir  können  also  zwar  nicht  von  vornherein,  denn  er  isi 
unserer  Natur  beigemischt,  abei-  doch  nachträglich  mit  Gottes 
Hilfe  den  a[xaptia;  vöiioc.  überwinden,  indem  wir  fernerhin 
davor  bewahrt  bleiben,  ihm  zu  erliegen,  und  selbst  auch  mit 
Hilfe  Christi  die  Leidenschaften  l)esiegen  (364  C),  was  be- 
sonders durch  die  y.av)-'  al'aO-Yjaiv  v£-/.po)a'.i;  xwv  eTxl  y-^;  (xsXojv 
(348  B.)  oder  die  eyy.pöt.-s.'.x  geschieht  (~p6;  OaXaaa.  a.  a.  0.) 
—  wieder  Neuplatonismus,  der  durch  die  christlichen  Formeln 
hindurchscheint.  Auch  bezüglich  der  freien  Sündlichkeit,  die 
doch  als  freiwillige  fleischliche  Richtung  beschrieben  wird,  ist 
die  6.  Bitte  nicht  wörtlich  durchzuführen,  da  ja  die  Freiwillig- 


Maxiraus  Konfessor.  95 

keit  so  stark  betont  ist,  daß  nicht  einmal  der  Teufel  als  Ur- 
heber erscheint,  sondern  ganz  allein  die  Tüpcafpsai?.  Möglich 
ist  nur,  was  Maximus  wieder  selbst  nachträglich  so  wendet, 
daß  Gott  uns  hindert,  uns  freiwillig  den  Lüsten  des  Fleisches 
zu  überlassen. 

Um  so  mehr  ist  es  zu  verwundern,  daß  Maximus  diese  un- 
ebene Erklärung  zur  Hauptsache  macht.  Er  scheint  sich  a))er 
der  Differenzen  nicht  bewußt  geworden  zu  sein.  Da  er  die 
glatte,  hier  zuerst  dargestellte  Erklärung  sehr  ähnlich  auch  an 
den  andern  beiden  zitierten  Stellen  bietet,  so  wird  er  sie  hier 
wahrscheinlich  nur  anhangsweise  mit  aufgenommen  haben. 

Wer  mit  der  Erbsünde  befleckt  bleibt,  ist  dem  Bösen 
verfallen  (363  D.).  Daher  ist  bei  dieser  Erklärung  der  6.  Bitte 
die  7.  nur  der  erläuternde  Gegensatz  dazu.  Denkt  man  bei 
der  Versuchung  an  die  freiwillige  Hingabe  an  die  Lustgesinnung, 
so  bittet  das  Folgende  um  Errettung  von  dem,  der  sie  zu  Tat- 
äußerungen drängt,  offenbar  in  der  Annahme,  daß  damit  auch 
die  falsche  Richtung  selbst  aufhört.  Es  bestätigt  sich  also, 
daß  6.  und  7.  Bitte  sich  inhaltlich  decken. 

Legt  man  den  anhangsweise  gegebenen  Begriff  von  T:c'.paa(a.6; 
zugrunde:  Laß  uns  nicht  den  Lockungen  des  Bösen  erliegen, 
so  fügt  die  7.  Bitte  zu  der  subjektiven  Seite  der  Sache  die 
objektive  Entfernung  des  Urhebers  der  Lockung  hinzu.  Es 
läge  an  sich  nahe,  die  6.  Bitte  auf  die  lustvolle  Versuchung, 
die  7.  Bitte  besonders  auf  die  Leidesversuchungen  zu  beziehen. 
Aber  einmal  nennt  Maximus  den  letzteren  gegenüber  eben  nur 
die  standhafte  utüoijlov/j,  und  tatsächlich  kennt  er  andrerseits 
auch  nur  sie,  denn  mit  Jakobus  sollen  wir  sie  ja  nur  für  Freude 
halten,  für  ^u)^?]^  t^Sovyj  (xscp.  S'.dcp.  a.  a.  0.),  und  um  Befreiung 
von  körperlichen  Schmerzen  hätte  ein  Philosoph  wie  Maximus 
niclit  gebetet,  wenn  er  auch  hofft,  daß  sie  im  Jenseits  fehlen 
werden  (366  D.). 

Der  patristischen  Tradition  entspricht  von  den  vier  ver- 
schiedenen Definitionen  des  7t£opaa[i.d;  bei  Maximus  am  meisten 
das  eben  behandelte  Paar.  Gregor,  Chrysostomus  und  Cyrill 
von  Alexandria  beschrieben  die  Versuchung  als  Angriff  des 
Bösen  mit  List  oder  Gewalt,  Origenes  und  Cyrill  von  Jerusalem 
kaimten  sie  wenigstens  in  diesem  Sinne.  Sieht  man  aufs 
Einzelne,  so  fällt  an  der  lustvollen  Versuchung  am  meisten  die 
Verwandtschaft  mit  Gregor  von  Nyssa  auf,  der  sie    als  Köder 


96  G.  Walther,  Griecli.  Vaterunser-Exegese. 

hinstellte,  während  die  andern  darin  mehr  den  ayiov  sahen. 
Als  Leid  hatte  schon  Chrysostomus  den  7retpaa[jiöi;  wenigstens 
stellenweise  aufgefaßt,  aber  ihm  fehlte  dort  die  versncherische 
»Spitze. 

Das  andere  Definitionspaar  scheint  Maximus  formell  selb- 
ständig und.  wie  gezeigt,  nicht  ganz  glücklich  gebildet  zu 
haben.  Sachlich  konnte  er  sich  auf  manchen  Ausspruch  seiner 
Vorgänger  berufen.  Das  Dasein  des  ererbten  Zwanges  zu 
sündigen,  war  allgemein  anerkannt,  man  denke  nur  an  die 
Ausführungen  bei  Origenes  und  Gregor  über  die  tausend 
Reizungen  und  Gelegenheiten  zur  Sünde,  denen  niemand  wider- 
stehen konnte.  Die  allgemeine  Sündhaftigkeit  hatten  auch 
Chrysostomus  und  die  beiden  Cyrille  für  selbstverständlich  ge- 
halten. Nur  war  niemand  auf  den  Gedanken  gekommen,  das 
7i£tpaa|xds  zu  nennen.  Daß  man  sich  freiwillig  den  fleischlichen 
Lüsten  hingeben  konnte,  war  ebenfalls  ein  Axiom  der  die  Willens- 
freiheit so  hochschätzenden  Griechen.  Nur  hatte  noch  keiner 
diese  falsche  Sinnesrichtung  mit  Tieipaaixdi;  bezeichnet. 

Wenn  Maximus  als  den  Weg,  auf  dem  man  mit  Gottes 
Hilfe  von  der  Versuchung  frei  wird,  die  ly/pateca  hinstellt, 
so  ist  das  wieder  ein  Punkt,  wo  er  sich  mit  Gregor  besonders 
nahe  berührt,  der  die  Weltflucht  als  diesen  Weg  empfohlen 
hatte.  Es  sei  auch  gleich  noch  eine  solche  Einzelheit  hier  er- 
wähnt, Maximus  sagt  gelegentlich  (365  A.),  daß  wir  Menschen 
das  xaiwiaiov  xoO  Tcavioc;  )(ODptov  bekommen  hätten,  wohin  uns 
die  Schwere  unserer  Sünde  hinabgestoßen  habe.  Das  erinnert 
stark  an  Gregors  Ausführungen  über  unsere  xotAYj  Zoir^  hier 
unten  auf  der  Erde  der  schweren  Körper,  wo  alles  xaxdv  als 
schlammiger  Bodensatz  zusammenströmt. 

Als  letzten  und  tiefsten  Sinn  der  Bitte  und  überhaupt  des 
ganzen  Vaterunsers  stellt  Maximus  schließlich  das  Streben  nach 
der  xi-ewaic,  der  Vergottung  hin  (364  D.  365  A.).  Er  versteht 
darunter  die  Mitteilung  göttlicher  Natur,  —  cf.  Giegor  zur 
5.  Bitte  —  den  höchsten  Aufstieg  zum  Vater  des  Lichts  selbst, 
erfolgend  durch  Geistesmitteilung  (fAsH-s^ti;  xoO  Txveujxaxo;) 
(364  C.).  Voraussetzung  dafür  ist  natürlich  die  Reinheit  von 
den  bösen  Lüsten  und  damit  die  Freiheit  unserer  Natur  von 
der  Knechtschaft  des  Bösen  (365  A.). 

Das  aber  ist  tatsächlich  der  tiefste  Sinn  des  ganzen  Vater- 
unsers   bei    Maximns.     Abkehr    von    der  OXyj,    dem  Irdischen, 


Maximus  Konfessor,  97 

Vergänglichen,  das  unsere  Leidenschaften  reizt,  Hinkehr  unserer 
Natur  zum  Geistigen,  zu  dem  Leidenschaftslosen,  Göttlichen 
ist  eigentlich  der  ganze  Inhalt  des  Vaterunsers,  der  sich  in 
den  einzelnen  Bitten  verschieden  spiegelt.  Die  Anrede  „Vater" 
erinnerte  uns  an  diese  Pflicht,  die  L  Bitte  führte  sie  als  Heiligung 
durch,  die  2.  Bitte  gab  ihr  als  Reich  Gottes  die  rechte  Un- 
erschütterlichkeit, die  3.  Bitte  bezeichnete  sie  als  das  Mittel  zur 
engelgleichen  Erfüllung  des  Willens  Gottes,  ihr  zur  Stärkung 
diente  das  Lebensbrot  oder  die  Erinnerung  an  unsere  Hin- 
fälligkeit in  der  4.  Bitte,  zu  ihr  erzieht  die  Forderung  der  Ver- 
söhnlichkeit in  der  5.  Bitte,  ihre  Gefährdung  sucht  die  6.  und 
7.  Bitte  abzuwenden.  Das  ist  ein  geistvoll  durchgeführter  idealer 
Gedanke;  wenn  seine  Durchführung  nur  nicht  so  viel  Willkür 
erfordert  hätte,  und  wenn  er  nur  —  christlich  gewesen  wäre! 
Zusammenfassung:  Wenn  man  das  Vaterimser  im  Sinne 
des  Maximus  beten  wollte,  würde  es  etwa  so  lauten: 

Gott,   der  du  der  Vater  Jesu  Christi  bist,   der  du  mit  ihm 
und  dem  heiligen  Geiste  Vater  der  ganzen  Schöpfungs- 
welt bist  und  der  du  uns  lieb  hast  wie   ein  Vater,  — 
dein  Name  werde   durch  Abtötung  von  Zorn   und  Begierde 

in  uns  geheiligt. 
Schenke  uns  dann  in  der  Selbsterkenntnis  und  Gelassenheit 

die  rechte  Unerschütterlichkeit. 
Laß   uns    dir   dann    den    rechten   Vernunftgottesdienst    dar- 
bringen, wie  es  die  Engel  tun. 
Schenke    uns    daraufhin    den  geistigen    Genuß    des   Lebens- 
brotes Christus  in  diesem  Leben, 
oder:  Schenke  uns  für  den  heutigen  Tag  das  nötigste,  w^as 

wir  zum  Leben  brauchen. 
Durch  Versöhnlichkeit  ist  unsere  entzweite  Natur  vereinigt, 
nun  ahme  uns  nach  und  versöhne   dich  auch  mit  der 
Natur  im  Blick  auf  Christi  Tod. 
Weil  wir   versöhnlich    sind,    darum   laß   uns    nicht    in    der 
Befleckung  mit  dem  Zwange  zu  sündigen  bleiben,  sondern 
errette  uns  von  dem  Bösen, 
oder:     —  —  darum  hindere  uns,  den  Lüsten  des  Fleisches 
uns   freiwillig  hinzugeben,   und   errette   uns   von   ihrem 
:         bösen  Prinzip. 

..oder:  —  —  darum  laß  uns  nicht  den  Lockungen  des  Bösen 
erliegen,  sondern  errette  uns  von  ihm. 

T.  u.  U.  u:  Walther.  7 


98  G.  Waltlier,  Griech/Vaterunser-Exegese. 

Nach  alledem  bestätigt  sich  das  einoano-s  ansfedeutete  Bild, 
daß  die  Vaterunser-Erklärung  des  Maximus  eine  eigentliche 
Auslegung  nicht  ist.  Sie  ist  vielmehr  eine  „Unterlegung"  im 
Sinne  des  bekannten  Wortes.  Statt  im  Glänze  des  eigenen 
Lichtes  läßt  Maximus  das  Vaterunser  im  Glänze  areopagitischer 
Mystik  erscheinen.  Daß  er  sich  keine  streng  exegetische  Auf- 
gabe gestellt  hat,  zeigt  die  Lückenhaftigkeit  seiner  Arbeit  in 
rein  exegetischen  Fragen,  über  ein  so  wichtiges  exegetisches 
Problem  z.  B.,  wie  das  Wort  emouaioq,  verliert  er  keine  Silbe. 

Maximus  als  Exeget  bietet  infolgedessen  ein  eigentümliches 
Bild.  Er  erscheint  viel  selbständiger  als  die  meisten  andern 
patristischen  Ausleger,  soviel  Neues  hat  er  zu  sagen,  —  und 
doch,  zieht  man  das  herangebrachte  areopagitisch-philosophische 
Element  ab,  so  bleiben  fast  nur  altbekannte  patristische  Ge- 
danken übrig,  die  Maximus  aus  der  Menge  herausgriff,  wie  sie 
ihm  ins  S}stem  paßten,  oder  sogar  unausgeglichen  nebenein- 
ander stellte.  Bezüglich  des  wirklich  exegetischen  Stoffes  ist 
also  Maximus  sehr  wenig  selbständig.  Seine  einzige  Leistung 
ist  hier  eigentlich  die  nicht  aus  dem  areopagitischen  Element 
ableitbare  Erklärung  von  7r£cpaa|xdi;  durch  äiiapziaq  v6|xoi;  und 
iv-ouaioc,  Tipbc,  xb.  ■ncf.^-r^  auvStdcO-eat?,  die  nicht  einmal  glücklich 
ist.  In  der  Methode  zeigt  Maximus  mehr  Selbständigkeit. 
Die  Lehre  vom  unendlichen  Schriftsinn,  die  Überzeugung  von 
der  Darstellung  des  ganzen  christlichen  Lehrgebäudes  im  Vater- 
unser und  die  in  den  Übergängen  angewandte  Stufentheorie 
treten  erst  bei  ihm  auf.  Ein  Segen  der  exegetischen  Methode 
sind  sie  sicher  nicht  geworden,  sie  öffnen  der  Willkür  Tür  und 
Tor.  Man  muß  demnach  zu  dem  Urteil  kommen,  daß  Maximus 
für  die  Exegese  des  Vaterunsers  etwas  dauernd  Wertvolles  nicht 
geleistet  hat.  Irrwege  können  geistvoll  sein,  aber  sie  bleiben 
Irrwege. 

Es  ist  nun  noch  festzustellen,  welche  Erklärer  Maximus 
am  meisten  bevorzugt  hat.  Die  beiden  Berührungspunkte  mit 
Clemens  („Vater"  auf  Christus  bezogen  und  intellektualistische 
Vollkommenheit  bei  der  3.  Bitte)  bilden  keine  genügend  breite 
Basis  für  die  Behauptung  literarischer  Abhängigkeit.  Dagegen 
ist  zweifellos  eine  Beeinflussung  des  Maximus  durch  Origenes 
festzustellen.  Das  Zustandekommen  der  Kindschaft  durch  die 
neue  Geburt  mit  Hilfe  Cliristi  im  Geiste,  das  wesentlich  spiri- 
tualistische  Reich  Gottes,  die  Spiritualisierung  des  Brotes  und 


Petrus  vou  Laodicea.  ijlj 

dessen  nach  dem  Empfänger  al)gestufte  Verteilung,  die  Aus- 
weitung des  aYj(Xcpov  auf  den  atwv  obxoc,  sind  Zeugen  dafür. 
Und  neben  Origenes  tritt  sein  eifriger  Schüler  Gregor  von 
Nyssa,  seinen  Einfluß  bald  verstärkend  (spiritualistisches  Reich 
Gottes),  bald  ergänzend  (Reich  Gottes  =  heiliger  Geist),  bald 
eigene  Wege  gehend  (kosmologische  Vaterschaft,  Gott  unser 
Nachahmer.  Versuchung  als  Köder). 

Mehr  läßt  sich  auf  Grund  des  vorliegenden  Materials  nicht 
mit  Bestimmtheit  sagen.  In  den  wichtigen  Fragen  der  Kind- 
schaft, wo  Maximus  von  Origenes  und  Gregor  abweicht,  und 
der  realistischen  Erklärung  von  äpxog  kann  man  nur  eine  Gruppe 
von  Auslegern  als  Quelle  angeben :  im  ersten  Falle  Chrysostomus 
und  die  beiden  Cyrille,  im  andern  Falle  Gregor,  Chrysostomus 
und  Cyrill  von  Alexandria.  Aber  weder  von  Chrysostomus  noch 
von  den  beiden  Cyrillen  als  Einzelnen  ist  sicher  zu  beweisen, 
daß  Maximus  sie  kannte.  Cyrill  von  Jerusalem  tritt  überhaupt 
nirgends  allein  in  Übereinstimmung  mit  Maximus  auf.  Für 
Chrysostomus  ergibt  das  gleiche  Vorkommen  des  Ausdrucks 
^^apaxTYjp  bei  der  Anrede  in  seiner  Vereinzelung  auch  noch 
keine  Beweisgrundlage.  Was  endlich  Cyrill  von  Alexandria 
betrifft,  so  sind  gewiß  Berührungspunkte  da:  die  geistliche 
Wiedergeburt  zur  Kindschaft  durch  Christus,  —  aber  das  kann 
auch  auf  den  Einfluß  von  Origenes  zurückgehen;  die  reale 
Fassung  von  äpxoc,  und  das  Nachahmen  Gottes,  —  aber  da 
ist  Gregors  Einfluß  wahrscheinlicher;  der  Rückgang  bei  Gottes 
Vergeben  auf  Christi  Leiden  —  aber,  ganz  abgesehen  von  der 
biblischen  Färbung  dieser  Aussagen  bei  Maximus,  steht  die 
betr.  Stelle  bei  Cyrill  nicht  einmal  im  Lukaskommentar,  sodaß 
eine  literarische  Entlehnung  von  solch  einer  gelegentlichen 
Äußerung  recht  unwahrscheinlich  ist.  DerEinfluß  der  Cyrillschen 
Exegese  auf  Maximus  muß  also  für  das  Vaterunser  zweifel- 
haft bleiben. 


8.  Petrus  yon  Laodicea. 

In  dem  neuerdings  von  Heinrici  in  seinen  „Beiträgen 
zur  Geschichte  und  Erklärung  des  Neuen  Testaments"  V. 
(Leipzig  1908)  veröffentlichten  Matthäuskommentar  des  Petrus 
von  Laodicea  ist  uns  auch  eine  Erklärung  des  Vaterunsers 
erhalten  (p.  60  ff.),  die  hier  den  Abschluß  der  Untersuchungen 


100  G.  AValtlier,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

bilden  mag,  ohne  daß  mit  dieser  Anordnung  etwa  die  Ent- 
stehimgszeit  irgendwie  festgelegt  sein  soll.  Sie  kann  sehr  gut 
lange  vor  Maximus  liegen,  rückt  Heinrici  doch  den  Verfasser 
mehr  in  die  Nähe  des  Chrysostomus'.  Einen  hier  und  da  ab- 
weichenden Text  des  Vaterunsers  allein  gab  Heinrici  schon  in 
den  „Beiträgen"  III.  (Leipzig  1905)  p.  109  ff.  nach  einer  von 
Sirmond  gefertigten  Kopie  einer  Pariser  Handschrift'^. 

Zur  Anrede.  In  der  Kindschaft  ist  für  Petrus  das  aus- 
schlaggebende Moment  die  Ähnlichkeit  mit  Gott.  Nur  denen 
schenkt  Gott  Gehör  ()(pirj|iaTci^£tv),  die  seine  Kinder  sind,  und 
seine  Kinder  sind  nur  die  von  Sünden  Reinen,  die  die  An- 
wartschaft auf  das  Himmelreich  haben.  Nur  der  Sündlose  darf 
also  Gott  Vater  nennen.  Der  Gegensatz  dazu  ist  der  [iopcpw^si«; 
Tzpoc.  x&v  StaßoXov,  wozu  offenbar  alle  Nichtgotteskinder,  also 
nicht  Sündlosen,  gehören.  Wenn  sie  Gott  anrufen,  an  den  sie 
doch  nicht  glauben,  so  ist  das  eine  Tollkühnheit.  Die  ub^eatst 
heißt  Xptotoü,  weil  Christus  sie  ermöglicht  hat,  und  sie  voll- 
zieht sich  durch  die  ET^ccpoixYjai?  des  Geistes. 

M"ie  Heinrici^  angibt,  ist  der  Kommentar  des  Petrus  ein 
Sammelwerk,  und  zwar  entfallen  fünf  Zehntel  des  Materials 
auf  Origenes,  drei  auf  Chrysostomus  und  die  letzten  zwei  auf 
die  übrigen  erkennbaren  Autoritäten  und  Petrus  selbst.  Das 
findet  hier  sofort  seine  Bestätigung  insofern,  als  die  Kindschafts- 
vorstellung  des  Petrus  genau  die  von  Origenes  ist  (und  neben 
ihm  die  Gregors).  Selbst  ihr  Gegenstück,  die  Teufelskindschaft, 
kehrt  hier  wüeder.  Ebenso  gehen  die  Ausführungen  über  den 
Anteil  Christi  und  des  Geistes  dabei  auf  Origenes  zurück.  Wir 
fanden  sie  auch  noch  bei  Chrj-sostomus,  C}Till  von  Alexandria 
und  Maximus. 

Der  Natur  des  Kommentars  nach  geht  aber  hier  unsere 
Aufgabe  noch  weiter;  die  Abhängigkeit  läßt  sich,  wie  Heinrici 
schon  in  dem  quellenkritischen  Kommentar  dazu  an  den  mar- 
kanten Stellen  gezeigt  hat,  bis  in  den  Wortlaut  verfolgen. 
Zum  Vergleich  sei  daher  hier  das  einschlägige  Material  aus 
den  behandelten  Kirchenvätern  wörtlich  mitgeteilt. 

Petrus:  xöxe  „Tiaxfjp  TjpLwv"  6  '^eoc,  )(pr;|jiaxu£i,  oxe  oia  xriQ  xoö 
Tiveujiaxoc;  Itil'^ oixrjoewi;  x-^q  utoö-saiac;  (-j-  xoö  Sd.)  Xptaxoü 

1)  Beiträge  V,  p.  XLIII.  2)  Beiträge  III,  p.  109,  Anra.  1. 

3;  Beiträge  V,  p.  XXIX. 


Petrus  von  Laodicea.  101 

Origenes:  IXaßetc  .Ti'trjta  r/o/^f«;m^-  (tc.  £.  22  2). 

iv  x^  xoO  y.upi'oi»  i^iJLwv  'Ir^aoO  XptaxoO  irctSYjiiia  (ebda). 

x^j    £t^    XYjV   ^"-'yjj'''   ^'.J'-^J'^    cTiOYjjxta   xoO   loyo^  xoü   H-soO 

(::.  £.  22  4).        ' 
Cvrill-   von   Jerusalem:    iv.    SouXsia;    sc;    J7'o»9-to/av  .  .  .    5ia 

u:oö  xai  aytou  .-TVtviiaTO^  \i.zxtvtyß-bnt;,  .  .  .  Xsysiv  xo\ixo 

xax«^60'Jiic\)-a  (y.ax.  VII.  7). 
Chrysostonius :  xrn\uaTo^  yopYjY^'a  (Mx.  249  D.). 

Tov  JTi'evtiaTog  xrjv  4''-'XV  y-'-voOvxo;  ?/^/wt9^r^;  t?/c  -npoaYj- 

yopca;  £X£''vTrj;  (itaxöp)  (i.  Pfingstliom.  4  [Mg.  49/50,  458]). 

[XExa  xYjv  aapy.woiv  xoü  A^irorot'  .  .  .  vioihtoiaa  ij^ifofhi^jxirv. 

(Hom.  üb.  Job.  5  i9,  Abs.  4  [Mg.  56,  252]). 
Cyrill  von  Alexandria:  |jL£|xop'fw{jis9"a  £t;  r/oxrjxa  d/«  y£vvyj- 

a£w;  x-^^  jTrtv{ica'.y,f^z.  (Ax.  261  A.). 

7:ap'  aoxoO  (:=  Xpiaxoö)  xalxoOxo  £ayYjxa[jL£v  (Ax.  261  D.). 

Ti^q  oüxü)  Xa[i7:pa5  t]^iojd^ri(itr  X'.ijl-^s  (Ax.  262  C). 

x^j  xfj;  vtot^iOia^  Sö^Tfl  xax£ax£[jiixc9-a  (7:£plxp:aSo^  11.431  D. 

[Mg.  75,  736]). 
Maximus:  iHoQ^töioLv  SiSwai  (Xp'.axo;),  xtjv  0;:£p  cpuaiv  avwO-sv 

rf<«  jTvevitccTOJ:  .  .  .  S(opo'j|x£vo;  yv^vrpr^  (346  A.). 

xöv    cpuact    oy^fxioupYOv   yap'.xi   .TccT&Qtc   xaXctv   «^fOu[X£voc 

(351  D.). 

Der  Satz  ist  bei  Petrus  also  zum  größten  Teil  frei  gebildet. 

ETit-^oiXTrjats  entspricht  ungefähr  der  £7w:Sr^|xca  bei  Origenes.     In 

der  Ersetzung  des  Logos  Gottes,    der  ins  Herz  kommt,  durch 

den  Geist  zeigt  sich  der  Einfluß  der  späteren  Theologie  ^ 

Petrus:  6  yap  TaxEpa  xaXwv  xöv  ^£6v  &i^£{X£'.  xaO-apo;  zlvx'. 

OLTZO  Äixapxiwv  xal  xAYjpovoixo;  XYj;  j3aa'.).£ca;  xöv  oupavwv. 
Origenes:    £:  voTjaa'.|x£v,  x:  iax:  xo  .  .  .    r.ixzp  .  .  .,  öxvrjao[x£v 

jiYj  y£vö[x£voi  ulol  ywi^O'.oi  r.poz'^iyy.a.o^a.i  xauxYjv  xyjv  ^wvyjv 

auxw  (;:.  £.  22  3). 

7:ä;  6  .  .  .   [XYj  Tio'.wv  aiiaQTioLV  .  .  .,  ZI  wv  7:paxx£t,  X£Y£t 

jidrsQ     :?j[xtl)v     xxX.,     a'jxoO     xoö    7:v£U(xaxo^    aujxfxapxu- 

poövxo;  .  .  .   6x1  £?ai  .  .  .  xhjQoroi/oi  {^toü)  (r.  £.  22  3). 
Cp'ill    von    Jerusalem:    [X£Xa    yucf^agA;,    aov£'.Si^a£0);   jrareQa 

£7rtypacpd[X£vo:  rar  fhtor  (|x.  x.  V.  11). 
Gregor:    fj   a)-£''a  cpuat;  .  .  .   iaxl  .  .  .   xafhaQÖzr];,.   —  oöx   av 

\)"apaTia£i£v  (xt;),    |XYj  xa  auxa  xai  £v  iauxqj  ,'3Xc7i(i)v  .  .  . 

slnsXw  jTartQ  (726  A.B.). 

1)  Beiträge  Y,  p.  XXXVIII ff. 


J02  G.  Walther,  Griecli.  Vaterunser-Exegese. 

■  d  '{dp  TIC  .  .  .  Tipiv  x«t^«()8'Yjvat  xwv  .  .  .  xaxwv,  .  .  •  Xeyoc 
.T«Tf(>  .  .  .  xcp  xad^a(>{b  6  axaö-apxoc,  üppic  .  .  .    äv   sTy) 
(726  C). 
Chrysostomus:    o  yaQ  jrartQa  eiTiwv  ror  i^^or,    xal  anaQTij- 
ndxcov    acpeaiv  .  .  .    xal    x?.rjQOvofiia,v  ...    wnoXöyirjaev. 
G'jSe   yap   ouvatov  xakiooLi  .^artQa  xov  d^tov  ^r\  Tiavxwv 
£X£ivü)v  ETi'.xuydvxa  ayaO-wv  (Mx.  249  D.). 
o  7«()  xartQu  xciXirsoLC  tov  fhor  (Mx.  250  B.). 
Cyrill  von  Alexandria:  tl  .-rartQa  x«/oO|ji£V  ror  i^tov,  .  .  .  t^w; 
oux  a^tw;  TtoXixs'jao^iexJ-a;  (Ax.  262  C). 
Hier  überwiegt  fast  die  formelle  Verwandtschaft  mit  Chry- 
sostomus.    Man  könnte  sagen,  daß  Petrus  mit  dessen  Worten 
die  Ansicht  des  Origenes  wiedergegeben  habe. 

Petrus:    d-paau?   Se   6   [iop'^ü)i)-£:c    7tp6?    xov   SidßoAov,    XEywv 

Tiaxepa  xov  O-eov,  Sv  cö  S&^a^£t. 
Origenes:  6  tioiwv  xyjv  djjiapxtav  Ix  diaßöXou  eoxi'v  (1.  Joh.  3  8). 
£V  Tiavxl  xw  TtoioOvxt  XYjV  djjiapxiav  aTiEpjia  toü  diaßoXou 
£V£axiv  (ti.  £.  22  4). 

|i,£,wo(/9;oj[iEvoc  xaxd  xov  [iovoyEv?]  AÖyov  (-.  e.  22  4). 
qui    autem   non    spiritum   adoptionis   filiorum   habet,    et 
dicit:  Pater  noster  etc.,  mentitur,  cum  non  sit  ftlius  Dei, 
Deum  Patrem  suum  appellans  (Ser.  comm.  Mt.  2,  831 
[Mg.  13,  1602]). 
Gregor:  ti  ßap'jxdp5t6s  xtc  wv  .  .  .  xal  x6  'JisOgos  ^yjxwv  xaxa- 
xoXjjia  xü)v  x'^i;  Tipoaeux^?  ^rj{jtax(OV  .  .  .  (727  A.). 
£7iix(v5uvov    Tiplv    xa^ap9-?jvat    xw    ^i'w    xfji;    TTpoaEuyYjc 
xauxYj;  xaxaxoXjxY/aat  xal  rraTtQa  iauxcO  ror  «^for  övo- 
^iaaai  (728  A.). 
Maximus:    cpipwv    £v    Eauxw   xoü  ....   XpiaxoO  .  .  .   xfjv  .  .  . 
(jö()(f(oor^  (352  B.). 
Die    „Gestaltung  nach  dem  Teufel"   findet  sich  nirgends 
so   wörtlich,   sie  ist   aber  aus   Origenes  gebildet,   der  den  am 
meisten  entsprechenden  Gedanken  des  Teufelssamens  hat. 

Wenn  Petrus  im  Folgenden  aus  dem  filJLwv  der  Anrede 
schließt,  daß  die  Menschheit  ein  Leib  sei,  dessen  Haupt  Gott 
ist,  und  daß  uns  daraus  die  Pflicht  erwächst,  für  einander  zu 
beten,  so  gibt  er  damit  einen  Lieblingsgedanken  von  Chry- 
sostomus wieder,  der  sich  nur  bei  diesem  findet. 

Petrus  sagt:  etuwv  5^  x6  „yjixwv"  eva  xoü;  noXkobc.  Sefxvuaiv 
WC  £VOc  awjjiaxoc,  ji-iac  aTidvxwv  ouairji;  xE'^aXfj;  xoO  ■8-£0ö. 


Petrus  von  Laodicea.  103 

Tiavteg  dSeX^ot  dafisv. 
Chrvsostomus:    TiaiSeusi    dt    x«/    xoivYjv    v.^tQ    twv  d6i/.(f(bv 

TroielaO-at  tyjv   ^vyj^^K     oO  yo'P  z^'/f«  „«^  TcaxTjp  [jlou"  .  .  . 

aXkoL  .  .  .  „fjfjcöv" '  biikp  Toö  xoivoü  GcöficiTog  xäc,  OET^aet? 

äva'^epwv  (Mt.  249  E.). 

0'5    yap    ixeXe'JE    /Jytiv    Txaxep    [jio'j  .  .  .    aXXa    „-atep 

i]Hföv"'  .  .  .,  Iva  .  .  .  «dfX^^ixYjv  -pö?  «/2///0'Jc  Ssixvuwjiev 

suvoiav  (epiJt.  3). 

6  Xptaxd?  .  .  .    xoivYjv   eixexa^e  Tzoiziod-xi  -rf/  tryri'^,  xal 

(XTtö  xYjc  IxxAYjaiac  :iaar|5  ojj  e^  trog  TtpoawTio'j  Xeyeiv 

„Ttaxep    t/ficör'^  .  .  .'    xod   xsXeuwv,    ,  .  .  xai   rjr£(>   xöv 

«df/9^ü)V    ft^rjV    dva'^epeiv    (zu    Ps.  112    (113),    Abs.  1 

[Mg.  55,  300]). 

t6    y^P    ,JiHmv^    .TO//ÖV    eaxt    TrpoawTiwv    ar([Jiavxixöv 

(14.  Hom.  zu  Eph.,  Abs.  4  [Mg.  62,  104]). 
Wie  schon  Heinrici^  andeutet,  ist  am  nächsten  mit  dem 
Satze  des  Petrus  die  Stelle  aus  dem  Mx.  des  Chrysostomus 
verwandt.  Aber  auch  die  Psalmstelle  kommt  ihm  sehr  nahe. 
Freie  Zutat  des  Petrus  scheint  nur  die  Verdeutlichung  [iiä? 
d7:dvxü)v  xxX.  zu  sein. 

Mit  der  dann  folgenden  Erklärung  des  Seins  Gottes  im 

Himmel    gibt  Petrus    die  geläufige   patristische  Überlieferung. 

Petrus:    xb   hi    ..ev  xtic,    oOpavol?''    oxav   etTiirj,    oux  exet    xov 

ö-eov  a'jyxXsiwv  xoOxö  '^^r^aiv,   aXÄd  xfic  y'^jS  dTidywv  xdv 

£U)(6[ievov  xal  xotc  •jij'YjXofi;  TipoarjXwv. 
Origenes:   eTiav   Xtyr^xxi   6   Traxr/p   xwv   dy^wv   elvai  „Iv  roig 

ovQavoig".   oo   TieptyeYpd'^O-at    aoxov   ay^jixaxt   ao)|xaxiX({) 

uTXoXYjTixeov  (tx.  £.  23  1). 

Ol  ixixpw  xal  ßpa/el  xotiw  e^jLzepiAajJil^dvovxec  tov  . . .  ^toV 

(tc.  £.  23  3). 
Chrysostomus:    to    ds    „Iv   roig   ovQCcvotg''   orar  djci],    ovx 

tx£t  TOV  i^tov   ovyxÄeUov   xovxö   (p]OLV,    a7.ka   rrjg  y^g 

djraycop    ror    evyöfitvor    xal    roig    v^^ij/Mig   :rQoörjXcov 

yjbipioic.  xal  zolc,  avü)  ciaxpt^ati;  (Mx.  249  D.E.). 

elxa    5:5daxo)v    ri\iötc,    xaxaXtTtelv    T/}r  yf]r   xal   xd  Tiepl 

yijv  .  .  .  Txpoaexa^e  Aeys^V   „Tidxep  t^jjlwv  o  er  roig  ovga- 


1)  Beiträge  V,  p.  61. 


104  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

dXl'    Iva   .    .    .    xYjv    £7rii)-u|xiav    uäaav    IxtT   ixsxsveYxirj 

(§pii..  3). 
Der  Satz  des  Petrus   ist,   wie   schon  Heinrici^  nachweist, 
wörtlich  aus  dem  Mx.  des  Chrysostomus  entnommen,  nur  läßt 
Petrus  das  ausmalende  Ende  weg. 

Zur  1.  Bitte.  Was  seit  Origenes  kein  Exeget  wieder 
für  nötig  gehalten  hatte,  die  grammatische  Form  zu  erörtern, 
das  tut  Petrus  hier.  Der  Imperativ  aytaa'O'i^xü)  stehe  für  den 
Optativ  6u^ioLQ%-ti'Q.  Dann  stellt  auch  Petrus  wieder  fest,  daß 
es  sich  um  keine  Überführung  des  Namens  Gottes  aus  dem 
ihm  etwa  eignenden  Zustand  der  Entweihung  in  den  Zustand 
der  Heiligkeit  handle.  Vielmehr  sollen  wir,  nachdem  uns  seine 
Heiligkeit  offenbart  worden  ist,  wir  sie  also  kennen,  bei  der 
Nennung  Gottes  seinem  Namen  die  Heiligkeit  gebührend  zu- 
teil werden  lassen,  d.  h.  wir  sollen,  wenn  wir  Gottes  Namen 
nennen,  daran  denken,  daß  er  heilig  ist.  Wenn  wir  dem 
Namen  Gottes  die  Heiligkeit  „geben"  können,  dann  müssen 
wir  sie  ihm  auch  nehmen  können,  und  das  würde  ein  ^eßifjXoOv 
sein.  Es  fragt  sich  nur,  wodurch  das  geschieht.  Da  durch 
den  Zusatz  dvo[JiaI^ovx£5  ■8'SÖv  eine  Heiligung  durch  Wandel 
ausgeschlossen  wird,  kann  sichs  nur  um  Heiligung  und  Ent- 
weihung durch  Wort  oder  Gedanken  handeln.  Wir  entweihen 
den  Namen  Gottes,  wenn  wir  ihn  nennen,  entweder  durch 
Mißbrauch  im  Sinne  des  2.  Gebotes  oder  durch  Verknüpfung 
mit  unzureichenden  Vorstellungen.  Die  größere  Wahrschein- 
lichkeit für  Petrus  hat  das  letztere,  einmal  wegen  des  Hin- 
weises auf  die  Offenbarung,  die  doch  nach  griechischem  Ver- 
ständnis Mitteilung  von  Erkenntnis  ist-,  und  dann  wegen  des 
sowieso  feststehenden  Einflusses  von  Origenes  auf  Petrus.  Und 
Origenes  vertrat  ja  bekanntlich  eine  intellektuelle  Heiligung 
und  legte  das  2.  Gebot  geradezu  ebenso  aus  (tt.  s.  24  3). 

Die  Übersicht  über  die  Parallelen  zu  Petrus  gibt  folgen- 
des Bild: 

Petrus:   zb  hh  „dYcaa^T^xw"  ou  upoaxaxxtxw;  (Sirmond-xöv), 

eöxxcxw?  (Sd.-xov)  5s,  olo'^  ayiaad-siirj,  oijx  tva  ix  ßsßigXou 

^■^17.0%-%   aXX'  Iva  Y]|acv   a7:oxaXu-.p^£taYj;  xyj;  aycöxYjxo? 

auxoO   d^cw;   auxoO  StSwixev    dywxYjxa  Svojxd^ovxs^  •O-eöv. 

1)  Beiträge  V,  p.  61. 

2)  „Offenbarung"  (Kahler)  in  P.R.E.=^  U,  341,  46f. 


Petrus  vou  Laodicea.  105 

Origenes:    auvs/w;    jT{>oOTaxTixol;.    avti    frxr/xwv    expTjaavxo 
xal  ol  ipixTjvs'jaavTs;  (71.  c.  24  5). 

„yevYji^Yjxw   cpw;"  .  .  .    \).r^   i-vxTixotc  dXXa   jrQo6Taxriito)i 
s2pY]jj.£vov  (ebenda). 

(b;  (xYjSsTrco  ayiaofH^zoc,  xoö  ovd[j.axos  toü  Tiaxpö;  (t:.  e.  24  1). 
otoaaxö[i£9-a  xyjv  Iv  yj[i:v  Ivvotav  Tüsp:  ^£0ü  «//av  ycviavH-ai 
(tc.  £.  24  2). 
Cyrill  von  Jerusalem:  laö-'  oxe  ßtßr/Xovxixi,  .  .  .  £0)(ö|X£\)'a 
Iv  /////;•  «7mrJ>9-Y|Va'.  x6  ovo[j.a  xoO  9"£0ö"  or/  öxc  £x  xoö 
[X7]  £!va'.  ayiO'/  i~l  10  zhx:  £py£xa'.,  ccXX'  6'x'.  ev  /y/zn* 
«}'^^'''  yc'viXai,  «7^«Co[i£vo:;  y.ai  «^/a  xoO  ayucoiioü  tzoi- 
oöacv  ([X.  7..  V.  12). 
Gregor:  apa  Suvaxöv  eaxi  |xy)  «/^ov  £:va:  xoD  ö-eoO  x6  ovo[xa: 
(734  A.). 

£v  £|xoc  .  .  .  ,.«7/«ö»9-/yTw  xo"  .  .  .  „ovo|xa  (aou)"  (735  B.). 
Chrvsostomus :  yj[x£l;  or  r//j*  cur.  oöaav  ayioa^v-qv  r.poa'.fipo[izv 

xö)  i9-6r'7  (£p[x.  4). 
Cvrill  von  Alexandria:  ovy  dyiaa\xo\)  -poaO-Yjy.Yj  (Av..  262  D.). 
iTxav  xö  XYj;  aXirjO-Eia-  a'jxo:;  eXXa^'j'Tl  ^^?'  •  •  •  '^^'^^  •  •  • 
aytov  ccyioiv  ojxoXoyoOa'.v  «vro'r  (Ax.  263  B.). 
Die   grammatische  Erörterung  ist   auch  formell   durchaus 
von  Origenes  abhängig.    Im  weiteren  Verlaufe  fällt  dann  eine 
formelle   Verwandtschaft   mit    Cyrill    von    Jerusalem    auf,    die 
stärker  ist  als  selbst  die  mit  Origenes. 

Zur  2.  Bitte.  Hier  zuerst  zeigt  sich  bei  Petrus  die  schon 
bei  Maximus  gefundene  Schwäche  der  späteren  patristischen 
Exegese,  daß  sie  zu  keiner  klaren  Entscheidung  mehr  kommt, 
sondern  eine  Anzahl  Erklärungen  nebeneinander  stellt.  Es  galt 
diesen  Exeg^eten  eben  alles  als  richtig,  was  sich  einerseits  wie 
auch  immer  aus  der  heiligen  Schrift  herauslesen  ließ,  und  was 
andrerseits  die  früheren  Ausleger  schon  herausgeholt  hatten, 
so  verschieden  das  auch  in  sich  selbst  sein  mochte.  Ihre 
Exegese  ist  doppelt,  in  Inspirationstheorie  und  Traditionalismus, 
befangen.  So  wird  auch  Petrus  hier  zum  Sammler  ohne 
eigne  Meinung. 

Nicht  weniger  als  vier  Deutungen  des  Reiches  Gottes 
bringt  er.  Zuerst  die  [liXAO'jix  xöv  dyaO-wv  dTidXauai;,  das 
ßeich  Gottes  als  Genuß  der  ewigen  Seligkeit.  So  fand  es 
sich  besonders  bei  Chrvsostomus.     Parallelen  begegnen  bei 


106  G.  "Walther,  Griech.  Vaterunser- Exegese. 

Origenes:  futurum  regnum  (Rö.  Comni.  V.  3,   555)  und 
Chrysostomus :  tü)v  fu/LZo^ntav  e'^iea^ai  (Mx.  250  E.). 

£7iii)'U[i£rv  .  .  .  exeXeuas  xwv  //fc//ovTwv  (Mx.  251  A.). 

eTii^-u^jislv  Tü)v  //f/J.ovxü)v  o)c  [Jievöyxwv  (ip|x.  4). 

ixeivYj  yap  Svxwi;  Cwyj  .  .  .    afiiy^   r«  dyaiha  lyouGoi..  — 

exeivwv  .  .  .   avxexo|J-£8-a,    i'va  .  .  .    xyj;    äxTjpaxou    wwY|C 

«jro/«r ö(i)|X£v  (zu  Ps.  114  (116),  Abs.  3  [Mg.  55,  3i9]). 
Die  Verwandtschaft  des  Petrus  mit  dieser  letzten  Stelle 
fällt  auf.  Sollte  sich  unsere  Vermutung  bewahrheiten,  daß 
Chrysostomus  an  der  Erklärung  des  Vaterunsers  und  der 
Psabnen  gleichzeitig  gearbeitet  hat,  so  wäre  die  weitere  Ver- 
mutung möglich,  daß  die  Psalmenexegese,  zu  der  er  ja  die 
2.  Bitte  a.  a.  0.  zitiert,  von  dem  ihm  jedenfalls  vorliegenden 
Matthäuskommentar  des  Origenes  beeinflußt  war,  wo  sie  auch 
Petrus  gelesen  haben  könnte.  Origenes  müßte  dann  dort  das 
eschatologische  Moment  am  Reiche  Gottes  mehr  als  in  r..  £. 
betont  haben,  wogegen  nichts  spricht. 

Nächstverwandt  mit  dieser  Deutung  ist  die  dritte,  die 
Petrus  bietet,  die  os'jxlpa  auxoO  (=^  XpiaxoO)  Tiapouaia.  Sie  war 
eigentlich  allen  Auslegern  bekannt,  trat  aber  am  wenigsten  bei 
Gregor  und  Maximus  hervor.  Origenes  behandelte  sie  ebenfalls 
mehr  nebensächlich,  wenigstens  in  ti.  e.  Ihre  Hauptvertreter 
sind  Chrysostomus  und  die  beiden  Cp-ille.  Wie  Heinrici^  nach- 
weist, stammt  die  Fassung  fast  wörtlich  aus  des  Chrysostomus 
Matthäuskommentar  (zu  Mt.  3  i,  Mx.  142  A.),  also  nicht  aus 
der  Vaterunsererklärung.  In  dieser  klingt  sie  nur  durch. 
Hier  die  Parallelen: 

Chrjsostomus:   ßadikeiar   dl  £vxaj9-a  T/}r  jtaQOvoiar  avTOv 

XYjV  Ttpcxlpav  xal  xyjv  iiyjii.xr^'i  (f/joir  (Mx.  142  A.). 
Cyrill  von  Alexandria:  £7iiXa{Ji'|avxa  TiaXtv  v^  ■/.oap.fo  xov  .  .  . 

Xptaxöv  (Ax  264  D.). 
Dazwischen  gibt  Petrus  die  spiritualistische  Auslegung, 
deren  Hauptvertreter  Origenes,  Gregor  und  Maximus  waren. 
Die  5ia  xcO  aytcj  TiVEUjxaxo^  5(i)p£a,  w^ozu  offenbar  xwv  dyaÖ-wv 
aus  der  ersten  Deutung  zu  ergänzen  ist,  kann  nun  nach  Origenes 
als  geistige  Tiapouaia  Gottes  und  Christi  in  der  4'^X'^i  ^®^ 
Christen,  oder  nach  Gregor  als  a'j\),\ia.y(ia,  des  Geistes  gedacht 
sein.  Petrus  sagt  djas  nicht  deutlich,  doch  liegt,  wie  schon 
Heinrici^    erinnert,    der    Gedanke    an    Gregors    Lukastext    der 

1)  Beiträge  V,  p.  61.  2)  Ebenda. 


I 


Petrus  von  Laodicea.  107 

2,  Bitte  und  damit  besonders  an  die  Gabe  der  Sündenvergebung 
so   nahe,   daß  man  wohl  annehmen  muß,   daß  Petrus  hier  die 
Gregorstelle    im   Sinne    hat.     Wörtlich    hat    er   den   Ausdruck 
mit  keinem  der  andern  gleich,  deren  Angaben  so  lauten: 
Origenes:  Xpiaxw  ...  ev  yjjjliv  ex  Se^twv  xa\)-yj(ji£Vfp  yjc;  £u'/c- 

(jLsiVa  Aaßeiv  5uvd[jL£Wv:  m'tvf/aTtx/'/j:  (tz.  e.  25  3). 
Gregor:   -ig  ...   6  r/}r  i^aiUktiav  iXx^zlv  d^twv  tyjv  tov  cr/lor 
.-rvsv/iaroQ  G\j\i\ia-/j.a.v  STitßoaTat;  (737  D.). 
.  Maximus:    ßaoiksia    toü    O-eoO    xac    iratpös    oOatwowc;    eativ 
•j'ftatöaa  ro  jtrevfia  to  ir/ior  (350  B.), 
In    dem   folgenden   Satze    stellt   Petrus    noch   eine   vierte 
Erklärung  des  Reiches  Gottes  auf,  ausgehend  von  der  Tatsache, 
daß  neben  Gott  auch  Christus  manchmal  ot7.ovo[Jit%ws,  d.  h.  mit 
Rücksicht    auf   Gottes  Auftragt    ^aaiXs'jc;    des   Reiches   Gottes 
heißt.     Dann   ist  der  Sinn  der  Bitte  der,   daß  die  Kunde  von 
seiner  Königswürde,   also   m.  a.  W.   das  Christentum,   zu   den 
Ungläubigen  kommen   möge   und  sie  zu  gläubigen  Untertanen 
des  Königs  Christus  machen  möge.     Das  ist  der  Missionssinn 
der   2.  Bitte,    wobei    man    für  Reich   Christi   Christianisierung 
der  Welt  sagen  könnte.    Das  bedeutet  keinen  scharfen  Gegen- 
satz,   sondern   eher   eine  Weiterbildung  der  individualistischen 
Reichsanschauung  bei  Origenes,  die  dem  Petrus  auf  Rechnung 
zu  setzen  sein  wird.    Ob  er  sie  absichtlich  vollzogen  hat,  oder 
sie   aus  Prämissen  bei  Origenes  glaubte   schließen  zu  können, 
ist  nicht  zu  entscheiden. 

Formell  ist  der  Satz  fast  ganz  ohne  Parallelen: 
Petrus:  eTieiSYj  Se  cpuasi  ^ztc,  wv  6  Xptaxoi;  oixovojjitxwc;  xaXst- 
xai  ßaaiÄeu?   wi;   avB-pcoTio?,    iTitxiyovxoLi  ol  Titaioi  tgöto 
xal  IttI  xohc,  dTrtatou?  lAö-etv,  Iva  elc;  Xpiatov  iiiaxEuaavxs? 
ßaaiAea  l'Siov  iTttYpd^'wvxai  aOxdv. 
Origenes:  QXi]\ßctoiXtro'no^  xw  Tiaxpl  tov  Xqiötov  (25  1),  .  j 
Maximus:  xcO  qvott  xax'  o'boiixv  wg  dXrj9-wc  \ityo!.Xo'j  ßccoiZ-toig 
Xqiotov  (352  B.). 
Zur  3.  Bitte.     Auch  hier  entscheidet  Petrus  nicht  unter 
den  gebotenen  Erklärungen.    Es  sind  zwei,  nach  dem  Sd.-Text 
(Beiträge  III,  a.  a.  0.)  drei.     Die  erste  sieht  in  Gottes  Willen 
den    untadeligen   Wandel,    in    dem    die    Menschen    die    Engel 
zum  Vorbild,  nehmen   sollen.     Das   ist   die   geläufige  Exegese, 

1)  Heinrici,  Beiträge  V,  p.XXXVIIIf. 


108  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

die  uns  von  Gregor,  Chrysostonuis  und  den  beiden  Cyrillen 
her  bekannt  ist.  Origenes  unterschied  sich  von  ihr  nur  durcli 
den  allgemeineren  Beoriff  „Himmelsbewohner".  Von  Parallelen 
kommen  in  Betracht: 

Petrus:  xö  hk  „yevyjxI'Yjxü)  xb  \)-£XY][xa  aou  (Sd.  -\-  öj;  iv  o'jpavw 

xal  £7::  xyj;  yYj;)"  xoüxo  or^Xal'  ojaTzsp  Iv  o-jpavö)  xad-apö); 

y.al  a[X£|i7:xw;  Tzdcvxe;  ol  ay^iXo:  TcoXcxs'jovxa'.,  O'jxw;  y.al 

xobq  dvö-pwTiou;  ev  xtj  yti  t^o^V^ogv. 
Cyrill  von  Jerusalem:  o3t;  tr  ayyO.ot^  yivtxy.i  oov  ro  iht?jjf£a, 

ovTcoi;  y.at  Im  //yc  Ir  £|jloI  yhoixo  (\x.  v..  Y.  14). 
Gregor:  xyjv  tr  ovQavol;,  xwv  ayiwv  Guva|x£(j)v  jtoXittiar  .  .  ■ 

Tiavxo;  .  .  .  lioXuaixoü  x«.9^«(>£uouaav  (744  B.). 

Yj  [JL£V  avü)  jToXiTtloL,  ax£  7:avx6;  y.xv.oX)  y.ad^uQZUOxxsx,  sv 

TW    dyatJ-w    B^th'jfiaxi   xoö    i)-£0'j    y.a^opiS-oOxa:    (744  C). 

ol'toj^  xß)  Iv  -^iixlv  xo  dyaö-öv  x£Xecw9-£iTfj  (745  A.). 
Chrysostomus :  coOjrtQ  ixtl  jrca'TO.  dxwXuxü);  y.vzxa.'.,  y.al  .  .  . 

ol  ayysXoi  .  .  .  jiävra   sTxouai  yat  7ü£'>ovxa'.,   .  .  .  ot'Tf'> 

xcü  Yj|Jtä?  y.axa^''(i)aov  toi;c  drf^Qcöjtoi.;  .  .  .  (Mx.  251  B.C.). 
Die  meiste,   auch  formelle  Verwandtschaft  zeigt  der  Satz 
mit  Chrysostomus,    dessen  Aussage   schon  Heinrici^   als  Sach- 
paraUele  anführt. 

Als  zweite  Erklärung  bietet  Petrus  die  folgende:  &aTzep  ol 
&-'{xsXoi  Iv  o'jpavcr;  £catv,  ouxw?  y.al  r^jJLä?  d^iwaov  Iv  xr^  dva- 
axda£i  xoü  7:v£tj[iax:y.Gtj  y.al  y.a^apoO  aw[JLaxo;.  Der  Vergleichs- 
punkt liegt  hier  in  der  bei  der  Auferstehung  gleich  werdenden 
Leiblichkeit.  Sie  ist  hier  Inhalt  des  Willens  Gottes.  Dieser 
Gedankengang  ist  bei  den  behandelten  Kirchenvätern  völlig 
analogielos.  Sie  alle  bezogen  die  3.  Bitte  auf  unsern  Wandel 
im  Diesseits,  wenn  sie  gewäß  auch  nicht  leugneten,  daß  die 
Folge  unserer  ethischen  Engelgleichheit  hier  im  Jenseits  auch 
eine  physische  sein  w^ürde.  Aber  das  kommt  nur  ganz  gelegent- 
lich einmal  zum  Durchbruch.  Man  muß  also  auf  die  Fest- 
stellung der  Quelle  des  Petrus  verzichten.  Auch  der  von 
Heinrici^  genannte  Hieronymus  hat  nur  die  erste  Erklärung 
der  Bitte. 

Die  dritte  Auslegung  bietet  nur  der  Sd.-Text.  In  ihr  ist 
die  Ruhe  und  Einigkeit  der  himmlischen  ly.xXyjaia  als  Vorbild 
für  die  irdische  hingestellt.     Soweit  die  beiden  ey.y.Xr3aiat  ein- 


1)  Beiträge  V,  p.  62. 


Petrus  vou  Laodicea.  109 

ander  gegenübergestellt  sind,  entspricht  der  Satz  dem,  was 
Clemens  und  Cvrill  von  Alexandria  sagten.  Alles  übrige  bleibt 
zweifelhaft,  da  sich  der  Sinn  der  Worte  eiprjVtx'T]  xal  aaxaai- 
aaxoc  nicht  sicher  feststellen  läßt.  Es  sind  drei  Deutungs- 
möglichkeiten dafür  vorhanden.  Entweder  beziehen  sich  die 
Worte  auf  das  Verhältnis  der  himmlischen  Ixv.Ar/aia  zu  Gott,  mit 
dem  ein  Friede  ohne  axaat^  besteht,  dann  soll  der  Gehorsam 
—  wie  sonst  gewöhnlich  —  als  Vorbild  hingestellt  werden, 
aber  dann  verliert  diese  Erklärung  eigentlich  ihr  Recht  neben 
der  ersten.  Oder  es  ist  das  friedliche  Eintraclitsverhältnis  der 
Glieder  der  himmlischen  exxAYjota  zu  einander  gemeint,  das 
auch  auf  Erden  bewahrt  werden  soll  („Dein  Wille,  die  Eintracht 
der  Deinen,  geschehe  so  vollkommen,  wie  im  Himmel,  auch 
weiterhin  auf  Erden"),  denn  so  oder  ähnlich  wird  man  das 
cf'jXaxxeaxJ-ai  fassen  müssen.  Dann  gäbe  die  Erklärung  ungefähr 
den  Gedanken  des  Clemens  wieder,  der  seine  Worte  in  eine 
Ermahnung  zur  Eintracht  in  der  Gemeinde  ausklingen  ließ 
(Sxp(i)|x.  IV.  8  66),  oder  erinnerte  an  ein  Wort  des  Chrj-sostomus 
von  der  guten  Ordnung  (söxa^ta)  im  Himmel  (zu  Ps.  112  (113) 
Abs.  1  [Mg.  55,  302]).  Oder  endlich,  man  denkt  an  die  Aus- 
führungen von  Origenes  über  die  Anwesenheit  der  bösen  Geister 
im  Himmel  oder  die  des  Chrysostomus  über  den  Streit  der 
Engel  mit  den  Menschen  und  bittet,  daß  der  ungetrübte  Friedens- 
zustand, den  die  himmlische  Kirche  äußeren  Feinden  gegenüber 
hat,  auch  der  Kirche  auf  Erden  erhalten  bleiben  möge.  Doch 
gebe  ich  der  zweiten  Erklärung  den  Vorzug  vor  dieser. 

Aber  mag  man  deuten,  wäe  man  will,  das  wirkliche  Vor- 
bild bleibt  doch  unerkennbar.  Auch  die  Verwandtschaft  mit 
Clemens  reicht  für  die  Behauptung  literarischer  Abhängigkeit 
nicht  aus,  dazu  ist  die  formelle  Übereinstimmung  zu  gering, 
und  zudem  ist  es  unwahrscheinlich,  daß  Petrus  auf  einer  solchen 
beiläufigen  Bemerkung  von  Clemens  fußen  sollte.  Stände  die 
Stelle  in  seinen  verlorenen  Hypotyposen,  dann  wäre  die  Wahr- 
scheinlichkeit größer.    Hier  der  Wortlaut: 

Petrus:  r]  xaO-'  ixepav  iTitßoXrjV"  waTtep  fi  iv  oupcc^olz  sipirjvtxY] 

xal  daxaaiaaxc?  eaxcv  exxAYjaia,    cüxco   '^uXaxxsad-ai  xal 

im.  yf]^  (Sd.). 

Clemens:  stxwv  zrJQ  ovQCLvioM  ixxXrjOiaq  yj  sjiiys.ioq  (a.  a.  0.). 
Chrysostomus:  -f]  xaxa  xov  ovqüvov  euxa^ia  (a.  a.  0.). 


IIQ  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Ta  Se  tr  zoX;,  ovQaroi^  tiw;  &i()rjroT.O'.rpzv;  (3.  Hom.  zu 
Cül.,  Abs.  3.  [Mg.  62,  321J). 

ojöJt^Q  tr  ovQttvro  .  .  .  oiiOtXz,  Tiovrjpo;,  ovtco  \vf\hk  im 
rrjQ  YTJg  eatw  (7.  Hom.  zu  1.  Tim.,  Abs.  3.  [Mg.  62,  533]). 
Bei  der  4.  Bitte  entscheidet  sich  Petrus  ebenfalls  nicht 
für  eine  der  drei  angeführten  Erklärungen.  Sein  Satzgefüge 
ist  nicht  ganz  korrekt.  Er  gibt  erst  für  die  Deutung  von 
apxo;  £7i:co'ja:o;  eine  zweifache  Möglichkeit  an:  y;  xov  d^YjjjLepov 
—  Yj  xov  \xiXXovxot,.  Gleichzeitig  aber  besteht  eine  dritte  Mög- 
lichkeit, die  Ableitung  von  ouac'a,  die  nun  wieder  durch  Laut- 
verwandtschaft (üvoixaxoTio'.etv)  mit  der  zweiten  Ableitung, 
von  STiilvai,  verbunden  ist.  Das  ergibt  das  Paar  yj  r.apcc  x6 
irj.iyai  —  yj  . . .  ouaia,  welches  sich  aber  wegen  der  Bedeutung 
weder  mit  dem  ersten  Paar  parallelisieren,  noch  unter  dessen 
zweite  Hälfte  subsumieren  läßt.  Jedenfalls  wiederholt  Petrus 
die  drei  Deutungen,  die  wir  schon  kennen.  Als  erste  die  reale, 
die  Gregor,  Chrysostomus,  Cyrill  von  Alexandria  und  Maximus 
boten.    Hier  die  Parallelen: 

Petrus  selbst  sagt:   „sTiiouatov"  Se  „apxov"  Yj  xov  auv.axwvxa 

x6  aw[xa  yj|xwv  cpYjac,  xouxsaxc  xov  £cpYj[ji£pov. 
Origenes:    6  awixaxtxos    apxo^  .  .  .  X^P^^  (^^^  awjxaxo?)  ec; 

xYjv  ouaiav  (ti.  s.  27  9). 
Gregor:    x6    Tzpbc,    xy]v    auvxT^pyjaiv   e^apxoöv    xyj^    Oa)f/aTty.yf]c, 

oöaias  (745  C). 
Chrysostomus:  zl  eax:   „xov  aQTor  xov  ejriovoior^ ;  top  stpi- 
[itQov.    (Mx.'251  D.). 

y^aQTor  Ijtiovöior^ ^  rovr^töTir  irCi  xyjv  ouatar  xoö  Ocoftaroc 
otaßaLVOvxa  (epjx.  4.). 
Cyrill  von  Alexandria:   aQrov  .  .  •  yjxoi  xpocpYjv  xyjv  tffi/fieQor 

(Ax.  265  A.). 
Maximus:    zolc,   ovviormoiv  .  .  .  7)f/ojr  xy]v  uapoüaav   ^oi-fiv. 
(360  B.). 
Wieder  ist  hier  die  formelle  Verwandtschaft  mit  Chrysosto- 
mus^   am    größten.      Bemerkt    sei    auch    die   Ähnlichkeit  mit 
Maximus. 

Als  zweite  Erklärung  führt  Petrus  die  folgende  an:  yjxoi 
(Sd.  etxz)  xov  ETitdvxa  (xal  7ipoa5oy.(i)[JL£vov  xoO  7:v£u|xaxoc 
^(ooTüoiov  apxov,  xouxeax:  —  Sd.)  xov  jxeXXovxa.    Es  ist  die  Ab- 


1)  cf.  H  e  i  n  r  i  c  i ,  Beiträge  V,  p.  62. 


Petrus  vou  Laodicea.  111 

leitung  von  ir.iivT.:,  die  schon  Origenes  als  Einwand  gegen 
seine  Deutung  kannte.  Da  Cvrill  von  Alexandria  bei  seiner 
ebenfalls  ablehnenden  Erwähnung  dieser  Erklärung  sagt:  oi  [isv 
cpaaiv  (Ax.  266  B.),  so  muß  man  annehmen,  daß  sie  ziemlich 
verbreitet  war.  —  Während  sich  aber  weder  Origenes  noch 
Cyrill  über  das  Wesen  dieses  „Zukunftsbrotes"  näher  aus- 
sprechen, gibt  Petrus  wenigstens  an,  es  sei  der  ^odotzow;  itpxog 
xob  T^vsuiJiaTo;.  Durchsichtig  ist  auch  der  Ausdruck  nicht; 
auffallend  ist  daran,  daß  für  Christus  als  Lebensbrot  hier  das 
7ivcO[xa  eintritt.  —  Parallelen  hat  diese  Definition  nicht,  wohl 
aber  der  sie  erläuternde  folgende  Satz :  ib'^o[iO!.zo-ZT:oirizixi 
"Oivuv  xb  „£7:touacov"  yj  T.a.pcc  x6  STrievai  xai  er^ipyta %-ai,  Iva 
r,  •  TÖv  (JLY]  zoü  Iveaxwxo;  atövog  or/.efov,  dXXa  xöv  a7:oooxfYja6- 
[jisvov  iv  x({)  [xlXXovxt  xot;  ocyioic,  Zog  "^jjxlv  t^Syj. 

Origenes:    t6    ,,ejnovOtor"'  jraQa  to  tjritvai  xax£a)(rj|Jiax{a9'a:, 
wax£   acxslv  ■^\i.S.q  y.eXsuea^^-ai  xöv  oipxo^  xov  oixtiov  rov 
(liXXoyroc,  aio)i'o^,    Iva  7rpoAa,3ü)V  auxov  6  ^so;  rjöy}  fjftlv 
Swpi^arjxac,  waxs  x6  oiovsl  aupcov  6od^riö6(itvov  „OfjfJSQOv'''^ 
T^^cv   dofhtjvai,    ari\i.zpov  [xsv  tot  Ivscrcörog  alcövog  Xa.\x- 
ßavoixsvou. 
Cyrill  von  Alexandria:    „apxov"    Ss    „ror  tjnovoiov"'   oi  |i£v 
e!vat  (^aat  xöv  /J^ovxaxe  xal  do}h)/(j6fitror  xaxa  toj'  aicöva. 
rov  [itV.orroL  (a.  a.  0.). 
Hier  ist   deutlich,  daß  Petrus  die  bei  Origenes^  erwähnte 
Ansicht  wiedergeben  will. 

Endlich  bringt  Petrus  noch  die  eigentliche  Anschauung 
des  Origenes  bei.  Die  ouata  ist  unsere  unvergängliche  gott- 
ebenbildliche  Seelennatur,  das  konstante  göttliche  Element  in 
uns.  ir.io\)Gioc,  heißt  daher  alles,  was  sich  auf  unsere  Seele 
bezieht.  Der  apxo?  ist  dann  £T::o'jaio;  als  x"^  xupiw?  ouai'a 
6|jl:X(Sv,  d.  h.  mit  unserer  Seele  Gemeinschaft  habend,  als  Seelen- 
nahrung. Petrus  spricht  sogar  von  dem  ir.'.o'jQioz,  ^£Öc,  dem 
Gott,  der  für  unsere  Seele  da  ist. 

Diese  kühne  Bildung  begegnet  bei  Origenes  nicht.  Sonst 
ist  dessen  ^Meinung  richtig  wiederoegeben.  Formell  ist  Petrus 
selbständig,,  insofern  er  die  breiten  Ausführungen  von  Origenes 
in  einen  einzigen  Satz  zusammenfaßt.  Er  sagt:  yj  £7:£{7:£p 
o'ja''a  xupiw;  laxcv  fj  g^xwaa  xat  ''ik'^x'.o-.  o:a  yj  xyj;  '-J^u/yj;  ^\x(üv 


1)  cf.  Heiurici.  Beiträge  V.  p.  62,  auch  111,  p.  110. 


112  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

cpuat?  cfGpoOaa  xö  xax'  Ü'AÖvt.  toO  dcpaxo'j  ^eoü,  xaxa  xoOxo 
Aeycix'  av  o  X'^j  xupiwi;  ooata  oijliXwv  apxoc,  äTitouaicc  i^eog  wv, 
Aoyoc,  I^wv  äpxo?. 

Origenes:  //  p,evxoi  xvglcoc  oröia  xoic,  [lev  ,  .  .  vevdjJitaTai  x6 

elvat  ßißa'mc  lyo^ixa.  (ti.  e.  27  8.) 

äpxo?   dXrjO-tvd?   eoxtv  6  xöv  dXyjö'tvov  xpe'-fwv   av^-pwTiov 

x&v   x«t'  tixoim  Tov  fhtov  TieTiOLr/jievcv.  —  xi  oe  Xöyo'j 

tfl  ipvxii  xpo'f i^wxepov ;  (ti.  e.  27  2). 

TOJ'  etg   rriv   ovoioLV  auixßaXXöixevov  «(>tov   (t:.  e.  27  7). 

.,£7iwjaioc  äpxog"  6  r%  (fvoti  rri  Xoyix-^  7.axaXXrp.öxaxo? 

....  Oyieiav  . .  .  TceptTTOtwv  rr;  »/'r/'^j  (tt.  £.27  9). 

Cyrill  A'on  Alexandria:  xov  .  .  .  i^rvYjv  .  .  .  Tia.pi-/o'^xx  .  .  .  aArj- 
^zl  ovo'kx.,  xo'jxsaxt  t^  V^t'XTi  (^^-  ^^^  ^)- 

Zur  5.  Bitte.  Der  darauf  bezügliche  erste  Satz  des  Petrus 
enthält  drei  Dinge:  die  Mahnung  zum  d[xvYjatxax£iv,  die  durch 
das  Sündenbewußtsein  hervorgerufene  Demut  ({i£xpid^£tv)  und 
den  Wunsch,  xd  taa  zu  bekommen,  was  wohl  kaum  nur  „das- 
selbe" ■^-  dpLVTr]acxax£rv,  diesmal  die  göttliche  Vergebung, 
sondern  „das  gleiche  Maß"  von  Vergebung  heißen  soll.  Die 
Anordnung  dieser  drei  Faktoren  hängt  nun  davon  ab,  ob  man 
der  Lesart  xw  oder  x6  den  Vorzug  geben  will.  Liest  man  xtp, 
dann  enthält  der  Satz  und  damit  die  Bitte  zwei  Mahnungen,  die- 
jenige zur  Versöhnlichkeit  und  diejenige  zur  Demut  auf  Grund 
des  Sündenbewußtseins,  das  durch  die  Bitte  um  Vergebung 
geweckt  wird.  Damit  ist  die  eigentliche  Hauptsache  der  5.  Bitte 
in  einen  Nebensatz  verwiesen.  Auch  das  xwv  tawv  ist  dann 
eigentlich  überflüssig,  denn  nicht  das  gleiche  Maß,  worin  der 
bekannte  Anspruch  liegt,  sondern  die  Bitte  an  sich  weckt  das 
Sündenbewußtsein.  Liest  man  xd,  dann  würde  man  davor  ein 
Komma  setzen  und  die  drei  Infinitive  als  koordinierte  Mahnungen 
auffassen  müssen,  deren  dritte  den  Wunsch  nach  dem  gleichen 
Maße  von  Vergebung  ausspricht.  Das  mag  s^'ntaktisch  etwas 
hart  klingen,  trifft  aber  genau  den  Sinn  der  5.  Bitte  nach 
patristischer  Auslegung  und  läßt  die  Hauptsache  zu  ihrem 
Rechte  kommen.  Es  stimmt  so  gut  zu  dem  hier  wieder  als 
Vorbild  ausschlaggebenden  C'hrysostomus,  der  in  Mx.  und  be; 
sonders  klar  in  ip^.  die  drei  Mahnungen  zur  Bitte  um  Ver- 
gebung, zur  Demut  und  zur  Versöhnlichkeit  aus  der  5.  Bitte 
ableitete.    Ich  möchte  also  djivtjatxaxElv  von  StSdaxet  abhängig 


Petrus  von  Laodicea.  113 

machen,  nicht  von  ouatOTiwv,  einem  Wort,  das  bei  Chrysostomus 
häufig  ist^  und  hier  wohl  einfach  „beten"  heißt. 

Es  ist  schon  zur  Sprache  gekommen,  wie  stark  Petrus 
hier  wieder  von  Chrysostomus  beeinflußt  ist.  Das  zeigen  auch 
formell  die  Parallelen,  deren  hervorragendste  schon  Heinrici^ 
angeführt  hat. 

Peti'us:  slta  ouaianG)^/  oloyoc.  a[jiVYjatxajcerv,  auvetSoxa;  iauxolc, 

a^iapTiac;  ixeiptaCeiv  öiSaaxst,  xo  (Sd.  tw)  twv  l'awv  ^eXstv 

xu^eiv.    cprjal  yap"   „xal  ä^izc,  f^ptiv  xa  dcp£iXYj|Jiaxa  {-\-  mc, 

xa:  fi\i.üg  äcpfejjLev  zol(;  ö'^sikizoi.ic,  -i^ixwv"   Sd.). 

Origenes:   cptXavO-pcoTidxepov  7ronfjao[i.£v  df/rrjoixdxisic,  ivv/^^-iv- 

xe^  .  .  .  xai  lOi'tov  [i£|xvTj|i£voi  d'.p£:Xwv  (ti.  £.  28  6). 
Chrysostomus:     (i^d^oxcov,    ottw?    £7iiTi'/(i)[X£v    x'^?    dcplaEWi;, 
.  .  .   xö)    p,£V    u7io{jivYjaai    xwv   «//«()TYj|xaxwv    fiSTQUiCetv 
TiEi^wv,    XÖ)    5£    Exepoic:    «^etvai    -/.£X£Oaat,    ftrtjOixaxitxq, 
(XTiaaYji;  aTxaXXaxxwv  T^[ia<;  (Mx.  252  C). 
xav  «9^i/S,   .  .  .  XYjc:   auxYj?  Tfi'cT^)  x^P^"^"^?'   xacxoty^  outl 
föov  xoöxo  £x£iv(p  (Mx.  253  B.). 
ßouX£xai  Yjjxäc;  .  .  .  iifjr)]Oixdxo\)c,  (elvat)  (kp\i.  5). 
xoü$  [JL£v  axpou;  xy/v  ap£XY]v  ^trQi6if\X7.   diödoxei  cppovi^- 
[xaxog  xac  7iapax£X£'j£xai  .  .  .  xwv  TipoxEpcov  a|M«()T»j[jiaxwv 

|JlVYjJJlOV£"J£tV    (ip|X.   5). 

xooauxYji;  a^tou{jL£v  a'JYYVco|JL7j?  rv^tiP,  öori"^  rolg  ofpsiZo^oi 

&wp&u}Ji£Ö-a  (£p{x.  5). 
Cyrill  von  Alexandria:    ßouXExat  ypvjaxoü?   xa:  df/r/]öixdxo\j(; 

Elvai  ...  6  xupcos  (Ax.  266  C,  auch  Sach.-Komm.  IL  36 

[Mg.  72,  106]). 

xa-jxTjv  £v  '/(jip  [jiExpw  ^YjxoOat  Xaߣtv  (Ax.  266  D.). 
Der  folgende  Satz  notv  0£  a{iapxYj[ia  6cp£iXYj{JLa  laxcv  ist 
eine  Art  Parenthese,  die  mit  einer  der  ganzen  patristischen 
Exegese  geläufigen  Feststellung  die  vorhergehende  Behauptung 
stützen  will.  Ausdrücklich  ausgesprochen  fand  sich  die 
Gleichsetzung  nur  beiläufig  bei  Origenes:  debita  peccata  dici 
{^=  GcpeiXyjixaxa  a[JiapxYj|j,axa  X£Y£a9-at?)  frequenter  invenies 
(Rö.-Komm.  IV.  522  [Mg.  14,  946]). 

Schließlich  stellt  Petrus  noch  besonders  fest,  daß  Un- 
versöhnlichkeit  von  der  göttlichen  Vergebung  ausschließt,  um 
damit,  wie  yap  beweist,  etwas  Früheres  zu  erhärten.    Man  kann 


1)  Stephanus,  Thesaurus  Bd.  2.  2)  V,  p.  63. 

T.  u.  U.  14:  Walt  her. 


114  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

dabei  an  die  Mahnung  zum  a[iVYjaiy.axeIv  im  ersten  Satze 
denken.  Aber  dann  schleppt  die  Begründung  sehr  nach.  Wahr- 
scheinlicher ist  mir,  daß  das  yap  sich  auf  den  Zusatz  „wg  xal 
i}\isXc,  %t:X."  bezieht,  dessen  Notwendigkeit  es  verteidigt  und 
der  gewiß  zu  Unrecht  in  verschiedenen  Handschriften  aus- 
gefallen ist.  Sachlich  und  auch  nach  dem  Sprachmaterial 
schließt  sich  der  Satz  wieder  am  meisten  an  Chrysostomus 
an,  doch  bietet  die  formähnlichste  Parallele  Gregor. 

Petrus:  el  yap  |xyj  svouaYjxat  (-asxai  Sd.)  zi;  x-r]v  x^;  atxvYj- 
atxaxta;  dpexT^v,  o'j  Suvaxat  xuyetv  acpcasoi^. 

Origenes:  si  Ss  [jly]  |3ouXd[x£\)-a  rpaöxspot  yivsa^a-.  (t:.  £.28  7). 

Gregor:  6  xoi'vuv  Iv  Ti'.xpia  xax£)jojv  ü::£p  xwv  ö'^XYj[xaxo)v 
xov  UTroyeipiov,  .  .  .  xfj;  iJ-cta^  ^piXa.y'&pisir.iixc,  iauxöv 
dTceaxoivtaev  (752  A.). 

Chrysostomus:  St^w?  §7r:Tr/o)[X£v  xrjg  acptatco^  (s.  o.). 

Zur  6.  und  7.  Bitte.  Des  Petrus  Ansicht  ist  hier  nicht 
einheitlich,  sondern  es  ist  deutlich  wahrnelmibar,  daß  sie  aus 
Chrysostomus  und  Origenes  zusammengeflossen  ist.  Im  Anfang 
folgt  Petrus,  wie  Heinrici^  nachweist,  den  Worten  des  Chry- 
sostomus. Der  T:£tpaa|iö;  ist  ihm  der  dywv  mit  dem  Bösen, 
der  als  einzelne  Episode  gedacht  ist.  Ist  er  unvermeidlich, 
dann  ist  die  7.  Bitte  am  Platze,  die,  wie  der  Zusatz  im  Sd.- 
Text  zeigt,  erbittet,  daß  der  Kampf  nicht  mit  einer  Niederlage 
endigt.  Vielmehr  gilts,  seinen  Mann  zu  stellen  und  den  Sieg 
zu  erringen.  Bis  dahin  ist  alles  in  der  Hauptsache  geistiges 
Eigentum  des  Chrysostomus,  aber  mit  der  Erwähnung  des 
Sieges  setzt  der  origenistische  Einfluß  ein.  Plötzlich  heißt 
es,  der  Sieger  sei  überhaupt  nicht  in  Versuchung  gekommen, 
denn  der  7i£ipaa[Jiö;  sei  die  Niederlage  im  Kampfe  mit  dem 
Bösen.  In  dem  Siege  aber,  mit  dem  man  den  Netzen  des 
Versuchers  entgeht,  besteht  zugleich  die  Erlösung  von  dem 
Bösen.  Das  ist  die  volle  Anschauung  von  Origenes.  Dem- 
nach ist  es  dem  Petrus  hier  nicht  ganz  geglückt,  die  Aus- 
sagen seiner  beiden  Hauptgewährsmänner  zu  verschmelzen. 

Die  Übersicht  über  die  formelle  Verwandtschaft  kaiui 
diese  Tatsache  nur  bestätigen. 

Petrus:  Etxa  otodaxEo  [lif]  uapacxEtaB-at  zouc,  aywvai;,  uXyjv 
[i/f]  ({XY)0£  Sd.)  ETZcppiuxE'.v  Ixuxou^"   £1  0£  avdyxT]  xaXlaot 


1)  Beiträge  V,  p.  63. 


Petrus  von  Laodicea.  115 

(vtaXeaet  Sd.),   Sei  eü)(£a\>at  xoü  „^uoB-yjvai"  (-j-  xal  jxt] 
■?jTTYjifYjvaiSd.)*  oyocp^v  (-[- t^Sd.JTiaXig  vtx(I)vxal( — Sd.) 

S^xeiat  de  n.  Sd.). 
Origeiies:    5tÖ7iep    fcr;fwji£^a  (wod^ijvai  jrtiQazripiGM  Iv  X({)  ^^ 

/yTTaoxH-rt«  (tc.  e.  29  9). 

ehe  Y^p  //  rrdXri  IotI  .  .  .  npoc,  oapxa  .  .  .  etxe  .  .  .  npbq, 

tac   ap)(a?  .  .  .   laxlv  "?j[itv   xa  «ywria{iaxa  (t:.  e.  29  2). 

5ia   xoö   t7x«T«Ä6 /.T£a9-at  TiapaSiSöjievoi   ev  xalg   lutd-u- 

jit'at;  (ti.  £.  29  15). 

Suo    jr«/aiajJLaxa    .Ta/atoa?   6    'Iwß    xat    vixrioa.q   xpixov 

oüx  «/«rr^exat  dycöva.  (u.  e.  30  2). 
Cyrill   von  Jerusalem:    ol   |i£v   o5v   Ir  xsiQaofiolg   \iri   xaxa- 

ßa7ixi^ö[X£Vot  5iaßatvouatv  (^.  x.  V.  17). 
Chrysostomus :  diÖäoxoiw  (ou)  jraQaLzelO&ai  roig  dyöivaq,  dXXa 

|(//}  £7ti;:Yj5av.   —  EXxuaö-Evxag  ...    Set  y^waiw?  iaxavat 

(Mx.  253  D.E.). 

7:ai5£U(i)v  .  .  .  ^m/}   eTiircYjSäv  xot?  xivSuvot^  //^^de  sjtiqqijc- 

rtii'  tcwTovQ  aXX'  dvajievetv  iTitdvxas  xal  avSpetav  uäaav 

e7tt5£txvuax)-ai  (Hom.  über  Mt.  26  39,  Abs.  4  [Mg.  51,  39f.]). 

£7iai5£ua£  |xr|X£   ETrtTiYjSäv  xoXq  xivSuvoli;,  dXXa  xal  fr'x£- 

o{^ai  [17]    i|JL7i£a£lv    £1?   aOxou?'    d   öl   ^ueXO-oiev,    cpepEtv 

aoxouc;  ysvvatü)?.    xauxa  oüv  etSöxei;  fü;((i){i£\)-a  |jl£v  |xrj5£- 

710XE   f/OfA^elv    6tc  jieiQaOfJOi''    xav   t/af^i^^wjiev,    uapa- 

xaXü)[iev   xöv  O-edv,   5t56vat  i?j|j,tv  .  .  .    dvSpet'av  (ebenda). 

£rf<d«)(xhrj{X£v  Tiapd  xoö  O-eoö  xöv  oXwv  aüxeTv  xyjv  xouxwv 

dTiaXXayi^v  (£p|x.  5). 
Cjrrill   von  Alexandria:    xaQaiT(ii\iz^a.    [jlev    x6  jrft()a^ea^ar 

xatpoO  Se  xaXoü^Toq  6)c,   iE,  dvdyxfic,  de,  toüto  .  .  .  dyco- 

i'i^eod-ai  xpYj  (Ax.  267  B.). 
Maximus:  xov  [j-ev  .  .  .  dTCfrgwjAe^a  jtsiQaöfiov  (366  D.). 
Heinrici^  hat  die  Hauptparallele  schon  angeführt.  Das  oO, 
welches  in  ihr  bei  Chrysostomus  zweifelhaft  ist,  gibt  Petrus 
imbedingt  (jn^)  wieder.  Entweder  hat  er  es  also  wirklich  in 
seinem  Chiysostomustext  gelesen,  oder,  wenn  er  es  hinzu- 
gefügt hat,  so  ist  das  unter  dem  Einfluß  von  Origenes  ge- 
schehen, der  ein  solches  uapatXEta^ai  für  unmöglich  hielt. 
Formell    jedenfalls    ist    der    Satz    im    ersten    Drittel    durchaus 


1)  Beiträge  V,  p.  63. 


IIQ  G.  Walther,  Griech.  Vater unser-Exegese. 

von  Chrysostomus  abhängig.  Im  zweiten  Drittel  kreuzen  sich 
beide  Einflüsse,  im  letzten  Drittel  herrscht  Origenes  rein. 
Die  Verwandtschaft  des  Petrus  mit  Cyrill  von  Jerusalem  wird 
ebenso  auf  gemeinsame  Bekanntschaft  mit  Origenes,  wie  die 
im  ersten  Teile  mit  Cyrill  von  Alexandria  auf  Chrysostomus 
zurückgehen. 

Petrus  fährt  fort:  r.e'.poi.r5\XQC,  ydp  eativ  fj  y|TTa  xal  -i]  d-6 

„IppuaB-Yj  a-Tzb  xoO  T^ovYjpoO".     Parallelen  bieten: 

Origenes:  xöv  Zh  jyrrwiJisvov  £v  tw  jt£iQdZ,ti^0L'.  dotQyta'&oL'. 
eig  xov  jreiQaOfjov,  £V£)(6[X£vov  xoi?  d^xrroi^  auxoO  bizo- 
Xatißdvü)  (t:.  £.  29  9). 

(ji'£xa'-  5'  "^[iä;  6  ^£0$  «jro  tot  jtor/jQOv  .  .  .,  oxs  rixmiitr 
dv5p£i(i);  [axd[X£Voi  (tc.  £.  30  1). 
Gregor:   6  ///}   dotXB^cov  eh  jr&iQaOfiö'^  e^cd  Tidvxw;  iaxc  toi» 

jiov7)QOv  (760  D.). 
Cyrill  von  Alexandria:   'i'])txai  .  .  .   xw  ///}  tiotXd-tlw  elg  jrti- 
Qaöf/6v  xö  £x  Tov  jiovriQov  QVij&ii'JO!.'.  i]\iotg  (267  A.). 
Es  ist  dies  die  Fortsetzung  der  Erklärung  nach  Origenes, 
dessen  Ansicht  Petrus  kurz  zusammenfaßt.    Die  Verwandtschaft 
mit  Gregor  und  Cyrill  ist  nur  formell,  da  sie  ja  den  Ti£tpaa[x6? 
anders  fassen. 

Petrus  gibt  dann  noch  eine  von  Origenes  und  Chrj^sostomus 
herrührende  Erklärung  der  Tatsache,  daß  der  Teufel  6  Tzowrip6<; 
genannt  wird.    Wie  schon  Heinricis^  Zitat  zeigt,   ist  sie  lite- 
rarisch   überwiegend    von    Chrysostomus    abhängig,    mit    dem 
sie    das   oö    cpua£t   und   die    bmp'^oXr\   gemeinsam  hat,   was  bei 
Origenes  fehlt.     Petrus   sagt:   Tzovrjpo;  0£   iazi^   b  ScdßoXoi;  ou 
(^uaec,  dXXd  7:poatp£a£r  oö  ydp  xwv  ex  ^^ua£03(;  daxlv  ^  Tzo'^ripioi., 
dXX'  iE,  auxe^ouaiou  xaxiai;  xal  7:ovYjp''a;  (rpcatpEacw;  Sd.)  yiv£- 
xai*  xax'  ä^oy/jV  §£  ouxo;  xaXcixai  5'.a  xyjv  07:£p,3oXrjV  xf);  xaxi'a^. 
Origenes:  definiunt  quidam  jro?7/(>/av,  id  est  neqitiam,  spon- 
ta7iea.m    vel    i'o??<>2^ariam    esse   »talltisim.    —    voluntate 
et  studio  mala  facere  .  .  .,  hoc  est  nequitia.     Unde  et 
merito   diahohis  hoc    nomine    jiovrjQog  .  .  .    appellatur 
(2.  Hom.  zu  Ps.  36  (37)  Abs.  4  [Mg.  12,  1332]). 
Chrysostomus:    jrortjQC)^  5e  ivxaOÖ-a  tot  6ic'cJo/iov  xaXtl  .  .  . 
Sei'xvu;    Sxi    nv   (fvOti   xo'.oOxd;   iOTiv.     or  yccQ  rmv  ix 


1)  Beiträge  V,  p.  63. 


Petrus  von  Laodicea.  117 

<fV(j€(oc,  flXka  tü)V  tx  jTitoaiQtOKDC  .  .  .  ioT\v  fj  jiorijQia. 
xar    l^oxijv   df    ovtmq   i-/.tlvoc.   xaXetrai   (ha   rr/r  vjreQ- 
ßoXi]v  rz/c  xaxias  (Mt.  253  E.  254  A.). 
xar'  t^nxrjr  XtfexcLi  -ovqpoz  .  .  .  Öia  zijv  vjiSQßoXvv  Ti/g 
xaxiccQ  (Hom.  zu  Ps.  139  (140),   Abs.  1   [Mg.  55,  419]). 
Der  Schlußsatz  der  Erklärung  des  Vaterunsers  bei  Petrus 
zeigt   ihn   noch   einmal   vor  einem  Zwiespalt  seiner  Lieblings- 
autoren stehend:  zö  5e  „6'xt  ooO  eaxLv  -q  ßaatXsta  xal  •^  ouvajjLi?" 
£v  Tcatv  oO  xeixaL  {Jiexpi  xoO  „d[irjv".     Während  Chrj^sostomus 
in    beiden    Erklärungen    die    Doxologie    mit    zum    Vaterunser 
rechnet,  fehlt  sie  bei  Origenes  durchaus,   ebenso  wie  bei  den 
beiden  Cj'rillen  und  bei  Maximus. 
Zusammenfassung. 
„Du  da  droben  im  reinen  Himmel,  dem  wir  in  Sündlosigkeit 
wesensähnlich  geworden  sind  und  gehören  nun  als  deine 
Kinder  alle  zusammen, 
Laß  uns,   wen)i  wir  deinen  Namen  nennen,  stets  die  rechte 

Vorstellung  von  dir  haben. 
Schenke  uns  den  Genuß  der  ewigen  Seligkeit, 
oder:  den  heiligen  Geist  und  seine  Gaben, 
oder:  die  Wiederkunft  Christi. 
Oder:   Laß   sich  alle  Heiden   dem  Könige  Christus  beugen. 
Hilf  uns  den  vollkommenen  Tugendwandel  der  Engel  nach- 
ahmen. 
Oder:    Gib    uns    in    der   Auferstehung    den   geistlichen    und 

reinen  Leib  der  Engel. 
(Oder:    Bewahre    der    Kirche    auf   Erden    den    Frieden    der 

Himmlischen.    Sd.). 
Gib  uns  die  tägliche  Leibesnahrung. 
Oder:  Gib  uns  das  Brot  der  Zukunft  schon  heute. 
Oder:  Gib  uns  das  Wesenbrot,  die  Seelennahrung  Christus. 
Und  vergib  uns  die  Sünden,  deren  wir  uns  demütig  bewußt 
sind,   im  gleichen  Maße,   wie  wir  selbst  gegen  unsere 
Schuldner  versöhnlich  sind. 
Und  laß  uns  im  Kampfe  mit  dem  Bösen  keine  Niederlage 
erleiden,  sondern  schenke  uns  den  Sieg  über  ihn." 
Die  Einzeluütersuchung  hat    ergeben,    daß  Origenes   und 
Chrysostomus    einen  ganz    überwiegenden   Einfluß    auf  Petrus 
ausgeübt  haben.     Sein  Kommentar  ist  hier  fast  nur  eine  Zu- 
sammenarbeitung ihrer  Gedanken.  Er  bringt  nur  wenig  sachlich 


118  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

neues  (2.  Bitte  im  Missionssinn,  3.  Bitte  auf  den  Auferstehungs- 
leib  oder  auf  den  Frieden  bezüglich).  Dazu  kommen  noch 
formell  selbständige  Sätze  wie  die  zur  2.  Erklärung  der  4.  Bitte, 
zur  5.  Bitte  und  der  Schlußsatz  über  die  Doxologie.  Alles 
andere  ist  frei  oder  wörtlich  von  Origenes  und  Chrs'sostomus, 
in  einem  Falle  (2.  Bitte)  auch  von  Gregor  übernommen.  Andere 
Autoren  kommen  hier  trotz  gelegentlicher  Berührungen  nicht 
in  Betracht,  es  müßten  denn  die  jetzt  dem  Petrus  selbst  zu- 
geteilten Stücke  noch  unerkannte  Vorbilder  haben. 

Das  Verhältnis  von  Origenes  und  Clirysostomus  unter- 
einander verschiebt  sich  hier  zugunsten  von  letzterem,  von 
dem  der  Form  nach  doppelt  soviel  Gedanken  stammen,  wie 
von  Origenes.  Petrus  entlehnt  mehrfach  von  ihm  fertige 
Sätze  mit  geringen  Änderungen,  was  bei  den  Origenesstücken 
nicht  zu  konstatieren  war.  Sie  erscheinen  7:spl  söyyj;  gegen- 
über immer  mehr  oder  weniger  umgestaltet.  Sieht  man  auf 
den  Gehalt  der  gebotenen  Gedanken,  so  ändert  sich  die  Sache 
gänzlich.  Was  Petrus  von  beiden  übernahm,  geht  fast  in  allen 
Fällen  irgendwie  auf  Origenes  zurück,  sei  es  direkt,  sei  es 
durch  die  Vermittelung  von  Chrysostomus.  Nur  in  5  von 
22  Fällen  stammt ,  das  Material  allein  von  letzterem.  Aber 
er  hat  nun  die  Gedanken  des  Origenes  so  umgestaltet  und 
erweitert,  daß  sie  schließlich  von  Petrus  der  genuin  origenis- 
tischen  vorgezogen  wurden.  Direkt  stammt  von  Origenes  Material 
nur  in  9  Fällen.  Für  die  literarische  Tätigkeit  des  Petrus, 
die  doch  beide  Größen  schon  vorfand,  die  originalen  Gedanken 
von  Origenes  und  ihre  Umgestaltung  und  Bereicherung  bei 
Chrysostomus,  muß  man  also  hier  beim  Vaterunser  eine  ganz 
offensichtliche  Bevorzugung  des  Chrysostomus  als  Charakteristi- 
kum feststellen. 

Es  fällt  nun  auf,  daß  selbst  an  den  Stellen,  wo  reiner 
Einfluß  des  Origenes  vorliegt,  dieser  immer  viel  stärker  durch 
das  Medium  von  Petrus  gegangen  zu  sein  scheint,  als  der  des 
Chrs'Sostomus.  Warum  zitiert  Petrus  aus  Origenes  nie  so 
wörtlich  wie  aus  jenem?  Da  er  in  seinem  ganzen  Matthäus- 
kommentar  durchgehends  stark  von  dessen  uns  verlorenen 
xdijioi  zu  Matthäus  beeinflußt  war^,  so  wird  er  auch  für  die 
Vaterunsererklärung   diese    und    nicht    die   Schrift    Trepc   euyrii 


1],  Heinrici,  Beiträge  V,  p.  XXIX. 


Gesaratüberblick.  119 

benutzt  haben,  die  ihm  bei  seinem  Streben  nach  Kürze  ^ 
vielleicht  nicht  einmal  zusagte.  Soweit  sich  doch  Verwandt- 
schaft mit  ihr  zeigt,  boten  r.epl  suyfj;  und  der  Matthäus- 
kommentar  ungefähr  das  gleiche.  Alles  Chrysostomusmaterial 
stammt,  •  wie  sich  mit  Sicherheit  feststellen  läßt,  aus  dessen 
Matthäuskommentar.  Wo  Parallelen  aus  anderen  Werken  dieser 
Verfasser  l)eigebraclit  sind,  ist  die  Berührung  nur  als  zufällig 
zu  beurteilen,  wie  sie  sich  daraus  ergibt,  daß  der  Autor  sich 
wiederholt,  und  daß  seinem  aufmerksamen  Leser  sich  seine 
Ausdrucksweise  einprägt.  Das  gilt  besonders  von  der  ipjitjveia 
des  Chrvsostomus,  die  Petrus  noch  viel  weniger  heranzuziehen 
Ursache  hatte  als  die  Schrift  -spl  s'jy^Yj;  für  Origenes. 

Ob  Petrus  Clemens,  die  beiden  Cyrille  und  Maximus  ge- 
kannt hat,  kann  nach  Lage  der  Sache  nicht  entschieden  werden. 
Geleg-entliche  Berühruno-en,  die  mit  allen  vorkommen,  besagen 
auch  hier  nichts.  Besonders  lä£t  sich  also  auch  aus  seinem 
Verhältnis  zu  Maximus  nichts  für  die  Chronologie  des  Petrus 
entnehmen. 


Gesamtüberblick. 

Als  zweifelloses  Ergebnis  unserer  L^ntersuchung  werden 
wir  eine  starke  Verwandtschaft  des  von  den  behandelten 
Exegeten  beigebrachten  Materials  feststellen  dürfen.  Das  ist 
an  sich  kein  Fehler,  denn  je  näher  man  dem  ursprünglichen 
Sinne  des  erklärten  Textes  kommt,  desto  mehr  schmelzen  die 
Auslegungsmöglichkeiten  zusammen,  desto  größer  muß  die 
Gleichheit  der  Erklärer  in  ihren  Aussagen  werden.  Und  so  ist 
es  denn  kein  Wunder,  wenn  die  späteren  Ausleger  nicht  mehr 
soviel  Selbständigkeit  zu  besitzen  scheinen,  wie  die,  die  Neu- 
land pflügten.  Wohin  es  führt,  wenn  man  durchaus  etwas 
Neues  bieten  will,  zeigt  das  Beispiel  des  Maximus.  Aber  wir 
haben  doch  gesehen,  daß  die  starke  Gleichheit  des  Materials 
nicht  nur  aus  freier  Übereinstimmung  stammt,  sondern  daß  der 
eigentliche  Todeskeim  der  selbständigen  Exegese  in  dem  auf- 
kommenden Traditionalismus  lag-  Auch  derjenige  darf  noch  ein 
selbständiger  Ausleger  heißen,  der  unter  den  schon  erschöpfend 
herausgearbeiteten  Möglichkeiten  nach  gründlicher,  sachlicher 

1)  Ebenda  p.  XXX f. 


120  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

Prüfung  die  auswählt,  die  ihm  die  richtige  zu  sein  scheint, 
und  damit  alle  andern  für  falsch  oder  doch  unwahrscheinlicher 
erklärt.  Dazu  hatte  die  patristische  Exegese  je  länger  je  weniger 
die  Kraft,  und  so  ist  ein  guter  Teil  der  Übereinstimmungen 
in  ihren  Aussagen  dem  aufkommenden  Traditionalismus  zu- 
zuschreiben. Clemens.  Origenes,  Cyrill  von  Jerusalem  und 
Gregor  hatten  die  Selbständigkeit,  neue  Auslegungen  zu  geben, 
Chrysostomus  und  Cvrill  von  Alexandria  die  Selbständigkeit 
der  "Wahl  unter  dem  Gegebenen,  Maximus  imd  vollends  Petrus 
auch  das  nicht  mehr. 

Dies  Bild  verstärkt  sich,  wenn  wir  nicht  auf  die  Ver- 
wandtschaft der  Auslegungen  selbst,  sondern  auf  die  der  zu- 
grunde liegenden  Problemstellungen  sehen.  Für  uns  ergeben 
sie  sich  unerschöpflich  neu  aus  der  Arbeit  der  Kritik,  bei  den 
Griechen  verstummte  diese  bald,  und  nun  übernahm  einer  die 
Problemstellungen^  vom  andern  und  fügte  kaum  neue  hinzu. 

So  ist  man  fast  nirgends  über  das  hinausgekommen,  was 
Origenes,  der  kritische  Geist,  an  Fragen  aufgestellt  und  er- 
örtert hatte,  und  hat  auch  davon  noch  vieles  übergangen.  An 
Neuem  brachte  Chrysostomus  bei  der  Anrede  die  Frage  nach 
dem  Inhalt  des  yj[x(.ov,  bei  der  3.  Bitte  Gregor  die  Frage  nach 
dem  Inhalt  von  d-iAr^xx  und  -(^'r(]%•r^xo)  und  bei  der  4.  Bitte 
nach  höc.  Dazu  kamen  noch  die  Erörterungen  über  die  Zu- 
sammenhänge der  einzelnen  Bitten  bei  Gregor,  Chrysostomus 
und  Maximus  und  endlich  die  durch  einen  andern  als  den 
Origenestext  hervorgerufenen  Ausführungen  über  die  2.  Bitte 
bei  Lukas  von  Gregor,  Maximus  und  Petrus  und  über  die 
Doxologie  bei  Chrysostomus  und  Petrus. 

Damit  ist  die  Frage  nach  dem  Umfange  des  Einflusses  der 
einzelnen  Exegeten  aufeinander  schon  berührt.  Des  Clemens 
ganzer  Einfluß  konzentriert  sich  auf  Origenes  und  ist  da  seiner- 
zeit schon  nicht  unterschätzt  worden.  Bei  den  Späteren  ließ 
sich  nirgends  exegetisches  Material  feststellen,  dessen  direkte 
Herkunft  von  Clemens  sicher  wäre. 

Um  so  nachhaltiger  hat  Origenes  die  folgenden  Ausleger 
beeinflußt.  Aus  ihm  geschöpft  haben  sie  alle,  ihn  ausgeschöpft 
keiner.  So  nahm  erst  Chrysostomus  wieder  die  Frage  nach 
dem  Anteil  Christi  imd  des  Geistes  an  dem  Zustandekommen 


1)  , Hermeneutik"  (Heinrici)  P.R.E.^.  7,  720,  4ff. 


Gesamtüberblick.  121 

der  Kindschaft,  die  Etymologie  von  7:ovY)pd;  und  die  i^ouac'a 
Gottes  an  den  Bösen  auf.  Erst  Cyrill  von  Alexandria  griff 
wieder  auf  die  Zusammenstellung  von  Itzio^oioc,  und  T^sptouaio^, 
die  Frage  der  Ableitung  von  iTzihcci  und  auf  die  Beschränkung 
unseres  Vergebens  auf  die  gegen  uns  begangenen  Sünden  zurück. 
Erst  Maximus  wiederholte  die  Abstufung  im  Empfange  des 
Lebensbrotes  nach  der  Aufnahmefähigkeit  der  Essenden  und 
erst  Petrus  die  Erörterung  über  die  grammatische  Form  von 
aytaa^-T^xw.  Problemstellungen,  die  keiner  der  Späteren  wieder 
aufgenommen  hat,  sind  die  Fragen  nach  der  Bedeutung  des 
Vaternamens  im  Alten  Testament,  des  Wortes  övo|JLa,  nach  der 
Existenz  der  bösen  Geister  im  Himmel,  nach  der  sprachge- 
schichtlichen Herkunft  des  Wortes  iTZ'.ouaio;,  und  der  Bedeutung 
von  o5aia,  nach  den  Weltzeiten,  nach  dem  Inhalt  von  6cpecXY][xa, 
nach  den  Grenzen  der  göttlichen  Vergebung,  die  ganze  aus- 
führliche Erörterung,  die  sich  an  das  Wort  scasvsyx^g  an-r 
knüpfte,  und  endlich  viele  der  breiten  biblisch-theologischen 
Erörterungen,  mit  denen  Origenes  seine  Thesen  stützte. 

Was  die  Lösungen  selbst  betrifft,  die  Origenes  den  auf- 
gestellten Problemen  gibt,  so  hat  ihr  Einfluß  zunächst  in 
steigendem  Maße  abgenommen.  Cyrill  von  Jerusalem  und  Gregor 
bieten  in  wichtigen  Punkten  viel  mehr  ausgesprochen  origenisti- 
sches  Gut  als  Chrysostomus  und  Cyrill  von  Alexandria.  Maximus, 
der  mit  seiner  philosophischen  Neigung  dem  Origenes  wieder 
näher  steht,  muß  als  Ausnahmeerscheinung  angesehen  werden. 
Petrus  ist  dagegen  Repräsentant  eines  wieder  steigenden  Ein- 
flußes  von  Origenes,  der  durch  die  Sammlertätigkeit  erneut  zu 
Ehren  kam.  War  Petrus^  weiterhin  einflußreich,  dann  durch 
ihn  auch  Origenes. 

Andere  seiner  Gedanken  wieder  sind  Gemeingut  der 
patristischen  Exegese  geworden  und  geblieben,  wohl  weniger 
um  seiner  persönlichen  Schätzung  willen,  als  weil  sie  Grund- 
überzeugungen des  ganzen  griechischen  Christentums  waren, 
denen  er  den  klassischen  Ausdruck  gab.  Dahin  gehören  die 
Anschauung  von  dem  Lehrcharakter  des  Vaterunsers,  die  Über- 
zeugung von  der  Erreichbarkeit  sündlosen,  vollkommenen 
Wandels,  wenigstens  in  ihrer  Beschränkung  auf  einzelne  Christen, 
die  Vorstellung    vom  Himmel   und   dem  Sein    Gottes    in    ihm, 


1)  (f.  darüber  Heinrici,  Beiträge  V.  p.  XXVIIIf. 


122  G.  Walther,  Griech.  Vaterunser-Exegese. 

von  der  Heiligkeit  des  Namens  Gottes  an  sich,  der  Anspruclis- 
gedanke  bei  der  5.  Bitte  und  die  Beziehung  der  7.  Bitte  auf 
den  Trovrjpoi;^ 

Die  Vaterunser- Auslegung  Cyrillsvon  Jerusalem  konnte 
schon  deshalb  nicht  einen  so  tiefgehenden  Einfluß  üben,  weil 
sie  mehr  ein  Gelegenheitsprodukt  darstellt.  Äußerlich  gering 
an  Umfang  wollte  sie  kein  wissenschaftlicher  Kommentar  oder 
wie  Gregors  Predigten  ein  abgeschlossenes  Werk  für  sich  sein. 
Trotzdem  hat  sie  auf  Gregor  und  Chrysostomus  nachhaltig 
gewirkt,  uud  auch  bei  C}Till  A^on  Alexandria  sind  Spuren  von 
ihm  nachgewiesen  worden.  Die  herrschende  Auslegung  der 
1.  Bitte  findet  sich  zuerst  bei  ihm,  das  Vorbild  der  Engel  in 
der  3.  Bitte  ist  seither  Gemeingut  der  Auslegung,  die  religiöse 
Kindschaftsvorstellung  und  das  eschatologische  Reich  Gottes 
sind  durch  ihn  wenigstens  zu  einflußreichen  Anschauungen 
geworden. 

Gregor  von  Nyssa  hat  insofern  maßgebend  für  später 
gewirkt,  als  seitdem  die  Frage  nach  dem  Inhalt  des  Willens 
Gottes  gestellt  und  mit  dem  Hinweis  auf  unsere  Tugend  be- 
antwortet wird,  die  ganze  4.  Bitte  eine  völlig  andere  Auslegung 
erfährt,  die  5.  Bitte  stärkere  Farben  bekommt  und  bei  der 
6.  und  7.  Bitte  der  Versuchungsgedanke  richtiger  gefaßt  wird. 

Im  letzteren  Punkte  muß  er  seinen  Einfluß  auf  die  Späteren 
allerdings  mit  Chrysostomus  teilen,  der  seinen  (Gregors) 
Ausführungen  die  Fassung  gegeben  hat,  in  der  sie  z.  B.  auf 
Cyrill  von  Alexandria  und  Petrus  gewirkt  haben.  Im  übrigen 
entzieht  sich  der  Einfluß  des  Chrysostomus  hier  unserer  Fest- 
stellung. Wie  bedeutend  er  gewesen  sein  kann,  zeigt  das 
Beispiel  des  Petrus. 

Fragt  man  auch  einmal  nach  dem  dauernden  Wert  dessen, 
was  die  patristische  Exegese  für  das  Verständnis  des  Vater- 
unsers geleistet  hat,  so  sind  unverkennbar  eine  Reihe  ihrer 
Aufstellungen  als  unzureichend  zu  betrachten.  Der  sittliche 
Optimismus,  der  sich  Vollkonmienheit  des  Wandels  zutraut, 
wird  einer  tieferen  Sündenerkenntnis  nicht  gerecht.  Der  In- 
tellektualismus und  Moralismus,  der  sich  in  der  Auffassung 
vom  Christentum  und  speziell  vom  Vaterunser  als  einer  Lehre 
und  eines  Sittengesetzes  breit  macht^,   verschiebt  das  Wesen 

1)  cf.  Chase,  The  Lord's  prayer,  p.  139. 

2)  Dibelius,  p.62fif.  und  68f. 


Gesamtüberblick.  123 

beider.  Die  Hochschätzung  weltflüchtiger  Askese  zeigte  am 
deutlichsten  bei  Maximus  ihren  niclitchristlichen  Charakter 
und  Ursprung.  Der  Leistungs-  und  Werkgerechtigkeitsgedanke 
endlich  trieb  bei  der  5.  Bitte  schlimme  Blüten. 

Aber  andrerseits  hat  doch  auch  die  patristische  Exegese 
viele  Resultate  zutage  gefördert,  die  nicht  überboten  werden 
können,  und  die  auch  uns  lieb  und  wert  sind,  seitdem  Luther 
sie.  wie  Dibelius  im  3.  Teil  seiner  Schrift  zeigt  ^,  in  seine  Er- 
klärung des  3.  Hauptstückes  aufgenommen  hat.  Ich  nenne  die 
religiöse  Kindschaftsvorstellung  vom  „lieben  Vater",  die  ganze 
praktisch-religiöse  Auslegung  der  1.  Bitte,  die  Bedeutung  des 
heiligen  Geistes  für  die  2.  Bitte,  die  realistische  Fassung  des 
Brotes  als  „Leibes  Nahrung  und  Notdurft"  und  den  Sieg  über 
„den  Teufel,  die  Welt  und  unser  Fleisch"  —  abgesehen  von 
seiner  asketischen  Färbung.  Auch  in  rein  wissenschaftlicher 
Hinsicht  hat  die  patristische  Exegese  mancherlei  von  bleibendem 
Wert  geleistet.  Man  wird  also  ihre  Bedeutung  in  einer  Geschichte 
der  Vaterunser- Auslegung  nicht  gering  anschlagen  dürfen. 

Zum  Schlüsse  liegt  mir  am  Herzen,  noch  einmal  auf  die 
Vorläufigkeit  der  liier  gewonnenen  Einzelergebnisse  hinzuweisen. 
Die  Abhängigkeiten,  die  hier  festgestellt  worden  sind  und  als 
direkte  erscheinen,  haben  in  Wirklichkeit  vielleicht  manchmal 
noch  ein  oder  mehrere  Mittelglieder  oder  sind  Übereinstimmunsfen 
auf  Grund  derselben  Vorlage,  sodaß  man  überhaupt  aufhören 
müßte,  sie  Abhängigkeiten  zu  nennen.  So  wäre  beispielsweise 
denkbar,  daß  Chrvsostomus  nicht  direkt  von  Cyrill  von  Jerusalem 
abhängig  wäre,  sondern  beide  in  irgendwelcher  Weise  von  der 
antiochenischen  Schultradition.  Ebenso  steht  es  mit  der  Selb- 
ständio^keit  der  Autoren.  Es  oilt  hier  vielleicht  mancher  für 
selbständiger  als  er  wirklich  ist.  nur  weil  sein  Gewährsmann 
außerhalb  des  Rahmens  dieser  Untersuchuno;  lag;.  Dafür  ist 
sie  eben  nur  eine  Vorarbeit.  Erst  wenn  alle  erreichbaren 
exegetischen  Äußerungen  der  griechischen  Autoren,  auch  die  der 
Katenen,  sowie  das  ganze  Material  der  lateinischen  Kirchenväter 
mitherangezogen  sind,  wird  aus  der  Skizze  dessen,  was  die 
patristische  Exegese  zur  Erklärung  des  Vaterunsers  geleistet 
hat.  ein  einigermaßen  zutreffendes  Bild  werden  können. 

1)  p.  80  ff. 


(FortsetzuDg  von  der  zweiten  ümschlagseite.) 

EuSGbius.  Die  Theophanie.  Die  griechischen  Bruchstücke  und  Übersetzung  der 
syrischen  Überlieferung.  Hrsg.  von  H.  Gressmann,  Mit  Einleitung  u.  vierf.  Reg. 
flöVs  Bogen).   1904.  [Eusebius  Bd.  III,  2]    M.  9.5Ü 

—  Gegen  Marcell.  Über  die  kirchliche  Theologie.  Die  Fragmeute  Marcells.  Heraus- 
gegeben von  Erich  Klostermann.  Mit  Einleitung  und  dreifachem  Register. 
(18  Bogen).    1900.  [Eusebius  Bd.  IV]    M.  9  — 

—  Die  Chronik.  Aus  dem  Armenischen  übersetzt.  Herausgegeben  von 
Josef  Karst.    (231/2  Bogen).    1911.  [Eusebius  Bd.  V]    M.  15  — 

—  Die  Demonstratio  evangelica.  Herausgegeben  von  Ivar  A.  Heikei,.  Mit 
Einleit.  und  vierf.  Register.    (SS'/s  Bogen).  [Eusebius  Bd.  VI]     M.  20  — 

—  Die  Chronik  des  Hieronymus  (Hieronymi  Chronicon).  Herausgeg.  von 
Rudolf  Helm.    I.  Teil:  Text.    Mit  einem  Namenregister.    (22^/4  Bogen)    1913. 

[Eusebius  Bd.  Vn,i]    M.  12  — 

Hegemonius.  Acta  Archelai.  Herausgegeben  von  Charles  Henry  Beeson.  Mit 
Einleitung  und  vierfachem  Register,  (ll'^/g  Bogen).  1906.  M,  6  — 

Buch  Henoch.  Herausgeg.  von  Joh.  Flemming  und  L.  Radermacher.  Mit  Ein- 
leitung und  vierfachemRegister.  (11 1/4  Bogen).  1901.  *M.  5.50 

Hippolyt.  Kommentar  zum  Buche  Daniel  und  die  Fragmente  des  Kommentars 
zum  Hohenliede.  Herausgeg.  v.  G.  N.  Bonwetsch.  —  Kleine  exegetische  und 
homiletische  Schriften.  Herausgegeben  von  H.  Achelis.  (253/4  u.  20  Bogen). 
1897.  [Hippolytus  Bd.  I]     M.  18  — 

Koptisch -gnOStiSChe  Schriften.  Die  Pistis  Sophia.  Die  beiden  Bücher  des  Jeu. 
Unbekanntes  altgnostisches  Werk.  Herausgegeben  von  Carl  Schmidt.  Mit 
Einleitung  und  dreifachem  Register.     (27  V2  Bogen).     1905. 

[Koptisch-gnostische   Schriften  Bd.  Ij    M.  13.50 

Oracula  Sibyllina.  Bearbeitet  von  JoH.  Geffcken.  Mit  Einleitung  und  doppeltem 
Register.    (I8V2  Bogen).    1902.  M.  9.50 

Origenes.  Schrift  vom  Martyrium  (exhortatio).  —  Die  acht  Bücher  gegen  Celsus.  — 
Die  Schrift  vom  Gebet  (de  oratione).  Herausgegeben  von  P.  Koetschau. 
Mit   Einleitung   und   dreifachem    Register.      (29^/8   und   34  Vs  Bogen).      1899. 

[Origenes  Bd.  I/II]    M.  28  — 

—  Jeremiahomilien.  —  Klageliederkommentar.  —  Erklärung  der  Samuel-  und 
Königsbücher.  Hrsg.  v.  E.  Klostermann.  Mit  Einleitung  und  dreif.  Reg 
(25V4  Bogen).    1901.  [Origenes  Bd.  III]    M.  12.50* 

—  Der  Johanneskommentar.  Herausgeg.  von  E.  Preuschen.  Mit  Einleitung 
u.  vierf.  Reg.  (48V2  Bogen).     1903.  [Origenes  Bd.  IV]    M.  24.50 

—  De  principiis  (TIsqI  dg/Jöv).  Herausgegeben  von  P.  Koetschau.  Mit  Ein- 
leitung und  dreifachem  Register.    (36V2   Bogen).    [Origenes  Bd.  V]     M.  20 

PhilOStorgiuS  Kirchengeschichte.  Mit  dem  Leben  des  Lucian  von  Antiochien 
und  den  Fragmenten  eines  arianischen  Historiographen.  Herausgegeben  von 
Joseph  Bidez.  Mit  Einleitung  u.  fünffachem  Register.  (31V8Bogen).  1913.  M.  16  — 

TheodoretS  Kirchengeschichte.  Herausgeg.  von  Leon  Parmentier.  (335/3  Bogen). 
1911.  M.  17  — 

Gebunden  in  geschmackvolle  Halbfranxbände  je  M.  2.50  mehr. 
•Vorläufig  nur  in  Interimskartonage  zu  50  Pf.;  Eusebius  III  1/2  in  l  Band  gebunden. 
Im  Druck  befinden  sich: 

Epiphanius  bearbeitet  von  K.  Holl  in  Berlin. 

Gelasius  bearbeitet  von  M.  Heinemann  in  Berlin. 

Hippolyt's  Philosophumena  bearbeitet  von  P.  Wendland,  Göttingen. 

Methodius  bearbeitet  von  G.  N.  Bonwetsch,  Göttingen. 

In  Vorbereitung  ist: 

Eusebius  Praeparatio  evangelica,  bearbeitet  von  K.  Mras  in  Wien. 

Leipzig.  3.  C.  gtnnc^eTc^e  (^uc^^anifun^. 


TEXTE  UND  UNTERSUCHUNGEN 

ZUR  GESCHICHTE  DER 

ALTCHRISTLICHEN  LITERATUR 

ARCHIV  FÜR  DIE  VON  DER  KIRCHENVÄTER-COMMISSIOX 

DER  KQL.  PREÜSSISCHEK  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN  UNTERNOMMENE 

AUSGABE  DER  ÄLTEREN  CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

HERAUSGEGEBEN  VON 

ADOLF  VON  HAMACK  und  GAEL  SCHMIDT 

DRITTE  REIHE,  ZEHNTER  BAND,  HEFT  3 

DER  GANZEN  REIHE  XL,  3 


■^^^m^^ 


LEIPZIG 

J.  C.  HINRICHS'scHE  BÜCHHANDLUNG 
1914 


Druck  von  August  Pries  in  Leipz.g 


ZUR 

TEXT  GESCHICHTE  UND  ERKLÄRUNG 


VON 


TERTÜLLIANS  APOLOGETIKUM 


VON 


Dr.  HEINRICH  SCHRÖRS 

PKOFESSOE  DER  KATHOLISCITEN   THEOLOGIE  AN  DER  UNIVERSITÄT  BONN 


LEIPZIG 

J.  C.  HINRICHS'scHE  BUCHHANDLUNG 
1914 

I 


Texte  u.  Untersuchungen  ete.  Hrsg.  v.  Adolf  von  Harnach  u.  Carl  Schmidt.  40,  4 
Titel  u.  Inhalt  für  Bd.  40  der  T.  u.  U.  liefen  diesem  Hefte  bei. 


Verlag  der  J.  C.  HINRICHS 'sehen  Buchhandlung  in  Leipzig. 


TEXTE  UND  UNTERSUCHUNGEN  ZUR  GESCHICHTE  DER 

ALTCHRISTLICHEN   LITERATUR 

ARCHIV  FÜR  DIE  GRIECHISCHEN  CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

DER  ERSTEN  DREI  JAHRHUNDERTE 

Herausgegeben  von  0.  von  Gebhabdt  (f),  A.  von  Harnack  und  0.  Schmidt. 


Inhalt  der  Dritten  Reihe  =  Bd.  31  u.  ff. 

Barth,  Carola:  Die  Interpretation  des  Neuen 
Testaments  in  der  Valentinianiscbea  Gnosis. 
IV,  118  8.    1911.     (Bd.  37,  3j  M.  4 — 

Bidez,  Joseph:  La  tradition  manuscrite  de 
Sozomene  et  la  tripartite  de  Theodore  le 
Lecteur.    IV,  96  S.    (Bd.  32,2  b)  M.  4 — 

Bill,  A.:  Zur  Erklärung  und  Textkritik  des 
1.  Buches  TertuUians  ,,  Ad  versus  Marcionem". 
IV,  112  S.    1911.    (Bd.  38,  2)  M.  3.50 

Bonwetsch,  G.  N.:  Die  unter  Hippolyts  Namen 
überlieferte  Schrift  über  den  Glauben.  Nach 
einer  Übersetzung  der  in  einer  Schatberder 
Handschrift  vorliegenden  georgischen  Ver- 
sion. 36  S.  —  Koch,  H.:  Vincenz  von  Lerin 
und  Gennadius.  Ein  Beitrag  zur  Literatur- 
geschichte des  Semipelagianismus.  22  S.  — 
Koch,  H.:  Virgines  Christi.  Die  Gelübde  der 
gottgeweihten  Jungfrauen  in  den  ersten  drei 
Jahrhunderten.  54S.  1907.   (Bd.  31,  2)  M.  3.50 

Bretz,  A.:  Studien  und  Texte  zu  Asterios  von 
Amasea.    IV,  124  S.    19U.    (Bd.  40,  1)    M.  4  — 

Dobschütz,  E.V.:  Das  Decretum  Gelasianum  de  libris 
reeiplendis  etnon  reclpiendis.  In  kritisch.  Test 
hrsg. u. untersucht.  VIU,362S.  1912.  (Bd.  38,4) 

M.  13.50 

Oombart,  B.:  Zur  Textgeschichte  der  Civitas  Dei 
Augustius  seit  dem  Entstehen  der  ersten 
Drucke.   IV,  56  S.  1908.   (Bd.  32.  2a)    M.  2 — 

Ganschinietz,  Rohd.:  Hippolytos'  Capitel  gegen 
die  Magier.  Refut.  Haer.  IV,  28-42.  77  S. 
1913.     (Bd.  39,  2)  M.  2.50 

Gebhardt,  0.  v.:  Die  Akten  der  edessenischen 
Bekenner  Gurjas,  Samonas  undAbibos.  Aus 
dem  Nachlaß  von  0.  v.  G.  herausceg.  von 
Ernst  von  Dobsehütz.  LXVIII,  264  S. 
1911.     ('Bd.  37,  2)  M.  12  — 

Haase,  Felix:  Zur  bardesanischen  Gnosis,  Lite- 
rarliritische  n.  dogmengeschichtliche  Unter- 
suchungen. in,98S.  inin.   (Bd.  34,  4)  M.  3  — 

Harnaolc,  A.  v.;  Das  Leben  Cyprians  von  Pontius. 
Die  erste  christliche  Biographie.  VI,  114  S. 
1913.    (Bd.  39,  3)  M.  4  — 

—  Ist  die  Rede  d.  Paulus  in  Athen  ein  ursprüng- 
licher Bestandteil  der  Apostelgeschichte?  — 
Judentum  und  Judenchristentum  in  Justins 
Dialog  mit  Trypho,  nebst  einer  GoUation  der 
Pariser  Haadschrift  Nr.  450.  IV,  98  S.  1913. 
(Bd.  39,  1)  M.  3  — 

—  Kritik  des  Neuen  Testaments  von  einem 
griechischen  Philosophen  d.  3.  Jahrhunderts 
[die  im  Apocriticus  des  Macarius  Magnes 
enthaltene  Streitschrift].  IV,  150  S.  1911. 
(Bd    37,  4)  M.  5  — 

Kautsch,  Ernst:  Die  Evangelienzitate  des  Ori- 
genes.    IV,  169  S.  1909.   (Bd.  34,  2a)    M.  5.50 

Heikel,  I.A.:  Kritische  Beiträge  zu  den  Gon- 
atantin-Schriften  des  Eusebins  (Eusebius 
Werke  Bd.  1.)  100  S.  1911.  (Bd.  36,  4)    M.  3.5  0 

Hellmann,  S.:  Psendo-Gyprianus  de  XII  abnsi- 
vis  saeculi.  IV,  62  S.  — Slckenberger,  J.:  Frag- 
mente der  Homilien  desCyrillvonAlexandrien 
zumLukasevaügelinm.46"S,'09.(Bd.34,l)  M.3.50 


Heintze,  Der  Clemensroman  und  seine  griechischen 
Quellen.    VJ,  144.S.  1914.     (Bd.  40,  2)  M.  5 — 

Hippolyts  Schrift  „Über  die  Segnungen  Jakobs" 
von  G.  Diobouniotis  u.  N.  Bei's.  —  Hippolyts 
Daniel -Commentar  in  No.  573  der  Hand- 
schriften des  Meteoronklosters  von  0.  Dio- 
bouniotis. Mit  Vorwort  von  G.  N.  Bonwetsch. 
IV,  60  S.  1911.    (Bd.  38,  1)  M.  2.50 

Hell,  K.:  Die  handschriftliche  Überlieferung  des 
Epiphanius  (Ancoratus  u.  Panarion).  IV,  98S. 
1910.    (Bd.  36,  2)  M.  3  — 

Jordan,  H.:  Armenische  Irenaeusfragmente.  Mit 
deutscher  Übersetzung  nach  Dr.  W.  Lüdtke. 
Zum  Teil  erstmalig  herausgegeben  und  unter- 
sucht.    IS,  222  S.    1913.    (Bd.  36,  3)     M.  10  — 

Irenaeus'  gegen  die  Häretiker.  "£^.<;'roc  xul  .'>■«- 
T^o;tn  r^?  ipivd^vvfiov  -/väaiM^.  Buch  IV  u.  V  in 
armenischer  Version  entdeckt  von  Lic.  Dr. 
Karapet  Ter-Mekerttschian.  Herausgeg.  von 
Lic.  Dr.  Erwand  Ter-Minassiantz.  VIII,  264  S. 
1910.    (Bd.  35,2)  M.  10  — 

—  des  hl.,  Schrift  zum  Erweise  der  apostoli- 
schen Verkündigung.  £li;  iHi'Jf^tv  reü  ä^o- 
aTokixov  xr!(i-/fiaTo;.  In  armcuisclier  Version 
entdeckt,  hrsg.  und  ins  Deutsche  übersetzt 
von  Licc.  Dr.  Karapet  Ter-Jlekerttschian  und 
Erwand  Ter-Minassiantz.  Mit  einem  Nach- 
wort und  Anmerkungen  von  Ad.  Harnack. 
VIII,  69  u.  68  S.  1907.  (Bd.  31,1)  M.  6  — 

Ein  Jüd. -Christi.  Psalmbuch  aus  dem  ersten  Jahi-h. 

[The  ödes  of Solomon,  now  flrst  pu- 

blislied  from  the  Syriac  Version  by  J.  Rendel 
Harris,  1909.]  Aus  "dem  Syr.  übers,  von  Joh. 
Flemming,  bearb.  u.  hrsg.  v.  Adolf  Harnack. 
VII,  134  S.  1910.  (Bd.  35,  4)   M.  4.50 ;  geb.  M.  5.50 

Koch,  Hugo:  Cyprian  und  der  römische  Primat. 
Eine  kirchen-u.dogmengeschichtlicheStudie. 
IV,  174  S.  1910.  (Bd.  35, 1)  M.  5.50 ;  geb.  M.  6.50 

Lietzmann,  Hans:  Das  Leben  des  heiligen  Symeon 
Stylites.  In  Gemeinsch.  mit  den  Mitgliedernd, 
kirchenhist.  Seminars  d.  Dniv.  Jena  bear- 
beitet. Mit  einer  deutschen  Übersetz,  d.  syr. 
Lebensbeschreibung  u.  der  Briefe  v.  Heinrich 
Hilgenfeld.  VIII,  256 S.  1908.  (Bd. 32, 4)    M.  9  — 

Martin,  Jos.:  Studien  und  Beiträge  zur  Erklä- 
rung und  Zeitbestimmung  Commodians.  — 
—  Gressmann,  H.:  Nonnenspiegel  und  Mönchs- 
spiegel des  Evagrios  Pontikos.  Zum  ersten 
Male  in  der  Urschrift  herausgegeben.  VIII, 
165  S.     1913.     (Bd.  39,  4)  M.  5.50 

Reichardt,  Walther:  Die  Briefe  des  Sextus  Julius 
Africanus  au  Aristides  u.  Origenes.  IV,  84  S. 
1909.    (Bd.  34,  3)  M.  3  — 

Schalkhausser,  Q.:  Zu  den  Schriften  des  Makarios 
vonMagnesia.  V,218S.  '07.  (Bd. 31, 4)   M.  7  — 

Schermann,  Th.:  Der  liturg.  Papyrus  von  Der- 
Balyzeh.  Eine  Abendmahlsliturgie  des  Oster- 
morgens.    VI,  45  S.  1910.  (Bd.  86,  ib)    M.  1.50 

—  Propheten-undApostellegenden.  NebstJün- 
gerkatalogen  des  Dorotheus  und  verwandter 
Texte.  VII,  368  S.  'ü7.  (Bd.  31,3)        M.  11.60 

—  Griechische  Zauberpapyri  u.  das  Oemeinde- 
und  Dankgebet  im  I.  Klemensbriefe.  VI,  64  S. 
1909.    (Bd.  34,  2b)  M.  2  — 

Fortsetzung  s.  3.  ümschlagseite. 


ZUE 


TEXTCiESCHICHTE  üiND  ERKLÄRUNG 


VON 


TERTULLIANS  APOLOGETIKUM 


VON 


Dr.  HEINRICH  SCHRÖRS 

PROFESSOR  HER   KATHOLISCHEN   THEOLOGIE  AN   DER  UNIVERSITÄT  i;ONN 


LEIPZIG 

J.  C.  HINRICHS'scHE  BUCHHANDLUNG 
1914 


TEXTE  UND  UNTERSÜCHTINGEN 

ZUR  GESCHICHTE  DER  ALTCHRISTLICHEN  LITERATUR 

ARCHIV  FÜR  DIE  VON  DER  KIRCHENVÄTER-COMMISSION 

DER     KGL.  PREOSSISCHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN  UNTERNOMMENE 

AUSGABE  DER  ÄLTEREN  CHRISTLICHEN  SCHRIFTSTELLER 

HERAUSGEGEBEN  VON 

ADOLF  V.  HARNACK  vav>  CARL  SCHMIDT 

3.  REIHE  10.  BAND  HEFT  4 
40.  BAND  HEFT  4 


Druck  von  August  Pries  in  Leipzig 


Vorwort. 

Als  in  den  Übungen  des  kirchengeschiehtlichen  Seminars 
wiederholt  Terfcullians  Apologetikum  behandelt  wurde,  kamen 
wir  an  vielen  Stellen  zu  Erklärungen,  die  von  den  bisherigen 
abwichen. 

Tertullian  ist  ohne  Zweifel  der  schwierigste  aller  lateinischen 
Schriftsteller,  was  man  schon  im  Altertum  empfand  ',  und  sein 
Meisterwerk,  das  Apologetikum,  steht  hierbei  in  erster  Linie. 
Altere  Editoren  und  Kommentatoren  haben  sich  denn  auch  red- 
lich um  die  Erläuterung  bemüht,  deren  Ergebnisse  ühler  in 
seiner  großen  Tertullianausgabe  sichtete  und  mit  eigenen  ver- 
mehrte. Ebenso  hat  Rauschen  seiner  Ausgabe  des  Apologetikums 
einen  Kommentar  beigegeben,  der  Neues  bringt,  aber  im  Besten 
auf  den  Schultern  Ohlers  steht,  ja  oft  diesen  wörtlich  ausschreibt, 
freilich  ohne  daß  je  eine  Andeutung  über  diese  Quelle  gemacht 
würde.  So  ist  die  Klage  H.  Hoppes:  dolendum  est  adhuc  nostris 
temporibus  ad  explanandum  et  interpretandum  scriptorem  ob- 
scurum  et  perplexum  non  multum  vel  fere  nihil  a  viris  doctis 
allatum  esse  ^  in  bezug  auf  diese  Schrift  nicht  ganz  berechtigt. 
Auch  was  die  Übersetzer  Kellner  und  besonders  Waltzing  bei- 
gesteuert haben,  ist  dankbar  anzuerkennen;  zu  bedauern  bleibt 
aber,  daß  Ohler,  der  tüchtige  Kenner  TertuUians,  seine  Absicht  3, 
eine  Übersetzung  und  Erklärung  zu  schreiben,  nicht  ausgeführt 
hat.  J.  GefFcken'*  bemerkt  mit  Eecht:  „Um  Tertullian  hier  ge- 
recht  zu  werden,   müßte  man  einen  Kommentar  zum  Apologe- 

1)  Lactantius,  Divinae  Institut.  5,  1,  2B:  Tertullianus  .  .  .  multum 
obscurus  fuit.  —  Hieronym.  ep.  58,  10:  Tertullianus  creber  est  in  senten- 
tiis,  secl  difficilis  in  loquendo. 

2)  Tertullianea  (Festschrift  des  Gymn.  zu  Bielefeld,  2.  Teil,  1908)  p.  45. 

3)  TertuUiani  quae  supersuut  omnia.  Lipsiae  1853.  Praefatio  p.  XXIII. 

4)  Zwei  griechische  Apologeten.    Leipzig  u.  Berlin  1907.    S.  285. 


IV  Schrörs,  Teitullians  Apologetikum. 

tjkuin  schreiben.  Wir  bedürfen  seiner  dringend."  R.  Heinze 
stimmt  ihm  bei  und  hat  selbst  eine  wertvolle  Vorarbeit  dafür 
geliefert  ^ 

Unter  diesen  Umständen  entschloß  ich  mich,  als  bescheidenen 
Beitrag  zu  veröffentlichen,  was  wir  gemeinsam  im  Seminar  er- 
arbeitet hatten.  Geffcken  und  Heinze  hatten  allerdings  vornehm- 
lich die  Ideen  des  Apologetikums  und  ihren  Zusammenhang  mit 
der  ganzen  apologetischen  Bewegung  der  Zeit  im  Auge,  aber 
die  Grundlage  muß  doch  die  genaue  Feststellung  des  Sinnes 
bilden,  auf  die  wir  es  zunächst  abgesehen  hatten.  Unter  der 
Hand  jedoch  erweiterte  sich  der  Plan. 

Eine  große  Anzahl  der  behandelten  Stellen  bot  verschiedene, 
auch  den  Gedanken  berührende  Lesarten,  die  des  Codex  Ful- 
densis  auf  der  einen  Seite  und  die  der  übrigen  Handschriften 
auf  der  anderen  Seite.  Zu  diesen  mußte  Stellung  genommen 
werden,  und  das  führte  zur  Textkritik.  Im  Gegensatze  zu  der 
Rauschen'schen  Ausgabe  wurde  es  immer  klarer,  daß  die  Fassung 
des  Vulgatatextes  —  so  darf  man  ihn  wohl  nennen  in  Anbetracht, 
daß  die  zahlreichen  Handschriften  außer  der  Fuldaer  im  wesent- 
lichen übereinstimmen  —  vorzuziehen  sei.  Unwillkürlich  drängte 
sich  dann  bei  weiteren  Vergleichungen  die  Überzeugung  auf, 
daß  die  Abweichungen  vom  Fuldensis,  abgesehen  von  den  offen- 
baren Fehlern  einen  schlechten  Überlieferung,  nicht  auf  die 
Hand  eines  fremden  Rezensenten,  sondern  auf  die  Tertullians 
selbst  zurückzuführen  seien,  mit  anderen  Worten,  daß  im  Ful- 
densis die  erste  Ausgabe,  in  der  Vulgata  eine  spätere  Ausgabe 
von  Seiten  des  Verfassers  vorliege. 

Die  Untersuchung  war  schon  abgeschlossen,  als  ich  sah,  daß 
hiermit  nichts  Neues  gefunden  war.  Haverkamp  und  Ohler^ 
hatten  die  gleiche  Ansicht  geäußert,  jedoch  so  sehr  nebenbei 
und  so  sehr  ohne  alle  Begründung,  daß  sie  gänzlich  unbeachtet 
geblieben  zu  sein  scheint.  Neuestens  ist  auch  Waltzing  ganz 
leise  dieselbe  Erkenntnis  aufgedämmert,  nur  daß  er  den  Ful- 
densis für  die  zweite  Ausgabe  ansehen  möchte  ^.     Den  Umstand, 

1)  Tei-tullians  Apologeticum  (Berichte  üb.  d.  Verhancll.  d.  sächs.  Ges. 
d.  Wiss.  zu  Leipzig  62  [1910],  281—490)  S.  289  \ 

2)  S.  unten  S.  12  A.  1  u.  2. 

3)  Le  Musee  beige  IG  [1912],  186:  Peut-on  croire  que  des  differences 
si  grandes  [zwischen  Fuldensis  und  Vulgata]   proveniennent  d'un  scribe 


Vorwort.  V 

daß  ich  vollkommen  unabhängig  zu  meiner  Auffassung  gekommen 
bin,  habe  ich  nicht  deswegen  erwähnt,  um  mir  das  Recht  der 
Selbständigkeit  zu  wahren,  sondern  um  dem  Verdacht  zu  be- 
gegnen, ich  hätte  voreingenommen  die  Untersuchung  begonnen. 
Das  Zusammentreffen  mehrerer  in  demselben  Ergebnisse  dient 
vielleicht  zur  Bestätigung  desselben. 

Da  bisher  niemand  den  Beweis  angetreten  hat,  und  dieser 
sich  gegen  die  herrschende  Meinung  richtet,  mußte  er  in  weitem 
Umfange  vorgelegt  werden.  Das  gesamte  Variantenmaterial, 
mit  Ausschhiß  der  evidenten  Schreiberfehler,  war  statistisch  zu 
bearbeiten,  und  daran  waren  Beobachtungen  zu  knüpfen,  aus 
denen  sich  Schlüsse  herleiten  lassen.  Zitiert  ist  stets  nach  der 
zweiten  Ausgabe  Rauschens  (1912),  nicht  weil  sie  die  bessere 
wäre,  trotz  der  allgemeinen  Anerkennung,  die  sie  gefunden  hat 
—  die  Ausgabe  Ohlers  verdient  vielmehr  jenes  Lob  — ,  sondern 
einmal,  weil  sie  die  jetzt  gebräuchliche  ist,  sodann  weil  sie 
wegen  ihrer  Paragrapheneinteihmg,  mag  diese  auch  nicht  immer 
glücklich  sein,  am  bequemsten  ist. 

Die  ursprünglich  allein  beabsichtigten  Erklärungen  zu  ein- 
zelnen Stellen  sind  in  den  Fällen,  wo  Lesarten  des  Fuldensis 
in  Betracht  kommen,  naturgemäß  bei  der  Behandlung  dieser 
gegeben  worden.  Die  übrigen  sind  am  Schluß  (unter  IX)  zu- 
sammengestellt. 


ou  d'un  editeur?  ou  ne  faut-il  pas  se  demander  plutot  si  Tertallien,  qui 
revoyait  ses  ecrits  et  le  traduisait  en  grec[?],  n'a  pas  donne  une  edition 
revue  et  corrigee,  d'oü  deriverait  le  codex  Fuldensis?  Nous  ne  voulons 
pas  nous  prononcer  pour  le  moment. 

Bonn,  am  18.  Juni  1914. 

H.  Schrörs. 


i 


Inhalt. 

Seite 

1.  Der  Codex  Fuldensis 1 

II.  Stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Modifikation  unterliegt     .     .  14 

III.  Stellen,  an  denen  Text  P  den  Gedanken  besser  7A\m  Ausdruck 

bringt 30 

IV.  Hinzufügnng  von  Satzteilen  oder  begrifflich  bedeutsamen  Einzel- 

wörtern      68 

V.  Auslassung  oder  Einfügung  einzelner  Wörter  von  rein  stilisti- 
scher Bedeutung 73 

VI.  Stilistische  Verfeinerungen  in  Ausdruck  und  Satzgefüge       .     .  78 

VII.  Verhältnis  von  F  und  P  zu  der  Schrift  Ad  nationes   ....  79 

VIll.  Ergebnisse 82 

IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  einzelner  Stellen 91 

Verzeichnis  der  besprochenen  Stellen 125 


I.  Der  Codex  Fuldensis. 

Für  die  Textgestaltung  des  Apologetikum  Tertullians  ist 
von  großer  Wichtigkeit  eine  ehemals  der  Klosterbibliothek  in 
Fulda  gehörige  Handschrift.  Darüber  besteht  nirgends  ein 
Zweifel.  Leider  ist  der  Codex,  der  auch  die  Schrift  Adv.  Ju- 
daeos  enthielt  i,  verschollen  2,  und  nichts  ist  uns  über  Alter,  Her- 
kunft und  sonstige  BeschafFenheit  überliefert.  Dagegen  besitzen 
wir  ein  Verzeichnis  seiner  Lesarten,  das  der  flandrische  Philo- 
loge Franciscus  Modius  (Fran(;ois  de  Maulde),  gestorben  im  Alter 
von  41  Jahren  am  23.  Januar  1597  als  Kanonikus  zu  Aire  in 
Flandern,  auf  Grund  einer  allem  Anscheine  nach  genauen  Kol- 
lation anfertigte-^.  Vom  26.  September  bis  12.  Dezember  15S4* 
weilte  der  eifrige  Handschriftenforscher  in  Fulda  und  verglich 
unter  anderm  den  Tertulliancodex  mit  der  Ausgabe  de  la 
Barre's  ^. 

Zur  Entscheidung  einer  andern  Frage  ist  es  nicht  ohne  Wert, 
sich  darüber  klar  zu  werden,   ob  Modius   die  Varianten  in  sein 


1)  C.  Scherer,  Der  Fuldaer  Handschriftenkatalog  aus  dem  1(3.  Jahrh., 
abgedruckt  als  Beilage  zu  F.  Falk,  Beiträge  zur  Rekonstruktion  der  alten 
bibliotheca  fuldensis  und  bibliotheca  laureshamensis  (Centralblatt  für 
Bibliothekswesen,  Beiheft  XXVI.  Leipzig  1912)  verzeichnet  S.  106  unter 
repos.  IX,  ordo  IV  nr.  16:  „Apologeticum  Tertulliani,  contra  ludaeos". 
Der  Katalog  wurde  1589  abgeschlossen  (Scherer  S,  84). 

2)  A.  Harnack,  Geschichte  der  altchristlichen  Litteratur  bis  Eusebius. 
Leipzig  1893.    I,  678 

3)  S.  über  ihn  P.  Lehmann,  Franciscus  Modius  als  Handschriften- 
forscher. München  1908  (Quellen  u.  Untersuchungen  z.  lat.  Philologie  des 
Mittelalt.  III,  1),  bes.  S.  18.  27  f.  —  Das  richtige  Todesdatum  bei  A.  Roersch, 
Particularites  concernantFran^ois  Modius  (Le  Musee  beige  XII  [1908]  S.  83.) 

4)  Lehmann  S.  53.  G.  Rauschen,  Tertulliani  Apologetici  recensio 
nova  (Florilegium  patristicum  fasc.  VI),  editio  altera  emendata.  Bonnae 
1912.    Prolegom.  S.  5  gibt  unrichtig  das  Jahr  1585  an. 

5)  Opera  Tertulliani  et  Arnobii  .  .  .  studio  et  labore  Renati  Laurentii 
de  la  Barre.    Parisiis  1580. 

T.  u.  U.  '14:  Schrörs.  1 


2  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Exemplar  der  Druckausgabe  eintrug  oder  gesondert  verzeichnete. 
Das  letztere  ist  wahrscheinlicher.  Denn  der  Gelehrte  wird  auf 
dem  Studienausfluge ,  den  er  von  Frankfurt  a.  M.  nach  Fulda 
unternahm  ',  kaum  seine  Bibliothek  —  er  verglich  dort  außer 
Tertullian  noch  fünf  andere  umfangreiche  Werke  -  —  und  dar- 
unter den  schweren  Folianten  der  de  la  Barreschen  Ausgabe  mit 
sich  geführt  haben.  Eine  Eintragung  der  sehr  zahlreichen  Les- 
arten auf  dem  schmalen  freien  Rande  dieser  mit  verhältnismäßig 
kleineu  Typen  und  enger  Zeilenstellung  gedruckten  Ausgabe  war 
auch  nicht  wohl  möglich,  zumal  da  der  Rand  noch  durch  die 
von  de  la  Barre  angemerkten,  allerdings  spärlichen,  Varianten 
sowie  durch  Inhaltsangaben  und  Zitate  in  Anspruch  genommen 
ist.  Durch  Sammlung  der  Modius'schen  Lesarten  auf  besonderen 
Blättern  erklärt  sich  auch  am  besten  die  Tatsache,  daß  dieselben 
später  in  den  Besitz  des  Augsburger  Patriziers  Markus  Welser, 
des  Geschichtschreibers  und  Altertumsforschers,  kam,  und  zwar 
allem  Anscheine  nach  in  der  Form  eines  bloßen  ,,indiculus", 
denn  in  dieser  Form  sind  sie  uns  überliefert  3.  Modius,  der 
1591  und  1592  in  Augsburg  weilte  ^,  wird  sie  dem  gelehrten 
Sammler,  dem  er  auch  eine  Kollation  der  Panegyrici  latini  ver- 
ehrte °,  geschenkt  oder  in  Abschrift  überlassen  haben. 

Von  Welser  gelangte  die  Variantensammlung,  wohl  nur  ab- 
schriftlich, an  den  jungen  Philologen  Kaspar  Scioppius  (Schoppe), 
vermutlich  im  Jahre  1595,  als  dieser  an  der  Universität  Ingol- 
stadt studierte  ^,  wie  wir  auch  wissen,  daß  Scioppius  durch  Wel- 
ser eine  Kollation  der  Symmachusbriefe  des  Modius  erhielt'. 
Scioppius  gab  seine  Erwerbung  weiter  an  Franciscus  Junius 
(Francois  du  Jon),  Professor  der  Theologie  in  Leiden,  der  mit 
einer  neuen  Gesamtausgabe  der  Werke  Tertullians^   beschäftigt 


1)  Lehmann  a.  a.  0.     S.  18.  2)  Ebenda  S.  32. 

3)  Wenn  die  Ansiclit  Lehmann's  a.  a.  0.  S.  80,  daß  uns  in  der  Hs. 
der  Bremer  Stadtbibliothek  C.  48  (vgl.  unten  S.  8)  die  Originalkollation 
des  Modius  noch  vorliegt,  zuträfe,  wäre  die  Form  des  indiculus  als  ur- 
sprünglich noch  wahrscheinlicher. 

4)  Ebenda  S.  26f.  5)  Ebenda  S.  115. 

6)  R.  Hoche  in  der  Allg.  deutschen  Biographie  33,  479 ff. 

7)  Lehmann  a.  a.  0.     S.  79. 

8)  Q.  Septimii  Florentis  Tertulliani  .  .  .  opera  .  .  .  omnia.  Ex  editione 
lacobi  Pamela  Brugensis.     Franekerae  1597.     2  voll.  fol. 


I.     Der  Codex  Fuldensis.  3 

war.  Da  es  zu  spät  war,  die  Lesarten  noch  zu  verwerten, 
druckte  sie  Junius  als  Anhang  zum  zweiten  Bande  *  seiner  Aus- 
gabe -.  Der  einleitende  Bericht  dazu  hat  neuestens  J.  P.  VValt- 
zing^  zu  der  Aufstellung  geführt,  die  Varianten  des  Modius 
seien  uii'ht  allein  aus  dem  Fuldensis,  sondern  auch  aus  andern 
unbekannten  Handschriften  geflossen.  Da  nun  in  den  Varianten 
jede  Andeutung  über  den  Fundort  fehlt,  so  daß  eine  Scheidung 
nicht  möglich  ist,  wäre  damit  der  Fuldensis  zu  einer  nebelhaften 
Größe  geworden,  mit  der  sich  nichts  anfangen  ließe.  Die  Sache 
fordert  daher  eine  nähere  Prüfung. 

Junius  bemerkt  allerdings:  Est  autem  haec  accessio  [der  von 
Scioppius  geschickte  Anhang  der  Junius'schen  Tertullianausgabe] 
variantium  lectionum  in  Apologeticum  et  librum  adversus  lu- 
daeos  indiculus,  quas  ex  mss.  membranarum  coUatione  ante 
complureis  annos  praesertim  ex  ms.  Fuldensis  övfißoZtj  vir 
doctissimus  Franciscus  Modius  Brugensis  observaverat.  Darauf 
baut  Waltzing  seine  Behauptung  auf.  Im  Verzeichnis  selbst 
findet  dies,  wie  bemerkt,  keinen  Anhaltspunkt.  Daher  muß  die 
Angabe  des  Junius  auf  eine,  richtig  oder  unrichtig  verstandene, 
Bemerkung  des  Scioppius  oder  des  Modius  selbst  zurückgehen. 
Da  wir  sie  aber  nicht  kennen,  ist  von  diesem  Punkte  aus  keine 
Klarheit  zu  gewinnen;  wir  müssen  vielmehr  auf  anderem  Wege 
vorgehen. 

Man  fragt  sich,  welche  Tertullianhandschrift  denn  Modius 
außer  der  Fuldaer  hätte  einsehen  können,  um  ihre  Lesarten  mit 
der  Kollation  dieser  zu  vereinigen.  In  Köln  hatte  er  allerdings 
vorher  eine  Handschrift  des  Apologetikum  verglichen,  wie  er  in 

1)  Ad  Qu.  Sept.  Flor.  Tertulliani  Afri  opera  .  .  .  castigationes  et  notae 
.  .  .  studio  et  opera  Francisci  luni  Bitui-igis.  s.  a.  et  1. 

2)  Es  ist  ein  bloßes  ]\Iißverstäiidnis,  wenn  Kowallek,  Über  Gaspar  Sciop- 
pius (Forschungen  zur  deutsch.  Gesch.  Bd.  11  [1871])  S.  407  ^  u.  Hoche 
(Allg.  deutsche  Biogr.  Bd.  41  S.  479)  dem  Scioppius  selbst  die  Autorschaft 
von  Notae  in  Tertulliani  Apologeticum  et  librum  adv.  ludaeos  zu- 
schreiben. 

3)  Les  trois  principaux  manuscrits  de  TApologetique  de  Tertullien 
(Le  Musee  beige  16  [1912],  181—240;  auch  S.-A.  Louvain  1912).  S.  185: 
Or,  voici  l'erreur  grave  qui  se  transmet  d'un  editeur  ä  l'autre  depuis 
toujours.  On  regarde  la  collation  de  Modius,  teile  qu'on  la  trouve 
dans  lunius,  comme  ne  donnant  que  de  variantes  tirees  du  codex  Ful- 
densis. 

1* 


4  Schrörs,  TertuUians  Apologetikum. 

einem  etwa  1579  geschriebenen  Briefe  an  Jakob  Pamelius  be- 
richtet \  aber  diesem  übersandte  er  die  Kölner  Kollation,  und 
dieser  hat  auch  wirklich  die  Handschrift  auf  Grund  einer  noch- 
maligen Durchsicht  für  seine  löTO  erschienene  Ausgabe  benutzt-. 
Mag  Modius  auch  von  den  Kölner  Lesarten  vielleicht  eine  Ab- 
schrift zurückbehalten  haben,  so  ist  doch  kaum  zu  glauben,  daB 
er  sie  mit  den  Fuldaern  verschmolz.  Zu  welchem  Zwecke  hätte 
dies  geschehen  sollen?  An  eine  eigene  Ausgabe  des  Apologe- 
tikum dachte  er  wohl  nicht,  wie  er  überhaupt  keine  patristische 
Schrift  ediert  hat;  er  mochte  umso  weniger  daran  denken,  als 
ja  vor  kurzem  die  neue  Ausgabe  seines  Freundes  Pamelius  er- 
schienen war,  und  er  zu  dieser  die  Früchte  seiner  in  Köln  be- 
triebenen Tertullianstudieu  beigesteuert  hatte.  Also  das  Kölner 
Apologetikum  wird  keinen  Bestandteil  seiner  Variantensammlung 
gebildet  haben.  Daß  er  neben  diesem  und  dem  Fuldaer  noch 
andere  Handschriften  gesehen  hätte,  davon  findet  sich  keine 
Spur.  Allerdings  spricht  Rigaltius  von  Schoppianis  illis  ex  Ful- 
densi  et  Vaticano  in  Apologeticum  et  Adversus  ludaeos  ex- 
cerptis  a  Junio  publicatis^.  Jedoch  muß  dies  ein  Irrtum  sein, 
weil  Modius  nie  in  Rom  gewesen  ist. 

Franciscus  Modius  zählt  zu  den  besten  Philologen  des  Jahr- 
hunderts. Sein  Verdienst  besteht  darin,  daß  er  sich  gegen  die 
übertriebene  und  vorschnelle  Konjekturalkritik  seiner  Zeitgenossen 
wandte  und  die  Notwendigkeit  betonte,  auf  die  handschriftliche 
Überlieferung  zurückzugehen,  und  daß  er  selbst  der  unermüd- 
lichste Aufspürer  und  Benutzer  von  Codices  war''.  Von  der 
heutigen  Methode  der  Filiation  der  Handschriften  war  er  aller- 
dings noch  weit  entfernt.  „Wohl  verstand  er  es  im  allgemeinen, 
den  Wert  bzw.  Unwert  einer  Textquelle  zu  erkennen  oder  viel- 
mehr herauszufühlen,  aber  insofern  er  nicht  über  die  Zeitan- 
schauungen hinauskonnte  und  zu  einem  wirklichen  Verständnis 
der  Überlieferung  in  allen  ihren  Bedingungen  nicht  sich  durch- 
zuringen vermochte,  mußte  sein  Verfahren  unvollkommen  bleiben 
und  im  Eklektizismus  verharren.  Modius'  Ausgaben  entstanden 
weder  auf  Grund  einer  systematischen  Abwägung  der  gesamten 

1)  Lehmann  a.  a.  0.     S.  99f.  2)  Ebenda  S.  100. 

3)  Qu.  »Sept.  Florentis  Tertulliani  opera.  Ed.  Nicolaus  Rigaltius. 
Editio  secunda.     Lutetiae  1641.     S.  4  des  nicht  paginierten  Vorwoi'tes. 

4)  Lehmann  a.  a.  0.     S.  54f.     Roersch  a.  a.  0.     S.  75. 


I.     Der  Codex  Fuldeusis.  5 

Handschriften  noch  durcli  bloßen  Abdruck  einer  einzigen  be- 
stimmten Handschrift,  sondern  so,  daß  ein  älterer  gedruckter 
Text  zugrunde  gelegt  und  unter  Bevorzugung  bald  dieser  bald 
jener  Handschrift  verbessert  wurde.  —  (In  den  textkritischen 
Noten  seiner  Ausgaben)  ist  Modius  durchaus  zuverlässig,  wenn 
sich  auch  hier  und  da  einmal  Ungenauigkeiten  finden  lassen; 
es  ist  nur  zu  bedauern,  daß  er  die  Handschriften  nicht  immer 
genau  bezeichnet,  obwohl  er  oft  mehrere  nebeneinander  be- 
nutzt" *.  So  wäre  ihm  auch  in  den  TertuUianvarianten  eine  Ver- 
mengung von  Lesarten  verschiedener  Herkunft  wohl  zuzutrauen, 
wenn  —  es  sich  um  den  Apparat  einer  Ausgabe  handelte.  Allein 
bei  den  Vorstudien,  bei  der  Sammlung  des  Materials  aus  ver- 
schiedenen Quellen,  zu  verschiedener  Zeit,  an  verschiedenen 
Orten,  wäre  eine  solche  Vermischung  mit  Unkenntlichmachung 
der  Herkunft  ohne  Zweck  und  Grund  gewesen  und  hätte  dazu 
eine  nutzlose  Arbeit  verursacht.  Darum  ist  es  nicht  anzunehmen. 
Hätte  er  die  Tertulliankollation  in  ein  gedrucktes  Exemplar  des 
Apologetikum  eingetragen,  so  ließe  sich  eher  daran  denken, 
aber  es  ist  oben  schon  wahrscheinlich  gemacht  worden,  daß  dies 
nicht  der  Fall  war. 

Eine  weitere  Überlegung  kommt  in  Betracht.  Das  Verzeich- 
nis umfaßt  900  bis  1000  Stellen,  zu  keiner  dieser  Stellen  werden 
aber  mehrere  Lesarten  angemerkt,  sondern  immer  nur  eine. 
Nun  wäre  es  doch  ein  mehr  als  unglaublicher  Zufall,  wenn  die 
vermeintlichen  Handschriften  des  Modius  an  keiner  dieser'massen- 
haften  Stellen  Lesarten  gehabt  hätten,  die  unter  sich  verschieden 
waren  und  zugleich  von  der  gedruckten  Vorlage,  der  schlechten 
Ausgabe  de  la  Barre's,  abwichen.  Neu  gefundene  Lesarten 
etwa  wegzulassen,  weil  zufällig  bereits  eine  handschriftliche  und 
zwar  eine  andere  abweichende  zu  der  Stelle  notiert  war,  wäre 
doch  ein  so  sinnloses  Verfahren  gewesen,  daß  es  von  einem  Modius 
nicht  angenommen  werden  kann.  Zudem  handelt  es  sich  viel- 
fach um  Stellen,  an  denen  der  Wortlaut  überhaupt  recht  zweifel- 
haft ist,  indem  unsere  Handschriften  auch  sonst  an  ihnen  aus- 
einander gehen;  so  —  ich  zitiere  nach  der  angeführten  Ausgabe 
Eauschens"-  —  li,  2i9,  33,  52,  6io,  139,  148,  16 1,  16 6,  18 8,  19 8, 
204,  205,  234,  23ü,  23i4,  25io,  25ii,  262,  378,  396,  40i,  40g,  43i, 


1)  Lehmann  a.  a,  0.    S.  55  f. 


6  Sckförs,  Tertullians  Apologetikum. 

48 1.  An  allen  diesen  Stellen  müßten  also  die  Handschriften, 
die  Modius  zufällig  einsah,  übereingestimmt,  derselben  Familie 
angehört  haben.     Credat  Judaeus  Apella! 

Ferner  machen  die  Modius'schen  Varianten  in  ihrer  Ge- 
samtheit einen  so  einheitlichen  Eindruck  (siehe  unten  III,  IV,  V), 
daß  sie  eine  für  sich  bestehende  Rezension  des  Textes  darbieten 
müssen,  wie  auch  allerseits  anerkannt  ist.  Dies  schließt  eine 
kompilatorische  Entstehung  aus;  es  müßten  denn  die  sämtlichen 
Handschriften,  die  Modius  in  die  Hand  bekam,  mit  dem  Fulden- 
sis  aufs  engste  verwandt  gewesen  sein.  Von  solchen  ist  jedoch 
bis  jetzt  keine  Spur  gefunden  worden.  Und  wäre  die  Kollation 
des  Modius  auf  diese  Weise  entstanden,  so  täte  es  ihrer  kriti- 
schen Verwertung  keinen  Eintrag;  wir  hätten  dann  einen 
textus  Fuldensis,  der  statt  in  einer  in  mehreren  Handschriften 
vorläge. 

Als  äußeres  Zeugnis  kommt  endlich  hinzu,  daß  eine  von 
Junius  unabhängige  Abschrift  der  Modius'schen  Sammlung  (s. 
unten  S.  8)  durch  die  Bemerkung  eingeleitet  wird:  variantes 
lectiones  in  Tertulliani  Apologeticum  .  .  .  ex  manuscripto 
Fuldano  longe  optimo  ^ 

Aber  ist  der  Angabe  des  Junius,  die  Varianten  seien  ex  mss. 
membranarum  collatione  .  .  .  praesertim  ex  ms.  Fuldensis 
ovfjßoX^  geflossen,  überhaupt  Gewicht  beizulegen?  Der  Leidener 
Theologe  war  ein  sehr  flüchtiger  Arbeiter,  und  namentlich  seine 
Tertulhaustudien  leiden  an  hastiger  Oberflächlichkeit.  Sehr 
geringschätzig  urteilte  über  ihn  der  mit  ihm  persönlich  be- 
kannte Joseph  Justus  Scaliger,  der  allerdings  scharfe  Ausfälle 
liebte.  Aber  auch  Isaak  Casaubonus,  ebenfalls  ein  zeitgenössi- 
scher Philologe,  dachte  sehr  gering  von  seiner  Tertullianausgabe; 
selbst  des  Junius  eigener  Schwiegersohn,  Gerhard  Johann  Vossius. 
mußte  dies  als  richtig  anerkennen'-.  Gerade  hinsichtlich  der 
Modius'schen  Lesartensammlung  ließ  sich  Junius  in  einem 
andern  Punkte  wahrscheinlich  eine  leichtfertige  Behauptung  zu 
schulden  kommen.  In  seiner  Vorbemerkung  gibt  er  nämlich  an, 
die  Kollation  habe  sehr  lange  (perdiu)  unbenutzt  bei  Welser  ge- 


1)  Waltzing  a.  a.  0.     S.  187'. 

2)  F.  W.  Cuno,   Franciscus   Junius   der    Altere.     Amsterdam  1891. 
S.  163—169. 


I.    Der  Codex  Fuldensis.  7 

ruht,  ehe  sie  dieser  dem  Scioppius  gab,  obschon  es  nur  drei  bis 
vier  Jahre  waren,  wie  oben  S.  2  wahrscheinlich  wurde. 

Dem  Junius  kann  es  nicht  sehr  ernst  mit  seiner  Annahme, 
die  Varianten  stammten  aus  verschiedenen  Handschriften,  ge- 
wesen sein;  denn  in  demselben  Vorbericht,  wo  er  dies  bemerkt, 
spricht  er  selbst  auf  der  nämlichen  Druckseite  von  ihnen  schlecht- 
hin als  von  solchen,  die  ex  manuscripto  (Singular!)  herrührten, 
die  optimi  illius  ms.  Fuldensis  seien.  Wie  Junius  zu  seinem 
Flüchtigkeitsfehler  gekommen  ist,  läßt  sich  mit  ziemlicher  Wahr- 
scheinlichkeit vermuten.  Modius  gebraucht  zur  Bezeichnung 
einer  Handschrift  gewöhnlich  den  Plural  membranae  \  während 
bei  den  Gelehrten  jener  Zeit  die  Wahl  zwischen  Singular  und 
Plural  geschwankt  zu  haben  scheint  2.  In  der  Sammlung  des 
Modius  wird  nun  die  Bemerkung  gestanden  haben,  membranae 
seien  ihre  Quelle,  und  der  Fuldensis  muß  eigens  genannt  worden 
sein.  Das  hat  Junius  anscheinend  mißverstanden  und  darum  von 
den  lectiones  geschrieben,  quas  ex  mss.  membranarum  collatione 
ante  complureis  annos  praesertim  ex  ms.  Fuldensis  ovfjßolfj  vir 
doctissimus  Franciscus  Modius  Brugensis  observaverat,  weshalb 
er  auch  nicht  imstande  war,  eine  der  übrigen  vermeintlichen 
Handschriften  namhaft  zu  machen,  was  er  sonst  wohl  nicht 
unterlassen  hätte. 

Die  Aufstellung  Waltzings  ist  daher  nicht  haltbar,  und  wir 
dürfen  bei  der  Ansicht  bleiben,  daß  die  Varianten  einzig  den 
Codex  Fuldensis  darstellen.  Dies  war  auch,  abgesehen  von  Rigal- 
tius,  dessen  Irrtum  offenbar  ist(s.  obenS.  4),  bisher  die  allgemeine 
Überzeugung,  obgleich  alle  die  Bemerkung  des  Junius  lasen. 
Waltzings  These  ist  schon  im  voraus  von  Ohler  auf  Grund  des 
Gesamteindruckes,  den  die  Lesarten  machen,  zurückgewiesen 
worden  ^. 


1)  Beispiele  bei  Lehmann  a.  a.  0.    S.  58.  94.  95. 101.  102.  106. 120. 134. 

2)  Lehmann  a.  a.  0.  S.  58:  „Bei  vielen  Gelehrten  vor  und  nach 
Modius  ist  membranae  gleich  Handschrift  überhaupt".  Dazu  A.  1:  „Mem- 
branae bedeutet  seiner  ursprünglichen  Bedeutung  nach  (und  bei  Modius 
oft)  nur  eine  Handschrift". 

3)  Qu.  Sept.  Flor.  Testulliani  quae  supersunt  omnia.  Ed.  Fr.  Oehler. 
Lipsiae  1853.  I  Praef.  p.  XIX:  „Qui  autem  diligentius  istas  variantes 
examinaverint,  .  .  .  reperient  .  .  .  esse  illas  non  ex  compluribus,  ut  lunius 
censebat,  variarum  bibliothecarum  codicibus  coUectas,  sed  de  uno  fönte 


8  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Noch  ein  Wort  über  die  kritischen  Werturteile,  die  den  Va- 
rianten vielfach  beigefügt  sind.  Sicher  ist,  daß  sie  nicht  alle 
von  Modius  herrühren  können.  An  einigen  Stellen  verrät  sich 
unzweifelhaft  Junius  als  Urheber.  So,  wenn  es  zu  39 15  heißt: 
sed  de  utroque  in  notis  diximus,  was  wirklich  in  den  Noten  des 
Junius  zum  Apologetikum  (Opp.  Tertull.  II,  49)  geschehen  ist, 
oder  wenn  bei  403  steht:  vide  notas  (ein  Hinweis  auf  Opp. 
Tert.  II,  50),  oder  wenn  zu  79  beigefügt  ist:  sie  PameUus,  dessen 
Ausgabe  Modius  bei  der  Anfertigung  seiner  Kollation  nicht  vor 
sich  gehabt  hat.  Hierher  werden  auch  wohl  Bemerkungen  ge- 
hören wie  die  zu  li  caetera  per  me  terantur  licet  oder  die  Be- 
rufung auf  das  Lexikon  zu  25 10.  Zu  39 19  liest  man:  Corrige 
,inreptiones',  ait  Schoppius,  so  daß  auch  dieser  Bemerkungen 
beigesteuert  hat.  Aus  der  letzten  Angabe  geht  hervor,  daß  Ju- 
nius die  kritischen  Abschätzungen  überarbeitet  hat.  Das  legt 
den  Verdacht  nahe,  daß  wohl  viele  derselben  ihm  zuzuschreiben 
sind.  Dieser  Verdacht  wird  bestärkt  durch  die  Tatsache,  daß 
in  der  Handschrift  der  Bremer  StadtbibHothek  C  48,  die  eine 
bis  zu  158  reichende  Abschrift  ^  der  Kollation  des  Modius  ent- 
hält, sie  für  gewöhnlich  fehlen  2. 

Angesichts  des  geringen  Vertrauens,  das  die  Arbeitsweise 
des  Junius  im  allgemeinen  einflößt,  bleibt  es  zu  bedauern,  daß 
wir  für  die  Verwertung  des  Fuldensis,  abgesehen  von  dem  Bre- 
mer Bruchstück,  allein  auf  seine  Veröffentlichung  angewiesen 
sind,  wenn  auch  der  Vergleich  mit  jenem  Bruchstück  den  Trost 
gewährt,  daß  es  nicht  viel  von  jener  abweicht  3.  Die  Annahme 
Callewaerts^,  die  schedae  Scioppianae  seien  noch  erhalten,  ist  be- 


petitas.  Waltzings  Bemei-kimg  a.  a.  0.  S.  184:  On  aurait  evite  cette 
erreur  si  l'on  avait  lii  attentivement  l'avis  au  lecteur  de  Francisciis  lunius 
trifft  auf  Öhler,  und  -wohl  auch  auf  andere,  nicht  zu. 

1)  Waltzing,  der  das  Ms.  untersuchte,  hat  a.  a.  0.  S.  187  die  Ansicht 
Lehmanns  a.  a.  0.  S.  80^,  wir  besäßen  in  ihm  ein  Stück  der  originalen 
Niederschrift  des  Modius,  mit  Recht  abgelehnt.  Ein  schlagender  Beweis 
dafür  ist  der  Umstand,  daß  die  Hs.  mit  der  Notiz  abbricht:  Cetera  vide 
in  editione  luniana,  die  erst  nach  Modius'  Tod  erschien. 

2)  Waltzing  a.  a.  0.     S.  188  Anm.  3)  Ebenda  S.  187. 

4)  Le  Codex  Fuldensis,  le  meilleur  manuscrit  de  l'Apologeticum  de 
Tertullien  (Revue  d'hist.  et  de  litterat.  religieuses.  VlI  [1902])  S.  324.  — 
Entstanden  ist  der  L-rtum  vielleicht  durch  Harteis  (Patristische  Studien  II 
in  den  Sitzungsberichten  d.  Ak.  d.  Wiss.  zu  Wien,  phil.-hist.  Kl.  Bd.  121 


I.     Der  Codex  Fuldensis.  9 

reits  durch  Lehmann  zerstört  worden.  Gleichwohl  wiederholte 
sie  Rauschen  noch  in  der  zweiten  Auflage  seiner  Ausgabe  (1912) 
des  Apologetikum  (Proleg.  p.  6).  Mit  Rücksicht  auf  die  schwere 
Erreichbarkeit  der  Junius'schen  Ausgabe  ist  es  zu  begrüßen,  daß 
Waltzing  die  Varianten  nach  ihr  unter  Hinzufügung  der  Ab- 
weichungen in  der  Bremer  Handschrift  neu  druckte  ^  —  leider  nicht, 
ohne  daß  sich  eine  Anzahl  Druckfehler  einschlich  -  —  und  dazu 
die  entsprechenden  Lesarten  der  beiden  besten  aus  den  übrigen 
Handschriften,  des  Parisinus  1623  und  des  Montispessulanus 
H  54,  anmerkte. 

Wie  Junius  die  Fuldaer  Varianten  für  seine  Ausgabe  nicht 
mehr  verwerten  konnte,  so  hat  auch  der  nächste  Herausgeber 
Joan.  Ludov.  de  la  Gerda  ^  und  der  nächste  Kommentator  De- 
siderius  Heraldus^  (1580 — 1649)  sie  unbenutzt  gelassen.  Erst 
Kicolaus  Rigaltius^  machte  von  ihnen  Gebrauch,  jedoch  spärlich; 
mehr  tat  es  Sigebert  Haverkamp  ^,  aber  immer  noch  nicht  ge- 
nügend. Auch  noch  le  Nourry,  der  eine  Tertullianausgabe  vor- 
bereitete,  urteilte   sehr  geringschätzig  von  ihnen ".     Zum  ersten 


[1890]  S.  21)  unricMige  Bemerkung,  er  habe  eine  genaue  Kollation  Reiffer- 
scheids  zui-  Verfügung  gehabt. 

1)  A.  a.  0.     S.  188-240. 

2)  Zum  Nutzen  anderer  verzeichne  ich  die  mir-  aufgestoßenen.  Es 
ist  zu  lesen  in  der  Vorbemerkung  des  Junius  Z.  S  v.  unt.  emendationes 
statt  emendationis,  Z.  5  v.  u.  nolui  st.  nolim,  Z.  1  v.  u.  utere  st.  utare, 
zu  5i:  deo  st.  Dec,  „haec  in  ms.  absunt"  gehört  zu  19o  st.  195,  zu  21t5  auc- 
toris st.  auctioris,  zu  22  g  divinationis  st.  divinitatis,  zu  233  gulam  st. 
galam,  zu  243  peritiae  st.  peritiae  etc,  „ms.  eiusm.  spii-ituum  .  .  .  ."  gehört 
zu  275  st.  274,  zu  352  alios  dies  st.  alias  dies,  zu  372  ne  m.  quidem  pai-" 
st.  de  m.  qu.  p.,  zu  385  in  quo  vos  st.  id  qu,  v.,  zu  39o  voratrinis  st. 
vovatrinis,  „ms.  in  isto  solo  con."  gehört  zu  39 12  st.  zu  39  lO,  zu  41 5  nostri 
caussa  st.  nostra  caussa,  zu  47 1  hac  quoque  st.  haec  qu.,  in  47 1  gehört 
j.abest"'  nicht  zur  Lesart,  „ita  aut  intul .  .  ."  gehört  zu  47  s,  „comm.  depreh." 
zu  47io,  „dis.  suborn."  zu  47ii,  zu  47u  e.  fi.  sunt  st.  e  si  sunt,  zu  50r2 
damnandam  st.  damnandum. 

3)  Qu.  Sept.  Flor.  Tertulliani  presb.  Carthag.  opera.  Lutetiae  Paris. 
1624.  1630.  1641. 

4)  Animadversiones  in  Tertulliani  Apologeticum  pro  christianis. 

5)  S.  oben  S.  4,  Anm.  3. 

6)  Qu,  Sept.  Flor.  Tertulliani  Carthag.  presb.  Apologeticus.  Lugduni 
Batav.  1718. 

7)  Dissertatio  in  Qu.  S.  Fl.  Tertulliani  Apologeticum  cap.  3  art.  1 
(bei  Öhler  III,  120):  Quis  autem  dixerit  dubiam  unius  Fuldensis  codicis 


10  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Male  zog  Ohler  die  Lesarten  in  umfassender  Weise  ^  heran,  ver- 
schloß ihnen  indes,  seiner  Ansicht  vom  Fuldensis  entsprechend, 
konsequent  den  Text.  Dann  brach  Callewaert  einer  andern  Auf- 
fassung Bahn,   indem   er  unsere  Handschrift   nicht   nur  als  den 


fidem  tot  ali  orum  et  meliorum  et  antiquiorum  autoritati  esse  ante 
ferendam  ? 

1)  Rauschen  a.  a.  0.  Proleg.  S.  0  wirft  ihm  vor,  es  ..minus  adcurate" 
getan  zu  haben.  Indes  hat  Rauschen  nur  an  einer  einzigen  Stelle  (zu  18  s) 
eine  Auslassung  festgestellt,  aber  irrtümlich;  die  Variante  steht  bei  Öhler. 
Richtig  ist,  daß  dieser  eine  Anzahl  übersehen  hat  (zu  7  3  9  2  9  20  10  3  10  5 
13  7  13  9  144  16  2  27  7  21  23  21  31  22  3  22  6  23  6  23  u  24  5  25  3  29  3  35  7  37  s 
38  4  45  5  45  6  47  4  485  50  9),  aber  auffallend  ist,  daß  diese  auch  sämtlich 
bei  seinem  Kritiker  fehlen,  obschon  er  versichert  (Praef.  primae  editionis) : 
summam  vero  operam  posui  in  fragmentis  codicis  Fuldensis  deperditi 
recensendis.  Cuius  codicis  postquam  variantes  lectiones,  prout  in  adpen- 
dice  editionis  Francisci  lunii  anno   1597  vulgatae  extant ,    adcurate   ex- 

scripsi  et  examinavi Omnes  vero  codicis  Fuldensis  lectiones,  quas 

in  textum  non  admisi,  adnotavi,  iis  solis  exceptis,  quas  vilissimas 
esse  nemo  negat".  Die  letztere  Einschätzung  kann  nur  bei  8  der  aus- 
gelassenen zutreffen,  während  die  übrigen  sehr  ernsthaft  zu  nehmende 
Varianten  sind.  Auch  habe  ich  nur  selten  gefunden,  daß  Öhler  Lesarten 
des  Fuldensis  verzeichnet,  aber  sie  unrichtig  wiedergibt,  z.  B.  zu  5  4  u.  19  2, 
—  Wiedergaben,  die  sich  merkwürdigerweise  ebenso  unrichtig  bei  Rau- 
schen finden.  In  anderen  Fällen,  z.  B.  10  10  u.  15  2,  bringt  Öhler  die  Les- 
arten richtig,  Rauschen  aber  falsch.  Überhaupt  hat  dieser  an  folgenden 
Stellen  den  Fuldensis  fehlerhaft  zitiert:  3  3  5  4  9  9  10  3  10  10  15  2  19  2  21  5 
22  G  23  3  24  7  26  3  34  4  35  3  35  5  37  4  46  u  47  12  48  1. 

Außerdem  vermißt  man  bei  Rauschen  eine  Menge  von  Varianten, 
die  Öhler  hat,  nämlich  zu  1 1  1  9  2  17  4 1  4  9  610  9  8  9  16  12  4  12  7  13  3  13  6 
141  14  4  14  6  15 1  15  3  16  2  16  6  16  8  16  13  17  2  17  4  17  5  19  6  19  6  20  4  20  5 
21  3  21  4  21  8  21 10  21 11  21 15  21 17  21 19  21 19  21 19  21  22  21  23  21  25  21  25 
21  27  21  28  21  28  21  29  22  1  22  2  22  G  22  6  23  6  23  9  23  lO  23  2  23  12  23  12  23  u 
23 19  24  4  24  6  24  7  24  7  24  7  24  7  24  8  25  5  25  12  27  28  29  1  29  3  30  2  31  3  32  3 
32  3  33  2  33  4  34  2  35  2  35  2  35  2  35  6  35  7  35  7  35  8  35  10  37  2  37  6  37  6  37  10 
38  4  38  4  38  5  39  1  39  3  39  6  39  6  39  15  39  15  39  16  40  3  40  7  40  9  40  9  40  10  41  4 
41  G  42  3  42  6  42  9  42  9  43 1  43  1  45  2  45  7  45  7  45  7  46  i  46  2  46  3  46  5  46  7 

46  10  46 10  46  14  46  15  46  15  46  15  46 16  46  18  46  18  46  18  47  1  47  2  47  5  47  6  47  8  47  9 

47  12  47  12  47  14  48  1  48  1  48  1  48  3  4S  3  48  6  48  9  48  9  48  11  48  u  48 12  48  13 

48  13  48  13  48  14  48  u  48  15  50  3  50  3  50  4  50  5  50  5  50  6  50  9  50  9  50  10  50  11 
50 12  50 15.  Unter  diesen  170  Varianten  sind  nur  33,  von  denen  man 
sagen  kann,  daß  sie  als  „vilissimae"  beiseite  zu  setzen  waren. 

So  verkehrt  sich  der  beanspruchte  Vorzug  der  Rauschen'schen  Aus- 
gabe gegenüber  der  Öhlers  in  sein  Gegenteil.  Sie  gibt  ein  unvollkommenes 
Bild  von  der  Bedeutung  des  Fuldensis. 


I.  Der  Codex  Fuldensis.  H 

besten  Texteszeugen  unter  allen  zu  erweisen  suchte,  sondern  ihn 
auch  —  die  offensichtlichen  Schreibverderbnisse  abgerechnet  — 
als  allein  maligebend  hinstellte  K  Seine  Untersuchung  baut  sich 
auf  der  zu  schmalen  Grundlage  der  7  ersten  Kapitel  auf;  ferner 
selbst  aus  diesen  vrerden  nicht  alle  Varianten  besprochen,  son- 
dern wird  eine  zielentsprechende  Auswahl  getroffen;  sodann 
lassen  die  Gründe  für  die  Bevorzugung  des  Fuldaer  Textes 
überall  Raum  zum  "Widerspruche.  Gleichwohl  ist  Callewaerts 
These  insofern  von  durchschlagendem  Erfolge  gewesen,  als  sich 
nunmehr  allenthalben,  soweit  ich  sehe,  der  Codex  einer  hohen 
Wertschätzung  erfreute,  wenn  auch  der  zweite  Teil  der  These 
meistens  abgelehnt  wurde  -.  Das  war  für  Rauschen  der  An- 
laß, in  seiner  Ausgabe  (1906)  die  Lesarten  desselben  in  sehr 
Aveitem  Maße  zu  bevorzugen.  Ja,  der  Beifall,  der  ihm  zuteil 
ward,  und  der  von  andern  geäußerte  Wunsch,  es  möchten  die 
Varianten  des  Fuldensis  noch  mehr  zur  Geltung  gebracht 
werden  3,  hat  ihn  bewogen,  in  der  zweiten  Ausgabe  (1912)  dieses 
in  noch  stärkerer  Weise  zu  tun. 

Es  ist  unzweifelhaft  und  allgemein  anerkannt,  daß  die  Hand- 
schrift von  Fulda  die  Repräsentantin  einer  besonderen  Familie 
ist,  während  alle  übrigen  Handschriften-*,  soweit  sie  untersucht 
sind,  zusammengehören  und  eine  zweite  Familie  bilden^.  In  der 
nähern  Beurteilung  besteht  aber  noch  Meinungsverschiedenheit. 


1)  Le  codex  Fuldensis  (s.  oben  S.  S  A.  4)  S.  330.  346.  351  f. 

2)  A.  d'Ales,  La  theologie  de  Tertullien.  Paris  1905.  p.  VE  (U 
semble  qu'il  y  ait  Heu  ...  de  prendi-e  le  Fuldensis  pour  base  de  la  Con- 
stitution du  texte)  schloß  sich  Callewaert  vollständig  an. 

3)  Callewaert  (Revue  d'hist.  ecclesiast.  YIII  [1907],  402),  R.  Heinze, 
Tertullians  Apologeticum  (Berichte  über  die  Yerhandl.  d.  sächs.  Ges.  d. 
Wiss.  zu  Leipzig,  phil.-hist.  Kl.  62  [1910],  2S42),  H.  v.  Soden  (Theol. 
Literaturzeitung  1912,  140). 

4)  Verzeichnet  bei  Harnack,  Gesch.  d.  altchristl.  Litt.  I,  675  ff;  zum 
Teil  besprochen  von  Öhler  I.  Praef.  Y  ff.,  Rauschen  Proleg.  S.  4 ff.  Walt- 
zing,  Le  trois  pr.  ms.     S.  ISlff. 

5)  Nach  Rauschen  Proleg.  S.  7  fände  sich  diese  Erkenntnis  schon 
in  dem  Fuldaer  Bibliothekskatalog  (s.  oben  S.  1  A.  1)  aus  dem  16.  Jahr- 
hundert (I).  Das  beruht  auf  dem  seltsamen  Mißverständnis  einer  Bemer- 
kung bei  de  Lagarde  (Septuaginta-Studien  in  den  Abhandlungen  der  Ge- 
sellschaft der  Wissenschaften  zu  Göttingen  37  [1S91]  74f.),  die  sich  auf 
Öhler  bezieht. 


j^2  Schrörs.  Tertullians  Apologetikum. 

Haverkamp  '  und  Ohler  -  halten  den  Fuldensis  für  die  erste  Aus- 
gabe von  der  Hand  des  Autors,  den  Text  der  übrigen  für  dessen 
zweite  Bearbeitung,  ebenfalls  von  Tertullian  selbst.  Andere 
urteilen  gerade  umgekehrt.  Xach  HarteP  ist  die  Fuldaer  Ke- 
zension  teilweise  entstanden  durch  eine  Umarbeitung  mit  Hülfe 
der  Schrift  Ad  nationes.  Xach  Kroymann^  war  sie  zwar  schon 
zur  Zeit  Kuhns  vorhanden,  ist  aber  von  geringerem  Werte  als 
die  andere.  Callewaert  dagegen  ist  der  Überzeugung,  daß  der 
Fuldensis,  wenn  man  von  den  unvermeidlichen  I'ehlern  der 
Überlieferung  absieht,  getreu  das  Original  wiedergibt,  die 
übrigen  Handschriften  aber  eine  wahrscheinlich  erst  in  karo- 
lingischer  Zeit  vorgenommene  starke  Umarbeitung  desselben  sind, 
während  er  absichtliche  Änderungen  beim  Fuldensis,  ganz  oder 
doch   im   Wesentlichen,    iu  Abrede   stellt^.     Letztere   Annahme 


1)  a.  a.  0.  S.  292:  bezüglich  eines  allein  im  Fuldensis  befindlichen 
Zusatzes  quovis  pignore  affirmare  ausim,  non  alium  quam  ipsum  Tertul- 
lianum  haec  protulisse,  nee  tarnen  superioribus  adnectenda  duco.  Scilicet 
plus  semel  Apologeticum  hoc  suum  vulgavit  Tertullianus.  —  S.  313:  bis 
dedisse  Nostrum  boc  scriptum  observavimus.  —  S.  409:  apparet,  id  quod 
statuimus,  verum  esse,  bis  a  Tertulliano  Apologeticum  suum  publi- 
catum.  —  S.  439  binsicbtlieh  des  sog.  Fragmentum  Fuldense  in  c.  19  ego 
vero  arbitror  omnino  baec  omnia  ab  ipsius  Tertulliani  manu  esse,  sed  quas 
in  secunda  Apologetici  sui  editione  poliverit,  mutaverit.  —  Praef.  [un- 
paginiert]  S.  7:  id  tarnen  sciri  velim  .  .  .  bis  idem  hoc  scriptum,  hie  illic 
pauUum  in  verbis  et  oratione  immutatum,  ab  illo  in  publicum  emissum  esse. 

2)  Sonderausgabe  (Qu.  S.  Fl.  Tertulliani  Apologeticum  et  ad  nationes 
libri  duo.  Halae  Saxon.  1849)  Praef.  S.  VI:  Fuldensis  libri  alioquin  optimi 
textum  sequi  diversam  et  antiquiorem,  ni  fallor,  quam  quas  in  ceteris 
quotquot  adhuc  innotuerunt  libris  manu  scriptis  obtinuit,  recensionem, 
sat  multa  extant  indicia.  —  S.  105  bezüglich  der  Hss.  außer  Fuld.:  quippe 
qui  secunda  Apologetici  recensione  inuituntur.  —  Große  Ausgabe  I  Praef. 
S.  XIX  betreffs  Fuld.:  sequi  non  solum  non  vulgarem,  sed  plane  diversae 
librorum  Tertulliani  öiOQd-dioecjq  familiam.  Hinc  perperam  ii  fecerunt  qui 
plane  obtuso  iudicii  acumine  Fuldensibus  his  et  vulgaris  cuiusvis  generis 
codicum  scripturis  commixtis  pannos  consarcinare  quam  integrum  opus 
reficere  makienint.  Sic  Rigaltius,  sie  Havereampius,  sie  alii,  qui  omnes 
ne  integris  quidem  illis  lunianae  editionis  copiis  uti  curae  habuere. 

3)  A.  a.  0.  S.  21.  23'. 

4)  Quaestiones  Tertullianeae  criticae.  Pars  I  (Diss.  Götting.  1893; 
der  vollständige  Druck  Oeniponte  1894  war  mir  nicht  zugänglich). 

5)  a.  a.  0.  S.  331.  .346.  350  ff.  Femer  Revue  d'hist.  eccles.  III  [1902], 
327  2.  340.     VIII  [1907],  402. 


I.  Der  Codex  Fnldensis.  13 

lehnen  Kauschen  ',  AValtzing-undHeinze^  ab,  behaupten  vielmehr, 
daß  der  Fuldaer  Text  zwar  an  vielen  Stellen  gegenül)er  dem 
andern  die  echte  Fassung  bietet,  aber  doch  auch  willkürliche 
Änderungen  von  späteren  Händen  erfahren  habe,  gleichwohl 
immer  -noch  der  beste  Zeuge  sei. 

Bei  dieser  Sachlage  dürfte  eine  Untersuchung  nicht  über- 
flüssig sein.  Dali  sie  mit  einer  gewissen  Umständlichkeit  ge- 
führt werden  muß,  ist  nicht  zu  vermeiden,  wenn  eine  Nach- 
prüfung von  Seiten  der  Kritik  ermöglicht  werden  soll.  Dabei 
kann  auf  eine  Heranziehung  aller  Lesarten  der  übrigen  Hand- 
schriften (außer  der  Fuldaer)  verzichtet  werden;  es  genügt,  die 
der  ältesten  und  besten  Handschrift  dieser  Klasse,  nämlich  des 
Parisinus  1623,  der  zudem  durch  Rauschen  und  Waltzing  neu 
verglichen  worden  ist,  denen  des  Fuldensis  gegenüberzustellen. 
Nach  dem  Vorgange  Waltzing's  bezeichne  ich  ihn  mit  P  (Öhler 
und  Eauschen:  A)  und  den  Fuldensis  mit  F  (Ohler  und 
Rausehen:  /,).  Natürlich  müssen  bei  der  Vergleichung  alle 
Stellen,  an  denen  die  Abweichungen  auf  offensichtlichen  Ab- 
schreiberfehlern beruhen,  außer  Acht  bleiben. 

Folgende  Bücher,  die  häufiger  angeführt  werden  müssen, 
sind  der  Kürze  halber  nur  mit  dem  Verfassernamen  zitiert: 
K.  A.  H.  Kellner,  Tertullians  sämtliche  Schriften,  aus  dem  Latei- 
nischen übersetzt.  2  Bde.  Köln  1SS2  —  J.  P.  Waltzing,  L'Apo- 
logetique  de  Tertullien  (Übersetzung  u.  Erklärung).  Louvainl911 
—  Callewaert,  Le  codex  Fuldensis  (Revue  d'hist.  et  de  litter. 
religieuses  VH  (19()2>,  322—353)  —  R.  Heinze,  Tertullians  Apo- 
logeticum  (Berichte  über  die  Verhandl.  d.  sächs.  Ges.  d.  Wiss,  zu 
Leipzig,  phil.-hist.  Kl.  62  (1910),  2S1— 490)  —  H.  Hoppe,  Syn- 
tax u.  Stil  des  Tertullian.     Leipzig  1903. 


1)  Proleg.  S.  7  f.  Er  belegt  seine  Ansicht  mit  einer  Anzahl  von 
Beispielen,  auf  die  nicht  eingegangen  zu  werden  braucht,  da  sie  in  unserer 
Untersuchung  von  selbst  ihre  Erledigung  finden  werden. 

2)  L'Apologetique  de  Tertullien.    Louvain  1911.    S.  33S. 

3)  a.  a.  0.  S.  3S6. 


14  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

II.  Stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Modifikation 
nnterliegt. 


F 

1 9  si  vero  de  merito  [sc.  odiij 
constet,  non  modo  nihil  odio 
detrahatur,  sed  amplins  adqiiira- 
tur    ad    perseverantiam    etiam 


P 

si  vero  de  merito  [sc.  odii] 
constet,  non  modo  nihil  odii  de- 
trahatur,  sed  amplius  adquiratur 
ad  perseverantiam   etiam  iusti- 


iustitiae  ipsius  gloriae  i  tiae  ipsins  auctoritate 

Kellner  und  Waltzing^  fassen  amplius  adverbial  und  das  ad 
perseverantiam  als  den  Dativ  vertretend  und  zu  adquiratur  ge- 
hörig. Indes  legt  der  Parallelisraus  mit  nihil  näher,  das  amplius 
als  substantivisch  gebrauchtes  Adjektiv  zu  nehmen.  Ebenso 
deutet  die  parallele  Stellung  von  detrahatuf  und  adquiratur  darauf 
hin,  daß  nach  F  zu  adquiratur  ergänzt  werde  odio,  nach  P  aber 
odii  zu  amplius  zu  ergänzen  ist.  So  kommt  die  beabsichtigte  Anti- 
these schärfer  zum  Ausdruck,  und  erscheint  dem  ganzen  Gedanken- 
gange entsprechend  das  ad  perseverantiam  als  Folge,  und  zwar  als 
Folge,  die  ihren  Grund  in  der  iustitiae  auctoritas  (nach  Pj  hat,  die 
nun  hinzugetreten  ist.  Es  ist  daher  zu  übersetzen:  „wenn  aber 
festgestellt  worden  ist,  daß  der  Haß  verdient  ist,  dann  verliert  der 
Haß  nicht  nur  nichts,  sondern  gewinnt  noch  etwas  dazu,  so  daß 
er  sogar  auf  das  Ansehen  der  Gerechtigkeit  gestützt  fortdauern 
kann".     Hinter  adquiratur  wäre  ein  Komma  zu  setzen. 

F  mit  seinem  gloriae  will  offenbar  dieses  gloriae  als  Dativ 
zu  adquiratur  gezogen  und  in  gegensätzlicher  Parallele  zu  odio 
gestellt  wissen.  Daraus  ergäbe  sich  der  Sinn:  der  Ruhm  der 
Gerechtigkeit  hat  einen  Gewinn  zu  seiner  Fortdauer.  Dieser 
Sinn  fügt  sich  aber  weniger  gut  in  den  Zusammenhang.  Denn 
nirgends  deutet  der  Apologet  an,  daß  die  Heiden  sich  rühmen, 
gerecht  zu  urteilen,  im  Gegenteil  läuft  seine  ganze  Beweisführung 

1)  Waltzing  übersetzt:  si,  au  contraire,  on  aequiert  la  certitude  que 
le  juste  uiotif  existe,  non  seulement  la  haine  ne  perd  rien  de  sa  force 
mais  on  trouve  une  raison  de  plus  pour  perseverer,  precisement  paree  qn' 
on  peut  se  glorifier  d'etre  juste.  Dagegen  spricht,  daß  von  einer  Fort- 
dauer des  Hasses  bisher  gar  nicht  die  Rede  war,  und  daß  daher  die  An- 
führung eines  w eitern  Grundes  für  die  Fortdauer  in  den  Zusammenhang 
nicht  paßt.     Auch  ist  das  steigernde  etiam  unübersetzt  geblieben. 


II.  stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Modifikation  unterliegt.         15 

darauf  hinaus  zu  zeigen,  daß  sie  sich  ihrer  Ungerechtigkeit  wohl 
bewul.st  sind,  ja  bewulit  sein  müssen,  und  daß  sie  eben  darum 
einer  Untersuchung  der  Sache  aus  dem  Wege  gehen;  sie  mül.sten 
sonst  Wert  darauf  legen,  die  Gerechtigkeit  als  auf  ihrer  Seite 
stehend  zu  beweisen.  Diesem  Gedanken  entspricht  das  auctoritate 
von  P  besser  als  das  gloriae  von  F  und  zumal  dessen  Fortdauer. 
So  allein  kommt  auch  das  etiam  zu  seinem  Kechte:  sie  könnten 
sich  dazu  noch  auf  das  Ansehen  der  Gerechtigkeit  stützen. 

Man  sieht,  daß  Text  F  wegen  des  nihil  odii  statt  nihil  odio 
die  substantivische  Bedeutung  von  amplius  klarer  hervortreten 
läßt  und  wegen  des  auctoritate  statt  des  gloriae  strengste  Folge- 
richtigkeit des  Gedankens  für  sich  hat,  w^ährend  Text  F  mit 
seinem  „Ruhm  der  Gerechtigkeit"  einen  neuen  und  dem  Zusammen- 
hange fremden  Gedanken  einführt.  Auch  in  der  Parallelstelle 
Ad  nat.  1,1  (sin  vero  causa  constiterit,  nihil  odio  detrahetur,  quod 
adeo  amplius  i^^stitiae  conscientia  cumulabitur)  weiß  TertuUian 
nichts  von  einem  Sichrühmen  der  Gerechtigkeit.  Es  ergibt  sich, 
daß  die  Varianten  von  F  und  P  weder  auf  Fehler  der  Abschreiber 
noch  auf  die  Hand  eines  fremden  Rezensenten  zurückgehen  können; 
dafür  sind  die  beiderseitigen  Satzkonstruktionen  zu  fein  und  zu 
echt  tertuUiauisch. 

Rauschen  folgt  F,  ändert  aber,  hierin  sich  an  P  anlehnend, 
gloriae  in  gloria  —  eine  Änderung,  die  grammatisch  nicht  ge- 
fordert ist.  Das  ist  ein  prinziploser  Eklektizismus,  macht  übrigens 
die  Sache  auch  nicht  viel  besser;  denn  nicht  das  äußere  Rühmen, 
sondern  die  innere  Überzeugung  von  der  Gerechtigkeit  trägt  zur 
Fortdauer  des  Hasses  bei. 

5?  quas  [sc.  leges]  Traianus  ex  partef  rustratus  est  vetando 
inquiri  christianos,  quas  nullus  Vespasianus,  quamquam  Judae- 
orum  debellator,  nullus  Hadrianus,  quamquam  omnium  curiosi- 
tatum  explorator,  nullus  Pius,  nullus  Verus  impressit  (F). 

P  nimmt  eine  Umstellung  vor,  indem  Hadrian  vor  Ves- 
pasian  gesetzt  wird. 

In  F  ist  die  Reihenfolge  der  vier  letzten  Kaißer  chrono- 
logisch richtig  *,  weshalb  Callewaert  S.  342  ein  Schreibversehen 
bei  P  (und  den  übrigen  Hss.)  annimmt.    Wenn  eine  Aufzählung 

1)  Die  griecHsche  Übersetzung  bei  Eusebius  (V,  5.7)  hat,  wenn 
Eusebius  sie  nicht  allzu  frei  benutzt,  was  nicht  anzunehmen  ist,  auch 
Trajan  zeitlich  richtig  hinter  Vespasian  gestellt. 


16  Schrörs,  TertuUians  Apologetikum. 

der  nackten  Namen  ohne  die  cbarakterisierendeu  Zusätze  vor- 
läge, wäre  diese  Annahme  naheliegend;  aber  eben  wegen  der 
Zusätze  ist  ein  solches  Versehen  schwer  glaublich.  Auch  müßte 
dann  vorausgesetzt  werden,  daß  alle  Hss.  außer  F  auf  einen 
gemeinsamen  Architypus  zurückgehen.  Indes  wollte  Tertullian 
nicht  dem  chronologischen  Gesichtspuukte  folgen,  wie  aus  der 
Stellung  Trajans  au  der  Spitze  hervorgeht.  Er  wollte  zeigen, 
daß  die  Kaiser,  die  seiner  Auffassung  nach  gut  waren,  keine 
Verfolgung  ins  Werk  setzten.  Darum  mußte  Trajan,  der  die 
Christen  zum  Teil  positiv  geschützt  hatte,  an  erster  Stelle  ge- 
nannt werden.  Aus  demselben  Grunde  waren  die  übrigen 
Kaiser  in  absteigender  Klimax  zu  ordnen,  ie  nach  der  Rück- 
sicht, daß  sie  duldsam  waren,  obschon  ihre  persönliche  Eigenart 
oder  die  Ereignisse  sie  in  mehr  oder  minder  nahe  Beziehungen 
zum  Christentum  brachten.  Hadrian,  der  als  sorgfältiger  Be- 
obachter auf  die  Christen  notwendig  aufmerksam  werden  mußte, 
hatte  so  die  zweite  Stelle  einzunehmen,  während  Vespasian, 
weil  er  durch  den  Judenkrieg  nur  äußerlich  und  nur  mit  dem 
in  der  ersten  Ausbreitung  begriffenen  Christentum  in  Berührung 
kommen  konnte,  an  die  dritte  Stelle  zu  rücken  hatte.  Pius  und 
Verus,  von  denen  nichts  in  dieser  Hinsicht  charakteristisches 
zu  sagen  war,  wurden  dann  in  zeitlicher  Abfolge  beigefügt.  Auch 
Harnack  ^  bemerkt  bezüglich  der  griechischen  Übersetzung,  die 
hier  F  folgt  und  außerdem  auch  Trajan  chronologisch  richtig  ein- 
ordnet: „die  Reihenfolge  [in  P]  hat  ihren  guten  Grund.  Trajan 
mußte  voranstehen  um  des  wichtigen  Briefes  an  Plinius  willen. 
Daran  reihen  sich  die  beiden  Kaiser,  von  denen  man  erwarten 
sollte,  daß  sie  für  Feindseligkeiten  gegen  die  Christen  disponiert 
waren".  Durch  die  Umstellung  hat  der  Übersetzer  gezeigt,  „daß 
er  den  Text  TertuUians  nicht  vollkommen  verstanden  hat". 

So   entspricht   die   Reihenfolge  in  P  strenger   dem   Zwecke 
der  Darstellung  und  ist  logischer. 

F  P. 

96  sed  quoniam   de  infantici-  sed   quuniam   de   infanticidio 

dio  nihil  interest,  sacro  an  ar-  nihil  interest,  sacro  an  arbitrio 

bitrio  patretur,  licet  de  parri-  perpetretur,  licet  parricidium 


1)  Die  griech.  Übersetzung  des  Apologeticus  TertuUians  (Texte  u. 
Untersuchungen  zur  Gesch.  d.  altchristl.   Literatur  YIII,  4  [1S92])  S.  23  f. 


U.  stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Moditikation  unterliegt.        17 

cidio     intersit,     convertar     ad     de    homicidio    intersit,    con- 
populum.  vertar  ad  populum. 

Nach  Grammatik  und  Stilistik  könnte  die  Übersetzung  des 
F-Textes  nur  lauten:  xlber  weil  hinsichtlich  des  Kindermordes 
es  keinen  Unterschied  macht,  ob  er  zu  religiösen  Zwecken  [wie 
angeblich  bei  den  Christen]  oder  aus  willkürlichem  Belieben  be- 
gangen wird,  obschon  hinsichtlich  des  Veruandtenmordes  dieser 
Unterschied  vorliegt,  so  wende  ich  mich  zum  Volke  [das  aus 
Belieben  seine  eigenen  Kinder  mordet].  Dies  kann  aber  nicht  der 
Gedanke  des  Verfassers  sein.  Denn  abgesehen  davon,  daß  nicht 
zu  verstehen  ist,  weshalb  zwar  nicht  beim  Kindermord,  wohl 
aber  beim  Verwandtenmord  es  einen  Unterschied  macht,  ob  er 
zu  sakralem  oder  zu  anderm  Zwecke  erfolgt,  liegt  die  Be- 
merkung über  den  Verwandtenmord  ganz  außerhalb  der  Beweis- 
führung, was  der  knappen  und  prägnanten  Schreibweise  Tertul- 
lians  widerspricht,  ja  sie  sprengt  den  geschlossenen  Gang  des 
Beweises.  Er  will  dem  heidnischen  Vorwurfe,  daß  die  Christen 
Kinder  schlachten,  mit  einer  Retorsion  begegnen.  Darum  zeigt 
er,  wie  die  Heiden  Kindermord  verüben,  allerdings  nicht  in 
sakraler  Absicht,  vielmehr  um  sich  der  Kinder  zu  entledigen, 
wie  sie  aber  anderseits  mehr  tuu  als  vermeintlich  die  Christen, 
indem  sie  ihre  eigenen  Kinder  töten  (natos  sibi  liberos),  also 
dazu  noch  sich  des  Verwandtenmordes  schuldig  machen. 

Im  Lichte  dieses  Gedankenganges  wird  man  den  Kachsatz 
nicht  erst  mit  convertar,  wie  Kellner  und  Waltzing  wollen,  sondern 
schon  mit  licet  beginnen  lassen  und  das  intersit  in  einer  andern 
Bedeutung  als  das  vorausgehende  interest  fassen  müssen,  näm- 
lich im  Sinne  von  „dabeisein",  so  daß  ein  echt  tertullianisches 
Wortspiel  zwischen  interest  und  intersit  herauskommt.  Es  wäre 
demnach  zu  übersetzen:  Aber  weil  .  .  .  begangen  wird,  wende 
ich  mich  zum  Volke,  wenngleich  [hier  noch  dazu]  etwas  von 
Verwandtenmord  dabei  ist. 

Aber  ein  Leser  der  Textgestalt  F  würde  auf  diese  Auf- 
fassung nicht  leicht  kommen,  vielmehr  das  interesse  beide  Male 
in  dem  gleichen  Sinne  nehmen.  Dagegen  gibt  die  Lesart  P 
den  richtigen  Gedanken  in  unzweideutiger  Weise  wieder:  licet 
parricidium  de  homicidio  intersit  =  wenngleich  Verwandtenmord 
im  Menschenmord  vorliegt. 

T.  u.  ü,  'u:  Sehrörs.  2 


18  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Daß  die  Änderung  P  etwa  auf  einen  späteren  Bearbeiter 
des  Textes  zurückgehe,  dürfte  durch  ihre  Feinheit  unwahr- 
scheinlich sein.  Noch  weniger  kann  die  Entstehung  dieser 
Varianten  aus  einer  der  gewöhnlichen  Textverderbnisse  her- 
geleitet werden. 

F  P 

11 13  atquin  ut  homines  illos  ,       atquin  ut  .  .  .  non  possitis 
[sc.  deos]  fuisse  non  potestis  :  negare,  etiam  ,  .  . 
negare,  etiam  istae  notae  acce- 
dunt,    quae    nee    deos    postea 
factos  credi  permittunt.  | 

In  F  liegt  ein  Vergleich  vor,  als  dessen  Sinn  Rauschen 
mit  Recht  au  gibt :  ut  illos  homines  postea  deos  factos  esse  non 
potest  negari,  ita  quas  exposui  causae  homines  post  mortem 
deos  factos  credi  vetant.  Dagegen  leitet  in  P  ut  einen  Folge- 
satz ^  ein;  der  Gedanke  ist:  zu  dem  bisher  Beigebrachten  tritt 
Neues  hinzu,  so  daß  ihr  nicht  mehr  leugnen  könnt. 

Das  ist  eiu'  sachlicher  Unterschied.  Im  ersten  Falle  ist 
eine  Rückbeziehung  auf  den  Anfang  des  Kapitels  gegeben,  auf 
den  Satz:  sicut  illos  homines  fuisse  non  audetis  negare,  ita  post 
mortem  deos  factos  instituistis  adseverare,  auf  den  sich  auch 
Rauschen  zur  Begründung  seiner  Auffassung  beruft.  Im  zweiten 
Falle  wird  hingewiesen  auf  das  Nachfolgende,  wo  der  neue 
Gedanke  entwickelt  ist,  daß  eine  Apotheose,  sei  es  von  schlechten 
sei  es  von  guten  Menschen,  nicht  glaublich  ist. 

In  den  letztern  Zusammenhang  gestellt,  kommt  nun  der 
fragliche  Satz  (atquin  ut  homines  .  .  .)  zu  seiner  rechten  Gel- 
tung. Denn  nicht  von  causae,  die  innerlich  die  Umwandlung 
unmöglich  machen,  ist  die  Rede  wie  im  Vorausgehenden,  sondern 
von  Erkennungszeichen  (notae)  der  Unglaubwürdigkeit  der  be- 
haupteten Verwandlung;  nicht  an  den  Anfang  des  Kapitels 
knüpft  unser  Satz  an,  sondern  an  das  unmittelbar  vorherstehende 
nisi  hominem  negaveritis.  Er  will  zeigen,  daß  eine  solche  Leug- 
nung nicht  möglich  ist,  weil  man  nicht  einmal  (nee  deos  .  .  ,) 
annehmen  kann,  daß  die  Götter  erst  nachher  Götter  geworden 
sind.     Es  hebt  ein  neuer  Beweis  (etiam  istae  notae  accedunt) 


1)    Kellner  nimmt  einen  Absichtssatz   an,    was  sich  durch  das  ut- 
non  verbietet. 


II.  stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Modifikation  unterliegt.        19 

für  das  allgemeine  Thema,  die  Götter  seien  nichts  als  ehemalige 
Menschen,  an:  es  treten  weitere  Merkmale  hinzu,  so  daß  ihr 
es  nicht  leugnen  könnt. 

An  sich  wäre  es  freilich  möglich,  daß  aus  dem  possitis 
durch  einen  bloßen  Lese-  oder  Schreibfehler  potestis  geworden 
ist  oder  umgekehrt,  aber  bei  der  weitgehenden  sachlichen  Be- 
deutung der  Abweichung  ist  es  wenig  wahrscheinlich. 


I 


P 

quod  vero  immensum  est, 
soli  sibi  notum  est.  Hoc  quod 
est,  dominum  aestimari  facit, 
dum  aestimari  non  capit.  Ita 
eum  vis  magnitudinis  et  notum 
hominibus  obicit  et  ignotum. 


F 
173  quod  vero  immensum  est, 
soli  sibi  notum  est.  Hoc  est, 
quod  de  um  aestimari  facit, 
dum  aestimari  non  capit.  Ita 
eum  vis  magnitudinis  et  notum 
hominibus  obicit  et  ignotum. 

Nach  der  Fassung  von  F  weist  hoc  est  auf  den  vorher- 
gehenden Satz  zurück  und  ergibt  die  Bedeutung:  gerade  Gottes 
Unermeßlichkeit  ermöglicht  uns,  seine  Größe  abzuschätzen.  Walt- 
zing,  das  dum  sogar  kausativ  fassend,  übersetzt  denn  auch:  ce 
qui  fait  comprendre  Dieu,  c'est  Fimpossibilite  de  le  comprendre. 
Allein  abgesehen  davon,  daß  dum  adversativ  zu  nehmen  ist, 
paßt  das  Paradoxon  nicht  in  den  Zusammenhang;  denn  in  dem 
vorausgehenden  Satze,  auf  den  das  hoc  sich  bezieht,  wird  ja 
gerade  gesagt,  Gott  sei  sich  allein  bekannt,  könne  demnach  von 
niemand  anderm  abgeschätzt  w^erden.  Wenn  Kauschen  (19U6)  die 
Lesart  mit  dem  Hinweis  auf  das  folgende  ita  eum  vis  ...  als 
richtig  zu  erhärten  sucht,  so  hat  er  einmal,  wie  auch  seine 
Interpunktion  (non  capit;  ita  .  .  .)  zeigt,  irrig  das  ita  ausschließ- 
lich auf  das  unmittelbar  Vorhergehende  (hoc  est  quod  deum  .  . .) 
bezogen,  sodann  übersehen,  daß  ita  nicht  bloß  das  notum,  sondern 
auch  das  ignotum  einleitet. 

Die  Auffassung  von  P  ist:  die  geschöpfliche  ^  Welt  (quod 
est)  ist  es,  die  ein  aestimari  Gottes  möglich  macht,  während 
doch  (dum)  Gott  an  sich  wegen  des  immensum,  das  ihm  allein 
bekannt  ist,  sich  einer  Abschätzung  entzieht.  So  kommt  der 
adversative  Wert  von  dum  zu  seinem  Rechte,  und  gliedert  sich 
der  Satz  vortrefFHch  in  das  Ganze  ein.  Denn  an  die  Spitze  hat 
Tertullian  eben  den  Gedanken  gestellt,  daß  Gottes    Wesen  sich 

1)  Daher  auch  dominum  statt  deum. 

2* 


20  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

in  der  Schöpfung  (tota  nioles  ista)  offenbart  —  ein  Gedanke, 
der  nach  der  Variante  F  in  der  Argumentation  gar  nicht  zur 
Geltung  kommt,  und  von  dem  sich  deshalb  nicht  erkennen  läßt, 
was  er  überhaupt  soll.  Ferner  greift  der  Schriftsteller  im 
Folgenden  den  Gedanken  des  quod  est  dominum  aestimari  facit 
wieder  auf  und  führt  ihn  weiter:  vultis  ex  operibus  .  .  .  conpro- 
bemus.  Der  Satz  ita  eum  vis  .  .  .  faßt  als  Schlußfolgerung  alles 
Voraufstehende  zusammen:  die  vis  magnitudinis,  insofern  sie 
sich  in  der  Schöpfung  ausspricht,  macht  ihn  bekannt;  die  vis 
magnitudinis,  insofern  sie  das  immensum  ist,  läßt  ihn  unbekannt 
bleiben. 

So  entsteht  eine  streng  logische  Folge  der  Gedanken:  Gott 
ist  Urheber  des  Geschaffenen,  aber  in  diesem  ist  er  nicht  sinn- 
lich, sondern  nur  geistig  erkennbar;  der  Grund  liegt  darin,  daß 
die  Sinne  nur  erfassen  können,  was  geringer  ist  als  sie,  Gott  aber 
unermeßlich  ist;  so  macht  ihn  seine  Größe  zugleich  erkennbar 
und  unerkennbar. 

F  ;  p 

2I5  sed  quanta  deliquerint  I  sed  quanta  dereliquerint 
[sc.  Judaei]  ex  fiducia  patrum  1  fiducia  patrum  inflati  ad  de- 
inflati  ad  delirandum  dis-  clinandum  derivantes  a 
ciplinam  in  profanum  mo-  disciplina  in  profanum 
dis,  etsi  ipsi  non  confiterentur,  modum,  etsi  ipsi  non  confi- 
probaret  exitus  hodiernus  ip-  terentur,  probaret  exitus  hodier- 
sorum.  nus  ipsorum. 

Wenn  man  von  dem  offenbar  verderbten  modis,  das  in 
modum  zu  ändern  ist,  absieht  und  disciplinam  als  einen  bei 
Tertullian  häufigen  accusativus  graecus  auffaßt  sowie  delirare 
in  seinem  ursprünglichen  Sinne  (=  von  der  Furche  abweichen) 
nimmt,  so  bedarf  F  keiner  Emendation.  Das  delirandum  durch 
declinandam  zu  ersetzen,  wie  Kauschen  tut,  ist  ein  willkürlicher 
Eingriff.  Die  Stelle  besagt,  die  Juden  hätten  aus  Stolz  ihr  Ge- 
setz in  eine  unheilige  Weise  verwandelt,  also  das  ganze  Gesetz 
in  sein  Gegenteil  verkehrt,  und  hätten  so  große  Sünden  begangen. 
Dies  klingt  zu  hart  und  ungerecht.  Waltzing  scheint  dies  wohl 
gefühlt  zu  haben  und  übersetzt,  obAvohl  er  den  Text  Rauschens 
zu  Grunde  legt,  doch  im  Widerspruch  mit  diesem:  ....  s'ecar- 
terent  de  la  loi  divine  d'une  maniere  impie. 

P  ergibt  den    der   geschichtlichen  Wirklichkeit    mehr  ent- 


n.  stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Modifikation  unterliegt.        21 

sprechenden  mildern  Sinn:  durch  allzu  großes  Vertrauen  auf 
die  Väter  zum  Abweichen  vom  rechten  Wege  (ad  decHnandum) 
aufgeblasen,  sind  sie  von  ihrem  Gesetze  zu  einer  dessen  Heilig- 
keit entgegengesetzten  (profanum)  Weise  abgeschwenkt  (deri- 
vantes)  und  haben  so  Großes  verlassen. 

F  P 


21 11  et  nos  autem  sermonem 
atque  rationem  itemque  virtu- 
tem  .  .  .  .  propriam  substantiam 
asscribimus. 


et  nos  autem  sermoni  atque 
rationiitemquevirtuti  .  .  .pro- 
priam substantiam  spiritum 
asscribimus  ^ 


Zunächst  ist  zu  bemerken,  daß  die  Übersetzungen  (Kellner, 
Waltzing)  den  Gedanken  nicht  genau  treffen,  wenn  sie  sermo,  ratio 
und  virtus  als  gleichgeordnete  Begriffe  fassen.  Wie  aus  dem 
Vorhergehenden  zu  ersehen  ist,  bilden  sermo  und  ratio  im  Geiste 
der  stoischen  Philosophie  zusammen  einen  einheitlichen  Begriff 
(=  Xöyoq),  weshalb  auch  die  virtus  mit  dem  stärker  unter- 
scheidenden itemque  angefügt  ist,  während  die  beiden  andern 
Wörter  durch  atque  eng  verbunden  sind.  Es  wäre  etwa  zu 
übersetzen:  die  Wort-Vernunft  und  die  Kraft. 

Alle  Eigenschaften  und  Wirkungen  des  Logos,  bemerkt  Ter- 
tullian,  faßt  Kleanthes  in  den  einen  Begriff  Geist  zusammen 
(in  spiritum  congerit).  Darum  wird  F  dem  Zusammenhange  nicht 
genügend  gerecht,  indem  er  das  spiritum  nicht  hat,  und  ist  durch 
die  Konstruktion  des  asscribere  mit  dem  doppelten  Akkusativ 
weniger  scharf  als  P. 


F 

21 11. 12  nam  et  deus  Spiritus. 
Et  cum  radius  ex  sole  porri- 
gitur,  portio  ex  summa  est  ...  . 
Et  lumen  de  lumine  accensum. 


P 

nam  et  deus  Spiritus.   Et  cum 
radius  ex  sole  porrigitur,  portio 

ex    summa    est Ita  de 

spiritu  Spiritus  et  de  deo 
deus  ut  lumen  de  lumine  ac- 
censum. 


1)  Öhler  liat  inscribimus,  -w-ofür  er  sich  nur  auf  die  ältesten  Aus- 
gaben beruft.  Rauseben  gibt  für  sein  inscribimus  keinen  Beleg  an  und 
Waltzing  (Les  trois  princ.  manuscrits  S.  212)  verzeicbnet  hier  für  P  nichts 
von  F  Abweichendes.  Es  dürfte  nicht  angehen,  mit  Rauschen  in  F  asscri- 
bimus durch  inscribimus  zu  ersetzen,  dieses  sonach  mit  einem  doppelten 
Akkusativ  zu  konstruieren  und  im  Sinne  non  designamus,  adpellamus 
zu  nehmen. 


22  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Die  Übersetzungen  des  ersten  Satzes  (Kellner:  denn  auch 
Gott  ist  Geist;  "Waltzing:  car  Dieu  aussi  est  esprit)  verfehlen 
den  Sinn.  Denn  das  Thema  des  ganzen  Abschnittes  ist  nicht  der 
Gedanke,  daß  Gott  ein  Geist  ist,  sondern  umgekehrt,  daß  der 
„Geist"  (in  der  an  die  Stoiker  sich  anschließenden  Bedeutung) 
für  den  Christen  auch  Gott  ist.  Daher  empfiehlt  es  sich,  diesen 
Satz  durch  einen  bloßen  Strichpunkt  enger  mit  dem  voran- 
stehenden Satze  zu  verbinden. 

Dieser  Gedanke  wird  nun  im  Folgenden  durch  den  Ver- 
gleich mit  der  Sonne  und  dem  Sonnenstrahl  dargelegt.  Deshalb 
ist  es  ganz  am  Platze,  daß  sofort  durch  ita  de  spiritu  ....  auf 
Grund  des  Vergleiches  die  Folgerung  gezogen  wird,  der  Geist 
(des  Logos)  stamme  aus  dem  Geiste  Gottes,  und  der  eine  sei 
Gott  aus  dem  andern.  Die  Worte  sind  keine  aus  einem  spätem 
Satze  (21,13)  entlehnte  Interpolation,  die  den  Gedankengang  durch- 
schneidet, wie  Modius  (oder  Junius)  ^  und  in  Übereinstimmung 
mit  ihm  CaUewaert  S.  349  behaupten;  die  Worte  stellen  vielmehr 
den  Gedanken  deutlicher  her.  F,  in  dem  sie  fehlen,  gibt  ihn 
sprunghaft  wieder.  Zudem  paßt  nun  auch  in  Text  F  das  et- 
lumen  de  lumine  accensum  schlecht  zu  dem  vorausgehenden 
Satze  (et  cum  radius  ....  extenditur),  weil  der  mit  der  Sonne 
in  Verbindung  bleibende  Strahl  (nee  separatur  substantia,  sed 
extenditur)  eben  nicht  getrennt  ist  wie  ein  Licht,  das  am  andern 
entzündet  wird.  Vielmehr  entspricht  dieser  letztere  Vergleich 
nur  dem  de  spiritu  spiritus  et  de  deo  deus.  Der  Auktor  gebraucht 
hier  mit  Überlegung  die  Präposition  de,  während  er  in  dem 
andern  Vergleiche  (cum  radius  ex  sole)  die  Präposition  ex  anwendet. 


F 

21 31  Quaerite  igitur,  si  vera 
sit  ista  divinitas  Christi.  Si  ea 
est,  qua  cognita,  sequitur,  ut 
falsa  renuntietur  .  .  .  illa  .... 


P 
Quaerite      igitur,      si      vera 

est 

qua    cognita   ad  bonum   quis 
reformatur,  sequitur 


.  .  . quae .... 

Der  21  u  angekündigte  Beweis  für  die  Gottheit  Christi 
(ostendimus,  quomodo  Christus  probetur)  ist  21 15-30  mit  ver- 
schiedenen Gründen  geführt  worden.    Jetzt  wird  (21 31)  die  Folge- 

1)  Waltzing,  Les  trois  pr.  m.  S.  212. 

2)  CaUewaert  S.  348  will  et  als  Schreibfeliler  für  ut  preisgeben,  wo- 
durch die  gedankliche  Zusammenhanglosigkeit  nur  noch  größer  wird. 


n.  stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Modifikation  unterliegt.        23 


nunquam  dominaturi  [sc.  Ro- 
mani]  eius  [sc.  Judaeae],  si  deo 
non  deliquisset,  ultimo  in  Chri- 
stum. 


rung  daraus  für  die  Falschheit  der  heidnischen  Götter  gezogen, 
und  einleitend  wird  in  zusammenfassender  Weise  die  Gewißheit 
der  göttlichen  Würde  Christi  betont.  Damit  begnügt  sich  F: 
„wenn  sie  das  ist,  als  welche  sie  erkannt  ist,  so  folgt  .  .  .  ."  P 
aber,  den  Nominativ  cognita  in  einen  Ablativ  verwandelnd,  fügt 
einen  moralischen  Beweis  für  die  Gottheit  Christi  ein  (ad  bonum 
quis  reformatur),  zugleich  anknüpfend  an  den  Gedanken  in  21 30 
(ad  humanitatem  temperaret  ...  in  aguitionem  veritatis  ocularet). 
F 
263  numquam  dominaturi  [sc. 
Romani]  eius  [sc.  Judaeae],  si  ^ 
non  ultimo  deliquisset  in  Chri- 
stum. 

Da  die  Unterwerfung  Judäas  schon  vor  Christus  stattfand, 
entspricht  in  F  die  Bemerkung  nicht  streng  der  geschichtlichen 
KausaKtät.  Mehr  ist  sie  dieser  in  P  angepaßt:  wenn  es  nicht 
gegen  Gott  gefrevelt  hätte  und  zuletzt  auch  noch  gegen  Christus 
(so  mit  Recht  Kellner). 

Rauschens  Änderung  (si  non  deliquisset  ultimo)  ist  zweck- 
los, weil  sie  weder  die  Grammatik  noch  den  Sinn  berührt. 
F  '  P 

376  si  enim  tanta  vis  homi- 
num  in  aliquem  angulum  or- 
bis  remotissimum  abrupis- 
semus  a  vobis,  subfudisset  pu- 
dor  utique  dominationem  ve- 
stram:  ad  silentium  rerum  et 
stuporem  quemdam  quasi  mor- 
tui orbis  quaesissetis,  quibus  im- 
peraretis. 


378  nunc  enim  pauciores 
hostes  habetis  prae  multitudine 
christianorum  paene  omnium 
civium  paene  omnes  cives  chri- 
stianos    hostes  habendo    ho- 


si  enim 

aliquem  orbis  remoti  si- 
num  .... 

subfudisset  utique  dominationem 
yestram  tot  qualiumque  ci- 
vium amissio,  immo  etiam 
et  ipsa  destitutione  punis- 
set.  Procul  dubio  expavis- 
setis  ad  solitudinem  ve- 
stram,  ad  silentium  .... 

P 

nunc  enim  pauciores  hostes 
habetis  prae  multitudine  christi- 
anorum paene  omnium  civium 
paene  omnes  cives  christianos 
habendos  et  hostes  maluistis 


1)  Rauschen  gibt  unrichtig  als  Lesart  vonF  an:  si  deo  non  . 


24  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 


vocare   generis    humani    potius 
quam  erroris  humani. 


st  es  maluissetis  Tocare  generis 
humani  potius  quam  erroris 
humani. 

Die  Beibehaltung  von  maluissetis  würde  in  F  den  Schrift- 
steller etwas  sagen  lassen,  was  in  seinem  Munde  unmöglich  ist, 
nämlich  die  Heiden  hätten  die  Christen  lieber  Feinde  des  mensch- 
lichen Geschlechtes  als  des  menschlichen  Irrtums  nennen  sollen. 
Natürlich  soll  das  Umgekehrte  ausgedrückt  werden.  Es  ist 
daher  maluissetis  zu  ändern  in  maluistis,  das  auch  sämtliche 
andere  Hss.  haben. 

Auch  in  Text  P  ist  die  überlieferte  Lesart  habendos  et 
hostes  sinnlos  und  wohl  mit  einer  Reihe  anderer  Texteszeugen 
(s.  Öhler  z.  d.  St.)  durch  habendo  sed  hostes  zu  ersetzen,  wobei 
hinter  habendo  ein  Punkt  zu  machen  ist. 

Voraus  geht  unserer  Stelle  die  Bemerkung,  daß  wenn  die 
Christen  aus  dem  römischen  Reiche  auswanderten,  dieses  dann 
veröden  und  mehr  Feinde  als  Bürger  haben  würde.  In  diesem 
Zusammenhange  ist  F  zu  übersetzen:  jetzt  nämlich  habt  ihr 
weniger  Feinde  wegen  der  Menge  der  Christen,  die  fast  die 
ganze  Bürgerschaft  ausmachen.  Indem  ihr  fast  alle  christlichen 
Bürger  für  Feinde  hieltet,  woUtet  ihr  sie  lieber  Feinde  des  mensch- 
lichen Geschlechtes  als  des  menschlichen  Irrtums  nennen.  P  da- 
gegen würde  folgende  Übersetzung  ergeben:  jetzt  nämlich  habt 
ihr  weniger  Feinde  wegen  der  Menge  der  Christen,  die  fast  die 
ganze  Bürgerschaft  ausmachen,  weil  ihr  fast  alle  Bürger  eben 
als  Christen  in  Besitz  habt  [d.  h.  weil  fast  alle  christlichen  Bürger 
nicht  ausgewandert  sind].  Aber  ihr  zieht  vor,  sie  Feinde  zu 
nennen,  Feinde  eher  des  menschlichen  Geschlechtes  als  des  mensch- 
lichen Irrtums. 

Es  dürfte  klar  sein,  daß  der  durch  den  Kontext  geforderte 
Gedanke:  die  Christen  leben  und  wirken  im  Reich  als  Bürger 
und  sind  darum  dessen  starke  Stütze;  trotzdem  haltet  ihr  sie  für 
Feinde  —  daß  dieser  Gedanke  in  P  zum  vollen  und  wirksamen 
Ausdruck  kommt,  hingegen  in  F  nur  verdeckt  vorliegt.  In 
letzterem  fehlt  sowohl  das  habere  in  seiner  prägnanten  Bedeu- 
tung (=  innehaben),  das  den  springenden  Punkt  des  Gedanken- 
ganges mit  Rücksicht  auf  die  vorhergehenden  Sätze  ausmacht, 
als  auch  der  sprachliche  Ausdruck  des  Gegensatzes:  trotzdem 
haltet  ihr  sie  für  Feinde. 


n.  stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Modifikation  unterliegt.        25 


Außer  den  oben  angenommenen  Besserungsversuchen  sind 
weitere  überflüssig.     Haverkamp  und  Ohler  wollen  lesen:  nunc 

enim paene    omnium    civitatium    paeue    omnes    cives 

ehristianos  habendo.  Aber  hervorzuheben,  daß  fast  in  allen 
Städten-  fast  alle  Bürger  Christen  seien,  konnte  hier  nicht  in 
der  Absicht  des  Verfassers  liegen,  weil  es  sich  nicht  bloß  um 
die  Städte,  sondern  das  ganze  Keich  handelt,  und  er  von  den 
Städten  bereits  374  gesprochen  hatte. 


quem 


non  requisivit,  sed  et  alios 
insuper  sibi  commentata(!), 
quos  coleret. 

P 

Sed   cetera  vectigalia  gratias 
christianis   agent   ex   fide.  .  .  . 


40 10  quem  (sc.  deum)  cum 
intellegeret  ex  parte,  non  solum 
non  requisivit  timendum, 
sed  et  alios  sibi  citius  com- 
menta,  quos  coleret. 

F 

429  sed  et  cetera  vectigalia 
laeduntur.  Sufficit,  si  cetera 
gratias  christianis  agunt  ex 
fide  dependentibus  debitum. 

Im  Vorhergehenden  war  die  Minderung  der  Tempelsteuer 
infolge  der  Zunahme  der  Christen  erwähnt.  In  F  wird  nun 
behauptet,  auch  (et)  bei  den  übrigen  Steuern  kämen  Hinter- 
ziehungen vor,  dafür  bezahlten  aber  die  Christen  umso  gewissen- 
hafter die  Steuern.  In  P  ist  der  Gedanke  der  Defraudation  der 
übrigen  Steuern  fallen  gelassen,  und  die  gewissenhafte  Ent- 
richtung dieser  von  Seiten  der  Christen  als  Ersatz  hingestellt 
für  den  Ausfall  an  Tempelsteuern. 

F 

48 1.2  at  enim  christianus  si 
de  homine  hominem  ipsumque 
de  Gaio  Gaium  reducem  repro- 
mittat,  statim  illic  vesica 
quaeritur  et  lapidibus  magis, 
nee  saltem  copiis  a  populo  exi- 
getur:    quasi    non^   quaecum- 


at  enim  christianus  si  de  ho- 
mine hominem  ipsumque  de 
Gaio  Gaium  reducem  repro- 
mittat,  lapidibus 

magis, 
nee  saltim  coetibus  a  populo 
exigetur:   si  quaecumque  ratio 


1)  Es  ist  zu  interpungieren :  quasi  non,  quaecumque  ....  und  zu  über- 
setzen: gleich  als  ob  nicht,  welche  Vernunftmäßigkeit  auch  immer  vor- 


26  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

que  ratio  praeest  animarum  hu-  praeest  aDimarum  liumanarum 
manarum  in  corpora  recipro-  reciprocandarumincorpora,  cur 
candarum,  ipsa  exigat  illas  |  uon  in  eandem  substantiam 
in  eadem  corpora  revocari:  redeant?  Cum  hoc  sit  re- 
quia  hoc  sit  revocari',  id  stitui:  id  esse  quod  fuerat, 
est^  esse  quod  fuerant.  Nam  iam  non  ipsae  sunt  quae 
si  non  id  sunt  quod  fuerant,  fuerant,  quia  non  potue- 
id  est,  humanum  etidipsum  runt  esse  quod  non  erant, 
corpus  indutae,  iam  non  ;  nisi  desinant  esse  quod 
ipsae  erunt  quae  fuerant^.  fuerant.  Multis  etiam  locis. .  .  . 
Porro  quae  iam  non  erunt 
ipsae,  quomodo  redisse  di- 
centur?  Aut  aliud  factae  non  erunt  ipsae,  aut  manentes 
ipsae  non  erunt  aliunde.    Multis  etiam  locis 

Die  Worte  statim  ....  et,  die  F  allein  bietet,  sind  schwierig 
zu  erklären.  Nimmt  man  mit  Ohler  vesica  im  bildlichen  Sinne 
(^=  Redeschwulst),  was  jedoch  nur  mit  einer  Stelle  Martials 
(Epigr.  4,  49,7)  zu  belegen  ist,  so  würde  gesagt  sein,  die  christ- 
liche Auferstehungslehre  —  um  diese  handelt  es  sich  hier  — 
erscheine  den  Heiden  als  Großsprecherei.  Dieser  Gedanke  dürfte 
sowohl  an  sich  als  auch  auf  die  starke  Wendung  lapidibus  ex- 
igetur  zu  matt  sein.  Haverkamp,  der  quaeritur  ändert  in  queri- 
tur^,  erklärt  also:  mihi  proverbium  hoc  videtur  desumptum  a 
puerulis,  qui  mingendi  necessitatem  ultra  ferre  non  possunt  vesica 
lotio  impleta,  adeoque  saepe  virgam  metuentes  exlamant.  Sic 
illi  audita  hac  christianorum  oratione    statim    egrediuntur    audi- 


liegen mag  für  die  Rückkehr  menscMiclier  Seeleu  in  Körper,  diese  Ver- 
nunftmäßigkeit deren  Rückkehr  in  dieselben  Körper  forderte  ....  Haverkamp 
scheint  quasi  non  zu  praeest  zu  ziehen  und  erklärt  den  Gedanken  in  ge- 
wissem Sinne  umkehrend:  quasi  non  omnis  argumentorum  vis,  quibus 
praestruitur  et  defenditur  reciprocatio  animarum  humanarum  et  in  alia 
corpora  transmigratio,  magis  etiam  stringit,  si  afürmetur  revocari  animas 
ad  sua  quasque  coi'pora. 

1)  Rauschen  hat  die  Worte  quia  hoc  sit  revocari  ausgelassen. 

2)  Est  ist  als  durch  einen  gewöhnlichen  Schreibfehler  entstanden  zu 
tilgen.  Dagegen  ist  es  nicht  richtig,  mit  Haverkamp  auch  das  id  zu 
streichen. 

3)  Rauschen  setzt  hier  und  nach  esse  quod  fuerant  uni-ichtig  einen 
Strichpunkt. 

4)  So  schon  Modius  (oder  Junius),  s.  Waltzing,  Les  trois  pr.  m.  S.  237. 


n.  stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Modifikation  unterliegt.        27 

toriu,  quasi  mingendi  necessitas  urgeret Non  absimile  nobis 

est  proverbium  de  re  ingrata:  meu  zou  er  de  koude  pis  van 
krijgen.  So  gut  diese  Erklärung,  die  das  dem  Heiden  Anstößige 
der  Auferstehung  überaus  drastisch  zum  Ausdruck  bringt, 
zum  Granzen  passen  würde,  so  wenig  wahrscheinlich  erscheint 
sie  wegen  ihres  gemeinen  Inhaltes  bei  dem  ernsten  TertuUian, 
auch  wenn  man  annimmt,  daß  es  wirklich  eine  solche  sprich- 
wörtliche Redensart  gegeben  habe.  Eauschen  verweist  auf 
Seneka  (natural,  quaest.  2,27),  der  den  Donner  mit  dem  Tone 
vergleicht,  der  entsteht  „cum  super  caput  dirupta  vesica  est'", 
und  scheint  es  damit  für  möglich  zu  halten,  daß  der  Auktor 
hier  eine  solche  Attake  im  Auge  habe.  Aber  damit  wird  still- 
schweigend vorausgesetzt,  daß  dieses  eine  gewöhnliche  Art  ge- 
wesen sei,  an  einem  Gegner  seinen  Unwillen  auszulassen,  wovon 
wir  jedoch  nichts  wissen,  und  was  auch  an  sich  nicht  sehr  glaub- 
lich ist.  Waltzing  S.  314  vergleicht  den  Ausdruck  mit  der 
französischen  Redensart:  donner  dune  vessie  de  par  le  nez 
(=  anschnauzen),  wogegen  sich  ebenfalls  das  Bedenken  erhebt, 
daß  von  dem  Vorkommen  einer  solchen  lateinischen  Wendung 
sonst  nichts  bekannt  ist.  ForcelKni  (s.  v.  vesica)  faßt  vesica 
queri  in  ähnlichem  Sinne  wie  Haverkamp  auf,  sieht  jedoch  dar- 
in den  Ausbruch  heftigen  Lachens,  in  der  gleichen  Bedeutung 
wie  das  italienische  scompisciarsi  delle  risa.  Er  gibt  folgende 
Erklärung:  quisque  sibi  manu  vesicam  premit,  ut  solent  queri, 
qui  mingendi  necessitatem  ulterius  ferre  nequeunt.  In  noch 
kühnerer  Weise  hatte  Modius  (oder  Junius)  erklärt:  vesica  queri- 
tur,  id  est.  quasi  ventis  distenditur  cruciaturque  pectus  illorum 
vehementissime  ^ 

Ich  wage  eine  andere  Vermutung.  Vielleicht  ist  vesica 
synekdochisch  für  den  Bauch  zu  nehmen,  und  vesica  quaeri  (=  den 
Bauch  aufsuchen)  würde  dasselbe  besagen,  wie  unser  „sich  vor 
Lachen  den  Bauch  halten",  womit  der  komische  Eindruck  zwar 
recht  vulgär,  aber  bezeichnend  geschildert  wäre. 

Daß  jene  Worte  von  einem  spätem  Rezensenten  oder  gar 
von  einem  Abschreiber  erfunden  und  eingefügt  seien,  daran  ist 
wegen  ihrer  Dunkelheit  nicht  zu  denken.  Eher  ließe  sich  aus 
diesem  Grunde  eine  Auslassung  derselben  in  P  erklären.     Indes 

1)  Ebenda. 


28  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

steht  dieser  Annahme  als  Bedenken  die  Tatsache  entgegen,  daß 
sie  in  sämtlichen  Hss.  außer  F  fehlen,  es  müßten  denn  alle  diese 
Textzeugen  auf  eine  gemeinsame  Vorlage  zurückgehen,  oder 
mehrere  Bearbeiter  müßten  auf  denselben  Gedanken  gekommen 
sein.  Dagegen  könnte  man  gut  verstehen,  daß  Tertullian  selbst 
die  allzu  derbe  Phrase  später  gestrichen  hätte. 

Auch   der   Satzteil   lapidibus   magis exigetur  bereitet 

der  Erklärung  in  beiden  Textgestalten  Schwierigkeit.  Ohler  er- 
läutert also:  lapidationi  potius  eum  populus  postulabit  quam 
auditioni,  eum  ne  coetibus  quidem  honorabit,  nedum  statuis  at- 
que  salariis,  id  quod  tamen  philosophis  contingere  solet.  Aber 
dieser  Deutung  steht  exigetur  (=  vertrieben  werden)  im  Wege. 
Kellner  vermutet  statt  coetibus  einen  dem  Theater  entstammenden 
Ausdruck,  der  eines  jener  „Mißfallszeichen"  bezeichnet  habe,  mit 
denen  man  einen  Schauspieler  von  der  Bühne  vertrieb.  Wenn 
er  sich  zur  Begründung  darauf  beruft,  daß  TertuUian  vorher 
einen  Ausspruch  des  komischen  Dichters  Laberius  angeführt  habe, 
so  ist  mit  dieser  bloßen  Anführung  dort  nicht  bewiesen,  daß 
hier  eine  Entlehnung  aus  dem  Bühnen wesen  vorliege.  Zwei  Hss. 
und  die  alten  Ausgaben  haben  caedibus  (=  Schläge)  statt  coe- 
tibus, das  Rauschen  in  seinen  Text  aufgenommen  hat.  Indes 
scheint  mir  die  Steigung  von  caedes  zu  lapides  nicht  stark  ge- 
nug zu  sein,  um  den  scharf  steigernden  Ausdruck  lapidibus  magis 
nee  saltim  caedibus  zu  rechtfertigen.  Caedibus  dürfte  nur  aus 
coetibus  verderbt  sein.  Auch  J.  van  der  Vliet^  hat  richtig  ge- 
fühlt, daß  durch  magis  nee  saltim  an  der  zweiten  Stelle  ein 
Wort  gefordert  wird,  das  einen  gelindern  AngrifF  als  den  durch 
lapides  bezeichneten  bedeutet.  Er  schlägt  vor,  wenn  man  nicht 
caedibus  vorziehe,  vor  coetibus  einzuschalten  sibilis,  was  jedoch 
ein  zu  starker  Eingriff  in  den  überlieferten  Text  ist. 

Eine  Änderung  scheint  mir  garnicht  nötig  zu  sein,  wenn 
man  copiis  wie  coetibus  im  Sinne  von  Zusammenrottung  oder 
Volksauf  lauf  versteht.  In  den  beiden  Textformeu  läge  dann  bloß 
ein  kleiner  stilistischer  Unterschied  vor. 

Viel  bedeutender  sind  die  Abweichungen  in  den  weiter 
folgenden  Sätzen.  Betrachten  wir  zunächst  Text  P.  Im  Vorher- 
gehenden ist  das  Verhalten  der  Heiden  gebrandmarkt,   daß  sie. 


1)  Studia  ecclesiastica  I.    Liigduni  Batav.  1S91.    i'.  41. 


II.  stellen,  an  denen  der  Sinn  einer  Modifikation  unterliegt.        29 

obschou  Philosophen  eine  Seelenwanderung  zwischen  mensch- 
lichen und  tierischen  Körpern  annehmen,  doch  die  christliche 
Auferstehung  als  Unsinn  verfolgen.  Hiergegen  bringt  der  Apologet 
zwei  Argumente.  Erstens  muß,  wenn  überhaupt  eioe  Seelen- 
wanderung zugegeben  wird,  auch  die  Möglichkeit  und  Vernunft- 
mäßigkeit (ratio  praeest ')  einer  Kückwanderung  menschlicher 
Seelen  in  menschliche  Leiber  zugegeben  werden.  Der  Satz: 
cur  non  in  eandem  substantiam  redeant?  kann  sprachlich  nur 
eine  Möglichkeit,  nicht  eine  Notwendigkeit  ausdrücken.  Zweitens 
ist  sogar  die  Notwendigkeit  einer  Rückkehr  in  einen  Menschen- 
körper statt  in  einen  Tierkörper  anzuerkennen,  weil  sonst  die 
Menschenseele  in  eine  Tierseele  verwandelt  werden  müßte. 
Dieses  zweite  Argument  wird  mit  den  Worten  cum  hoc  sit 
restitui  id  esse  quod  fuerat  eingeleitet  und  begründet.  Diese 
Worte  sind  deshalb  zum  Folgenden  zu  ziehen,  und  ist  das  Frage- 
zeichen, das  Ohler,  Rauschen,  Kellner,  Waltzing  hinter  fuerat 
machen,  hinter  redeant  zu  stellen  und  hinter  fuerat  durch  ein 
Komma  zu  ersetzen. 

In  F  fehlt,  wie  man  sofort  sieht,  das  erste  Argument,  wo- 
gegen das  zweite  breiter  ausgeführt  ist.  P  ist  daher  eine  wesent- 
liche Verbesserung  von  F,  und  eine  Verbesserung,  die  offenbar 
nur  vom  Verfasser  vorgenommen  werden  konnte. 

Der  ganze  mit  si  quaecumque  bzw.  mit  quasi  non  eingeleitete 
Passus  enthält  die  Widerlegung  des  vorausgehenden  Satzes  und 
wird  durch  jene  Partikeln  eng  an  ihn  angeschlossen.  Darum 
ist  es  nicht  richtig,  mit  Rauschen  ein  neues  Alinea  vor  si  quae- 
cumque zu  machen. 


In  Bezug  auf  die  Stellen  37,6;  37,8;  40, lo;  42,9;  48,2  drängt 
sich,  wenn  ich  mich  nicht  täusche,  der  Schluß  förmlich  auf,  daß 
P  eine  neue  Bearbeitung  von  F  darstellt,  und  daß  diese  von  der 
Hand  des  Verfassers  selbst  herrühren  muß.  Im  Lichte  dieser 
Erkenntnis  werden  auch  die  Varianten  der  übrigen  zehn  oben 
behandelten  Stellen  so  zu  erklären  sein.  Ein  zwingender  Be- 
weis ist  mit  diesen  wenigen  Beispielen  allerdings  noch  nicht 
geliefert.    Aber  der  sonstige  Befund  wird  die  bisher  gewonnene 


1)  Rauschen    behauptet,    praeest   bedeute    valet.     Es    steht    einfach 
statt  praesto  est  (Hoppe  S.  136). 


30 


Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 


Spur  erweitern  und  vertiefen.  Zunächst  mögen  nun  die  Lesarten 
zusammengestellt  und  erörtert  werden,  bei  denen  P  dem  Ge- 
danken eine  neue,  die  Sache  richtiger  oder  deutlicher  treffende 
Wendung  als  F  gibt.  Daraus  dürfte  sich  nicht  bloß  ergeben, 
daß  P  die  bessere  Kezension  ist,  sondern  sich  auch  besonders 
ergeben,  daß  sie  nur  jemand  vorgenommen  haben  kann,  der  mit 
der  Beweisführung  und  allen  ihren  Feinheiten  und  Spitzen  so 
vertraut  war  wie  der  Verfasser  selber. 


m. 


stellen,  an  denen  Text  P  den  Gedanken  besser 
zum  Ä^nsdruck  bringt. 


F 


li  si  denique,  quod  proxime 
accidit,  iudiciis  animis  operata 
infestatio  sectae  huius  os  ob- 
struit  defensioni. 


si  denique,  quod  proxime  ac- 
cidit, iudiciis  nimis  operata 
infestatio  sectae  huius  obstruit 
defensioni. 


Daß  animis  nur  ein  gewöhnliches  Verderbnis  aus  nimis  ist, 
bedarf  keiner  Erörterung.  Nicht  aber  kann  die  Auslassung  des 
OS  in  P  auf  ein  Schreibversehen  zurückgeführt  werden,  weil  es 
eine  ganz  geläufige  Kedensart  darstellt,  die  ein  Schreiber  nicht 
leicht  übersehen  hätte,  während  der  absolute  Gebrauch  von 
obstruere  ebenso  ungewöhnlich  ist.  Dazu  kommt,  daß  os  in 
allen  Hss.  außer  F  fehlt  und  in  einigen  durch  viam  ersetzt 
ist   (s.  Öhler). 

Rauschen,  der  os  aufnimmt,  beruft  sich  auf  Adv.  Marc.  4, 12 
(si  Marcion  hac  voce*  os  ei  obstruit)  und  5,i3  (omne  os  obstruxerat, 
ne  qui  gloriaretur  per  illam).  An  der  ersten  Stelle  ist  die  Rede 
davon,  daß  Marcion  durch  Ausmerzung  eines  einzelnen  Aus- 
spruches aus  dem  Evangelium  dem  Herrn  den  Mund  verschlossen 
hat.  In  der  zweiten  Stelle  bezeichnet  der  Ausdruck  die  Ver- 
hinderung einer  bestimmten  Rede.  Es  handelt  sich  also  in 
beiden  Fällen  um  einen  Sprecher,  dem  ein  bestimmtes  Wort 
verwehrt  wird.  Dies  trifft  aber  an  unserer  Stelle  gerade  nicht 
zu,  vielmehr  wird  hier  die  UnmögHchkeit  einer  Verteidigung 
überhaupt,  ja  die  Unmöglichkeit  der  Anvresenheit  eines  Ver- 
teidigers betont.    Die  domestica  iudicia  bedeuten  nämlich  nicht, 


in.    stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  auscbückt.  31 

wie  herkömmlich  angenommen  wird,  ein  Verfahren  gegen  die 
eigenen  Familienglieder  und  Hausgenossen,  sondern  wie  Heinze 
S.  292  bemerkt  hat,  ein  vom  Statthalter  nicht  öffentlich,  nicht 
auf  dem  öffentlichen  Tribunal,  sondern  im  eigenen  Palaste  ge- 
fälltes Urteil'.  Der  Auktor  beabsichtigt  eine  Steigerung  (deni- 
que  quod  prox.  acc):  vorher  hatte  er  sich  beschwert,  daß  bei 
der  öffentlichen  Verhandlung  (in  publico)  eine  Verteidigung  nicht 
wirksam  werden  kann,  weil  keine  Untersuchung  stattfindet; 
jetzt  beschwert  er  sich,  daß  bei  der  geheimen  Verhandlung  im 
Secretarium  des  Statthalters  einem  Verteidiger  sogar  der  Zu- 
tritt versperrt  ist  (obstruit  defensioni),  weil  der  Prozeß  summa- 
risch (nimis  operata  =  allzu  geschäftig,  eilfertig)  geführt  wird. 
Diese  Steigerung  kommt  durch  das  os  obstruere,  das  ja  auch 
bei  der  öffentlichen  Verteidigung  zu  beklagen  ist,  nicht  voll  zum 
Ausdruck,  wohl  aber  durch  das  absolut  gebrauchte  obstruere. 
F  I  P 

1 3   quid  hie   deperit  legibus  !       quid    hie    deperit  legibus    in 


m  suo  regno   dominautibus,  si 
audiatur?  Hocmagis  gloriabitur 


suo  regno  dominautibus,  si  audi- 
atur? An  hoc  magis  gloriabitur 


potestas  earum,  quo  etiam   in-  j  potestasearum,  quo  etiamaudi- 
auditam  damnabuntveritatem?  !  tam  damnabunt  veritatem? 

F  gibt  die  beiden  Fragen  als  absolute  und  in  der  Form 
völlig  koordinierter  Sätze,  auf  die  beide  ein  Nein  als  Antwort 
erfolgen  muß.  Dann  ist  natürlich  durch  den  Sinn  inauditam 
gefordert.  Indem  P  die  zweite  Frage  mit  an  einleitet,  wird 
diese  Frage  in  Gegensatz  zur  ersten  gestellt;  sie  läßt  nunmehr 
eine  Antwort  erwarten,  die  die  Antwort  auf  die  erste  Frage  ver- 
bessert, also  in  einem  Ja  besteht.  Darum  ist  jetzt  auditam  statt 
inauditam  notwendig.  Das  an  ist  etwa  zu  übersetzen:  oder  nicht 
vielmehr  2,  Es  ist  sohin  unzulässig,  mit  Rauschen  an  und  in- 
auditam zugleich  in  den  Text  aufzunehmen. 

1)  Th.  Mommsen,  Römisches  Strafrecht.  Leipzig  1899.  S.  359,  362 
zeigt,  daß  beim  Strafprozeß  die  Öffentlichkeit  nicht  notwendig  gefordert 
war,  sondern  die  Rechtsprechung  auch  im  Hause  des  Richters  geschehen 
konnte  und  dann  nicht  öffentlich  war.  —  Schon  vor  Heinze  hatte  A.  Hauck 
(Tertullians  Leben  und  Schriften.  Erlangen  1877.  S.  71 ')  iudicia  domestica 
sprachlich  ganz  richtig  als  „Urteile,  welche  einer  in  seinem  Haus,  von 
seinen  Hausgenossen  hört"  erklärt. 

2)  Vgl.  R.  Kühner,  Ausführliche  Grammatik  der  lateinischen  Sprache. 
Bd.  II  §  234,  9  und  §  235,  3. 


32 


Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 


An  eine  versehentliche  Auslassung  des  an  in  F  kann 
wegen  des  Wechsels  von  auditam  und  inauditam  nicht  gedacht 
werden.  Anderseits  ist  es  aber  auch  klar,  daß  die  Fassung  von 
P  mehr  durchgearbeitet  ist  und  den  Gedanken  schärfer  hervor- 
treten läßt. 

F  I  P 

I9  malunt,  quia  iam  oderunt.  j       malunt    nescire,    quia    iam 
Adeo  praeiudicant.  .  .  1  oderunt.   Adeo  quod  nesciunt 

I  praeiudicant.  .  . 
Malunt    greift    auf    den    zweitvorhergehenden    Satz    zurück 
(amant  ignorare)    und  läßt  durch   den  Zusammenhang  ein  igno- 
rare  mitverstehen.    Ebenso   der  folgende  Satz.    Deutlicher  aber 
ist  die  Hinzufügung  des  nescire  und  quod  nesciunt  in  P. 


I9  iustitiae  ipsius   gloriae.     1 
S.  oben  S.  14  f. 

In  mentis  malae  ignaviam  j 
vel  fato  vel  astris  inputant  [sc. 
malefici  damnatij. 
Nolunt  enim  suum  esse,  quod 
malum  agnoscunt. 


iustitiae  ipsius  auctoritate. 
mentis  malae  impetus 

.,  quia  malum  agno- 


nolunt 
scunt. 

ordinem    extorquetis.    ad- 
missi.    Quo  perversius,  cum.  .  . 


2  10  ordinem  exquiritis  ad 
missi  [sc.  homicidii].  Quod  per 
versius  est,  cum.  ...  | 

Es  bezieht  sich  auf  die  ein  Geständnis  bezweckende  Folter- 
ung des  Angeklagten. 

2 15  [nachdem  der  Verbrecher 
gestanden  hat]  sententiae  ce- 
ditur. 

2 19  , Christianus'  si  nullius 
criminis  nomen  est,  valde  inep- 
tum,  si  nullius  nominis,  crimen 
est. 


sententia  opus  est. 

Christianus  si  nullius  crimi- 
nis nomen  reus  est,  valde  in- 
cestum,  si  solius  nominis  cri- 
men est. 


In  P  ist  mit  Hartel  nomen  als  accus,   graecus  aufzufassen, 
der  auch  sonst  bei  Tertullian  vorkommt^,    und  demnach  ist  zu 

1)  W.  Hartel,  Patristische  Studien  11  (Sitzungsber.  d.  Ak.  d.  Wiss.  zu 
Wien,  phiL-hist.  Kl.  Bd.  121  [1890])  S.  29  A.  1 ;  Hoppe  S.  17  f. 


III.   stellen,  wo  P  den  Gedanken  beßser  ausdrückt.  33 

übersetzen:  wenn  der  Christ  keines  namentlich  angeführten  Ver- 
brechens schuldig  ist.  Kellners  Übersetzung:  „wenn  der  Christ 
keines  Verbrechens  schuldig  ist,  so  ist  der  Name  der  Verklagte", 
scheint  mir  schon  rein  grammatisch  unmöglich  zu  sein. 

Das  Wort  incestum  hat  bei  den  Herausgebern  Anstoß  er- 
regt, weil  sie  es  offenbar  im  Sinne  von  blutschänderisch  nahmen, 
in  dem  es  auch  unmittelbar  vorher  gebraucht  ist.  Daher  haben 
ältere  Ausgaben  es  durch  das  sehr  matte,  ja  für  die  ganze  Ar- 
gumentationsart des  Schriftstellers  fremdartige  infestum  ersetzt. 
Dasselbe  Bedenken  trifft  die,  auch  von  Heinze  (S.  305  A.  1)  als 
sprachlich  gewaltsam  und  den  Sinn  zu  sehr  abschwächend  ab- 
gelehnte, Konjektur  Harteis,  der  incertum  lesen  will  und  über- 
setzt: „so  bleibt  es  sehr  unsicher,  ob  es  ein  Verbrechen  ist,  sich 
so  zu  nennen".  Vielleicht  darf  man  incestum  in  der  allgemeinen 
Bedeutung  von  schuldbar  oder  verbrecherisch  verstehen.  Der 
Hohn,  der  hier  beabsichtigt  ist,  kommt  dann  vortrefflich  zum 
Ausdrucke;  der  Satz  hieße  nunmehr:  dann  ist  es  ein  höchst  ver- 
brecherisches Verbrechen,  wenn  es  im  Namen  allein  besteht. 
Hierin  liegt  die  höchste  Spitze  der  Argumentation.  TertuUian 
liebt  Wortspiele,  und  wie  er  mit  dem  Wortspiel  nulKus  criminis 
nomen  und  solius  nominis  crimen  arbeitet,  so  auch  mit  dem 
Wortspiel  incestum  (=  blutschänderisch,  im  zweitvorhergehenden 
Satze)  und  incestum  (=  schuldbar,  in  diesem  Satze).  Vgl.  auch 
oben  S.  17  das  in  doppeltem  Sinne  gebrauchte  interest.  KeUner 
scheint  das  einigermaßen  empfunden  zu  haben,  indem  er  über- 
setzt: „eine  fürchterliche  Blutschande,  wenn  das  Verbrechen  im 
Namen  besteht".  Im  Deutschen  läßt  sich  indes  das  Wortspiel 
nicht  nachmachen. 

Der  Verfasser  hatte  den  Heiden  vorgehalten,  daß  es  in  den 
gerichtlichen  Urteilen  immer  nur  heiße:  ,,N.  ist  Christ",  anstatt 
daß  der  Name  des  Verbrechens,  wie  etwa  Mörder  oder  Blut- 
schänder, angegeben  werde.  In  nobis  solis,  hatte  er  bemerkt, 
pudet  aut  piget  ipsis  nominibus  scelerum  pronuntiare.  Daran 
schließt  sich  sofort  unser  Satz  an,  der  den  Gedanken  mit  schlagen- 
der Ironie  zusammenfaßt  und  in  einer  scharfen  Pointe  heraus- 
arbeitet. Hingegen  ist  dies  im  Texte  F  nicht  zur  vollen  Er- 
scheinung gekommen,  mag  man  ineptum  als  Adjektiv  zu  crimen 
ziehen  oder  es  substantivisch  verstehen,  wie  Waltzing  tut  (si  le 
nom  de  ,chretien'  n'est  le  nom  daucun  crime,  c'est  le  comble 
T.  u.  C.  '14:  Schrörs.  3 


quae  illos  palam  admittentes 
invenimus,  in  quibus 


34  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

de  l'absurdite  de  faire  un  crime  du  nom  seulj.  Das  christianus= 
Christsein  oder  Christheißen  ist  weniger  ausdrucksvoll  als  christi- 
anus  =  der  angeklagte  Christ i;  das  ineptum  ist  kraftlos;  das 
beißende  Wortspiel  mit  dem  Inzest  fehlt. 

F  I  P 

42  respondebimus  ad  singula,  j  respondebimus. 
quae  in  occulto  admittere  dici- 
mur,  quae  palam  adinveni- 
untur,  in  quibus  scelesti,  in 
quibus  vani,  in  quibus  damnandi, 
in  quibus  inridendi  deputamur. 

Callewaert  S.  338 f,  dem  Rauschen  (1906)  genau,  zum  Teil 
wörtHch,  nachschreibt,  freilich  ohne  ihn  zu  zitieren,  findet  in 
diesem  Satze  nach  der  Fassung  F  die  partitio  des  ganzen  folgenden 
Teiles  des  Apologetikums  angegeben :  Behandlung  der  angeblichen 
geheimen  Verbrechen  (in  occulto)  der  Christen,  nämKch  des 
Kindermordes  und  des  Inzestes,  und  der  öffentlichen  Verbrechen 
(palam),  nämlich  Feindseligkeiten  gegen  die  Götter,  gegen  die 
Kaiser  und  das  Wohl  des  Staates.  Näherhin  soll  dann  mit  scelesti 
nochmals  auf  die  beiden  geheimen  Verbrechen  (Kap.  7 — 9),  mit 
vani  auf  die  Versagung  der  den  römischen  Göttern  (Kap.  10 — 28), 
mit  damnandi  der  den  Kaisern  gebührenden  Ehren  (Kap.  2S— 45), 
mit  inridendi  auf  das  Bekenntnis  lächerlicher  Lehren  (Kap.  46 — 49) 
hingewiesen  sein.  Dagegen  hat  Heinze  S.  311  A.  1  mit  Recht 
bemerkt:  „Aber  es  geht  doch  nicht  an,  die  Gottlosigkeit  als 
vanum  von  der  maiestas  als  damnandum  zu  scheiden,  und  wenn 
auch  in  den  Kapp.  46  ff  vom  irridendum  mehrfach  die  Rede  ist 
(47  12;  494),  so  gehören  ....  eben  diese  Kapitel  nicht  mehr  zum 
Körper  der  Apologie".  In  der  Tat  enthalten  die  Ausdrücke 
scelesti,  vani  usw.  nichts,  was  sich  spezifisch  auf  -die  einzelnen 
Klassen  der  Anschuldigungen  bezöge,  wie  es  doch  bei  einem 
so  sehr  auf  Prägnanz  und  treffende  Schärfe  haltenden  Auktor 
zu  erwarten  wäre.  Die  Worte  in  quibus  scelesti ....  deputamur 
sind    eine    einfache    Amplifikation.     Heinze    will    gelten   lassen, 

1)  Callewaert  S.  336 f  nimmt  an,  der  Schreiber  von  P  habe  die  Be- 
deutung des  christianus  in  F  nicht  verstanden  und  irrig  es  Im  persönlichen 
Sinne  aufgefaßt,  weshalb  er  den  Nominativ  nomen  in  den  accus,  graec. 
vei"wandelte  und  reus  einschob.    Das  wäre  ein  genialer  Schi^eiber  gewesen ! 


ni.   stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt.  35 

dal.s  die  beiden  Glieder  quae  in  occulto  admittere  dicimur  und 
quae  palam  adinveniuntur  die  Haupteiuteilung  der  Schrift  an- 
geben. Indes  auch  dies  kann  nicht  zugestanden  werden.  Denn 
dann  müßten  sie  doch  wohl  durch  et  verbunden  sein,  das  denn 
auch  Haverkamp  mit  richtigem  Gefühl  einschiebt.  Ferner  spricht 
dagegen  die  Wahl  des  Wortes  adinveniuntur,  weil  Tertullian 
damit  die  Rechtmäßigkeit  dieser  auf  öffentliche  Verbrechen 
lautenden  Anklagen  zugäbe,  zumal  wenn  das  admittere  dicimur 
hinsichtlich  der  geheimen  Verbrechen  beachtet  wird.  In  unserer 
Stelle  liegt  weder  die  besondere  noch  auch  die  allgemeine  Ein- 
teilung der  Schrift  vor;  sie  wird  vielmehr  am  Schlüsse  des  Kap.  6 
angegeben:  nunc  enim  ad  illam  occultorum  facinorum  infamiam 
respondebo,  ut  viam  mihi  ad  manifestiora  purgem. 

Das  palam  adinveniuntur  erfordert  eine  andere  Deutung. 
Sie  ergibt  sich  aus  dem  vorhergehenden  Texte,  wo  von  allen 
den  Christen  vorgeworfenen  Verbrechen  gesagt  ist,  daß  sie  sich 
auch  bei  den  heidnischen  Anklägern  finden.  An  unserer  Stelle 
wird  dasselbe,  aber  genauer  betont  durch  die  Bemerkung,  daß 
jene  Verbrechen,  die  den  Christen  nur  als  geheime  Schandtaten 
vorgeworfen  werden,  sich  bei  den  andern  „offen  und  bekannter- 
maßen" (palam)  vorfinden.  Hierfür  erbringt  auch  Tertullian  im 
Kap.  9  den  Beweis.  So  erscheint  in  unserer  Stelle  der  im  ersten 
Satze  des  Kapitels  ausgesprochene  Gedanke  weitergeführt  (ad 
singula)  und  die  Art  und  Weise  des  dort  angekündigten  retor- 
quebo  näher  angegeben.  Daher  ist  nicht  zu  verstehen,  wie  Calle- 
waert  dieser  Deutung  eine  Verkennung  „der  logischen  Ver- 
bindung des  Gedankens"  vorwerfen  kann. 

Zuzugeben  ist,  daß  der  herausgestellte  Sinn  in  F  nicht  klar  zu 
Tage  liegt,  daß  vielmehr  das  palam  adinveniuntur  eine  Zweideutig- 
keit hervorrufen  kann.  Mit  aller  Bestimmtheit  ist  aber  jener  Sinn 
in  P  ausgedrückt.  Callewaerts  Ansicht,  die  Lesart  P  stelle  eine 
unglückliche  Korrektur  dar,  ruht  auf  seiner  irrigen  Deutung. 


F 

4  7  totam  illam  veterem  et 
squalentem  silvamlegumnovis . . 
securibus  ruspatis  et  caeditis. 


P 

totam  illam  .  . 


securibus  truncatis  et  caeditis. 


Die  Bemerkung,  daß  aus  dem  Korpus  der  alten  Gesetzgebung 
später  einzelnes  entfernt  wird,  ist  in  P  deutlicher  ausgedrückt, 

3* 


36 


Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 


wie  auch  das  truncare  besser  dem  Bilde  (silvam,  securibus) 
entspricht  als  ruspare  (=  peiaüch  durchsuchen,  auseinander 
kratzen). 

F  I  P 

5  4  temptaverat   et   Domitia-     temptaverat  .... 
nus,  sedquiahomo,  facile  coep-  [  sed  qua  et  homo.  .  .  . 
tum  repressit.  I 

Es  soll  betont  werden,  daß  Domitian  nicht  bloß  als  Kaiser, 

sondern  auch  als  Mensch  fühlte,  was  in  P  stärker  ausgedrückt  ist. 

F 

69  laudatis Sempera utiquos, 

sed  nove  de  die  vivitis. 


laudatis     semper     antiqui- 
tatem   et  nove   de  die  vivitis. 


Nicht  auf  die  Personen  der  Vorfahren,  sondern  auf  ihre 
Einrichtungen  kommt  es  dem  Verfasser  an,  wie  denn  auch  so- 
fort in  den  beiden  folgenden  Sätzen  auf  die  maiorum  instituta 
und  auf  die  antiquitas  hingewiesen  wird.  Das  et  schärft  den 
Gegensatz  mehr  als  sed,  weil  die  Gleichzeitigkeit  des  Lobens 
und  des  Abweichens  betont  ist. 
F 
7  3  cum  odio  sui  coepit  veri- 
tas,  simul  atque  inimica  est. 


cum  odio  .... 
simul  atque  adparuit,  inimica 
est. 

cum  vel  ex  forma  omnibus 
mysteriis  silentii 


prodita  Interim  etiam 
dum  divina  servatur^. 


7  6  cum  vel  ex  forma  omni- 
um  mysteriorum  silentii  iides 
debeatur.  Samothracia  et  Eleu- 
sinia  reticentur,  quanto  magis 
talia,  quae  prodita  etiam  huma- 
nam  animadversionem  provoca- 
bunt,  dum  divinitus^  serva- 
tur. 

Da  es  sich  um  den  angeblichen  verbrecherischen  Inhalt 
des  christlichen  Mysterienkultus  handelt,  nicht  um  das  Geheim- 
haltungsgesetz, wie  auch  der  folgende  Satz  (Samothracia  .  .  .  .) 
zeigt,    trifft  P  durch    den    Dativ    mysteriis    schärfer    den    Ver- 

1)  Die  Hs.  hat  divinitas,  was  offenbar  in  divinitus  zu  verbessern  ist. 
Rauschen  gibt  das  als  eigene  Konjektur,  während  es  schon  Ohler  hat. 

2)  Die  Hss.  haben  servantur,  das  Wort  irrig  auf  talia  beziehend; 
schon  ältere  Ausgaben  (s.  Öhler)  haben  es  in  servatur  geändert. 


III.    stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt.  37 

gleichungspunkt.  Da  ferner  der  Gegensatz  (etiam)  der  mensch- 
lichen und  göttlichen  Bestrafung  scharf  hervorgekehrt  werden 
soll,  kommt  dieser  durch  die  gleichmäßige  Anwendung  der  Ad- 
jektive (humana  animadversio  —  divina  animadversio)  besser 
zum  Ausdruck,  wie  durch  Eiufügung  des  Interim  auch  der  Gegen- 
satz zu  dum  deutlicher  wird. 


F 

9  9  de  sanguinis  pabulo  et 
einsmodi  tragicis  fabulis^  le- 
gite. 

9 10  Bellonae  secatos'-^  san- 
guis  de  femore  proscisso  in 
palmulam  exceptus  et  usui  da- 
tus  signat. 


P 

de  sanguinis  pabulo  et  eins- 
modi tragicis  ferculis  legite. 

Bellonae  sacratus  sanguis 
de  femore  proscisso  in  palmu- 
lam exceptus  et  esui  datus 
signat. 


Weil,  wie  bereits  Öhler  angemerkt  hat,  das  Verbum  signare 
ohne  Objekt  absolut  gebraucht  werden  kann  (=  bezeichnen,  durch 
Bezeichnung  weihen),  so  bietet  der  Nominativ  sacratus  (zu  sanguis 
gehörig)  keinen  Anstoß,  entspricht  vielmehr  dem  Ritus  des  Bellona- 
dienstes:  die  Priester  zerfleischten  sich  selbst  (de  femore  pros- 
cisso) und  opferten  so  ihr  Blut  der  Göttin  (sacratus),  sprengten 
es  dann  über  die  Umstehenden  aus,  die  mit  der  Hand  davon  auf- 
fingen und  genossen  3.  De  femore  proscisso  gehört  nicht  zum 
Folgenden,  wie  Kellner  und  Waltzing  übersetzen,  sondern  zu 
sanguis  und  bildet  mit  diesem  einen  Begriff.  Mit  Rigaltius 
sacratus  zu  ändern  in  sacratos,  was  von  Kellner,  Rauschen  und 
Waltzing  adoptiert  wurde,  liegt  kein  Anlaß  vor.  Jedenfalls  darf 
man  dann  darunter  nicht  die  Priester  der  Bellona  verstehen, 
wie  Röscher 4  will;  denn  nicht  diese  wurden  durch  den  Ritus 
erst  geweiht.  Dieser  Umstand  läßt  auch  das  secatos  von  F  als 
weniger  richtig  erscheinen.  Daß  ferner  esui  (P)  konkreter  und 
darum  besser  ist  als  usui  (F),  leuchtet  von  selbst  ein. 


1)  Rauschen  hat  in  beiden  Ausgaben  irrig  fabulas. 

2)  So  die  Bremer  Hs.  der  Varianten  von  F  (s.  Waltzing,  Les  trois 
pr.  m.  S.  199),  während  Junius  das  sinnlose  secator  gibt. 

3)  Pauly-Wissowa,    Realenzyklopädie   lU    [1S99],    256;    F.    Cumont, 
Les  religions  orientales  dans  le  paganisme  romain.    Paris  1906.    S.  67. 

4)  W.  H.  Röscher,  Ausführliches  Lexikon  der  griech.  u.  röni.  Mytho- 
logie I  [1884—1886],  776. 


38 


Sclu-örs,  Tertullians  Apologetikum. 


F 

9  11  cervus  ille  in  sladiatoris 


sansiiine  iacuit. 


sanguinem  iactavit. 

9  15  proinde  enim  probarentur         proinde 

sanguinem  humanuni adpetendo     adpetendo,      quemadmodum 
christiani,     qui     sacrificium     sacritlcium  respuendo. 
respuendo. 

9 17  Alienati  generis  necesse         Alienati.  .  .  . 
est  quandoque  memoriam  dis-  j  memoriam  dissipari. 
pergi^.  ! 

Während  dispergere  das  Zerstreuen  mit  dem  Nebenbegriff 
des  Ausbreitens  bedeutet,  drückt  dissipare,  im  prägnanten  Sinne 
gebraucht,  mit  dem  Zerstreuen  zugleich  das  Zerstören  aus.    Auf 
das  letztere  kommt  es  dem  Schriftsteller  hier  an. 
F  P 


totum 

in    ista    constructione 
positum.  .  .  . 


dis- 


ut  homines 

non  possitis  negare,  etiam. 


11 5  totum  enim  hoc  mundi 
corpus  ....  in  ipsa  concep- 
tione  dispositum  et  instructum 
et  ordinatum. 

Nicht  so  sehr  auf  die  Idee  des  Weltganzen  kann  es  hier  an- 
kommen als  auf  die  in  derWirklichkeit  ausgeführte  Ordnung. 
F 

11 13  ut  homines  illos  [sc.  deos] 
fuisse  non  potestis  negare, 
etiam  istae  notae  accedunt. 

Gegen  die  Umwandlung  von  Menschen  in  Götter  waren  im 
ersten  Teil  dieses  Kapitels  Gründe  aus  der  Weltordnung  an- 
geführt worden.  Jetzt  folgen  stärkere  (etiam  .  .  .  accedunt)  Gründe 
aus  der  moralischen  Ordnung.  Dieser  Steigerung  entsprechend 
mußte  auch  die  Widerlegungskraft  stärker  zum  Ausdruck  kom- 
men. Darum  war  es  am  Platze,  hier  einen  Folgesatz  (ut  .  .  . 
possitis)  statt  eines  bloßen  Vergleichungssatzes,  wie  er  dort  (11 1) 
steht,  zu  bilden. 

F  P 

11  u  sugillatio  estincaelum 
vestra  iustitia. 


sugillatio  est  in  caelo  vestra 


iustitia. 


1)  Hs :  disperci,  was  offenbar  in  clispergi  zu  emendieren  ist,  wie  schon 
Modius  und  Öliler  getan  haben,  nicht  erst  Rauschen,  wie  dieser  angibt. 


III.  stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt.  39 

Nach  dem  Zusammenhange  ist  der  Gedanke:  eure  Ge- 
rechtigkeitspflege auf  Erden,  die  schlechte  Menschen  bestraft 
(talibus  puniendis  praesidetis),  würde  im  Himmel  als  Konsequenz 
haben  eine  Züchtigung  der  Götter,  die  ehemals  schlechte 
Menschen  waren.  P  bringt  diesen  Gedanken  zur  klaren  Dar- 
stellung. F  hingegen  würde  den  Sinn  ergeben:  eure  irdische 
Gerechtigkeit  bedeutet  eine  Züchtigung  des  Himmels,  was  einer- 
seits weniger  scharf  in  der  Richtung  des  Gedankens  liegt, 
anderseits  den  Widerspruch  zwischen  der  Strafwürdigkeit  auf 
Erden  und  der  Götterherrlichkeit  im  Himmel  nicht  bestimmt 
genug  fühlen  läßt.  Eine  Züchtigung  des  Himmels  von  der 
Erde  aus  gedacht  ist  auch  eine  für  die  heidnischen  Leser 
kaum  vollziehbare  Vorstellung.  Kellner  und  Waltzing,  die 
caelum  lesen,  sehen  sich  deshalb  genötigt,  sugillatio  in  der 
übertragenen  Bedeutung  von  Verhöhnung  zu  nehmen,  was  aber 
dem  parallel  stehenden  punire  des  vorhergehenden  Satzes  nicht 
gerecht  wird. 

F 
12  6  iidem  estis,  qui  Senecam 
aliquem  pluribus  et  amarioribus 
de     vestra     superstitione     per- 
orantem  probetis. 


iidem 


reprehendistis. 

Nach  F  soll  die  bittere  Kritik  Senekas  am  Götterglauben 
allgemeine  Zustimmung  finden.  Das  war  eine  sehr  gewagte 
Behauptung.  Rauschen  sucht  abschwächend  ihr  eine  andere 
Wendung  zu  geben,  indem  er  erklärt:  Senecam  ....  tamquam 
magnum  philosophum  probatis,  wodurch  etwas  sowohl  dem 
Wortlaute  als  auch  dem  Gedankengange  Fremdes  hineingetragen 
wird.  In  P  heißt  reprehendere  nicht  tadeln,  wie  Kellner  über- 
setzt; der  Zusammenhang  verbietet  dieses.  Es  bedeutet  viel- 
mehr „erfassen"(=  finden),  wie  auch  an  anderen  Stellen  (12  2 
13  1  19  4).  So  ist  ein  neutraler  Ausdruck  gewonnen,  der  objektiv 
die  Tatsache  jener  Kritik  feststellt,  was  für  die  Beweisführung 
vollkommen  genügt. 

F  P 

12?  imagines   frigidas,    mor-  imagines  .... 

tuorum  vestrorum  simillimas,  suorum  simillimas.  .  .  . 
non  adoramus. 


40 


Schi-örs,  Tertullians  Apologetikum. 


Da  der  Grundgedanke  ist,  daß  die  Götter  nur  apotheosierte 
Toten  seien,  ist  das  auf  die  Götter  als  gestorbene  Menschen 
zurückweisende  suorum  schärfer. 


F 


possumus   enim  videri. 


nihil 
ab  ullo  patitur.  quia  non  est. 
praelatio 


12  7  possumus  autem  videri 
laedere  eos,  quos  certi  sumus 
omnino  non  esse?  Quod  non 
est,  nihil  ab  eo  patitur,  qui  est. 

13  2    praelatio     alterius    sine 
alterius  contumelia  non  potest     non  potest  procedere 
esse. 

14  2  Venerem  ....  sauciatam, 
cum  filium  suum  Aeneam,  ne 
interimeretur,  rapere  vo- 
luisset. 

14  8  tamen  cum  paenitet 
sententiae  Athenienses,  ut  cri- 
minatores  Socratis  postea  ef- 
flixerint  et  imaginem  eius 
auream  in  templo  collocarint, 
rescissa  damnationetestimonium 
Socrati  reddiderunt. 


Venerem  .  . .  sauciatam,  quod 
.  .  .  .  Aenean  paene  inter- 
fectum  ab  eodem  Diomede 
rapere  v  eil  et. 

tamen  cum  paenitentia sen- 
tentiae Athenienses  ut  crimi- 
natores  Socratis  postea  af- 
flixerint   [sc.   sententiam].  .  .  . 

rescissa  damnatiotestimonium 
Socrati  reddit. 


Die  Spitze  der  Ausführung  liegt  darin,  daß  die  ungerechte  Ver- 
urteilung zurückgenommen  und  auf  diese  Weise  Sokrates  rehabili- 
tiert wurde.  Dies  kommt  in  P  zur  vollen  Geltung,  indem  die  Auf- 
hebung des  Verdammungsurteils  zum  regierenden  Nominativ 
(rescissa  damnatio)  des  Satzes  gemacht  und  ihr  selbst  die  reha- 
bilitierende Wirkung  zugeschrieben  ist,  und  indem  als  Grund  hier- 
für eben  die  Vernichtung  des  Urteils  (cum  afflixerint)  hervor- 
gehoben ist.  F  läßt  diesen  Kern  des  Gedankens  hinter  den 
nebensächlichen  Umstand,  daß  den  Anklägern  der  Garaus  ge- 
macht (efflixerint  criminatores)  wurde,  zurücktreten,  legt  die 
Rehabilitation  den  Athenern  bei  und  bringt  den  entscheidenden 
Grund  bloß  durch  den  Ablativ,  abs.  (rescissa  damnatioue)  zum 
Ausdruck.  Ferner  ist  Text  P  nachdrücklicher,  weil  er  alle 
Athener  als  Ankläger  hinstellt  und  die  Rehabilitierung  nicht 
historisch  referierend,  wie  F  (reddiderunt\  sondern  durch  das 
Präsens  (reddit)  wiedergibt. 


III.   stellen,  wo  P  den  Grcdankeu  besser  ausdrückt.  41 

Die  Konjekturen  Öhlers,  der  am  Text  P  ut  durch  et  und 

reddit  durch  reddidit  ersetzt,  sind  nicht  nötig  und  auch  an  sich 
nicht  glücklich. 


F 

17  2  quod  videri,  quod  con- 
prehendi,  quod  aestimari  potest. 

17  5  deum  nominat  hoc  solo 
nomine,  quia proprio  deiveri. 


P 

quod    videri     commiiniter, 
quod.  .  . 

deum  .  .  . 
quia  proprie  verus  hie  unus. 


Beweisthema  ist,  daß  auch  der  Heide,  dem  natürlichen  Trieb 
seiner  Seele  folgend,  Gott  in  der  Einzahl  und  schlechthin  anruft 
und  damit  Zeugnis  für  den  einen  Gott  ablegt. 
F  I  P 

19  2   gentes    etiam    plerasque  j       gentes  .  .  .  .  et  canas  memo- 

et    urbes    insignes    historiarnm  1  riarum 

et     arcana    memoriarum  ... 
unius    interim    prophetae    scri-  j 
nium  saeculis  vincit.  | 

In  P  sind  die  Genetive  (histor.,  memor.)  von  den  Relativ- 
adjektiven insignes  und  canas  abhängig,  was  bei  TertuUian  eine 
sehr  häufig  vorkommende  Verbindung  ist  (s.  Hoppe  S.  21 — 24). 
Gentes  und  urbes  gehören  als  ein  CumulativbegrifF  zusammen. 
Demnach  ist  zu  übersetzen:  die  sehr  vielen  Völker  und  Städte, 
die  ausgezeichnet  sind  wegen  ihrer  Geschichten  [bist,  im  präg- 
nanten Sinne  =^  alte  Geschichten]  und  altersgrau  wegen  ihrer 
Überlieferungen.  Kellner  gibt  nicht  richtig  den  Gedanken  wieder 
mit  seiner  Übersetzung:  „die  bemerkenswerteren  Geschichts- 
erzählungen und  altersgrauen  Überlieferungen".  Das  tut  dem 
Wortlaute  und  der  Grammatik  Gewalt  an,  ändert  aber  auch  den 
Gedanken,  indem  nun  insignes  bist,  et  canas  mem.  als  parallele 
Glieder  zu  gentes  et  urbes  erscheinen.  Der  Verfasser  will  aber 
nicht  die  alttestamentlichen  Propheten  mit  Völkern  uad  Städten, 
mit  Geschichten  und  Überlieferungen  an  sich  in  Vergleich 
bringen,  was  ja  auch  wenig  Sinn  hätte;  es  kommt  ihm  vielmehr 
lediglich  auf  die  Behauptung  an,  daß  die  Schriften  der  Propheten 
die  geschichtlichen  Überlieferungen  der  Völker  und  Städte  durch 
ihr  hohes  Alter  übertreffen  (saeculis  vincit;  19  i:  summa  anti- 
quitas — veterani  cuiusque  stili  vestri;  19  5:  antiquissimarum 
gentium  archiva). 


42  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

In  F  tritt  diese  Absicht  durch  die  Wahl  des  Wortes  arcana 
statt  canas  weniger  deutlich  hervor,  weil  in  arcana  nur  neben- 
her das  Merkmal  des  Alters  Hegt,  Zudem  ist  P  auch  stilistisch 
besser,  indem  ein  dem  insignes  paralleles  Adjektiv  gewählt  ist. 

P.  de  Lagarde  ^  will  in  F  lesen:  urbes  insignes,  historiarum 
arcana  et  memoriarum:  Rauschen  nimmt  diese  Emendation  an. 
Sie  ist  indes  überflüssig  und  widerspricht  der  Absicht  des  Auktors, 
wie  oben  dargelegt  ist. 

F  P 

21  4  totum  Judaeis  erat  apud         totum  .  .  .  gratiae    praero- 

deum    praerogativa unde     gativa  unde 

illis     [sc.    Judaeis]     et     generis  j 

magnitudo   et  regni   sublimitas  I 

floruit  et  tanta  felicitas  de  dei     tanta  felicitas,  ut  de  dei  vocibus, 

vocibus  affuit,  quibus  et  doce-     quibus  edocebantur,  de  pro- 

bantur  [de]  promerendo  deo  et     merendo  deo  et  non  ofFendendo 

non     ofFendendo     praemone- 

bantur. 


praemonerentur. 


Beide  Fassungen  bieten  denselben  Sinn,  aber  die  von  F  ist 
matter  und  stumpfer.  Durch  Beifügung  des  Genetivs  gratiae 
erhält  der  Begriff  praerogativa  Inhalt.  Das  affuit  ist  sowohl  an 
sich  abgeblaßt  als  auch  seine  Einfügung  weniger  kraftvoll  als 
die  Ellipse  des  Verbums  in  P,  die  bei  Tertullian  so  beliebt  ist 
(Hoppe  S.  143  f).  Waltzing,  der  sich  an  F  anschließt,  scheint 
das  letztere  empfunden  zu  haben,  indem  er  mit  et  tanta  felicitas 
einen  neuen  Satz  beginnt  und  et  mit  aussi  wiedergibt.  Ferner 
bilden  in  F  docebantur  und  praemonebantur  stilistisch  einen 
Gegensatz,  ohne  daß  sachlich  ein  solcher  vorliegt;  denn  das  de 
promerendo  beruht  ebenso  gut  wift  das  de  non  offendendo  auf 
einem  monere  und  praemonere,  wie  denn  auch  wenige  Zeilen 
weiter  den  sanctae  voces  nach  jeder  Richtung  hin  ein  prae- 
minari  beigelegt  wird.  In  P  ist  der  mit  dem  Inhalt  nicht  zu- 
sammenfallende syntaktische  Gegensatz  von  docebantur  und  prae- 
monebantur beseitigt.  Außer  der  Beseitigung  dieser  Schwächen 
verleiht  P  durch   das  ut-  dem   tanta,   das  sonst  ziemlich  in  der 


1)  Abhandl.  d.  Ges.  d.  Wiss.  zu  Göttingen  1891. 

2)  Auch.  Hoppe,  Tertullianea  (Festschrift  d.  Gymn.  zu  Bielefeld  1908) 
S.  54  A.  1  spricht  sich  für  Beibehaltung  von  ut  aus. 


III.  stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt.  43 

Luft  schwebt,  seine  Bestimmtheit:  deshalb  ist  das  Glück  der 
Juden  so  groß,  weil  sie  im  voraus  aufmerksam  gemacht  sind. 
Ohne  das  ut  fehlt  dem  tanta  so  sehr  die  Gruüdlage,  daß  Walt- 
zing  sich  genötigt  sieht,  es  zu  extraordinaire  abzuschwächen. 
Auch  besteht  die  felicitas,  genau  genommen,  nicht  in  dem  Er- 
fahren eines  Gotteswortes,  wie  es  nach  F  der  Fall  sein  würde, 
sondern  in  dem  eigentümlichen  Inhalt  desselben;  in  P  gibt  das 
cjuibus  edocebantur  die  nähere  Bestimmung  zu  den  voces. 

Die  Kellner'sche  Übersetzung:  ....  „Aussprüche  Gottes,  wo- 
durch sie  belehrt  wurden,  wie  man  sich  bei  Gott  verdient 
machen  könne  und  ihn  nicht  beleidige  ..."  wird  dem  Wortlaute 
nicht  gerecht. 

F  j  P 

2l8  Jovis  ista  sunt  humana  |      Jovisistasuntnumina vestra. 
vestra. 

F  wird  von  Rauschen  erklärt:  i.  e.  Jovem  humano  more 
haec  fecisse  fingitis,  undWaltzing  übersetzt,  das  vestra  ignorie- 
rend: Ce  sont  lä  des  metamorphoses  dignes  d'un  homme  et  vous 
les  attribuez  ä  Jupiter.  Aber  was  hier  von  Jupiter  ausgesagt  wird, 
sein  Verkehr  als  Stier  mit  Europa,  als  Drache  mit  Proserpina, 
als  Schwan  mit  Leda,  als  Goldregen  mit  Danae,  ist  doch  nichts 
spezifisch  Menschliches. 

P  ergibt  einen  guten  und  klaren  Sinn,  nämlich:  jene  Schand- 
taten Jupiters  habt  ihr  zu  Gottheiten  personifiziert  ^  Die  Er- 
klärung Ohlers,  der  zu  numina  aus  dem  vorhergehenden  Satze 
passa  ergänzen  will,  ist  nicht  haltbar,  weil  nur  von  Jupiter, 
nicht   auch  von   andern    Göttern  jene  Dinge   berichtet  werden. 

Vielleicht  liegt  in  P  gar  keine  Verbesserung  vor,  sondern 
ist  das  humana  von  F  nur  aus  numina  verlesen  oder  ver- 
schrieben. 


F 

21 12  manet  integra  et  inde- 
fecta  materia  matrix,  etsi 
plures  inde  traducesqualitatis 
mutueris. 


P 

manet.  .  .  . 

materia e  matrix,   etsi 

traduces  qualitatum  mutueris. 


1)  Statt  numina  hat  Cod.  Vindob.  nomina,  das  Kellner  adoptiert. 
Indes  ist  von  keinen  Bezeiclinungen,  sondern  von  imzüchtigen  Hand- 
lungen Jupiters  die  Rede,  die  doch  nicht  als  Namen  für  diesen  gebraucht 
sein  können.     Nomina  ist  offenbar  aus  numina  verderbt. 


44  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Materia  (statt  materiae)  des  F  verteidigt  Callewaert  S.  349 
als  die  bessere  Lesart  (=  der  Stamm  bleibt  ein  unversehrter  und 
ungeminderter  Stoff).  Mit  Unrecht.  Der  Genetiv  als  nähere 
Bestimmung  der  Adjectiva  relativa  (integra  et  indefecta)  ist  echt 
tertuUianisch  (Hoppe  S.  21  ff),  und  der  Ausdruck  wird  durch  ihn 
richtiger  und  schärfer  (=  der  Stamm  bleibt  unversehrt  und  un- 
gemindert,  was  den  Stoff  angeht).  Kellner  läßt  materiae  von 
matrix  abhängen  und  gibt  die  auch  dann  unmögliche  Über- 
setzung: mütterlicher  Stoff.  Noch  weiter  entfernt  sich  von  der 
Vorstellung  des  Apologeten  Waltzing  (le  foyer  de  la  lumiere 
demeure  entier  et  ne  perd  rien),  der  das  Bild  verändert  und 
zudem  das  Wort  materia,  in  dem  gerade  der  springende  Punkt 
liegt,  unausgedrückt  läßt.  Nicht  an  das  Licht  und  seinen  Herd 
denkt  der  Verfasser,  sondern  an  den  Stamm  einer  Pflanze  und 
die  davon  ausgehenden  Schößlinge,  von  denen  jeder  für  sich 
die  Wesenheit  des  Stammes  enthält.  Deshalb  ist  auch  der  Plural 
qualitatum  (P)  ausdrucksvoller  als  der  Singular  qualitatis  (F). 
F 
21  u  recipite  interim  hanc  recipite. 
fabulam  [von  der  Menschwer- 
dung Christi]  —  similis  est 
vobis  — ,  dum  ostendimus,  quo- 
modo  Christus  probetur  et  qui 
penes  vos  eiusmodi  fabulas 
ad  destructionem  veritatis 
istius  aemulas  praeministra- 
verint. 

Dem  Apologeten  kommt  es  darauf  an,  die  gegensätzliche 
Art  der  heidnischen  Fabeln  und  der  christlichen  Lehre  zu  be- 
tonen. Dies  geschieht  nachdrücklicher  in  P  durch  die  Gegen- 
überstellung von  eiusmodi  und  istiusmodi.  Waltzing,  weil  er 
F  folgt,  hat  diesen  Gegensatz  ganz  übersehen.  Wegen  der  be- 
absichtigten Gegensätzlichkeit  können  auch  die  Worte  ad  de- 
structionem veritatis  nur  nähere  Bestimmung  zu  praeministra- 
verint,  nicht  aber  zu  aemulas  sein.  Letzteres  ist  sachlich  unmöglich, 
da  jene  heidnischen  Fabeln  aus  vorchristlicher  Zeit  stammen. 
Jene  durch  den  Gedanken  geforderte  Beziehung  des  ad  destruc- 
tionem ist  durch  die  Stellung  im  Satzgefüge  bei  P  nahe  gelegt, 
während  es  bei  F  zu  aemulas  gehört. 


eiusmodi  fabulas  aemulas  ad 
destructionem  veritatis 
istius  modi  praeministraverint. 


III.   Sti'lleu,  wo  r  eleu  Gredanken  besser  ausdrückt. 


45 


F 

21  IG  nee  intellexerunt. 

21 17  quem  igitur  hominem 
[sc.  Christum]  solummodo  prae- 
sumpserant  de  humilitate,  se- 
qaebatur,  uti  magum  existi- 
marent  de  potestate  .  .  .  osten- 
dens  [sc.  Christus]  se  esse  filium 
et  illum  olim  a  Deo  praedi- 
catum  et  ad  omnium  salu- 
tem  natum,  verbum  Dei 
illud  primordiale,  primogenitum 
virtute  et  ratione  comitatum  et 
spiritu  fultum.  Ad  doctrinam  . . . 

21 20  magna  etiam  militaris 
custodiae  diligentia  circum- 
sederunt  [das  Grab  Christi.] 

21 27  et  honorem  in  alterum 
transfert. 

2 1 28  29  per  eum  [sc.  Christum] 
se  coguosci  et  coli  deus  voluit. 
.  .  .  ipsi  [sc.  Judaei]  dominum 
per  Moysen  colere  didicerunt. 

2130  licuerit  et  Christo  com- 
mentari  divinitatem,  non  qua 
rüdes  et  adhuc  feros  homines 
....  temperaret. 

22  5  aurae  latentis  vitium. 

22  7  et  quae  illis  [sc.  dae- 
monibus]  adcuratior  pascua  est, 
nisi  ut  hominem  a  recogi- 
latu  verae  divinitatis  avertant 
praestigiis  falsae  divini- 
tatis? 

23  2  ut  in  templis  deos  exi- 
stimetis,  quos  alibi  deos  non 
dicitis. 


ne  enim  intellegerent. 

quem 

insequebantur,    uti   magum  * 

aestimarent ostendens 

se  esse  verbum  Dei  i.e.  Xöyov 
illud  primordiale  .... 


fultum,    eundem    qui   verbo 
omnia  et  faceret  et  fecisset. 

Ad  doctrinam 

magna  etiam  militari  manu 
custodiae.  .  .  . 

et  culturam  et  honorem.  .  . 

per  eum  et  in  eo 

vult 

dominum  per  hominem  Moy- 
sen. .  .  . 

licuerit  .  .  . 
divinitatem,    rem     propriam, 
non  qua  rupices.  .  .  . 

aurae  latens  vitium. 

et  quae  illi  [sc.  adspirationi 
daemonum]  .  ,  .  .  ,  nisi  quam  e 
cogilatu  verae  divinitatisaver- 
tat  a  praestigiis  falsis? 


1)  P  hat  magnum,  das  mit  den 
bessern  ist. 


ut  a  templis.  .  .  . 


meisten  andern  Hss.    in   magum  zu 


46  Schrörs,  TertuUians  Apologetikum. 


F 

234  sub   tribunali  vestro. 
23  10  unum  genus  esse,  id  est 


P 

sub  tribunalibus  vestris. 
unum  genus  esse,  id  est  dae- 


daemonas  utrobique.  monas,  verum  utrobique. 

Der  Auktor  will  zeigen,  daß  in  Wirklichkeit  Götter  und 
Dämonen  dasselbe  genus  seien. 

F  I  P 

23  12  [Christus]  post  crucem  !      post  mortem  de 

de    sepulcro  a   discipulis    sub-  i 

reptus.  ! 

23  13  negent  Christum  omnem         negent  .... 
ab  aevo  animam  . . .  iudicaturum ;  | 

dicant  hoc  tribunali,  si  forte,  '  hoc  pro  tribunali 

Minoen   et  Rhadamanthum  se- 

cundum  consensum  Piatonis  et     poetarum  hoc  esse  sortitos. 

poetarum  esse  sortitos.  | 

F  ist  zu  übersetzen:  ...  sie  [die  heidnischen  Götter]  mögen 
sagen,  dieses  [d.  h.  das  Richten  über  alle  Menschen]  hätten  M. 
und  R.  für  ihren  Richterstuhl  erlangt.  Deshalb  ist  es  gar  nicht 
nötig,  hoc  mit  Rauschen  in  huic  zu  ändern  und  sortitos  passi- 
visch zu  nehmen  und  dann  mit  AYaltzing  zu  übersetzen:  que 
ce  sont  M.  et  R.,  qui  ont  ete  designes  par  le  sort  pour  presider 
ce  tribunal.  Ja,  gegen  diese  Auffassung  spricht  der  Umstand, 
daß  die  Mythologie  nichts  davon  weiß,  daß  M.  und  R.  ihr  Richter- 
amt durch  das  Los  erlangt  haben.  Sodann  erregt  es  sprachlich 
Bedenken,  sortiri  als  Passivum  anzusehen.  Es  ist  zwar  richtig, 
daß  Tertullian  manche  Deponentia  als  Passiva  gebraucht,  und 
daß  sortiri  schon  in  der  klassischen  Zeit  so  vorkommt  (Hoppe 
S.  62).  Allein  bei  Tertullian  wird  es,  soviel  ich  sehe,  sonst  im 
aktiven  Sinne  gebraucht;  vgl.  Apolog.  7  lo  und  De  anima  c.  9  (ed. 
Reifferscheid,  Corp.  scr.  eccl.  lat.  XX,  310  an).  Hoppe  (S.  62)  weiß 
für  die  passivische  Verwendung  nur  Apol.  2  s  anzuführen ,  aber 
auch  an  dieser  Stelle  ist  es,  wie  unten  (unter  IX)  gezeigt  werden 
soll,  Aktivum. 

P  formuliert  den  Gedanken  schärfer:  anstatt  dieses  Richter- 
stuhles Christi  (hoc  pro  tribunali)  sollen  M.  und  R.  das  Amt,  alle 
Menschen  zu  richten  (hoc),  erhalten  haben. 


( 


III.  stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt. 


47 


illis  credendo  in  Christo  do- 
mino  credimus. 

nonne  conceditis  de  ...  . 


perfectae  peritiae  maiestatis? 


I 


F 

23  18  illis  [sc.  testiraoniis  de- 
oruin  vestrorum]  credendo  per 
Christum  in  deum  credimus. 

24  3  nonne  concederetis  de 
aestimatione  commnni  aliquem 
[sc.  deum]  esse  sublimiorem  et 
potentiorem,  velut  principem 
raundi  perfectae  maiestatis? 

In  P  drückt  conceditis  die  Behauptung  bestimmter  aus, 
und  entspricht  das  perfectae  peritiae  besser  dem  aestimatione 
communi. 

P  I  P 

24  5  alius  suam  animam   deo         alius 

suo  voveat,  alias  hircum.         |  alius  hirci. 

Wenn  auch  alias  in  F  nur  fehlerhaft  für  alius  steht,  so 
wird  doch  der  Genetiv  hirci  mehr  dem  beabsichtigten  Gegensatze 
zu  suam  animam  gerecht. 

F  P 

24  8  Romanas,  ut  opinor,  pro-         ßomanas  .  .  . 

vincias    edidi,    nee  tamen  Ro-     nee     tamen     Romanis     deos 
mani  dei  earum.  earum. 

Im  Vorhergehenden  sind  die  Namen  römischer  Provinzen 
mit  den  Namen  ihrer  unrömischen  Gottheiten  aufgezählt  worden. 
Dieser  politisch-ethnographischen  Gegenüberstellung  entspricht 
besser  die  syntaktische  Gleiehbehandlung  beider  Teile  als  Ob- 
jekte zu  edidi  in  der  Fassung  P. 
F 

25  2  Romanos  pro  merito  re- 
ligionis  diligentissime  in 
tantum  sublimitatis  elatos. 

25  3  scilicet  ista  merces  Ro- 
mano nomini  a  deis  prae- 
rogativaexpensa  est.  . . .  Pere- 
grinos  enim  deos  non  putem 
extraneae  genti  potius  quam 
suae  maluisse  nee  patrium 
solum  — transfretaneis  dedisse. 


Romanos ....  religiositatis 
diligentissimae  in  tantum.  .  . 

scilicet  ista  merces  a  Roma- 
nis  deis  pro  gratia  expensa 
est  ...  .  Peregrinos  enim  deos 
non  putem  extraneae  genti 
magis  fatum  voluisse  et  pa- 
trium solum  .  .  .  transfretanis 
dedisse. 


48  Schiörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Der  Sinn  ist  klar  und  in  beiden  Texten  gleich;  es  fragt 
sich  nur,  welcher  den  Gedanken  klarer  und  voller  enthält. 

Tertullian  hatte  ausgeführt,  daß  die  Götter  es  gewesen, 
welche  die  geschichtliche  Größe  Roms  bewirkt  hätten.  Hierauf 
greifen  diese  Sätze  zurück.  Deshalb  ist  der  Ausdruck  praero- 
gativa,  der  einen  Vorzug  nur  in  der  passivischen  Bedeutung,  nicht 
auch  die  Zuwendung  eines  Vorzuges  besagt,  weniger  passend 
als  das  zugleich  aktiven  Wert  habende  Wort  gratia.  Auch 
nachher  (25  lo)  gebraucht  der  Schriftsteller  für  das  Verhältnis 
der  Götter  zu  Rom  das  Wort  gratia.  In  dem  Satze  peregrinos 
enim  .  .  .  heißt  es,  daß  bloß  den  einheimischen,  nicht  auch  den 
fremden  Göttern  die  Blüte  Roms  zu  danken  sei.  Darum  mußte 
in  dem  überleitenden  Satze  scilicet  ista  ....  gerade  hierauf  mit 
der  Wendung  a  Romanis  deis  hingewiesen  werden,  nicht  aber 
Avar  durch  die  nachdrückliche  Vorausstellung  des  Romano  no- 
mini  zu  betonen,  daß  eben  den  Römern  die  Gunst  erwiesen  sei. 
Ferner  ist  die  Phrase  „günstiger  sein"  (potius  maluisse)  schwächer 
als  die  andere,  „das  Geschick '  (hier  prägnant:  das  glänzende 
Geschick)  vorausbestimmen",  was  zudem  der  vorausgehenden  Be- 
merkung (25  2)  adeo  deos  esse,  ut  praeter  ceteros  floreant  mehr 
entspricht.  An  dieser  Schwäche  krankt  auch  die  von  Ohler  und 
Rauschen  aufgenommene  Lesart  fautum  statt  fatum,  die  überdies 
allein  durch  den  sehr  minderwertigen,  aus  dem  Ende  des  15. 
Jahrb.  stammenden  Cod.  Parisinus  2616  überliefert  ist. 

Rauschens  Text  (Romano  nomini  a  Romanis  deis)  stellt  eine 
prinziplose  Mischung  und  Erweiterung  aus  beiden  Handschriften- 
familien dar. 

F  I  P 

25  5  Marco  Aurelio  apud  Sir-  1      Marco  Aurelio  apud  Sirmium 

mium  subito  interempto  .  .  .  ;  rei  publicae  exempto 

archigallus  illeimpurissimus.  1  archigallus  ille  sanctissimus. 

Sanctissimus  ist  natürlich  bittere  Ironie. 

F  P 

25  12  ...  inciderentur.    Aue-         ...  inciderentur.    Sed  quam 
tis    age    iam    rebus    religio  |  vanum  .... 
profecerit.    Sed  quam  vanum 
est,  fastigium  Romani   nominis 
religiositatis    meritis    deputare, 

1)  Fatntn  ist  als  partic.  pass.  zu  nelimen. 


in.   stellen,  wo  l*  den  (ledanken  besser  ausdrückt.  49 


F 

cum  post  imperium  [Kaiserreich] 


P 

sive  adhuc  regnum  religio  pro- 


sive    hoc  reguuni  [Königreich]  i  fecerit,   age   iam  rebus  religio 
rehgio  profecerit.     Nam  ....      |  profecerit.    Nam.  .  .  . 

In  der  frühen  Königszeit,  so  hat  der  Verfasser  gezeigt, 
kann  die  Keligion  nicht  der  Grund  für  das  Emporkommen  der 
römischen  Herrschaft  gewesen  sein.  Nach  F  macht  er  nun  zu 
dialektischem  Zwecke  das  Zugeständnis,  daß  vielleicht  in  der 
spätem  größeren  (auctis)  Zeit  die  Religion  mehr  Bedeutung  ge- 
wonnen habe,  um  dies  dann  durch  die  Bemerkung  zu  widerlegen, 
daß  erst  nach  Erreichung  des  Höhepunktes  jener  religiöse  Fort- 
schritt eingetreten  sei.  In  P  ist  die  Dialektik  geschärfter:  den 
Anlangen  wird  unmittelbar  die  Blütezeit  des  Reiches  entgegen- 
gestellt, und  das  Aufsteigen  der  Religiosität  als  Folge  der 
staatlichen  Entwickelung  (age  iam  rebus  .  .  .  ,  mit  Auslassung  des 
auctis)  bezeichnet.  Auch  ist  durch  adhuc  regnum  der  Unter- 
schied zwischen   regnum   und  imperium  stärker  hervorgehoben. 

Die  Worte  P"s  age  .  .  .  profecerit  sind  von  Rauschen,  dem 
Waltziug  und  Heinze  (S.  423)  sich  anschließen,  als  eine  in  den 
Text  geratene  Randglosse  gestrichen.  Ich  sehe  dafür  keinen  ent- 
scheidenden Grund,  da  die  gut  bezeugte  Bemerkung  sich  nicht 
nur  dem  Gedanken  ungezwungen  einfügt,  sondern  auch  ihn  ver- 
stärkt. Age  iam  =  man  ziehe  diese  Folgerung  oder  =  vielmehr. 
Nur  darf  man  die  Worte  nicht  mit  Ohler  und  Kellner  als  selb- 
ständigen Satz  oder  gar  als  Fragesatz  (Ohler)  ansehen.  Es  wäre 
zu  übersetzen:  aber  wie  vergeblich  ist  es,  die  Größe  des  römischen 
Namens  der  Wirkung  der  Religiosität  zuzuschreiben,  da  die 
Religion  erst  nach  Entstehung  des  Kaiserreiches  oder,  wie  es 
damals  noch  hieß,  des  Königreiches  sich  entfaltet  hat,  vielmehr 
da  die  Religion  durch  die  staatliche  Entwicklung  sich  ent- 
faltet hat. 

F  I  P 

25  13  Frugi  religio  et  paupe-         Frugi 

res  ritus  et  nulla  Capitolia  cer- 

tantia  ad  caelum,  sed  tempo- 

raria  de  cespite  altaria  et  vasa 

adhuc  Samia   et  nidor  exilis,     nidor  ex  illis,  et. 

et  deus  ipse  nusquam.  ! 

T.  u.  ü.  '14:  Schrörs. 


sed  temeraria  de  cespite 


50  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Frugi  ist  in  der  ursprünglichen  Bedeutung  aufzufassen  = 
zur  Frucht  gut,  da  der  Verfasser  widerholt  hämisch  betont  hat 
(25  3io),  daß  die  Urgottheiten  der  Römer,  Sterculus  und  Laren- 
tina, landwirtschaftlichen  Ursprunges  waren.  Ebenso  ist  teme- 
raria  im  Sinne  von  „zufällig"  zu  verstehen,  wodurch  das  „von 
Fall  zu  Fall"  Eintretende  schärfer  bezeichnet  ist  als  durch  das 
bloß  die  Beständigkeit  negierende  temporaria.  Zugleich  ist  es 
auch  auf  die  durch  et  mit  altaria  eng  verbundenen  Glieder  vasa 
und  nidor  zu  beziehen,  infolge  dessen  das  ohnehin  schwächliche 
exilis  ^  —  warum  sollte  damals  auch  der  Opferdampf  dünn 
gewesen  sein?  —  durch  das  plastischere  ex  illis  ersetzt  werden 
konnte.  Demnach  übersetze  ich:  „es  war  eine  Bauernreligion 
und  ein  Armenritus  .  .  .  ,  von  Fall  zu  Fall  dienten  aus  Rasen- 
stücken aufgebaute  Altäre  und  Gefäße,  die  noch  ä  la  Samos 
waren,  und  der  aus  ihnen  aufsteigende  Opferdampf,  und  ein 
Götterbild  selbst  gab  es  noch  nirgendwo".  Dem  Apologeten 
kommt  es  darauf  an,  hervorzuheben,  daß  die  ursprüngliche 
Religion  der  Römer  noch  ganz  unorganisiert  und  geringfügig 
war  (25 12:  nondum  aut  simulacris  aut  templis  res  divina  apud 
Romanos  constabat),  um  so  zu  zeigen,  daß  sie  nicht  die  Ur- 
sache der  Größe  Roms  gewesen  sein  könne,  Kellner:  „Die  Gottes- 
verehrung war  dürftig,  die  Riten  ärmlich,  es  gab  noch  keine 
wetteifernd  zum  Himmel  strebende  Kapitole,  sondern  nur  im- 
provisierte, aus  Rasen  gebildete  Altäre  und  tönerne  Gefäße; 
der  Prunk  war  genug  [K.  liest:  nitor  exibs],  und  der  Gott  selbst 
nirgends  zu  sehen".  —  Waltzing:  La  religion  etait  frugale,  les 
rites  etaient  pauvres  et  il  n  y  avait  pas  de  Capitoles  .  .  .  .  ,  mais 
des  autels  de  gazon  eleves  pour  un  temps,  des  vases  en  terre 
de  Samos,  la  fumee  qui  s'en  echappait,  de  dieu  nulle  part. 


F 
27 1  Satis  haec  adversus  in- 
tentationem  laesae  religionis 
ac  divinitatis;  quo  non  vide- 
amur  laedere  eam,  ostendimus 
non  esse. 

Die  Beifügung  von  religionis  ist  überflüssig   und   störend, 
da  es  sich  nur  um  die  Beleidigung  der  Götter  handelt.    F  läßt 


P 
Satis  .... 
laesae  divinitatis,  quo  non  vide- 
amur  laedere  eam,  quam  osten- 
diiuus  non  esse. 


1)  Vielleicht  ist  exilis  nur  verderbt  aus  ex  illis. 


III.  stellen,  wo  1'  den  (bedanken  besser  ausdrückt. 


51 


quo  von  ostendimus  abhängen,  wodurch  der  zweite  Halbsatz 
nur  den  Inhalt  des  ersten  widerholt.  P  dagegen  verbindet  quo 
mit  satis  und  faßt  damit  nochmals  die  ganze  in  den  voraus- 
gehenden Kapiteln  gegebene  Argumentation  zusammen,  ent- 
sprechend dem  Charakter  des  ganzen  Satzes  als  einer  Schluß- 
bemerkung. 

F  I  P 

27  5   [daemones]    et 
tamen    servi   metum 
contumaciae 


quam 


nequam 
nonnun- 
miscent 


[daemones]  ut  nequam  tamen 
et  servi  metu  nonnunquam 
contumaciam  miscent.  .  .  . 


et  laedere  gestiunt.  | 

Xach  dem  Zusammenhang  dieser  Ausführung  mit  der  voraus- 
gehenden sind  die  Dämonen  beständig  von  Furcht  vor  der 
Macht  der  Christen  erfüllt;  hinzutritt  mitunter  auch  der  Trotz. 
Dieses  Verhältnis  tritt  in  P  klarer  zu  Tage,  wo  zugleich  durch 
ut  ausdrücklich  ein  Vergleich  zwischen  dem  Verhalten  der 
Dämonen  und  dem  ähnlichen  eines  Übeltäters  und  eines  Sklaven 
gezogen  wird,  während  in  F  der  Vergleich  nur  durch  den 
Genetiv  angedeutet  und  auf  den  nichtsnutzigen  Sklaven  be- 
schränkt ist. 


27  6  [daemones]  adprehensi 
subiciuntur  et  condicioni  suae 

parent   et   succedunt 

Itaque    dum   vice    repugnan- 

tium    vel    rebellantium 

adversusnosproeliantur,  certi 
etiam  perisse.  .  .  . 
F 

30 1  quidni?  cum  [sc.  impe- 
ratores]  super  omnes  homines 
[sc.  sint],  qui  utique  viventes 
mortuis  antestant. 


[daemones]  adprehensi  subi- 
guntur  et  condicioni  suae  suc- 
cidunt.  .  .  .  Itaque  cum  vice 
rebellantium  ....  erumpunt 
adversus  nos,  certi  et  inpares 
se  esse.  .  .  . 


quidni?    cum  .... 

qui  utique   vivunt   et  mortuis 

antistant. 

Der  Unterschied  der  beiden  Fassungen  ist  vielleicht  nur 
stilistisch,  indem  das  Particip  viventes  aufgelöst  ist  in  vivunt  et. 
Er  kann  aber  auch  tiefer  und  als  die  Beweisführung  berührend 
aufgefaßt  werden,  wenn  man  nämlich  hinter  vivunt  ein  Komma 
setzt,  wodurch  antistant  zum  Verbum  finitum  eines  Hauptsatzes 
wird,  von  dem  nun  cum  abhängt.    Dann  wäre  P  zu  übersetzen: 


52  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Warum  nicht?  Weil  die  Kaiser  über  allen  Menschen  sind,  die 
jedenfalls  leben,  so  stehen  sie  auch  höher  als  die  toten.  F  da- 
gegen heißt:  Warum  nicht,  da  doch  die  Kaiser  über  allen 
Menschen  stehen,  die  ihrerseits  als  jedenfalls  lebende  höher  als 
die  toten  stehen.  In  beiden  Fassungen  dient  der  ganze  Satz 
zur  Begründung  der  am  Schlüsse  des  vorhergehenden  Satzes 
aufgestellten  Behauptung,  daß  die  Kaiser  höher  als  alle  heid- 
nischen Götter  stehen.  Der  selbständige  Hauptsatz  in  P  gibt 
diese  Begründung  nachdrücklicher  als  der  bloße  Nebensatz  in  F 
und  ist  auch  nach  quidni?  mehr  am  Platze.  Keinesfalls  darf 
unser  Satz  mit  Waltzing  für  einen  Fragesatz  gehalten  werden, 
weil  dann  in  vollem  Widerspruche  mit  der  Absicht  des  Schrift- 
stellers die  Antwort  verneinend  lauten  müßte. 


P 

ubi  veritas  et  dei  devotio  est. 


F 

30  7  ubi    veritas    est    dei    et 
devotio.  i 

Sinngemäß  kann  mit  Rücksicht  auf  devotio  der  Genetiv  dei 
nur  genet.   obiectivus   sein,   weshalb  in  F  die   Stellung  des  dei 
zu  veritas  mindestens  eine  Zweideutigkeit  hervorbringt. 
F  I  P 

31 3  cum  enim  concutitur  im-  I       cum 

perium ,  et  nos, licet  ex-  !  licet    extranei   a  turbis   aesti- 

tranei  a  turbis,  in   aliquo  loco  \  memur,  in  aliquo.  .  .  . 
casus  invenimur.  i 

Der  Gedanke  kann  nur  sein,  daß  bei  einer  Erschütterung 
des  Reiches  die  Christen  mitbetrofiPen  werden,  mag  man  sie  auch 
für  ausgeschlossen  von  der  politischen  Gemeinschaft  halten. 

Nach  dem  Texte  F  würde  a  turbis  zu  extranei  gehören 
und  den  Gedanken  sehr  unvollkommen  zum  Ausdruck  bringen, 
indem  turbae  die  ganze  Bevölkerung  des  römischen  Reiches 
bedeuten  müßte. 


P 

maledictum   est,  ante 
nuncupari.    Propterea.  .  .  . 


F 
34  4  male  traditumest,  ante 
apotheosin  deum  Caesarem  nun- 
cupare,     Scio    te    isto    nomine  \ 

male   velle   et  male   abominari,    ut    vivente    adhuc    imperatore 
deum  appelles,  quod  nomen  illi  mortuo  ^  accidit.   Propterea.  .  .  . 

1)  Dasinortmuu  der  Hs.  ist  schon  von  Modins  (oder  Jrniins)  und  Öhler 
in  mortuo  verbessert,  nicht  erst  von  Rauschen. 


lll.  stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt. 


53 


Maledictum  ist  prägnanter  als  male  traditum  und  macht 
den  erklärenden  Zusatz  scio  te  .  .  .  .  überflüssig.  Heinze  S.  386 
sieht  in  dem  Satze  scito  ....  accidit  eine  Überarbeitung  von 
fremder  Hand. 

F  '  P 

35  2  civitatem   in   tabernae  j      civitatem  tabernae  habitu 
habitum    demutare,    vinu-     abolefacere,     vino     lutum 
lentiam    facere  ....  ad    in-  '  cogere  ....  ad  inpudentias, 
pudicitas,  ad  libidinum  lu-     ad  libidinis  inlecebras. 
dibria.  j 

Tabernae  habitu  abolefacere  gibt  Eauschen  wieder  mit: 
nach  Art  einer  Garküche  duften  zu  machen.  Indes  kann  das 
Wort  abolefacere  sprachlich  diese  Bedeutung  nicht  haben.  Es 
ist  zu  übersetzen:  durch  das  Aussehen  einer  Bude  von  Grund 
aus  zu  ändern  (oder:  zu  entstellen). 


35  5  velim  ....  solemnia  Cae- 
sarum  quo  modo  celebranda 
occasio  voluntatis  '  magis  quam 
digna  ratio  persuasit,  si  nee  mo- 
destia  nee  verecundia  nee  pudi- 
citia  permittunt,  fidem  et  veri- 
tatem  nostram-  demonstrare. 
F 

38  1  proinde  nee  paulo  lenius 
inter  inlieitasfactionessectam 
istam  deputari  oportebat.  a  qua 
nihil  tale  committitur,  quäle  de 
inlicitis  factionibus  p  r  a  e  c  a  - 
vetur. 


velim solemnia  Caesarum, 

quo  more  eelebrari  nee  mo- 
destia  nee  verecundia  permit- 
tunt, sed  occasio  voluptatis 
magis  quam  digna  ratio  per- 
suasit, fidem. . . . 


proinde 
tiones  .  .  . 


licitas    fac- 


timeri  solet. 


Der  Unterschied  zwischen  praecavetur  (=  verhütet  werden  soll) 
und  timeri  solet  ist  zwar  nicht  groß;  da  es  sieh  aber  hier  nicht 
um  Maßregeln,  sondern  um  Beurteilung  handelt,  ist  der  letztere 
Ausdruck  passender.  Tiefer  dagegen  greift  der  Unterschied 
zwischen  den  Lesarten  inlieitas  und  licitas,  wenngleich  der  Kern 
des  Gedankens  der  gleiche  bleibt. 

1)  Wohl  zu  emendieren  in  voluptatis. 

2)  nostram  wohl  nur  Fehler  für  vestram. 


54  Schrörs,  TertuUians  Apologetikum. 

Da  der  Apologet  ohne  Zweifel  sagen  will,  die  Christen 
seien  als  erlaubte  Partei  ^  anzusehen,  so  ist  das  licitas  von  P 
sowohl  an  sich  deutlicher  als  auch  durch  den  Gegensatz  zu 
dem  quale  de  inlicitis  factionibus  timeri  solet,  wenn  auch  nicht 
gerade  als  notwendig,  so  doch  als  besser  gefordert.  Natürlich 
darf  dann  das  nee  nicht  auf  oportebat  bezogen  werden,  sondern 
gehört  zu  paulo  lenius.  Es  müßte  übersetzt  Averden:  dabei 
braucht   man    nicht  einmal  ein  wenig  gelinder,    als  recht  ist-. 


1)  Weshalb  Heinze  S.  445  ^  den  BegriiF  einer  licita  factio,  weil  eine 
contradictio  in  adiecto  enthaltend,  für  unmöglich  erklären  kann,  ist  nicht 
recht  einzusehen.  Denn  wenn  auch  das  Wort  factio  „ganz  übervriegend 
im  Übeln  Sinne"  gebraucht  wii-d,  so  schließt  dies  doch  das  Gegenteil 
nicht  völlig  aus.  Tertullian  selbst  erklärt  ja,  daß  der  Genossenschaft 
der  Christen  (secta  ista)  nur  das  Merkmal  einer  unerlaubten  Partei 
fehle  (a  qua  nihil  tale  committitur,  quale  de  inlicitis  factionibus  timeri 
solet).  Gegen  die  Bezeichnung  factio  an  sich  protestiert  er  nicht,  was 
er  hätte  tun  müssen,  wenn  es  für  ihn  nur  inlicitae  factiones  gäbe,  und 
wodurch  er  sich  die  Verteidigung  sehr  erleichtert  haben  würde.  Vgl. 
auch  die  folgende  Anm. 

2)  Diese  Deutung  des  nee  paulo  lenius  ergibt  sich,  meine  ich,  von 
selbst;  denn  Tertullian  adoptiert  39  i  die  Bezeichnung  chi-istiana  factio 
als  zutreffend,  indem  er  bemerkt:  edam  iam  nunc  ego  ipse  negotia  chi-i- 
stianae  factionis,  ut  qui  mala  refutaverim,  bona  ostendam.  Selbst  wenn 
man  mit  Heinze  die  Worte  negotia  christianae  factionis  als  ein  Zitat  aus 
gegnerischem  Munde  ansehen  will,  wozu  mir  kein  Grund  gegeben  zu  sein 
scheint,  bleibt  die  Sache  die  gleiche.  Denn  sofort  erklärt  Tertullian,  die 
Christen  bildeten  eine  religiöse  Partei  (corpus  sumus  de  conscientia 
religionis),  aber  immerhin  eine  Partei;  nur  den  Charakter  einer  poli- 
tischen Partei  lehnt  er  ab,  weil  diese  unerlaubt  sein  würde.  Heinze 
beruft  sich  für  seine  Ansicht,  daß  Tertullian  nicht  selbst  die  Chi-isten 
als  factio  habe  bezeichnen  können,  auf  die  Ausführung  39  21 — 40  i:    cum 

probi,  cum  boni  coeunt ,  non  est  factio  dicenda,  sed  curia.     At  e 

contrai'io  illis  nomen  factionis  adcoiumodandum  est,  qui  in  odium  bono- 
rum et  probrorum   conspirant praetexentes Hier  nimmt 

er  allerdings,  wie  schon  der  Gegensatz  sed  curia  andeutet,  das  Wo]:t 
factio  im  Sinne  der  Gegner,  nämlich  als  unerlaubte  politische  Partei. 
Klar  geht  dies  daraus  hervor,  daß  er  unmittelbar  vorher  sagt:  Si  quis 
de  ea  (sc.  coitione  christianorum)  queritur,  quo  de  factionibus  querela 
est,  was  Waltzing  gut  wiedergibt  mit:  si  l'on  peut  s'en  plaindi-e  pour  la 
raison  qui  fait  qu'on  se  plait  des  „factions".  Ebenso  beweist  es  das 
praetexentes,  indem  der  Apologet  nur  leugnet,  daß  die  Christen  eine 
dem  öffentlichen  Wohl  schädliche  Partei  seien,  und  behauptet,  in  diesem 
Sinne    seien    vielmehr    die  Gegner    eine  „Partei".     Damit   ist  aber  nicht 


I 


III.   stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt.  55 

zu  urteileu  (denu  —  so  wäre  der  Gedankengang  —  eine  factio 
ist  in  der  Tat  das  Christentum,  aber  eine  erlaubte).  Kellner, 
der  an  der  Lesart  licitas  festhält,  zieht  das  nee  gleichwohl  zu 
oportebat  und  muß  daher,  um  nicht  gegen  den  offenbaren  Sinn 
des  Schriftstellers  zu  verstoßen,  den  ganzen  Satz  mit  Ohler  in 
einen  Fragesatz  verwandeln  und  nee  für  das  fragende  non 
nehmen.  Allein  dieses  letztere  dürfte  sprachlich  nicht  angehen, 
wie  auch  Heinze  S.  445^  anerkennt.  Aber  auch  abgesehen  hier- 
von ist  es  nicht  haltbar,  wenn  Kellner  übersetzt:  „Hätte  man 
sodann  nicht  auch  mit  etwas  mehr  Milde  verfahren  und  eine 
Genossenschaft  zu  den  Gesellschaften  rechnen  sollen....?"; 
denn  proinde  heißt  nicht  sodann  und  faetio  nicht  Gesellschait, 
und  ferner  will  Tertullian  auf  keinen  Fall  um  größere  Milde 
des  Urteils  oder  der  Behandlung  bitten,  er,  dessen  ganze  Apo- 
logie sich  auf  den  Standpunkt  des  Rechtes  stellt. 

In  F  kommt  das  die  Folgerung  aus  dem  ganzen  vorher- 
gehenden Kapitel  ziehende  und  nachdrücklich  an  die  Spitze  ge- 
stellte proinde  nicht  zu  seinem  vollen  Rechte.  Der  Auktor  hat 
dort  ausgeführt,  die  Christen  seien  nicht  nur  keine  Reichs- 
feinde, sondern  musterhafte  Bürger.  Darum  tritt,  wenn  nun 
positiv  gesagt  wird,  sie  müßten  also  eine  erlaubte  d.  h.  dem 
Staate  nützKche  Partei  sein,  die  Folgerichtigkeit  schärfer  hervor, 
als  wenn  gesagt  wird,  sie  dürften  nicht  einmal  zu  den  unerlaubten 
d.  h.  dem  Staate  gefährlichen  Parteien  gerechnet  werden.  Auch 
geht,  wie  bereits  bemerkt,  sonst  der  Gegensatz  zu  dem  quäle 
de  inlieitis  faetionibus  verloren. 

Heinze  ^  und  Waltzing  schließen  sich  der  Lesart  inlieitas  an. 


ausgeschlossen',  daß  er  den  Begriff  factio  im  Sinne  einer  erlaubten 
Partei  für  anwendbar  auf  die  Chi-isten  hält. 

Somit  kann  ich  Heinze  nicht  zustimmen,  wenn  er  kurzer  Hand  be- 
merkt, bei  der  Lesart  licitas  factiones  gäbe  es  „keine  annehmbare  Deu- 
tiing"  für  das  nee  paulo  lenius. 

1)  Seine  Gründe  sind:  1)  das  nee  paulo  lenius  lasse  sich  sonst  nicht 
erklären  (s.  dagegen  die  vorige  Anm.) ,  2)  Tertullian  kenne  nur  factiones 
illicitae  (s.  dagegen  die  beiden  vorigen  Anmerkungen),  3)  er  habe  ja 
bisher  noch  gar  nicht  erwähnt,  daß  man  die  Christen  zu  den  factiones 
illicitae  rechnet;  aus  dem  im  letzten  Kapitel  Gesagten  könne  er  zwar 
schon  den  Schluß  ziehen  (proinde),  daß  die  so  friedlich  gesinnten  Chri- 
sten die  öffentliche  Ordnung  nicht  als  factio  illicita  stören  werden,  aber 
er  könne  unmöglich  folgern,    daß  die  Christen  als  , erlaubte  Verbindung" 


56  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Letzterer  ist  nun  natürlich  genötigt,  das  nee  als  zu  oportebat 
gehörig  zu  betrachten,  aber  seine  Übersetzung  (il  ne  fallait  pas 
non  plus  .  .  .  ranger  parmi  les  factions  illicites)  ist  sprachlich 
wohl  kaum  zu  rechtfertigen  (nee  =  nicht  mehr).  In  diesem  Falle 
müßte  vielmehr  übersetzt  werden:  „Demgemäß  dürfte  man  nicht 
einmal,  etwas  milder  urteilend  (d.  h.  milder  als  die  Auffassung, 
die  Christen  seien  hostes  generis  humani),  diese  Genossenschaft 
zu  den  unerlaubten  Parteien  rechnen".  Der  Gedanke  bleibt  im 
Wesentlichen  derselbe  wie  bei  der  Lesart  licitas,  aber  das  die 
Konsequenz  aus  dem  ganzen  vorhergehenden  Kapitel  ziehende 
proinde  kommt  dann  nicht  ganz  zu  seinem  Rechte.  Der  Auktor 
hat  dort  ausgeführt,  die  Christen  seien  nicht  nur  keine  Reichs- 
feinde, sondern  musterhafte  Bürger.  Darum  tritt  die  Folge- 
richtigkeit schärfer  hervor,  wenn  nun  positiv  gesagt  wird,  sie 
müßten  also  eine  erlaubte  d.  h.  dem  Staate  nützliche  Partei  sein, 
als  wenn  gesagt  wird,  sie  dürften  nicht  einmal  zu  den  unerlaubten 
d.  h.  dem  Staate  gefährlichen  Parteien  gerechnet  werden. 

Rauschen  erklärt  unrichtig  factiones  für  gleichbedeutend 
mit  conlegia  (Korporationen).  Wogegen  schon  Heinze  S.  445  ^ 
festgestellt  hat,  daß  „niemals  in  Reehtsquellen  oder  sonstiger 
Literatur  oder  Inschriften  ein  konzessionierter  Verein  unter  dem 
Xamen  factio  auftritt".  Ferner  hat  Waltzing  S.  264  gezeigt, 
daß  factio  die  politische  Partei  ist,  will  sie  dann  freilich,  was 
mir  ein  Widerspruch  zu  sein  scheint,  als  unter  die  Gesetzgebung 
über  die  Kollegien  fallend  betrachten.  Wenn  Tertullian  die 
christliche  Gemeinde,  die  er  als  secta  und  corpus  (39 1)  be- 
zeichnet, unter  der  Rechtsfiktion  eines  Kollegiums  hätte  darstellen 


Spelten  mußten.  Mir  scheint  doch.  Der  Apologet  hat  im  vorausgehenden 
Kapitel  ausgefühi-t,  die  Christen  seien  so  vortreffliche  und  ruhige  Bürger, 
daß  sie  weder  offen  noch  geheim  an  ihren  Verfolgern  Rache  nehmen, 
obschon  sie  die  Macht  und  den  Mut  dazu  hätten,  daß  sie  ferner  auch 
nicht  auswandern  und  so  die  Kraft  des  Reiches  schwächen,  ja  daß  sie 
durch  Bekämpfung  der  Dämonen  sich  um  ihre  Mitbürger  verdient  machen. 
Daraus  läßt  sich  doch  mit  untadelhafter  Logik  folgern,  daß  sie  eine 
nützliche  und  zu  duldende,  also  eine  erlaubte  Partei  seien;  denn  un- 
erlaubt ist  eine  Partei  nur  dann,  wenn  sie  dem  Gemeinwohl  schädlich 
ist.  Bisher  konnte  allerdings  der  Schriftsteller  seinem  Gedankengange 
gemäß  noch  nicht  von  dem  Vorwurfe  der  factio  illicita  sprechen,  aber 
er  tut  es  jetzt  in  dem  neuen  Kapitel,  das  ganz  diesem  Vorwurfe  ge- 
widmet ist. 


111.   stellen,  wo  1*  den  (lediinken  besser  ausdrückt. 


wollen,  so  würde  er,  der  Jurist,  diesen  juristischen  Ausdruck 
auch  wohl  gebraucht  haben,  der  sich  indes  im  Apologetikuin 
nirgends  findet.  Dieses  zeugt  gegen  die  bekannte  Hypothese  de 
Rossis,  nach  der  sich  die  Christen  als  gesetzliche  Kollegien  kon- 
stituiert hätten.  Wohl  spielt  unser  Verfasser  offen  auf  die 
Verfassung  der  Kollegien  an  (39  5),  aber  nur  um  die  Abweichung 
der  christlichen  Gemeindeverfassung  von  jener  zu  betonen  („wenn 
es  eine  Art  von  Kasse  gibt,  so  wird  sie  nicht  durch  Ge- 
schenke der  Ehrenmitglieder  zusammengebracht",  wie  bei  den 
Kollegien,  und  werden  nicht,  wie  bei  diesen.  Schmausereien  und 
die  Unterhaltung  der  Speisesäle  aus  ihr  bestritten  ^).  Diese 
Stelle  spricht,  wie  schon  L.  Duchesne^  bemerkt  hat,  gegen  die 
Hypothese.  Mit  weitern  und  durchschlagenderen  Gründen  hat 
sich  P.  BatiffoP  gegen  sie  erklärt  und  besonders  eingehend 
Waltzing^. 

F  I  P 

3S4  Atque  adeo  spectaculis.  .  I      Aeque  spectaculis.  .  . 

Adeo  würde  einen  Konsekutivsatz  erwarten  lassen,  der  aber 


fehlt. 


F 


39 1  Corpus  sumus  de  con- 
scientia  religionis  et  disciplinae 
divinitate  et  spei  foedere. 

39  2  coimus  coetu  et  con- 
gregationem  facimus,  ut  ad 
deum.  .  .  . 

39  3  disciplinam  praeceptorum 
nihilominus  in  compulsati- 
onibus  densamus. 

396  quippe  non  epulis 
in  de  [sc.  ex  arca],  potaculis  nee 


Corpus  .... 
disciplinae  unitate  et  spei  foe- 
dere. 

coimus  in  coetum  etcongre- 
gationem,  ut  ad  deum.  .  . 

disciplinam  .... 
inculcationibus  densamus. 

nam  inde  [sc.  ex  arca]  non 
epulis nee  ingratiis  .  . 


1)  Vgl.  J.  P.  Waltzing,  Etüde  historique  sur  les  corporations  pro- 
fessionelles chez  les  Romains  (Memoires  couronnes  de  l'Acad.  royale  de 
Bruxelles.    Collection  in  S»  T.  50)  I,  31S  f. 

2)  Histoii-e  ancienne  de  rEglise2.    Paris  1906.    I,  3S5. 

3)  L'Eglise  naissante  et  le  catholicisme  3.    Paris  1909,  p.  41 — 45. 

4)  Ai't.  Collegia  im  Dictionnaire  d'archeologie  chi-et.  et  de  liturgie 
111,  2107—2140. 


dei  sectae,  alumni. 


58  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

F  I  P 

ingrat  is  voratrinis  dispensatur, 
sed  egenis  alendis  humandisque, 

et    pueris   ac  parentibus    desti-     pueris  ac  puellis  re  ac  paren- 
tutis,  iamque  domesticis  senibus,     tibus  .  .  .  iamque  domesticis  se- 
iam  otiosis.     Item    naufragis     nibus.    Item  .... 
[cod.    naufragiis],    et    si  qui  in 
metalHs,  et  si  qui  in  insulis  vel 
in  custodiis,  duntaxat  ex  causa 
dei  sectae  conflictatur,  alum- 
ni confessionis  suae  fiunt. 

Zunächst  einiges  zur  bessern  Erklärung  dieser  Stelle!  Vora- 
trinae  darf  nicht  mit  „Freßwirtschaff'  (Kellner)  oder  „Schlem- 
merei" (Waltzing:  ripailles)  wiedergegeben  werden,  weil  das 
mit  Rücksicht  auf  die  epulae  et  potacula  Tautologie  sein  würde, 
die  am  wenigsten  der  wortkargen  Redeweise  eines  Tertullian  zu- 
zutrauen ist.  Es  ist  vielmehr  lokal  zu  verstehen  (Freßorte),  und 
gemeint  sind  die  den  Kollegien  gehörenden  Versammlungs-  und 
Speisesäle,  die  aus  den  Beiträgen  der  Mitglieder  unterhalten 
wurden. 

Ingratis  als  Adjektiv  aufgefaßt  würde  bedeuten:  „die  nichts 
einbringen"  oder  „die  eine  unwirtschaftliche  Anlage  sind" 
(Kellner:  „nutzlos",  Waltzing:  steriles),  was  für  Tertullian  eine 
etwas  temperamentlose  Bemerkung  sein  würde.  Das  Wort  ist 
als  Adverb  zu  nehmen  und  zu  dispensatur  zu  ziehen  (=  wider- 
willig). Dafür  spricht  die  Beobachtung,  daß  auch  sonst  im  Apolo- 
getikum (27  7,  4S  lo)  dieses  Adverb  gebraucht  wird.  Um  keinen 
Zweifel  zu  lassen,  hat  P  die  unkontrahierte  Form,  die  nur  ad- 
verbial sein  kann. 

Domestici  senes  sind  nicht,  wie  Ohler,  Kellner  und  Rauschen 
erklären,  Greise,  die  wiegen  Gebrechlichkeit  nicht  mehr  das  Haus 
verlassen  können;  denn  weshalb  sollten  nur  diese  und  nicht 
auch  andere  arme  Greise  unterstützt  worden  sein?  Domesticus 
ist  (wie  7  3)  substantivisch  gebraucht,  was  schon  Waltzing  S.  274 
bemerkt  hat.  Wenn  dieser  es  aber  mit  serviteur  wiedergibt, 
so  dürfte  er  den  Begriff  zu  eng  gefaßt  haben,  wie  sich  auch 
aus  7  3  zu  ergeben  scheint.  Es  sind  wohl  alle  alt  und  darum 
erwerbsunfähig  gewordenen  Haus-  und  Familienglieder  der 
Christen    gemeint.      Die    domestici     stehen    in    beabsichtigtem 


III.   stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt. 


59 


Gegensatz  zu  den  der  Familien-  und  Hausangehörigkeit  ent- 
behrenden Waisen,  die  vorher  erwähnt  sind.  Um  sie  als  arme 
Waisen,  die  allein  Anspruch  auf  Almosen  haben  konnten,  besser 
zu  kennzeichnen,  ist  in  P  re  hinzugefügt.  Ebenso  setzt  der 
Vollständigkeit  halber  P  ac  puellis  hinzu.  Dagegen  ist  das  iam 
otiosis  (in  F)  als  unnötig,  weil  die  Arbeitsunfähigkeit  schon  im 
Begriffe  senes  ausgedrückt  ist,  gestrichen. 

InP  ist  die  kausale  Anknüpfung  der  ganzen  Stelle  an  den  vor- 
ausgehenden Satz  mit  nam  stärker,  wie  auch  durch  die  Auslassung 
von  confliciatur  der  religiöse  Grund  für  die  Verhängung  der 
Verbannunus-  und  Kerkerstrafe  deutlicher  betont  wird. 


39  8  sed  et  quod  fratrum 
adpellatione  censemus,  non 
alias,  opinor,  insaniunt,  quam 
quod.  .  . 


sed  et  quod  frates  nos  vo- 
camus,  non  alias.  .  . 


Censemus  mit  Haverkamp,  ühler  und  Rauschen  in  censemur 
zu  ändern,  ist  nicht  notwendig;  denn  quod  kann  ohne  Beein- 
trächtigung des  Sinnes  Objekt  zu  censemus  sein,  und  insanire 
kann  einen  Akkusativ  bei  sich  haben.  So  wäre  zu  übersetzen: 
aber  auch  über  das,  was  wir  durch  den  Xamen  Bruder  als  wert- 
voll schätzen,  sind  sie  aus  keinem  andern  Grunde  rasend,  als  weil 
....  Indes  ist  die  Fassung  P  nicht  bloß  schlichter,  sondern 
auch  wirkungsvoller:  die  bloße  Tatsache,  daß  wir  uns  Bruder 
nennen,  versetzt  sie  in  Raserei.  Ferner  ist  die  grammatische 
Konstruktion  klarer,  indem  et  quod  nun  dem  quam  quod  parallel 
steht  und  beide  Male  Konjunktion  ist. 


fratres 


At  quanto  dignius. 


39  8. 9  fratres  autem  etiam  ve- 
stri  sumus  iure  naturae  matris 
unius  .....  quando  nunc  dig- 
nius fratres  et  dicuntur  et  j 
habentur,  qui  unum  patrem  de-  ! 
um  agnoverunt.  .  .  j 

Durch  die  Bildung  eines  neuen  Satzes  und  durch  seine 
Einleitung  mit  dem  starken  at  quanto  ist  in  P  der  Gegensatz 
und  die  Steigerung  viel  nachdrücklicher. 


60 


Schrörs,  Tertulliaus  Apologetikuin. 


40«  posteriores  enim  illos 
clade  diluvii  contestantur  ipsae 
urbes,  ia  quibus  nati  niorati- 
que  sunt  ....  neque  enim  i IIa e 
in  hodiernum  manerent.  .  .  . 


posteriores 


nati  mortuique  sunt  .... 
neque   enim   alias    in    hodier- 
num. .  .  . 


Daß  moratique  nicht  etwa  ein  Lese-  oder  Schreibfehler  für 
mortuique  ist,  zeigt  die  Parallelstelle  Adv.  nat.  I,  9  (ed.  Reiffer- 
scheid-Wissowa  p.  73  25):  nati  morati  sepulti. 


F 


Hannibal  ....  per  Romanos 
anulos  caedes  suas.  .  .  . 


40  8  Hannibal  apud  Cannas 
Romanos  annlos  caede  sua 
modio  metiebatur. 

40  9  e  a  d  e  m  clades  temploram, 
quam  et  moenium  fuerunt,  ut 
iam  et  hoc  revincam,  non  ab 
his  evenire,  quae  et  ipsis  si- 
milia  evenerunt. 
F 

4ii  vos  publicorum  incom- 
modorum  inlices  semper,  apud 
(luos  deus  spernitur,  statuae 
adorantur.  Utique  enim  cre- 
dibilius  haberi  debet,  eum  irasci 
qui  neglegatur  quam  qui  colun- 
tur;  sed  ne  illi  iniquissimi,  qui 
propter  christianos  etiam  cul- 
tores  suos  laedunt.  .  .  . 

F  läßt  public,  incom,  von  inlices  abhängig  sein,  während  P 
rei  als  regierendes  Nomen  zu  den  Genetiven  setzt  und  inlices 
absolut  nimmt.  Der  folgende  Satz  beweist,  daß  die  Spitze  des 
Gedankens  in  der  Ausführung  liegt,  die  Heiden  forderten  — 
eben  durch  ihren  Götzendienst  —  den  Zorn  Gottes  heraus. 
Darum  entspricht  es  dem  Sinne  besser  und  schärfer,  wenn  als 
Objekt  zu  inlices  {=  Anreizer)  der  Zorn  Gottes  gedacht  wird,  was 
durch  P  gefordert  ist.  Darum  ist  in  P  auch  der  folgende  Satz, 
der  näher  von  diesem  Zorne  Gottes  handelt,  durch  das  enger 
verbindende  etenim  eingeleitet.  Auch  der  begründende  Re- 
lativsatz   apud   quos  .  .  .  erhält   in   der   Fassung   P   seine    un- 


eaedem  clades  .... 

iam  hoc  revincam,  non  ab  eis 
evenire,  quia  et  ipsis  evenit. 


vos    rei    publicorum 
inlices  semper  apud  .  . 

Etenim  credibilius  .  .  . 


aut  ne  illi  iniquissimi,  si  prop- 
ter. .  . 


Hl.    Stellen,  wo   V  den  (iedanken  liesser  ansdrückt. 


(U 


I 


mittelbare  Bedeutung;  denn  durch  die  Verachtung  des  Gottes 
erregt  man  direkt  den  göttlichen  Zorn,  -während  die  publica  in- 
commoda  erst  die  indirekte  Wirkung  sind.  Die  Übersetzung 
müßte  lauten:  Ihr  seid  es,  die  an  den  öffentlichen  Unglücks- 
fällen die  Schuld  tragen,  indem  ihr  in  einemfort  durch  eure 
Verachtung  Gottes  und  durch  eure  Anbetung  der  Bildsäuleu  als 
Anreizer  dastehet;  denn.  .  .  . 

Im  zweiten  Satze  wird  durch  aut  der  Gegensatz  und  durch 
si  die  Voraussetzung  stärker  hervorgehoben  als  bei  F. 
F  P 

41 4    qui    autem    ita  disci-         quia   haec  ita    didicimus. 
m  u  s .  j 

41  5  laetamur  magis  recogni-  I       laetamur 

tione  divinarumpraedicationum,  praedicationum  confirman- 
confirmamur  ut  scilicet  fi-     tium  scilicet  fiduciam  et  fidem 


spei  nostrae.  Sin  vero  ab  eis, 
quos  Colitis,  omnia  vobis 
mala  eveniunt  nostri  causa. 
quid  colere.  .  . 


duciam  et  fidem  spei  nostrae 
agnoscentes.  lam  vero  si 
ab  his  molitis  omnia  vobis 
male  veniunt  nostri  causa, 
cur  colere   eos   perseveratis.  .  . 

F  drückt  durch  his  molitis  (passivisch  =  in  Tätigkeit  gesetzt ) 
die  heidnischen  Götter  nur  sinngemäß,  nicht  auch  durch  gramma- 
tische Beziehung  aus;  letztere  ist  der  Deutlichkeit  halber  in  P 
hergestellt. 

F  I  P 

424  non  lavo  sub  noctem 
Saturnalibus  .  .  .  . ,  sed  lavo  et 
debita  hora  .  .  .;  frigere  et 
pallere  post  lavacrum  mor- 
tuus  possum. 

Lavo  (baden)  als  intransitives  Aktivum  (F)  oder  als  Medium 
(P)  gebraucht,  sowie  frigere  oder  rigere  machen  nur  einen  un- 
bedeutenden stilistischen  Unterschied  aus;  aber  diluculo  drückt 
unzweideutiger  die  Morgenfrühe  aus,  und  honesta  hora  ist  inhalts- 
voller und  beißender  als  debita  hora. 

F  j  P 

4'2p  sed    et    cetera    vecti-         sed  cetera vectigaliagra- 


non  lavor  diluculo  Satur- 
nalibus...,  attamen  lavor 
honesta  hora  .  .  .  . ,  rigere  et 
pallere  .... 


galia    laeduntur;     sufficit, 
si    cetera    ffratias    christianis 


tias    christianis    agent     ex 
fide 


62 


Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 


F 

agunt  ex  fide  dependentibus 
debitum,  cum  alieno  fraudando 
abstinemus,  ut  si  ineatur  quan- 
tum  publico  pereat  et  fraude 
et  mendacio  vestrarmn  pro- 
fessionum,  facile  ratio  haberi 
possit  unius  speciei  querela  com- 
pensata  [cod:  compensato]  pro 
ceterarum  rationum  securitate. 


qua  alieno 

quantum  vectigalibus 


pro    com  modo  ceterarum   ra- 
tionum. 


Abgesehen  von  den  stilistischen  Verbesserungen  (agent,  qua) 
in  P,  ist  in  dieser  Fassung  das  Gedankengefüge  geschlossener, 
indem  die  Bemerkung,  daß  auch  bei  den  übrigen  Steuern  Hinter- 
ziehungen stattfänden,  weggelassen  ist,  weil  damit  gegen  den 
Vorwurf,  die  Christen  zahlten  keine  Tempelsteuer,  nichts  be- 
wiesen ist.  Statt  dessen  wird  in  P  einzig  und  allein  die  sehr 
schlagende  Tatsache  hervorgehoben,  daß  die  Christen  im  Gegen- 
satz zu  den  Heiden  so  gewissenhaft  alle  andern  Steuern  ent- 
richten, daß  dadurch  der  Schaden  an  der  Tempelsteuer  wett 
gemacht  wird.  Darum  ist  auch  das  ein  rechnerisches  Plus  nicht 
direkt  ausdrückende  securitate  durch  commodo  (=  Vorteil,  ein 
Mehr)  ersetzt.  Ferner  ist  an  die  Stelle  des  unbestimmten  publico 
(==  Staatskasse)  das  bestimmtere  vectigalibus  (=  Steuerkasse) 
getreten. 

F  I  P 

44  2  quis  ex  illis  [sc.  christia-         quis     ex    illis     etiam    talis, 
nis]   talis,  qualis  etiam  notatur     quales  tot  nocentes? 
nomine? 

Die  Hauptklassen  von  Verbrechern  (nocentes)  sind  aufgezählt 
worden,  und  es  wird  betont,  daß  kein  Christ  zu  einer  dieser 
vielen  Klassen  gehört. 


44  3   nemo    illic    christianus, 
nisi  hoc  tantum. 


nemo  ....  nisi  plane  tan- 
tum christanus. 


Zu  allen  Strafarten  stellen  die  Heiden  wirklich  Schuldige; 
die  Christen  nur  wegen  ihres  christlichen  Bekenntnisses  Ver- 
urteilte. 


III.  stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt. 


63 


45  1  innocentiam  a  deo  doc- 
tore  et  perfecte  eam  novimus. 

45  2  quanta  prudentia  ho- 
minis ad  demonstrandum,  quid 
vere  bouum,  tanta  auctori- 
tas  ad  exiffendum. 


innocentiam  a  deo  edocti 
et... 

tanta  est  prudentia  hominis 
ad  demonstrandum  bonum, 
quanta  auctoritas  ad  exigen- 
dum. 


Nach    dem    Zusammenhange    liegt    die  Spitze    der  Beweis- 
führung weniger  in  der  auctoritas  als  in  der  prudentia. 


40  3  non  proinde  adaequamur 
de  licentia  [cod:  diligentia]  et 
immunitate  disciplinae. 

465  nomen  hoc  philosopho- 
rum  daemonia  non  fugiunt, 

46  18 — 47  1  [philosophus]  fa- 
mae  negotiator  et  salutis  vi- 
tae,  verborum  et  factorum  Ope- 
rator et  rerum  aedificator  et 
destructor,  et  interpolator 
erroris  et  integrator  veri- 
tatis,  furator  eius  et  custos. 
Adhuc  enim  mihi  proficit  anti- 
quitas.  .  .  . 


47  2  quis  poetarum,  quis  so- 
phistarum,  qui  non  omnino  de 
prophetarum  fönte  potaverit  ? 
Igitur  et   philosophi  sitim  in- 


nen proinde  Ulis  adaequamur 
ad  Ücentiam  inpunitatem- 
que  disciplinae. 

nomen  .... 
non  fugat. 

[philosophus]  famae  negotiator 
et  vitae 


destructor,  amicus  et  inimi- 
cus  erroris,  veritatis  inter- 
polator et  integrator  et 
expressor,  et  furator  eius  et 
custos.  Antiquior  omnibus 
yeritas,  ni  fallor,  et  hoc 
mihi  proficit  antiquitas  .... 
quis  poetarum  .... 


Inde  igitur  philosophi 


genii  sui  rigaverunt.    Xum  quia  ,  rigaverunt,  ut  quae  de  nostris 


quaedam  de  nostris  habent,  ea- 
propter  nos  conparent  illis? 
Inde,  opinor,  et  a  quibusdam 
philosophia  legibus  quoque 
eiecta  est. 


habent,  ea  nos   conparent  illis. 
Inde,   opinor,   ....  philosophia 

quoque  eiecta  est. 


Diese  Sätze  haben  an  mehreren   Stellen    eine    verschiedene 
Deutung  erfahren.    Waltzing  S.  307  ist  der  Meinung,  daß  sophi- 


()4 


Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 


stae  und  philosophi  identisch  sind.  Dann  hätte  der  Verfasser  eine 
bei  ihm  schwer  anzunehmende  Tautologie  begangen;  auch  F,  der 
vor  philosophi  ein  et  einschiebt,  widerspricht  dieser  Auffassung. 
Bei  sitim  ingenii  vertritt,  wie  es  Tertullian  des  Nachdruckes 
wegen  liebt  (Hoppe  S.  85ff),  das  Substantiv  das  Adjektiv  (== 
dürstender  Geist).  Darum  braucht  man  nicht  zu  Umdeutungen 
von  sitis  (Kellner:  Dürre  des  Geistes)  oder  rigare  (Ohler:  stillen; 
Waltzing:  etancher)  zu  greifen,  die  sprachlich  unmöglich  sind. 
Endlich  ist  conparent  in  der  ursprünglichen  Bedeutung  des 
Wortes  (=  zu  einem  Paar  verbinden,  auf  gleichen  Fuß  stellen) 
zu  nehmen,  nicht  im  Sinne  „eine  Ähnlichkeit  verschaffen'' 
(Ohler)  oder  „einen  Vergleich  möglich  machen"  (Kellner).  Auch 
W^altzing  übersetzt  unrichtig  und  dazu  mit  Umkehrung  des 
BegrifFsverhältnisses:  ce  qui  les  rapproche  des  chretiens. 


47  6  alii  incorporalem  [sc.  de- 
um]  adseverant,  qua  Piatoni ci 
et  Stoici;  alii  ex  atomis,  alii  ex 
numeris,  qua  Epicurus  et  Py- 
thagoras;  alius  igni,  qua  Hera- 
cleto  visum  et  Piatoni:  et 
quidem  curantem  rerum,  facto- 
rem  et  actorem  rerum  con- 
tra Epicuri  otiosum  et  inexer- 
citatum  et,  ut  ita  dixerim,  ne- 
minem in  rebus  humanis. 

47  9  ut  ex  varietate  [sc.  sec- 
tae  huius]  defectionem  vin- 
dicet  veritatis. 


alii  incorporalem  adseverant, 
alii  corporalem  ut  tam  Pla- 
tonici  quam  Stoici;  alii  ex  ato- 
mis  

alius  ex  igni,  qua  Heraclito  vi- 
sum est:  et  Platoniciquidem 
curantem  rerum,  contra  Epicuri 
otiosum  et  inexercitum  et  .  . 
.  ,  .  neminem  humanis  rebus. 


ut  ex  varietate  [sc.  sectae  hu- 
ius] defensionum  iudicet 
veritatem. 


In  diesem  Kapitel  kommt  es  dem  Apologeten  nicht  so  sehr 
darauf  an,  die  Wahrheit  der  christlichen  Lehre  an  sich  und 
direkt  zu  beweisen,  als  aus  der  Tatsache,  daß  die  Heiden  in 
der  Anschauung  von  Gott  und  Welt  weit  auseinander  gehen, 
Verteidigungsmomente  (defensiones)  zu  gewinnen.  Darum  muß 
er  dem  Einwände  begegnen,  daß  auch  die  christlichen  Häresien 
sich  widersprechen  und  also  dasselbe  Bild  wie  die  heidnischen 
Philosophen  darbieten.  Er  tut  es  durch  Betonung,  daß  die  Häre- 
sien nur  entstellende  Abweichungen  von  der  Lehre  Christi  sind. 


111.  stellen,  wo  P  den  Gedanken  besser  ausdrückt. 


65 


In  P  kommt  der  .Zweck  der  Ausführungen,  daß  es  sich  nämlich 
direkt  um  die  Sicherstellung  der  christlichen  Verteidigung 
handelt,  besser  zum  Ausdruck. 


si  de  .  .  . 
ut  de  prioribus,  ergo 


47  14  si  de  nostris  sacramen- 
tis(=  Lehren)  ut  de  proprio- 
ribus,  ergo  fideliora  sunt  no- 
stra  magisque  credenda,  quorum 
imagines  quoque  fidem  inve-  inveniunt. 
nerunt. 

Der  Absicht,  die  christlichen  Lehren  als  Vorbild  für  die 
heidnischen  Nachbildungen  hinzustellen,  wird  die  Betonung  des 
Zeitverhältnisses  in  P  mehr  gerecht  als  die  Hervorhebung  des 
Eigentumsverhältnisses  in  F. 

F  j  P 

4S2  quasi  non  quaecumque  '  si  quaecumque  ratio  praeest 
ratio  praeest  animarum  huma-  j  anim.  hum.recip.incorpora,  cur 
narum   in    corpora   reciprocan-  |  non  in  eandem  substantiam 


darum,  ipsa  exigat  illas  in 
eadem  corpora  revocari, 
quia  hoc  sit  revocari  id  est 


redeant,  cum  hoc  sit  resti- 
tui  id  esse  quod  fuerat?  lam 
nonipsae  sunt  quaefuerant, 


esse  quod  fuerant.   Nam  sinon     quia    non     potuerunt    esse 
id  sunt  quod  fuerant  id  est     quod  non   erant,   nisi  desi- 
humanum   et  id  ipsum  cor-     nant     esse     quod     fuerant. 
pus  indutae,  iam  non  ipsae     Multis  etiam  locis.  .  .  . 
erunt  quae  fuerant.    Porro 

quae  iam  non   erunt  ipsae,    quomodo  redisse  dicentur? 
Aut   aliud  .factae   non   erunt  ipsae    aut   manentes  ipsae, 

non  erunt  aliunde.     Multis  etiam  locis 

Heinze   S.  3S6  sieht,    ohne    nähere   Begründung,    in  F  hier 
eine  Überarbeituno;  von  fremder  Hand.  Zur  Sache  vsjl.  obenS.  28  f. 


48  7  [corpus  mundi]  animatum 
spiritu  omni  um  animatore,  sig- 
natum  et  per  ipsum  humanae 
resurrectionis  exemplum  .  .  . 


[corpus  mundi]  animatum 
spiritu  omnium  animarum  ani- 
matore, signatum  et  ipsum  hu- 
manae .... 


Wie   es  richtiger  ist,    die  Beseelung  der   Schöpfung  durch 
den  Geist  Gottes  auf  die  beseelte  Natur  zu  beschränken,  so  ist 

T.  u.  D.  'li:  Schrörs.  5 


66 


Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 


es  auch  eindrucksvoller,  die  Entstehung  des  Geschaffenen  aus 
dem  Nichts  an  sich  und  nach  ihrem  ganzen  Wesen  als  Vorbild 
der  menschlichen  Auferstehung  hinzustellen,  anstatt  diese  Vor- 
bildlichkeit nur  als  eine  Seite  (per  ipsum  h.  r.  exemplum)  daran 
aufzufassen. 

F  I  P 

48  11  quae  ratio  universitatem 
ex  diversitate  conposuit,  ut  om- 
nia  .  .  .  constarent  ex  vacuo   et 

solido ex    ipsa    vita    et 

morte  eadem  [sc.  omnia].  Ae- 
vum  quoque  ita  distincta  con- 
ditione  conservatur,  ut  pri- 
ma  autem  pars  .  .  .  defluat.  .  . 

48  13  [nach  der  Auferstehung] 
dei  quidem  cultores  apud  deum, 
superinduti.  .  . 

49  3  quibus  nuUas  poenas  in- 
rogatis,  vanis  et  fabulosis,  in 
eiusmodi  accusatis  et  inpu- 
nitis  ut  noxiis.  Aeque  enim, 
si  utique  inrisum,  iudicandum 
est  non  gladiis  et  ignibus 

Es  soll-  der  Gedanke  ausgedrückt  werden,  dali,  wenn  auch 
die  Heiden  die  christliche  Auferstehungslehre  als  töricht  ver- 
werfen wollen,  sie  dieselbe  doch  nicht  gewaltsam  bestrafen 
dürfen,  weil  sie  auch  sonst  die  Fabeln  als  unschädlich  nicht 
bestrafen,  sondern  sie  nur  dem  Gelächter  preisgeben.  In  P  ist 
dieser  Gedanke  in  voller  Einfachheit  und  Klarheit  wiederge- 
geben; weniger  in  F  durch  Einfügung  des  nebensächlichen 
Zuges,  daß  man  solche  Lehre  wohl  als  schädlich  anklagt,  aber  sie 
trotzdem  nicht  bestraft  (accusatis  et  inpunitis  ut  noxiis).  Auch 
ist  es  eindrucksvoller,  mit  P  die  Lächerlichkeit  als  Verurteilung 
der  Verurteilung  zu  körperlichen  Strafen  parallel  zu  setzen. 
F  P 

50  1  Ergo,   inquitis,   cur  que-         Ergo 

rimini .  .  ..,  si pati  vultis ?  Plane  i  vultis?     Plane    volumus    pati, 

volumus,  verum  eo  more,  quo  i  verum bellum  milites. 

et  bellum. 


quae  ratio 


ex  ipsa  vita  et  morte,  eadem 
[sc.  ratio]  aevum  quoque  ita 
destinata  et  distincta  condi- 
cione  conseruit,  ut  prima 
haec  pars.  .  .  . 

dei apud  deum  semper, 

superinduti.  .  . 

quibus  .... 
fabulosis,  inaccusatis  et  in- 
punitis ut  innoxiis.  Sed  in 
eiusmodi  enim,  si  utique,  in- 
risui  iudicandum  est,  non  gla- 
diis et  ignibus.  .  . 


in.  stellen,  wo  P  den  Gedanken  bessex-  ausdrückt. 


67 


50  4  raerito  itaque  yictis  non 
plaoemus,  merito  desperati  et 
perditi  existimamnr. 

50  5  aliqua  Carthaginis  con- 
ditrix  rogo  secundiim  raatrimo- 
nium  evadit. 


merito 

placemus,     propterea     enim 
desperati 

aliqua 

rogose  secimdnm  niatrimonium 
dedit. 


Es   ist   von  Dido   die   Rede,    die  um   einer  zweiten  Ehe  zu 
entgehen,  sich  selbst  dem  Scheiterhaufen  überlieferte. 


509   Zeno inpassibi- 

lem  fieri  flagellis  tyranni  sub- 
iectus.  .  . 

50  10  0  gloriam  licitam,  quia 
humana,  cui  nee  praesumptio 
.  .  .  reputatur  in  contemptu  mor- 
tis et  atrocitatis   omni   modo, 


Zeno inpassibilis  fla- 

gelHs  tyranni  obiectus.  .  .  . 

0  gloriam   licitam,   quia  hu- 
manam,  cui  .  .  . 

atrocitatis  omni  modae,  cui  tan- 


cui    tantum    pro    patria,     pro     tum    pro   patria,    pro   imperio, 
agro,  pro  imperio,  pro  amicitia     pro  amicitia  pati  permissum. .. 
permissum    est,    quantum    pro 
deo  non  licet,  I 


An  den  obigen  Stellen  lassen  sich  die  Abweichungen  hier 
und  da  auch  wohl  auf  einfache  Textverderbnisse  in  F  zurück- 
führen anstatt  auf  beabsichtigte  Änderungen  in  P.  Allein  bei  der 
großen  Masse  liegen  unzweifelhaft  letztere  vor,  so  daß  an  dem 
Schlüsse  nicht  vorbeizukommen  ist,  daß  wir  zwei  verschiedene 
Rezensionen  des  Textes  vor  uns  haben.  Sie  verraten  eine  der- 
art intime  Bekanntschaft  mit  den  feinsten  Gedankengängen  der 
Schrift  und  zeugen  von  einem  solchen  Verständnisse  der  höchst 
individuellen  und  unnachahmlichen  Schreibart  des  Afrikaners, 
daß  sie  nur  auf  ihn  selbst  zurückgehen  können. 

Bei  einigen  Stellen  mag  es  zweifelhaft  bleiben,  ob  F  oder  P 
die  nach  Inhalt  oder  Form  bessere  Fassung  bietet.  Ein  Urteil 
darüber  darf  natürlich  nur  aus  der  schriftstellerischen  Eigenart 
des  Verfassers  heraus  gefällt  werden,  was  immerhin  nicht  leicht 
ist.  Aber  in  der  weit  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle  wird 
man  P  den  Vorzug  einräumen  müssen.  Da  nun  von  keinem 
Auktor  und  am  allerwenigsten  von  dem  so  sorgfältig  arbeitenden 

5* 


68  Sclu-örs,  Tertullians  Apologetikum. 

Tertullian  anzunehmen  ist,  daß  er  sein  eigenes  Werk  —  in 
seinem  Geiste  gesprochen  —  verschlechtert,  so  ergibt  sich,  daß 
F  eine  frühere,  P  eine  spätere  Bearbeitung  bietet. 


IV.  Hinzufügungen  von  Satzteilen 
oder  begrifflich  bedeutsamen  Einzelwörtern. 

Zuerst  seien  die  Texte  zusammengestellt,  in  denen  P  ein 
Mehr  gegenüber  F  aufweist.  Das  in  F  Fehlende  ist  in  eckige 
Klammern  eingeschlossen. 

1 6  omnes  qui  retro  oderant,  quia  ignorabant,  [quäle  sit  quod 
oderant],  simul  desinunt  ignorare,  cessant  et  odisse. 

Is  quanto  magis  hos  Anacharsis  denotasset  inprudentes  de 
prudentibus  iudicantes  [quam  inmusicos  de  musicis]. 


F 
2  2  et  proprio  et  mercenario 
ore  utuntur. 


P 

et  proprio  ore  et  mercenaria 
[advocatione]  utuntur. 


2 12  nos  innocentissimos  [iudicatis,  cum]  quasi  innocen- 
tissimos  non  vultis  in  ea  confessione  perseverare. 

8  8  quid  denique  [sine  pignore]  singulares  christiani. 

13  9  Junones  et  Cereres  [et  Dianas]  adoretis. 

14  1  enecta  et  tabidosa  [et  scabiosa]  quaeque  mactatis. 

14  4  hie  Apollinem  Admeto  [regi]  pascendis  pecoribus  addicit. 

14  7  quercum  [et  hircum]  et  canem  deierabat. 

15  1  dispicite  .  .  .  ,  utrum  mimos  an  deos  vestros  in  iocis  et 
strophis  rideatis:  moechum  Anubin  et  mascuium  Lunam  et  Dia- 
nam  flagellatam  [et  Jovis  mortui  testamentum  recitatum  et  tres 
Hercules  famelicos  inrisos]. 

16  8  religio  [Romanorum]  tota  castrensis  signa  veneratur. 
172  quod  videri  [comrauniter],  quod  conprehendi,  quod  aesti- 

mari  potest. 

19  6  advocandi  [municipes  eorum],  per  quos  notitia  submi- 
nistrata  est. 

21 12  sol  erit  in  radio,  quia  soHs  est  radius,  nee  separatur 
substantia  sed  extenditur,  [ita  de  spiritu  spiritus  et  de  deo  deus,] 
ut  lumen  de  lumine  accensum  K 


1)  Vgl.  oben  S.  21  f. 


IV.  Hinzufiigungen  von  Satzteilen  usw.  69 

21 17  ostendens  (Christus)  se  esse  verbiim  dei ....  spiritu  ful- 
tum,  [eundem  qui  verbo  omnia  et  faceret  et  fecisset]. 

21 19  et  tarnen  (Christus)  subfixus  [multa  mortis  illius  pro- 
pria  ostendit  insignia.    Nam]  spiritum  cum  verbo  sponte  dimisit. 

21 27  negat  quod  colit,  [et  culturam]  et  honorem  in  alterum 
transfert. 

21 28  per  eum  [et  in  eo]  se  cognosci  et  coli  deus  vult. 

2129  dominum  per  [hominem]  Moysen  colere  didicemnt. 

2130  licuerit  et  Christo  commentari  divinitatem  [rem  pro- 
priam]. 

2131  si  ea  est  (sc.  divinitas  Christi),  qua  cognita  [ad  bonum 
quis  reformaturj,  sequitur. 

23  12  dei  virtus  et  dei  spiritus  [et  sermo  et  sapientia]. 

24  3  principem  mundi  perfectae  [peritiae]  maiestatis. 
24  5  alius  [si  hoc  putatis]  nubes  numeret. 

24  10  praeter  deum  verum,  quasi  non  hie  magis  omnium  sit 
[deus]. 

34 1  dicam  plane  imperatorem  dominum  [sed  more  com- 
muni]. 

39  6  pueris  [ac  puellisl. 

43  2  non  dico  iam  qui  pro  vobis  quoque  vero  deo  preces 
sternant  [quia  forte  non  creditis]. 

46  11  Democritus  .  .  .  ,  ,  quod  mulieres  sine  concapiscentia 
adspicere  non  posset  [et  doleret,  si  non  esset  potitus]. 

46  18  rerum  aedificator  et  destructor,  [amicus  et  inimicus  er- 
roris],  veritatis  interpolator. 

47  1  [antiquior  omnibus  veritas,  nisi  fallor,  et]  hoc  mihi  pro- 
ficit  antiquitas. 


Diesem  Befunde  steht  der  andere  gegenüber,  daß  auch  F 
Satzteile  enthält,  die  sich  in  P  nicht  finden,  wie  das  folgende 
Verzeichnis  zeigt,  bei  dem  das  in  P  Fehlende  in  eckigen 
Klammern  steht. 

7 13  merito  igitur  fama  tamdiu  conscia  sola  est  scelerum 
christianorum.  [Quod  dicitur  semper  ^  est,  quia  quod  est  desinit 
dicij.    Daß  der  Satz  (quod  dicitur  ,  .  .  .)  in  seiner  spitzigen  Dia- 

1)  Die  Bremer  Hs.  der  Varianten  des  Modiiis  hat:  dicitur  semper, 
semper  est.     Der  Sinn  wird  dadurch  nicht  wesentlich  geändert. 


70  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

lektik  und  sprachlichen  Fassung  echt  tertullianisch  ist,  dürfte 
nicht  zu  bezweifeln  sein.  Aber  paßt  er  in  den  Zusammenhang? 
Das  Kap.  7  weist  die  Anklage  auf  Kindermord  und  Blutschande 
als  auf  bloßem  Volksgerede  (fama)  beruhend  zurück  und  zeigt, 
daß  Volksgerede  seinem  eigenen  Begriffe  nach  die  Gewißheit 
ausschließt.  Da  nun  der  Apologet  die  Wirklichkeit  jener  Ver- 
brechen leugnet,  zieht  er  den  Schluß,  daß  mit  Recht  (merito 
igitur)  bloß  die  Fama  etwas  von  ihnen  weiß.  Unter  starker 
Ironie  und  mit  den  Begriffen  „existieren"  (als  Fama)  und  „exi- 
stieren" (als  Wirklichkeit)  spielend,  hält  er  dann  im  folgenden 
Satze  (quod  dicitur  .  .  .)  seinen  Gegnern  den  Widerspruch  vor, 
daß  sie  mit  der  Existenz  der  Fama  die  Existenz  ihres  Inhaltes 
verwechseln:  „was  als  Fama  auftritt,  ist  immer,  weil,  was  ist, 
aufhört  Fama  zu  sein".  Dieser  Gedanke  wie  seine  Formulierung 
sind  aber  überfein  und  schwer  verständlich.  Rauschen  will 
zwischen  semper  und  est  ein  non  einschieben.  Dadurch  wird  je- 
doch nicht  bloß  die  Ironie  und  das  Wortspiel  zerstört,  sondern 
auch  dem  Verfasser  der  Unsinn  unterschoben,  daß  das  Gerücht 
immer  unwahr  sei,  während  er  es  bloß  plurimum  mendax  (Ts) 
nennt. 

10  2  deos  vestros  colere  desinimus  [et  statim  cognovimus], 
ex  quo  iUos  non  esse  cognoscimus. 

16  8  religio  Romanorum  tota  castrensis  signa  veneratur, 
[signa  adorat],  signa  iurat,  signa  omnibus  deis  praeponit  ^ 

21 1  sectam  istam  .  .  .  ,  quam  [scient]  aliquanto  novellam. 

21 7  (Christus)   de  patris   semine  [sicut   de  concubitu  tauri]. 


1)  Das  umfangreiclie  Stück  über  das  hohe  Alter  der  Heiligen  Schi-ilt, 
das  F  19  1  allein  bietet,  ist  außer  bei  Junius  und  "Waltzing  (Les  trois  pr. 
man.  p.  209—210)  auch  bei  Haverkamp  (p.  430—443)  und  Öhler  (I,  ISS— 189) 
abgedruckt.  P.  de  Lagarde  (Septuagintastudien,  in  den  Abhandlungen 
d.  Gesellsch.  d.  Wiss.  zu  Gröttiugen,  Hist.-phil.  Kl.  Bd.  37  [1S91],  S5)  gab 
eine  neue  Rezension,  die  auch  von  Rauschen  S.  63  f.  gedi-uckt  ist.  Haver- 
kamp, Öhler  (der  es  in  den  Text  aufgenommen  hat),  Harnack  (Gesch.  d. 
altchr.  Litteratur  bis  Eusebius  II,  2,  266  2)  und  Schanz  (Gesch.  d.  röm.  Litt.^ 
München  1905.  III,  291)  halten  das  Stück  für  tertullianisch,  was  von  de 
Lagarde,  Bardenhewer  (Gesch.  d.  altkii-chl.  Lit.  Freiburg  1903.  II,  355), 
Geffcken  (Zwei  griech.  Apologeten.  Leipzig  1907.  S.  286),  Heinze  (S.  386), 
die  aber  selbst  in  der  Herkunftsbestimmung  weit  auseinander  gehen,  ge- 
leugnet vmrd.  Wegen  dieser  Ungewißheit  und  wegen  anderer  Schwierig- 
keiten, die  es  bietet  (s.  Heinze  S.  385 — 387),  sehe  ich  hier  von  dem  Stücke  ab. 


IV.  Hinzufügungen  von  Satzteilen  usw.  71 

21 15  (Christus)  in  sublimitate  [paternae  potestatis  acceptae] 
divinitatis  exsertae. 

21 17  (Christus)  ostendens  se  esse  [lilium,  et  illum  olim  a 
deo  praedicatum  et  ad  omnium  salutem  natum]  verbum  dei, 

21  ip  (Die  Sonnenfinsterois  beim  Tode  Christi)  super  Christo 
praedicatum   non  scierunt  [ratione  uon  deprehensa  negaverunt]. 

22  -k  subpetit  illis  (sc.  daemoniis)  ad  utramque  substantiam 
hominis  adeundam  [mira]  subtilitas  et  tenuitas  sua. 

22 12  quid  ergo  de  ceteris  ingeniis  vel  etiam  viribus  falla- 
ciae  spiritalis  edisseram  [dum  oracula  profitetur,  dum  miracula 
exercet], 

23  11  deos  quaerite;  quos  enim  praesumpseratis  [deos  esse  iam] 
daemonas  esse  cognoscitis. 

23  12  dei  filius  [et  dei  omnia] 

24  2  in  vos  exprobratio  [re  ista]  resultabit. 

25 1  ipsorum  etiam  testimonüs  [de  Romanis],  quos  deos 
creditis. 

27  1  satis  haec  adversus  intentationem  laesae  [religionis  ac] 
divinitatis. 

32  1  necessitas  nobis  orandi  pro  imperatoribus  et  ita  [uni- 
verso  orbe  et]  statu  imperii. 

344  male  traditum  est  ante  apotheosin  deum  Caesarem  nun- 
cupare  [Scito  te  isto  nomine  male  velle  et  male  abominari,  ut 
vivente  adhuc  imperatore  deum  apelles,  quod  nomen  illi  mortuo 
(Cod. :  mortuum)  accidit]  ^ 

37  4  hesterni  sumus  [et  orbem  iam]  et  vestra  omnia  im- 
plevimus. 

37  4  [possumus  dinumerare  exercitus  nostros  (Cod.:  vestros), 
unius  provinciae  plures  erunt:]  cui  hello  non  idonei  sumus. 

39  1  edam  iam  nunc  ego  ipse  negotia  christianae  factionis, 
ut  quominus  mala  refutaverim,  bona  ostendam,  [si  etiam  veri- 
tatem  revelaverim]. 

39  6  domesticis  senibus  [iam  otiosis]. 

39  20  coitio  christianorum  .  .  .  .  si  inlicitis  par,  merito  dam- 
nanda  [si  non  dissimilis  damnandis]. 

40 1  omnis  popularis  incommodi  [a  (cod.:  in)  primordio  tem- 
porum]  christianos  esse  in  causa. 


1)  Vgl.  oben  S.  52  f. 


72  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

40 15  deum  tangimus  et  cum  misericordiam  extorserinius, 
Juppiter  honoratur  [a  vobis  deus  neglegitur]. 

48  1  [statim  illic  vesica  quaeritur  et]  lapidibus  magis  .  .  .  , 
exigetur  i. 


Wenn  man  die  vorstehenden  Stellen  übersieht,  wird  man 
bei  manchen  vielleicht  zunächst  an  die  Möglichkeit  denken,  die 
Zusätze  oder  Auslassungen  einem  spätem  Glossator  oder  Rezen- 
senten zuzusehreiben.  Allein  die  meisten  verraten  doch  nach 
Inhalt  und  Form  eine  solche  Kongenialität  mit  Tertullian,  daß 
jene  Annahme  sehr  unwahrscheinlich  wird.  Nur  der  Verfasser 
selbst  konnte  auf  diese  Weise  mit  seinem  Werke  schalten. 

Bei  P  springt  es  in  die  Augen,  daß  sein  Plus  stets  der 
Erweiterung  des  Gedankens  oder  der  größeren  Deutlichkeit  des 
sprachlichen  Ausdruckes  dient;  ja  an  einer  Stelle  (34  i)  ist  offen- 
bar der  Zweck  des  Zusatzes,  einem  für  christliche  Leser  an- 
stößigen Mißverständnisse  vorzubeugen.  Umgekehrt  enthält  das 
Plus  in  F  immer  etwas,  was  entweder  für  den  Sinn  überflüssig 
ist  oder  doch  einem  Stilisten,  der  wie  Tertullian  nach  höchster 
Prägnanz  und  Kraft  der  sprachlichen  Darstellung  strebt,  als 
tilgenswert  erscheinen  muß.  In  der  Stelle  7  13  ist  der  Zusatz  von 
allzu  gesuchter  Dialektik  und  allzu  großer  Schwerverständlich- 
keit; in  21 7  ist  der  Vergleich  der  göttlichen  Geburt  Christi  mit 
der  mythologischen  Vaterschaft  des  Stieres  für  Christen  höchst 
anstößig;  in  37  4  liegen  arge  Übertreibungen  vor;  in  4S  1  ist  das 
der  niedrigsten  Redeweise  entnommene  drastische  Bild  für  eine 
Schrift,  die  an  die  Stadthalter  gerichtet  ist  und  sich  sonst  sicht- 
lich einer  vornehmeren  Ausdrucks  weise  befleißigt,  unpassend. 
Wer  alles  dieses  erwägt,  wird  über  das  Verhältnis  von  F  und  P 
nicht  im  Unklaren  sein:  der  Verfasser  hat  an  dem  ursprünglichen 
Texte  F  Streichungen  vorgenommen  und  anderseits  ihn  durch 
Einfügungen  überarbeitet. 

Zu  beachten  ist,  daß  ein  verhältnismäßig  sehr  großer  Teil 
der  Abweichungen,  fast  ein  Viertel  von  allen,  auf  Kapitel  21 
entfällt.  Der  größere  Umfang  desselben  reicht  zur  Erklärung 
nicht  aus,  vielmehr  ist  die  Schwierigkeit  des  Gegenstandes, 
Person  und  Leben  Christi,  die  Ursache.     Diesen  für  heidnische 


1)  Vgl.  oben  S.  25ff. 


V.  Auslassung  oder  Einfügung  einzelner  Wörter  usw.  73 

Leser  in  kurzer  Darstellung  verständlich  zu  machen  und  apolo- 
getisch zu  yerwerten,  erforderte  besondere  Sorgfalt.  Darum 
ist  hier  die  Hand  des  Uberarbeiters  auch  am  meisten  tätig  ge- 
wesen. 


V.  Auslassung  oder  Einfügung  einzelner  ^Yörter 
Yon  rein  stilistischer  Bedeutung. 

Text  F  enthält  viele  "Wörter,  die  in  Text  P  fehlen  und  die 
ohne  Beeinträchtigung  des  Sinnes  oder  der  Klarheit  fehlen 
können,  deren  "Wegfall  im  Gegenteil  die  Darstellung  straffer  und 
schlagender  macht.  Sie  sind  in  der  folgenden  Aufzählung 
durch  eckige  Klammem  kenntlich  gemacht. 

1 1  in  aperto  et  edito,  [in]  ipso  fere  vertice  civitatis. 

1 1  ad  hanc  solam  [tantum]  speciem. 

1 8  [ex]  hoc  ipso  [modo]  ad  aestimationem. 

25  o  quanta  illius  praesidis  gloria  [fuissetj! 

2  6  [de]  gradu  pulsis. 

3  3  ex  [hoc]  ipso. 

3  3  in  suffragium  inpingunt  [enarrantes]. 

3*  uxorem  .  .  .  [eiecit],  filium  ....  abdicavit. 

4  9  [retro]  in  partes  secari. 
4 10  licet  [et]  damnent. 

64  [a]  vino  abstinerentur. 

6  8  Capitolio  [prohibitos]  id  est  curia  deorum  pulsos  ^ 

6  10  [ipsum]  adhuc  quod  videmini tueri. 

1  i  ipsis  [etiamj  plurimum  coetibus. 

7  7  non  ipsi  [sunt]  proditores  sui. 
7  7  [ab]  arbitris  caveant. 

7  8  cur  malum  fama  ?    [an]  quia  velox  ? 
7  11  an  famae  credat  nisi  [si]  inconsideratus  ? 
7  11  qui  sapiens  [est]  non  credit  incerto. 
7  13  dispositione  [divinae]  naturae. 
7  18  tantoque  [temporis]  spatio. 

1)  ProHbitos  ist  wegen  des  nachfolgenden  pulsos  überflüssig;  durch 
seine  Weglassung  bekommt  der  Ausdruck  strengere  Geschlossenheit,  indem 
nun  curia  deorum  unmittelbar  Apposition  zu  Capitolio  wird. 


74  Sclarörs,  Tertullians  Apologetikuin. 

8  8  venire  debebis.     Quid  si  [venire]  noluerint? 

8  8  [sine  pignore]  singulares. 

9  2  crucibus  [vivos]  exposuit. 

9  9  nescio  quid  ....  [tale]  degustatum  est. 
9  10  sanguis  ....  exceptus  [et]  esui  datus. 
9  u  credatis,  nisi  forte  suaviorem  eum  experti  [estis]. 

9  17  erroribus  [vestris]. 

10  3  vobis  [ipsis]. 

lU  5  otiosuin  est  [enim]  etiam  titulos  persequi. 

10  5  non  ut  cognoscatis,  sed  [ut]  recognoscatis. 

10  10  luctu  publice  [humatos]  mortuos  sint  confessi. 

10  11  generis  [ipsius]. 

11 3  possidentes  [apud  se]  conditionis  melioris  potestatem. 

11 8  cerasia  [Romanis]  ex  Ponto  promulgavit. 

12  1  de  deis  istis  nomina  solummodo  video  [et  statuas]. 

13  9  dei  veteres  [vestri]. 

16  2  vastis  in  locis  [et]  aquarum  egentissimus. 
10  3  et  [a]  planta  et  tergo. 
16  4  sacerdotibus  adire  licitum  [erat]. 
16  10  [certa]  caelestia  adorandi. 

16 11  diem  solis  laetitiae  indulgemus  alia  longe  ratione  quam 
[de]  religione  solis. 

19  1  primam  [igitur]  .  .  .  auctoritatem. 

19  5  non  tam  difficile  est  nobis  exponere  quam  enorme,  nee 
arduum  sed  interim  longum  [dinumerare]. 

20  1  mundus  et  saeculum  et  exitus  ^  [rerum]. 

21 1  sectam  istam  .  .  .  .  ,   quam   [scient]  aliquanto  novellam, 
ut  Tiberianis  temporibus  ortam  plerique  sciunt. 

21 3  necesse  est  igitur  pauca  [dicamus]  de  Christo. 

2 1  5  [ex]  fiducia  patrum  inflati. 

21 8  de   stupro  filiae  aut  [de]  coniugis  alienae. 

21 22  primores  [Judaeorum]. 

23  3  alia  vis  pronuntietur  in  eo,  qui  .  .  .  .  ,  alia  [in  eo],  qui.  .  . 

23  8  nee  [utique]  divinitas. 

24 1  crimen  laesae  [publice  et]  maxime  Romanae  religionis. 

24  3  officia  [veröl  eins. 


1)  Es    ist    die    Rede    von    der    Erfüllung    der    alttestamentlichen 
Weissagungen. 


V.  Auslassung  oder  Einfügung  einzelner  Wörter  usw.  75 

25  2  in  tantum   sublimitatis  elatos  [et  inpositos]. 

25  8  vellet  [etj  Juno. 

27  7  [repugnautium  velj  rebellantium. 

27  7  erumpunt  adversus  nos  [proelianturj. 

28 ö  quis  enim  ....  non  [omni]  mortuo  potior  [est]? 

29  3  in  Caesaris  potestate,  cuius  [et  nunc]  et  toti  sunt. 

30  4  illuc  [sursuni]  suspicientes. 
33  i  hominem  te  [esse]  memento. 

36  i  iidem  sumus  imperatoribus  [ex  ipso]  qui  et  vicinis  nostris 

36  i  in  ipsum  [imperatorem]. 

37  1  item  si  [iidem]  laesi  vicem  reterre  prohibemur. 
37  3  ut  ant vindicetur  ....  aut  [ut]  doleat. 

37  10  hostes  iudicare  maluistis,  qui  sumus  plane  non  generis 
humani  [hostesj. 

40  y  ut  iam  [et]  hoc  revincam. 

41 5  si  quid  adversi  infligitur,  vestris  [id]  meritis  deputatur. 

4ic  quid  colere  [eos]  perseveratis  tam  ingratos. 

42  3  navigamus  et  nos  vobiscum  et  [vobiscum]  militamus. 

42  i  sed  [et]  si. 

42  7  quae  tarnen  apud  illos  coetus  venditantur,  [quod  ego] 
si  desideravero,  liberius  [de  suis],  de  propriis  locis  sumam. 

45  7  verum  [tamen]  sempiterni. 

46  2  sed  dum  [tamen]  unicuique  manifestatur. 
46  7  [et]  inlusores  et  conruptores. 

46 13  christianus  [contumeliosus]. 

46  17  perseverant  [apud  vos]. 

46 18  famae  negotiator  et  [salutis]  vitae. 

47  2  igitur  [et]  philosophi. 

47  2  philosophia  [legibus]  quoque  eiecta  est. 
47  i  per  quod  [in]  incertum  miscuerunt  etiam  quod  invene- 
runt  certum. 

47  5  deum  [nostrum]. 

47  6  inexercitum  et  ...  ,  [in]  rebus  humanis. 

48  1  eloquii  [sui]. 

48?  signatum  et  [per]  ipsum  ....  exemplum. 
48  9  disces  [deum]. 

48  11  ut  omnia  [ex]  aemulis  substantiis  .  .  .  constarent. 
48 14  alius  est  [ignis],  qui  usui  humano  .... 

49  2  [proinde]  nullo  titulo  daranari  licet. 


76  Schrörs,  TertuUians  Apologetikum. 

50  5  praeconium  castitatis  [et  pudicitiae]. 

50  8  Attica  [qiiaedam]  meretrix. 

50  10  pro  patria,  [pro  agro,]  pro  imperio. 

50 12  ad  lenonem  damnandam  potius  quam  ad  leonem 
[putastis  et]  confessi  estis. 

50  13  [etiam]  plures  efficimur. 

Die  Fälle,  in  denen  P  Wörter  von  bloß  stilistischem  Wert 
bietet,  die  in  F  vermißt  werden,  deren  Einsetzung  aber  der  Dar- 
stellung nach  der  formalen  Seite  förderlich  ist,  sind  die  nach- 
stehenden.    Eckige  Klammern  zeigen  sie  an. 

1 5  oderunt  [homines],  quia  ignorant,  quäle  sit  quod  oderunt. 

1  6  et  sunt  tanti  quanti  [et]  denotamur. 

4  12  quod  ulciscitur  [lex]. 

5  3  [sed]  tali  dedicatore. 

6  3  [namj  ne  vel  hieme. 

7  7  nisi  [si]  inpii  minus  metuunt. 
7  11  an  [vero]  famae  credat  ? 

9  9  legite,  necubi  relatum  sit  —  [est]  apud  Herodotum,  opinor 
—  defusum  brachiis  sanguinem. 

9  10  sanguinem  recentem,  de  iugulo  decurrentem  [exceptum]. 

9  u  ructatus  [proinde]. 

10  3  illa  [nos]  damnet. 

10  7  si  quantum  litterae  [docent]. 

12  2  materias  sorores  [esse]. 

14  3  dilectarum  [iam  pridem]  amicarum. 

17  2  ideo  verus  et  tantus  [est]. 

18  5  grammaticorum  [tunc]  probatissimi. 
18  8  monumenta  [reliquit]  hodie. 

21 6  pleniorem  [quidem]  ....  capacitatem. 
21 18  in  crucem  [Jesum]  dedi  sibi  extorserint. 
23  4  edatur  hie  [aUqui]  ibidem. 
23  10  daemonas  [verum]  utrobique. 
24 10  omnium  sit  [deus]. 

25  5  [imperatoris]  Marci. 
25 16  ab  hostibus  [ergo]. 

26  1  [ipsis]  temporibus. 
28  1  [ex]  qua  velit  fronte. 

34  3  [tamquam]  si  habens. 

35  9  Omnibus  [tot]  Sigeriis. 


V.  Auslassung  oder  Einfügung  einzelner  Wörter  usw.  77 

37  2  vulgus  invadit  [lapidibus  et  incendiisj. 

37  10  non  generis  humani  [tarnen]. 

38  4  nihil  [est]  nobis  dictu. 

39  2  precationibus  ambiamus  [orantes]. 

39  7  paratiores  [erunt], 

40  8  nee  Tuscia  iam  [tunc], 

41 1  vos  [rei]  publicorum  incommodorum  inlices. 
45  6  recogitate  [ea]. 

45  7  qui  [timentes]  indicat. 

46  1  quibus  [modis]  probare  possimus. 

50  5  sese  [Catanensium]  Aetnaeis  incendiis  donavit. 

Ein  Überblick  über  die  aufgeführten  Stellen  zeigt  zunächst, 
daCs  F  der  entbehrlichen  Wörter  viel  mehr  bietet,  fast  dreimal 
soviel,  als  P,  daß  also  die  letztere  Fassung  ein  entschiedenes 
Streben  nach  Kürze  und  Knappheit  verrät.  Bloße  Zufälligkeiten 
der  Textüberlieferung  können  hier  wohl  nicht  gewaltet  haben; 
dafür  sind  die  Unterschiede,  wie  wir  noch  sehen  werden,  zu 
systematisch.  Ebenso  ist  schwerlich  die  überarbeitende  Tätig- 
keit eines  Librarius  anzunehmen.  Denn  warum  sollte  er  in  F 
soviel  eingefügt  und  anderes  Gleichwertiges,  das  er  in  seiner 
Vorlage  fand,  gestrichen  haben?  Oder  umgekehrt,  warum  sollte 
ein  solcher  in  P  soviel  ausgelassen  und  dennoch  einiges ,  das 
stilistisch  auf  gleicher  Linie  mit  dem  Ausgelassenen  steht,  ein- 
gefügt haben?  Vielmehr  legt  sich  der  Gedanke  an  den  Verfasser 
selbst  nahe,  der  aus  seinem  Stilgefühl  heraus  änderte.  Xun  ist 
es  allerdings  schwer,  sich  in  das  Stilgefühl  eines  andern  zu 
versetzen  und  auf  Grund  desselben  zu  urteilen,  und  erst  recht 
schwer  ist  dieses  bei  der  höchst  ausgeprägten  Eigenart  des 
Afrikaners;  die  eigene  Subjektivität  mischt  sich  zu  leicht  ein. 
Doch  scheint  mir  die  Ausmerzung  dessen,  was  F  an  Mehr  hat, 
und  anderseits  die  Einfügung  dessen,  was  P  an  Mehr  aufweist, 
wirkliche  stilistische  Verbesserungen  darzustellen,  natürlich  im 
Geiste  Tertullians,  so  daß  sich  die  Priorität  des  Textes  F  ergibt. 
Schon  die  bei  Tertullian  in  allen  Schriften  hervortretende  Vor- 
liebe für  prägnante  Kürze  spricht  dafür.  So  hat  auch  Haverkamp 
über  den  durch  P  repräsentierten  Text  geurteilt:  vulgata  pressi- 
ora,  cogitatiora,  acutiora,  ex  secundis  eius  curis  fuerunt  ^ 


1)  Ausgabe  des  Apologetikums  (171S)  S.  292. 


78  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Im  einzelnen  ist  noch  Folgendes  festzustellen.  An  12  Stellen 
hat  P  den  einfachen  Ablativ,  wo  F  den  Ablativ  mit  einer  Prä- 
position hat;  dem  steht  nur  ein  einziger  umgekehrter  Fall  gegen- 
über. An  18  Stellen  bietet  F  entbehrliche  Pronomina,  die  in  P 
fehlen,  während  das  Umgekehrte  nur  in  2  Fällen  zutrifft.  F 
weist  18  mal  überflüssige  und  in  P  ausgelassene  Synonyma  auf, 
P  kein  einziges  dieser  Art.  In  F  finden  sich  17  Konjunktionen, 
die  in  P  vermißt  werden;  in  P  nur  4,  die  man  in  F  nicht  liest. 
F  hat  an  19  Stellen  Wörter,  die  zur  nähern  Bestimmung  dienen, 
wo  diese  Bestimmung  auch  aus  dem  Kontexte  zu  ersehen  ist, 
während  jene  "Wörter  in  P  weggelassen  sind;  hingegen  hat  P 
13  mal  solche  Wörter,  die  in  F  fehlen.  In  P  treffen  wir  10  mal 
die  Ellipse  des  Verbums,  das  in  F  steht;  das  Umgekehrte  zeigt 
sich  7  mal.  Die  Einfügung  bzw.  Auslassung  von  Adverbien  hält 
sich  in  beiden  Texten  die  Wagschale.  Auch  aus  diesen  Beobach- 
tungen dürfte  hervorgehen,  daß  P  eine  Überarbeitung  von  F  ist. 


VI.  stilistische  Verfeinerungen  in  Ansdrnck 
und  Satzgefüge. 

An  einer  Menge  von  Stellen  kann  man  zweifelhaft  sein,  ob 
die  größere  Kraft  oder  Eleganz  der  Darstellung,  beides  im  Sinne 
des  tertullianischen  Stiles  aufgefaßt,  auf  selten  von  F  oder  P 
liegt.  Einem  so  peinlich  auf  die  äußerste  Ausnutzung  seiner 
stilistischen  Kunst  bedachten  Schriftsteller,  und  zumal  bei  einem 
Werke,  das  wegen  seiner  Bestimmung  sichtlich  auf  ein  glän- 
zendes Gewand  der  Sprache  Wert  legt,  ist  es  ja  nicht  leicht, 
immer  nachzufühlen,  was  zu  einer  Änderung  bewogen  hat.  Oft 
wird  den  Auktor,  der  sich  nicht  genug  tun  kann  im  Feilen, 
nur  das  Bestreben  geleitet  haben,  im  Ausdruck  zu  wechselnd 
Eben  wegen  dieser  sprachlichen  Feinheiten  muß  aber  auch  als 
ausgeschlossen  gelten,  daß  die  Umformungen  auf  die  Rechnung 
eines  spätem  Rezensenten  zu  setzen  sind,  geschweige  denn  daß 


1)  Auch  Hartel  (s.  zweitfolgende  Anm.)  S.  18  bemerkt,  daß  zahllosen 
Variationen  zwischen  Ad  nat.  und  Apolog.  ,, keine  stilistische  oder  andere 
Absicht,  sondern  nur  das  Bestreben  zugrunde  liegt,  den  einmal  ge- 
brauchten Ausdruck  nicht  wieder  zu  gebrauchen". 


VI.  stilistische  Verfeinerungen  in  Ausdruck  und  Satzgefüge.        79 

sie  als  gewöhnliche  Varianten  der  Handschriften  eingeschätzt 
werden  dürften. 

Diese  zahlreichen  Fälle  unter  Gegenüberstellung  der  Texte 
dem  Leser  zu  unterbreiten,  würde  zuviel  Kaum  erfordern,  da 
die  Hervorhebung  einzelner  Wörter  oder  Satzverbindungen  nicht 
genügt,  um  ein  Urteil  zu  ermöglichen,  sondern  ganze  Sätze  und 
Abschnitte  abgedruckt  werden  müßten.  Zur  Nachprüfung  mögen 
nur  die  Stellen  hier  angeführt  werden. 

1  4.  7.  11  2  10.  18.  10  3?  4  R.  13  5-2.7  0  2.3.5.10  7  1.  2  8  1.  3.  8  9  3.0.7. 
8.17.20    lü  3.  10    11  1.11     12  1.2.  4    13  1.  6.  7.  9    14  6.8    15  2.3.5    16  1.  2.  6.  8.  13 

17  5  18  5  19l.3.  4.  5.  6  20  2.  4  213.4.7.10.11.12.14.15.17.18.21.22.23.24.25. 
26.29.30  22  1.6.  8.  10  23  3.  G.  8.  11.  12.  14.  19  24  2.3  25  2.4.8.9.13.14.17  26  1. 
2.3  27  4.5.6.7  28  1.4  29  1.  2.  3.  5  30  1.  4.  5  31  1  32  3  33  2.3.4  34  2.3  35  2. 
4.7  36  1  37  8.9.10  38  1.  2.  3  39  2.15.18  40l.  2.  4.  7.  13  41  1.  2.  3.  4.  6  42  1.  3 
43  2    44  2    45  1.7    46  4.5.13.14.17    47l.  9.  10.  14    482.12.13    50  5.  6.9. 

An  andern  Stellen  dürfte  es  dagegen  auf  der  Hand  liegen, 
daß  die  stilistischen  Verbesserungen  in  P  zu  suchen  sind.  Auch 
hier  muß  ich  mich  aus  dem  oben  genannten  Grunde  darauf  be- 
schränken, die  Fundorte  zu  verzeichnen. 

1  3.  8.  9.  10.  11.  12.  13  2  1.  5.  12.  13.  17.  18  3  4.5  4  5.10.13  5  3.4.6  7  3.5.6 
89     9  1.  5.  7.  8.  9.  14.  18     IO3.  5.  9.  10     118.5.6.10     12  5.7.     15  1.  2     16  2.3.4.7 

18  3    19  3.  5    20  2.  3    21  27.  28.  29.  30   22  1.  2.  3.  6.  9.  10   23  2.  4.  9.  10.  17   24  9   29  5 

32  2  33  2  34  2  35  2. 6. 7. 10.  u  37  2. 3  085  39  e.  12.  u.  le.  is.  19  40  e.  7. 9. 12 
41 1.6  42  4.7.9  44 1.3  45  3.4.7  46i.4. 7. 9. 10. 15  47  6.8.9.11.12  481.3.4. 

6.9.15    49  4.5    50  3.4.6.8.9.10.11.15. 


YII.  Verhältnis  you  F  und  P  zu  der  Schrift  Ad  nationes. 

Das  Apologetikum  ist  in  demselben  Jahre  197  wie  die  zwei 
Bücher  Ad  nationes  geschrieben,  und  zwar  bald  nach  diesen *; 
ja,  während  der  Verfasser  Ad  nat.  bearbeitete,  beschäftigte  ihn 
schon  der  Entwurf  des  Apologetikum-.  Aus  diesen  Gründen 
und  bei  der  nahen  Verwandtschaft  des  Inhaltes  finden  sich 
sprachliche  Anklänge.    Deshalb  ist  auch  unter  diesem  Gesichts- 

1)  A.  Harnack,  Gesch.  d.  altchristl.  Litteratur  bis  Eusebius.  Leipzig 
1904.  n,  2,  258:  Ad  nat.  Sommer  oder  Herbst  197,  Apol.  gegen  Ende  197. 

2)  Hartel,  Patristische  Studien  IT  (Sitzungsber.  d.  Wiener  Akad.  d. 
Wiss.  Hist.-phil.  El.  Bd.  121  [1890]  S.  15. 


80 


Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 


punkt  die  gegenseitige  Beziehung  von  F  und  P  zu  beachten. 
Ich  benutze  das  von  Hartel  ^  angefertigte  Verzeichnis  der  Parallel- 
stellen des  Apologetikum  und  der  Schrift  Ad  nationes  und  zitiere 
die  letztere  mit  den  Seiten-  und  Zeilenzahlen  der  Ausgabe  von 
Reifferscheid  und  Wissowa  im  Wiener  Korpus. 


F 

1 9  si  nullum  odii 
meritum  depre- 
hendatur  .  .  .  .;  si 
vero  de  merito  con- 
stet,  non  modo  nihil 
odio  detrahatur  ,  .  . 

1 10  sed  non  ideo, 
inquit,  bonum  prae- 
iudicatur,  quia 
multos  convertit 

6  8  Serapidem  et 
Isidem  ....  Capi- 
tolio  prohibitos 
i.  e.  curia  deorum 
pulsos 


Ad  nat. 

I  1  (p.  59  iG-io)  si 
nullum  erit  meri- 
tum odii  .  .  .  .;  sin 
vero  causa  constite- 
rit,  nihil  odio  detra- 
hetur  .... 

I  1  (p.  59  22)  non 
utique  eo  bono 
praeiudicari,  quia 
plerosque    convertat 

I  10  (p.  76  3. 4)  Se- 

rapem  et  Isidem 

prohibitos  Capi- 
tolio  Varro  com- 
memorat. 


P 

si  nullum  odii 
debitum  deprehen- 
datur . . . ;  si  vero  de 
merito  constet,  non 
modo  nihil  odii  de- 
trahatur .  .  . 

sed  non  ideo,  in- 
quit ,  bonum ,  quia 
multos  convertat - 

Serapidem  et  Isi- 
dem ....  Capitolio 
i.  e.  curia  deorum 
pulsos  3 


1)  a.  a.  0.  S.  21—84. 

2)  Das  Fehlen  des  praeiudicari  in  P  ist  nicht  allein  durch  die  Vor- 
liebe Tertullians  für  die  Ellipse  des  Verbums  (Hoppe  S.  144)  zu  erklären, 
indem  zu  bonum  ein  esse  zu  ergänzen  ist,  sondern  hat  einen  tiefern  und 
sachlichen  Grund.  Wenige  Zeilen  vorher  (1  9)  ist  nämlich  das  gleiche 
Wort  in  einem  Sinne  gebraucht  worden,  der  hier  nicht  passen  würde. 
Dort  drückt  es  das  unbewußte  und  wider  Willen  in  dem  Verweigern 
einer  gerichtlichen  Untersuchung  liegende  Urteil  aus,  das  Chi-istentum 
müsse  etwas  Gutes  sein  (quod  nesciunt,  praeiudicant  id  esse,  quod  si 
sciant,  odisse  non  poterant);  es  ist  das  geheime  und  unausgesprochene 
Zeugnis  einer  Innern  Gesinnung,  ähnlich  wie  4  4.  In  unserer  Stelle  dagegen 
bedeutet  es  das  laute  und  ausdrückliche  Zeugnis  einer  zutage  liegenden 
Tatsache.  In  dem  einen  Falle  liegt  für  den  Sinn  der  Nachdi-uck  auf  dem 
prae,  im  andern  Falle  auf  dem  iudicari,  und  in  diesem  letztern  Falle 
ist  praeiudicari  fast  gleichbedeutend  mit  praedicari.  Um  nicht  kurz  nach- 
einander dasselbe  Wort  in  sehr-  verschiedenen  Bedeutungen  zu  verwenden, 
läßt  P  es  aus.  F  hingegen  hat  es  beibehalten  in  engem  Anschluß  an 
Ad  nat.,  wo  es  in  der  andern  Bedeutung  nicht  vorausgeht.  Hier  zeigt 
sich  deutlich,  daß  in  P  und  nicht  in  F  die  bessernde  und  feilende  Hand 
gewaltet  hat.  8)  Vgl.  oben  S.  73  A.  1. 


VII.  Verhältnis  von  F  und  P  zu  der  Schrift  Ad  nationes. 


81 


7  7  unde  extraneis 
notitia,  cum  seinper 
etiain  piae  initia- 
tiones  .  .  .  etiam  ab 
arbitris  caveant ? 


I  7  (p.  6825)  ex- 
traneis linde  notitia, 
cum  etiam  iusta  et 
licita  mysteria  om- 
nem  arbitrum  extra- 
neum  caveant? 

I  7  (p.  67  8)  cum 
vera  defert 

I  7  (p.  67 13)  quasi 
officio  nuntiandi 
funeta  decedit; 
exinde  res  tenetur 

1 9  (p.  73  25)  oppida 
approbant,  in  quibus 
nati  morati  sepulti 
sunt 

Es  ist  klar,  daß  in  diesen  Stellen  F  sich  näher  an  Ad  nat. 
anschließt  als  P^.  Dafür  ist  die  nächstliegende  Erklärung  in 
der  Annahme  zu  suchen,  daß  F  entstand,  als  die  betreffenden 
Wendungen  aus  Ad  nat.  dem  Verfasser  noch  frisch  und  ge- 
läufig waren,  während  sie  bei  der  in  P  vorliegenden  Revision 
schon  ferner  gerückt  waren,  und  er  seinem  Texte  freier  gegen- 
über stand  3,  also  in  der  Annahme,  daß  P  die  spätere  Bearbeitung 


7  8  cum  aliquid 
veri  defert 

7, 9  quasi  officio 
nuntiandi  funeta  rem 
tradit;  exinde  res 
tenetur 

40  6  contestantur 
ipsae  urbes,  in  qui- 
bus nati  morati- 
que  sunt 


unde  extraneis  no- 
titia, cum  semper 
etiam  inpiae  ini- 
tiationes  ...  et  ar- 
bitris caveant  .  .  . ?  ^ 

cum  aliquid  veri 
adfert 

quasi  officio  nun- 
tiandi funeta  rem 
tradit  et  exinde 
res  tenetur 

contestantur  ipsae 
urbes,  in  quibus  nati 
mortuique  sunt. 


1)  Trotzdem  P  inpiae  und  F  piae  hat,  bleibt  der  Sinn  der  gleiche, 
nur  daß  die  Spitze  des  Gedankens  anders  gewendet  ist.  Nach  F  heißt 
es :  da  immer  sogar  die  erlaubten  Mysteriendienste  (und  darum  erst  recht 
die  unerlaubten)  ....  sich  vov  Zeugen  hüten.  Nach  P  heißt  es:  da 
immer  (nicht  bloß  die  erlaubten,  sondern)  auch  die  unerlaubten  Myste- 
riendienste ....  sich  vor  Zeugen  hüten.  Mit  solch  souveräner  Sicher- 
heit und  zugleich  Feinheit  konnte  nur  der  Verfasser  selbst  seine  Texte 
meistern. 

2)  Hartel  (a.  a.  0.  S.  21),  der  F  für  eine  spätere  Rezension  des  Originals 
hält,  ist  sogar  der  Meinung,  daß  diese  „hie  und  da  nach  den  Büchern 
Ad  nat.  hergerichtet  wurde". 

3)  A.  Hauck  (Tertullians  Leben  u.  Schriften.  Erlangen  1877.  S.  71), 
der  den  Unterschied  von  F  und  P  nicht  berücksichtigt,  ist  der  Meinung: 
„Anfangs  scheint  er  den  Wortlaut  der  früheren  Schrift  vor  Augen  gehabt 
zu  haben;  er  feilte  an  den  einzelnen  Sätzen.  Später  werden  die  Be- 
rührungen seltener  und  erscheinen  dann  mehr  gedächtnismäßig".  Die 
Beobachtung   ist    richtig    und   bestätigt    unsere  Auffassung:    die    in  den 

T.  u.  U.  '14:  Schröra.  6 


82  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

darstellt.   Zugleich  wird  es  daraus  wahrscheinlich,  daß  P  erheblich 
später  als  F  fällt. 

Dem  scheint  freilich  eine  Stelle  entgegen  zu  stehen,  an 
der  P  näher  mit  Ad  nat.    verwandt   ist  als  F.    Es  ist  folgende: 

F  I             Ad  nat.             |                  P 

1 11  malefici  gesti-  1,1  (p.   60  ?)    (rei)         malefici     gestiunt 

unt  latere,   devitant  gestiunt  latere,  devi-     latere,   devitant    ad- 

adparere,    trepidant  tant  adparere,  trepi-  j  parere,trepidantde- 

adprehensi,       ne-  dant     depreheusi,     prehensi,      negant 

gant  accusati  negant  accusati             accusati^ 

Indes  ist  hier  die  Variation  eine  so  leichte,  daß  sie  sich 
aus  der  Sucht  des  Feileus  und  Anderns  sozusagen  um  jeden 
Preis,  das  sich  auch  sonst  allenthalben  zeigt  (vgl.  oben  S.  72  f.  7S), 
erklären  läßt,  ohne  daß  eine  Einwirkung  von  Ad  nat.  anzunehmen 
ist.  Wenn  man  damit  die  andern  Stellen  vergleicht,  namentlich 
1 10  6  8  7  7. 9  40  6,  so  dürfte  das  aus  ihnen  gewonnene  Ergebnis 
nicht  beeinträchtigt  erscheinen. 


VlIL  Ergebnisse. 

Durch  die  bisherigen  Untersuchungen  hat  sich,  vorerst  ganz 
im  allgemeinen  gesprochen,  herausgestellt,  daß  Text  P  entschieden 

Anfangskapiteln  des  Apol.  stärkere  Anlehnung  an  die  Bücher  Ad  nat.  ist 
bei  der  Revision  im  Einklänge  mit  dem  Verhalten  der  späteren  Kapitel 
beseitigt  worden. 

1)  Callewaert  (S.  328  f.)  behauptet,  daß  an  manchen  Stellen  die  Hss. 
außer  F  dem  Ad  nat.  näher  stehen  als  F.  Die  dafür  neben  dem  obigen 
augeführten  zwei  Beispiele,  die  sich  auf  die  beiderseitigen  ersten  Kapitel 
beschränken,  scheinen  mir  dies  nicht  zu  beweisen.  Die  Einfügung  eines 
der  Deutlichkeit  halber  gebotenen  nescire  (1  9  malunt  nescii'e,  quia  iam 
oderunt),  das  in  F  fehlt,  aber  in  Ad  nat.  gelesen  wird;  die  Wendung 
christianus  vero  quid  simile?  (1 12)  in  P,  statt  nihil  simile  (ohne 
Frageform)  in  F,  gegenüber  dem  christiani  vero  quid  tale?  in  Ad  nat. 
—  sie  erklären  sich  genügend  durch  stilistische  Feilung  in  P,  ohne  daß 
eine  Anpassung  an  Ad  nat.  notwendig  anzunehmen  ist.  Ein  drittes  von 
Callewaert  gebrachtes  Beispiel  muß  ausscheiden,  weil  es  auf  einem  offen- 
baren Fehler  von  P  und  anderen  Hss.  seiner  Klasse  beruht :  statt  natura 
alia,  was  keinen  Sinn  ergibt,  ist  in  Übereinstimmung  mit  F  zu  lesen 
naturalia. 


VIU.  Ergebnisse.  g3 

besser  ist  als  Text  F.  Zwar  ist  auch  ihm  das  mit  jeder  haud- 
schriftliehen  Überlieferungsreihe  verbundene  Schicksal  nicht  er- 
spart geblieben,  daß  er  manche  Verderbnisse  aufweist;  aber  sie 
sind  viel  weniger  zahlreich  als  bei  F.  Doch  kam  es  nicht  dar- 
auf an,  -dieser  Frage  näher  nachzugehen,  vielmehr  handelte  es 
sich  um  die  innere  und  wesentliche  Güte  der  beiden  Text- 
gestaltungen. 

In  dieser  Hinsicht  fällt  ins  Gewicht,  daß  an  15  Stellen  P 
den  Sinn  erweitert  oder  genauer  gibt  (s.  oben  II).  Wenn  die 
Unterschiede  auch  nicht  tief  gehen,  was  ja  bei  einer  von  vorn- 
herein so  sorgfältig  angelegten  und  auf  der  Vorarbeit  der 
Bücher  Ad  nat.  beruhenden  Schrift  nicht  wunder  nehmen  kann, 
so  sind  sie  doch  beachtenswert  und  stellen  Verbesserungen  dar. 
In  103  weiteren  Stellen  finden  die  Gedanken  durch  P  einen 
besseren  und  schärferen  Ausdruck  (s.  oben  III).  Dem  geht  zur 
Seite,  daß  P  einesteils  31  mal  Satzteile  oder  bezeichnende  Einzel- 
wörter eingeschoben  und  andernteils  25  mal  solche  in  F  ge- 
strichen hat,  und  daß  diese  Einfügungen  und  Auslassungen  eben- 
falls dem  Zwecke  dienen,  die  Klarheit  und  Eindringlichkeit  der 
Darstellung  zu  steigern  (s.  oben  IV).  Ferner  zeigt  sich  an  einer 
Menge  von  Beispielen,  die  sich  gleichmäßig  durch  die  ganze 
Schrift  hindurch  erstrecken  (s.  oben  V  und  VI),  wie  der  Text 
unter  dem  Gesichtspunkte  der  stilistischen  Form  einer  Revision 
unterzogen  worden  ist,  wobei  man  zw^ar  in  einer  Minderzahl  von 
Fällen  ungewiß  sein  mag,  ob  in  F  oder  P  die  bessere  d.  h.  über- 
arbeitete Form  zu  finden  ist,  in  der  weit  überwiegenden 
Mehrzahl  aber  P  dieser  Charakter  zuerkannt  werden  muß.  So- 
nach dürfte  es  nicht  zweifelhaft  sein,  daß  P  eine  Textgestaltung 
bietet,  die  der  von  F  in  jeder  Beziehung  überlegen  ist,  was 
nicht  ausschließt,  daß  P  an  einzelnen  Stellen,  die  offenbar  ver- 
derbt sind,  aus  F  verbessert  werden  kann. 

Dieses  Ergebnis  steht  in  diametralem  Gegensatz  zu  der 
Ansicht  Callewaerts  und  der  von  ihm  beeinflußten  Gelehrten 
(s.  oben  S.  10  f.),  nach  der  F  durchgängig  den  Vorzug  verdient. 
Es  ergibt  sich  indes  noch  mehr.  Die  erw^ähnten  Änderungen 
können  in  ihrer  geschlossenen  Gesamtheit  und  einheitlichen 
Richtung  nicht  den  Zufälligkeiten  der  Überlieferung,  denen  P 
etwa  unterworfen  gewesen  ist,  der  Tätigkeit  dieses  und  jenes 
Abschreibers  oder  Rezensenten  beigemessen  werden.    Sie  müssen 

6* 


84  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

vielmehr  auf  eine  einzige  Hand  zurückgehen.  Diese  einzige 
Hand  kann  nur  die  des  Verfassers  selbst  gewesen  sein.  Denn 
wer  anders  hätte  ein  Interesse  daran  gehabt,  eine  auch  in 
der  ursprünglichen  Fassung  in  jedem  Betracht  ausgezeichnete 
Leistung  noch  zu  überarbeiten,  und  wer  anders  hätte  es  ver- 
mocht, in  die  höchst  eigenartige  Dialektik,  in  die  höchst  eigen- 
artige Sprache  eines  Tertullian  soweit  einzudringen,  die  Kunst 
des  Meisters  so  zu  übertrumpfen,  daß  er  den  Text  P  hätte 
schaffen  können? 

Gerade  bei  Tertullian  ist  eine  derartige  Neubearbeitung 
nichts  Singuläres.  Wir  wissen,  daß  er  die  Schrift  Adv.  Mar- 
cionem  dreimal  vorgenommen  hat,  wobei  freilich  die  dritte  Aus- 
gabe nur  dadurch  veranlaßt  war,  daß  ihm  die  zweite  vor  der 
Vollendung  entwendet  und  in  fehlerhaften  Abschriften  in  die 
Öffentlichkeit  gebracht  worden  war.  Leider  besitzen  wir  nur 
die  Bearbeitung  letzter  Hand  '.  In  dieser  aber  deutet  er  (I,  1)  die 
Art  der  Umarbeitung  an:  sie  war  durchgreifend  und  erstreckte 
sich  auf  das  Ganze  (varietas  in  disperso);  sie  bestand  sowohl  in 
Verbesserungen  als  auch  in  Hinzufügungen  ^.  Ebenso  liegt,  wie 
wir  sahen,  die  Sache  beim  Apologetikum.  Es  ist  ferner  zu 
beachten,  daß  er  kurz  nach  seinem  Übertritte,  im  ersten  Eifer 
des  Konvertiten,  die  Feder  zur  Verteidigung  der  neugewonnenen 
Religion  ansetzte  und  die  Bücher  Ad  nationes  verfaßte.  Sie  sind 
mit  zornsprühender  Hast  geschrieben,  so  daß  er  auch  von  ihnen 
das  properatum  hätte  aussagen  können,  womit  er  die  erste  Aus- 
gabe der  Schrift  Adv.  Marcionem  charakterisierte  (I,  1).  Das  so- 
gleich  darauf  in   Angriff  genommene   Apologetikum    ist   zwar 


1)  Die  Art  von  Rekonstruktion  der  zweiten  Ausarbeitung,  die  Kj-oy- 
mann  in  seiner  Ausgabe  (Corp.  scripfc.  eccles.  lat.  XXXXVIl)  versucht  hat, 
ist  von  A.  Bill,  Zur  Erklärung  und  Textkritik  des  1.  Buches  Tertullians 
Adv.  Marc.  (Texte  u.  Untersuchungen  zur  altchristl.  Literaturgesch.  38,  2) 
S.  94 — 100  abgelehnt  worden. 

2)  Ich  schließe  mich  hier  der  Interpunktion  Bills  a.  a.  0.  S.  6  an: 
emendationis  necessitas  facta  est.  Innovationis  eins  occasio  aliquid  ad- 
icere  persuasit.  Zunächst  bezieht  sich  emendatio  allerdings  auf  die 
Schi-eibfehler,  mit  denen  die  Exemplare  der  zweiten  Bearbeitung  behaftet 
waren;  allein  der  Verfasser  hat  damit  schwerlich  sagen  wollen,  die  inno- 
vatio  sei  auf  diese  beschränkt  gewesen,  und  die  weitere  Bearbeitung  habe 
nur  in  dem  aliquid  adicere  bestanden,  zumal  da  er  selbt  die  erste  Aus- 
gabe als  properatum  bezeichnet. 


VIII.  Ergebnisse.  85 

ruhiger  und  vornehmer  gehalten,  aber  wir  begreifen,  daß  der 
Verfasser  später  das  Bedürfnis  empfinden  konnte,  es  nochmals 
in  umfassender  Weise  durchzufeilen.  Das  Werk  wendete  sich 
zunächst  an  die  oberen  Schichten  der  gebildeten  Gesellschaft, 
deren  literarischem  Feingeschmack  Rechnung  zu  tragen  war; 
in  Verbindung  mit  Ad  nat.  bezeichnet  es  wahrscheinlich  den 
Anfang  der  schriftstellerischen  Tätigkeit  seines  Verfassers  als 
Christen  —  nur  die  kleine  Flugschrift  Ad  martyres  scheint 
voraufgegangen  zu  sein^  — ,  ja  vielleicht  den  Anfang  seiner 
schriftstellerischen  Tätigkeit  überhaupt,  und  steht  literarisch  ge- 
nommen auf  dem  Höhepunkte  seines  Schaffens"-;  es  wendete  sich 
an  einen  weiten  Kreis  von  Lesern,  Heiden  und  Christen,  und 
scheint  ihn  auch  gefunden  zu  haben,  da  es  schon  in  der  Aus- 
gabe erster  Hand  eine  große  Verbreitung  erlangte,  wie  es  sich 
unten  als  wahrscheinlich  herausstellen  wird  —  alles  Gründe, 
die  eine  Eückkehr  zu  diesem  Glanzstücke,  eine  neue  Durchsicht 
wünschenswert  machen  mochten.  Vielleicht  waren  auch  die  vielen 
Schreib-  oder  Lesefehler,  von  denen  F  entstellt  ist,  zu  einem 
Teil  bereits  in  den  ursprünglichen  Abschriften  vorhanden,  so 
daß  derselbe  Fall  des  mendosissime  descriptum  gegeben  war, 
über  das  Tertullian  in  bezug  auf  die  Bücher  Adv.  Marcionem  (1, 1) 
zu  klagen  hatte  und  das  den  Anlaß  zu  einer  neuen  Be- 
arbeitung dieser  gab. 

Die  besondere  und  nähere  Beziehung,  in  der  F  zu  der  Schrift 
Ad  nat.  steht  (s.  oben  VIII),  ist  auch  Hartel  nicht  entgangen. 
Sein  Schluß  aber,  der  übrigens  nicht  weiter  begründet  ist,  daß 
F  eine  zweite,  mit  Hilfe  der  Bücher  Ad  nat.  „hergerichtete" 
Rezension  ist,  kann  nach  allem  Gesagten  nicht  richtig  sein. 
Das  Verhältnis  erklärt  sich  ungezwungen  durch  den  Umstand, 
daß  F  unmittelbar  nach  Abschluß  des  Ad  nat.  und  unter  un- 
mittelbarer Benutzung  desselben  entstand,  P  hingegen  später 
fällt.  So  ist  hiermit  eine  neue  Stütze  für  die  bisherigen  Er- 
gebnisse gewonnen. 


1)  Ich  folge  den  Ansätzen  von  P.  Monceaux,  Hist.  litter.  de  l'Afrique 
ehret.  I  (Paris  1901)  S.  193  ff. 

2)  P.  Monceaux,  Hist.  litter.  de  l'Afrique  ehret.  11,  219:  das  Apologe- 
tikum  ist  le  centre  de  l'oeuvre  entiere  de  Tertullien,  le  foyer  d'ou  son 
genie  a  rayonne  dans  tous  les  sens.  Plus  d'une  fois,  en  d'autres  domai- 
nes,  nous  y  retrouverons  le  point  de  depart  de  ses  idees  ou  de  ses  theories. 


§(j  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Der  zeitliche  Abstand  der  beiden  Bearbeitungen  läßt  sich 
mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  durch  Heranziehung  gelegent- 
licher Texteszeugen  aus  dem  Altertum  etwas  genauer  bestimmen, 
womit  auch  einiges  Licht  auf  die  Verbreitungsgeschichte  von 
F  fällt. 

Wie  durch  Harnack  ^  bewiesen  wurde,  hat  Eusebius  in  der 
Kirchengeschichte  (und  auch  im  Chroniken)  eine  alte  griechische 
Übersetzung  des  Apologetikum  benutzt  und  wörtliche  Zitate 
aus  ihr  gebracht.  Harnack  setzt  ihre  Entstehung  in  die  erste 
Hälfte  des  dritten  Jahrhunderts  und  möchte  sie  dem  Julius  Afri- 
kanus  zuschreiben'-.  Die  Stelle  Euseb.  II,  2,  5.  6  =  Apol.  5 1.2 
ergibt  nichts  für  unseren  Zweck.  Bei  der  Stelle  Euseb.  HI,  20,  7 
=  Apol.  0  3  ist  es  zweifelhaft,  ob  der  Übersetzer  F  oder  P  vor 
sich  hatte,  indem  das  azi:  tycov  n  ovvtota)^  ebensogut  einem 
quia  homo  (F)  als  qua  et  homt)  (P)  entsprechen  kann.  Ahnlich 
verhält  es  sich  mit  Euseb.  111,  33,  3  =  Apol.  2  6. 7,  wo  xl  avtäi 
XoLXOv  eItj  jcQaxriov  griechischem  Sprachgebrauch  gemäß  so- 
wohl auf  quid  de  ceteris  ageret  (F)  als  auf  quid  de  cetero 
ageret  (P)  zurückgehen  kann.  Unentschieden  muß  die  Frage 
hinsichtlich  der  folgenden  Stelle  bleiben. 

F  i  Euseb.  I  P 

n,  25, 4  tjvixa  na-  \       cum  maxime  Ro- 
lioxa  Iv  Pcopj  •  •  •  I  ^^®  •  .  •  •  Sed   tali 
ToiovTcp  zrjq  xoÄd-  \  dedicatore          dam- 
öfojc  rinojv  ('.{f'/JjYco     nationis  nostrae  glo- 
gloriamur  ,  xavyojfieO^a  riamur 

Diese  Stelle  zeigt  auf  der  einen  Seite  Anschluß  an  P  {r/i>ixa  — 
cum),  auf  der  anderen  Seite  an  F  (durch  Auslassung  des  sed). 
Wegen  des  schlechten  Zustandes  der  Fuldaer  Abschrift  von 
Text  F  ist  es  sehr  wahrscheinlich,  daß  in  dieser  ein  ursprünglich 
in  F  stehendes  cum  weggefallen  ist  —  die  Bremer  Hs.  der 
Varianten  hat  es  — ,  so  daß  ein  Anschluß  der  griechischen 
Übersetzung  an  F  festzustellen  wäre.  Deutlicher  geht  dios  indes 
aus    zwei    anderen  Stellen  hervor,    namentlich   aus   der  zweiten. 


5  3    maxime    Ro- 

mae Tali 

dedicatore      damna- 
tionis  nostrae  etiam 


1)  Die  griechische  Übersetzung  des  Apologeticns  Tertullians  (Texte 
u.  Untersuchungen  zur  Gesch.  der  altchristl.  Literatur  VIII,  4  [1892]). 

2)  a.  a.  0.  S.  31  ff. 


VIII.  p]rgebnisse. 


87 


F 

2  6  nihil  aliud  se  de 
sacrameuto  com- 
perisse 

övlegesistae,  quas 
adversus  nos  soli 
execuntur . ..,  quas 
Traianus  .  .  .  quas 
nullus  Vespasia- 
nus  .  .  .  .  nullus 
Hadrianus  .  .  .  . 
nullus  Pius .... 


Euseb. 

III,  33,  3  ovöev 
avoöLOV  Iv  avroig 
tvQtjxivai 

V,ö,l  voiioi  ovzoi, 
oig  [Codd.:  ot]  xa&-' 
Hpimv [iovcov  bjcov- 

xat ovq  ovrs 

OveöJtaöiavog .  .. 

ovg  TgaCavog 

ovg  ovTS  ^AÖQiavog 
.  .  .  0VX8  o  Evösßrjg 


nihil  aliud  se  de 
sacramentis  eo- 
rum  comperisse 

leges  .... 

exercent  ....  quas 
Traianus  ....  quas 
nullus  Hadrianus 
.  .  .  nullus  Vespa- 
sianus  ....  nullus 
Pius  ...  1 


Wenn  sonach  der  Meinung  Callewaerts  (S.  326.  347),  F  müsse 
der  griechischen  Übersetzung  trotz  der  Freiheiten,  die  sich  diese 
erlaubt,  zugrunde  gelegen  haben,  beizustimmen  ist,  so  ist  dessen 
weiteres  Urteil:  le  texte  de  Rufin  se  rencontre  assez  souvent 
avec  les  principales  variantes  du  manuscrit  de  Fulda  und  das 
gleichlautende  Kroymanns-:  unde  liquet  hanc  recensionem  [F], 
quamvis  altera  sit  inferior,  iam  Rufini  aetate  fuisse  vulgatam 
nicht  im  vollem  Umfange  aufrecht  zu  erhalten.  Wie  durch 
Harnacks^  Untersuchung  bewiesen  ist,  hat  Rufin  in  der  Be- 
arbeitung der  eusebianischen  Kirchengeschichte  drei  der  dor- 
tigen Zitate  aus  TertulHan  einfach  aus  dem  Grriechischen  zurück- 
übersetzt und  nur  zwei  dem  Original  entnommen.  Von  diesen 
zwei  berührt  sich  das  eine  je  an  einem  Punkte  sowohl  mit  F 
als  auch  mit  P,  während  es  an  zwei  weiteren  Punkten  von  beiden 
abweicht,  nämlich: 


5  3     Neronem     in 


Rufinus  * 
II,  2, 6  Neronem 


P 

Neronem 


.  cum 


hancsectara  maxime     cum  maximeRomae  i  maxime   Romae  . 


1)  Vgl.  oben  S.  15  f. 

2)  Aem.  Kroymann,  Quaestiones  TertuUianeae  criticae.  Oeniponte 
1894.  p.  14  (nach  Callewaert  S.  326 f  zitiert;  die  Schrift  selbst  war  mir 
nicht  zugänglich).  Sämtliche  Stellen  sind  auch  bei  Harnack,  Gesch.  der 
altchristl.  Lit.  I,  686  f.  verzeichnet. 

3)  a.  a.  0.  S.  31  ff. 

4)  Nach  der  Ausgabe  Mommsens :  Eusebius  Werke  11,  1.  Leipzig  1903 
(Die  griech.  christl.  Schriftsteller  der  ersten  drei  Jahrh.  IX,  1). 


88 


Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 


Romae  .  .  .  ferocisse. 
Tali  dedicatore  .  .  . 
sedquiaethomo  . . . 
tales  semper  nobis 
insecutores.  .  . 


.  .  .  ferocisse.  Tali 
dedicatore  ....  sed 
quasi  homo  .  .  .  . 
tales  nobissemper 
insecutores  .  .  . 


ferocisse.  Sed  tali 
dedicatore  .  .  .qua 
et  homo  ....  tales 
semper  nobis  .  .  . 


Hingegen  zeugt  folgende  Stelle  durchaus  dafür,  daß  ein 
mit  F  zusammenhängender  Text  sich  in  den  Händen  Rufins 
befand  ^ 


F 

5  2  in  saeculum 
intravit,  adnun- 
tiata  sibi  ....  quae 
illic  veritatem  istius 
divinitatis  r  e  v  e  - 
laverant.  .  . 


Rufinus  P 

n, 2, 6  in  saeculum  in    saeculum    in- 

intravit,     adnun-  troivit,adnuntia- 

tiata  .  .  .  quae  illic  tum  .  .  .  quod  illic 

veritatem        istius  veritatem        ipsius 

divinitatis     revela-  revelaverat  .  .  . 
verant.  .  .                   I 


Ähnlich  wie  mit  Rufin  dürfte  es  stehen  mit  der  von  Caspari  ^ 
veröffentlichten  Altercatio  Heracliani  laici,  die  um  366  geschrieben 
ist.  Sie  bringt  (S.  143)  einen  Abschnitt  aus  Apol.  21  12 — ii, 
den  Callewaert  S.  347  —  349  verglichen  hat  mit  dem  Er- 
gebnisse, daß  die  Hauptlesarten  von  F  durch  die  Altercatio  be- 
stätigt werden.  Dies  ist  nur  insofern  richtig,  als  A  mit  F  in 
zwei  Varianten  übereinstimmt  (Auslassung  der  in  P  gelesenen 
Worte  ita  de  spiritu  spiritus  et  de  deo  deus;  structa  statt  in- 
structa  in  P),  während  in  zwei  Lesarten  Ä  mit  P  (extenditur 
statt  expanditur  in  F  —  ut  lumen  statt  et  lumen  in  F)  zusammen- 
trifft und  sie  in  sechs  weiteren  (materia  —  qualitatum  —  de 
spiritu  sancto  et  de  deo  modulo  —  alterum  —  exinde  —  Auslassung 
der  Wörter  adfatur,  docet,  operatur)  sowohl  von  F  als  auch  von 
P  abweicht.  Dieser  Befund  in  Verbindung  mit  dem  bei  Rufin 
legt  doch  die  Vermutung  nahe,  daß  im  4.  Jahrh.  ein  aus  F 
und  P  gemischter  Text  vorhanden  war.  Anderseits  gibt  er 
aber  auch  keinen  Anhalt  für  eine  Verbreitung  von  P  in  seiner 
reinen  Gestalt.  So  kann  immerhin  auch  die  Altercatio  ein  Zeuge 
dafür  sein,  daß  F  das  Feld  beherrschte. 


1)  Auch  Aem.  Kroymann ,  Quaestiones  Tertullianeae  criticae,  pars  1. 
Goetting.  1893 ,  S.  14  ist  der  Meinung ,  daß  F  dem  Rufin  vorgelegen  hat. 

2)  Kirchenhistorische  Anecdota.    Chi-istiania  1SS3.    S.  131 — 147. 


VIII.  Ergebnisse.  89 

Das  Gleiche  ist  zu  sagen  in  bezug  auf  die  Etymologiae  Isidors 
von  Sevilla,  die  an  zahlreichen,  von  M.  Klußmann  ^  ge- 
sammelten Stellen,  die  AYerke  des  Afrikaners  benutzen.  Die 
zwölf  aus  dem  Apologetikum  stammenden  Stellen  hat  Callewaert 
S.  349 f.'  einer  Untersuchung  unterzogen,  auf  die  ich  mich  stütze. 
Da  die  Benutzung  eine  ziemlich  freie  ist,  tragen  nur  vier  Stellen 
für  unsere  Frage  etwas  aus.  Eine  dieser  (Etym.  XIX,  6, 2  = 
Apol.  48 14)  folgt  P  in  der  Auslassung  eines  entbehrlichen  Wortes. 
Auf  eine  zweite  (Etym,  VI,  3,  5  =  Apol.  IS  5)  legt  CaUewaert  den 
größeren  "Wert  für  seine  Annahme,  daß  Isidor  eine  Handschrift 
von  F  gehabt  habe,  in  Wirklichkeit  jedoch  hält  hier  der  Text 
Isidors  mehr  die  Glitte  zwischen  beiden  Fassungen,  wie  der 
nachstehende  Vergleich  zeigt. 

F  I  Isidor  !  P 

Ptolemaeus,  maxime      Ptolo-  Ptolomaeorum 

quem  Philadelphum     maeus,  cognomento  eruditissimus, 

supernominant,  eru-     Philadelphus,  omnis  quem  Philadelphum 

ditissimus  rex   et     litteraturae    sagacis-  supernominant        et 

omnis       litteraturae     simus  omnis       litteraturae 

sagacissimus  |  sagacissimus. 

Zwei  andere  Stellen  (Etym.  V,  27,  26  =  Ap.  7  s;  Etym.  V,  27, 35 
=  Ap  9  7)  verraten  in  einem  einzelnen  Wort  Anschluß  an  F. 

Aus  dem  Verhör  der  Zeugen  Eusebius,  Eufinus,  Altercatio, 
Isidor  ergibt  sich,  daß  für  die  Zeit  vom  3.  bis  7.  Jahrh.  nirgends 
mit  Sicherheit  das  Vorhandensein  des  reinen  P-Textes  nach- 
zuweisen ist,  daß  vielmehr  F  entschieden  die  Vorherrschaft  be- 
hauptet. 

Wie  ist  das  zu  erklären,  wenn  P  eine  vom  Auktor  selbst 
verbesserte  und  herausgegebene  Bearbeitung  darstellt?  Schon 
oben  S.  S2  ist  aus  einem  kleinen  Anzeichen  geschlossen  worden, 
daß  P  erheblich  später  als  F  entstand.  Dieses  Anzeichen  wird 
durch  die  Verbreitungsgeschichte  verstärkt;  denn  eine  bald  er- 
folgende Neuausgabe  hätte  der  älteren  Ausgabe  erfolgreiche  Kon- 
kurrenz machen  müssen,  statt  ihr  das  Feld  zu  überlassen.  Das 
Apologetikum  als  die  gründlichste  und  beredteste  Verteidigungs- 
schrift, die  das  Christentum  aufzuweisen  hatte,  dürfte  rasch  bei 


1)  Excerpta  TertuIIianea  in  Tsidori  Hispalensis  Etymologiis  collegit 
et  explanavit.    Hamburg  1S92  (Programm), 


gij  Sckrörs,  Tertullians  Apologetikuni. 

Freund  und  Feind  Beachtung  und  Verbreitung  gefunden  haben  ', 
besonders  als  durch  die  Verfolgung  unter  Septimius  Severus 
nach  der  toleranten  Regierung  des  Commodus  die  Christenfrage 
wieder  aktuell  und  brennend  geworden  war.  Der  Markt  war 
befriedigi,  als  die  zweite  Ausgabe  erschien,  und  dieser  Umstand 
ist  deren  Absatz  hinderlich  gewesen.  Vielleicht  hat  aber  noch 
etwas  anderes  mitgewirkt.  Im  Jahre  2()7  trat  TertuUian  auf 
die  Seite  der  Montanisten  und  warf  sich  immer  stärker  und 
leidenschaftlicher  zu  ihrem  Anwalt  auf.  Das  yernichtete  sein 
Ansehen  in  der  Kirche  und  wird  auch  der  Weiterverbreitung 
des  Apologetikum  im  Wege  gestanden  haben.  Wenn  wir  an- 
nehmen, daß  nicht  lange  vor  207  die  neue  Bearbeitung  aus- 
gegeben wurde,  so  wird  es  begreiflich,  daß  sich  von  ihr  im 
Altertum  keine  bestimmten  Spuren  finden,  sondern  die  erste  Be- 
arbeitung im  Gebrauche  bHeb.  Nach  207  kann  die  Revision 
nicht  stattgefunden  haben,  weil  in  ihr  keinerlei  montanistische 
Ideen  oder  auch  nur  Anklänge  an  solche  zutage  treten,  obschon 
es  nicht  schwer  gewesen  wäre,  in  manchen  Teilen,  wie  den  über 
Martyrium,  Keuschheit  und  Prophetie  handelnden,  sie  anzubringen. 

Für  eine  heutige  Ausgabe  des  Apologetikum  folgt  die  Not- 
wendigkeit, den  Text  von  den  Sonderlesarten  des  Fuldensis  rein 
zu  erhalten  und  sie  nur  zur  Verbesserung  von  offenbar  ver- 
derbten Stellen  der  anderen  Handschriften  heranzuziehen.  Im 
kritischen  Apparat  sind  sämtliche  Varianten  des  Fuldensis, 
wenigstens  soweit  sie  nicht  auf  offenbaren  Lese-  oder  Schreib- 
fehlem  beruhen,  gesondert  zu  verzeichnen,  um  so  eine  Rekon- 
struktion der  ersten  Bearbeitung  zu  bieten.  Ohler,  der  das 
Verhältnis  des  Codex  Fuldensis  zu  den  übrigen  im  allgemeinen 
richtig  erkannt  hatte,  hat  denn  auch  seinen  Text  nur  aus  diesen 
übrigen  hergestellt,  so  daß  seine  Ausgabe  in  dieser  Hinsicht  bis 
jetzt  die  beste  ist.  Der  Weg,  den  nach  dem  Vorgange  älterer 
Herausgeber  Rauschen  betreten  hat,  und  zwar  mit  gesteigertem 
Maße  in  seinen  beiden  Ausgaben,  indem  er  einen  eklektisch  aus 
dem  Fuldensis  und  den  anderen  Handschriften  gewonnenen  Text 


1)  P.  Monceaux,  Hist.  litter.  de  l'Äfrique  ehret.  I,  248:  Si  jainais 
livre  fut  un  acte,  c'est  bien  celui-lä.  Donc,  ce  n'est  point  seulement 
notre  impression  qui  importe,  c'est  encore  et  surtout  celle  des  gens  pour 
qui  fut  ecrit  le  livre. 


IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  von  2  6.  91 

vorlegte    und    iu    diesen    möglichst    viel  Variantengut   aus   dem 
ersteren  aufnahm,  war  iu  dieser  zweifachen  Rücksicht  ein  Irrweg. 


IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  einzelner  Stellen. 

2  G  (Plinius)  adlegans,  praeter  obstinationem  non  saerificandi 
nihil  aliud  se  de  sacramentis  eorum  comperisse,  quam  coetus 
antelucanos  ad  canendum  Christo  et  deo  et  ad  confoederandam 
disciplinam  homieidium  adulterium  fraudem  perfidiam  et  cetera 
scelera  prohibentes. 

Die  Pliniusstelle  (^ep.  10,  96)  lautet:  Adfirmabant  autem  hanc 
fuisse  summam  vel  culpae  suae  vel  erroris,  quod  essent  soliti 
stato  die  ante  lucem  convenire  carmenque  Christo  quasi  deo 
dicere  secum  invicem  seque  sacramento  non  in  scelus  aliquod 
obstringere,  sed  ne  furta,  ue  latrocinia,  ne  adulteria  committerent, 
ne  fidem  fallerent,  ne  depositum  adpellati  abnegarent.  —  Das 
seque  sacramento  .  .  .  obstringere  steht  nicht  dem  carmenque  .  .  . 
dicere  parallel,  sondern  dem  ganzen  Infinitivsatze  stato  die  .  .  . 
dicere  secum  inv.  Sonst  wäre  dem  Berichterstatter  das  seltsame 
Mißverständnis  zugestoßen,  die  Christen  pflegten  jedesmal  bei 
ihren  nächtlichen  Gottesdiensten  sich  von  neuem  eidHch  zur 
Meidung  gemeiner  Verbrechen  zu  verpflichten,  woran  ja  nicht 
zu  denken  ist.  Da  nun  anzunehmen  ist,  daß  der  Christ  Tertullian 
den  Plinius  richtig  verstanden  hat,  kann  er  nicht  den  Plural 
prohibentes,  zu  coetus  antelucanos  gehörig,  geschrieben  haben. 
Es  wird  daher  mit  van  der  Vliet  ^  prohibentem,  auf  disciplinam 
bezogen,  zu  lesen  sein,  was  auch  Rauschen  adoptiert.  Nur  in 
diesem  Sinne  kann  auch  Hieronymus,  der  das  Apologetikum  ein- 
gesehen hat-,  den  Text  TertulKans  verstanden  haben,  weil  er 
schreibt:  praeter  .  .  .  antelucanos  coetus  ad  canendum  cuidam 
Christo  ut  Deo  nihil  aput  eos  repperiri.  Praeterea  ad  con- 
foederandam disciplinam  vetari  ab  bis  homicidia  .  .  .  .  ^  Hierony- 
mus, der  hier  ausdrücklich  das  Apologetikum  zitiert,  wird  pro- 


1)  Studia  ecclesiastica  I.    Lugduni  Batav.  1S91. 

2)  Harnack,  Die  griech.  Übersetzung  des  Apol.  S.  27. 

3)  Chronik  A.  Abr,  2124  (Eusebi  Chronicor.  libri  duo.  Ed.  A.  Schoene. 
Berol.  1866.  H,  165j. 


92  Sclirörs,  Tertullians  Apologetikum. 

hibentem  gelesen  haben,  wie  er  auch  das  von  Haverkamp  ein- 
gesetzte ut  deo  statt  et  deo  unserer  Handschriften  las. 

Hieronymus  wie  auch  der  griechische  Übersetzer  bei  Eusebius 
(Hist.  eccles.  III,  33,3:  '/ml  jiQoq  to  Tt]v  t-tiOT7iu?jv  avxmv  öia- 
tpvXaaosiv  xo)Äveö&ai  fpovsvsiv  .  .  .)  fanden  in  ihrer  Vorlage  auch 
das  ad  confoederandam  disciplinam,  und  doch  ist  es  schwerlich 
richtig,  weil  es  keinen  erträglichen  Sinn  gibt,  (jhler,  dem 
Rauschen  folgt,  erklärt:  i.  e.  quasi  foedere  ac  sacramento  simul 
et  ofiod-vftadov  sanciendam;  Kellner  übersetzt:  „zu  dem  Zwecke, 
die  Disziplin  zu  befestigen";  Waltzing:  pour  s'astreindre  tous 
ensemble  ä  une  discipline.  Allein  confoederare  aliquid  kann 
seiner  bestimmten  Bedeutung  nach  nichts  anderes  bezeichnen 
als  „etwas  zu  einem  Bunde  vereinigen",  hier  also:  ,, die  Sittenzucht 
der  Christen  zu  einem  Bunde  einigen",  was  doch  nichts  heißen 
würde.  Alle  andern  Erklärungen  tragen  Willkürliches  hinein. 
Und  hätte  der  sachkundige  Tertullian,  und  dazu  im  Widerspruche 
mit  seiner  Quelle,  referieren  können,  der  Mysterien-Gottesdienst 
der  Christen  hätte  den  Zweck,  die  Sittenzucht  zu  stärken?  Ich 
glaube,  daß  statt  confoederandam  zu  lesen  ist  confoederandum. 
Dann  steht  dieses  Wort  parallel  dem  canendum,  und  disciplinam 
parallel  dem  coetus  antelucanos  und  ist  wie  jenes  unmittelbares 
Objekt  zu  comperisse.  Der  Satzbau  ist  antithetisch  und  chiastisch. 
Zwei  Dinge  hat  Plinius  über  das  Religionswesen  (sacramenta )  der 
Christen  erfahren:  erstens  hinsichtlich  des  Kultus  den  mit  Hymnen- 
gesang gefeierten  Gottesdienst,  zweitens  hinsichtlich  der  das 
Gemeinschaftsband  bildenden  (confoederandum)  sittlichen  Ver- 
pflichtungen die  den  Mord  usw.  verbietende  Zucht  ^ 

2  8  Latronibus  vestigandis  per  universas  provincias  miütaris 
statio.  sortitur;  in  reos  maiestatis  et  publicos  hostes  omnis  homo 
miles  est:  ad  socios,  ad  conscios  usque  inquisitio  extenditur. 
Solum  christianum  inquiri  non  licet.  .  . 

Alle  Erklärer  wollen  sortiri  passivisch  genommen  wissen 
und  übersetzen  demnach,  für  jede  Provinz  sei  je  eine  Abteilung 
von  Soldaten  zur  Verfolgimg  der  Räuber  durchs  Los  bestimmt 
worden.  Allein  dann  müßte  es  entweder  stationes  (Plural)  oder 
per   uuamquamque    provinciam  heißen.     Auch  ist  es  vom  mili- 


1)  Davies,  Tertullian  and  the  Pliny-Trajan  Correspondence  (Journal 
of  theological  Studies  14  [1913],  407—414)  war  mir  nicht  zugänglich. 


IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  von  2  6. 8  3  i.  93 

tärischen  Gesichtspunkte  aus  schwer  denkbar,  daß,  wie  nach 
jener  Deutung  angenommen  werden  müßte,  die  Polizeizwecken 
dienende  Provinzialmiliz  durchs  Los  zusammengesetzt,  oder  daß 
gar  aus  den  Linientruppen  dieserhalb  Abteihingen  nicht  ab- 
kommandiert, sondern  ausgelost  worden  wären  ^.  Dagegen  ist 
es  wohl  denkbar,  daß  eine  nicht  unter  straffster  Disziplin 
stehende  PoHzeitruppe,  so  oft  als  eine  Räuberbande  aufzuspüren 
war,  was  ja  Soldaten  wenig  reizen  konnte,  selbst  die  erforder- 
lichen Mannschaften  durch  das  Los  bestimmen  durfte;  aus  selbst- 
verständlichen Gründen  kann  nicht  jedesmal  die  zur  Sicherheit 
einer  ganzen  Provinz  bestellte  größere  Abteilung  ausmarschiert 
sein.  Es  ist  daher  weder  nötig  noch  naheliegend,  sortiri  passi- 
visch aufzufassen,  zumal  da  es  sonst  bei  TertuUian  nur  im 
aktiven  Sinne  vorkommt  (s.  oben  unter  11  zu  23  13).  Für  unsere 
Deutung  spricht  auch  der  Umstand,  daß  nun  erst  der  Gegen- 
satz zu  omnis  homo  miles  est  in  voller  Schärfe  hervortritt: 
gegen  Räuber  lost  man  einzelne  Soldaten  aus,  gegen  (uns  als) 
Majestätsverbrecher  eilt  das  ganze  (heidnische)  Volk  als  Polizei 
herbei. 

Die  oben  beibehaltene  Interpunktion  Rauschens  wird  dem 
Sinn  nicht  gerecht,  weil  mit  ad  socios  eine  neue  Antithese  be- 
ginnt. Davor  ist  ein  Punkt  zu  setzen  und  vor  solum  ein 
Strichpunkt. 

3i  Quid?  quod  ita  plerique  clausis  oculis  in  odium  eins 
[sc.  nominis  christiani]  impingunt,  ut  bonum  ahcui  testimonium 
ferentes  admisceant  nominis  exprobationem. 

Waltzing  übersetzt:  Que  dis-je?  la  plupart  est  voue  .... 
Dies  würde  besagen,  daß  TertulKan  seine  vorhergehende  Aus- 
führung, es  sei  töricht,  das  Verbrechen  einzig  im  Namen  Christ 
zu  finden,  durch  das  Folgende  entweder  richtig  stellen  oder 
überbieten  will.  In  Wirklichkeit  folgt  indes  eine  ganz  neue  und 
das  Frühere  weder  korrigierende  noch  verschärfende  Gedanken- 
reihe. Kellner  gibt  den  Satz  also  wieder:  „Wie  nun,  wenn 
manche  ....",  womit  als  Sinn  gegeben  wäre:  wie  verhält  es 
sich  damit  oder  wie  ist  es  zu  erklären,  daß  .  .  .  . ,  während  der 
Apologet    doch    den    durch    den    blinden    Haß    herbeigeführten 


1)  Vgl.  J.  Marquardt,  Römisclie  Staatsverwaltung  II 2.  Leipzig  1884. 
S.  535.  537  f. 


94  Schi-örs,  Tertullians  Apologetikum. 

Selbstwiderspruch  geißeln  M-ill,  Das  Fragezeichen  hinter  quid, 
das  auch  Haverkamp  und  Ohler  haben,  ist  zu  streichen  und 
quid  quod  (vgl.  7  9)  zu  übersetzen  mit:  „was  liegt  darin,  daß  .  .  ." 
oder  „welch  ein  Widerspruch,  daß  ..." 

3  3  Alii  quos  retro  ante  hoc  nomen  vagos  viles  inprobos 
noverant,  ex  ipso  denotant,  quod  laudant:  caecitate  odii  in  sufFra- 
gium  impingunt,  „Quae  mulier,  quam  lasciva,  quam  festiva! 
Qui  iuvenis,  quam  lusius,  quam  amasius!  Facti  sunt  chri- 
stiani."     Ita  nomen  emendationi  inputatur. 

Ohler,  Rauschen,  Waltziog  erklären  das  denotare  mit  tadeln 
oder  brandmarken.  Der  letztere  fügt  erläuternd  hinzu:  Ils 
regardent  comme  une  fletrissure  l'eloge  qu'ils  en  fönt;  ils  les 
louent  et  ils  croient  les  fletrir.  Tertullian  will  jedoch  gerade  das 
Gegenteil  sagen,  wie  das  suffragium  (=  günstiges  Urteil)  und 
das  emendationi  imputatur  (=^  wird  zur  Besserung  angerechnet) 
zeigen.  Denotare  heißt  auch  nichts  anderes  als  durch  Zeichen 
abgrenzen,  kenntlich  machen,  kennzeichnen,  ohne  daß  damit  ein 
sittliches  Urteil  abgegeben  werden  soll.  So  gebraucht  es  Ter- 
tullian auch  sonst ;  vgl.  1 6 :  sunt  tanti  quanti  denotamur  (ihrer 
sind  soviele,  als  wir  in  der  Öffentlichkeit  bemerkt  werden),  lio: 
si  denotatur,  gloriatur  (wenn  er  angezeigt  wird).  Wenn  das 
Wort  einen  Tadel  bezeichnen  soll,  muß  es  einen  diesen  aus- 
drückenden Zusatz  erhalten,  oder  muß  die  tadelnde  Bedeutung 
sonst  aus  dem  Zusammenhange  erkennbar  sein.  Anderes  beweisen 
auch  die  im  Thes.  ling.  lat.  gesammelten  Stellen  nicht. 

Caecitate  odii  ....  gehört  logisch  zum  Folgenden,  das  den 
Inhalt  des  suffragium  gibt,  weshalb  hinter  laudant  ein  Punkt 
und  hinter  impingunt  ein  Doppelpunkt  zu  setzen  ist. 

4 1  nee  tantum  refutabo  quae  nobis  obiiciuntur,  sed  etiam 
in  ipsos  retorquebo,  qui  obiiciunt,  ut  ex  hoc  quoque  sciant 
homines,  in  christianis  non  esse  quae  in  se  non  nesciunt  esse, 
simul  uti  erubescant  accusantes,  non  dico  pessimi  optimos,  sed 
iam,  ut  volunt,  compares  suos. 

Das  non  vor  nesciunt  esse  hat  F  allein.  Es  ist  aber  nicht 
berechtigt,  wie  Heinze  S.  308  A.  1  bereits  bemerkt  hat,  weil 
Tertullian  von  der  Annahme  ausgeht,  die  Heiden  wüßten  nicht, 
daß  bei  ihnen  dieselben  Verbrechen  sich  finden,  die  sie  den 
Christen  vorwerfen. 

Daß    die    Einfügung    des    non    den    vom    Schriftsteller   be- 


IX.  Zur  J]rkliirung  und  Textkritik  von  33  4i.  95 

absichtigten  Sinn  ins  Gegenteil  verkehrt,  läßt  sich  aus  dem 
Zusammenhange  der  Stelle  erweisen.  Denn  die  augekündigte 
Retorsion,  hätte  keinen  Zweck  und  würde  unwirksam  sein,  wenn 
die  Gegner  überzeugt  wären,  daß  sie  selbst  so  sind.  Der  Apo- 
loget erklärt  ja  ausdrücklich,  zu  dem  Zweck  den  Stiel  umdrehen 
zu  wollen,  damit  die  Gegner  erkennen  (ut  sciant),  die  Christen 
seien  so  wenig  Verbrecher,  als  sie  sich  selbst  als  solche  fühlen. 
Ferner  will  der  Apologet  sie  gerade  durch  diese  seine  Über- 
führung (simul  uti)  zum  Erröten  darüber  bringen,  was  voraus- 
setzt, daß  sie  bisher  es  sich  nicht  eingestanden  haben.  Vielmehr 
müssen  sie  (ut  volunt)  es  jetzt  nach  dem  Retorsionsbeweise 
(sed  iam)  anerkennen.  Das  iam  ist  entscheidend  und  weist  auf 
die  zukünftige  Wirkung  hin;  in  demselben  Sinne  ist  es  in  dem 
Satze  vorher  gebraucht:  iam  de  causa  innocentiae  consistam. 

Das  non  von  F  ist  demnach  als  Schreibfehler  zu  streichen. 

Callewaert  (S.  338)  ist  allerdings  der  entgegengesetzten  An- 
sicht und  beruft  sich  darauf,  daß  un  grand  nombre  des  reproches 
....  retournes  par  Tapologiste  concernent  des  faits  publics: 
inobservance  des  lois,  offenses  faites  aux  dieux  nationaux, 
revoltes  contre  les  Cesars,  delits  de  moeurs  etc.  Aber  es  ver- 
schlägt hierzu  nichts,  wenn  die  von  ihm  vorgebrachten  Dinge  ehe- 
mals zu  ihrer  Zeit  und  an  ihrem  Orte  öffentlich  bekannt  gewesen 
sind.  In  Wirklichkeit  führt  er  vielfach  Tatsachen  an,  die  für 
seine  Zeitgenossen  sehr  entlegen  waren.  So  die  Nichtbeobach- 
tung  der  altrömischen  Religionsgesetze  (Kap.  5),  der  Gesetze 
gegen  den  Luxus  (Kap.  6),  die  Tötung  von  Kindern  ehemals 
in  Afrika,  von  Erwachsenen  in  Gallien,  die  Hinschlachtung  von 
Menschen  in  Rom,  die  Nachrichten  Herodots  über  den  Genuß 
von  Menschenblut,  der  Genuß  von  Menschenfleisch  bei  den 
Scythen,  die  Inzestfälle  aus  der  Mythologie,  die.  künstliche  Kon- 
struktion unbewußter  Blutschande  im  täglichen  Leben  (Kap.  9), 
der  Aufwand  an  Dialektik  (Kap.  13)  und  die  Anleihen  aus  der 
Mythologie  und  der  alten  Geschichte  (Kap.  14),  um  den  Heiden 
Herabwürdigung  der  Götter  nachzuweisen. 

Er  betont  vielmehr  wiederholt,  daß  er  den  heidnischen  Zeit- 
genossen jene  Parallelen  erst  zum  Bewußtsein  bringen  müsse. 
So  6 1  Nunc  ....  respondeant  velim  .  . . . ,  si  a  nullo  desciverunt  etc. ; 
6 10  quod  videmini  fidelissime  tueri  a  patribus  traditum  .  .  .., 
ostendam  proinde  despici  etc.;    9  3  nunc  in  occulto  perseveratur 


Qß  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

hoc  sacrum  facinus.  In  bezug  auf  das  Vorkommen  von  Blut- 
schande spricht  er  geradezu  seine  Überzeugung  aus,  daß  die 
Gegner  sich  dessen  nicht  bewulit  sind:  haec  in  vobis  esse  si 
consideraretis,  proinde  in  christianis  non  esse  perspiceretis.  Idem 
oculi  renuntiassent  utrumque.  Sed  caecitatis  duae  species 
facile  concurrunt,  ut  qui  non  vident  quae  sunt,  videre  videantur 
quae  non  sunt  (9  20).  Und  er  fügt  hinzu :  sie  per  omnia  osten- 
dam.  Es  ist  schwer  zu  verstehen,  wie  Callewaert  diese  Stelle, 
auf  die  sich  auch  Heinze  für  seine  entgegengesetzte  Meinung 
beruft,  zu  seinen  Gunsten  anführen  kann,  indem  er  das  con- 
sideraretis in  dem  Sinne  erklärt:  ils  ne  veulent  pas  toujours  le 
reconnaitre,  mais  ils  ne  lignorent  pas.  Die  caecitas  und  das 
qui  non  vident  sprechen  doch  zu  deutlich  dagegen  und  bezeugen 
ein  wirkliches  Nichtwissen. 

Noch  weniger  ist  zu  verstehen,  daß  Callewaert  sich  auf  die 
Worte  ut  volunt,  compares  suos  stützt.  Sie  besagen,  daß  nach 
dem  Willen  der  Heiden  die  Christen  als  Verbrecher  dastehen, 
und  daß  infolgedessen  die  letzteren  Ihresgleichen  sind,  weil  eben 
die  ersteren  als  die  gleichen  Verbrecher  nachgewiesen  werden. 
Compares  sind  sie  erst  (iam)  auf  Grund  dieses  Nachweises,  also 
können  sie  vorher  noch  nicht  sich  als  solche  auffassen  d.  h.  sie 
wissen  nicht,  daß  sie  es  sind. 

4  4  cum  iure  definitis  dicendo:  Non  licet  esse  vos!  et  hoc 
sine  uUo  retractatu  humaniore  praescribitis,  vim  profitemini  et 
iniquam  ex  arce  dominationem,  si  ideo  negatis  licere,  quia  non 
vultis,  non  quia  debuit  non  Heere.  Quodsi  quia  non  debet,  ideo 
non  vultis  licere,  sine  dubio  id  non  debet  licere,  quod  male  fit, 
et  utique  hoc  ipso  praeiudicatur  quod  bene  fit. 

Statt  iure  hat  P  und  mit  ihm  alle  übrigen  außer  F  dure. 
Es  liegt  ein  leicht  erklärlicher  Überlieferungsfehler  vor,  aber  es 
ist  nicht  so  klar,  ob  er  in  F  oder  P  zu  suchen  ist.  Das  letztere 
scheint  mir  wahrscheinlicher  zu  sein,  so  daß  iure  zu  lesen  ist. 
Denn  dure,  das  überhaupt  für  die  gespitzte  Darstellungsweise 
des  Verfassers  etwas  zu  schwach  erscheint,  würde  eine  Tauto- 
logie enthalten,  weil  er  denselben  Gedanken  durch  das  sofort 
folgende  sine  ullo  retractatu  humaniore  ausdrückt. 

Wenn  dure  beibehalten  wird,  entfallen  alle  Folgerungen, 
die  wie  andere  so  auch  Heinze  S.  313  A.,  Waltzing  S.  124  und 


IX.  Zur  Erklärung  uud  Textkritik  von  4  i.  4.  97 

Moneeanx  '  für  das  Vorhandensein  eines  besonderen,  das  Christen- 
tum direkt  verbietenden  Gesetzes  gezogen  haben.  Aber  auch 
wenn  iure  richtig  ist,  kann  mit  den  Worten  Non  licet 
esse  vos  nicht  der  Inhalt  eines  Gesetzes  geraeint  sein.  Denn 
die  Schrift  ist  ja  an  die  Statthalter  gerichtet  und  von  diesen 
wird  das  delinitis  ausgesagt,  die  Statthalter  können  aber  keine 
Gesetze  erlassen,  sondern  sie  nur  auf  dem  Gerichts-  und  Ver- 
waltungswege anwenden.  Darum  ist  hier  nur  von  magi- 
stratischen urteilen  oder  Verfügungen  die  Rede,  die  auf  Grund 
der  Gesetze  (iure)  erfolgen  und  tatsächlich  darauf  hinauslaufen, 
daß  die  Christen  kein  Existenzrecht  haben.  Auch  E.  Nöldechen 
(TertuUian,  Gotha  1S90.  S,  154)  denkt  bei  definitis  nicht  an  ein 
Gesetz,  sondern  an  einen  bloßen  „Spruch".  Das  steht  ganz  im 
Einklänge  mit  den  Ausführungen  der  vorhergehenden  Kapitel, 
nach  denen  tatsächlich  nur  das  uomen  verfolgt  wird.  So  läßt 
sich  aus  diesen  Worten  nicht  nur  für  das  Vorhandensein  und 
den  Inhalt  besonderer  Christengesetze  nichts  entnehmen,  sondern 
wird  im  Gegenteil  wahrscheinlich,  daß  sie  nicht  existiert  haben, 
weil  sonst  der  Verteidiger  an  dieser  Stelle  wohl  hätte  auf  sie 
wenigstens  anspielen  müssen.  Auch  das  sine  ullo  retractatu 
humaniore  praescribitis  beweist  für  unsere  Auffassung;  denn  die 
Gesetze  selbst  duldeten  keine  „Umarbeitung"  oder  „Verbesse- 
rung" seitens  der  ausführenden  Organe,  wohl  aber  unterlag  deren 
Anwendung  einer  strengeren  oder  milderen  Praxis. 

Ex  arce  ist  hier  keine  sprichwörtliche,  dem  griechischen 
tg  dxQOJtoXscog  nachgebildete  allgemeine  Redensart,  wie  Ohler, 
Rauschen,  Kellner  („wie  von  einer  Zwingburg  herunter")  und 
Waltzing  (pareille  ä  celle  d'un  tyran  commandant  du  haut  de 
sa  citadelle  vgl.  S.  126)  wollen,  ist  vielmehr  sehr  konkret  ge- 
meint. Es  entspricht  dem  ipso  fere  vertice  civitatis  (1 1)  und  be- 
deutet das  städtische  Kapitol,  auf  dem  das  Tribunal  des  Statt- 
halters steht.  Auch  hier  zeigt  sich  wieder,  daß  der  Verfasser 
nur  die  Ausführung  der  Gesetze  durch  die  praesides  im  Auge  hat, 
nicht  die  Gesetzgebung  selbst. 


1)  Hist.  litter.  de  l'Afrique  ehret.  Paris  1901.  I,  223.  Wenn  er  sich 
dafür  auf  Sulpicius  Severus  Chronic.  2,  29  (edictis  propositis  christianum 
esse  non  licebat)  beruft,  so  übersieht  er,  daß  diese  Nachricht  wahr- 
scheinlich nur  aus  Tertullian  geflossen  ist. 

T.  u.  U.  '14:  Schrörs.  7 


98  Sclu-örs,  Tertullians  Apologetikiim. 

Das  non  vor  dem  ersten  vultis,  das  in  den  Hss.  mit  Aus- 
nahme de3  Fuld.  fehlt,  ist  als  Abschreiberfehler  zu  tilgen.  Der 
grammatische  und  logische  Bau  der  Sätze  beweist  es.  Die  beiden 
quia  geben  zusammen  den  Grund  für  das  ideo  negatis  an, 
weswegen  aus  dem  zweiten  Gliede  ein  non  licere  zu  vultis  zu 
ergänzen  ist,  nicht  aber  ein  licere  aus  dem  Vorhergehenden 
(negatis  licere).  In  diesem  Satze  operiert  der  Schriftsteller 
überhaupt  mit  der  Negation  non  licere  (vgl.  non  licet  esse  vos) 
im  Unterschiede  von  dem  folgenden  Satze,  wo  er  die  entsprechende 
Position  licere  zum  Ausgang  nimmt.  Darum  ist  bei  dem 
zweiten  vultis  ein  non  ebenso  berechtigt,  als  es  bei  dem  ersten 
unberechtigt  ist. 

4  10  Quot  adhuc  vobis  repurgandae  latent  leges,  qnas  neque 
annorum  numerus  necjue  conditorum  dignitas  commendat,  sed 
aequitas  sola?  Et  ideo  cum  iniquae  recognoscuntur,  merito  dam- 
nantur,  licet  et  damnent. 

Der  erste  Satz  enthält  so,  ^äe  er  in  allen  Ausgaben  steht, 
einen  vollendeten  Widersinn.  Dann  wären  nämlich  die  Gesetze 
deshalb  zu  ändern,  weil  sie  gerecht  sind  (commendat  aequitas 
sola),  während  Tertullian  natürlich  das  gerade  Gegenteil 
sagen  will  und  im  folgenden  Satze  (ideo  .  .  .)  auch  wirklich 
sagt.  Ohler  sucht  sich,  Rigaltius  folgend,  mit  dem  verzweifelten 
Auskunftsmittel  zu  helfen,  daß  er  das  Relativ  quas  nicht  auf 
die  repurgandae  leges  bezieht,  sondern  auf  ein  zu  ergänzendes 
„die  Gesetze  im  allgemeinen'",  was  eine  mit  der  Grammatik  in 
Widerspruch  stehende  Willkür  ist.  In  derselben  Richtung  be- 
wegen sich  die  Kunststücke  der  Übersetzer.  Die  Sache  liegt  ein- 
fach. Es  sind  ZAvei  parallel  stehende  Ausrufungssätze,  und  das 
quas  des  zweiten  ist  nicht  Relativum,  sondern  Fragewort:  „welche 
(Gesetze)  empfiehlt  weder  die  Zahl....!"  d.h.  nennt  mir  die 
Gesetze,  die d.  h.  es  gibt  keine. 

4 13  Nulla  lex  sibi  soll  conscientiam  iustitiae  suae  debet, 
sed  eis,  a  quibus  obsequium  exspectat. 

Rauschen  erklärt  in  Anlehnung  au  Kellner:  (nulla  lex)  sibi 
soli  iustitiae  suae  rationem  reddere  debet.  Aber  abgesehen  davon, 
daß  conscientia  nicht  Rechenschaft  heißt,  ist  nicht  einzusehen, 
wie  ein  Gesetz  sich  selbst  und  anderen  gegenüber  Rechenschaft 
ablegen  d.  h.  sich  verteidigen  soll.  Conscientia  bedeutet  Be- 
wußtsein,   und    der  Sinn   ist:    es  genügt  nicht,  daß  ein  Gesetz 


IX.  Zur  Krklänmg  und  Textkritik  von  4  10. 13  0  3.  99 

selbst  meint,  es  sei  gerecht,  vielmehr  müssen  auch  die,   welche 
es  befolgen  sollen,  diese  Überzeugung  haben. 

0  3  Video  et  theatra  nee  singula  satis  esse  nee  nuda.  Ne 
vel  hieme  voluptas  inpudiea  frigeret,  primi  Laeedaemonii  odium 
penulae  ludis  exeogitaverunt. 

Diese  Sätze  haben,  weil  man  sie  und  die  Zusammenhänge 
nicht  verstand,  zu  seltsamen  und  unmöglichen  Erklärungen  Anlaß 
gegeben.  Das  nee  nuda  deutete  Ohler  anfangs  (in  der  Sonder- 
ausgabe des  Apol.  Halae  Sax.  1849.  S.  34),  wie  schon  Haver- 
kamp  und  de  la  Gerda  getan,  von  den  Tüchern,  mit  denen  die 
des  Daches  entbehrenden  Theater  bedeckt  waren;  ebenso  Kellner, 
Callewaert  (S.  343),  Eauschen,  "VValtzing.  Aber  während  Haver- 
kamp  richtig  den  Zweck  der  vela  allein  in  der  Abhaltung  der 
Sonnenstrahlen  (und,  wie  hinzuzufügen  ist,  des  Regens)  erblickt, 
sehen  sich  Rauschen  und  AValtzing  wegen  des  folgenden  Satzes 
genötigt,  ihnen  auch  Schutz  vor  der  Kälte  zuzuschreiben,  was 
unmöglich  ist;  denn  die  mit  offenen  Toren  und  Fenstern  ver- 
sehenen Theater  konnten  dadurch,  daß  die  Tücher  an  Stangen 
freischwebend  befestigt  waren,  nicht  wärmer  werden.  Hieran 
scheitert  schon  aus  Rücksicht  auf  den  Zusammenhang  mit  dem 
nächsten  Satze  diese  Interpretation.  Sodann  ist  nicht  abzusehen, 
warum  der  Apologet,  der  nicht  etwa  gegen  den  Luxus  des 
Theaters,  sondern  gegen  deren  Existenz  (6  2  theatra  statim  .... 
destruebant)  sich  wendet,  in  dem  Gebrauch  der  vela  etwas  be- 
sonders Gravierendes  erblickt  haben  sollte.  Ohler  hat  denn 
auch  jene  Deutung  später  (in  der  Gesamtausgabe  I,  134)  zurück- 
genommen und  sie  durch  die  andere  ersetzt,  es  sei  mit  nuda 
die  leichtere  Kleidung  der  Zuschauer  und  Schauspieler  gemeint, 
offenbar  um  den  Gegensatz  zu  der  schweren  paenula  im  Folgenden 
herauszubringen.  Als  ob  nuda  gleich  sein  könnte  nullo  crassiore 
vestimenti  genere  contra  frigus  muniti,  wie  er  erläutert.  Und 
welch  eine  auch  bei  einem  Tertullian  überkühne  Metapher,  wegen 
der  leichteren  Gewänder  der  Menschen  das  Theater  nackt  zu 
nennen!  Die  richtige  Erklärung  ergibt  sich  sowohl  aus  der 
natürlichen  Bedeutung  von  nudus  .(=leer)  als  auch  aus  dem 
Gegensatz  zu  der  von  den  alten  Gesetzen  verfügten  Zerstörung 
der  Theater  wegen  ihrer  unsittHchen  Wirkungen  auf  das  Volk. 
Demgegenüber  bemerkt  Tertullian,  der  den  Wandel  der  gesetz- 
lichen Einrichtungen  brandmarken  will,  jetzt  kämen  die  Theater 


100  Schi-örs,  Tertullians  Apologetikum. 

■weder  vereinzelt  vor  noch  ständen  sie  unbenutzt  da.  Ja,  nicht 
einmal  im  Winter  (vel  hieme)  lasse  sich  das  Publikum  durch 
die  Kälte  vom  Theaterbesuch  abhalten,  indem  man  den  Gebrauch 
dicker  Mäntel  (penulae)  ausgedacht  habe.  Weil  er  aber  im 
Vorhergehenden  von  den  Vorfahren  gerühmt  hatte,  sie  hätten 
die  Theater  verboten,  da  sie  stuprandis  moribus  orientia  ge- 
wesen seien,  fügt  er  die  einen  weiteren  Gegensatz  bezeichnende 
sarkastische  Wendung  hinzu  ne  .  .  .  .  voluptas  inpudica  frigeret, 
womit  er  zugleich  die  Verwendung  der  penula  im  Theater  unter 
einem  neuen  Gesichtspunkte  geißelt. 

Aber  wie  kommen  die  primi  Lacedaemonii  in  diesen  Ge- 
danken hinein?  Der  Apologet  hat  es  doch  nicht  mit  den  alten 
Spartanern,  sondern  mit  den  Römern  der  Kaiserzeit  zu  tun. 
Und  wäre  nicht  der  Umstand,  daß  schon  die  wegen  ihrer  Ab- 
härtung berühmten  Bewohner  von  Lacedämon  den  verweich- 
lichenden Gebrauch  der  schweren  Mäntel  bei  den  Schauspielen 
eingeführt,  ein  Entschuldigungsgrund  für  die  Zeitgenossen?  Aller- 
dings, wenn  der  Schriftsteller,  wie  alle  Erklärer  sagen  lassen, 
wirklich  die  Spartaner  als  die  Erfinder  hingestellt  hätte.  Die 
Quellen  wissen  jedoch  von  dieser  historischen  Tatsache  nichts, 
obwohl  die  Kommentatoren  sie  schlankweg  behaupten.  Es 
kommt  ihnen  freilich  das  Bedenken,  daß  die  dura  et  bellica 
gens  (Ohler)  eher  auf  die  militärische  Verwendung  der  penula 
im  Felde  als  auf  die  im  Theater  verfallen  sein  würde,  und 
darum  wird  der  Apologet  von  ihnen  über  diese  Einschränkung 
belehrt  oder  er  wird  auch  geradezu  des  Irrtums  beschuldigt 
(Waltzing  S.  140),  gleich  als  ob  wir  von  der  ganzen  Sache 
etwas  wüßten.  Das  Schlimmste  aber  ist,  daß  auch  Tertullian 
nichts  davon  weiß.  Er  will  nur  die  Verweichlichung  und  Wol- 
lüstigkeit seiner  Zeitgenossen  verspotten  und  nennt  sie  darum 
ironisch  Ober-Lacedämonier  (primi  Lacedaemonii  ist  Apposition 
zu  excogitaverunt  =  als  oberste  Lacedämonier). 

Aus  den  bisherigen  Darlegungen  folgt,  daß  die  beiden 
Sätze  Video  et  theatra  ....  und  Ne  vel  hieme  ....  eng  zu- 
sammengehören und  einen  einzigen  Gedanken  ausdrücken,  den 
des  Gegensatzes  zu  dem  6  2  theatra  stujjrandis  moribus  orientia 
statim  destruebant.  Dasselbe  ergibt  sich  auch  aus  der  stilistischen 
Form:  in  6  3  werden  drei  Antithesen  zu  62  aufgestellt  und  jedes- 
mal  mit   der   Anaphora   Video   eingeleitet.     Darum  gehört  das 


IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  von  Gs  7  ii.  12.  101 

Ne  vel  hieme  ....  in  das  Satzgefüge  Yon  Video  et  theatra  .  .  . : 
es  gibt  die  Begriiudung  oder  Erläuterung  zu  dem  unmittelbar 
vorliergeliendeu  nuda. 

Aus  diesem  Grunde  ist  die  Begründungs-  und  Erläutenmgs- 
konjunktion  nam,  die  alle  Hss.  mit  Ausnahme  von  F  haben, 
durchaus  am  Platze.  Es  ist  also  zu  interpungieren:  Video  et 
theatra  nee  singula  satis  esse   nee  nuda;  nam  ne  vel  hieme .  .  .  . 

Callewaert  S.  342  f.  benutzt  diese  Stelle,  um  zum  Lobe  von 
F  die  übrigen  Texteszeugen  lächerlich  zu  machen,  indem  er  be- 
hauptet, sie  hätten  angenommen,  die  penula  diene  zum  Bedecken 
des  Theaterraumes,  und  hätten  deshalb  das  nam  eingeschoben. 
Callewaert  hat  den  Text  so  wenig  begriffen,  daß  er  aus  dem 
odium  penulae  herausliest,  dieses  Kleidungsstück  sei  bei  den 
Römern  unbeliebt  gewesen,  während  doch  das  Gegenteil  fest- 
steht ^  Tertullian  sagt  odium  penulae  (==  odiosa  penula  =  be- 
schwerlicher Mantel),  weil  er  aus  dickem,  zottigem  Stoffe  war; 
deswegen  nennt  er  sie  De  Corona  mil.  c.  1  gravissimas  penulas. 

7  11. 12  (fama)  ab  uno  aliquando  principe  exorta  sit  necesse 
est.  Exinde  in  traduces  linguarum  et  aurium  serpit,  et  ita  mo- 
dici  seminis  vitium  cetera  rumoris  obscurat,  ut  nemo  recogitet, 
ne  primum  illud  os  mendacium  seminaverit  .... 

In  dieser  Stelle  ist  modici  ....  obscurat  dunkel  und  hat 
zu  Emendationsversuchen  gereizt.  Ohler  legt  ihrer  gleich  drei 
vor,  ohne  indes  einen  anzunehmen;  sie  können  auf  sich  beruhen 
bleiben.  Waltzing  S.  147  will  obscurant  lesen  und  übersetzt: 
Le  vice  inherent  ä  cette  humble  semence  est  ä  tel  point  dissi- 
mule  par  l'eclat  des  rumeurs  qui  circulent  ensuite.  Dazu  gibt 
er  die  Erklärung:  L'eclat  qu'acquiert  plus  tard  la  renommee, 
les  bruits  qui  circulent  plus  tard  (cetera  rumoris)  obscurcissent 
l'humble  origine  de  la  renommee,  et  empechent  de  remonter 
ä  cette  origine.  Allein  cetera  läßt  sich  nicht  zeitlich 
fassen,  im  Sinne  einer  späteren  ausgebreiteten  Entwickelung, 
sondern  das  Wort  reiht  einem  gegebenen  Teile  einen  anderen, 
ihm  gleichstehenden  an.  Hier  würde  also  das  modici  seminis 
Vitium  ein  Teil  des  rumor  sein,  oder  es  würde  ihm  der  aus 
ihm  entstandene  (seminis)  rumor  parallel   gestellt  sein.     Dieses 


1)  Vgl.  W.  A.  Becker,  GallusS.  Leipzig  1S63.  III,  155  ff.  J.  Marquardt, 
Das  Privatleben  der  Römer  2.  Leipzig  1SS6.  II,  564  f. 


102  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

aber  will  gerade  der  Schriftsteller  nicht  sagen,  vielmehr  ist 
sein  Gedanke:  das  eine  verdeckt  und.  verdunkelt  das  andere,  so 
daß  man  es  nicht  mehr  erkennen  kann.  Dazu  konnte  er  um 
so  weniger  das  Wort  cetera  gebrauchen,  als  er  ihm  gerade  das 
modicum  als  Gegensatz  gegenüberstellt,  wie  er  denn  auch  in 
der  Parallelstelle  Ad  nat.  1,  7  (p.  67  21)  sagt:  modicum  originum 
Vitium  maius  rumoris  obscurat. 

De  la  Gerda  (bei  Ohler,  der  sich  ihm  anschließt)  erklärt: 
Vitium  modici  seminis  .  .  .  obscurat  ceteras  proprietates  rumoris. 
Diese  Auffassung  wird  der  Wortbedeutung  von  cetera  zwar  ge- 
recht, muß  aber  ebendeshalb  auch  in  dem  vitium  seminis  eine 
der  Eigenschaften  des  rumor  erblicken  und  gerade  dieser  Eigen- 
schaft (nämlich  der  ursprünglichen  Lügenhaftigkeit)  die  Wirkung 
zuschreiben,  daß  man  sie  selbst  nicht  erkennt  (ut  nemo  recogitet, 
ne  .  .  .  .  mendacium  .  .  .  .),  während  doch  Tertullian  genau  das 
Umgekehrte  ausdrücken  will,  nämlich  daß  der  lügenhafte  Ur- 
sprung durch  den  rumor  so  verhüllt  ist,  daß  man  nicht  an  ihn 
denkt,  wie  auch  Pamelius  und  Hartel  (Patrist.  Studien  II  S.  37) 
erkannt  haben.  Und  wie  darf  man  cetera  rumoris  mit  proprie- 
tates rumoris  gleichsetzen,  und  worin  sollen  sie  bestehen? 

Man  hat  nicht  erkannt,  daß  der  Schriftsteller  hier  das  bis 
ins  einzelne  durchgeführte  Bild  von  einer  rankenden  Pflanze 
gebraucht,  und  hat  darum  falsch  übersetzt.  Princeps  (=das, 
was  das  erste  in  einer  Reihenfolge  ist,  den  Anfang  macht)  be- 
deutet hier  nicht  „Urheber"  (Kellner,  AValtzing),  sondern  Wurzel; 
traduces  (von  traduco  =  hinüberführen)  nicht  „Leitung"  (Kellner), 
oder  rivus  (Rauschen)  oder  „Kanäle'"  (Waltzing),  sondern  Ran- 
ken i;  semen  nicht  Same  (Waltzing),  sondern  Setzling,  wie 
auch  9  3  dieses  Wort  gebraucht  ist.  So  entsteht  folgendes  Bild : 
das  lügenhafte  Gerücht  geht  aus  einer  einzigen  Wurzel  hervor,  aus 
ihr  sprossen  kriechende  (serpit)  Ranken,  die  durch  die  Zungen  und 
Ohren  der  es  weiter  Verbreitenden  gebildet  werden,  und  die 
Ranken    werden    zu    einem    dichtenden   Geflecht    des    Geredes 


1)  Die  landwirtschaftliche  Bezeichnung  für  die  zur  Fortpflanzung 
weiter  gezogenen  Weinreben  (vgl.  Freunds  lat.  Wörterbuch  z.  d.  W.).  — 
Communiter  bezieht  sich  nur  auf  videri,  nicht  auch  auf  die  folgenden 
Satzglieder,  wie  Kellner  und  Waltzing  wollen.  Die  Ausdrücke  der 
übrigen  Grlieder  sind  an  sich  eindeutig,  weil  sie  nur  auf  Sinnliches  gehen 
können. 


IX.  Zur  Erkläruug  und  Textkritik  von  7  ii.  12  9  2.  103 

(ramoris),  das  den  kleinen  Setzling  (modicum  semen)  und  dessen 
Fehler  ganz  verdeckt  (obscurat).  Aber  cetera  runioris?!  Es 
paßt  nicht  in  das  Bild  und  dürfte  zu  ändern  sein  in  cetra  (=  Schild), 
ein  Wort,  das  nicht  selten  ist  (s.  Thes.  ling.  lat.  zu  caetra).  Aus 
cetra  konnte  sehr  leicht  das  bekanntere  cetera  verlesen  oder 
verschrieben  werden. 

Die  beiden  Sätze  unserer  Stelle  gehören  eng  zusammen, 
weshalb  die  Abtrennung  durch  einen  neuen  Paragraphen  bei 
Kauschen  unzulässig  ist. 

Auch  die  mit  Konjekturen  viel  gequälte  Parallelstelle  Ad 
nat.  1,7  (modicum  originum  vitium  rumoris  obscurat)  wird  nun 
klar.  Mit  Hartel  (a.  a.  0.)  wird  anzunehmen  sein,  daß  vor 
rumoris  ein  Wort  ausgefallen  ist,  nur  dürfte  mit  ihm  nicht  maius 
zu  ergänzen  sein,  sondern  cetra.  Jedenfalls  könnte  zu  einem 
maius  nicht  vitium  hinzugedacht  werden,  w^ie  Hartel  will,  weil 
dieses  den  Gedanken  stören  -^ürde. 

9-2  Infantes  penes  Africam  Saturno  immolabantur  usque  ad 
proconsulatum  Tiberii,  qui  ipsos  sacerdotes  ....  votivis  crucibus 
vivos  exposuit  teste  militia  patris  nostri,  quae  id  ipsum  munus 
illi  proconsuH  functa  est. 

Diese  Stelle  gibt  mehr  als  eine  Frage  auf.  Statt  id  ipsum 
munus,  w'as  P  und  die  übrigen  haben,  liest  F  ad  ipsum  manus 
(=  Mannschaft).  Beide  Varianten  ergeben  einen  Sinn,  der  sich 
auch  dem  Ganzen  einfügt,  schwerlich  aber  liegt  hier  eine  absicht- 
liche Änderung  vor.  In  F  klingt  manus  mit  Kücksicht  auf 
militia  etwas  tautologisch,  weshalb  eher  ein  Verderbnis  anzu- 
nehmen ist. 

Bedeutsamer  ist,  daß  dem  patris  nostri  von  F  die  anderen 
Textzeugen  einstimmig  ein  patriae  nostrae  gegenüberstellen. 
Als  Lese-  oder  Schreibfehler  ist  diese  Abweichung  leicht  zu  er- 
klären; es  fragt  sich  nur,  auf  wessen  Seite  er  zu  suchen  ist. 
Von  vornherein  spricht  die  Vermutung  für  F,  dessen  Fehler 
dieser  Art  an  die  anderthalb  Hundert  gehen,  während  sie  bei  P 
verhältnismäßig  selten  sind.  Wenn  man  auch  manche  einem 
späteren  Stadium  der  Überlieferung  zur  Last  legen  mag,  so  gehen 
doch  auch  wohl  manche  auf  die  ursprünghche  Ausgabe  zurück. 
Vielleicht  ist  dieser  zugestoßen,  was  Tertullian  bei  der  Schrift 
Adv.  Marcionem  zu  beklagen  hatte  (1, 1),  daß  die  erste  Bearbeitung 
•  „übereilt",    die   zweite   .,höchst   fehlerhaft"    abgeschrieben    war. 


104  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Für  die  Unrichtigkeit  von  F  sprechen  aber  auch  noch  andere 
Gründe. 

Auffallen  muß,  daß  der  Schriftsteller  hier  von  seiner  eigenen 
Person  im  Plural  (nostri)  gesprochen  haben  sollte.  Sonst  liebt 
er  es,  an  den  Stellen,  wo  er  sich  nicht  mit  den  Christen  zu- 
sammenfaßt, den  Singular  zu  gebrauchen  (2  12. 14  4  1  6  3. 11  S 1. 7 
9  20  1Ü5.  iousw.\  und  unmittelbar  vorher  noch  tut  er  es  (refuta- 
verim,  ostendam).  An  unserer  Stelle  handelt  es  sich  noch  dazu 
um  eine  höchstpersönliche  und  private  Beziehung. 

Wenn  militia  patris  richtig  ist,  müßte  man  statt  quae 
functa  est  eher  erwarten  qui  functus  est;  denn  vor  allem  käme 
doch  die  Zeugenschaft  des  Führers  der  Truppe  in  Betracht. 
Und  wofür  sollte  sonst  dieser  hervorgehoben  sein!  Nicht  etwa 
darum,  weil  Tertullian  durch  seinen  Vater  das  Zeugnis  erfahren 
hat,  da  es  ihm  nach  Zusammenhang  und  Zweck  der  Stelle  auf 
ein  öffentlich  bekanntes  Zeugnis  ankommt.  Aus  diesem  Grunde 
kann  auch  militia  nicht  im  abstrakten  Sinne  (Soldatenstand, 
Kriegsdienst)  gefaßt  werden. 

Die  Lesart  patris  nostri  zwingt  zu  der  Annahme,  daß  die 
Sache  sich  zu  dessen  Lebzeit  zugetragen,  also  nicht  sehr  weit 
zurückliegen  kann.  Aber  dann  mußten  es  auch  andere  Zeit- 
genossen noch  wissen,  und  der  Verfasser  hätte  sich  auf  deren 
Zeugnis  als  viel  zweckdienlicher  berufen  müssen.  Auch  die  Be- 
tonung im  folgenden  Satze  sed  et  nunc  in  occulto  perseveratur 
legt  nahe,  daß  er  längst  Vergangenes  im  Auge  hat.  Vor  allem 
aber  beweist  dies  die  ausdrückliche  Angabe,  das  Vorkommnis 
falle  in  das  Prokonsulat  des  Tiberius  (gest.  37).  Hier  liegt 
übrigens  eine  Schwierigkeit.  Von  einer  prokonsularischen  Tätig- 
keit des  nachmaligen  Kaisers  Tiberius  in  Afrika  wissen  wir 
nichts.  Deshalb  ist  unter  Änderung  des  „proconsulatum"  in 
„proconsulem"  an  einen  Legaten  desselben  oder  an  einen  anderen 
Tiberius  gedacht  worden  (s.  Ohler).  In  dem  ersten  Falle  bliebe 
die  Beweiskraft  dieselbe;  der  andere  Fall  ist  unwahrscheinlich, 
weil  sonst  sich  Tertullian  hätte  genauer  ausdrücken  müssen, 
da  jeder  bei  dem  bloßen  Namen  Tiberius  an  den  Kaiser  denken 
mußte.     E.  Nöldechen  ^  hält  durchaus  an  diesem  fest  unter  Be- 


1)  Tertullian.    Gotha  1890.    S.  1702. 


IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  von  0  2.  105 

rufung  auf  Tacit.  Annal.  3,  35  und  denkt  au  ein  ausnahmsweise 
für  Afrika  verfügtes  Prokonstilat. 

So  unmöglich  die  Lesart  F  ist,  so  verständlich  erscheint 
die  andere.  Für  die  Ausführung  polizeilicher  Maßnahmen,  wie 
in  dem  .vorliegenden  Falle,  stand  dem  Statthalter  eine  besondere 
Provinzialmiliz  zur  Verfügung,  auch  in  jenen  Provinzen,  in 
denen  Legionen  garnisonierten  K  Darum  nennt  Tertullian  sie 
mit  Nachdruck  militia  patriae  nostrae.  In  der  ständigen,  aus 
einheimischen  Mannschaften  gebildeten  Truppe  konnte  die  Erinne- 
rung an  hervorragende,  wenn  auch  längst  vergangene,  Ereignisse 
lebendig  geblieben  sein,  w^enn  man  nicht  lieber  annehmen  will, 
mit  der  Wendung  teste  militia  sei  nicht  ein  wirkliches  Zeugnis 
angerufen,  sondern  nur  rhetorisch  auf  das  ausführende  Organ 
hingewiesen. 

Mit  unserer  Frage  hängt  eine  andere  zusammen.  Hierony- 
mus  lind  er  allein  berichtet  2,  der  Vater  TertuUians  sei  centurio 
proconsularis  gewesen.  Ist  schon  im  allgemeinen  Hieronymus 
in  solchen  Dingen  wenig  verläßlich'^,  so  kommen  hier  weitere 
Bedenken  dazu.  Die  Amtsbezeichnung  centurio  proconsularis 
kommt  m.  W.  sonst  niemals  vor  und  hat  auch  militärisch 
schwerlich  einen  Sinn^  Der  Angabe  liegt  wohl  keine  positive 
Nachricht  zugrunde.      Wie   Hieronymus,   wenn    er    eine    solche 


1)  J.  Marquardt,  Römische  Staatsverwaltung  2.    Leipzig  1SS4.  11,537. 

2)  De  viris  inlustr.  c.  53.  Chronic.  A.  Abr.  222G  (Eusebi  Chrou.  libri 
duo.    Ed.  A.  Schoene.    Berol.  1866.   II,  177). 

3)  St.  V.  Sj^chowski,  Hieronymus  als  Litterarhistoriker.  München  1S94. 
S.  ISff. 

4)  Nach  dem  sonstigen  Sprachgebrauch  bedeutet  proconsularis  jemand, 
der  den  Rang  oder  die  Funktion  eines  Prokonsuls  hat  (vgl.  proconsularis 
vir  =  Prokonsul,  proconsulare  imperium).  Monceaux  (Hist.  litt,  de  I'Afrique 
ehr.  I,  178)  hält  unter  Berufung  auf  Cagnat  (L'armee  Romaine  d'Afrique 
Paris  1892.  S.  261)  für  wahi-scheinlich.  daß  der  centurio  proconsularis  ge- 
wesen sei  le  chef  d'un  de  ces  detachements  de  la  troisieme  legion  qui 
etaient  mis  par  le  legat  de  Numidie  ä  la  disposition  du  proconsul  d'Afrique- 
Allein  wir  haben  keinen  Beleg  dafür,  daß  ein  solcher  jenen  Namen  ge- 
führt hätte,  und  Tertullian  scheint  nicht  eine  abkommandierte  Abteilung 
der  Linie,  sondern  eine  ständige  Provinzialmiliz  im  Auge  zu  haben  (s.  oben 
S.  93).  Auch  Dessau,  Über  einige  Inschriften  aus  Cirta  (Hermes.  Zeitschr. 
f.  klass.  Phil.  15  [1880],  4732)  findet  den  cent.  proc.  „bedenklich".  Doma- 
szewski,  Die  Rangordnung  d.  röm.  Heeres  (Bonner  Jahrbb.  117  [1908]) 
kennt  keinen  cent.  proc. 


J^Qß  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

unter  den  Füßen  hat,  diese  bestimmt,  sogar  umständKch  angibt, 
beweist  gerade  sein  Kapitel  über  Tertullian:  für  den  Ausspruch 
Cyprians  Da  magistrum  werden  die  Zeugen  genau  augeführt. 
In  derselben  AYeise,  wie  er  wahrscheinlich  seine  Mitteilung  vom 
Priesterstande  Tertullians  aus  Andeutungen  in  dessen  Schriften 
abgeleitet  hat,  dürfte  er  auch  aus  unserer  Stelle  den  centurio 
proconsularis  gewonnen  haben.  Er  las  das  Apologetikum  in  der 
Rezension  F  und  fand  hier  die  militia  patris  nostri  K  Mit  dieser 
Lesart  steht  und  fällt  daher  seine  Angabe.  Wie  die  Priester- 
würde Tertullians  nicht  auf  das  Zeugnis  des  Hieronymus  ge- 
stützt werden  kann  und  zweifelhaft  bleibt  "'^,  so  ist  auch  das 
patre  centurione  proconsulari  aufzugeben. 

9  4  quos  [die  dem  Saturn  zu  opfernden  Kinder]  quidem 
parentes  sui  offerebant  etlibentes  respondebantet  infantibus 
blandiebantur,  ne  lacrimantes  immolarentur. 

Die  Übersetzer  geben  respondere  mit  „einem  Gelübde  ent- 
sprechen" wieder.  In  dieser  Bedeutung  läßt  sich  jedoch  das 
Wort  nicht  belegen,  auch  aus  Tertullian  nicht.  Es  heißt  auch 
hier  einfach  ., antworten",  aber  im  Sinne  eines  Vertragschlusses  ■^, 

1)  Auch  Dessau  (a.  a.  0.)  sieht  hier  die  Quelle  und  hält  die  Lesart 
ebenfalls  für  unrichtig. 

2)  Gegen  das  Priestertum  Tertullians  H.  Koch,  War  T.  Priester? 
(Histor.  Jahrb.  28  [1907],  95—103).  Hiergegen  wandte  sich  A.  d'Ales,  Ter- 
tullien  et  Calliste  (Revue  d'hist.  eccles.  13  [1912],  5  f.  A.  2)  und  besonders 
P.  de  Labriolle,  T.  etait-il  pretre?  (Bull,  d'ancienne  litter.  et  d'archeo- 
logie  3  [1913],  161—174).  Gegenüber  der  Hypothese  Kastners,  daß  T. 
identisch  sei  mit  dem  häretischen  Presbyter  Florinus  von  Rom  verteidigte 
Koch  seine  Ansicht  (Zeitschr.  f.  neutest.  Wiss.  u.  die  Kunde  des  Urchristen- 
tums 13  [1912],  59— S3;  vgl.  ebenda  S.  151  ff.  306  ff.  weitere  Ausführungen 
Kastners  und  Baumstarks).  H.  Koch,  Tertullians  Laienstand  (Zeitschr. 
f.  Kirchengesch.  35  [1914],  1 — 8).  Zu  T.abriolles  Gegengründen  hat  sich 
Koch  m.  W.  bis  jetzt  nicht  geäußert.  Da  sich  die  Streitfrage  um  die 
Deutung  schwieriger  Tertullianstellen  dreht,  wird  sie  kaum  eine  klare 
Schlichtung  erfahren.  Auf  jeden  Fall  aber  wird  man  nicht  mit  Bestimmt- 
heit von  einem  Priestertum  Tertullians  sprechen  dürfen. 

3)  Die  gewöhnliche  Form  eines  Verbal  Vertrages,  die  Stipulation, 
wurde  durch  die  mündliche  Frage  des  einen  (spondesne?)  und  die  ent- 
sprechende Antwort  des  anderen  abgeschlossen.  Vgl.  P.  F.  Girard,  Ge. 
schichte  und  System  des  röm.  Rechtes.  Übersetzt  von  R.  v.  Mayr,  Berlin 
1908.  S.  526  f.  Respondere  ist  der  technische  Ausdruck  für  die  Antwort 
auf  die  Frage  des  Stipulators.  Vgl.  Heumann-Seckel,  Handlex.  z.  d.  Quellen 
d.  röm.  Rechts»,  Jena  1907.  z.  d.  W. 


IX.  Zur  Ei'klänmg  und  Textkritik  von  9  4.5.12.  IQT 

■wie  auch  die  von  Ohler  (I,  443  zu  De  Corona  mil.  c.  9)  gesammelten 
Stellen  zeigen.  Zwischen  den  die  Gottheit  vertretenden  Priestern 
und  dem  Opfernden  fand  ein  Vertrag  statt,  der  durch  Frage 
und  Antwort  abgeschlossen  wurde.  Der  Saturnpriester  fragte 
die  Eltern,  ob  sie  ihr  Kind  hingeben  wollten  und  es  gern  (libentes) 
täten,  was  bei  allen  Opfern  dieser  Art  zu  ihrer  Gültigkeit  not- 
Aveudig  war.  Das  Wort  in  dem  anderen  Sinne  würde  zudem  den 
Zusammenhang  im  Satze  stören.  Der  Verfasser  beschreibt  den 
Hergang  bei  dem  Kinderopfer,  wie  er  sich  der  Reihe  nach  voll- 
zog: das  Übergeben  der  Kinder  (offerebant),  die  zustimmende 
Erklärung  der  Eltern,  das  Liebkosen  der  Kinder,  um  sie  vom 
Weinen,  das  das  Opfer  gestört  haben  würde,  abzuhalten.  Hätte 
respondere  die  Bedeutung  „das  Gelübde  erfüllen",  so  müßte  es 
vor  offerebant  stehen.  Kellner  und  Waltzing  haben  dies  auch 
richtig  gefühlt,  indem  sie  es  in  der  Übersetzung  tatsächlich  an 
die  erste  Stelle  rücken  (Waltzing:  offrir,  s'acquittant  de  bon 
coeur  dun  voeu),  was  natürlich  unerlaubte  Willkür  ist. 

9 5  Hoc  [i.  e.  sanguine  bestiarii  proluere],  opinor,  minus  quam 
hominis?     An  hoc  turpius,  quod  mali  hominis? 

Wenn  diese  Sätze  mit  Ohler,  dem  Eauschen  folgt,  als  zwei 
getrennte  Fragen  angesehen  werden,  so  erfordert  der  Sinn 
durchaus  minus  turpe  statt  turpius.  Waltzing  übersetzt  denn 
auch  so,  jedoch  in  offenbarem  Widerspruche  mit  dem  Wortlaute, 
zudem  faßt  er  den  ersten  Satz  als  Ausruf.  Haverkamp  behandelt 
den  ersten  Satz  als  einfache  Aussage  und  möchte  dem  zweiten 
mit  einer  willkürlichen  Emendation  zu  Hilfe  kommen. 

Beide  Sätze  bilden  vielmehr  eine  einzige  und  zwar  eine  dis- 
junktive Frage,  bei  der  die  erste  Fragepartikel  (num  oder  utrum) 
ausgelassen  ist,  wie  es  der  Schriftsteller  ein  paar  Zeilen  weiter 
auch  tut  (sacro  an  arbitrio  patretur,  ebenso  9  8).  Somit  ist  zu 
übersetzen:  Ist  etwa  (opinor)  dies  weniger  als  Blut  eines  Mensehen 
oder  schändlicher,  weil  Blut  eines  schlechten  Menschen? 

9 12  Haec  qui  editis ,  quantum  abestis  a  conviviis  christia- 
norum. 

Diese  Phrase  darf  nicht  als  Ausrufungssatz  aufgefaßt  werden, 
weil  er  dann  bedeuten  würde:  ihr  seid  weit  von  den  Mahlzeiten 
der  Christen  entfernt,  während  Tertullian  dem  Gange  seiner 
retorquierenden  Argumentation  entsprechend  das  Gegenteil  sagen 
will.     Es  ist  daher  ein  Frasesatz. 


108  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

10  5  Otiosum  est  etiam  titulos  persequi ;  ut  conligam  iu  com- 
pendium,  et  hoc  non  quo  cognoscatis,  sed  recognoscatis ;  certe 
enim   oblitos  agitis.     Ante  Saturnum   deus  penes  tos  nemo  est. 

Kellner  und  Waltzing  sehen  hier  eine  elliptische  Satz- 
konstruktion und  übersetzen:  Pour  resumer  donc  brievement  — 
et  je  le  ferai,  non  pas  pour  vous  les  faire  connaitre,  mais  pour 
vous  les  rappeler,  car  vous  simulez  de  les  avoir  oublies  (Kellner 
unrichtig:  ,,denn  ihr  habt  gewiß  auch  in  Vergessenheit  geratene 
Götter")  —  je  vous  dirai  qu'avant  Saturne  ....  (WaltzingV 
Indes  ist  diese  Auffassung  weder  nötig  noch  durch  den  Zu- 
sammenhang begünstigt,  weil  dann  die  langen  Ausführungen 
bis  zum  Schlüsse  des  Kapitels  logisch  Ton  dem  ..ich  sage"  ab- 
hängig sein  müßten.  Das  ut  conligam  ist  nicht  final,  sondern 
konsekutiv  zu  fassen  und  daher  der  davorstehende  Strichpunkt 
in  ein  Komma  zu  verwandeln. 

11 15  ...  quot  tarnen  potiores  viros  apud  inferos  reliquistis? 
aliquem  de  sapientia  Socratem. 

Der  erste  Satz  darf  nicht  als  Frage  gefaßt  werden,  weil  er 
dann  besagen  würde  „nicht  viele";  er  will  das  Gegenteil  aus- 
drücken und  ist  daher  Ausruf.  Aliquem  .  .  .  Socratem  kann  nicht 
heißen:  „manchen,  der  seiner  Weisheit  nach  ein  Sokrates  war'' 
(Kellner),  sondern:  ,.z.  B.  wegen  seiner  Weisheit  ein  Sokrates'". 
Ebenso  9  6. 

13  7  Idem  habitus  et  insignia  in  statuis;  ut  aetas,  ut  ars, 
ut  negotium  mortui  fuit,  ita  deus  est. 

Kellner  und  Waltzing  verstehen  den  mortuus  von  dem 
apotheosierten  Menschen  und  finden  den  Gedanken  ausgedrückt, 
daß  der  Gott  die  Eigenschaften  seiner  menschlichen  Vergangen- 
heit beibehält.  Dies  paßt  jedoch  nicht  in  den  Zusammenhang, 
in  dem  allein  davon  die  Rede  ist,  daß  die  Verehrer  ihre  Götter 
genau  so  behandeln  wie  ihre  Toten:  die  Statuen  der  einen  wie 
der  anderen  weisen  dieselbe  Körperhaltung  und  dieselben 
schmückenden  Abzeichen  auf,  haben  dieselben  Kennzeichen  des 
Lebensalters  und  der  Beschäftigung.  Das  mortui  weist  auf  das 
mortuis  vestris  im  vorhergehenden  Satze  zurück  und  muß  daher 
auch  in  demselben  Sinne  gemeint  sein. 

14  6  Nee  tragici  aut  comici  parcunt,  ut  non  aerumnas  vel 
errores  domus  alicuius  dei  praefentur. 


IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  von  10  5  11  15  13?  14  ü  17  2.3.      1(J9 

Mau  sollte  meinen,  dieser  Satz  sei  klar,  und  die  Übersetzung 
könnte  nur  lauten:  „Nicht  einmal  die  tragischen  und  komischen 
Dichter  legen  sich  die  Zurückhaltung  auf,  daß  die  Götter  nicht 
das  Unglück  oder  die  Irrungen  einer  Familie  voraussagen",  d.  h. 
diese  Dichter  lassen,  wie  die  im  Vorhergehenden  besprochenen 
epischen  und  lyrischen,  die  Götti^r  eine  lächerliche  und  klägliche 
Rolle  (14  2  ludibria)  spielen.  Ohler  dagegen  und  ihm  nach- 
schreibend Rauschen  erklären  praefentur  als  causam  vel  Caput 
faciant,  während  doch  IS  5  (prophetae  de  officio  praefandi 
vocantur)  und  2U  4  (divinationi  futura  praefanti)  die  Bedeutung 
von  praefari  klar  zeigen.  Sie  finden  den  Sinn:  Tragici  et  comici 
rixas  et  scelera  deorum  fuisse  causas  principales  aerumnarum, 
quas  passi  sunt  magni  viri,  passim  adserunt,  was  in  den  Ge- 
dankengang gar  nicht  paßt.  In  gleicher  Auffassung  übersetzt 
Waltzing:  Les  poetes  . . . .  ne  s'abstiennent  pas  non  plus  d'attribuer 
ä  un  dieu  les  malheurs  ou  les  egarements  de  quelque  famille 
illustre.  Kellner  übersetzt  sogar:  „(die  Dichter)  nehmen  ge- 
wöhnlich die  Sorgen  oder  Verirrungen  in  der  Familie  irgend- 
eines Gottes  zur  Einleitung". 

17  2.3  Invisibilis  est  [deusj,  etsi  videatur;  incomprehensibilis, 
etsi  per  gratiam  repraesentetur;  inaestimabibs ,  etsi  humanis 
sensibus  aestimetur.  Ideo  verus  et  tantus  est.  Ceterum  quod 
videri  communiter,  quod  comprehendi,  quod  aestimari  potest, 
minus  est  et  oculis  quibus  occupatur  et  manibus  quibus  con- 
taminatur  et  sensibus  quibus  invenitur. 

Die  Übersetzungen  lassen  hier  Genauigkeit  vermissen.  In- 
visibilis est,  etsi  videatur  kann  doch  nicht  wiedergegeben  werden 
mit  dem  widersinnigen:  .,Er  ist  unsichtbar,  obwohl  er  gesehen 
wird"  (Kellner,  Waltzing).  Es  muß  heißen:  obwohl  er  geistig 
gesehen  d.  h.  erkannt  wird,  wobei  allerdings  das  Wortspiel,  das 
sich  im  Deutschen  nicht  nachahmen  läßt,  verloren  geht;  Tertullian 
unterscheidet  dieses  videri  von  dem  sinnlichen  Sehen  (videri 
communiter).  Incomprehensibilis  darf  nicht  mit  „unbegreiflich" 
verdeutscht  werden,  weil  dieses  nur  in  übertragenem,  geistigem 
Sinne  gebraucht  wird,  während  der  Verfasser  es  im  körperhchen 
Sinne  meint  (manibus  quibus  contaminatur),  weshalb  auch  den 
'  Gegensatz  dazu  repraesentetur  (gegenwärtig  ist)  bildet.  Gratia 
ist  nicht  die  (übernatürliche)  Gnade,  sondern  die  natürliche,  in 
der  Schöpfung  uns   nahetretende  (repraesentetur)  Huld  Gottes. 


[j^O  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Inaestimabilis  kann  nicht  bedeuten  „unerfaßlich'"  (Kellner, 
Waltzing),  weil  es  sich  dann  von  dem  incomprehensibilis  nicht 
unterschiede;  es  bezieht  sich  yielmehr  auf  das  Abschätzen  der 
Größe,  wie  das  folgende  tantus  und  magnitudinis  zeigen.  ..Verus" 
ist  nicht  mit  „Avahr'"  zu  übersetzen,  weil  hier  gar  nicht  davon 
die  Rede  ist,  daß  der  Christengott  der  wahre  im  Gegensatz  zu 
den  falschen  Göttern  der  Heiden  ist;  es  ist  "vielmehr  mit  „wirk- 
lich" oder  „existierend''  zu  übersetzen. 

17  5  Quae  [anima]  licet  carcere  corporis  pressa,  licet  in- 
stitutionibus  pravis  circumscripta,  licet  libidinibus  et  con- 
cupiscentiis  evigorata  .... 

Institutiones  kann  nicht  Erziehung  bedeuten,  wie  Kellner 
und  Waltzing  übersetzen.  Der  Plural  spricht  schon  dagegen, 
da  von  anima  im  Singular  die  Rede  ist.  Ebenso  spricht  dagegen 
der  Ausdruck  circumscripta  (von  Waltzing  unberechtigterweise 
mit  pervertir  wiedergegeben),  der  auf  physische,  nicht  auf  mora- 
lische Umstände,  die  vielmehr  in  den  unmittelbar  folgenden 
Worten  erst  erwähnt  werden,  hinweist.  Es  sind  körperliche 
„Einrichtungen''  d.  h.  Zustände  und  Bedingungen  gemeint,  die 
der  erkennenden  Tätigkeit  der  Seele  Schranken  setzen.  Die 
als  körperlich  gedachte  Seele  ist  nach  TertuUian  so  in  den  Leib 
innerlich  hineingeschmiegt,  daß  sie  durch  ihn  umgrenzt  ist  (De 
anima  c.  9,  ed.  ReifFerscheid  et  Wissowa  p.  311,  ■25fF).  Nach 
22  6  ist  es  die  adspiratio  daemonum ,  durch  die  circumscriptae 
hominum  mentes  sind. 

17  5  [Anima]  deum  nominat,  hoc  solo  nomine,  quia  proprie 
verus  hie  unus. 

Kellner  übersetzt:  „so  spricht  sie  doch  nur  von  einem  Gott, 
mit  diesem  Ausdruck  allein.  Weil  er  im  eigentlichen  Sinne  der 
wahre  ist,  darum  ist  er  auch  nur  einer''.  Waltzing  übersetzt: 
invoque  Dieu  sous  ce  seul  nom,  parceque  le  vrai  Dieu  est  unique. 
Aber  ein  „Name'"  ist  nicht  genannt  und  von  einem  solchen  ist 
überhaupt  nicht  die  Rede;  sodann  kann  nominare  nicht  anrufen 
heißen;  ferner  bleibt  proprie  unübersetzt.  Verus  bedeutet  hier 
nicht  „wahr"  (im  Gegensatz  zu  falsch),  sondern  wie  vorhin  in 
dem  nämlichen  Kapitel  (17  2  ideo  verus  et  tantus  est,  vgl.  oben 
S.  110)  „wirklich".  Das  Thema  des  ganzen  Kapitels  ist  der 
Nachweis,  daß  nur  ein  Gott  wirklich  existiert,  und  hierfür  wird 
das   unwillkürliche   Zeugnis   der   menschlichen   Seele   angerufen. 


IX.  Zur  Erkliiruno:  und  Textkritik  von  17. "i  'Jl  13.  m 

die  Deus  magnus,  Deus  bonus  sagt.  Diese  Ausdrucksweise  drängt 
sich  auf  die  Zunge,  weil  diesem  einen  Gott  (hie  unus)  allein  es 
zukommt  (proprie),  dali  er  wirklich  existiert.  Dieses  ist  die 
Logik,  die  in  dem  quia  proprie  verus  ....  liegt,  nicht  umgekehrt. 
Hoc  solo  nomine  ist  Ablativus  absolutus  und  solus  ist  im  Sinne 
von  „einzig"  zu  nehmen,  so  daß  der  Sinn  ist:  indem  dieses 
Wort  in  der  Einzahl  gebraucht  wird.  Nomine  bietet  nur  F, 
alle  übrigen  haben  bloß  hoc  solo,  was  bei  dem  unserem  Schrift- 
steller eigentümlichen  Streben  nach  Kürze  vorzuziehen  ist;  solche 
auf  die  äußerste  Kürze  gebrachten  Ablativi  absoluti  sind  bei  ihm 
nicht  selten  (s.  Hoppe  S.  32).  Demnach  wäre  zu  übersetzen:  „sie 
nennt  Gott  und  zwar  in  der  Einzahl,  weil  diesem  einen  es  eigen- 
tümlich ist,  daß  er  wirklich  ist". 

21 13  Ita  et  quod  de  deo  profectum  est,  deus  est  et  dei  filius 
et  unus  ambo;  ita  de  spiritu  spiritus  et  de  deo  deus:  modulo 
alternum  numerum  gradu  non  statu  fecit,  et  a  matrice  non 
recessit  sed  excessit. 

Die  für  die  Feststellung  des  Textes  wie  für  die  Erklärung 
kritischen  AVorte  sind  modulo  alternum  numerum.  F  liest  alter, 
was  keinen  Sinn  ergibt.  Als  weitere  Zeugen  wollen  Callewaert 
S.  34S  und  ihm  folgend  Rauschen  die  aus  der  zweiten  Hälfte 
des  4.  Jahrh.  stammende  Altercatio  Heracliani  ^,  die  diesen 
ganzen  Abschnitt  ausgeschrieben  hat  2,  heranziehen.  Sie  bietet 
alterum,  und  dieses  hat  Rauschen  statt  alternum  aufgenommen. 
Indes  ist  das  Zitat  der  Altercatio  gerade  an  dieser  Stelle  sinnlos 
entstellt;  es  bietet:  Ita  de  spiritu  sancto  et  de  deo  modulo. 
alterum  ergo  gradum,  non  statum  fecit.  exinde  non  discessit, 
sed  excessit.  Zur  Verbesserung  des  Textes  ist  es  daher  un- 
brauchbar. 

AValtzing,  der  alterum  adoptiert,  übersetzt:  ainsi  l'esprit 
vient  de  l'esprit  et  Dieu  de  Dieu;  il  est  le  second  quant  ä  la 
forme,  le  second  quant  au  degre,  non  quant  ä  la  nature.  Aber 
alter  numerus  kann  doch  nicht  der  zweite  heißen  und  fecit, 
zumal  das  Perfektum,  nicht  ohne  weiteres  für  est  genommen 
werden. 


1)  Veröffentlicht  von  C.  W.  Caspari ,  Kirchenhistorische  Anecdota  I. 
Christiania  1SS3.  S.  131—147. 

2)  Abgedruckt  bei  Callewaert  S.  34S. 


112  SchrörB,  TertulUans  Apologetikum. 

Kellner  nimmt  die  Lesart  alternum  an  und  verdeutscht:  ,,in 
dieser  Weise  bildete  auch  der  Geist  vom  Geiste  und  der  Gott 
von  Gott  die  Zweizahl  durch  eine  kleine  Verschiedenheit,  ver- 
möge einer-Abstufang,  nicht  durch  seine  Wesenheit".  Hiergegen 
ist  zu  bemerken,  daü  an  dieser  Stelle  modulus  nicht  Diminutiv 
von  modus  =  Weise,  sondern  nur  von  modus  =  Maß  sein  kann. 

Zur  richtigen  Erklärung  sind  die  Begriffe  modulus,  gradus 
und  Status  aus  dem  sonstigen  Sprach  gebrauche  des  Auktors 
festzustellen.  Dazu  bietet  sich,  da  es  sich  hier  um  die  Trinitäts- 
lehre  handelt,  die  Schrift  dar,  in  der  er  diesen  Gegenstand  aus- 
führlich bespricht,  nämlich  das  Werk  Adv.  Praxeam,  auf  das 
schon  Ohler  verwiesen  hat. 

Dort  bemerkt  Tertullian  c.  14  (ed.  Kroymann  250  22):  con- 
sequens  erit,  ut  invisibilem  patrem  intellegamus pro  plenitudine 
maiestatis,  visibilem  vero  filium  agnoscaraus  pro  modulo 
derivationis,  sicut  nee  solem  nobis  contemplari  licet  quantum 
ad  ipsam  substantiae  summam,  quae  est  in  caelis,  radium  autem 
eins  toleramus  oculis  pro  temperatura  portionis,  quae  in  terram 
inde  porrigitur.  Wie  die  Gegenüberstellung  von  plenitudo  und 
modus,  von  maiestas  und  derivatio  zeigt,  ist  modulus  in  der 
ursprünglichen  und  eigenthchen  Bedeutung  von  Maß  genommen; 
weiter  beweist  dies  der  Vergleich  mit  der  Sonne  als  der  ganzen 
Substanz  und  dem  Strahl  als  einem  Teil  davon.  Das  Gleiche 
ergibt   sich   aus  c.  9  (1.  c.  239 15):   Ecce   enim  dico  alium  esse 

patrem    et    alium    filium    et   alium    spiritum ,    non   tamen 

diversitate  alium  filium  a  patre  sed  distributione ,  nee  divisione 
alium  sed  distinctione,  quia  non  sint  idem  pater  et  fihus,  vel 
(=  vielmehr)  modulo  alius  ab  alio;  pater  enim  tota  substantia 
est,  filius  vero  derivatio  totius  et  portio  d.  h.  durch  das  Maß 
sind  beide  verschieden,  weil  der  eine  das  Ganze,  der  andere  nur 
ein  Teil  ist.  Auch  De  anima  c.  37  (ed.  Reifferscheid  et  Wissowa 
p.  364)  gebraucht  er  das  Wort  in  dieser  Bedeutung:  es  wachsen 
caro  modulo,  anima  ingenio;  die  Seele  salvo  substantiae  modulo, 
quo  a  primordio  inflata  est,  paulatim  cum  carne  producitur. 

AVie  gradus  und  status  zu  verstehen  sind,  ergibt  sich  aus 
Adv.  Prax.  c.  2  (1.  c.  p.  230):  (pater  et  filius  et  Spiritus)  tres 
autem  non  statu  sed  gradu,  nee  substantia  sed  forma,  nee 
potestate  sed  specie,  unius  autem  substantiae  et  unius  status  et 
unius  potestatis,  quia  unus  deus,  ex  quo  et  gradus  isti  et  formae 


IX.  Zar  Erklärung  und  Textkritik  von  21  13.  113 

et  species  in  nomine  patris  et  tilii  et  spiritus  sancti  deputantur. 
Status  ist  also  parallel  der  substantia  und  der  potestas,  aber  von 
diesen  verschieden;  gradus  parallel  der  forma  und  der  species, 
jedoch  von  diesen  verschieden.  Darum  darf  status  nicht  mit 
AVesenheit  oder  Natur  (substantia)  gleichgesetzt  werden,  wie 
Kellner  und  Waltzing  tun  ^ ;  es  bedeutet  vielmehr  prägnant  den 
unveränderlichen  Zustand  oder  Bestand  der  Gottheit.  Das,  was 
die  Unterschiede  der  drei  Begriffe  gradus,  forma  und  species 
begründet,  ist  eben  der  modulus  in  dem  aus  den  obigen  Stellen 
erhobenen  Sinne.  Aus  diesem  Grunde  ist  es  nicht  ansjäuffifi:, 
mit  Waltzing  S.  212  den  modulus  mit  der  forma  zu  identifizieren. 
TertuUian  fährt  (c.  2,  p.  230)  mit  der  weiteren  Bemerkung  fort: 
Quomodo  numerum  sine  divisione  patiuntur  (wie  sie,  ohne  ge- 
teilt zu  sein,  doch  der  Zahl  unterliegen),  procedentes  tractatus 
demonstrabunt.  Also  bedeutet  numerus  hier  die  Zahl  drei 
(Vater,  Sohn  und  Geist)  und  demgemäß  im  Apologetikum ,  weil 
dort  nur  vom  Logos,  nicht  auch  vom  Heiligen  Geiste  die  Rede 
ist,  die  Zahl  zwei. 

Nun  dürfte  die  Stelle  des  Apologetikums  klar  sein.  Sie 
ist  zu  übersetzen:  „So  bewirkt  der  Geist,  der  aus  dem  Geiste 
ist,  und  der  Gott,  der  aus  Gott  ist,  die  vom  Maß  [des  Wesens- 
besitzes] bedingte  Zahl  zwei  durch  die  Stufenfolge,  nicht  durch 
den  unveränderlichen  Bestand  [der  Gottheit]".  Alternus  wird 
auch  sonst  synonym  mit  duplex  und  geminus  gebraucht  (s.  Thes. 
ling.  lat.).  Man  könnte  allenfalls  auch  alternus  in  der  gewöhn- 
licheren Bedeutung  von  abwechselnd  fassen  und  es  mit  modulo 
als  dem  bei  Tert.  nicht  seltenen  Dat.  relationis  (s.  Hoppe  S.  26) 
verbinden  und  übersetzen:  „die  mit  Rücksicht  auf  das  Maß 
wechselnde  Zahl  [d.  h.  die  Zahl  eins  und  zwei  =  Gottheit  und 
Logos]". 

Auf  alle  Fälle  ist  die  Lesart  alternum  numerum  nicht  zu 
beanstanden.  Aber  selbst  wenn  man  mit  Rauschen  alterum 
numerum  emendieren  wollte,  würde  dessen  Interpunktion  (Doppel- 
punkt vor  modulo  und  Komma  vor  gradu)  unmöglich  sein,  weil 
Spiritus  und  deus  Subjekt  zu  fecit  sind. 

21 17  paralyticos  restringeret. 


1)  Auch  A.  d'Ales,  La  theologie  de  Tertullien.  Paris  1905.  S.  813  er- 
klärt Status  mit  „Natur"  oder  „Realität". 

T.  u.  U.  'U  :  Scbrörs.  8 


1^1^4  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

Kellner  („Gelähmte  wieder  löste")  und  der  allzu  frei  über- 
setzende Waltzing  (faire  marcher  les  paralytiques)  zerstören  das 
auch  medizinisch  so  richtige  Bild:  „Gelähmte  wieder  straff 
machte". 

21 19  et  tamen  subfixus  [lesus]  multa  mortis  illius  propria 
ostendit  insignia. 

Kellner  nimmt  multa  als  Substantiv  (=  Strafe)  statt  als 
Adjektiv  und  übersetzt:  „Und  doch  hat  er,  ans  Kreuz  geheftet 
—  das  war  die  für  ihn  bestimmte  Todesstrafe  —  noch  Wunder 
getan".  Allein,  abgesehen  davon,  daß  multa  Vermögens-  und 
nicht  Lebensstrafe  bedeutet,  würde  eine  bei  Tert.  doppelt  un- 
erträgliche Tautologie  vorliegen,  da  schon  durch  subfixus  und 
durch  das  in  crucem  dedi  des  vorausgehenden  Satzes  die  Art 
der  Todesstrafe  bezeichnet  ist. 

Auch  Waltzing  hat  das  Richtige  nicht  getroffen,  indem  er 
übersetzt:  „Et  d'ailleurs,  attache  ä  la  croix,  il  a  fait,  en  subis- 
sant  cette  morte,  beaucoup  de  prodiges  par  sa  propre  force. 
Ich  verstehe  nicht,  wie  mortis  illius  „indem  er  diesen  Tod  er- 
duldete" und  propria  „aus  eigener  Kraft"  bedeuten  können.  Den 
richtigen  Sinn  hat  schon  Ohler  angegeben  durch  seine  Erklärung: 
Et  tamen  mortis  illius  et  ab  ipso  et  a  prophetis  praenuntiatae 
multa  .  .  .  propria  ostendit  insignia,  quae  non  praedicta  erant. 
Auch  das  abschwächende  d'ailleurs  (=  sonst,  übrigens)  läßt  diesen 
Gedanken  nicht  in  die  Erscheinung  treten. 

21 25  Discipuli  ....  per  Neronis  saevitiam  sanguinem  chri- 
stianum  seminaverunt. 

Kellners  Übersetzung  („vergossen  ihr  Christenblut"  —  ein 
für  einen  Schriftsteller  von  des  Afrikaners  Art  zu  schlapper  Ge- 
danke) verfehlt  die  Pointe.  Auch  Waltzing  (ils  finirent  par 
semer  le  sang  chretien)  schöpft  den  Sinn  nicht  aus.  Es  ist  die- 
selbe Idee  wie  50  13  semen  est  sangüis  christianorum  und 
daher  ist  zu  übersetzen:  „sie  streuten  ihr  Blut  als  christlichen 
Samen  aus". 

2123  Pompilius  Numa,  qui  Romanus  operosissimis  super- 
stitionibus  oneravit. 

Operosus  bedeutet  hier  nicht  „mühevoll"  (so  Kellner  — 
Waltzing:  genantes),  vielmehr  „geschäftig".  Es  kommt  nach 
dem  Zusammenhange  dem  Verfasser  nicht  darauf  an,  das 
Drückende,    sondern   das   Vielfache   hervorzuheben  (21 30  multi- 


IX.  Zur  Erklärung  imd  Textkritik  von  21  17.  ip.  25.  29.  30. 3i  22  g.     115 

tudini  tot  numinum  ....  quod  Numa).  In  dem  gleichen  Sinne 
gebraucht  er  1 1  nimis  operata. 

2130.31  Quaerite  igitur,  si  vera  est  ista  divinitas  Christi,  Si 
ea  est,  qua  cognita  ad  bonum  quis  reformatur,  sequitur,  ut  falsa 
renuntietur  comperta  in  primis  illa  omni  ratione,  quae  delitescens 
sub  nominibus  et  imaginibus  mortuorum  quibusdam  signis  et 
miraculis  et  oraculis  fidem  divinitatis  operatur. 

Diese  Stelle  wird  von  den  Übersetzern  unrichtig  verstanden, 
indem  sie  bei  falsa  an  die  heidnischen  Götter  denken,  deren 
Falschheit  nun  gebrandmarkt  dastehe  (Kellner)  oder  auf  die  man 
verzichten  müsse  (Waltzing).  Damit  traut  man  dem  Apologeten 
die  mehr  als  seltsame  Logik  zu,  aus  der  Tatsache,  daß  der  Gott 
Christus  gut  auf  die  Menschen  wirke,  folge,  daß  die  heidnischen 
Götter  falsch  seien,  weil  sie  Wunder  wirken  und  so  ihre  Gott- 
heit bezeugen.  Omni  ratione  gibt  Kellner  mit  „auf  jede  Weise" 
wieder,  während  Waltzing  es  unübersetzt  läßt.  Ratio  bedeutet 
hier  Dämonentum,  worauf  schon  Ühler  durch  Anführung  der 
Parallelstelle  2  i8  quaedam  ratio  aemulae  operationis  hingewiesen 
hat.  Die  nähere  Bestimmung  delitescens  sub  nominibus  et  ima- 
ginibus mortuorum,  worin  das  Wesen  der  Dämonen  besteht,  ist 
ein  Beweis  dafür.  Ferner  beweist  es  der  Inhalt  des  mit  diesem 
Schlußsatze  des  Kap.  21  durch  atque  adeo  eng  verbundenen 
Kap.  22,  das  sich  mit  den  Dämonen  und  ihrer  Tätigkeit  be- 
schäftigt. Es  wird  dort  gezeigt,  daß  im  Gegensatze  zu  Christus 
die  Dämonen  verderblich  auf  die  Menschen  wirken  (22  4  ope- 
ratio  eorum  est  hominis  eversio).  Der  Gedanke  des  Schrift- 
stellers ist  also:  wenn  die  Gottheit  Christi  die  Menschen  besser 
macht,  so  muß  man  darauf  verzichten,  sie  als  falsch  hinzustellen 
(falsa  renuntietur),  besonders  nachdem  das  Wirken  jenes  ganzen 
Dämonentums  (comperta  in  primis  illa  omni  ratione),  das  durch 
gewisse  (quibusdam  prägnant  =  sogenannte)  Wunder  den  Glauben 
an  seine  Gottheit  hervorruft,  genauer  aufgedeckt  ist  (comperta), 
was  Gegenstand  der  weiteren  Ausführungen  sein  wird. 

22  6  Eadem  igitur  obscuritate  contagionis  adspiratio  daemo- 
num  et  angelorum  mentis  quoque  corruptelas  agit  ....  erro- 
ribus  variis,  quorum  iste  potissimus,  quo  deos  istos  captis  et 
circumscriptis  hominum  mentibus  commendat  .... 

Tertulhan  denkt  sich  die  Dämonen  im  Einklänge  mit  der 
ganzen  Antike   nicht  als  reine  Geister,    sondern  als  Wesen  von 


±\Q  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

einer  gewissen,  wenn  auch  sehr  feinen  (22  4  subtilitas  et  tenuitas) 
Materialität.  Sie  sind  eine  aura  (Hauch).  Daß  er  sich  diese 
uura  als  verschieden  von  der  atmosphärischen  Luft  vorstellt, 
beweist  der  Umstand,  daß  er,  um  die  verderbliche  Eigenschaft 
dieser  aura  verständlich  zu  machen,  sie  mit  einer  verpesteten 
Luft  vergleicht  (22  5  ac  si  .  .  .  aer  pestilentes  haustus  suos  ob- 
fudit).  Aus  diesem  Vergleiche  wie  auch  aus  dem  Begriffe  der 
aura  ergibt  sich,  daß  die  letztere  nicht  in  die  Seelen  eindringen, 
sondern  sie  nur  äußerlich  berühren  kann.  Es  ist  nur  ein  (22  4) 
adire,  und  zwar  ein  solches,  das  in  gleicher  Weise  die  Körper- 
welt wie  die  Seelen  (22  4  utramque  substantiam)  erfaßt.  Darum 
ist  adspiratio  mit  „Anwehen'"  zu  übersetzen,  nicht  mit  „Einflüste- 
rung" (Kellner)  oder  Inspiration  (Waltzing),  was  auch  das  Wort 
an  sich  und  ebenso  der  Begriff  contagio  (Berührung)  verbieten 
würden.  Ferner  ist  deshalb  captis  et  circumscriptis  im  körper- 
lichen Sinne  zu  nehmen  =  ergriffen  und  umringt,  nicht  im 
geistigen  Sinne,  wie  Kellner  (., eingenommene  und  beschränkte 
Menschengeister")  und  Waltzing  (esprits  trompes  et  circon- 
venus)  tun. 

27  4  nie  scilicet  Spiritus  daemonicae  et  angelicae  paraturae, 
qui  noster  ob  divortium  aemulus  et  ob  dei  gratiam  invidus,  de 
mentibus  vestris  adversus  nos  proeliatur  occulta  inspiratione 
modulatis  et  subornatis  ad  omnem  ...  et  iudicandi  perversitatem 
et  saeviendi  iniquitatem. 

Paratura  hat  die  verschiedensten  Erklärungen  gefunden. 
Kellner  gibt  es  wieder  mit  „Beanlagung"  (Geist  von  dämonischer 
und  engelhafter  Beanlagung),  Waltzing  mit  compose  (un  com- 
pose  de  demon  et  d'ange),  Rauschen  mit  adparatus  seu  conatus. 
Es  bedeutet  aber,  wie  sich  aus  22  9  (Celestes  paraturas)  und  den 
von  Ohler  I,  24  gesammelten  Stellen  ergibt,  Vorrichtung  oder 
Zurüstung.  Hier  ist  es  der  zusammenfassende  Ausdruck  für  die 
ganze  Dämonen-  und  Engelwelt,  der  Tertullian  einen  Gesamt- 
geist (ille  Spiritus)  als  Vertreter  zuschreibt.  Der  Schriftsteller 
unterscheidet  zwischen  (gefallenen)  Engeln  und  Dämonen  (22  e.  8 
23  1.  2  et  angeli  et  daemones,  27  5  daemonum  et  eiusmodi  spiri- 
tuum).  Daher  kann  das  von  dem  Geiste  beider  ausgesagte 
divortium  nicht  von  dem  Abfall  der  Engel  von  Gott,  wie  Kell- 
ner und  Waltzing  wollen,  verstanden  werden,  wobei  auch  ohne 
nähere  Begründung  nicht  recht  begreiflich  sein  würde,  weshalb 


IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  von  22  ü  27  4  29  1.5  30  6  31 1.     117 

sie  wegen  dieses  Abfalles  Feinde  der  Christen  sein  sollten. 
Es  ist  vielmehr  als  die  durch  die  Religion  der  Christen  herbei- 
geführte Lossagung  derselben  vom  Dämonentum  aufzufassen,  die 
der  Leitgedanke  der  tertullianisehen  Ausführungen  ist.  Modu- 
lati et  äubornati  =  „hergerichtet  und  ausgerüstet"  wird  von 
Kellner  mit  „umgewandelt  und  gerüstet",  von  Waltzing  mit 
„dresses  et  corrompus"  übersetzt. 

29  1  Constet  igitur  prius,  si  isti,  quibus  sacrificatur,  salutem 
....  impertire  possunt,  et  ita  nos  crimini  maiestatis  addicite;  si 
angeli  ....  beneficium  aliquod  operantur;  si  perditi  conservant, 
si  damnati  liberant;  si  denique  .  .  .  mortui  vivos  tuentur. 

Diese  Interpunktion  Rauschens,  die  auch  Waltzing  anzu- 
nehmen scheint,  zerstört  den  Sinn,  indem  sie  die  vier  letzten  si 
dem  ersten  gleichordnet.  Aber,  wie  auch  Kellner  richtig  ge- 
sehen hat,  ist  das  erste  mit  „ob",  die  anderen  mit  „wenn"  zu 
übersetzen  und  von  addicite  abhängig  zu  machen.  Nach  pos- 
sunt ist  ein  Strichpunkt  oder  Punkt,  nach  addicite  usw.  sind 
nur  Kommata  zu  setzen. 

29  5  Sed  vos  inreligiosi,  qui  eam  [i.  e.  salutem  imperatoris] 
quaeritis  ubi  non  est,  petitis  a  quibus  dari  non  potest  praeterito 
eo,  in  cuius  est  potestate,  insuper  eos  debellatis  qui  eam  sciunt 
petere  .... 

Rauschen,  dem  Waltzing  folgt,  ändert  eos  in  eis  und  faßt 
debellatis  als  Partizip  im  Abi.  absol.  stehend  auf.  Dieses  ergibt 
keinen  passenden  Sinn;  denn  die  Bekämpfung  der  Christen  hat 
mit  dem  Erbitten  bei  Machtlosen  nichts  zu  tun.  Debellatis  ist 
vielmehr  Indik.  Präs.  und  steht  dem  quaeritis  und  petitis  parallel. 
So  erhält  auch  erst  das  insuper,  das  eng  zu  eos  gehört,  seine 
volle  Bedeutung  als  Steigerung  der  Vernachlässigung  des  wahren 
Gottes:  ja,  die  rechten  Beter  verfolgt  ihr. 

30  6  grana  thuris  unius  assis,  Arabicae  arboris  lacrimas  .... 
Arboris   lacrimae   bedeutet   weder   Baumöl    (Hoppe  S.  175) 

noch  ist  es  etwas  vom  Weihrauch  Verschiedenes  (Kellner:  „oder 
Tränen  eines  Baumes  in  Arabien").     Vgl.  42?. 

31 1  Adulati  nunc  sumus  [durch  die  Behauptung,  daß  die 
Christen  für  den  Kaiser  beten]  imperatori  et  mentiti  vota,  quae 
diximus,  ad  evadendam  scilicet  vim.  Plane  proficit  ista  fallacia; 
admittitis  nos  enim  probare  quodcumque  defendimus. 


118  Schrörs,  TertuUians  Apologetikum. 

Proficit  fallacia  hat  die  verschiedensten  Deutungen  erfahren. 
Ohler,  der  erklärt:  nihil  proficit  eiusmodi  fallacia,  quandoquidem 
admittitis  nos  et  provocatis  ad  probandum  quodcunque  defendimus 
h.  e,  asserimus,  faßt  offenbar  proficit  ironisch  und  sieht  die  fal- 
lacia auf  Seiten  der  Heiden,  die  den  Christen  schmeichlerische 
Heuchelei  vorwerfen.  Allein  einen  solchen  Vorwurf  kann  man  nicht 
Täuschung  oder  Betrügerei  nennen;  fallacia  heißt  ja  nicht  etwa 
Selbsttäuschung.  Dasselbe  spricht  gegen  die  Erklärung  Eau- 
schens:  Fallacia  vestra  hanc  utilitatem  adfert,  ut  probare  coga- 
mur  quae  defendimus;  zudem  ist  nicht  von  einem  Gezwungen- 
werden zum  Beweise  die  Kede.  An  demselben  Grunde  scheitert 
auch  die  mit  Rauschens  Auffassung  verwandte  Übersetzung  von 
Waltzing  (cette  fallacieuse  objection  uous  sert).  Heinze 
(S.  439 ')  findet  richtig  die  fallacia  auf  Seiten  der  Christen,  aber 
seine  weitere  Deutung,  die  sich  an  die  Haverkamps  anlehnt, 
scheint  mir  vollständig  in  die  Irre  zu  gehen.  Er  erläutert  näm- 
lich folgendermaßen:  „Eine  solche  Lüge  würde  uns  aber  gar 
nichts  nützen,  denn  ihr  gestattet  uns  ja  (vor  Gericht)  doch  nicht 
das,  was  wir  zu  unserer  Verteidigung  vorbringen,  zu  beweisen 
(sondern  begnügt  euch  mit  der  Tatsache,  daß  wir  nicht  für  den 
Kaiser  opfern).  Schriftlich  aber  kann  Tertullian  den  Beweis 
führen".  Dann  läge  eine  doppelte  starke  Ironie  vor,  sowohl  bei 
proficit  wie  bei  admittitis,  worauf  jedoch  nichts  hinweist.  Ferner 
griffe  nach  dieser  Auffassung  der  Schriftsteller  plötzlich  und 
ohne  eine  Andeutung  davon  zu  geben,  auf  den  Gedanken  der 
ersten  Sätze  der  Einleitung  seines  Werkes  zurück  —  einen  Ge- 
danken, den  er  im  Verlaufe  desselben  nicht  mehr  berührt  hat. 
Ja,  es  wäre  nicht  einmal  genau  dieser  Gedanke;  denn  dort  spricht 
der  Apologet  nur  davon,  daß  keine  Untersuchung  vor  Gericht 
stattfindet,  und  daß  damit  überhaupt  eine  Verteidigungsrede 
abgeschnitten  ist,  nicht  aber  führt  er  Klage  darüber,  daß  dem 
Angeklagten  die  Beweisführung  für  seine  Unschuld  untersagt 
sei.  Ferner  liegt  der  von  Heinze  konstruierte  Gegensatz  zwi- 
schen der  mündlichen  Verteidigung  dort  und  der  schriftlichen 
hier  an  unserer  Stelle  gar  nicht  vor,  weil  Tertullian  gar  nicht 
die  Form  des  apologetischen  Verfahrens  im  Auge  hat,  sondern 
die  Quelle,  nämlich  die  heiligen  Schriften  der  Christen.  Der 
Heinzeschen  Auffassung  steht  die  von  Kellner  nicht  sehr  ferne, 
der  übersetzt:  „Ein  solches  unredliches  Verfahren  brächte  aller- 


IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  von  31 1  32  i  35  3  30  2.        119 

dings  Vorteil!  Ihr  laßt  uns  ja  zum  Beweise  alles  dessen  zu,  was 
wir  behaupten". 

Wenn  mau  proficere  in  seiner  eigeutlichen  Bedeutung  (fort- 
machen, fortschreiten)  nimmt,  dürfte  sich  die  Stelle  leicht  er- 
klären lassen.  Spöttisch  den  Gedanken  der  Gegner  aufnehmend, 
will  der  Verfasser  sagen:  die  angebliche  Täuschung,  die  wir 
durch  das  Gebet  für  den  Kaiser  begehen  (meutiti  vota),  schreitet 
allerdings  (plane)  noch  weiter  vor,  indem  wir  sogar  den  Beweis 
dafür  antreten,  den  ihr  uns  gewiß  erlaubt  (admittitis). 

32  1  clausulam  saeculi  ....  Romani  imperii  commeatu  scimus 
retardari. 

Die  Übersetzung  von  commeatus  mit  Frist  (Kellner),  Ur- 
laub (^Rauschen)  oder  Aufschub  (^"Waltzing:  repit)  trifft  nicht 
genau  die  Vorstellung  Tertulliaus,  für  den  der  Untergang  des 
römischen  Reiches  absolut  das  Weltende  bedeutet.  Daher  ist 
das  Wort  besser  in  dem  ursprünglichen  Sinne  von  commeare 
(^fortfahren,  weiterschreiten)  zu  fassen  und  mit  Weiterentwicke- 
lung, Fortdauer  wiederzugeben. 

35  3  Qui  observant  disciplinam  de  Caesaris  respectu,  hi  eam 
propter  Caesarem  deserunt  et  malorum  morum  licentia  pietas 
erit,  occasio  luxuriae  religio  deputabitur. 

Dieser  auf  die  heidnische  Feier  der  Kaiserfeste  gemünzte 
Satz  darf  nicht  mit  Ohler,  Rauschen  und  Waltzing  als  Frage- 
satz genommen  und  den  beiden  vorhergehenden  Fragesätzen, 
die  übrigens  durch  ein  —  hier  fehlendes  —  Fragewort  eingeleitet 
sind,  parallel  gestellt  werden.  Die  Antwort  auf  das  propter 
Caesarem  deserunt  müßte  dann  verneinend  lauten,  was  dem 
Sinn  des  Schriftstellers  widerspricht. 

36  2  Adeo  pietas  et  religio  et  fides  imperatoribus  debita  non 
in  huiusmodi  officiis  [den  üblichen  Kaiserfesten:  consistit  .  .  .  ., 
sed  in  his  moribus,  quibus  divinitas  imperat  tam  vere  quam 
circa  omnes  necesse  habet  exhiberi. 

Der  letzte  Teil  des  Satzes  hat  Erklärungen  und  Emenda- 
tionen  gefunden,  die  mir  nicht  begründet  zu  sein  scheinen.  Er 
heißt  doch  einfach:  „sie  bestehen  in  Sitten,  durch  welche  die 
Gottheit  ebenso  sehr  wirkliche  Befehle  erteilt  als  sich  notwen- 
digerweise in  bezug  auf  alle  (als  Gottheit)  erweisen  muß",  m. 
a.  W.:  die  christHchen  Sitten,  die  ebenso  sehr  auf  göttlicher 
Auktorität   beruhen    als    auf   alle  Menschen    (also    auch    auf  die 


120  -  Sclirörs,  Tertullians  Äpologetikum. 

Kaiser)  nach  Gottes  Anordnung  sich  beziehen,  sind  die  rechte 
Art  der  Kaiserverehrung. 

Ohler  ändert  habet  in  habent  und  erklärt  also:  In  his  nao- 
ribus,  quibus  divinitas  tarn  vere  imperat  fungi  quam  ipsi  necesse 
habent  circa  omnes  exhiberi.  Aber  fungi  ist  willkürlich  ergänzt 
und  ein  Wechsel  des  Subjektes  im  Relativsatze  durch  nichts 
angedeutet,  das  ipsi  dürfte  nicht  fehlen.  Kellner  folgt  dem 
Ohlerschen  Texte,  erklärt  ihn  aber  anders,  indem  er  tam  vere 
zu  exhiberi  zieht:  .,sie  besteht  in  einem  Betragen,  wie  es  —  nach 
dem  Befehle  der  Gottheit  —  ebenso  aufrichtig  als  gegen  alle 
an  den  Tag  gelegt  werden  muß".  Dann  müßte  qui  statt  quibus 
stehen,  und  divinitas  imperat  als  Zwischensatz  ist  kühn  und 
nicht  tertullianisch. 

Rauschen  und,  ihm  sich  anschheßend,  Waltzing  ersetzen 
imperat  durch  imperatori,  und  letzterer  übersetzt:  la  conduite 
que  la  divinite  nous  oblige  de  tenir  envers  l'empereur  aussi 
sincerement  qu'envers  tous  les  hommes.  So  verstanden,  wäre 
auch  quibus  notwendig  in  quos  zu  emendieren.  "Wenn  Rauschen 
bemerkt,  der  Gedankengang  fordere  durchaus,  daß  in  dem  Relativ- 
satze der  Begriff  Imperator  vorkomme,  so  ist  zu  bemerken,  daß 
dieser  zur  Genüge  in  dem  omnes  enthalten  ist. 

Keinerlei  Änderung  des  überlieferten  Textes  ist  notwendig. 

37  3  Quid  de  tam  conspiratis  umquam  denotatis,  de  tam 
animatis  ad  mortem  usque  pro  iniuria  repensatis  .  .  .  .? 

Das  von  sämtlichen  Hss.  mit  Ausnahme  der  dem  15.  Jahrh. 
an  gehörigen  Erlanger  bezeugte  repensatis  hat  unnötigerweise 
Anstoß  erregt  und  ist  von  Ohler  in  repensatum,  von  Rauschen  in 
repensati  geändert  worden.  Wenn  man,  wogegen  weder  sprach- 
lich noch  sachlich  etwas  im  Wege  steht,  das  „Bezahlen"  von 
dem,  der  die  Rache  für  sein  von  ihm  begangenes  Unrecht  an 
sich  erfährt,  versteht,  ist  der  Text  vollkommen  in  Ordnung. 
Für  repensatis  spricht  der  bei  TertuUian  beliebte  Parallelismus 
der  Satzglieder  und  deren  reimartige  Schlüsse  (s.  Hoppe  S.  158  ff. 
162  ff);  gegen  die  versuchten  Konjekturen  spricht  der  allzu 
weite  Abstand  des  repensatum  oder  repensati  von  dem  zu- 
gehörigen quid. 

40  13  Ex  eo  enim  et  innocentia  saeculi  iniquitates  temperavit 
et  deprecatores  dei  esse  coeperunt. 

Kellner:  „Seither  sind  die  Ruchlosigkeiten  der  Welt  durch 


IX.  Zur  Erklürnug  und  Textkritik  von  30  2  37  3  40  13. 15.         121 

die  Tilgend  vermindert  Avorden  und  es  hat  angefangen,  Anbeter 
Gottes  [richtig:  Fürbitter  bei  GottJ  zu  geben".  Waltzing:  Depuis 
ce  temps,  en  eifet,  la  vertu  a  balance  [richtig:  hat  gemindert] 
les  iniquites  du  siede,  et  il  y  eu  [richtig:  es  begann,  zu  geben] 
des  intercesseurs  aupres  de  Dieu. 

Die  dem  Gedanken  nach  subordinierten  Satzglieder  erscheinen 
hier,  wie  auch  sonst  bei  Tertullian  (Hoppe  S.  71\  koordiniert, 
um  das  ursächliche  Zusammentreffen  stärker  zum  Ausdruck  zu 
bringen.  Deshalb  ist  zu  übersetzen:  .,Denn  von  dem  Zeitpunkte 
an,  daß  es  hat  angefangen.  Fürbitter  bei  Gott  zu  geben,  hat 
auch  die  Unschuld  die  Gottlosigkeiten  gemindert". 

40 15  Nos  vero  ieiuniis  aridi  et  omni  continentia  expressi, 
ab  omni  vitae  fruge  dilati,  in  sacco  et  cinere  invidia  caelum 
tundimus,  deum  tangimus  et  cum  misericordiam  extorserimus, 
luppiter  houoratur. 

Differre  wird  von  Ühler,  dem  Bauschen  wörtlich  nachschreibt, 
und  von  Kellner  in  der  Bedeutung  von  aufschieben  genommen 
und  von  der  christlichen  Fastenordnung  verstanden,  die  die 
Mahlzeit  bis  zum  Abend  oder  nächsten  Tage  aufzuschieben  gebot. 
Damit  würde  aber  die  Schilderung  des  Fastens  statt  der  vom 
Schriftsteller  offenbar  beabsichtigten  Steigerung  eine  starke  Ab- 
schwächung  erfahren.  Differre  ist  vielmehr  im  eigentlichen  Sinne 
von  .,auseinander  tragen"  zu  nehmen,  ebenso  im  eigentlichen  Sinne 
die  anderen  Verba,  namentlich  tundere  und  tangere.  TertulKau 
schreibt  mit  stark  realistischer  Plastik.  Invidia  darf  weder  mit 
Kellner  als  „Betrübtheit",  was  das  Wort  nicht  heißen  kann,  ge- 
deutet werden,  noch  mit  Waltzing  als  .,das  Gehässige  seiner 
[des  Himmels]  Strenge",    was  in  den  Gedanken  gar  nicht  paßt. 

Ich  übersetze:  „Wir  dagegen,  durch  Fasten  ausgetrocknet 
und  durch  absolute  Enthaltsamkeit  ausgepreßt,  von  allen  Früchten, 
die  zum  Leben  dienen ,  weggerissen ,  in  Sack  und  Asche  be- 
findlich, wir  bearbeiten  mit  der  Leidenschaft  von  Eifersüchtigen 
den  Himmel  durch  Schläge,  wir  greifen  direkt  Gott  an,  und 
wenn  wir  ihm  das  Erbarmen  entrissen  haben,  dann  empfängt 
die  Ehre  Juppiter". 

In  den  anderen  Übertragungen  kommen  die  drastischen 
Bilder  des  Fastens  und  des  Flehens  um  Barmherzigkeit  nicht 
genügend  zur  Geltung. 

Kellner:  „Wir  aber,  abgemagert  vom  Fasten  und  ausgemer- 


122  Schrörs,  Tertullians  Apologetikum. 

gelt  durch  jede  Art  Yon  Enthaltsamkeit  [es  ist  vielmehr  nur 
von  einer  Art,  der  des  Fastens,  die  Kede],  jeden  Lebensgenuli 
[Tertullian  denkt  nur  an  das  Fasten  und  vitae  kann  nicht  Genet. 
obiect.  sein]  aufschiebend  [im  Lat.  steht  das  Passivum]  und  uns 
in  Sack  und  Asche  wälzend,  wir  klopfen  am  Himmel  an  in 
unserer  Betrübtheit  und  rühren  Gott  ....''  Waltzing:  Nous. 
au  contraire,  extenues  par  les  jeimes,  mortifies  pour  toute  espece 
de  contenance,  sevres  de  toutes  les  jouissances  de  la  vie,  nous 
roulant  dans  le  cilice  et  sous  la  cendre,  nous  importunons  le 
ciel  par  l'odieux  de  sa  rigueur;  nous  desarmons  Dieu  .  .  .  ." 

47  13  Et  si  paradisum  nominemus  locum  divinae  amoenitatis 
recipiendis  sanctorum  spiritibus  destinatum,  maceria  quadam 
igneae  illius  zonae  a  notitia  orbis  communis  segregatum,  Elysii 
campi  fidem  occupaverunt. 

Ohler,  Kellner,  Rauschen  und  AYaltzing  setzen  hinter  nomi- 
nemus ein  Komma  und  müssen  demnach  übersetzen:  „Wenn 
wir  den  Namen  Paradies  aussprechen,  einen  Ort  ....''  Aber 
damit  kommt  die  vom  Apologeten  beabsichtigte  Parallele  zwi- 
schen den  elysischen  Gefilden  und  dem  Paradies  (_=  Park) 
nicht  zum  vollen  Ausdruck.  Nominemus  ist  mit  doppeltem 
Akkusativ  zu  konstruieren:  „Wenn  wir  den  Ort  ....  Paradies 
nennen,  so  sind  die  Gefilde  von  Elysium  Gegenstand  des  Volks- 
glaubens''. Unter  ignea  zona  wollen  Kauschen  und,  wie  es 
scheint,  auch  Waltzing  (la  fameuse  zone  de  feu)  den  Sternen- 
himmel verstehen.  Richtig  bezieht  Ohler  das  illius  zurück  auf 
das  im  vorhergehenden  Satze  erwähnte  Feuer  der  Hölle,  das 
Tertullian  in  Vergleich  stellt  mit  dem  feurigen  Strome  (Pyri- 
phlegeton)  der  mythischen  Unterwelt.  Wie  könnte  er  auch  den 
gestirnten  Himmel  als  einen  Gürtel  bezeichnen?  An  die  heid- 
nische Vorstellung  anknüpfend,  faßt  er  das  Höllenfeuer  als  eine 
Art  Umhegung  (maceria  quaedam)  für  den  Ort  der  SeHgen  auf. 
Diesen  Ort  der  Seligen  denkt  er  nach  De  auima  55  ebenfalls  als 
in  der  Unterwelt,  aber  weniger  tief  als  den  Ort  der  Verdammten; 
erst  bei  der  Wiederkunft  Christi  gelangen  die  Seligen,  die  nicht 
Märtyrer  sind,  in  das  Paradies,  das  er  sich  übrigens  auch  nicht 
als  im  Himmel  befindlich  vorstellte 


1)  Vgl.  A.  d'Ales  a.  a.  0.  S.  131.    P.  de  Labriolle,  Refrigerium  (Bull, 
d'anc.  litter.  et  d'arch.  ehret.  II  [1912],  217). 


IX.  Zur  Erklärung  und  Textkritik  von  47  13  48  3. 12.  123 

4S  3  Sed  de  nostra  magis  defensione  qui  proponimus,  multo 
utique  dignius  credi  .... 

Die  Erklärung  von  Rauschen  (sed  bis  supersedeo.  ut  tran- 
seani  ad  defensionem ,  quam  proposui)  ist  nicht  haltbar,  weil 
auch  das  Vorhergebende  zur  Verteidigung  der  christlichen 
Auferstehungslebre  gedient  hat.  Aus  demselben  Grunde  ist 
auch  Kellners  Übersetzung  nicht  genau:  ,,Aber  bleiben  wir  lieber 
bei  unserer  Verteidigung,  wir,  die  wir  denn  doch  die  ....  Be- 
hauptung aufstellen".  Zu  de  defensione  ist  vermöge  einer  bei 
Tertullian  häufigen  Ellipse  (Hoppe  S.  144  f.)  sumus  oder  facimus 
zu  ergänzen.  Waltzing  übersetzt  gut:  Mais  nous  faison  plus 
pour  notre  defense  en  soutenant  .... 

48  12  Cum  ergo  finis  et  limes,  medius  qui  interhiat,  adfuerit, 
ut  etiam  ipsius  mundi  species  transferatur  aeque  temporalis, 
quae  illi  dispositioni  aeternitatis  aulaei  vice  obpansa  est,  tunc 
restituetur  omne  humanum  genus  ad  expungendum,  quod  in 
isto  aevo  boni  seu  mali  meruit,  et  exinde  pendendum  in  inmen- 
sam  aeternitatis  perpetuitatem. 

Transferatur  wird  von  Kellner,  der  auch  species  unrichtig 
mit  „Schönheit"  wiedergibt  —  es  bezeichnet  vielmehr  die  äußere 
Gestalt  (Waltzing:  aspect)  — ,  durch  „hin weggenommen'*  über- 
setzt und  ähnlich  von  AValtzing  durch  perdu.  Weder  kann 
transferre  diese  Bedeutung  haben  noch  kommt  damit  die  Vor- 
stellung des  Schriftstellers  zu  ihrem  Rechte.  Dieser  denkt  im 
Anschlüsse  an  2  Petr.  3,  13  (Xovos  vero  coelos  et  novam  terram 
secundum  promissa  ipsius  exspectamus)  und  Apoc.  21,  1  (Et  vidi 
coelum  novum  et  terram  novam;  primum  enim  coelum  et  prima 
terra  abiit)  an  den  Übergang  der  jetzigen  Welt  in  die  ver- 
klärte AVeit  der  Ewigkeit.  Das  mit  Rücksicht  auf  den  limes 
medius  qui  interhiat  gewählte  Wort  transferatur  drückt  zugleich 
die  Umwandlung  aus.  Ebenso  wie  die  gegenwärtige  Weltord- 
nung überhaupt  (die  im  Vorhergehenden  genannte  temporalis 
aetas),  so  ist  auch  (etiam)  die  spezifische  Gestalt  dieser  Welt 
nur  zeitlich  (aeque  temporalis).  Temporalis  ist  daher  Nomi- 
nativ und  mit  species  zu  verbinden,  nicht  mit  Waltzing  als 
Genetiv  und  zu  mundi  gehörig  zu  fassen,  wodurch  eine  bloße 
Wiederholung  des  früher  Gesagten  gegeben  wäre,  was  durch 
das  etiam  ausgeschlossen  ist.  Durch  die  Verbindung  mit  ut  will 
der  Schriftsteller   ausdrücken,    daß    der  Weltuntergang   in    der 


1^24  Sclirörs,  TertuUians  Apologetikum. 

Weise  vor  sich  geht,  daß  ihre  Gestalt  nur  umgewandelt  in  die 
Ewigkeit  hinübergeht.  Die  Übersetzungen  verwischen  diesen 
logischen  Zusammenhang  (Kellner:  .,Sobald  das  Ende  und  die 
Grenzscheide  ....  gekommen  sind,  und  .  .  .  die  Schönheit  .  .  . 
hinweggenommen  wird";  Waltzing:  quand  le  monde  .  .  .  aura 
perdu).  Mit  limes  kann  nicht  das  tausendjährige  Reich  (so 
Ohler),  das  Tertullian  in  seiner  späteren  montanistischen  Periode 
annimmt,  gemeint  sein,  weil  der  Begriff  limes  (=  Grenzpfad) 
dem  widerspricht,  und  weil  Tertullian  im  vorausgehenden  Satze 
nur  eine  Zweiteilung  in  Zeit  und  Ewigkeit  kennt. 


Yerzeiclmis  der  besprochenen  Stellen. 


(Die  Zitate  beziehen  sich  auf  die  Kapitel  und  Paragraphen  der  Rauschen- 
schen  Ausgabe;  die  eingekhimmerten  Zahlen  weisen  auf  die  Seiten  dieser 

Schrift  hin.) 


li  (30)3  (31)9  (14.  32)10  (SO  2) 

2  6  (91)  8  (92)  20  (32) 

3  1  (93)  3  (94) 

4  1  (94)  2  (34)4  (96)7  (35)  lo  (98)  13  (98) 

5  4  (36)  7  (15) 

6  3  (99)8  (73»)  9  (36) 

7  G  (36)  7  (81 1)  11. 12  (101)  13  (69) 

0  2  (103)  4  (106)  5  (107)  6  (16)  10  (37)  12 
(107)  17  (38) 

10  5  (108) 

11  5  (38)  13  (18.  38)  14  (38)  15  (108) 

12  6  (39)7  (39) 

13  7  (108) 

14  6  (108)  s  (40) 

17  2.3  (109)3  (19)5  (41.  110) 

19  2  (41) 

21 4    (42)5    (20)8    (43)11    (21)11.12 

(21)12  (43)13  (111)14  (44)17  (113)19 
(114)  25   (114)  29  (114)  30.  31  (115)  31 

(22) 

22  6  (115) 

23  10  (46)  13  (46) 


24  3  (47)5  (47)8  (47) 

25  3  (47)  5  (48)  12  (48)  13  (49) 

26  3  (23) 

27  1  (50)  4  (110)  5  (51) 

29  1  (117)  5  (117) 

30  1  (51)  6  (117)  7  (52) 
31 1  (117)  3  (52) 

32  1  (119) 

34  4  (52) 

35  2  (53)3  (119) 

36  2  (119) 

37  3  (119)  6  (23)  8  (23) 

38  1  (53)  4  (57) 

39  6  (57)  8  (59)  8.  9  (59) 

40  10  (25)  13  (120)  15  (121) 

41  1  (60)  5  (61) 

42  4  (61)  9  (25.  61) 

44  2  (62)3  (62) 

45  2  (63) 

47  2  (63)9  (64)13  (121)14  (65) 
481.2  (25)3  (123)7  (65)12  (123) 
49  3  (66) 


Verlag  der  J.  C.  HINRICHS'schen  Buchhandlung  in  Leipzig. 


Fortsetzung  von  der  2.  Dmschlagseite. 

Schmidt.C.:  Der  erste  Clemeusbrief  in  altkopti- 
scher  Übersetzung.  Mit  Lichtdruck-Faksimile 
der  Handschrift.  IV,  160  S.  l908.(Bd.32, 1)  M. 9 — 

Schmidtke,  A. :  Neue  Fragmente  und  Unter- 
suchungen zu  den  judencliristlicheii  Evan- 
gelien. Ein  Beitrag  zur  Literatur  und  Ge- 
schichte der  Judenchristen.  VIII,  302  S.  1911. 
(Bd.  37, 1)  M.  10 — 

Der  Schollen-Kommentar  des  Origenes  zur  Apo- 
kalypse Johannis.  Xebst  einem  Stück  ans 
Ireliäus,  Lib.  V,  graece.  Entdeckt  und  hrsg. 
von  C.  Diobouniotis  u.  A.  Haruack.  IV,  88  S. 
19U.     (Bd.  88,  3)  M.  3  — 

Schrörs.  H.:  Zar  Textgeschichte  und  Erklärung 
von  Tertallians  Apologetikum.  VI,  125  S. 
19U.    (Bd.  40,  4)  M.  4.50 

Soden,  H.  von:  Das  lateinische  Neue  Testament 
in  Afrika  znr  Zeit  Cyprians.  Nach  Bibel- 
handschriften u.  Väterzeugnissen.  Mit  Unter- 
stützung d.Kgl.Preuss.Histor.  Instituts  her- 
ausgegeben. X,G63  8.  in09.  (Bd. 33)     M.  2t  — 

Vogels,  H.  J.:  Harmonistik  im  Evangelientext 
des  Codex  Cantabrigiensis.  Eiu  Beitrag  zur 
neutestamentl.  Textkritik.  IV,  119  S.  1910. 
(Rd.  3ß,  la)  M.  4  — 

Walther,  G.:  üntersuclinngen  zur  Geschichte 
der  griechischen  Vaterunser-Exegese.  VUI, 
123  S.     1914.     (Bd.  40,  3)  M.  4.50 

Weiss,  B. :  Der  Hebräerbrief  in  zeitgeschichtl. 
Beleuchtg.  II,  llO  S.  1910.  (Bd..  35,  3)  M.  3.50 

—  Die  Quellen  der  synoptischen  Überlieferung. 
IV,  256  S.    (Bd.  32,  3)  M.  8.50 

Wutz,  F.:  Onomastica  Sacra.  Untersuchungen  zum 
Liber  iuterpretationis  nominum  hebraicorum 
des  hl.  Hieronymus.  I.  Hälfte.  Quellen  und 
System  der  Onomastika.    672  S.    1914.  (Bd.  41) 

M.  21  — 


Inkalt  der  Zweiten  Reihe  —  Bd.  16—30. 

Achelis,  H.:  Hippolytstudien.  VIII,  233  S.  1897. 
(Bd.  16,4)    M.  7.50 

Augar,  F.:  Die  Frauen  im  röm.  Christenprocess. 
Ein  Beitr.  z.  Verfolgnngsgesch.  der  christl. 
Kirche  im  röm.  Staat.  »2  S.  (Mit  Harnack 
und  Schultze  Bd.  2S,  4)  M.  4.50 

Bauer,  Ad.:  Die  Chronik  des  Hippolytos  im 
Matritensis  graecus  121.  Nebst  einer  Abhand- 
lung über  den  Stadiasmus  Maris  Magni  von 
Otto  Cuntz.  Mit  einer  Abbildung  im  Text  und 
5  Tafeln.  VI,  288  S.  1905.  (Bd.  29,  1)    M.  8.50 

Berendts,  A.:  Die  Zeugnisse  vom  Christentum 
im  slavischen  de  hello  Jndaico  des  Josephus. 

III,  79  S.     1906.    (Bd.  29,  4)  M.  2.50 

—  Die  handschriftl.  Überlief,  der  Zaeharias-  u. 
Johannes-Apokryphen.  —  Über  die  Biblio- 
theken d.Meteorischenu.Ossa-Olymp. Klöster. 

IV,  84  S.    1904.    (Bd.  26,  3)  M.  2.70 
Bonwetsch,    G.   N.:    Drei    georgisch    erhaltene 

Schriften  v.  Hippolytos.  XVI,  98  S.  1904. 
(Bd.  26,  la)  M.  3.50 

—  Hippolyts  Kommentar  z.  Hohenlied  auf  Grund 

V,  N.  Marr's  Ausg.  d.  grusin.  Textes  herausg. 
108  S.  1902.  (Mit  Harnack  und  Klostermann, 
Bd.  23,  2)  M.  5.50 

—  Studien  z.  d.  Komm.  Hippolyts  zum  Buche 
Daniel  n.  Hohenliede.  IV,  86  S.  '97.  (Bd.  16,  2) 

M.  3  — 

Bratke,  E.:  Das  sogenannte  Eeligionsgespräch 

am  Hof  der  Sasaniden.  IV,  305  S.  1899.  (Mit 

Harnack,  Cji)rian.  Schriften  Bd.  19,3)    M.  10.50 

DiesyrischeDIdaskaliaübs.u.erkLv.H.ACHELiSu. 
J.  FlEM MING.  VIII,  388  S.  1904.  (Bd.  25,2)  M.12.50 


Dobschütz,  E.  von:  Christusbilder.  Untersuchun- 
gen zur  christlichen  Legende.  XII,  294,  336 
und  357  S.    1899.    (Bd.  18)  M.  32  — 

Erbes,  C:  Die  Todestage  der  Apostel  Paulus 
und  Petrus  und  ihre  römischen  Denkmäler. 
IV,  138  s.  1899.  (Mit  Harnack,  Ketzerkatalog 
und  Goetz,  Cyprian  Bd.  19,  i)  M.  5.50 

Flemmlng,  J.:  Das  Buch  Henoch.Äthiop.  Text,  Einl. 
Komm.  XVI,  172  S.   1902.  (Bd.  22,  1)    M.  11  — 

Gebhardt,  0.  v.:  Passio  S.  Theclae  virginis.  Die 
latein.  Übersetzgn.  der  Acta  Pauli  et  Theclae 
nebst  Fragm.,  Auszügen  u.  Beilagen  herausg. 
CXVIII,  188  S.     1902.    (Bd.  22,  2)         M.  9.5ü 

Geffcken,  J.:  Komposition  n.  Entstehungszeit  d. 
Orac.  Sibyll.  IV,  78  S.  1902.  (Bd.  23,  1)  M.  2.50 

Goltz,  Ed.  v.  d.:  Tischgebete  u.  Abendmahlsgebete 
in  d.  altchristlichen  u.  in  der  griechischen 
Kirche.    67  S.    1905.    (Bd.  29,2b)         M.  2  — 

—  Jöyo<i  aaizrjflai   jrpog    rrv   Jiaf^ivov  (do  Virgini- 

tate).     Eine   echte   Schrift   des  Athanasius. 
IV,  144  S.     1905.     (Bd.  20,  2a)  M.  5  — 

—  Eine  textkrit.  Arbeit  d.  10.  bez.  S.  Jh.,  hrsg. 
n,  e.  Codex  d.  Atboskl.  Lawra.  Mit  1  Tafel. 
VI,  116  S.  1899.     (Bd.  17,  4)  l  M.  4.50 

Goetz,  K.  G.:  D.  alte  Anfang  n.  d.  ursprüngl.  Form 

v.Cypr.Schrift  ad  Donatam.  16  S.  1899. (s.  Erbes) 
Gressmann,  H.:  Studien  zu  Euseb's  Theophanie. 

XI,  154  u.  69  S.  1903.  (Bd.  23,  3)  M.  8  — 
Hailer,  W.:  Jovianus,  die  Fragm.  s.  Schriften  etc. 

VIII,  159  S.     1897.     (Bd.  17,  2)  M.  5.50 

Harnack,  A.  v.:  D.  pseudocypr.  Trakt,  de  singu- 

laritate  cleric,   e.  Werk  d.  donatist.  Bisch. 

Macrobius  in  Kom.  (72  S.)  —  D.  Hypotyposen 

d.  Theognost.  (20  S.)  —  D.  gefälschte  Brief  d. 

Bisch. Theonas  an  d.OberkammerherrnLucian. 

(?.5  S.)     117  S.     1903.     (Bd.  24,  3)  M.  3.50 

—  Über  verlorene  Briefe  und  Actenstücke, 
die  sich  aus  der  Cyprian.  Briefsammlnng 
ermitteln  lassen.  45  S.  1902.  (Mit  Klostermann 
u.  Bonwetsch.  Bd.  23,  2)  M.  5.50 

—  Der  Ketzer-Katalog  des  Bischofs  Maruta 
von  Maipherkat.    17  S.    1S99.    (s.  Erbes) 

—  Die  Pfatf  sehen  Irenäus-Fragmente  als  Fäl- 
schungen Pfaffs  nachgewiesen.  —  Patrist. 
Miscellen.  III,  148  S.  1900.  (Bd.  20,  3)    M.  5  — 

—  Diodorv.Tar3US.IV,25lS. '01.(Bd  21,4)M.8  — 

—  Analecta  znr  ältesten  Gesch.  d.  Christen- 
tums in  Rom.  10  S.  (Mit  Koetschau  und 
Klostermann.    Bd.  28,  2) 

—  Drei  wenig  beachtete  Cyprianische  Schriften 
und  die  „Acta  Pauli".  34  S.  1899.  (s.  Bratke) 

—  Der  Vorwarf  des  Atheismus  in  den  drei 
ersten  Jahrhunderten.  16S.  1905.  (Mit  Schultze 
und  Augar.    Bd.  28,  4)  M.  4.50 

Hell,  K.:  Fragmente  vornicän.  Kirchenväter 
aus  d.  Sacra  parallela.  XXXIX,  241  S.  1899. 
(Bd.  20,2)  M.  9  — 

—  Die  Sacra  parallela  des  Johannes  Damas- 
cenns.  XVI,  392  S.  1897.  (Bd.  16,  1)    M.  12  — 

Janssen, R.:D.Johannes-Ev.n.d.Paraph.d.Nonnu3 
Panopolit.  IV,  80  S.  1903.  (Bd.  2:^,  4)  M.  2.50 

Jeep,  L.:  Zur  Überliefenmg  des  Philostorgios. 
33  S.    1899.    (s.Wobbermln) 

Klostermann,  E. :  D.  Überlief,  d.  Jei'emia-Homilien 
d.  Origenes.  VI,  116  S.  1897.  (Bd.  16,3)  M.  3.50 

—  EusebiuS'  Schrift    «fpl    zSv   zomxSv    ivoiiiirmv 

xdv  Iv  xi  ■&il<x.y(a.<ffi.  28  S.    1902.  (Mit  Hamaok 
U;. Bonwetsch  Bd.  23,  2) 

—  Über  d.  Didymus  v.  Alexandrien  in  epistolas 
canonicas  enarratio.  8  S.  (Mit  Koetschau 
und  Harnack.    (Bd.  28,  2) 

Knopf,  R.:  Der  erste  Clemensbrief.   Untersucht 
n.  herausg.  IV,  194  S.  1S99.  (Bd.  20,  1)  M.  6  — 
Koch,  H.:  s.  Bonwetsch  (31,  2). 

Fortsetzung  s.  4.  ümschlagseite. 


Verlag  der  J.  C.  HINRICHS'schen  Buchhandlung  in  Leipzig. 


Fortsetzung  von  der  3.  Ümschlagseite. 

Koetschau,    P.:  Zur  Textkritik  von  Origenes' 

Joliannescoininentar.    7ö  S.    iPOö.    (Mit  Har- 

nack  und  Klostermann.  (Bd.  28,  2)  M.  3  — 
Kraatz,  W.:  Koj'.tiscbe  Akten  znm  ephesiniscben 

Konzil  (4SI).  Übersetzung  n.üntersuchnngen. 

VIII,  220  S.     190i.    (Bd.  26,  2)  M.  7  — 

Laipoldt,  J.:  Didymus  der  Blinde  von  Alexandria. 

III,  148  S.    1905.    (Bd.  29,  3>  M.  5  — 

Leipoldt,  J.:  SchenutevonAtripeunddieEntsteb- 

ung  d.  national-ägypt.ChriBtentums.  X,  214S. 

1&03.     (Bd.  25,  1)  M.  7  — 

—  Saidische  Auszüge  ans  dem  S.Buche  d.  apost. 
Konstitnt.  II,  62  S.  1904.  (Bd.  26,  ib)   M.  2  — 

Nestle,  E.:  Kircbengeschichte  d.  Ensebins  a.  d. 

Syrischen.  X,  296S.  1901.  (Bd.  21,2)  M.  9.50 
Preuschen,    E. :    Eusebius'     Kirchengeschichte 

Bach  YI  u.  VII  ans  d.  Armenischen  übersetzt. 

XXII,  109  S.    1902.  (Bd.  22,  3)    M.  4  — 

Resch,  A. :  Agrapha,  anssercan.Sehriftfragmente. 

Gesammelt  u.  nnters.  und  in  zweiter,  völlig 

neu  bearb.,  durch  alttest.  Agrapha  vermehrter 

Aufl.  herausg.   Mit  5  Registern.  XVI,  246  S. 

1906.    (Bd.  30,  3/4)  M.  10  — 

—  Der  Paulinismus  und  dieLogia  Jesu  in  ihrem 
gegenseit.  Verhältnis   unters.    VIII,    656   S. 

1904.  (Bd.  27)  M.  20  — 
Resch,  G. :  Das  Aposteldecret  nach  seiner  ausser- 

kanonischenTextgestalt  untersucht.  V,  179  S. 

1905.  (Bd.  28,  3)  M.  5.50 
Schermann,   Th.:   Die  Geschichte  der  dogma- 
tischen Florilegien  vom  V.— VIII.  Jahrhun- 
dert.    VI,  104  S.     1P04.     (Bd.  28,  l)     M.  3.50 

Schmidt,  C. :  Die  alten  Petrusakten  i.  Znsammenh. 
d.  apokr.  Apostellit.  untersucht.  Nebst  e.  neu- 
entdeck.Fragm.VIII,176S.l903.(Bd.24,l>M.6.— 

—  Plotin's  Stellung  z.  Gnosticiamns  und 
kirchl.  Christentum.  X,  90  S.  —  Fragm.  einer 
Schrift  d.  Märt. -Bisch.  Petrus  v.  Alexandrien. 
50  S.    1900.    (Mit  Stählin  Bd.  20,  4)     M.  5  — 


Schubert,  H.  v. :  D.  sog.  Praedestinatus.  Beitrag  z. 
Gesch.  d.  Pelagianismus.  IV,  147  S.  19ü3. 
(Bd.  24,  4j  M.  4.80 

Schuitze,  K.:  Das  Martyrium  des  heiligen  Abo 
von  Tiflis.  41  S.  —  (.Mit  Harnack  und  Augar, 
Bd.  2'^,  4)  M.  4.50 

Seeck,  0,:  Die  Briefe  des  Libanius.  Zeitlich  ge- 
ordnet. VI,  406  •>.  1906.  (Bd.  30,  li2)  M.  15  — 

Sickenberger,  J.:  D.  Lukaskatene  d.  Kiketas  v. 
fiprakleia  unters.    1902.    (Bd.  22,  4)    M.  4 — 

—  Titns  von  Bostra.  Studien  zu  dessen  Lukas- 
homilien.  VIII,  268  S.  19ul.  (Bd.  21, 1)    M.  8.50 

Soden,  H.  von :  Die  Cyprianische  Briefsammlung. 

Gesch.  ihrer   Entstehucg  u.  Überlieferung. 

VIII,  268  S.  u.  2  Tab.  1904.  (Bd.  25,  3)  M.  10.50 
Stählin,  0.:  Zur  handschriftl.  Überlief,  d.  Giern. 

Alexandrinus.    8  S.    1900.    (s.  Schmidt) 
Stelndorfr,  Q.:  Die  Apokalj-psed.  Elias,  e.  nnbek. 

Apok.  u.  Bruchst.  d.  Sophonias-Apok.X,  i90S. 

MitiLichtdr.-Taf.  1899.  (Bd.  17,  3a)    M.  6.50 
Stülcken,  A. :  Athanasiana.  Litterar-  n.  dogmen- 

gesch.  Unters.  VIII,  150 S.  1899. (Bd.!!*,  i) M.5  — 
Ter-Uinassiantz,  Erw.:  Die  armen.  Kirche  in  ihren 

Beziehungen  z.  d.  syr.  Kirchen  bis  z.  Ende 

des  13.  Jabrh.  Nach  den  armen,  u.  syr.  Quellen 

bearb.  XII,  212  S.  1904.    (Bd.  2G,  4)    M.  7.50 
Urbain,  A.:  Ein  Martyrologium  d.  christl.  Ge- 
meinde zu  Rom   am  Anfang   d.   V.    Jabrh. 

Quellenstudien  z.  Gesch.  d.  röm.  Märtyrer. 

VI,  266  S.    1901.    (Bd.  21,  3)  M.  8.50 

Waitz,  H. :  D.  Psendokl  emen  tinen ,  Homilien  n.  Re- 

kognitionen.l904.VIII,396.S.  (Bd.25,4)M.13  — 
Weiss, B.:D.GodexD.i  d.Apostelgesch.Textkrit. 

Unters.  IV,  112  S.    1897.   (Bd.  17,  1)     M.  3.50 

—  Textkritik  der  vier  Evangelien.  IV,  249  S. 
1899.    (Bd.  19,  2)  M.  8  — 

Wobbermln,  G.:  Altchristi,  liturg.  Stücke  aus  der 
Kirche  AegjTitens  nebst  einem  dogmat.  Brief 
d.  Bischofs  Serapion  v.  Thmnls.  36  S.  1899. 
(Mit  Jeep  Bd.  17,  3b  M.  2  — )    einzeln  M.  1.50 

Wrede.W.:  Die  Echtheit  des2.Thess. -Briefs unter- 
sucht. VIII,  116  S.  1903.  (Bd.  24,  2)  M.  4  — 


Die  Erste   Reihe  ==  Band  1 — 15  der  Texte  und  Untersuchungen  etc.  M.  500  — 

Die  Zweite  Reihe  =    „    16—30   „        „        „  „  „  M.  3S4  — 

Die  Dritte  Reihe,  (bis  jetzt)  Bd.  1—10,  11,  I  =  Bd.  31—40  u.  41,  I  M.  251.50 

In  guten  Halbfranz-Bibliotheksbdn.  (I.  Reihe  17  Bde.,  II.  Reihe  16  Bde.)  Einbd.  je  M.  3—  vorrätig. 

Ausführliches  Inhaltsverzeichnis  steht  zu  Diensten. 


Druck  von  August  Pries  in  Leipzig. 


THE  INSTITUre  or  MEWAmt  8TUOIC8 

59  QU£EN'S  PARK  CRESCEKT 

TORONTO -5,    CANADA 

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